Melbourne – My House

Es gibt kaum eine Möglichkeit, das irgendwie charmant, eloquent oder gar weise auszudrücken, deshalb werde ich es hier in den simpelsten Worten einfach niederwerfen, so, wie es sich nämlich anfühlt: alleine reisen ist nicht so toll. Wenn erst einmal die größten Hürden überwunden sind, die Erfahrungen, die neuen Menschen im Umfeld, die Eindrücke und das Geschehene sorgfältigt eingeordnet und ordentlich katalogisiert wurden, bleibt einem nichts anderes mehr übrig außer sich geschlagen zu geben, frische Luft einzuatmen und trotzdem noch alleine zu sein. Fotografieren macht kaum Spaß, wenn man alleine – der verlassene Tourist – auf der Straße steht und die Leute einen anglotzen, als sei man ein Alien, weil man völlig entzückt ist von einer bemalten Wand. Es macht keinen Spaß, ganz viele, großartige Bars zu sehen, in die man sich nur mit seinem imaginären Freund setzen kann. Shoppen, ohne am Ende jemanden zu haben, der einem zu den großartigen Schnäppchen gratulieren kann. Selbst wenn man Menschen trifft, die nicht ganz so schlimm sind wie das herkömmliche Hostelpack, selbst dann muss man sich ein bisschen dazu zwingen, nicht an die Wärme und das Verständnis und den Humor seiner liebsten Menschen zu denken. Selbst in den Momenten, wo alles nicht richtig läuft und man sich nur mal kurz aufregen möchte, muss man eine E-Mail schreiben um zu vermitteln, was eigentlich gerade passiert.

Melbourne wirft mich in einen seltsamen Zustand zurück, ja, katapultiert mich geradezu wieder in eine Zeit, die ich so nur aus meinen ersten Monaten aus Berlin kenne. Ich erinnere mich daran, wie ich die Leute beneidete, die in dieser großen Stadt einen Zufluchtsort gefunden hatten. Ich würde in Kreuzberg durch die Straßen schlendern und zusehen, wie die wunderbaren Kaffees von schnatternden Menschen bevölkert wurden und traute mich nicht, mich alleine hinzusetzen und meinen Kaffee alleine zu genießen. Ich hasste es, in meiner Küche zu stehen und für mich alleine zu kochen, niemanden anrufen zu können, der mal schnell vorbeikommt um einen Film zu gucken. Niemand, mit dem ich mein Leben teilte.

Genauso wie Berlin ist eben Melbourne eine wunderbare Stadt, in der ich sicherlich Monate, wenn nicht sogar Jahre verbringen könnte und jeden Tag eine andere Ecke mit Faszination betrachten würde. Hier scheidet sich natürlich der Wille zum Reisen von dem Gedanken an das Bleiben, und hier stelle ich auch fest, wie sehr sich meine Motivation in den letzten Monat grundlegend geändert hat. Das erste Mal von zu Hause auszuziehen um mir ein bisschen “eigenes Leben” in der Fremde zu erwarten war nicht einfach, aber ich habe es irgendwie durchgezogen – nicht ohne durchpeitschende Tiefmomente, nicht ohne irgendwann kurz vor dem Ausrasten zu sein, nicht ohne mich unter Arbeit zu vergraben und nicht ohne charakterliche Hürden, aber man verzeiht sich selbst, wenn man jung ist. Es hat am Ende geklappt – am Ende, bevor ich reisen gegangen bin.

Viele Backpacker, die in Australien sind, waren vor Kurzem noch zu Hause und haben mit ihren Eltern eine Abiturabschiedsgrillparty gefeiert. Sie sind das erste Mal von zu Hause für längere Zeit unterwegs, frische 19 oder 20 Jahre alt, in vollem Willen, sich irgendwo niederzulassen und zu arbeiten und ein neues Land zu erkundigen, vielleicht eine neue Heimat zu finden, glücklich zu werden, Abenteuer zu erleben. Das alles scheint wie eine Illusion für mich, nicht, weil ich das nicht auch haben könnte, sondern weil ich durch und durch zu faul, zu müde bin, das noch mal durchzumachen. Ich will mich nicht auf das festlegen, was ich in Berlin verlassen habe, das Reisen hat mir gezeigt, dass es durchaus möglich ist, sich woanders zu Hause fühlen zu können. Aber in Asien hatte ich zwei komplette Vollidioten, die das mit mir geteilt haben, also zumindest ein Stück Heimat. Hier bin ich, mit gewisser Ausnahme, alleine. Ich suche mir alleine ein Hostel, ich ziehe tagsüber alleine durch die Gegend, ich lerne Menschen kennen (aber was für welche) und erschaudere bei der Vorstellung, mir wieder in einer neuen Stadt einen Job, eine Wohnung, einen Freundeskreis suchen zu müssen. Ein Grund dafür, wieso ich Australien bald den Rücken kehren werde. Finanziell gesehen ist Australien ein Ort, an dem man für längere Zeit bleibt. Ohne die oben genannten Faktoren ist das Bleiben aber nicht einfach. Here’s a thing: ich will reisen. Nicht bleiben.

