Wir sollten wieder etwas mehr für unsere Zwecke tanzen. Das machen Protestierende auf Demonstrationen immer sehr gerne. Bisher habe ich noch keine dabei gesehen, die so glücklich aussah. Ob es MDMA oder pure Tanzliebe war – I don’t care. Ich möchte auch sowas.
Ich hatte ja letztes Jahr vergessen, wie schön der Herbst sein kann. Wahrscheinlich, weil es keinen Herbst gab und man von 30 auf Minus 10 Grad gedrückt wurde, innerhalb von Sekunden. Das war ja auch der Grund dafür, wieso ich den härtesten Winter Europas übersprang, um im schlechtesten Sommer Australiens zu vegetieren. Das war auch eher wie Herbst, aber in doof. Dieses Jahr war ein schöner Herbst. Mit wunderschönen Blättern in allen Facetten des Sepia-Farbspektrums, mit grandiosem Sonnenlicht-Spiel, das an Filmmomente aus New York erinnerte, mit einem leichten kitzeln auf der schon vom kühlen Wind angetrockneten Haut, mit den Laubbergen vor der Haustür, in die man so gerne reingesprungen wäre (wenn man nicht Hunde beim Reinkacken beobachtet hätte).
Der Herbst hat mich vor allem daran erinnert, dass ich winterfeste Schuhe brauche. Der Herbst war auch gleichzeitig mein Semesterbeginn, und das wiederrum war ausschlaggebend für den Kauf eines neuen Rucksacks (cheers to Curly Sue for making it happen). Meine neue Timbs sind großartig, mein neuer Eastpak kassiert fette Props bei coolen Leuten, der Herbst ist vorbei und ich hör jetzt auf, mein Geld für Sachen auszugeben, die wie Herbst aussehen. Immerhin ist es ja jetzt kalt.
Auch, wenn ich den Namen immer noch ein bisschen sperrig finde — ein ganz großes Ding bahnt sich in der DSLR-Welt an, nämlich die Kombination der unglaublichen Kräfte von Clemens-Ignant und Marcus-DT64 zu einem einzigen Think Tank der Bewegungsbilder: SUPERIEST.
Ich freue mich sehr für die zwei und hoffe dass die Nachwelt sich ab sofort auf grandiose Videos, von Mood über Dokumentationen, freuen kann. Es ist auch nicht mehr lange hin, dann lege ich ihnen sowieso ein paar Doku-Konzepte vor. Ich mache jetzt nämlich in Boulevard, Gossip und Unterschichtenfernsehen, da steckt noch Geld drin, im Bildungsdefizit unseres Landes.
Zugegeben, ich mache mich ja auch gerne über die Über-Stylos unserer gentrifizierten Straßenblöcke lustig. Die mit den missverstandenen Schnurrbärten und vor allem diejenigen, die (leider) zu fett sind für den hinterhergezerrten Trend des Tages (Skinnyjeans, enge Hemden, die um die Wampe spannen, ihr kennt den Faux-Pas). Dann steht man, selbst als gekennzeichneter Trendmensch und ohne jeglichen Zweifel daran, dass man sich wenigstens äußerlich mindestens Mühe gegeben hat, gerne mit dem Neonpfeil auf dem Bürgersteig und zeigt ihn gnadenlos auf alles und jeden, der besser eine Rechtfertigung für sein Auftreten hat. Oder besonders gut aussieht.
Das ist ja mit gewissen, auch abstrakteren Sachen so, wie etwa Vegetarier (oder Veganer) sein oder besonders ökologische Themen auf die Agenda schreiben. Oder eben auch die neuentdeckte urbane Leidenschaft für Rennräder. An jeder Stelle dieser Stadt machen ja derzeit die spezialisierten Vintage-Bike Läden dicken Umsatz. Ich selbst fahre ein Single Speed Bike welches wunderschön aussieht, schnell ist, elegant zu fahren ist und einfach Spaß macht. Leider gibt es unter den neuen Fanatikern auch ein paar Idioten (das erinnert mich stark an eine gewisse Skateboardphase mit 15), die nicht verstanden haben, dass man Fixed Gear Bikes nicht unbedingt ohne Bremse fahren muss, wenn das mit dem Skidden nicht hinkriegt. Und so steht man wieder bedingungslos da und lacht den Pfosten an der roten Ampel aus, der beinahe eine Massenkarambolage hinlegt. Hauptsache gut aussehen.
