Passnummern

Identität. Ich wünschte es wäre etwas solides, etwas, dass man greifen kann. Meine Passnummer, auf den Oberarm tättowiert, hier, das bin ich, ein paar Zahlen, ein paar Buchstaben – deutsche Staatsbürgern, 166 cm groß, braune Augen, dunkelbraunes Haar, geboren am und in, Eltern von, Fingerabdrücke, Aufenthaltsorte. Keine Hobbys, keine Interessen, keine Gedanken, keine Hintergründe, keine Interpretationen, keine Zuordnungen; nur das, was wahr ist. Nur schwarz und weiß. Einscannen, evaluieren, weitergeben.

Es würde die WieistdasWetterwokommstduherwashastdugemacht-Unterhaltungen unter Reisenden vereinfachen, weil ich keine Antworten auf die Fragen habe, die man mir stellt. Wo kommst du her? Berlin. Nicht, weil ich dort aufgewachsen bin, sondern weil ich dort hingehöre. Was machst du, wenn du nicht reist? Belanglosigkeiten, aber vor allem den Pfeil Richtung Zufriedenheit zu folgen, dem richtigen Pfeil, einer von den vielen, neonblinkenden Pfeilen, Las Vegas State of Mind. Wie verdienst du dein Geld? Gar nicht, und davor nur mit viel Hustle. Du siehst nicht Deutsch aus? Weil meine Eltern nicht aus Deutschland kommen. Wieso isst du kein Schweinefleisch? Weil ich die Kultur der Religion, in der ich aufgewachsen bin, auch angenommen habe. Bist du Moslem? Ja, aber das hat nichts mehr mit Gott zu tun. Was hörst du für Musik? Alles, was ich gut finde. Hast du einen Lieblingsfilm? Ja, nämlich alle Filme, die auch auf deiner Liste stehen. Und Lieblingsserien? Friends, immer noch. Wieso bist du auf Reisen? Weil ich nicht weiß, was ich sonst machen soll. Und wo gehst du als nächstes hin? Ich weiß es wirklich nicht. Und was machst du, wenn du zurück kommst? Meine Mutter umarmen. Willst du noch was trinken? Nein, ich will tot umfallen.

Eine Nummer, die man auf Kompatibilität prüfen könnte, wie ein Barcode, ein Piep heisst „ja, könnte passen“, zwei Piep heisst „Renn so schnell du kannst“, und das innerhalb von einer Sekunde, kein Lächeln verschwendet, keine Worte verschwendet, keine Gefühle investiert, keine Enttäuschungen kassiert, keine Rechtfertigungen formuliert, keine Verurteilung ertragen. So einfach wäre das, wenn meine Passnummer einscannbar wäre, drei, vier Fakten, mehr braucht es nicht, ja, nein, schwarz und weiß, nicht mehr und nicht weniger.

Ich habe hier – mit Sicherheit – Freunde für‘s Leben gefunden, so ist das, wenn man Fremde trifft. Identität zählt nicht. Das alles oben, die ganze langweilige und ewig widerholte Konversation, sie zählt nicht, sie sagt nichts. Es sind die Geheimnisse zwischen Unbekannten, die es ausmachen. Menschen die sich nicht kennen und ihre beschämensten, seltsamsten oder bescheuertsten Gedanken auspacken, vor sich hinlegen und anderen die Gelegenheit geben, darauf herumzutreten, wo keine Passnummer zählt, wo es kein schwarz weiß gibt, wo keine Namen wichtig sind. Das sind sie, die Freunde, die Fremden, die es nicht verurteilen, die es aktzeptieren, dass man keine Facebook Freunde wird, dass man sich nie wieder sieht, dass alles in wenigen Momenten vorbei ist. Die Passnummer wurde nicht mal berücksichtigt; was zählte war ein einziger ehrlicher Moment ohne Angst und ohne Bloßstellung.

„Du siehst aus, als müsstest du dich gleich übergeben.“ „Das muss ich aber nicht.“ „Wieso ziehst du dann so ein Gesicht?“ „Der Geruch erinnert mich an meine Ex-Freundin.“ „Welcher Geruch?“ „Deiner.“ „Das tut mir Leid.“ „Das muss es nicht.“ „Tut es aber. Ich hasse es, Erinnerungen wach zu rufen, die ich immer noch nicht bewältigt habe.“ „Welche sind es bei dir?“ ….

Identität ist überflüssig, keine Hürde, sie lässt keine ehrlichen Freundschaften zu, nur ein vorgezeichnetes Bild, dass dann mit Farben ausgemalt werden kann. Du Pastell, ich neon, er schwarz weiß, sie schattiert. Ich will nichts von dir wissen. Scheiss auf alle Nummern dieser Welt. Wir sind niemand. Wir nehmen uns jetzt die Identität. Du, und ich, und unsere Erinnerungen.

December 3rd, 2010 Posted in Urlaub | Comments Off