Bachelor of Hartz

Ich werde also mein dekadentes Luxusleben der 40-Stunden-Woche ablegen um wieder für einige Jahre (hoffentlich mehr als vierzig) ein Liebe-gesteuertes Hippie-Kind mit filzigen Dreadlocks zu spielen. Ich werde mir an sonnigen Nachmittagen im Park die Haare aus der Arschritze ziehen, werde Dienstagmorgens verschwitzt und komplett zerstört aus einer Party direkt in die Uni hechten, um für 1,50 miesen Kater-Fraß zu inhalieren und verteile an diversen Semesterparties Blowjobs auf den Männerklos.

So ist das. In meiner Freizeit werde ich oft und gerne bei Poetryslams anwesend sein und beim Klatschen aufstehen. Ich werde die großen Philosophen kennen lernen und mit meinen Freunden bei gutem Wein, der mehr als fünf Ösen kostet, über die wichtigen Dinge des Lebens reden: behaarte Achseln, die Wichtigkeit der Demokratie, koreanische Delikatessen, hungernde Kinder im Kongo und medizinische Ethik. All das wird gesponsort vom Staat, denn zuerst wird der kilometerlange Bafög-Antrag bearbeitet, dann wird man direkt zum Hartz-4 Amt weitergereicht. Und was sollte man als angebrochener Mensch mit einem Bachelor in Kulturwissenschaften auch sonst tun? Im besten Fall bricht man wahrscheinlich nach dem 4. Semester ab um Drillinge auf die Welt zu setzen – dann ist es eh nicht mehr mein Problem. Im schlechtesten Fall bricht man trotzdem ab, dann kann man wenigstens behaupten, man hätte nicht seine Zeit verschwendet, um dann doch dasselbe Resultat zu produzieren.

Ich sag euch ehrlich wie es ist: wenn das bedeutet, dass ich die nächsten 6 Jahre gediegen kiffen kann (wenn auch nur unter gelegentlichem Besuch des Hartgeldstrichs), dann nehme ich die darauffolgende Arbeitslosigkeit gerne in Kauf. Scheisse noch mal, vielleicht überlebt das Wirtschaftssystem ja auch nur, wenn es so Menschen wie mich gibt. Menschen, die sich selber umbringen möchten, wenn sie morgens ins Büro gehen um Arbeiten zu verrichten, die keinerlei gesellschaftlichen Zweck erfüllen. Seriously. Ich bin so weit, putzen zu gehen, Kindernanny zu spielen, im Zirkus als behaarteste Frau aller Zeiten aufzutreten, nur damit das ein Ende hat. Nicht, dass ich mir das je aussuchen könnte, immerhin muss ich ja auch irgendwie Klopapier kaufen. Und Make Up. Hauptsächlich Make Up.

Das ist also der Stand der Sachen: ich werde wieder Hippy, ich werde höchstwahrscheinlich auch wieder pleite sein. Ich werde wieder mehr Zeit für solche lapidaren Dinge wie “mich selbst mitteilen” haben, ich werde eventuell auch irgendwann irgendwas gegen diese Geschlechtskrankheiten tun, die sich “Stresspickel” nennen und zu einer kompletten Sammlung aller Rot-Töne in meinem Gesicht sorgen.

August 24th, 2011 Posted in Gangster | 6 Comments »

Freunde auf Reisen

Vom engen NYC wieder ins gefühlt riesige Berlin einreisen… eine Mischung aus Freude und Reisewehmut stellt sich ein. Aber nicht so große Gefühlsexplosionen, dass die Müdigkeit darunter verschwinden würde. Leider.

Nur ist die Hood nicht Hood ohne ein vollständiges Crew-Set; meine allerliebsten Jungs, Maggi und Nico, die die Video-Welt zum Erzittern bringen und sich vor nichts fürchten, sind gerade mit dem Freunde von Freunden Team unterwegs und weisen den Planeten ein. Guckt euch ihre Freizeitdokumentationen auf dem FvF-Tumblr an und schwärmt ein bisschen mit.

