A Facebook Romance

Veröffentlicht May 4, 2011

Facebook ist ein Segen und ein Fluch gleichzeitig. Einerseits bin ich froh, mich mit so vielen Menschen auf meinem Weg durch das elendig lange und von Idioten bespickte Leben vernetzen zu können, und andererseits schrecke ich dann doch wieder vor Entsetzen zurück, wenn ich mir die Ausmaße der Menschheit in so unmittelbarer Nähe zu Gemüte führen kann. Da wäre zum Beispiel Sabrina, meine beste Freundin aus der Grundschule, die heute ihren Lebensabend (mit 22) damit verbringt, Bier zu saufen und die Frankfurter Eisbären zu befeiern. Jedes Bild ist im Trikot, und Statusupdates… hier nun einer als Beispiel:

“Ain’t No Sunshine.. Ohne Eishockey”.

Nun habe ich ja nichts gegen Eishockey. Aber wenn der Rest nur aus “Krebs, dein Tageshoroskop” und “Sabrina liked Osama Bin Laden ist Tot, der Alte Hurensohn hat’s verdient”, dann stellt sich durchaus die Frage: wieso? Wieso tu ich mir das an? Und die Antwort ist ganz klar auf der Hand und als einzige gültig: damit ich mich besser fühle darin, dass ich nicht so bin.

So viel Ehrlichkeit muss man sich ja auch zur Abwechslung mal eingestehen. Es ist auch gleichzeitig bizarr, dass ihr Leben (genau so wie meins für sie wahrscheinlich) einfach so unfassbar anders ist und mich das irgendwie an- und doch wieder abtörnt.

Aber Facebook begleitet mich bei vielen anderen Dingen ja auch. Wie etwa auf meinen Reisen, und die Freunde, die man unterwegs für’s Leben macht, bleiben tatsächlich auch für’s Leben, denn man macht sich im News Feed der jeweils anderen bemerkbar. Und schon hat man Networking Galore. Hat jemand einen Kleiderschrank übrig? Will jemand mit mir in den Urlaub? Kann mir jemand einen Job besorgen? Ab 500+ Freunde sollten alle Probleme eigentlich geregelt sein.

Nur eine Sache, eine klitzekleine Sache, hält mich von der ultimativen Facebook-Devotion ab, nämlich die Frage, ab wann man Menschen eigentlich adden sollte und überhaupt, in welcher Situation findet sich das richtige Ausmaß an Kommunikation? Angenommen, man trifft einen interessanten, vielleicht auch sexuell anregenden Menschen auf der Straße (oder auf einer Party) und man unterhält sich über ein paar gemeinsame Themen (oder fällt sich im absoluten Endsuff um den Hals und übt den regen Speichelaustausch) und tauscht dann Nummern aus, um das ganze Spiel zu wiederholen (oder um endlich Geschlechtsverkehr zu praktizieren). Wenn man diese Person JETZT nach seinem Facebook Profil fragt, kann unweigerlich nur eines passieren: man stalkt. Man beobachtet. Man wittert ob es passt oder nicht anhand von Status Updates. Sie lügen nicht, die Status Updates. Die Likes auch nicht. Die Profilbilder kann man getrost ignorieren, die getaggten Bilder sind das, was zählt.

Und schon ist eine zuckersüße, intellektuelle Freundschaft (oder eine heiße Affäre mit einem heißen Typen) gestorben, weil er in seinem Profil auflistet, dass er an der Weltuntergangsparty 2012 teilnimmt und Stone Cold Steve Austin als Vorbild angibt. Sein Profilzitat ist “Kein Schwanz ist so hart wie das Leben” und ich kotze mir ein bisschen in den Mund. Der Mann, der alle Chancen bei mir hatte, hat sein Facebook Profil mit dem unsäglichen Inneren seines Hirnes vergewaltigt und damit wurde jeder Kontakt abgebrochen.

Männer, Frauen dieser Welt, hört mir zu. Wenn ihr euer Facebookprofil nicht mysteriös, ein bisschen interessant und auf gar keinen Fall ehrlich gestaltet (wenn ihr nicht gerade ehrlich eine coole Sau seid), dann traut euch erst über dieses Medium zu kommunizieren, wenn ihr schon bei Base 4 wart und eure Hosen gerade wieder anzieht. Wirklich. Denn auch diesmal muss unsere Protagonistin hier ohne GV auskommen, und ich weiß nicht direkt, ob ich Facebook dafür danken oder verfluchen soll.

 
 

Decorate

Veröffentlicht February 15, 2011

Das ist jetzt ungefähr vier Männer her, dass ich in meinem Leben die Bremse gezogen und gesagt habe “okay, vergiss es, das wird nichts, konzentriere dich auf andere Dinge”, und seit dem passiert nichts anderes als eine emotionale Achterbahn, die mich von einem zum nächsten schmeisst und ich das immer erst bemerke wenn es schon viel zu spät ist.

Es gibt da diesen einen, der mich nicht in Ruhe lässt. Physisch. Den ich mehr will als alles andere gerade — der aber nicht da ist. Und es gibt den anderen, der eine Mensch, der mich unter tausenden von Menschen so ungefragt berührt hat, mit dem ich Zeit verbringen will — aber nicht darf. Und dann gibt es da noch den Typen, der mich aus diesen unschuldigen Augen anguckt und nicht weiß, was er falsch gemacht hat, und ich blicke zurück und hoffe auf der Stelle tot umzufallen weil ich es ihm nicht sagen kann.

