Das Resonanz-Vakuum

Einsamkeit ist nicht, wenn man alleine auf der Couch sitzt und an die Decke starrt. Einsamkeit ist wenn Resonanz fehlt. Leute behaupten, sie müssen sich Raum für sich selber schaffen und hängen doch wieder nur an irgendwelchen Resonanzschläuchen fest. Egal ob Twitter, Facebook oder Blog: sich selbst mitzuteilen und daraufhin ein Feedback zu bekommen ist das Sugarhigh nach dem Blutsturz.

Damit haben die neuen Medien vereinfachen die Wege (Edit: ich lass diesen völlig verkorksten Satz mal so stehen, ich finde den toll) Es gibt quantitativ mehr Resonanz. Dass man seine Persönlichkeit mitteilen möchte, sich selbst in Abgrenzung und im Spiegelbild zu anderen definieren möchte war auch vor 10 Jahren schon aktuell. Damals hat man auf dem alten Nokia-Schrottgerät anklingeln lassen und damit ganz wortlos eine Verbindung in die Außenwelt geschaffen. Trotzdem tritt das Konzept der Resonanz immer häufiger im Zusammenhang mit der Selbstvermarktung auf den Social Networks auf. Durch Instagram & Co. kann getestet werden, wie der eigene Auftritt ankommt. Je mehr Likes ich bekomme, desto mehr muss ich mich in diese Richtung bewegen. Statt Abgrenzung erlangt man, ganz überspitzt gesagt, eine Anleitung zum Sein.

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March 11th, 2013 Posted in Crystal Meth, Konsumbehindert | 7 Comments »

A Facebook Romance

Facebook ist ein Segen und ein Fluch gleichzeitig. Einerseits bin ich froh, mich mit so vielen Menschen auf meinem Weg durch das elendig lange und von Idioten bespickte Leben vernetzen zu können, und andererseits schrecke ich dann doch wieder vor Entsetzen zurück, wenn ich mir die Ausmaße der Menschheit in so unmittelbarer Nähe zu Gemüte führen kann. Da wäre zum Beispiel Sabrina, meine beste Freundin aus der Grundschule, die heute ihren Lebensabend (mit 22) damit verbringt, Bier zu saufen und die Frankfurter Eisbären zu befeiern. Jedes Bild ist im Trikot, und Statusupdates… hier nun einer als Beispiel:

“Ain’t No Sunshine.. Ohne Eishockey”.

Nun habe ich ja nichts gegen Eishockey. Aber wenn der Rest nur aus “Krebs, dein Tageshoroskop” und “Sabrina liked Osama Bin Laden ist Tot, der Alte Hurensohn hat’s verdient”, dann stellt sich durchaus die Frage: wieso? Wieso tu ich mir das an? Und die Antwort ist ganz klar auf der Hand und als einzige gültig: damit ich mich besser fühle darin, dass ich nicht so bin.

So viel Ehrlichkeit muss man sich ja auch zur Abwechslung mal eingestehen. Es ist auch gleichzeitig bizarr, dass ihr Leben (genau so wie meins für sie wahrscheinlich) einfach so unfassbar anders ist und mich das irgendwie an- und doch wieder abtörnt.

Aber Facebook begleitet mich bei vielen anderen Dingen ja auch. Wie etwa auf meinen Reisen, und die Freunde, die man unterwegs für’s Leben macht, bleiben tatsächlich auch für’s Leben, denn man macht sich im News Feed der jeweils anderen bemerkbar. Und schon hat man Networking Galore. Hat jemand einen Kleiderschrank übrig? Will jemand mit mir in den Urlaub? Kann mir jemand einen Job besorgen? Ab 500+ Freunde sollten alle Probleme eigentlich geregelt sein.