Bei der ganzen Trendkritik und dem Schafverhalten, was wir (als Teil dieser Bewegungen, selbstverständlich) gerne aufzeigen möchten und höhnisch verspotten (weil wir meinen es ja viel ernster / wir haben es zuerst gemacht / wir sehen wenigstens gut darin aus / wir können wenigstens richtig Fahrrad fahren), muss ich mich auf eine bequeme Metaebene bewegen um das bunte Treiben richtig beurteilen zu können. Es gibt Trends und Hypes, die sind nicht besonders langlebig, haben keinen ursprünglichen Zweck und können durchaus vernachlässigt werden. Aber bei vielen anderen Dingen sehe ich ein großes Potenzial, wie etwa beim Fahrradfahren. Der Umwelt möchte es doch eigentlich egal sein, warum die Menschen lieber wieder in die Pedalen treten. Sie interessiert sich nicht dafür, wie viel Geld in Laufräder oder schöne Rahmen gesteckt wurde: hauptsächlich möchte Mutter Natur doch nur, dass wir uns weniger den Autos bedienen, fitter werden und uns in der Stadt auf möglichst großartige Weise bewegen. Wenn es nun so ist, dass ein Trend uns zum Sport und zur Nachhaltigkeit bewegt (auch wenn wir möglicherweise dabei manchmal etwas dumm sind), dann ist das im Großen und Ganzen doch eine gute Sache.
Ich finde es traurig, dass man mit “Erwachsen sein” auch “ernst sein” gleichsetzen muss. Ich finde es schön, wenn wir das Leben als eine Spielwiese betrachten, die Spaß machen soll und für die wir uns immer wieder neue (oder eben alte, recycelte) Dinge ausdenken. Sprich: bunte, schöne Fahrräder, in die wir viel Liebe und Leidenschaft investieren. Oder interessante, neumodische, Restaurants, die sich für bewussten Genuss einsetzen. Die überreizte Grenze zwischen Trend und Prätentiösität ist in vielen Bereichen doch eigentlich ganz nebensächlich. Wo liegt der Unterschied zwischen “es mit Überzeugung machen” und “es aus Spaß machen / es machen, weil die Freunde es machen / cool sein”, wenn es als Mittel zum Zweck, ganz grob gesagt, okay ist?
Ich freue mich auch über jeden Menschen, der einen PoetrySlam oder eine Lesung besucht, auch wenn ich es selber nicht so sehr mag. Dieser bittere Nachgeschmack von elitären Philosophiestudenten oder Literaturkünstlern, die seltsame Awkwardness bei intimen, stillen Momenten, wenn jeder für sich selbst nachdenkt und der Raum mit der Stimme eines Erzählers gefüllt wird – vielleicht bin ich persönlich nicht stark genug für so viel zwischenmenschlichen, ehrlichen Trubel (an dieser Stelle sei erwähnt, dass ich selbst nächsten Montag vorlese und ich euch auf sehr, sehr viel (also mehr als sonst) Awkwardness einstellen könnt). Aber junge Leute, die unter sozialen Zusammenkünften heutzutage (dank “Trendbewegung”, was auch immer das an dieser Stelle eigentlich bedeuten soll) mehr verstehen als nur absaufen und druff sein (jedenfalls manchmal), hey, das finde ich okay. Auch, wenn’s nur da ist, um cool zu sein. Wer weiß, was man dabei noch aufschnappt.
Natürlich: kritisches Denken ist immer verlangt. Man will ja auch nicht Opfer des Gegenteils sein und mit Trends gegebenenfalls Schaden zufügen. Nichtsdestotrotz möchte ich weniger auslachen, lieber mitlachen, einfach auch mal sagen “sei ein Hipster, wenn du und ich beide davon profitieren”, und denk nicht so viel darüber nach, ob du jetzt doof bist, weil du machst was alle machen. Vielleicht ist das ja genau das, was die Welt manchmal braucht. Mehr Fahrräder, mehr Vegetarier, mehr Lesungen.
Ich mag das aktuelle Wetter: Sonnenschein und eine unfreundliche, aber kuschelige Kühle. Wenn ich die Reichenberger Straße runtergucke, dann ist alles in so einem goldenen Licht gehüllt. Es ist nicht kalt, aber es ist auch nicht warm, und ich erkenne das Ende der Straße nicht, weil die Sonne so blendend durch die Bäume scheint.
Alles hat was verschlafenes, wie am Neujahresmorgen fühlt sich das dann an. Als ob man sich jetzt die Augen reiben müsste, jeden Morgen, weil man viel schwieriger aus dem warmen Bett kommt. Mein Bus fährt die Oranienstraße lang, wo vor 10 Uhr morgens eigentlich nur die Early Bird Touristen zu sehen sind. Das fühlt sich dann so an, wie selbst auf einer kleinen Reise sein, mit dieser “früh aufstehen!” Stimmung, wenn alles noch so ruhig ist und man den Tau von den Holzbänken ablecken könnte und die Straßen von Kaffee und Kehren murmeln.
