"Girl gone wide."


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Alleine die erste Singleauskopplung des neuen Rihanna Albums zu hören war schon eine kleine, nun ja, bedeutsame Epiphanie (wenn auch nicht unbedingt eine positive). Ich denke, “We Found Love” ist im Lichte aller US-amerikanischer Musikentwicklung der letzten Monate ein perfektes Beispiel für den seelenlosen Untergang der letzten vertrauenswürdigen Bastion: Pop.

Ich habe meinen größten Spaß daran zu beobachten, wie sich Untergrund-Elemente der Musik plötzlich in den Mainstream schleichen, von talentierten Produzenten benutzt und ausgeschlachtet werden und inflationär in jeden (Pop) Song gepackt werden, der sich anbietet. Letztendlich ist vielleicht genau diese Methodik die richtige, um eine Entwicklung (egal ob in Form eines Revivals der 90s oder einer kontemporären Dubstep-Formel) voranzutreiben. Nur: was passiert, wenn auf einmal nicht nur musikalische Elemente des Kompositions-Bausatz ausgetauscht werden, sondern ein ganzer Lifestyle herum konstruiert wird?

Genauer gesagt werden gerade Kulturen auf ganz neuen Ebenen vermischt, die dann von der Musik repräsentiert werden. Wieder würde ich das Internet als Kommunikations- und Ideenkanal dafür beschuldigen, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Vielmehr steht eine ganz gewaltige und unüberwindbare Frage in meinem Kopfraum: Was zur Hölle machen die Amerikaner da?

Calvin Harris produziert einen Song von Rihanna, die in ihrer Person zumindest bis dato für eine Neu-Erfindung der Popmusik stand. Songs wie Pon De Replay oder Umbrella waren unverkennbar Pop und gleichzeitig in ihrer Finesse neu und erfrischend; “We Found Love” hingegen ist – und wir haben hier nicht mal im Ansatz angefangen, über das Video zu reden – vielmehr einer untersten europäischen Schublade entliehen. Die seichten Lyrics waren für einen kitschigen Einstieg in die Gute Laune irgendwie zu erwarten. Alles andere erinnert weniger an einen (und das war ja scheinbar das auditive Ziel) Warehouse Rave als an die Hintergrundbeschallung einer Dorfkirmes, Hauptattraktion “Breakdancer”, der mit “WOLLT IHR NOCH MAL SCHNELL-EEEEEEEEEEEER?” kommentiert wird.

(Das Video ist in Deutschland nicht verfügbar, falls also der Vimeo-Upload bald nicht mehr funktioniert, müsst ihr mal selbst danach googeln)

Nachdem die USA in den letzten Jahren mit all ihren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fehlbarkeiten sich selbst gegeißelt haben und von Europa, dem Mittleren Osten und gar China und Russland als “der kränkelnde Rechthaber” verurteilt wurden, blieb ihnen ja nichts anderes übrig und unter der schweren Last der Wahrheit zusammenzubrechen: wir sind ein Volk ohne Werte, ohne Charme, ohne Stil und ohne Geschmack, alles, was wir können ist Dinge groß ziehen, Sachen kopieren und sie so lange aussaugen bis wir nur noch einen leeren Corpus zurücklassen. Und so schaute man plötzlich nach Europa rüber, um sich inspirieren zu lassen. Der Hipster, der selbst ernannte König aller Kultureliten, reicht in den USA aber leider nicht an die Fähigkeiten eines Franzosen oder eines Engländers heran, denn Kultur, so Leid es mir tut, kann man sich nicht klauen. Man kann sie in einem abgespeckten Paket kaufen und sich dann darin suhlen.. das hat sich auch Rihanna gedacht.

