Ich werde die Piraten wählen ((an dieser Stelle danke an Mathieu für die Inspiration, mal etwas ausführlicher etwas zum Thema zu schreiben)). Das soll zu Anfang gesagt sein. Ich werde sie wählen im vollständigen Wissen, dass ich ohne ihre Existenz a) sonst niemanden gewählt hätte, b) meine Stimme womöglich völlig wertlos ist, und c) ich selbst im Falle des Erfolges nicht das serviert bekomme, was ich eigentlich von der Politik erwarte.

Schwachsinn und Polemik
Jeder kann die folgende Geschichte erzählen. Jeder aus meiner Generation. Generation Doof, Generation Praktikum, Generation Pirat. Hier ist die Geschichte: Ich bin zwanzig Jahre alt, und ich scheiss auf die Politik. Und wisst ihr was? Die Politik hat auf mich zurückgeschissen.
Ich weiß noch, welche Streber damals der Jungen Union beigetreten sind ((ich habe das Beispiel schon mal im Beitrag “Sinead’s Hand” benutzt, aber einmal ist keinmal )). Ich weiß noch, dass deren Eltern schon da drin waren. Das waren die Typen, die nur Äpfel essen durften und maximal zum Tippen an den PC konnten. Das waren gutbürgerliche Familien, die Mercedes und BMW fuhren, um die deutsche Wirtschaft anzukurbeln. Das waren die, die die Ausländer jetzt irgendwie nicht “raus” haben wollten, oder so, aber “es sind ja jetzt auch schon genug da, oder?”. Sicher, sicher. Dagegen hätte man früh ankämpfen können: entweder jeden Tag dem Nachwuchs die Nahrungsmittel aus dem Schulranzen klauen, oder selbst bei einer Partei eintreten, um mal den alten Tattergreisen ein bisschen frischen Wind in den Arsch zu blasen.
In die SPD zum Beispiel. Man hätte auch mal den Grünen einen Besuch abstatten können. Sogar in die CDU, dann kann man wenigstens von Innen arbeiten. Aber wisst ihr, was wir gemacht haben? Wir saßen vor dem PC, haben Freunde geknüpft, Webseiten programmiert und uns illegal Musik runtergeladen. Klar, hat ja auch Spaß gemacht. Das Internet ist für uns ein Universalspielzeug geworden. Wir brauchen jetzt nicht (nur noch) zu daddeln wie die Bekloppten, sondern können bei der Informationsflut zeitig mit ADHS unser Grab besteigen. Und wieso streuben die sich jetzt so gegen diese Funktionalität und erzählen uns irgendetwas von Kinderpornos? Weil die auf einmal an Kriminellen keine Exempel mehr statuieren können, und Angst haben, ihre Gewalt zu verlieren. So würde ich das jedenfalls machen.
Rewind: Anstatt uns mal früher zu überlegen, dass man das was Spaß macht ja auch irgendwie Oma & Opa erklären muss, haben wir uns zu einer Elite an Schwachmaten zusammengeschlossen, die ihre eigenen Weltregeln aufgestellt haben. Ich will dabei nicht von der Ignoranz heutiger Politiker und “Internetgegner” (bitch please. Wer bitte schön hat denn jemals was von “gegen Internet” erzählt?) ablenken, sondern einfach verdeutlichen, was ich bei der ganzen Sache empfinde. Ja, die blöden Ärsche verstehen es nicht, und jetzt wollen die uns das wegnehmen, was für uns wichtiger geworden ist als die eigene Mutter. Herzlichen Glückwunsch: Das haben wir uns auch selbst zu verdanken.
Ich betone noch einmal: Ich habe keine Ahnung von Politik, und es hat mich nie interessiert. Wenn man mir mein Gehalt wegnimmt, weil die Steuern so hoch sind, dann halte ich das irgendwie für angebracht, immerhin müssen doch die armen Kinder arbeitsloser Asozialer was zu essen bekommen. Und wenn die hier irgendwo Atomkraftwerke anschalten, dann habe ich keine größeren Probleme beim Atmen. Aber wenn die jetzt kommen und mir mein Internet in seiner vollen Pracht wegnehme, dann werde ich zu einem exorbitanten Monster. Ich suche mir Gleichgesinnte und gründe eine Partei.