Nur eine Sache, eine klitzekleine Sache, hält mich von der ultimativen Facebook-Devotion ab, nämlich die Frage, ab wann man Menschen eigentlich adden sollte und überhaupt, in welcher Situation findet sich das richtige Ausmaß an Kommunikation? Angenommen, man trifft einen interessanten, vielleicht auch sexuell anregenden Menschen auf der Straße (oder auf einer Party) und man unterhält sich über ein paar gemeinsame Themen (oder fällt sich im absoluten Endsuff um den Hals und übt den regen Speichelaustausch) und tauscht dann Nummern aus, um das ganze Spiel zu wiederholen (oder um endlich Geschlechtsverkehr zu praktizieren). Wenn man diese Person JETZT nach seinem Facebook Profil fragt, kann unweigerlich nur eines passieren: man stalkt. Man beobachtet. Man wittert ob es passt oder nicht anhand von Status Updates. Sie lügen nicht, die Status Updates. Die Likes auch nicht. Die Profilbilder kann man getrost ignorieren, die getaggten Bilder sind das, was zählt.

Und schon ist eine zuckersüße, intellektuelle Freundschaft (oder eine heiße Affäre mit einem heißen Typen) gestorben, weil er in seinem Profil auflistet, dass er an der Weltuntergangsparty 2012 teilnimmt und Stone Cold Steve Austin als Vorbild angibt. Sein Profilzitat ist “Kein Schwanz ist so hart wie das Leben” und ich kotze mir ein bisschen in den Mund. Der Mann, der alle Chancen bei mir hatte, hat sein Facebook Profil mit dem unsäglichen Inneren seines Hirnes vergewaltigt und damit wurde jeder Kontakt abgebrochen.

Männer, Frauen dieser Welt, hört mir zu. Wenn ihr euer Facebookprofil nicht mysteriös, ein bisschen interessant und auf gar keinen Fall ehrlich gestaltet (wenn ihr nicht gerade ehrlich eine coole Sau seid), dann traut euch erst über dieses Medium zu kommunizieren, wenn ihr schon bei Base 4 wart und eure Hosen gerade wieder anzieht. Wirklich. Denn auch diesmal muss unsere Protagonistin hier ohne GV auskommen, und ich weiß nicht direkt, ob ich Facebook dafür danken oder verfluchen soll.

May 4th, 2011 Posted in Ohne Worte | 9 Comments »

Abschied

Zwei Jahre Berlin, und alles, was mir die Stadt beigebracht hat, ist den Mittelfinger dick gegen alles zu richten, was keinen Bock auf dich hat. Freunde, die einen im Endspurt mit Unverständnis begegnen und verlassen, ohne auch nur einmal nachzufragen, was eigentlich los ist – fickt euch. Eine Leistungsgesellschaft, die den emotionalen Zusammenbruch herbeiführt – fickt euch. Menschen, die so viel Bitterkeit in all ihren Taten vermitteln, so viel Hass und Neid in ihren Stimmen tragen, dass man sich verantwortlich für das Leid aller Menschen fühlt – fickt euch.

Ich wollte Berlin mit einer weißen Weste verlassen, um irgendwann in Ruhe zurückkehren zu können. Ich wollte nicht flüchten, aber fick die weiße Weste. Ich habe Scheisse gebaut, ja, aber das war nicht unverzeihlich. Ich war rücksichtslos, ja, aber auch nicht über die Normen einer Freundschaft hinaus. Ich habe bestimmt auch Versprechen gebrochen, aber nicht halb so viele wie ihr. Nein, der einzige Unterschied zwischen jetzt und früher ist, dass auch mir bewusst wurde, dass ich nicht Everybodys Darling sein kann. Und wenn ihr euch als die Leidtragenden seht – dann verdammt noch mal, fickt euch einfach. Danke für die zweite Chance, die ihr mir nie gegeben habt. Danke, dass ihr mich nicht mal gefragt habt, wie es mir geht. Danke, dass ihr mir beigebracht habt, ein schlechtes Urteil über mich einfach auch stehen lassen zu können. Nein, diesmal rechtfertige ich mich nicht, und ich werde mich auch nicht mehr entschuldigen. Ihr wollt unsere Freundschaft in die Tonne treten und abrechnen? Verdammt, ja, tut es. Ich habe noch zehn Tage in diesem Land, und ich werde einen Scheiss drum kämpfen. Nicht so, nicht mehr. It takes two. Und wenn ihr wollt, trete ich auch noch mal rein. Richtig fest. Mit Eisen an den Sohlen.