Vintagebriese und Konfettistimmung: “We Found Love” hätte auch mit einem Dubstep-Edit von Skrillex nicht punktueller sein für die zeitgenössische Art, sich an der europäischen Elektro-Dance-Techno Szene zu orientieren. Leider wirkt das Ergebnis für alle (außer für die anscheinend weltfremden Amerikaner) eher befremdlich. Wenn Rihanna, eine der (international) erfolgreichsten Künstlerinnen der Pop Musik, sich an Produktionen herantraut, für die sogar Blümchen sich schämen würde, was passiert dann folglich mit uns? Waren es nicht sogar bisher die Deutschen, die sich hauptsächlich in ihren Charts an die Auswahl des Billboard Magazines gerichtet haben? Wird das jetzt ein Teufelskreis? Wird der “Trancey Keyboard Stargate” Rave wieder zu uns zurückkommen, weil die Popmaschinerie über dem Atlantik es für sich “neu erfunden” hat?

Ich frage mich, ob die Teenager aus NYC und LA verstehen, dass der Rave in Rihannas Video so nicht stattfindet. Man kotzt von einer Überdosis leider keine lustigen Zirkusfarben und man sieht nach dem Feiern leider nicht so gut aus. Die Spielautomaten klingeln dann nicht nach und die Zigaretten schmecken auch nicht gut. Muss ich mir Gedanken darüber machen, dass das Video an Requiem For A Dream angelehnt ist? Muss ich mich ärgern, dass die Kids leider wahrscheinlich nicht verstehen werden, dass es sich hier nicht um ein harmloses Trainspotting handelt? Ist die Ästhetik im Film nicht eigentlich auch schon vier Jahre alt und was ist das jetzt, ein Werk mit FFFFOUND-Ästhetik, oder eines, das für den überheblichen, elitären Europäer eine schlechte Kopie einer von Anfang an schlechten Idee war? Ist das jetzt noch Retro-Pop, oder ist das außerordentlich bescheuert? Sind Festivals in den USA jetzt in? Will man sich jetzt MDMA und Speed schmeißen, um wie in den Londoner Clubs abzugehen?

Irgendwo in mir brodelt die Hoffnung, dass die USA schon bald wieder ihre Souveränität auf dem internationalen Politikparkett wiederfinden, um vielleicht auch ihr popkulturelles Selbstbewusstsein wieder anzustacheln. Mehr Hip Hop aus Compton, bitte, mehr Indie Rock aus Seattle und mehr Popmusik aus Miami, aber eine ganze Zielgruppe zu entwickeln, die sich gehirnlos in nicht-existierende Kulturen verliebt, das ist nicht nachhaltig. Und nur weil sich die Inspirationswege verkürzt haben, heißt das ja nicht, dass man jetzt auch alles machen muss, was die anderen machen. Das soll mal weiterhin den Deutschen überlassen werden.

by yeahs in Musik


Wisst ihr, was mir manchmal fehlt? Ich sag es euch: der Rhythmus. Obwohl ich in elektronischen Gewässern aufgewachsen bin und mir bei minimalen Beats das Herz aufgeht, brauche ich manchmal einfach etwas, dass mich auf eine andere Art und Weise bewegt. Bass, keine Frage. Aber eben auch mehr als nur das Dingelingeling der synthetischen Harmonien. Manchmal, aber nur manchmal, und vor allem wenn das Wetter so bombastisch ist, brauche ich etwas, dass mich tatsächlich aufweckt.

Und geben wir das zu, was wir schon längst befürchtet hatten: die üblichen Retter unserer Tanzgeneration sind tot. Nehmen wir einmal M.I.A. – diese Frau hat es geschafft, Hip Hop, Elektro und X zu einem wunderbaren Tanzmonster zu machen, seltsam, vielleicht, aber durchzogen von BEAT, der nicht ausschließlich dem Bass dient. Und alles, was wir jetzt bekommen, ist die gezwungene Schredder-Musikentwicklung. Pft, Entwicklung, my ass.

Noch kurioser wird es aber wenn man merkt, dass das X, welches M.I.A. einst zu meiner Königin krönte, sich distanziert hat, um was eigenes zu machen. Diplo ist mein Meister, ihm sei ich hörig, denn er befreit mein Herz von der eisern unterkühlten Te-Te-Tekkno Faust.