Das ist einerseits befreiend und andererseits niederschmetternd, weil ich genau weiß, dass ich mir Berlin momentan nicht aussuchen kann. Ich möchte nicht sagen, dass es langsam Zeit wird, ernst zu werden und mal an die Zukunft zu denken, denn die Zukunft wird gerade jetzt in diesem Augenblick gelebt; aber es gibt Dinge, die ich machen möchte und auch durchziehen will, geistig verdummende Dinge wie etwa “studieren” (Gänsehaut), und auch, wenn ich Glück mit den Noten und Wartezeiten und so weiter hatte, Berlin ist nicht gnädig. Jeder will ein Stück von dem, was ich mal hatte, und ich habe mich aus diesem Mittelpunkt wieder in das Greencard-Roulette geworfen, weil die Reise jetzt erst einmal wichtiger war (oder ist).

Von Null anfangen lässt mich fast in Tränen ausbrechen, denn ich vermisse (!) meinen alten Trott tatsächlich. Oder vielmehr mein altes Leben in Berlin. Allerdings weiß ich auch, dass mein altes Leben nie wieder aktuell sein wird, mit oder ohne Berlin. Langsam muss ich mich wohl an den Gedanken gewöhnen. Es wird wohl bedeuten, dass ich schweben muss, in Unsicherheit, und in Neuanfängen. Schon wieder. Vielleicht sollte ich einfach für immer Reisen. Und plötzlich verstehe ich es, wenn manche Backpacker mich mit traurigen Augen angucken und sagen, sie könnten nie wieder nach Hause gehen, aus Angst, langsam zu verschwinden.

January 20th, 2011 Posted in Urlaub | 10 Comments »

The Kid

Könnte ich um zehn Jahre in die Vergangenheit reisen, würde ich mein damaliges Ich finden und um einen High-Five bitten. Ich würde sagen, “Kid, du hast nichts falsch gemacht. Du wirst nichts falsch machen. Deine Eltern sind zu sehr in ihrer eigenen Welt eingespannt, um dir das zu sagen, aber dafür bin ich hergekommen, hurra! Und hier noch ein paar Dinge: Du wirst mit 18 zum ersten Mal eine Analfissur haben, warte damit nicht drei Wochen, bis du zum Arzt gehst, denn es wird chronisch und du wirst jedes Jahr mal wieder das Gefühl haben, vergewaltigt zu werden. Das ist auch der Grund für die generelle Grimmigkeit in deinem Leben, also ja, kümmere dich darum, mehr Ballaststoffe und weniger Fleisch und so weiter.”

“Du wirst in dienem Leben immer Entscheidungen treffen, und das ist auch okay so. Du wirst kurz stehen bleiben, Luft holen und dich umschauen, aber du verweilst nicht, du entscheidest dich. Du siehst den anderen dabei zu wie sie welken, wie sie nicht wissen, was sie tun sollen. In der Zwischenzeit tust du die Dinge, die du möchtest. Du arbeitest dafür, du gehst Risiken ein, du haust ab und siehst, wie die Welt dir gefällt, und wenn sie dir nicht so gut gefällt wie zu Hause, dann fährst du zurück. Weil du keine Angst davor hast, zu lächeln und zu sagen: alles wird okay.”