May 26th, 2011 Posted in Urlaub | Comments Off

Melbourne – My House

Es gibt kaum eine Möglichkeit, das irgendwie charmant, eloquent oder gar weise auszudrücken, deshalb werde ich es hier in den simpelsten Worten einfach niederwerfen, so, wie es sich nämlich anfühlt: alleine reisen ist nicht so toll. Wenn erst einmal die größten Hürden überwunden sind, die Erfahrungen, die neuen Menschen im Umfeld, die Eindrücke und das Geschehene sorgfältigt eingeordnet und ordentlich katalogisiert wurden, bleibt einem nichts anderes mehr übrig außer sich geschlagen zu geben, frische Luft einzuatmen und trotzdem noch alleine zu sein. Fotografieren macht kaum Spaß, wenn man alleine – der verlassene Tourist – auf der Straße steht und die Leute einen anglotzen, als sei man ein Alien, weil man völlig entzückt ist von einer bemalten Wand. Es macht keinen Spaß, ganz viele, großartige Bars zu sehen, in die man sich nur mit seinem imaginären Freund setzen kann. Shoppen, ohne am Ende jemanden zu haben, der einem zu den großartigen Schnäppchen gratulieren kann. Selbst wenn man Menschen trifft, die nicht ganz so schlimm sind wie das herkömmliche Hostelpack, selbst dann muss man sich ein bisschen dazu zwingen, nicht an die Wärme und das Verständnis und den Humor seiner liebsten Menschen zu denken. Selbst in den Momenten, wo alles nicht richtig läuft und man sich nur mal kurz aufregen möchte, muss man eine E-Mail schreiben um zu vermitteln, was eigentlich gerade passiert.

Melbourne wirft mich in einen seltsamen Zustand zurück, ja, katapultiert mich geradezu wieder in eine Zeit, die ich so nur aus meinen ersten Monaten aus Berlin kenne. Ich erinnere mich daran, wie ich die Leute beneidete, die in dieser großen Stadt einen Zufluchtsort gefunden hatten. Ich würde in Kreuzberg durch die Straßen schlendern und zusehen, wie die wunderbaren Kaffees von schnatternden Menschen bevölkert wurden und traute mich nicht, mich alleine hinzusetzen und meinen Kaffee alleine zu genießen. Ich hasste es, in meiner Küche zu stehen und für mich alleine zu kochen, niemanden anrufen zu können, der mal schnell vorbeikommt um einen Film zu gucken. Niemand, mit dem ich mein Leben teilte.

Genauso wie Berlin ist eben Melbourne eine wunderbare Stadt, in der ich sicherlich Monate, wenn nicht sogar Jahre verbringen könnte und jeden Tag eine andere Ecke mit Faszination betrachten würde. Hier scheidet sich natürlich der Wille zum Reisen von dem Gedanken an das Bleiben, und hier stelle ich auch fest, wie sehr sich meine Motivation in den letzten Monat grundlegend geändert hat. Das erste Mal von zu Hause auszuziehen um mir ein bisschen “eigenes Leben” in der Fremde zu erwarten war nicht einfach, aber ich habe es irgendwie durchgezogen – nicht ohne durchpeitschende Tiefmomente, nicht ohne irgendwann kurz vor dem Ausrasten zu sein, nicht ohne mich unter Arbeit zu vergraben und nicht ohne charakterliche Hürden, aber man verzeiht sich selbst, wenn man jung ist. Es hat am Ende geklappt – am Ende, bevor ich reisen gegangen bin.

Viele Backpacker, die in Australien sind, waren vor Kurzem noch zu Hause und haben mit ihren Eltern eine Abiturabschiedsgrillparty gefeiert. Sie sind das erste Mal von zu Hause für längere Zeit unterwegs, frische 19 oder 20 Jahre alt, in vollem Willen, sich irgendwo niederzulassen und zu arbeiten und ein neues Land zu erkundigen, vielleicht eine neue Heimat zu finden, glücklich zu werden, Abenteuer zu erleben. Das alles scheint wie eine Illusion für mich, nicht, weil ich das nicht auch haben könnte, sondern weil ich durch und durch zu faul, zu müde bin, das noch mal durchzumachen. Ich will mich nicht auf das festlegen, was ich in Berlin verlassen habe, das Reisen hat mir gezeigt, dass es durchaus möglich ist, sich woanders zu Hause fühlen zu können. Aber in Asien hatte ich zwei komplette Vollidioten, die das mit mir geteilt haben, also zumindest ein Stück Heimat. Hier bin ich, mit gewisser Ausnahme, alleine. Ich suche mir alleine ein Hostel, ich ziehe tagsüber alleine durch die Gegend, ich lerne Menschen kennen (aber was für welche) und erschaudere bei der Vorstellung, mir wieder in einer neuen Stadt einen Job, eine Wohnung, einen Freundeskreis suchen zu müssen. Ein Grund dafür, wieso ich Australien bald den Rücken kehren werde. Finanziell gesehen ist Australien ein Ort, an dem man für längere Zeit bleibt. Ohne die oben genannten Faktoren ist das Bleiben aber nicht einfach. Here’s a thing: ich will reisen. Nicht bleiben.