Die einzige Moral, die ich bezüglich Männern aus den vergangenen 12 Monaten für den Rest meines Lebens mitnehmen darf, ist dass ich ein Beziehungskiller für alle Beziehungen um mich herum bin, dass ich es selbst nicht schaffe zu formulieren, was ich überhaupt möchte, dass ich immer erst merke, dass mich jemand will, wenn es schon viel zu spät ist, dass ich immer erst jemanden will, wenn es schon viel zu spät ist, dass ich in all meinem Elan darin ein guter Freund zu sein manchmal vergesse, dass ich Brüste habe und kein kleines Kind mehr bin das sich nach Wärme und Streicheleinheiten sehnt.

Als wäre es so schwer, einfach mal den Kopf auszuschalten und nicht darüber nachzudenken.

Decorate · Kategorien: Chaosplanet · 8 Kommentare
 
 

Abschied

Veröffentlicht September 23, 2010

Zwei Jahre Berlin, und alles, was mir die Stadt beigebracht hat, ist den Mittelfinger dick gegen alles zu richten, was keinen Bock auf dich hat. Freunde, die einen im Endspurt mit Unverständnis begegnen und verlassen, ohne auch nur einmal nachzufragen, was eigentlich los ist – fickt euch. Eine Leistungsgesellschaft, die den emotionalen Zusammenbruch herbeiführt – fickt euch. Menschen, die so viel Bitterkeit in all ihren Taten vermitteln, so viel Hass und Neid in ihren Stimmen tragen, dass man sich verantwortlich für das Leid aller Menschen fühlt – fickt euch.

Ich wollte Berlin mit einer weißen Weste verlassen, um irgendwann in Ruhe zurückkehren zu können. Ich wollte nicht flüchten, aber fick die weiße Weste. Ich habe Scheisse gebaut, ja, aber das war nicht unverzeihlich. Ich war rücksichtslos, ja, aber auch nicht über die Normen einer Freundschaft hinaus. Ich habe bestimmt auch Versprechen gebrochen, aber nicht halb so viele wie ihr. Nein, der einzige Unterschied zwischen jetzt und früher ist, dass auch mir bewusst wurde, dass ich nicht Everybodys Darling sein kann. Und wenn ihr euch als die Leidtragenden seht – dann verdammt noch mal, fickt euch einfach. Danke für die zweite Chance, die ihr mir nie gegeben habt. Danke, dass ihr mich nicht mal gefragt habt, wie es mir geht. Danke, dass ihr mir beigebracht habt, ein schlechtes Urteil über mich einfach auch stehen lassen zu können. Nein, diesmal rechtfertige ich mich nicht, und ich werde mich auch nicht mehr entschuldigen. Ihr wollt unsere Freundschaft in die Tonne treten und abrechnen? Verdammt, ja, tut es. Ich habe noch zehn Tage in diesem Land, und ich werde einen Scheiss drum kämpfen. Nicht so, nicht mehr. It takes two. Und wenn ihr wollt, trete ich auch noch mal rein. Richtig fest. Mit Eisen an den Sohlen.

Was sich so negativ anhört ist verdammt befreiend. Mich kettet nichts fest. Ich bin bereit, diese befleckte Weste mitzunehmen, und noch mehr Blut an ihr zu verlieren. Ich bin völlig bereit dazu, mein altes Leben, diese zwei Jahre der gepflegten Ordnung und der Aufopferung für die Arbeit und für das Alleinsein-Ding aufzugeben und alles in die Luft zu sprengen, was mir dabei im Weg steht, weil ich verdammt noch mal sowieso niemandem mehr gerecht werden kann. Ich war 21 Jahre alt, und ihr habt mich ständig gelobt dafür, wie erwachsen ich doch bin und wirke. Wisst ihr was? Heute bin ich 22. Happy fucking Birthday. Und ich scheisse auf’s Erwachsensein, wenn das bedeutet, dass ich mir nie wieder einen Fehltritt erlauben darf.

Danke Berlin, danke an alle, die mich begleitet haben – egal ob nur temporär oder für immer bleibend – danke für eine schöne Zeit, für eine furchtbare Zeit, für viel, viel bittersüße Stimmung im Abgang und ein herzliches FICK DICH an alles, was bisher geschah. Am 3. Oktober geht mein Flug ins Chaos. Ihr seid herzlich eingeladen, mir beim Scheitern zuzugucken.

 
 

Protected: Young Modern Life

Veröffentlicht August 26, 2010

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Big Pimpin’

Veröffentlicht August 24, 2010

Ihr kennt das: man kommt in einen Raum rein und stuft die sich darin befindlichen Menschen direkt ein. Jeder hat dafür seine eigenen Kategorien, aber – wir sind erwachsen, wir dürfen jetzt ehrlich sein und das mit den Märchenwelten ausblenden – eigentlich kommt es nur auf sehr wenige Abstufungen an. Davon ganz unten “Oh Gott gib mir mein Augenlicht zurück”, in der goldenen Mitte “Hmm kann man machen” und natürlich die heiligste aller heiligen und seltenen Kategorien “Muss ich SOFORTwegballern sonst fallen mir die Klöten ab.”

