TOTD: SELFISH

Neben Todd Terje’s originell betitelter Debüt-LP “It’s Album Time!” gibt es einen weiteren Gute-Laune-Release, den man nicht verschlafen sollte. Trotz akutem Allergiehorror ist nämlich diese Jahreszeit wie geschaffen für Tensnakes Erstgeborenes. Wer die Musik von Tensnake schon mal ausführlich studiert hat, weiß, wie außerordentlich happy seine Tracks einen stimmen können. Versucht doch mal, “Glow” von vorne bis hinten anzuhören ohne ständig mitzuwippen, bright zu shinen und Lust auf Open Airs an der Spree zu empfinden. VERSUCHT’S DOCH NUR!

Das ganze Album ist ein gelungenes Stück von vorne bis hinten. Es bleibt nicht für immer in Erinnerung und wird wahrscheinlich keine Kracher in die Charts bringen, aber diese perfekte Disco-Mitte zwischen Dancefloor und Popmusik eignet sich wunderbar zum Vorglühen. You get it?

Zwischen den linearen Tracks finden sich genügend Brüche, die an den Synth- und Breakbeat-Hype der vergangenen Skinny Jeans + Dubstep Jahre erinnern. Das wäre meiner Meinung nach gar nicht nötig gewesen – “Holla” etwa ist nicht unbedingt der beste Track und könnte etwas sein, das in Hochzeiten von Post-Dubstep auf dem Tumblr gelandet wäre.

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Write The Future

photo by US Army Africa

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 war die erste Weltmeisterschaft, die ich ununterbrochen verfolgte. Fast jedes Spiel – egal ob Deutschland oder nicht – sah ich mir an, fieberte mit. Die Main Arena, dem Public Viewing Bereich auf dem Main in Frankfurt, war knapp einen Monat lang mein zu Hause. Ich lernte Menschen aus aller Welt kennen. Ich feierte und schrie und gröhlte und tanzte und stöhnte und liebte es, mich manchmal ganz klein zu machen und den Leuten dabei zuzusehen, wie sie gebannt auf den Bildschirm starrten. Das Lächeln in ihren Gesichtern, das Zucken in ihren Augen. Wie verkrampft sie sich aneinander festhielten. Wie sie sich umarmten und küssten, auch wenn sie sich nicht kannten. Es war ein anderes Deutschland, da können wir uns alle einig sein.

Doch auch, wenn ich mich gerne an die Gänsehaut und an die Musik und an die Bilder erinnere, die in den schönen Momenten passierten, am markantesten wird mir wohl für immer das Halbfinale zwischen Italien und Deutschland im Gedächtnis bleiben. Die Tränen, die die Wangen meiner deutschen Freunde hinabliefen, waren nichts im Vergleich zu den Tränen, die meine Oma damals ließ. Meine Oma, die für einige Wochen zu Besuch in Deutschland war. Meine Oma, die keine einzige Fußballregel kannte. Meine Oma, die in Deutschland alle paar Jahre Urlaub machte.

Ich fragte sie, lachend, warum ausgerechnet sie denn jetzt weine. Sie sah mich an, schluchzend (und es bricht einem das Herz, die eigene Oma weinend zu sehen) und sagte: “Ihr habt gelernt, zu lachen und Gefühle zu zeigen. Ich habe Angst, wenn ich nächstes Jahr wiederkomme, dann habt ihr es wieder vergessen.”

Damals verstand ich nicht so richtig, was sie damit meinte. Mit dem Näherrücken der WM in Südafrika und der Vorfreude jedes einzelnen Menschen in diesen Straßen merke ich aber, wie sehr sich die Leute hier nach dem Ausrasten sehnen. Danach, explodieren zu können. Sich freuen zu können. Irgendwie etwas, was man hier sonst nicht so wirklich kann (oder will).

Meine Oma ist seit dem Märchensommer 2006 nicht mehr in Deutschland gewesen. Diesen Juni kommt sie, pünktlich zur WM, wieder vorbei. Gut, dass wir ihren Deutschlandschal nie weggeschmissen haben- wir brauchen doch noch ein bisschen Support.