Ich mag das sehr, mich dann nochmal gedanklich umzudrehen, einzukuscheln und am Ende vom Sommer zu riechen.. jetzt kommt der Herbst. Alle Karten werden neu gemischt. Der Sommer ist vorbei. Der Ausnahmezustand ist vorbei. Jetzt gucken wir, ob sich das alles auch für das richtige Leben bewahren kann, ohne Wärme, ohne Sonnenschein, ohne das Gefühl von kurzer Hose und Strand, die uns etwas schönreden, was vielleicht nie schön war. Der Herbst scheut sich nicht vor der Wahrheit.
Ich bin unendlich stolz auf das, was wir geleistet haben. Mit “wir” meine ich hauptsächlich mich. Aber auch uns, Nico, Marcus, Maria, alle anderen, die an FindingBerlin bisher mitgewirkt haben – und natürlich Martin. Der hat eine Idee, ein virtuelles Konzept, welches unberührbar ist, in eine Plastik gepresst. Vielmehr: in wunderschöne Fahrräder. Und die kann man sich nun ausleihen.
So seelenlos wie ich es hier gerade beschreibe ist es natürlich nicht. Es ist ein herrliches Ein-Mann-Business, dass aus Freundschaft, Leidenschaft und urbaner Begeisterung entstanden ist. Martin ist ein großartiger Touristenführer und ein mindestens genauso talentierter Fahrradbauer, lebt in Berlin und ist zufälligerweise einer meiner besten Freunde. Solltet ihr in Berlin sein: nutzt die Gelegenheit, die Stadt in einer alternativen, individuellen und amüsanten Tour zu erkundigen, fernab von riesigen Gruppen, Pub-Crawls und dem 08/15 Sightseeing der Unwissenden. FindingBerlin-Tours soll es möglich machen. Viel Spaß, über euer Feedback freue ich mich!
Seitdem ich wieder einer beruflichen Tätigkeit nachgehe, umgangsprachlich auch „Arbeit“, „Maloche“ oder „Hartgeldstrich“ genannt, ist die Sprachlosigkeit wieder öfter Gast in meinem Geist. Sie macht sich abends gerne auf der ewigen Couch des Glücks breit und betäubt den Rest meines Körpers wie ein professioneller Anästhesist bei seinem täglichen Abspritz-Ritual. Die Sprachlosigkeit, die mich zu einem lethargischen Zombie macht, die mir die Falten in die Stirn brennt und meine Prioritäten verschiebt. Nicht mehr der Wunsch nach Freiheit und Liebe und Gerechtigkeit bestimmt mein Dasein, sondern lediglich der Traum vom langen, ungestörten Schlaf, oder auch mehr Kaffee, je nachdem, wie viel Uhr es ist.
Die Sprachlosigkeit kommt nicht etwa davon, dass ich in einem Call Center sitze und viel rede; im Gegenteil. Ich mache es mir zur größten Aufgabe, so wenig wie möglich das für Satzbildung verantwortliche Gehirnfeld zu betätigen. Zwischen Zehn und Achtzehn Uhr gilt für mich: so lange ich kann sage ich einfach nichts. Leider zieht sich das auch in das Gefilde meiner Freizeit, denn mein Leben macht gerade einen eigenen kleinen Paradigmenwechsel durch. Genauso wie damals, als ich aufgehört habe zu arbeiten. Schalter an, Schalter aus. Ich weiß auch, dass sich das irgendwann einpendeln wird, eine Balance sich einstellt. In dieser Phase ist man dann auf diese lethargische, selbstgerechte Art und Weise auch zufrieden und redet sich ein, dass alles so ist, wie es sein muss. Hoffentlich wird es nie so weit kommen, das ist eine ganz schlimme Zeit. Sie ist illusionär. Wenigstens kann ich in meiner jetzigen, unbequemen Lage noch klar denken und das Wehwehchen identifizieren. Im gehirnamputierten, dauerbreiten Arbeitergrinsen der wirtschaftsinfizierten Welt der fleißigen Arbeiterbienchen ist es dann nicht mehr so einfach.
Nein, die Sprachlosigkeit stammt aus der Distanz zwischen beiden Leben, die ich führe: das, welches meine Freunde so schätzen und lieben, und das, welches mich so weit vor ihnen weg schiebt. Jeden morgen reise ich aus meinem kleinen Kiez heraus, auch auf symbolischem Weg verabschiede ich mich damit auch jeden Tag davon, ein Teil „davon“ zu sein. Vom Leben im Sommer in Berlin mit einer wohlgewählten Familie. Abends, wenn der Schalter wieder umklappt und ich auf meinem Weg zurück bin, kann ich den Alltag nicht aufholen- nur noch den Abend teilen. Einen Abend, an dem ich von nichts erzählen kann, denn keiner teilt meine (zwar unkomplizierte, aber trotzdem sehr umfangreiche und totlangweilige) kleine Galaxie der Festanstellung.