“Es wird nicht immer so sein in der nächsten Zeit, aber du trägst irgendwann einen Sack voller Zufriedenheit mit dir herum. Er ist voll mit unglaublichen Dingen, die du gesehen und erlebt hast, mit Erinnerungen an Menschen und an die Momente, wo du dir den Bauch halten musstes vor Lachen. Er ist voll mit Musik und Filmen und so weiter, aber auch mit schlechten Dingen, von denen du lernst. Immer, wenn du dich im Leben fragst, wo es hin gehen soll, wirfst du deine Entscheidung in diesen Sack, und immer, wenn du diese Entscheidungen wieder rauskramst und schon in einem recht schweren Beutel rumwühlst, merkst du, wie viel du schon gesammelt hast.”

“Irgendwann stellst du auch fest, dass nicht jeder so ist. Das Zeit individuell einteilbar ist. Manche Menschen brauchen länger, manche können direkt ins kalte Wasser springen. Du befindest dich irgendwo in der Mitte, und du zerrst deinen Sack glücklich mit dir herum. Die anderen verstehen nicht, wie man so sprunghaft und augenscheinlich unentschieden sein kann, aber ich bin da, um dir das zu erklären: weil man keine Angst hat, zu versagen. Es gibt nichts, was du verlieren kannst, außer dich selbst. Du wirst oft merken, wie apathisch du im Gegensatz zu anderen bist, wie rational, wie unkreativ, wie langweilig, wie durchschnittlich, wie überlegt. Aber das bist du. Und du gehst mit einem Lächeln durch’s Leben, weil du vollkommen glücklich damit bist. Und wenn du auf einmal keine Lust mehr hast auf das, was du gerade machst, dann machst du was anderes, solange du noch du alleine bist, und nicht du plus zwei oder drei Kinder. High Five, Kid. Das wird eine fantastische Zeit.”

Interpretiert das, wie ihr wollt. Ich habe noch nie so genossen, frei zu sein, wie jetzt. Das hat nichts mit Australien selbst zu tun, sondern mit der Tatsache, dass ich hier bald wieder abhauen werde, und das einfach so tun kann. Wieso und wann wird eines Tages bestimmt auch mal erläutert, aber hauptsächlich tut mir der Wechselkurs nicht gut und außerdem habe ich keine Lust zu arbeiten und alleine Zahnpasta für 8 Dollar sollten jeden davon abhalten, hierher zu kommen. Solide und Flexibel.

January 18th, 2011 Posted in Crystal Meth | 8 Comments »

Flood Me

Die meisten Leute würden sich schwer über eine 3 Stunden Flugverspätung auf Kurzstreckenflügen aufregen. Sie würden Gerechtigkeit, Revolution, mindestens aber einen Essensgutschein verlangen. Die meisten Leute sind aber auch hässlich und dumm, wäre also nicht der erste Unterschied zu meiner wunderbaren Persona. Ich nämlich, ich nutze die Gunst der Stunde(n) und vor allem das kostenlose Wi-Fi, das nicht nach MB-Verbrauch limitiert ist und downloade gerade alles, was mir zwischen die Finger kommt. Die Dropbox synchronisiert, die Torrents werden wahllos angeklickt, der Reader wird durchgelesen und dabei rein aus Prinzip alles gesaugt, was auch nur anseitsweise saugbar aussieht.

In der Zwischenzeit läuft im Fernsehen am Gate ein Live Bericht über die Überschwemmungen an der Ostküste; ich habe viele Freunde und Bekannte, die dort wohnen oder zur Zeit sich dort aufhalten, und mache mir ein wenig Sorgen, was das für Auswirkungen haben wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in Deutschland viel davon ankommt, aber hier in Australien, wo generell eigentlich nichts passiert aus schwere Cricket-Fails und hin und wieder ein Krokodiltoter, da ist das natürlich ein großes Ding. Es ist ja auch ein großes Ding, da stehen tausende Häuser unter Wasser, und selbst der Damm, der nach der letzten Flut vor dreißig Jahren prophylaktisch dahingeklotzt wurde ist schon übergelaufen.