Jetzt werden vor allem viele Gentlemen und -women der älteren Generationen erschrocken und gar empört erwidern, dass ich ja nicht alle Tassen im Schrank hätte und mit meinen Worten wieder nur provozieren möchte, aber, ey, sorry: wenn das nicht jeder so macht, dann lass ich mich direkt einweisen. Wir sind hier in der Gruppentherapie. Ich möchte damit auch gar nicht behaupten, dass man auf diese kategorische Zuweisung unbedingt handelt. Bei manchen Typen kann man das gezielt beobachten, bei Frauen ebenso (auch, wenn das zumeist subtiler ausfällt). Nicht alle reagieren. Aber machen wir uns nichts vor: diese Zuweisungen sind wichtig, damit wir im Leben klar kommen und uns von unseren instinktiven Trieben sagen lassen können, auf welche Pheromone wir anzuspringen haben. Wir tun es doch nur für die Kinder, die nicht aussehen sollen wie Monsterhöllengeburten.

Anyway. Was ich eigentlich sagen wollte: bei Frauen fällt mir diese Kategorisierung erheblich leichter. S macht die Bitches klar, ihr wisst Bescheid. Bei Männern ist das Einstufen immer ein bisschen auch Verzweiflungsakt, weil man plötzlich über Liga und Klassengesellschaft nachdenken muss sobald man einen Mann so gut aussehend findet, dass man sich Ponys und Regenbögen vorstellt. Bei Frauen geht das irgendwie klar, da kann man das, wenn man selber Angehörige dieser wahnsinnigen Zucht ist, einfach objektiver bewerten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es bei Frauen nur vier bis fünf wichtige Labels gibt, und die werde ich jetzt euch offenbaren. Vorarbeiten nennt man das.

Zuckertörtchen – die Frau, die niemals alt wird. Einfach unglaublich süß, mädchenhaft, versprüht eine Aura die leise BESCHÜTZ MICH schreit. Da denkt man nicht ans Ficken, Jungs. Da denkt man nur an Liebe machen am Sandstrand, und weiße Schimmel reiten, und sowas. Und ganz, ganz doll fest halten. Ladylike im Abendkleid, selbst wenn sie ihre Haare nur wild hochstecken sehen sie aus wie Cinderella. Ein umwerfendes, völlig entwaffnendes Lächeln. Frauen wollen ihre beste Freundin sein. Manchmal verprügel ich sie einfach. Aus Neid. Weil Zuckertörtchen keine Büffelhüften haben wie meine Wenigkeit. Und so niedlich zärtlich aussehen. Und nie Pickel hatten. Ja, man könnte sagen, Zuckertörtchen sind vom Aussterben bedroht und zwar nur Dank mir und den  Schlägerbitches mit Bartwuchs.

Fick-Mich-Gesichter – Fick Mich Gesichter sind die ÜBER Pornohauptdarsteller. Facettenreich, von braun bis blond, von groß bis klein, von Mediterran-Muschi bis Moskau-Madonna. Ausstrahlung ist hier der Schlüssel. Fick-Mich Gesichter haben meistens riesige Augen und tragen ständig Strapse. Man sieht das nicht, okay, man kann das nicht sehen, aber jede andere Frau im Umkreis von 500 km kann es mindestens fühlen, die schwarzen Sex-Strapsen, und schärft schon mal ihre Krallen für den Kampf um ihren Stecher. Penisse merken das auch, ohne irgendeine Emotion ihres Besitzers. Wenn man Zuckertörtchen und Fick-Mich Gesichter übrigens zusammenschmeisst, kriegt man meistens das urtypische Mann-Drama mit, dieses “Oh nein, das hier soll die Mutter meiner Kinder werden, aber ich bin so heiß auf das Fick-Mich-Gesicht aus meiner Firma!” Fick-Mich-Gesichter tragen damit viel Verantwortung und haben wahrscheinlich den größten Applaus verdient, weil sie sich durch alle Altersgruppen ziehen und chamäleonartig umschalten können, wenn es mal seriös gehen soll.

The Girl Next Door – Früher hießen The Girl Next Doors auch “Sporty Spice”, aber an die 90er will sich ja keiner mehr erinnern, und an Mel C, das olle Butterface, schon mal gar nicht. Deshalb hat man Mitte der 2000er diese ganz neue Hybridkategorie eingeführt, irgendwo zwischen Fick-Mich-Gesicht und Zuckertörtchen, sozusagen der unerreichbare Traumwagen der Pseudo-Unkonventionen. The Girl Next Door bekifft sich mit Typen, fickt herum, ohne jemals als Schlampe entlarvt zu werden, hört gute Musik, kennt sich eigentlich sowieso immer und überall aus und säuft andere unter den Tisch ohne danach contenancelos in die Ecke zu kotzen oder wahllos Schwänze zu lutschen. Im Gegeteil- bei sieben Promille lackiert sie sich die Fingernägel noch knallrot, drückt verwirrten Jungs einen dicken Kuss auf die Wange und geht ihren exzentrischen Hobbies (Busfahren, beispielsweise, wegen der Atmosphäre und so weiter) nach. Sie trägt Festivalbändchen und Hippiekleidchen oder Jogginghosen und Super-Sneaker. Sie ist hübsch, wird aber von Zuckertörtchen und Fick-Mich-Gesicht in den Schatten gestellt, und erst nach dem dritten hingucken von Kerlen ihres Alters bemerkt (ihre ausreichende sexuelle Erfahrung sammelte sie vor allem mit haarigen Männern mit gepflegten Moustaches). Wahrscheinlich macht sie Musik. Sie spielt Triangel. Sie könnte auch Zooey Deschanel heißen.