Was sich so negativ anhört ist verdammt befreiend. Mich kettet nichts fest. Ich bin bereit, diese befleckte Weste mitzunehmen, und noch mehr Blut an ihr zu verlieren. Ich bin völlig bereit dazu, mein altes Leben, diese zwei Jahre der gepflegten Ordnung und der Aufopferung für die Arbeit und für das Alleinsein-Ding aufzugeben und alles in die Luft zu sprengen, was mir dabei im Weg steht, weil ich verdammt noch mal sowieso niemandem mehr gerecht werden kann. Ich war 21 Jahre alt, und ihr habt mich ständig gelobt dafür, wie erwachsen ich doch bin und wirke. Wisst ihr was? Heute bin ich 22. Happy fucking Birthday. Und ich scheisse auf’s Erwachsensein, wenn das bedeutet, dass ich mir nie wieder einen Fehltritt erlauben darf.

Danke Berlin, danke an alle, die mich begleitet haben – egal ob nur temporär oder für immer bleibend – danke für eine schöne Zeit, für eine furchtbare Zeit, für viel, viel bittersüße Stimmung im Abgang und ein herzliches FICK DICH an alles, was bisher geschah. Am 3. Oktober geht mein Flug ins Chaos. Ihr seid herzlich eingeladen, mir beim Scheitern zuzugucken.

September 23rd, 2010 Posted in Berlin, Gangster | 33 Comments »

Big Pimpin’

Ihr kennt das: man kommt in einen Raum rein und stuft die sich darin befindlichen Menschen direkt ein. Jeder hat dafür seine eigenen Kategorien, aber – wir sind erwachsen, wir dürfen jetzt ehrlich sein und das mit den Märchenwelten ausblenden – eigentlich kommt es nur auf sehr wenige Abstufungen an. Davon ganz unten “Oh Gott gib mir mein Augenlicht zurück”, in der goldenen Mitte “Hmm kann man machen” und natürlich die heiligste aller heiligen und seltenen Kategorien “Muss ich SOFORTwegballern sonst fallen mir die Klöten ab.”

Jetzt werden vor allem viele Gentlemen und -women der älteren Generationen erschrocken und gar empört erwidern, dass ich ja nicht alle Tassen im Schrank hätte und mit meinen Worten wieder nur provozieren möchte, aber, ey, sorry: wenn das nicht jeder so macht, dann lass ich mich direkt einweisen. Wir sind hier in der Gruppentherapie. Ich möchte damit auch gar nicht behaupten, dass man auf diese kategorische Zuweisung unbedingt handelt. Bei manchen Typen kann man das gezielt beobachten, bei Frauen ebenso (auch, wenn das zumeist subtiler ausfällt). Nicht alle reagieren. Aber machen wir uns nichts vor: diese Zuweisungen sind wichtig, damit wir im Leben klar kommen und uns von unseren instinktiven Trieben sagen lassen können, auf welche Pheromone wir anzuspringen haben. Wir tun es doch nur für die Kinder, die nicht aussehen sollen wie Monsterhöllengeburten.

Anyway. Was ich eigentlich sagen wollte: bei Frauen fällt mir diese Kategorisierung erheblich leichter. S macht die Bitches klar, ihr wisst Bescheid. Bei Männern ist das Einstufen immer ein bisschen auch Verzweiflungsakt, weil man plötzlich über Liga und Klassengesellschaft nachdenken muss sobald man einen Mann so gut aussehend findet, dass man sich Ponys und Regenbögen vorstellt. Bei Frauen geht das irgendwie klar, da kann man das, wenn man selber Angehörige dieser wahnsinnigen Zucht ist, einfach objektiver bewerten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es bei Frauen nur vier bis fünf wichtige Labels gibt, und die werde ich jetzt euch offenbaren. Vorarbeiten nennt man das.