Bis jetzt bin ich davon nicht wirklich betroffen. Ich hatte sowieso nicht vor, die Ostküste hoch zu reisen. Zu viele neunzehnjährige, fickgeile Spastenkinder auf dem Weg. Vielleicht fliege ich über Brisvegas raus und schaue mir auf dem Weg noch ein paar Sachen an, nur so, um da gewesen zu sein. Aber bisher hat die Ostküste nur negativ-Schlagzeilen im meinem Kopf gedruckt. Größte Flutkonsequenz ist ja das Fehlen von frischem Knoblauch in Sydney (fragt mich bitte nicht, wieso). Außerdem habe ich eine eher berechtigte Angst vor Krokodilen, und die mussten im Zoo die Dinger wohl anketten damit die nicht in den Fluten mitgetragen werden und irgendwelche Menschen in der Rutschpartie mitnehmen. Da säuft man schon in seiner eigenen Stadt fast ab, muss sich vor herumgeworfenen Autos ducken, und auf einmal kommt da ein Krokodil an. Na herzlichen Glückwunsch.

Ich weiß eigentlich sowieso nicht, wie es genau weiter geht. Ich fliege jetzt nach Melbourne und habe genau zwei Optionen, die irgendwie interessant erscheinen: entweder, ich finde einen Job, für den ich mir nicht zu schade bin und kann mir so noch ein bisschen Geld zusammensparen und wie geplant weiterreisen. Oder, ich finde keinen Job und bin dann auch zu faul um mich mit meinem Restkleingeld durch die Welt zu hustlen und fliege heim, wo mich hoffentlich bis dahin der knackende Frühling erwartet.

Aber eigentlich weiß ich von nichts, und vielleicht ist das auch mal ganz gut so.

January 12th, 2011 Posted in Urlaub | 1 Comment »

Sky, Sand, Sydney

Wenn man Sydney irgendwie zusammenfassen müsste, wäre wohl ein komprimiertes, kleines aber feines Europa mit einem riesigen Chinatown dazwischen die angemessenste Beschreibung. Von Newtown über Surry Hills bis Darlinghurst findet man sich in einem klassischen Bild von Londons hipsten Stadteilen wieder, die einen von Thai bis Italiano mit den fantastischsten und vielfältigsten Auswahlmöglichkeiten an kulinarischen Delikatessen, großartigen Cafés und schönen Plätzen beschenken. Zugegeben, CBD – das, was man von Sydney aus dem Fernsehen kennt, der Central Business District – lehnt sich eher der amerikanischen Kultur an, große Malls und spiegelnde Skyline, aber all das passt genauso hier hin wie es nun mal gerade ist. Zweifellos, und endlich wieder, eine ur-europäische Großstadt. Genau das, was ich seit drei Monaten so schwer im südostasiatischen Urwald zwischen Moskitos und hässlicher Psytrance Musik vermisst habe.

Eine europäisch-amerikanische Großstadt, zweifllos, wären da nicht diese kleinen, leicht irritierenden Dinge, die mich von einem ausgeprägt erleichtertem Heimatgefühl plötzlich wieder in absolute Befremdlichkeit werfen.

Da wäre vor allem, nicht zuletzt und gar hauptsächlich: das Wasser. Sydney ist weniger eine Stadt im ursprünglichen Sinne als eine monströse Bucht. Nicht nur die ihrer Zeit voraus entworfene Oper prägt das Bild, sondern auch die weißen Segel herumdümpelnder Boote, die Fähren, die im Berliner S-Bahn Takt von einem bis zum anderen Ende der Stadt pendeln, die Strände, an denen man sich wie auf den schönsten Inseln fühlt und von Surfern belagert werden. Hier ist etwas, dass ich noch nie so erlebt habe und wofür ich unendlich dankbar bin, irgendwie ein Hoffnungstropfen in meiner urban angehauchten Psyche: eine Stadt am Meer. Im Meer, tatsächlich.

Man verliert sich sehr schnell an diesem magischen Ort, der irgendwie alles zu sein scheint und sich doch nicht richtig entscheiden kann; Touristenmagnet, Strandidylle, Hipsterparadies oder kommerzieller Mittelpunkt. Ich möchte gar nicht erst versuchen, Sydney mit irgendeiner anderen Stadt auf der Welt zu vergleichen; es geht nicht. Und gerade bei dem Gedanken daran, Berlin daneben zu stellen und Pros/Kontras zu formulieren, erschauert es mich am ganzen Körper: ihr müsst verstehen, man kann Berlin nicht wirklich vergleichen, weil es immer der Ort sein wird, an dem ich meine Restjugend verbringen möchte. Aber man kann genauso wenig Sydney vergleichen, denn dieses Stück Erde ist mindestens genauso einzigartig.