Butterface – Das Butterface ist eigentlich nur der weibliche Wingman, völlig unbedrohlich. Obwohl Butterface ja schon sehr diskriminierend ist, ist dieses Mädchen selten wirklich hässlich – ich meine, wer ist schon hässlich auf dieser Welt, jeder ist schön, außer deine Mutter – aber sie steht im Schatten ihrer Selbst, gefressen von Unsicherheiten und einer irgendwie porrös wirkenden Haut und damit wirkt sie automatisch hässlich. Männer können mit ihr nichts anfangen, weil sie so nervös wird bei einer Unterhaltung, dass sie anfängt zu stammeln und im nervösen high-pitch anfängt hysterisch zu lachen. Mit der Zeit wird sie zum Mauerblümchen. Sie entwickelt seltsame, geheime Fetische, die sie eines Tages mit ihrem glatzköpfigen Liebhaber ausleben kann. Sie ist sozusagen die Charlotte aus Sex and The City – mit mehr Komplexen. Wer es mit ihr aufnimmt und über die anfänglichen Hürden hinwegkommt, wird mit viel Zuneigung, viel Spaß, Spannung und Action belohnt, denn hier trifft der Spruch “Stille Wasser sind tief” ganz großartig zu.

Schlägerbitches – Sie reissen jedem dem Arsch auf, Männern, Frauen, Priestern, Müttern, Präsidenten, Chuck Norris. Die Schlägerbitch hat die größte Klappe, und will dir nur auf’s Maul hauen und schreien “HOL DEINEN BRUDER DU HURENSOHN”. Oh ja, Schlägerbitches- auf dem ersten Blick beeindruckend maskuline Ausstrahlung und beängstigende Muskelbespannung, aber irgendwo findet sich (nach vielen Schlachten, wenn man das denn herausfordern möchte) auch ein weicher Kern.. nicht, dass man danach mit weniger blauen Flecken davon kommt, aber sobald sich die Schlägerbitch auf deiner Seite befindet kommst du nie wieder als Verlierer aus einer dicken Klatscherei heraus. Schlägerbitches kann man übrigens sehr leicht mit Fick-Mich-Gesichtern verwechseln, weil sie genauso selbstsicher auftreten, allerdings würde ich jedem von diesem Fehler abraten. Schlägerbitches ergeben sich vor allem der Berufung als Dominatrix oder Cougar, was ich persönlich ja nur gutheißen kann.

Jungs; ihr könnt mir dankbar sein, dass ich das für euch so aufgebröselt habe. Ab sofort müsst ihr euch nie wieder fragen, ob das, was ihr fühlt, eigentlich rational erklärbar sein muss oder nicht. Huldigt mich, ich habe euch gerettet.

Big Pimpin’ · Kategorien: Uncategorized · 51 Kommentare
 
 

Horcrux

Veröffentlicht August 23, 2010

Obwohl ich schon immer wusste dass ich nach der Schule weggehen würde – weil ich alles und jeden hasste und nie richtige Freunde und Zusammenhalt fand – war es kurz vor meinem Umzug nach Berlin doch nicht so einfach. Plötzlich hatte ich einen Freundeskreis, plötzlich war es auch gut, zu Hause zu sein. Nachdem meine damals beste Freundin von unserem Plan absprang und ich mich auf einmal völlig alleine in dieser riesigen und beeindruckenden Stadt befand, war es so als hätte mir das Schicksal einen Streich spielen wollen. Es hat lange gedauert, bis ich darüber hinwegkam. Und jetzt, wo ich endlich angekommen bin, reise ich wieder aus in die weite Welt.

Vielleicht brauche ich das, damit dieser befürchtete Stillstand nie einsetzt, der mich geistig völlig lähmt; vielleicht ist das jetzt auch nur so weil ich jung bin und Entscheidungen treffe, die ich nicht richtig einschätzen kann. Ich nehme keine dieser Entscheidungen zurück: auch wenn es hart war, Berlin hat mir nicht nur gut getan sondern mein Wesen regelrecht verändert. Und auch wenn es jetzt erst mal hart wird, mein endlich, ENDLICH geschmücktes und vorbereitetes Nest zu verlassen, wird auch die Reise gut, keine Frage.

Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, meine Seele gerade ein bisschen aufzusplitten und meine Horcruxe in der Welt zu verteilen. Niemals richtig zum Atem gekommen sein. Nie wissen, wo ich nächstes Jahr bin – und obwohl ich das genau SO will, macht es mich auch völlig verrückt. Ich fange ja jetzt schon an zu planen, was nach der Reise ist, obwohl ich noch hier bin. Gleichzeitig möchte ich nichts darüber wissen, so verwirrend das klingen mag. Ich provoziere das geplante Chaos. Es wirkt verzerrt und kompliziert und auswegslos, aber für mich ist es ganz klar konstruiert und kontrolliert. Ich warte auf den Tag, an dem ich unerwartet, unbewusst stolpere und so tief falle und hart aufpralle wie noch nie in meinem Leben.