Die Piraten Partei.
Und weil man so wie ich nicht argumentieren kann – “hallo ihr Vollpfosten, könnt ihr mal bitte aufhören, uns was wegzunehmen?”, argumentieren wir – rechtmäßig – damit, dass hier die demokratischen Prinzipien eingeschränkt werden, was aber natürlich niemanden interessiert. Wieso auch? Was sind schon 8000 Nerds gegen den Rest von Deutschland? Generation Teenager, Generation Zweifel, Generation Irgendwas-Mit-Medien. Und bis auf die drei Typen, die wirklich was über Politik wissen und die Piraten auch zurecht hier und da kritisieren, weiß doch keiner, was Deutschland eigentlich braucht. Schon gar nicht wir.
Rein Hypothetisch: Was wäre wohl passiert, wenn das “politische Interesse”, welches nun in uns entfacht wurde, vor zehn bis zwanzig Jahren schon entfacht worden wäre? Ich frage mich: was wäre, wenn diese Nerds, die sich heute Piraten nennen, heute flächendeckend auf die Volksparteien verteilt wären, die sich jetzt so wehement unserer Armee der Zukunft widersetzen? Wir haben uns diese Mühe nie gemacht, Leute. Man kann sich natürlich auch über meinen Idealismus streiten und sagen, dass das ja auch nichts gebracht hätte, weil die Motivation hitner Zensur und Kontrolle ja nichts mit der PiratenPartei zu tun hat, oder mit dem Internet an sich, sondern eben mit dem Profit, der dahinter steht. Joah, und genau dafür brauchen wir ja auch eine Piratenpartei. Die Piraten Partei, die von einigen cleveren und weniger cleveren Menschen geführt, und von tausenden Halbstarken verfolgt wird. Halbstarke, die drei Schamhaare und keinen Plan von Steuern, Hartz IV oder Bildungspolitik haben, sondern einfach nur emotionalisiert sind. Kids, die Angst haben um ihre Freiheit, Angst haben um das, was sie so tatkräftig aufgebaut haben. Ich gehöre dazu. Ich weiß von nichts.
Ich werde die Piraten Partei wählen, weil auf dem Bundestagswahl-Menü nichts steht, was mir besser schmeckt. Das bedeutet aber nicht, dass das die Empfehlung des Tages ist. Es bedeutet nur, dass ich so unglaublich enttäuscht von uns bin, von unserer Generation, von mir. Ich bin enttäuscht von unserem Land. Wir legen hier Prinzipien und Normen fest und dann zerbomben wir sie wieder, wie es uns gefällt? Ich meine, mir braucht ja keiner was von Gerechtigkeit zu erzählen — aber Integrität, das ist doch Vorraussetzung für einen Staat, oder? Vor allem und gerade WEIL wir die Regeln hier doch ständig selbst aufstellen könnten!
Ich will die Piraten weder gut noch schlecht machen. Ich will damit nur sagen: Was für eine Alternative bleibt mir? Wenn ich gar nicht wähle, dann habe ich minus Tausend dazu beigetragen. Und wenn ich was anderes wähle, dann ja auch nur mit Halbwissen… Himmel Arsch und Zwirn, dann wähle ich doch zumindest mit stolzem Halbwissen das, womit ich wenigstens teilweise übereinstimmen kann! Und wenn jetzt jemand zu mir sagt: Man, was laberst du da für eine Scheisse, du hast ja keine Ahnung, wo das Problem ist, dann ist das auch angebracht. Weil es stimmt. Aber ich bin nicht die einzige.
Ja, ich habe Angst. Keiner von meinen Freunden ist in irgendeiner Partei. Weit und breit niemand. Ach, Partei, ich würd mich mittlerweile darüber freuen, wenn überhaupt jemand wählen gehen würde. Und hier ist der Punkt: Mittlerweile. Ich würde mittlerweile wählen, ja freilich dazu animieren, wählen zu gehen. Weil das hier mein Leben ist, worüber die bestimmen wollen.
Das, was die schon die ganze Zeit gemacht haben.