Zuckertörtchen – die Frau, die niemals alt wird. Einfach unglaublich süß, mädchenhaft, versprüht eine Aura die leise BESCHÜTZ MICH schreit. Da denkt man nicht ans Ficken, Jungs. Da denkt man nur an Liebe machen am Sandstrand, und weiße Schimmel reiten, und sowas. Und ganz, ganz doll fest halten. Ladylike im Abendkleid, selbst wenn sie ihre Haare nur wild hochstecken sehen sie aus wie Cinderella. Ein umwerfendes, völlig entwaffnendes Lächeln. Frauen wollen ihre beste Freundin sein. Manchmal verprügel ich sie einfach. Aus Neid. Weil Zuckertörtchen keine Büffelhüften haben wie meine Wenigkeit. Und so niedlich zärtlich aussehen. Und nie Pickel hatten. Ja, man könnte sagen, Zuckertörtchen sind vom Aussterben bedroht und zwar nur Dank mir und den  Schlägerbitches mit Bartwuchs.

Fick-Mich-Gesichter – Fick Mich Gesichter sind die ÜBER Pornohauptdarsteller. Facettenreich, von braun bis blond, von groß bis klein, von Mediterran-Muschi bis Moskau-Madonna. Ausstrahlung ist hier der Schlüssel. Fick-Mich Gesichter haben meistens riesige Augen und tragen ständig Strapse. Man sieht das nicht, okay, man kann das nicht sehen, aber jede andere Frau im Umkreis von 500 km kann es mindestens fühlen, die schwarzen Sex-Strapsen, und schärft schon mal ihre Krallen für den Kampf um ihren Stecher. Penisse merken das auch, ohne irgendeine Emotion ihres Besitzers. Wenn man Zuckertörtchen und Fick-Mich Gesichter übrigens zusammenschmeisst, kriegt man meistens das urtypische Mann-Drama mit, dieses “Oh nein, das hier soll die Mutter meiner Kinder werden, aber ich bin so heiß auf das Fick-Mich-Gesicht aus meiner Firma!” Fick-Mich-Gesichter tragen damit viel Verantwortung und haben wahrscheinlich den größten Applaus verdient, weil sie sich durch alle Altersgruppen ziehen und chamäleonartig umschalten können, wenn es mal seriös gehen soll.

The Girl Next Door – Früher hießen The Girl Next Doors auch “Sporty Spice”, aber an die 90er will sich ja keiner mehr erinnern, und an Mel C, das olle Butterface, schon mal gar nicht. Deshalb hat man Mitte der 2000er diese ganz neue Hybridkategorie eingeführt, irgendwo zwischen Fick-Mich-Gesicht und Zuckertörtchen, sozusagen der unerreichbare Traumwagen der Pseudo-Unkonventionen. The Girl Next Door bekifft sich mit Typen, fickt herum, ohne jemals als Schlampe entlarvt zu werden, hört gute Musik, kennt sich eigentlich sowieso immer und überall aus und säuft andere unter den Tisch ohne danach contenancelos in die Ecke zu kotzen oder wahllos Schwänze zu lutschen. Im Gegeteil- bei sieben Promille lackiert sie sich die Fingernägel noch knallrot, drückt verwirrten Jungs einen dicken Kuss auf die Wange und geht ihren exzentrischen Hobbies (Busfahren, beispielsweise, wegen der Atmosphäre und so weiter) nach. Sie trägt Festivalbändchen und Hippiekleidchen oder Jogginghosen und Super-Sneaker. Sie ist hübsch, wird aber von Zuckertörtchen und Fick-Mich-Gesicht in den Schatten gestellt, und erst nach dem dritten hingucken von Kerlen ihres Alters bemerkt (ihre ausreichende sexuelle Erfahrung sammelte sie vor allem mit haarigen Männern mit gepflegten Moustaches). Wahrscheinlich macht sie Musik. Sie spielt Triangel. Sie könnte auch Zooey Deschanel heißen.