Diese Entscheidungen waren aus der Flucht heraus geboren; sie haben mich befreit, jedes Mal wieder haben sie mein Leben besser gemacht. Aber nicht, weil ich gegangen bin, sondern weil ich mir bewusst geworden bin, dass ich gehen kann wenn ich will. Vielleicht ist es auch das, was mich in dieser ganzen Beziehungswelt so aufhält, diese langen Strecken, aus denen man eben nicht mehr flüchten kann sobald man sich darauf eingelassen hat. Diese augenscheinliche Bewegungslosigkeit, der einem den Wind aus den Segeln nehmen will- ein anderes Leben zu führen, dass einen dazu zwingt, einen anderen Weg zu wählen, vielleicht sogar ein anderes Ziel. Einer der nicht schlechter ist, sondern anders und gefestigter. Wie soll man noch flüchten, wenn man die Verantwortung einer Familie oder eines Menschen auf den Schultern trägt? Wenn man gar keinen Grund hat zu flüchten und es trotzdem tut, um seine Seele zu beruhigen, so lächerlich es klingt? Und dabei tun wir gerade nichts lieber als in der Vergangenheit und in unserer Kindheit herumzuwühlen um vielleicht eines Tages ein bisschen zu verstehen, woher unsere Angst eigentlich rührt.

Ich und alle anderen sagen auch immer “du bist so jung”, aber so jung fühle ich mich gar nicht mehr. Es liegt alles vor mir, jede Möglichkeit mein Leben zu gestalten, und ich entscheide mich bewusst gegen Commitment, egal ob es um Arbeit, um Freundschaften, um Beziehungen, um Familie geht. Vielleicht komme ich davon eines Tages weg. Aber die traurige Wahrheit ist: ich wäre nicht die erste, die es nicht schafft. Ich sehe mich selbst in zehn Jahren an der selben Stelle herumtreten wie jetzt, wo man es noch entschuldigen kann, und der chaotischen, nie festgelegten Unendlichkeit hinterherrennen ohne jemals eine richtige Berechnung angestellt zu haben, ohne mal angehalten und nach dem Weg gefragt zu haben: im Alleingang, Top-Speed, mit flüchtigen Bekanntschaften und einem Hustenanfall auf halber Strecke.

Und in zehn Jahren immer noch alleine und festgebunden an meine “Freiheit”. Genauso festgebunden wie man in einer Beziehung wäre; nur einsamer.

Wie es sich anfühlt.

Horcrux · Kategorien: Chaosplanet · 4 Kommentare
 
 

Mr. Nice Guy

Veröffentlicht June 4, 2010

Und das hier ist der Grund. Nicht, weil wir dumme, kleine Blondinchen sind. Nicht, weil wir Schlampen sind und nicht, weil wir ausschließlich auf Arschlöcher stehen. Sondern weil es komplizierter ist, weil es keine Illusion ist, weil weder Frauen noch Männer der Illusion entsprechen, die wir so jung schon vermittelt bekommen. Es ist, wie es ist. Mr. Nice Guy und The Girl Next Door sind die Verlierer. Und vielleicht ist es auch besser so.

[via]

Mr. Nice Guy · Kategorien: Realwelt · 9 Kommentare
 
 

j.kinski

Veröffentlicht April 19, 2010

Im j.kinski warten wir auf dampfende Honey Mustard Burger in mehlig-knusprigem Ciabatta-Brot mit Kartoffelspalten, warten auf unsere Drinks, lauschen den leisen, ehrlich, kalkbrenneresken Beats aus den Winkeln der himmelblau-violett gestrichenen Wänden und sind uns einig, dass wir der Liebe und dem Spiel, dessen Regeln Viele nicht folgen wollen und können, auf die Schliche gekommen sind.

Unsere Regeln sind wertlos. Die Gläser sind leer, die Burger werden zwischen unseren Kiefern zermalmt und eine kleine braun-weiß-gefleckte Dogge streift unseren Tisch zu unseren Füßen. Keine Regeln für die Liebe, wenn sie ungreifbar ist; und ja, sie ist greifbar. Sie ist greifbar, ohne ihren Zauber, ohne ihren Trick zu verraten.

Wie unsagbar gleich alles geblieben ist, wenn sich Menschen im Lieben verlieren wollen, aber aus irgendeinem Grund alles dafür tun, um eben das zu verhindern. Und es ist so unglaublich schwierig herauszufinden, was in dem Kopf des Anderen passiert, der einem das Wasser abgräbt, nicht weiß wohin.

Drink Nummer 2. Die Regeln sind radikal und jeder hat seine Blaupause dafür, wenn es darum geht, wie und ob man was zu entscheiden hat. Menschen sagen sie lieben einen und dann spüren die anderen das gar nicht. Vielleicht liegt das daran, dass sich Menschen, die es sagen eigentlich nur in das Gefühl verliebt haben und es eigentlich nicht teilen wollen.

Wir kauen zu Ende und bündeln unsere naiven Erkenntnisse über das größte Geheimnis der Zwischenmenschlichkeit. Die kühle Luft von draußen weht durch die geöffnete Tür des j.kinski und kühlt unsere Köpfe. Alles, was du ihr zu sagen hast, sagst du:

ziemlich viel was du da verlangst. ich kann nichts versprechen. und wenn es jetzt das vorerst letzte ist was du von mir hören wirst. es vielleicht dir weh tut oder einfach dumm von mir ist. ich liebe dich. werde glücklich und sei das glück der anderen.”

