Mit meiner Familie ist es wie mit einer schlechten Tragikomödie über Immigranten in Deutschland, die beim FilmFilm am Mittwoch auf Sat1 gezeigt wird: ordentlich fehlgeschlagen. Dafür kann keiner was. Allah wollte die Atombombe aller Familienstrukturen zünden, auf repeat stellen und dazu ein bisschen Dabke tanzen. Eigentlich ist dieser Tanz geradezu die beste Metapher für unsere katastrophale Mischpoke: jeder steppt seinen eigenen Scheiss zusammen weil keiner Bock drauf hat aber irgendwer bestimmt beleidigt ist über die Unhöflichkeit auf dem Stuhl sitzen zu bleiben.

Wir sind, rein individuell gesehen, jeder ein kleines Kunstwerk für sich. Mein kleiner Bruder ist pumpender Medizininformatikstudent der Beats produziert, mein großer Bruder sitzt bei sechs Jahren beim Bund und hat immer noch keinen XBox Rekord geknackt, mein Vater ist halb-taub, halb-blind und schreit deshalb sinnlos durch die Gegend und meine Mutter hat sich irgendwann “well fuck all that shit” gedacht und die Karrierekurbel gedreht. Jetzt macht sie Ministerium-Hopping in Hessen und hofft darauf, die erste schwarze Präsidentin der BRD zu werden.

Wenn wir es schließlich hinbekommen uns einmal nicht gegenseitig die angeschärften Messer in die Oberschenkel zu rammen um das letzte Steak zu bekommen, dann können wir ein bisschen harmonisch sein. Meinen Vater betäuben wir mit störenden Hintergrundgeräuschen, die ihn von den Gesprächen am Tisch ablenken; meine Mutter darf uns Bilder von ihrem iPhone zeigen. Meine Brüder zeigen sich gegenseitig widerliche Videos auf ihren iPhones. Ich gucke mir Twitter auf meinem iPhone an. Apple hat unsere Familie gerettet. Nach dem äußerst dekadenten Fleischfest im Steakrestaurant fahren wir dann alle gemeinsam ins Kino um den einzigen aller Filme zu sehen, den man sich in einem erwachsenen Alter mit seinen Eltern noch angucken kann: den neue James Bond. Da wir uns alle gegenseitig die Drogen verheimlichen, müssen wir das mit Essen kompensieren – so wie das gestandene Araber nunmal machen – und zu den ganzen toten Tieren (acht Kühe, 2 Hühner, zwölf Kartoffelleichen) gesellen sich dann fünf Maisfelder in Form von Popcorn und ein Öl-Tank voll mit Coke Zero. Alles nur, um dröge, müffig und beduselt zu sein, damit wir uns bloß nicht enthusiasiatisch über Zukunftspläne, offene Rechnungen oder die grundlosen Choleriker-Attacken meines Vaters austauschen müssen.

Aber natürlich bin ich die einzige Person, die über meine verhaltensgestörten Familienmitglieder so herziehen darf. Alle anderen können es dann mit einer Horde wilder und falsch integrierter Araber aufnehmen.

Meinen Verwandten in Syrien geht es gut. Ich sage immer “keine Nachricht ist eine gute Nachricht” und ignoriere den ganzen Rest. Ich liebe dieses Land. Allein der syrische Humor mit seinem schmerzhaften Sarkasmus und den beißenden Sprüchen – wunderbar. Wenn man sich nicht legal besaufen kann, muss man sich wenigstens ordentlich beleidigen können. Kein Wunder, dass der Präsident das nicht mehr erträgt. Ich musste auch schon wegen Witzen weinen. Harte Liebe, das können Araber. Da gibt es aber nichts schön zu reden: da sterben Menschen. Irgendwie auch meine Menschen. Nichts ist mir egaler als der Nationalstaat dahinter – aber das sind meine Menschen, ein großartiges Völkchen, gespickt mit Arschlöchern und Fanatikern wie hier auch. Das Wetter ist besser – gotta count for something, right?

Mich fragen viele Leute derzeit, was eigentlich in Syrien vorgeht. Ehrlich gesagt? Ich habe keine Ahnung. Gar nichts. Ich finde den Vice Guide To Syria immer ganz gut, um einen Gesamt-Überblick zu bekommen. Hier habt ihr es also: lest es nach. Ich habe meine Familie seit 3 Jahre nicht mehr gesehen und ich würde zu gerne in das wunderschöne Damaskus um zu sehen wie groß meine Baby-Cousinen geworden sind und mich mit meinen Tanten und Onkeln über die aktuelle Situation unterhalten. Auf dem Balkon meiner Oma sitzen und dem Verkehr zusehen, und den ganzen kleinen Spektakeln auf der Straße. Meine Oma chillt – wir spucken salzige Melonen-Kerne oder essen Käse oder Melone und auf jeden Fall trinken wir Tee – und erklärt mir erst mal, wer mit wem aus der Nachbarschaft was hat und wer so über die Hauptstraßen-Promenade flaniert. Auf jeden Fall streiten sich irgendwann alle und das geht so weit dass alle wütend das Haus verlassen. Und am nächsten morgen kommen alle zum Frühstück und lachen und dann streiten sich wieder alle.

Aber wenn das nicht nur meine Familie – meine kleine Familie in der deutschen Provinz – so macht, sondern irgendwie jeder, dann fühlt es sich normal an. Normal das Papa rumschreit, dass Mutter irgendwann dicht macht, dass die Brüder sich wie dumme Soldaten benehmen obwohl sie wohlherzige Typen sind, normal dass das Mädchen ausbüchst und ihre Freiheit in anderen Dingen sucht. Diese Normalität krampfhaft herzustellen in einer Umgebung, die genau das Gegenteil vermittelt – das ist die einzige Aufgabe, die es in dieser Art von Familie zu bewältigen gibt.

This article has 4 comments

  1. Pingback: Das Wort und ein paar Links zum Sonntag « …Und So Zeug

  2. ebbe

    “Jetzt macht sie Ministerium-Hopping in Hessen und hofft darauf, die erste schwarze Präsidentin der BRD zu werden.” :D

    Deine Mama is King.

Comments are closed.