Butterface – Das Butterface ist eigentlich nur der weibliche Wingman, völlig unbedrohlich. Obwohl Butterface ja schon sehr diskriminierend ist, ist dieses Mädchen selten wirklich hässlich – ich meine, wer ist schon hässlich auf dieser Welt, jeder ist schön, außer deine Mutter – aber sie steht im Schatten ihrer Selbst, gefressen von Unsicherheiten und einer irgendwie porrös wirkenden Haut und damit wirkt sie automatisch hässlich. Männer können mit ihr nichts anfangen, weil sie so nervös wird bei einer Unterhaltung, dass sie anfängt zu stammeln und im nervösen high-pitch anfängt hysterisch zu lachen. Mit der Zeit wird sie zum Mauerblümchen. Sie entwickelt seltsame, geheime Fetische, die sie eines Tages mit ihrem glatzköpfigen Liebhaber ausleben kann. Sie ist sozusagen die Charlotte aus Sex and The City – mit mehr Komplexen. Wer es mit ihr aufnimmt und über die anfänglichen Hürden hinwegkommt, wird mit viel Zuneigung, viel Spaß, Spannung und Action belohnt, denn hier trifft der Spruch “Stille Wasser sind tief” ganz großartig zu.

Schlägerbitches – Sie reissen jedem dem Arsch auf, Männern, Frauen, Priestern, Müttern, Präsidenten, Chuck Norris. Die Schlägerbitch hat die größte Klappe, und will dir nur auf’s Maul hauen und schreien “HOL DEINEN BRUDER DU HURENSOHN”. Oh ja, Schlägerbitches- auf dem ersten Blick beeindruckend maskuline Ausstrahlung und beängstigende Muskelbespannung, aber irgendwo findet sich (nach vielen Schlachten, wenn man das denn herausfordern möchte) auch ein weicher Kern.. nicht, dass man danach mit weniger blauen Flecken davon kommt, aber sobald sich die Schlägerbitch auf deiner Seite befindet kommst du nie wieder als Verlierer aus einer dicken Klatscherei heraus. Schlägerbitches kann man übrigens sehr leicht mit Fick-Mich-Gesichtern verwechseln, weil sie genauso selbstsicher auftreten, allerdings würde ich jedem von diesem Fehler abraten. Schlägerbitches ergeben sich vor allem der Berufung als Dominatrix oder Cougar, was ich persönlich ja nur gutheißen kann.

Jungs; ihr könnt mir dankbar sein, dass ich das für euch so aufgebröselt habe. Ab sofort müsst ihr euch nie wieder fragen, ob das, was ihr fühlt, eigentlich rational erklärbar sein muss oder nicht. Huldigt mich, ich habe euch gerettet.

August 24th, 2010 Posted in Uncategorized | 51 Comments »

Horcrux

Obwohl ich schon immer wusste dass ich nach der Schule weggehen würde – weil ich alles und jeden hasste und nie richtige Freunde und Zusammenhalt fand – war es kurz vor meinem Umzug nach Berlin doch nicht so einfach. Plötzlich hatte ich einen Freundeskreis, plötzlich war es auch gut, zu Hause zu sein. Nachdem meine damals beste Freundin von unserem Plan absprang und ich mich auf einmal völlig alleine in dieser riesigen und beeindruckenden Stadt befand, war es so als hätte mir das Schicksal einen Streich spielen wollen. Es hat lange gedauert, bis ich darüber hinwegkam. Und jetzt, wo ich endlich angekommen bin, reise ich wieder aus in die weite Welt.