Es ist so, dass wenn jemand sich dafür entschieden hat, sich nicht zu entscheiden, dann steht man als der Andere auf einer ganz schlechten Position, in der man so wenig richtig und so viel falsch machen kann. Man kann in den Kopf des Unentschlossenen nicht rein sehen. Man weiß nur, da passiert etwas, das einem vorenthalten wird. Als würde man sein Ohr an die Außenwand einer großen Fabrik aus rotem Backstein legen mit dampfenden Essen und horchen, was darin produziert wird. Man hört Lärm, aber es reicht einfach nicht aus um genau zu bestimmen, was es ist.

Sowas kann einen wahnsinnig machen.

Wir zahlen. Tequila Silber zum Abschied. Ich ziehe meine blaue Jacke an und rieche schmerzenden Zigarettenqualm draußen, der sich aus rauchenden Aschenbechern das letzte Mal regt.

Danke B+. Auch für die Drinks.

Wir sind ein Stück voran gekommen. Es hat uns nicht schlauer gemacht. Nur ratloser. Aber lieber die Bewegung erzwingen, als den Stillstand zu akzeptieren.

j.kinski · Kategorien: Chaosplanet · 7 Kommentare
 
 

Rückwärts

Veröffentlicht March 24, 2010

Du bist mir egal.

Ich blättere das Fotoalbum hektisch durch, ich suche nach einem bestimmten, dem Foto, das, auf dem ich mit meinen Eltern bin, ich brauche es schnell. Erst nach vielen Minuten der Suche fällt mir auf, dass ich an deinen Bildern völlig uninteressiert vorbeigeblättert habe. Ich bin verdutzt, weil es mir das noch nie passiert war. Ich denke nicht lange darüber nach und suche weiter.

Ich spüre nichts.

Mein Telefon klingelt, dein Name ist auf dem Display, ich bin gerade mit Freunden in einer Bar, kurz vor Aufbruch zum nächsten Ort. Ein kurzer Stich irgendwo, aber ich lasse es weiterklingeln. Zwei Sekunden später habe ich es schon vergessen.

Du bist viel zu spät.

Der Schmerz ist noch zu spüren, vor allem, wenn ich die alten Songs höre oder mit Leuten darüber rede, wann wir mal wieder was machen und wer dabei ist und dein Name fällt. Ich muss mir manchmal noch in den Kopf rufen, dass ich es war, ich hatte keine Lust mehr, keine Nerven, keine Geduld, und dass die Dinge jetzt gut so sind, wie sie sind. Wir brauchen uns nicht. Ich brauche dich nicht.

Ich bin frei.

Ich vermisse dich. Auch, wenn ich dabei weinen muss, wenn ich daran denke wie es zum Schluss war, ich vermisse dich und das Gefühl der Hoffnung, dass es jemals wieder so werden könnte wie früher. Das denkt man ja immer so: dass es irgendwann wieder so wird wie damals, als es noch gut war, frisch, neu, unentdeckt, unausgenutzt. Es war meine Entscheidung, diese Hoffnung abzutreten.

Ich will nicht darüber reden.

Wir können nur darüber telefonieren, über diese endgültige Sache, über das “ich will nicht mehr”, das ich nach so vielen Jahren endlich aus mir herausbekomme. Du bist unendlich weit weg, und ich frage mich, ob ich dir das auch von Angesicht zu Angesicht so hätte sagen können. Ich sehe uns selber beim Streiten zu, wie ich versuche, ruhig und sachlich zu erklären, was du mir angetan hast und warum ich nicht mehr weitermachen werde, aber ich höre nichts. Die Szene ist stumm. Ich kann nur sehen, wie du anfängst zu weinen, wütend bist, mich wegstößt. Ich blicke nicht verschämt weg, denn ich weiß, dass du nicht um mich, sondern um dein Ego weinst.

Ich kann einfach nicht mehr.

Warten. Das ist unsere Beziehung geworden. Ich warte auf dich, darauf, dass du anrufst, dich meldest, oder wenigstens ab und zu darauf reagierst, wenn ich mich bei dir melde. Ich warte darauf, dass du deine Versprechen einlöst, ich warte darauf, dass du Entschuldigung sagst, ich warte darauf, dass du mir gratulierst, ich warte darauf, dass du mich anlächelst, ich warte darauf, dass ich wieder ein Teil deines Lebens werde, ich warte darauf, dass du auch mal auf mich wartest. Ich merke, wie ich erkalte, in Anbetracht des Schmerzes, den du mir zufügst. Mir ist es nicht egal, mir tut es weh, aber das merkst du nicht, obwohl ich es dir nicht zum ersten Mal sage.

Wenn ich an dich denke, werde ich wütend.

Ich rufe dich an um dir etwas zu erzählen, aber du unterbrichst mich schon nach wenigen Sekunden und fängst an zu reden, über die Dinge, die dir passiert sind, über die Ungerechtigkeit der Welt und die Depressionen und die schweren Zeiten und die ganzen Probleme. Ich höre dir zu und bin geduldig, so, wie man sein sollte, wenn einem etwas wichtig ist. Ich gebe dir mein Feedback. Ich überlege kurz, ob ich dich darauf aufmerksam machen sollte, dass wir schon seit Stunden telefonieren und ich noch kein einziges Mal gefragt wurde, wie es mir eigentlich geht, aber du lebst in deiner eigenen kleinen Blase. Ein bisschen gelangweilt bin ich, weil ich mir das schon siebentausendsten Mal anhören muss, und sich nie etwas ändert. Ich wollte dir dabei helfen, etwas zu ändern. Du hast mich nicht gelassen. Wir streiten uns, du wirst sauer auf mich, aber ich weiß nicht wieso.