Wie bereits formuliert, sind es vor allem die kleinen Dinge, die einen so irritieren – das Wasser ist keine Selbstverständlichkeit, aber man gewöhnt sich daran, jeden morgen den wunderschönsten (und traumhaftesten) Ausblick auf einen der berühmtesten Häfen der Welt zu werfen. Nein, es sind die kleinen Dinge, an die ich mich nicht gewöhne. Dass die Australier alles wie eine Frage formulieren und mich damit in ihrem Englisch komplett in den Wahnsinn treiben. Oder dass man im botanischen Garten Kakadus von Baum zu Baum fliegen sieht und sie noch bis in die Nacht hinein so lange kreischen hört, bis man selbst zur Shotgun greifen will. Oder dass man im Museum of Contemporary Art kopfkratzend vor nichtsaussagender (weil völlig neuer!) Aboriginal Kunstwerken steht und sich fragt, wo denn jetzt die Picasso-Wannabes hängen.

Dinge sind anders. Die Tickets für den Bus kauft man bei 7-11, in Convenience Stores ist alles teurer als in den Supermärkten und die Clubs machen generell um 2 Uhr morgens zu (was ehrlich gesagt besser für alle Beteiligten sind, da Australier in diesen Gefilden leider auch noch nichts von elektronischer Musik gehört haben und wenn, sich dann lieber auf gehirnschädigende Hip Hop House Remixe beschränken und ich anschließend gerne mal mit einem befreienden Sprung von der massiven und eindrucksvollen Harbour Bridge flirte). Es gibt unglaublich viele Asiaten hier, nach einer Stichprobenzählung konnte ich mehr ausmachen, als ich in Vietnam insgesamt zählen konnte. Seltsam fühlt man sich hier, wenn man zwischen Reihenhäusern, die eher an einsame Orte im Nirgendwo erinnern, plötzlich das Meer und die Wellen aufbrodeln sieht. Strahlend blauer Himmel, die Sonne brennt einem den Hautkrebs direkt unter die ersten Schichten, und dann ist das auch noch der schlechteste Sommer Australiens (es regnet alle drei Tage).

Kleine Märkte in alten Stadtteilen, Bars, in denen man nicht Rauchen darf, völlig desorganisierter Verkehr und dann sitzt man zwischen sechs Leuten in einer chinesischen Bude mit seinen Freunden wo man sich für 50 Dollar die Woche ein Zimmer teilt das eigentlich für maximal 3 Personen gemacht ist am Fenster und sieht einen verdammten Schwarm riesiger Fledermäuse am Himmel. Gotham Fucking City.

Oder man trinkt Flat White (Kaffee in Australien zu bestellen ist auch erst mal eine Kunst, für die man ein Lexikon braucht) im Draußen-Café des NSW Museum of Art und sieht einen Ara (oder jedenfalls einen bunten, kleinen Papagei) den Tisch langspazieren. Einfach so. Das sind dann so die Momente, wo man rafft, dass man nicht in Europa ist, sondern in Australien, auf der anderen Seite der Welt, wo jede Sekunde ein Känguruh ins Bild springen könnte, und wo alle drei Minuten jemand wegen Krokodilen, Quallen, Haien, Spinnen oder Schlangen stirbt. Zumindest sagt man das so. In Australien kann man an vielen Dingen sterben.

Der massivste Unterschied, den ich aber bis jetzt festnageln konnte, ist das Internet. Nicht, dass das Internet sich am anderen Ende der Welt anders verhält, aber die Leute spinnen hier. Die sind absolut rückwärts. Es gibt keinen unlimitierten Data Plan. Anders ausgedrückt: man bezahlt hier per Gigabyte an Download. Und dann läuft das im Pre-Pay Plan auch noch ab, meistens schon nach einem Monat. Nicht, dass das bei mir irgendwas ausmachen würde, immerhin knall ich die zwei Gig, die mir im Monat zustehen in zwei Tagen runter, aber ach du Scheisse, sind die denn komplett bescheuert? Dass man da nicht auf die Barrikaden geht und Randale macht und absolute Revolution ankündigt. Ich fange damit jetzt mal an, indem ich offline gehe. Wir sehen uns in Melbourne wieder, wo ich mit genauso wenig Plan herumdümpel, bis ich einen Job finde. G‘day mate.

