Commitment
Die allgemeingültige Entschuldigung für “Wieso hast du eigentlich keinen festen Freund?” ist ja heutzutage irgendwas zwischen “Ich habe nicht den richtigen Kerl mit den richtigen Skinny Jeans und dem richtigen Musikgeschmack gefunden” und “Ich bin jung und wild und will noch an mehreren Orgien teilnehmen, bevor ich mich festlege“. Wenn diese Frage auftaucht, sieht man, wie ich mich leise im Hintergrund aus dem Zimmer zu stehlen versuche. Bitte nicht schon wieder.

Diese Frage verfolgt mich mein ganzes Leben schon ((In dem kurzen Zeitraum, als ich tatsächlich einmal einen “Freund” hatte und tatsächlich irgendwie “verliebt” war, hat mich natürlich keiner danach gefragt.)). Aber was antwortet man schon auf so etwas, wenn man die Antwort selbst nicht kennt?
Wie sagt man zu erwachsenen Menschen, Arbeitskollegen und anderen neugierigen Leuten, “nein, ich habe keinen Freund, aber keine Angst– ich werde trotzdem regelmäßig durchgeflext.”? Und wie erklärt man ihnen, dass man seit Jahren nicht mehr soetwas wie Liebe empfunden hat und selber nicht weiß, wieso? Wie sagt man: ich flüchte lieber in Affären mit Haltbarkeitsdatum, um eine Intensität zu erreichen, die sonst nicht möglich wäre. Und um Problemen aus dem Weg zu gehen, die unweigerlich kommen würden?
Definiere: Ich liebe ihn nicht, aber ich vermisse ihn, wenn er nicht da ist. Definiere: Ich will nicht mein ganzes Leben mit ihm verbringen, aber ich küsse ihn trotzdem in der Öffentlichkeit. Definiere: ich genieße die Zeit, in der er da ist, aber ich werde nicht weinen, wenn er geht. Wie sage ich: Menschen langweilen mich nach einiger Zeit. Wie sage ich: Um fair zu sein, gehe ich nichts ein, was realisierbar ist. Wie sage ich: Ich gebe mich nur dann hin, wenn ich weiß, dass es nur für einen kleinen Augenblick sein wird. Reisende, ja. Flüchtigkeitsbekanntschaften. Nachtmenschen. Die andere Frau sein. Bloß: kein Commitment. Ich ruf dich irgendwann an, und vielleicht auch nicht.
Vielleicht habe ich selbst irgendwann mein Herz ausgeknipst. Aber diese Vorstellung ist sogar für mich zu pathetisch. Stattdessen: ich stelle mir vor, dass ich eine andere Richtung einschlage: vielleicht will ich eine andere Sorte Mensch. Vielleicht fällt irgendwann mal meine Traumfrau vom Himmel. Ich hoffe es jedenfalls. Denn ansonsten stehe ich ohne Grund da. Ohne Ursache. Und damit auch ohne eine Lösung. Es erfüllt mich mit Angst zu wissen, dass ich auf weiter Flur für immer dieses Spiel spielen werde: das Spiel der Flucht, der Vertrauenslosigkeit, der Verantwortungslosigkeit. No Strings Attached. No Hard Feelings. Das Leben ist zu kurz, um sich festzulegen, zu schmal, um alle Gefühle im Vollen auszuleben. Kurze, intensive Kicks: Mann Frau Sex Party Harder Better Faster Stronger, und dann ist alles vorbei, der Rauch verschwindet, und schon warte ich wieder auf das nächste Mal, das mich ein Stück leerer zurücklässt.
Aber versteht mich nicht falsch: ich bin nicht unglücklich damit. Ich bin sogar sehr zufrieden mit dieser Art zu Leben, weil ich es nicht besser kenne, und weil ich mich nicht danach sehen, das zu verändern. Normalerweise nicht. Nur dann passiert etwas, plötzlich tut etwas in meinem Bauch weh… dann merke ich, dass vielleicht doch etwas nicht stimmt. Dass es doch nicht nur an einer bequemen Entschuldigung wie “ich bin halt so” liegt. Dass ich nicht anders bin als alle anderen, sondern mich nur anders benehme.
Ich verurteile jeden, der so mit diesen Gefühlen spielt, selbst wenn es die eigenen sind. Ich bin die erste, die damit am Pranger steht und das nicht nur bewusst, sondern auch noch wiederholt. Und am Ende liege ich wieder alleine da, starre in Schlaflosigkeit an die Decke und bin überzeugt davon, dass es anders gehen kann. Bis es so weit ist, und ich wieder einfach weggehe. Aus Selbstverständlichkeit. Aus Langweile. Aus Angst. Denn so ist es ja immer.