Ich freue mich darauf endlich wieder mit dir zu telefonieren.

Wir sitzen in deinem Auto, fahren an unseren liebsten Ort, und singen zu alten, kitschigen Songs während die Sonne uns auf den Kopf scheint und wir das Leben genießen. Wir lachen darüber, das alles so einfach ist. Morgen fahre ich endgültig weg, ein kurzfristiger Abschied, eigentlich hättest du mitkommen sollen, aber du hast dich kurzfristig anders entschieden. Ich kann mich nicht dazu aufraffen, wütend zu sein, dein Leben ist schon schwierig genug, auch ohne dass ich dir Vorwürfe machen muss.

Du sagst mir, dass du nicht mitkommst.

Ich bewerfe dich mit Papierkügelchen und du regst dich darüber auf. Wir lachen, uns geht es gut. Der Sommer hat gerade begonnen. Wir haben große Ziele. Wir werden für immer zusammen sein. Nein, es ist nicht immer gut, aber wir bleiben für immer zusammen. Ich weiß das jetzt.

Auch wenn du mir weh tust.

Du lässt mich, wie oft, im Regen stehen. Du tauchst nicht auf. Ich zwinge mich dazu, nicht wütend zu werden; das hast du nicht verdient. Alles ist in Ordnung. Als wir uns endlich wiedersehen, zuckst du mit den Schultern: ist ja auch nicht schlimm. Und es stimmt: ist ja auch nicht schlimm.

Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich.

Sie reden über uns und darüber, wie gut wir zusammen sind. Sie reden darüber, wie viel Spaß wir haben, wie viel gute Laune wir verbreiten, und ich komme nicht umher dich zu bewundern: für deinen Humor und für deine Ausdrucksstärke, für deine Freunde und für deine Macht, vor allem über mich.

Du versetzt mich, aber es macht nichts.

Wir tun verbotene Dinge. Wir lachen. Ich bin überrascht darüber, dass du das mit mir durchziehst. Ich hätte dich niemals so eingeschätzt. Du bist unglaublich spontan und ich mag das. Deine Wegwerfmentalität und dein Achselzucken sind großartig, endlich jemand, der Eier hat.

Ich will dir imponieren.

Du schaust mich wissend an. Wir trauen uns nicht, zu grinsen, weil uns das wirklich Stress einbringen könnte. Wir sind wie gemacht füreinander. Und dir ist das auch klar. Das wird gut.

Ich will wissen wer du bist.

Wir rennen ineinander, du guckst mich völlig verwirrt an. Ich frage mich, wer du bist, und wieso ich dich noch nie hier gesehen habe. Du sagst irgendwas, aber ich kann mich nur darauf konzentrieren, wie viel Ausstrahlung du hast. Ich sage dir meinen Namen, während deine Freunde dich schon weiterziehen. Du blickst dich noch mal nach mir um, winkst mir lachend zu, und dann bist du weg. Wer bist du?

 
 

Als wir beide waren

Veröffentlicht March 8, 2010

Manchmal müssen wir uns vom Glauben an eine vorbestimmte Konvergenz, zwischen einem selbst und einer anderen Person, verabschieden. Der Zeitpunkt, der so kleine Veränderungen in der Liebe radikal verdreht, aus Plus ein Minus macht und so, der schleicht auf leisen Sohlen. Und schnell ist er auch, denn wenn man sich Hand in Hand gehend schnell umdreht um zu schauen, dass bisher alles okay und cool gewesen war, dann verschwindet dieser Zeitpunkt ratzefatz hinter einem Gebüsch und lacht sich ins Fäustchen: „Tanzt ihr Marionetten, tanzt!“.

Man dreht sich wieder um und ist stolz darauf, dass man von der Glückskeks-Weisheit nicht enttäuscht wurde: Liebe bedeutet nicht, sich gegenseitig mit rosaroter Brille anzuschauen. Es bedeutet in dieselbe Richtung zu blicken. Hand in Hand. Weisheiten, die von Liebe handeln, wurden von einsamen und ungeliebten Menschen geschrieben, die ihre innersten Sehnsüchte aufs Papier bringen mussten. Fickt euch.

[via bferry]

Und so sitzen wir beide wieder einmal beim Chinesen an der Ecke, essen Xiang Cai und Dim Sum, Nr. 27 und 54, zum hundertsten Mal und füllen das Schweigen mit Lächeln und vereinzelten Gedankenfetzen, die nicht zusammenhängen. Zwei Wochen und vier chinesische Gerichte später eröffnest du mir, dass du keine Perspektive mehr in unserer Beziehung siehst, dass du Angst hast, dass das schon alles gewesen sein soll. Wir beide wissen, dass du keine Angst davor hast, sondern dass du das alles schon irreversibel gegenwärtig siehst. „Ich habe Angst vor…“ – das ist der Code. Den habe ich des Öfteren schon gehört und immer war ein paar Atemzüge später Finito mit uns und den gemeinsamen drei oder mehr Jahren, in denen es uns gut ging, auch beim Chinesen an der Ecke.