Vielleicht brauche ich das, damit dieser befürchtete Stillstand nie einsetzt, der mich geistig völlig lähmt; vielleicht ist das jetzt auch nur so weil ich jung bin und Entscheidungen treffe, die ich nicht richtig einschätzen kann. Ich nehme keine dieser Entscheidungen zurück: auch wenn es hart war, Berlin hat mir nicht nur gut getan sondern mein Wesen regelrecht verändert. Und auch wenn es jetzt erst mal hart wird, mein endlich, ENDLICH geschmücktes und vorbereitetes Nest zu verlassen, wird auch die Reise gut, keine Frage.

Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, meine Seele gerade ein bisschen aufzusplitten und meine Horcruxe in der Welt zu verteilen. Niemals richtig zum Atem gekommen sein. Nie wissen, wo ich nächstes Jahr bin – und obwohl ich das genau SO will, macht es mich auch völlig verrückt. Ich fange ja jetzt schon an zu planen, was nach der Reise ist, obwohl ich noch hier bin. Gleichzeitig möchte ich nichts darüber wissen, so verwirrend das klingen mag. Ich provoziere das geplante Chaos. Es wirkt verzerrt und kompliziert und auswegslos, aber für mich ist es ganz klar konstruiert und kontrolliert. Ich warte auf den Tag, an dem ich unerwartet, unbewusst stolpere und so tief falle und hart aufpralle wie noch nie in meinem Leben.

Diese Entscheidungen waren aus der Flucht heraus geboren; sie haben mich befreit, jedes Mal wieder haben sie mein Leben besser gemacht. Aber nicht, weil ich gegangen bin, sondern weil ich mir bewusst geworden bin, dass ich gehen kann wenn ich will. Vielleicht ist es auch das, was mich in dieser ganzen Beziehungswelt so aufhält, diese langen Strecken, aus denen man eben nicht mehr flüchten kann sobald man sich darauf eingelassen hat. Diese augenscheinliche Bewegungslosigkeit, der einem den Wind aus den Segeln nehmen will- ein anderes Leben zu führen, dass einen dazu zwingt, einen anderen Weg zu wählen, vielleicht sogar ein anderes Ziel. Einer der nicht schlechter ist, sondern anders und gefestigter. Wie soll man noch flüchten, wenn man die Verantwortung einer Familie oder eines Menschen auf den Schultern trägt? Wenn man gar keinen Grund hat zu flüchten und es trotzdem tut, um seine Seele zu beruhigen, so lächerlich es klingt? Und dabei tun wir gerade nichts lieber als in der Vergangenheit und in unserer Kindheit herumzuwühlen um vielleicht eines Tages ein bisschen zu verstehen, woher unsere Angst eigentlich rührt.

Ich und alle anderen sagen auch immer “du bist so jung”, aber so jung fühle ich mich gar nicht mehr. Es liegt alles vor mir, jede Möglichkeit mein Leben zu gestalten, und ich entscheide mich bewusst gegen Commitment, egal ob es um Arbeit, um Freundschaften, um Beziehungen, um Familie geht. Vielleicht komme ich davon eines Tages weg. Aber die traurige Wahrheit ist: ich wäre nicht die erste, die es nicht schafft. Ich sehe mich selbst in zehn Jahren an der selben Stelle herumtreten wie jetzt, wo man es noch entschuldigen kann, und der chaotischen, nie festgelegten Unendlichkeit hinterherrennen ohne jemals eine richtige Berechnung angestellt zu haben, ohne mal angehalten und nach dem Weg gefragt zu haben: im Alleingang, Top-Speed, mit flüchtigen Bekanntschaften und einem Hustenanfall auf halber Strecke.

Und in zehn Jahren immer noch alleine und festgebunden an meine “Freiheit”. Genauso festgebunden wie man in einer Beziehung wäre; nur einsamer.

Wie es sich anfühlt.

August 23rd, 2010 Posted in Crystal Meth | 4 Comments »