January 8th, 2011 Posted in Urlaub | 3 Comments »

Look At Me Now

Es ist aber auch schwer, es besser als Diplo zu machen.

Übrigens, hey, wer hätte es gedacht, Australier haben in jeglicher Hinsicht einen ganz eigenen Musikgeschmack, und wie in jedem Land wird Diplo auch hier einfach vernachlässigt. Ich werde diese Mauer durchbrechen, ihr müsst mir nicht danken.

January 6th, 2011 Posted in Musik, Urlaub | Comments Off

Sydneysiders

Es ist der 1. Januar 2011, und ich bin mir ziemlich sicher, dass es schwierig wird, das letzte Jahr zu überbieten. Berlin, die Crew, die Familie, die Reise. Ich. Das kann man nicht überbieten, dieses unschlagbare Gefühl von “seinen Platz im Leben einnehmen, obwohl man ihn gar nicht gefunden hat”. Planlosigkeit und Langweile richtig schön genießen, aber niemals alleine, sondern immer umgeben von Menschen die eine bedeutsame Rolle in der eigenen persönlichen Entwicklung spielen. Wenn man das Entwicklung nennen kann.

Die Orte ändern sich, aber mein Gefühl ändert sich nie: ich habe letztes Jahr irgendwie alles richtig gemacht, auch wenn es sich nicht immer richtig angefühlt hat. Ich schreibe euch Feiernden (und Frierenden) aus der Zukunft, der 1. Januar aus der prallen Sonne, und alles fühlt sich okay an. Natürlich. So als ob man nur so, und niemals anders, irgendwie Silvester gefeiert hätte. Am Wasser mit einem riesigen Feuerwerk, auf das man 12 Stunden lang dank Sandwichversorgung gewartet hat.

Aber so einfach ist das natürlich auch wieder nicht. Im Gegensatz zu den anderen Profi-Deutschen habe ich es nämlich noch nicht geschafft, mir einen Kopf darüber zu machen, wie es weitergeht. Und obwohl ich es auch gar nicht wirklich möchte, hat das fehlende Geld mir einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Mein Flug nach Melbourne geht am 11. Januar, bis dahin sitze ich in Sydney fest. Oder: ich quetsche mich in einen Van mit MRTNKU und seinem Bruder und wir bieten unseren Leuten zu Hause von Küste zu Küste die Auslandsaußenstelle Berlins an, immer da, wenn die Wellen da sind, und niemals haben wir es eilig. Egal wie, das Geld spricht. Soll ich arbeiten? Werde ich hier einen Job finden, der mich nicht in den Wahnsinn treibt (in den wirtschaftlichen Wahnsinn, weil arbeiten in Australien zwar lukrativ ist, aber nicht arbeiten in Deutschland und arbeitslosengeldberechtigt sein auch nicht so schlecht ist), oder werde ich innerhalb der nächsten 1,5 Monate wieder meine Sachen packen und nach Hause fliegen, weil ich in Asien wirklich alles kaufen musste, was es auf den Straßen zu kaufen gab (no regrets, aber Asien hätte nach Australien sicher besser geklappt)?

Ich weiß das nicht. Ich weiß gar nichts gerade. Ich weiß, dass ich ab dem 3. Januar kein Hostel mehr habe und mich deshalb jetzt bei Couchsurfing anmelde. Ich weiß, dass ich in Melbourne für die ersten Tage einen Schlafplatz habe und dann wieder weiterziehen muss. Ich weiß, dass ich Lust habe, nicht nachzudenken, aber tatsächlich wieder den gleichen bürokratischen Stress erlebe, wie ich ihn zu Hause auch hätte. Tax File Number, Bank Account, Job finden, Kleinanzeigen, für eine Couch bewerben. Es könnte alles so einfach sein, und für viele Leute ist es das auch. Nur ich, ich habe darauf nicht wirklich Lust gerade. Und es stellt sich die Frage, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen für 2011 ist.

January 1st, 2011 Posted in Urlaub | Comments Off

Pass Out

Es gäbe so viel über Sydney zu erzählen, aber das Geld ist mir zu schade um für’s Internet zu verballern, und ich kann nicht den ganzen Tag bei McDonalds chillen um das (absolut langsame, aber immerhin kostenlose) Wi-Fi zu nutzen. Now wait for it.