Für mich ist das besonders schwierig, dieses Intro, weil ich das nicht kann, was so viele machen: Einfach mal testen, ob das mit dem anderen klappt und dann hat man die Freiheit nach ein paar Wochen zu sagen „Uh, das mit uns beiden klappt nicht, wir sind einfach nicht füreinander gemacht“. Bämm. Nach zehn solchen Versuchen ist dann mal Einer oder Eine dabei, mit dem oder der es klappt. Dann kommt der Chinese an der Ecke, Gericht Nr. 27 und 54, und dann hat das auch ein Ende. Nein, ich brauch ein Gefühl, das mir sagt „Das klappt mit derjenigen“, und keine Tests. So bin ich eben. Deswegen habe ich erst drei Beziehungen geführt, jede mehr als drei Jahre, bis das Mindesthaltbarkeitsdatum ablief. Die ganzen Frauen, die dazwischen in meinem Leben oder in meinem Bett waren, da war es entweder Trieb oder verschiedene Vorstellungen von einem „Gemeinsam“. Oder eben Ängste vor Zuständen, für die man sich noch nicht bereit gefühlt hat. Da kann ich dann denken: “Willst du nicht hübsche Kinder mit mir machen?” Nein? Gut, ich auch nicht (mehr). Hach, sind diese Gedanken großartig.

Was mache ich innerlich beim Chinesen und danach, wenn man Hand und Hand nach Hause geht? Ich schaue mich um und wiege mich in Sicherheit. Du bist dann bei mir, auch wenn du innerlich woanders bist, bei deinen „Ängsten“. Dass du bei mir bist finde ich gut und deswegen tue ich so, als könnte es für immer so sein. So im Nachhinein wünschte ich mir, du hättest auch so getan, als ob.

Wenn ich dich dann ein paar Wochen später mit einem anderen Kerl animalisch-anmutender Natur sehe, dann bin ich traurig, weil er dich ein paar Wochen jeden Tag ordentlich ficken wird, dir leere Hüllen von Perspektiven zeigt und dich ahnungslos bestätigt, dass das Aus mit uns richtig war. Das ist mir in der Tat mal so passiert und das beschissene Gefühl, das ich da hatte, war wie das eigene Gehirn in den Regen zu halten. Und ordentlich Tritte in den Bauch.

Du kannst dich auch nicht dafür schämen, dass du auch viele Jahre später noch in meinen Gedanken auftauchst. Das ist wohl normal so. Denn man vergleicht immer und im besten Fall ist es hinterher irgendwie besser – oder treffender: anders.

Ich konnte dir nie sagen, dass ich beim Chinesen bei Essen Nr. 27 damit beschäftigt war, dass mit uns toll zu finden. Ich war froh und glücklich jemanden in meinem Leben zu haben, der verstanden hat, dass es völlig unwichtig ist ein aufregender oder besonderer Mensch zu sein. Jemand kann so „unbesonders“ sein und ist für irgendwen so wichtig. So habe ich das immer gesehen. Das aufregend ist irgendwann immer weg. Immer. Ja, der animalische Typ mit Drei-Tage-bart und dem Riesenpimmel, der ist aufregender für dich als ich nach dem hundertsten chinesischen Essen. Ja, es spielt für dich keine Rolle, ob ich am Tisch auf dich warte – zwar nicht mehr aufgeregt, aber verdammt zufrieden – oder ob du eine neue Welt, einen neuen Mann und neuen Schwanz kennen lernen kannst. Wenn du hier bereits in einer Zwickmühle steckst, dann ist es vorbei. Dafür kannst du nichts. Aber was viel wichtiger ist: Ich auch nicht. Ich hasse die “neuen” Typen, die ersetzen einen ja oft schneller, als es einem lieb ist. Die können nichts dafür, ich weiß. Vielleicht ist es auch nur der Neid, dass die jetzt etwas tun können, das einem ganz allein gehört hat. Das schmerzt.

Und zwischen den ganzen Schmerzen danach und der jahrelangen Reflektion, habe ich viel mitgenommen. Und ich hoffe bei jedem Neuanfang mit jemanden, dass man ein paar Jahre später beim Chinesen dieselben Gedanken hat: „Es ist nicht mehr so aufregend, aber es ist toll, dass da jemand ist, der bleibt, einem zuhört, einem aufrichtig zur Seite steht, einen liebt, einem nicht gleich wegläuft wenn Ängste kommen, ehrlich ist und der bereit ist auch an sich zu denken, einen zwar nicht mehr täglich, aber regelmäßig fickt“.

Hand aufs Herz, das kann nicht nur Theorie sein, das kann auch verdammt echt und erfüllend sein. Und diese Hoffnung, diesen andauernden Kampf, sollte man nicht verlieren, nicht aufgeben und nicht unterschätzen, wenn man am Ende bezahlt.

„Die Rechnung, bitte“, sage ich zu dem lustig dreinblickenden chinesischem Kellner. „Nr. 27… das macht 16,99 Euro“, sagt er. Ich bezahle, puste die Kerze aus, verlasse dieses Mal alleine das Restaurant und halte meine eigene Hand.

 
 
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