Das ist einerseits befreiend und andererseits niederschmetternd, weil ich genau weiß, dass ich mir Berlin momentan nicht aussuchen kann. Ich möchte nicht sagen, dass es langsam Zeit wird, ernst zu werden und mal an die Zukunft zu denken, denn die Zukunft wird gerade jetzt in diesem Augenblick gelebt; aber es gibt Dinge, die ich machen möchte und auch durchziehen will, geistig verdummende Dinge wie etwa “studieren” (Gänsehaut), und auch, wenn ich Glück mit den Noten und Wartezeiten und so weiter hatte, Berlin ist nicht gnädig. Jeder will ein Stück von dem, was ich mal hatte, und ich habe mich aus diesem Mittelpunkt wieder in das Greencard-Roulette geworfen, weil die Reise jetzt erst einmal wichtiger war (oder ist).

Von Null anfangen lässt mich fast in Tränen ausbrechen, denn ich vermisse (!) meinen alten Trott tatsächlich. Oder vielmehr mein altes Leben in Berlin. Allerdings weiß ich auch, dass mein altes Leben nie wieder aktuell sein wird, mit oder ohne Berlin. Langsam muss ich mich wohl an den Gedanken gewöhnen. Es wird wohl bedeuten, dass ich schweben muss, in Unsicherheit, und in Neuanfängen. Schon wieder. Vielleicht sollte ich einfach für immer Reisen. Und plötzlich verstehe ich es, wenn manche Backpacker mich mit traurigen Augen angucken und sagen, sie könnten nie wieder nach Hause gehen, aus Angst, langsam zu verschwinden.

January 20th, 2011 Posted in Urlaub | 10 Comments »

Hood Rats

Es ist schon etwas anderes, wenn man morgens auf dem Weg zur Arbeit nicht nur das hässliche Bayer Schering Gebäude betrachten muss, während man schon wieder Visitenkarten wegen Auffahrunfällen an der gefährlichsten Kreuzung Berlins verteilt, sondern ausnahmsweise Mal am Wasser ist und das glücklich grün-schleimige Geplätscher der Spree einem vor der Nase rumglitzert. Ich meine, man kann sich ja in viele hässliche Dinge romantisch reinsteigern, die Spree ist definitiv keine davon, selten so furchtbar ungesundes Wasser gehabt, da schüttelt’s mich, in dem Fall kann man nicht einfach nur mehr “oh, typisch Berlin” sagen, das ist schon echt extrem scheisse eklig, diese Wurstbrühe.

Ich war trotzdem sehr glücklich, das Wasser zu sehen, da unten am Halleschen Tor, und in typischer Berlinmanier einen Anzugträger anzurempeln und ihn für seinen Spießer-Bourgoise-Job zu verurteilen. Das währte dann nur noch so lange, bis ich an der Französischen Straße ausstieg und mir bei Kaffee Einstein ungelogen einen Soja Cappuccino für 2,90 bestellte und mich dann innerlich darüber aufregte, wieso der Neue die Latte Art noch nicht richtig beigebracht bekommen hat, nur kurz bevor ich dann den Aufzug in mein anderes Leben betrat, kurz unter dem Anwaltsbüro und mit Ausblick auf die ganze Stadt in einem verglasten Komplex.

Aber immerhin nicht mehr lange.

September 1st, 2010 Posted in Berlin, Gangster | 2 Comments »

Why Our Jobs Are Getting Worse

True dat. Von The Guardian:

What makes this so interesting is not just that retailers employ more than one in 10 British workers, or that supermarket bosses such as Terry Leahy or Justin King are often mimicked by executives in other businesses. It’s that management thinkers such as Tom Peters and Charles Handy have spent decades telling us that the workplace of the future is a shiny, hi-tech grotto where people are free to exercise initiative and innovate. Yet the reality is that innovation is imposed on staff and where initiative is encouraged it’s within heavily circumscribed borders. Grugulis and her colleagues note how one manager broke with orders on displaying goods; the resulting layout was far better, and yet he implored the academics not to take photos for fear head office would find out.

Not all routine is bad. The commutes, the tea breaks – these make up the essential scaffolding of our working days. But when more and more of your work is claimed by routine and control, it becomes hard to bear, especially when you have the qualifications that entitle you to expect more.

August 31st, 2010 Posted in (Pop)Kultur | 2 Comments »