December 30th, 2010 Posted in Urlaub | Comments Off

DPS/SYD – Run Away

Es ist schwierig, sich in der Welt zu verlieren. Es ist anders als den Nat Geo Adventure Channel einzuschalten und den Abenteurern bei ihren Abenteuern zuzusehen. Ich beschwere mich nicht darüber; nicht mehr. Ich bin ein einfacher Tourist mit CO2 Fußabdrücken, einer dicken Kreditkartenrechnung und freue mich über kostenlose Business Class Upgrades und vielleicht werde ich niemals die Gelegenheit haben, in einen Zug ohne Final Destination zu steigen. Vielleicht werde ich nie das Gefühl haben, verloren zu sein, nie umgeben von der Unsicherheit der Wüste. Vielleicht war das mal so. Vielleicht gibt es Menschen, deren Leben daraus bestehen, von Kathmandu nach Bondi Beach zu jetten um zu surfen, zu tauchen, zu skydiven, zu fotografieren, zu skateboarden, zu leben und zu entdecken. Ich kann mit Sicherheit für die Existenz absolut hirnverstümmelter Goa-Spasten attestieren, klebengebliebene Insekten mit furchtbaren Frisuren und einem Faible für schlechtgedröhnten Psy-Jungle-Trance und ebenso schlechten Mushroomdröhnungen. Aber das sind keine Abenteurer, das sind Hobbyphilosophen, deren Wichtigtuerei auch Ghandi noch zum Genozid herausfordern könnten. Nukleare Wegbombung von 95% abrasierten Dreadlocks, eine neue Petition in meinem Namen, und glaubt mir, ich unterschreibe drei Mal.

Meine Reisehelden sind verrostet; meine idyllischen Reiseträume und -erwartungen und -illusionen verstaubt. Ich bin zu müde um mich darüber aufzuregen, denn ich habe jetzt schon sechs Tage am Stück damit verbracht, genauso flüssig zu scheissen wie zu trinken und ich bin zu paralysiert um mich darüber aufzuregen, weil ich nicht mehr an das Reisen glaube. Nicht mehr an die Romantik des Reisens. Ich glaube daran, dass es mir Spaß macht, Menschen an lauen Abenden bei rumgehenden Spliffs kennen zu lernen und meine Jokes zu formulieren. Ich glaube daran, dass ich es liebe, nicht zu wissen, was ich am nächsten Tag machen werde (insofern ich nicht tatsächlich reise). Ich muss nicht arbeiten und für die nächsten 2-3 Monate werde ich auch weiterhin nicht über das große Geld (oder eher die große Geldverlustigkeit) nachdenken müssen. Ich glaube daran, dass das Reisen ein inflationäres, aber auch selbstverständliches Angebot unserer Jugend geworden ist, brought to you by Ryan Air und wirtschaftlichem Erwartungsdruck was den Lebenslauf angeht. Wie, du hast mit fünf Jahren noch keinen Abschluss einer anerkannten Elite-Privat-Windelschule gehabt? Na dann auf auf, ins Ausland! Und, natürlich, danke auch der Militärtechnologie, ohne welche unsere Welt wohl noch im Mittelalter stecken würde. Krieg (Macht, Verteidigung, Schutz, politische Wahrung seiner Selbst, oder eben Krieg) ist der Antrieb in unsere Zukunft, und ich bin mitten in reingeboren worden. Nur, weil ich mir gerne die Rolling Stones anhöre und Bob Dylan nicht aufhört in meinem Kopf zu spucken, heisst das nicht, dass ich die Zeit zurückdrehen kann. Zeiten, wo man nicht alles über jeden Ort wusste. Wo jeder Schritt durch die nasse Pampa irgendwo in Balabuga einen epischen Moment im Leben eines Niemanden spielte, der dann zum Held gekürt wurde. Meinem verstaubten Held.

