Sarrazin

Wer mich kennt weiß, dass ich mich aus dem politischen Spiel gerne heraushalte; einerseits, weil ich kein fundiertes Wissen habe, andererseits weil mich Politik und das ganze Mediengewälze immer sehr frustriert. Ich frage mich meistens, was das für Menschen sind, die irgendwo da oben sitzen und Scheisse verzapfen und mir einen nicht zu vernachlässigenden Teil meines Gehaltes wegnehmen und was damit eigentlich passiert und wieso der Bus schon wieder nicht pünktlich da ist.

Das heisst allerdings nicht, dass ich keine Meinung zu bestimmten Themen habe (und diese Meinung kann auch gerne als falsch abgetan werden, es ist halt nur eine Meinung). Diese Multikultischiene wird immer dann zum Ding für mich, wenn meine Mutter anruft und mich zusammenstaucht, wieso ich nicht “etwas dagegen tue”, heute morgen im Fall Sarrazin. Was meine Mutter meint ist Engagement- sie selbst macht seit Jahren im Ausländerbeirat mit und mischt unsere kleine beschauliche Vorstadt mit ihren Vorträgen über Integration und Islam auf. Sie hält mich für den größtmöglichen Rassist, weil ich selber eine verzerrte Beziehung zu Ausländern und Multikulti habe, hat mich aber im Wesentlichen falsch verstanden: ich bin nicht gegen Ausländer oder Migration oder sonstirgendwas, schließlich bin ich selber Migrationskind. Ich habe nur was gegen Menschen, die die Kurve nicht kriegen und damit auch ein schlechtes Licht auf mich werfen. Weil ey, so ist das eben.

Und dann, so laut Mutter, soll ICH hingehen und mich für diese Leute einsetzen. Obwohl ich in der Schule war, Deutsch spreche, nie Stress mit der Polizei hatte und genau so gelebt habe wie man es von mir als gutdeutscher Bürger erwaret hat. Obwohl ich mir von DIESEN Leuten – und ja, es sind größenteils südländisch stämmige Ausländer, die dieses Bild verursachen, was wohl aber hauptsächlich an der Anzahl liegt als an genetischen Ursachen – selber anhören darf, wie verfickt Deutsch ich bin. Von Ausländern verprügelt wurde und gehänselt wurde, weil ich so gut Deutsch spreche. Von anderen Kids, die nicht so viel “Glück” hatten wie ich, verstoßen wurde. Obwohl meine Eltern selbst verarscht wurden.

Seht ihr, mir ist es völlig egal, was so ein Sarrazin von sich gibt. Wegen mir soll er den ganzen Tag erzählen wen er hasst und welches Tier er morgen ficken will. Dafür wird es immer ein Publikum geben, und die ollen NPD-Atzen in MeckPomm wichsen dann jedes mal auf die Bild-Zeitung. Wir alle sind so politisch korrekt und wollen das nicht hören, aber 90% der gutsituierten Leute in meiner Umgebung, die sich gebildet nennen und ach so tolerant sind, denken insgeheim doch das Gleiche. Schubladen, Prollos, Kanacken, der Türke, der Russe. Insgeheim ist hier jeder froh, nicht in die benannten Gruppen zu gehören und erfreut sich deshalb der Verteidigungshaltung, die genauso elitär ist wie die Einstellung Sarrazins, der wenigstens noch die Fresse aufmacht und sagt, was er denkt.

Ich sage jetzt klipp und klar auch genau das, was ich denke: es gibt keine Ausländer für mich, es gibt nur Menschen, die im Leben verloren haben und Menschen, die ständig absahnen und gewinnen und keine Erbsünden mit sich herumtragen müssen. Das heisst aber nicht, dass ich jetzt hier für jeden Verantwortung übernehmen muss, nur weil ich selber in diese Randgruppe dreckig stinkender Araber gehöre und zufällig – oh, als wäre das ein Wunder – sogar Abitur habe. Ein glückliches Kind war, und eine gute Familie hatte, wie die meisten meiner “Landsleute”. Man sieht halt genau das, was man sehen will, und da werde ich niemandem die täuschenden Gläser aus der Brille abschrauben. Ich bin kein Gutmensch, ich bin auch kein “Ausländer” oder ein “Immigrationskind” das stellvertretend als Positivbeispiel für die Welt gehandelt werden will, ich bin einfach nur jemand und ich habe keinen Bock mehr auf das Kanackengelaber.