Und ich beschwere mich nicht über das Glück, dass ich habe, in so einem Alter mit solchen (sprich: gar keinen) Qualifikationen an so einen Job zu kommen. Dafür würden sich andere die rechte Hand abhaken und drei Jahre im Wanderzirkus Freak spielen. It is what it is. Dennoch darf – und will – ich auch nicht aufgeben, was ich mir so hart (so hart war‘s nicht) aufgebaut habe. Nämlich solch hippie-esquen Dinge wie „Lebensgefühl“ und „Zugehörigkeit“. Das ganze Konfetti-Ding, was ich schon oft genug betone, ich will es selber gar nicht mehr hören. Ich hätte am liebsten beides, und doch muss immer eines davon zurücktreten, zumindest jetzt noch, wo ich keine einzige Entscheidung treffen kann, die permanent ist. So weit ist es noch nicht.
Aber der Kopf arbeitet den ganzen Tag. Die Müdigkeit holt einen ein, die Trägheit, die Erschöpfung davon, Dinge zu tun, die nicht bewegen. Die keinen größeren Ziele verfolgen. Ich bin ein Fan von Zielen. Meine weinerlichen Beschwerden rühren nicht daher, dass ich jetzt einem Bürojob nachgehe, ich spüre jetzt auch nicht sonderlich das Verlangen, später mal zu großen, weltverbessernden Dingen berufen zu werden. Das meine ich nicht. Allerdings habe ich sehr großen Respekt davor, abzustumpfen. Ich spüre jetzt schon, wie meine Gedanken wieder hauptsächlich um die Realität kreisen. Wie ich Träume und Vorstellungen begrabe, weil sie keinen Raum in einer Welt voller Effizienz und Prozesse finden. Einfach so ist alles Kreative und Rebellische, egal, wie klein es vorher war, einfach stillgelegt. Es ist da, aber es funktioniert nicht. Der Idealismus, auch wenn fehlgeschlagen und deplaziert, blättert ab.
Meine Jugend. Ich vergesse sie in dem Augenblick, wo ich mich voll auf meine mir selbst auferlegt Aufgabe konzentriere. Ich verbittere. Nein, das ist so weit noch nicht; aber ich habe Angst davor, dass es wieder kommt, dieses Gefühl der absoluten Nutzlosigkeit, das Gefühl, nichts zu tun. Und dann doch diese Müdigkeit, die beweist, dass aber irgendwas schlaucht. Vielleicht sogar irreperable Schaden hinterlässt.
Meine Dankbarkeit – vor allem meine Dankbarkeit für mich selber – ist unermesslich. Ich werfe keine Gelegenheiten weg, so bin ich nicht. Ich motze nicht grundlos, wenn überhaupt, dann Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, aber ich bin auch nur ein Mensch. Aber Angst habe ich. Und ich hoffe, dass ich diese Angst immer haben werde.
Damn, wieso können meine Freunde nicht coole Leute sein, die nachts fette Bikes reiten, bombige Musik hören und geile Videos drehen?
… just kidding boys, I love you.
Heute wird man nur noch ein lautes, resigniertes Seufzen hören, wenn man mich trifft. Nach fast einem Jahr der Hamsterradabstinenz geht es nun (“endlich”) weiter mit dem richtigen Leben: Morgen ist Montag. Der erste Montag in einem neuen Leben, bespickt mit Arbeit und einem Studium und einer eigenen Wohnung und einer BZ und einem Kaffee Togo und vielleicht auch endlich mal einem Fahrrad und überhaupt. Ein neuer Computer, ein festes Einkommen, 27 Tage Urlaub im Jahr, Abends kaputt sein, in ein paar Jahren kann man dann über Kinder und Hochzeit nachdenken. Sowieso: ich nahm mir ein Jahr frei und fand mich selbst an einem völlig anderem Ort unter völlig anderen Umständen wieder.
Ich reiste, ich lebte, ich kotzte ab, ich weinte, ich küsste und liebte und ich vermisste und hoffte und jetzt bündelt sich das alles in einem Sommerloch. Ninetofive meets reguläre Verrücktheit in der Hauptstadt. Ich kann nicht sagen, dass ich traurig darüber bin, denn jede neue Entscheidung für einen weiteren Schritt Richtung Zukunft ist bisher eine gute; und auch die doofen, störenden Wege, die man genommen hat, führten letztendlich immer wieder zu ausschließlich positiven Erfahrungen und weicher Haut und Käsekuchen.
Die großen Pläne werden jetzt mit dem besten Qualitätsholz befeuert: im Oktober wird wieder alles anders, und bis dahin muss noch einiges getan werden. Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen YeahSaras.