Sich in der Welt zu verlieren ist schwierig, weil es keinen Ort mehr gibt, an dem man sich verlieren kann. Oder, wenn man kann, will (denn es gibt auch für Verloren-Sein gewisse Grenzen, das mit den Schlagen und Spinnen, das haben wir ja schon ausführlich besprochen, das ist nichts für mich). Also irren von Thailand nach Kuta Beach auf dem ganzen Weg Backpacker umher und flüstern sich im Stille-Post-Verfahren ihre sogenannten „Geheimtipps“ ins Ohr, doch jedes Mal, wenn man diesen Tipps folgte, jedes Mal wenn man seine Sachen aufgeregt packte und weiterzog und auf etwas mehr Verlustgefühl hoffen durfte, jedes Mal traf man ein weiteres Pack Gleichgesinnter, alle wieder im selben Prozess des Austausches, „ich habe gehört, Burma ist noch ziemlich jungfräulich, da muss man mal mit der Machete durchgehen, das muss man sich mal trauen“. Aber, ganz im Ernst, ich will nicht nach Burma und mit einer Machete den Wald bekämpfen um mich dort dann wider meiner urbanen Natur niederzulassen um ein Buch darüber zu schreiben wie ich mich mit wilden Pilzen selbst vergiftet habe. In Alaska. Mit Eddie Vedder im Hintergrund. Ich will das nicht, ich will das nicht, ich will das nicht. Ich will keinen Ed-Hardy-Strass-Steine-Resort-Urlaub auf Ibiza mit furchtbaren Pop-Medleys und Schlager-House-Remixen, und nach all meinen Beschwerden und nach meinem ganzen Rummosern und dem ständigen Suchen nach irgendetwas, was mir diese Reise bringen soll, fällt es mir wie Schuppen vor die Augen, wie ein dicker Pickel, der darauf pochte, seinen Eiter an den Spiegel zu spritzen: ich kann mich nicht in der Welt verlieren. Ich kann mich nur in Menschen verlieren. Oder mit ihnen. Oder um sie herum oder vor ihnen, aber die Welt ist völlig egal.

Jetzt ist es zum ersten Mal so weit: kein Plan. Absolut keine Richtung. Niemand, der mich begleitet. Ich bin völlig frei (wenn auch zerfickt vom Jetlag und 300 Euro leichter dank überteurer Hostels) in Sydney angekommen und es gibt nichts, was ich mir für diesen Tag erdacht habe. Nichts, was ich vor 8 Monaten schon mal auf eine Excel Liste geschrieben habe. Ich kann nicht in mein Dorm, weil gefühlte 30 Leute dort noch schlafen. Es regnet. Alles ist anders als gedacht. Aber alles ist gleichzeitig viel besser. Und so geht es einfach weiter.

Chile, Hawaii, Libanon, Deutschland, Vietnam, egal ob es die Reisenden oder die Natives sind, Indien, Nepal, China, scheiss drauf; und wenn ich eines Tages auf dem Mond lande und meinen Namen in Stein ritze, „Sara war hier und hatte Dünnschiss, vielen Dank, Thailand!“, dann hat das alles meine Helden nicht mehr zum Leben erweckt. Egal wie viele Länder ich bereise, egal was ich sehe oder nicht sehe oder mache, egal ob ich aus einem Flugzeug springe oder mir die Wirbelsäule beim Surfen anknacke, nichts davon wird The Beach sein. Nichts davon wird das sein, was meine Helden verkörpern. Aber manchmal muss man eben sein eigener Held sein. Und genau das einzige genießen, was einen so völlig aus der Bahn geworfen hatte: das man auf dieser ganzen weiten Welt niemals verloren sein wird.


(By the way, Weihnachten zog an mir vorbei wie der D-Zug an Bielefeld. Nicht, dass es mich je großartig interessiert hätte, als Moslem besteht mein einziges Weihnachtsritual daraus an Heiligabend mit meinen Brüdern bei McDonalds vorbeizufahren und mit den anderen Kanacken rumzuhängen. Diesmal lag ich den ganzen Tag am Pool und habe Shroomies gefüttert und bin letztendlich wieder bei McDonalds gelandet. Wie jedes Jahr also).

December 27th, 2010 Posted in Ohne Worte, Urlaub | Comments Off

neulandsehen

Wie anders unsere Leben jetzt sind. Und bald tauschen wir unsere Rollen – vielleicht.

Nach sieben Wochen bin ich nun bei Buch Nr. 5 angelangt. All denjenigen, die diese Lesegeschwindigkeit als normal ansehen, möchte ich an dieser Stelle für ihr Leserleben gratulieren und mitteilen, dass sie sich ihre Kommentare zu meiner bisherigen leserlichen Leistung sonst wohin stecken können. – neulandsehen

December 5th, 2010 Posted in Urlaub | Comments Off