Diplo, vielleicht der talentierteste, aber mindestens ein begnadeter Producer, der M.I.A. zu dem Status beförderte, der sie letztendlich durchdrehen ließ. Und dabei agiert er meist doch eher im Hintergrund, und lässt seine Puppen tanzen – Puppen wie Spank Rock, Amanda Blank, Maluca, Santigold und sogar motherfucking Justice. Sein letztes Meisterwerk war das Label auf dem hauseigenen Balkon namens Mad Decent – kommt einem spätestens seit dem letzten Rusko Eintrag auch irgendwie bekannt vor, nicht wahr?

The artist M.I.A. brought mainstream international popularity to Brazilian Funk with her single Bucky Done Gun released in 2005, and attention to a DJ called Diplo who worked as its producer. He had worked on M.I.A.’s 2004 mixtape Piracy Funds Terrorism in addition to the tracks Baile Funk One, Baile Funk Two, and Baile Funk Three[15]. He made a 2004 bootleg mix CD Favela On Blast[16] after finding Ivanna Bergese compiled remix-tapes of her performance act Yours Truly. – Wikipedia

Und wen findet man dort- nebst Diplo selbst natürlich sein Alter Ego in der Kollaboration mit Switch, einem weiteren Meister seiner Zunft – Major Lazer. MAJOR FUCKING LAZER, der uns M.I.A. meets Crack auf goldenen Tellern serviert. DJ Blaqstarr, der massig für M.I.A. funktioniert (allerdings weniger auf dem letzten Album, dass ja mehr so Richtung Chillwave tendieren möchte, aber nicht mal das hinbekommt). Mehr namedropping aus der Mad Decent Killer Artists Reihe? Wie wär’s mit Crookers, oder Boy 8-Bit? Yeah. Sogar Snoop Dogg und Kid Cudi konnte Diplo schon in die Tasche stecken.

Major Lazer – Pon De Floor

Aber es hört hier nicht auf, denn dieser Typ hat genau eines getan, für das ich mich für immer und ewig in Dankbarkeit wägen möchte: er hat mir den Favela Funk gezeigt.

Funk Carioca (English: Rio Funk ), favela funk and, elsewhere in the world, baile funk, is a type of dance music from Rio de Janeiro, derived from Miami bass.[1][2] In Rio de Janeiro it is most often simply known as funk, although it is very different musically from what funk means in most other places.[3] “Baile funk”, in Rio, refers not to the music, but to the actual parties in which the music is played.[4] – Wikipedia

Absoluter Fave-Track zur Zeit aus dem Rio Baile Funk: Favela Booty Beats Album (eh, das findet man relativ einfach):

Favela Funk ist Sommer. Und dazu gibt’s jetzt sogar einen Doku-Film – von Diplo höchstpersönlich produziert mit dem glorreichen Titel “Favela On Blast”. Ich. Raste. Aus. Und habe meine Liebe für Sonnenscheinmusik neu entzünden können. Und dann dieses geschmeidige Portugiesisch, dass ich niemals verstehen werde, was aber trotzdem seit Jahren schon soetwas wie meine Lieblingssprache ist. Wenn es denn sowas gibt. Ach, egal. Techno kann im Herbst wieder.

Wenn ihr auf gute Musik steht: zieht euch Favela on Blast an. Es ist der Wahnsinn.

by yeahs in Musik

Wir hatten definitiv nicht genug Sex hier in letzter Zeit. Ihr wisst schon. Diesen dreckigen Untergrund-Swinger-Club-Bisexuell-Sex, der mit Zigarettenrauch und dunklen Kameraeinstellungen á la Calvin Klein Commercial. Das mit den scharfen Dessous. Ihr wisst schon. Der, der mit feinstem Synth-Pop hinterlegt wird, der, in dem sich auch Lindsay Lohan wohl fühlt..

Ihr wisst schon. Wie Ali Love’s neues Video zu “Love Harder”.

by yeahs in Musik