Dass das Deutsche Rote Kreuz nicht ganz der Samariter ist, den man sich als hilfsbereiter Deutsche vorstellt, weiß ich schon seit dem Jahre 2008. Objektiv gesehen kann man dem DRK nicht vorwerfen, dass es seine Arbeit nicht machen würde, darum geht es hier auch nicht. Aber persönlich bin ich schon häufiger über Stolpersteine gestoßen, die mich grundsätzlich überlegen lassen, wie moralisch wertvoll unsere Spenden und unser Mitwirken für Hilfsorganisationen ist. Ich bin in den Sommerferien zwischen Abitur und Studium für eine Marketing-Agentur in die Eifel gereist. Es hat gestunken, es war weit weg von der Zivilisation und die Sprache, die dort gesprochen wurde, habe ich nicht verstanden.
Meine Aufgabe bestand darin, von Hügel zu Hügel zu marschieren und in der prallen Mittagssonne oder wahlweise im strömenden Regen zwischen Fliegen und Kuhfladen Abos zu verkaufen. Spendenabos, um genauer zu sein. Für das Rote Kreuz. Motiviert wurde ich hauptsächlich durch die Provision. Ein Abo wurde auf einen Jahr abgeschlossen. Ab fünf Euro im Monat profitierte auch ich davon. Mein Ziel lag also weit darüber: am liebsten zwanzig.
Die Zeiten waren ganz schön hart. Man stand um 8 Uhr morgens auf und kam um 8 Uhr abends nach Hause. Ich muss nicht erwähnen, das Klinkenputzen ein ziemlich beschissener Job ist, selbst wenn man sein Dekollté bei den Hausmännern weit rausreckte oder sehr, sehr oft die Karamellbonbons der Rentner annehmen musste. Es gab sehr viele Rentner. Jeden Tag besuchten wir einen anderen Ort. Ich hielt es nicht lange aus – zwei von sechs Wochen, danach ging ich nach Hause.
Der Job selbst war es aber nicht, der mich so erschütterte, sondern die regelrechte Abzocke, die stattfand. In einer Unterhaltung mit unserer Teamführerin kam einiges ans Licht: das erste Jahr der Spenden geht an die Agentur, das sind Marketingkosten. Erst, wenn die großzügigen Rentner, die an die kleinen, hungernden Kinder in Afrika denken, vergessen das Abo zu kündigen, geht das Geld auch tatsächlich an das Rote Kreuz. Und von dort geht es auch sehr selten nach Afrika; vielmehr werden vor allem Verwaltungskosten durch die Abos gedeckt. Das diese Regiekosten auch gedeckt werden müssen, um eine Hilfsinfrastruktur aufzubauen, ist natürlich klar. Aber im Großen und Ganzen weckt diese Organisation dennoch meine Skepsis, immerhin wird ja auch aus dem Verkauf von Blutspenden Profit gemacht (wer sich ein eigenes Bild dazu machen möchte, kann das vor allem hier tun, wo ein Vorwurf von der DRK beantwortet wird).
Ob schwarz oder weiß lässt sich nicht sagen. Ich bin dem DRK gegenüber auf jeden Fall sehr skeptisch eingestellt. Das NGOs und Hilfsorganisationen Marketing machen und wirtschaften müssen ist einerseits verständlich, und andererseits auch widerlich. Aber nichts irritiert (und entsetzt mich zugleich) so sehr wie der Umgang mit den Kleiderspenden. Jedes Jahr wieder ist es ein großes Thema, das von Zeitungen oder TV-Produzenten aufgegriffen wird, und jedes Mal wieder frage ich mich, wieso Leute noch ihre Kleider spenden. Auch die Zeit hat das Thema in ihrer aktuellen Ausgabe (KW 44) beschrieben.
Es läuft folgendermaßen ab: die DRK ist eigentlich nur Namensgeber für die Spendencontainer. Die eigentliche Firma Soex, die die Ware abholt und sortiert, verschenkt sie allerdings nicht kostenlos an die ärmsten Regionen unserer Welt. Die Klamotten werden zu Spottpreisen verkauft und bremsen somit die eigenheimische Textilindustrie aus.
Godfrey Mwenda steht auf dem Ubungo Big Braza Market in Dar es Salaam und greift nach einem Stapel Shirts: »Diese Kinderkleidung hier? Ich bin sicher, dass die Menschen, die sie gespendet haben, etwas Gutes tun wollten. Sicherlich rechnet keiner damit, dass sie uns in eine schreckliche Katastrophe gestürzt haben.« 24 Jahre hat Mwenda in der tansanischen Textilindustrie gearbeitet, bis sie aufhörte zu existieren. Mwenda kann seinen Zorn kaum verbergen: »Vor 20 Jahren haben wir solche Hemden selber produziert. Aber unsere Fabriken hatten keine Chance, vergleichbare Ware zu einem so niedrigen Preis herzustellen.« Inzwischen ist Mitumba konkurrenzlos. Godfrey Mwenda führt aus Dar es Salaam hinaus Richtung Morogoro. Hier stand einmal die größte Textilfabrik Tansanias. Alle 9.000 Beschäftigten mussten gehen, inzwischen steht nicht einmal mehr das Fabrikgebäude, denn die verarmten Textilarbeiter zerschlagen die Mauern zu Schotter, den sie für einen Hungerlohn an den Straßenbau verkaufen. Etwas anderes bleibt ihnen nicht. Quelle: Zeit Online
Jedes Jahr wieder geht dieses Thema sang- und klanglos unter. Wir spenden für den Aufbau und die Entwicklungshilfe, um dann innerhalb weniger Sekunden wieder alles zu vernichten. Wir sind die Vereinten Nationen der Klugscheisser und Selbsthelfer. Und wir sind eine gutherzige Gemeinde, die blindlings für ein System arbeitet, welches dann die eigenen Taschen wieder füllt. Herzlichen Glückwunsch.