Ständige Identifizierung und dieses “zwischen zwei Stühlen sitzen” und Integrationsprobleme; die fangen ja nicht mit Thilo Sarrazin an. Korrekte Deutsche, die regen sich darüber auf, was er von sich gibt, weil er ausspricht was die meisten denken, ein riesiges Tabu, fast so als würde man den Holocaust leugnen nur auf einer ganz anderen Ebene von Wahrheit und Unwahrheit. Ich bin auch rassistisch, das ist erschreckend und furchtbar, ja, aber ich weiß es wenigstens und ich versuche meinen Horizont zu erweitern, aber das Thema gehört weiterhin in die Medien, genauso wie die Schlammschlacht, und ich werde diesen Konflikt nicht totschweigen so wie es der Rest gerne hätte. Herr Sarrazin, reden Sie ruhig weiter, reden sie so lange bis die Leute erkennen, dass sie dasselbe fühlen und denken, so lange bis sie merken dass es falsch ist.

September 7th, 2010 Posted in Gangster | 14 Comments »

Migrationshintergrund 23

Statistisch gesehen gibt es in Deutschland knapp 30% Menschen mit Migrationshintergrund, Ausländern und Eingebürgerten. 30% von 23 sind knapp 7. In der deutschen Nationalmannschaft finden sich zehn. Drei über dem Durchschnitt, davon ein Eingebürgerter und neun mit Migrationshintergrund.

Überträgt man das wieder auf die Bevölkerung kann man ohne Probleme behaupten, dass Migrationshintergrund das neue Deutsch ist. Daher möchte ich an dieser Stelle auch die in letzter Zeit häufig gestellte Frage beantworten, wieso ich eigentlich nicht meine Brüder aus dem Vaterland (Özil oder Khedira) auf dem Trikot trage, sondern tatsächlich den deutschesten aller Deutschen, nämlich den Müller:

Selbstverständlich um das makellose, fleckenfreie, fehlerbehobene Deutsch im Fußball zu unterstützen. Sonst nehmen die Migrationshintergründler uns auch noch die Plätze elf bis dreiundzwanzig weg. Mir ist dabei natürlich egal, ob es sich um gute oder schlechte Spieler handelt, ob sie in Deutschland geboren sind, wer wann zugewandert ist und sowieso.

In dem aktuellen WM-Kader der Nationalmannschaft, die mich beim Spiel gegen Spanien ja sehr enttäuscht und vor allem bewiesen hat, dass es ohne Müller keine Stabilität gibt (das nur mal so am Rande), gibt es tatsächlich nur einen, der als Eingebürgerter durchgeht: nämlich Cacau. Die anderen neun gelten als Deutsche mit Migrationshintergrund, landläufig immer noch als Ausländer bezeichnet. Neun Spieler, davon sieben in Deutschland geboren und aufgewachsen, zwei, die spätestens zum fünften Lebensjahr in Deutschland waren, Klose, der schon acht war, als er nach Deutschland kam. Jemand, der hier aufwächst, lebt, liebt, zur Schule geht, mit seinen Freunden durch die Straßen zieht und zum Karneval Schlagerkappellen mitgröhlt – wie kann der nicht Deutsch sein?

Wie kann der irgendetwas anderes sein? Wann hatte er denn jemals die Wahl, etwas anderes zu sein? Es gibt nicht mehr nur das eine Deutsch. Es gibt eine Million, und ich bin eins davon, und Özil ist eins davon, und Trochowski, und Müller auch, und Podolski ist halt eins mit Sprachfehler.

Sie nennen uns Ausländer. Ausgesprochen: “Deutsch mit Migrationshintergrund”.

Migrationshintergrund. Wenn es dieses Wort nicht gäbe, wäre ich dann Deutsche?

July 9th, 2010 Posted in Gangster | 22 Comments »