Videothek

Meine bisherige Vergangenheit lässt sich in vier Phasen einteilen:

1. Unschuldige Kindheit
2. Pathetische Jugend
3. Videothek
4. Berlin

Die erste Phase besteht aus Gummibärchen, Glücksgefühlen und gefühlten achtundzwanzig Mal Urlaub im Jahr mit meinen Eltern und Brüdern. Nicht viel ist davon übrig geblieben — ich erinnere mich daran, dass ich mit meinen Brüdern mal in einem Hotelzimmer ausversehen einen Porno geguckt habe und wir unsere Köpfe verrenkten und uns überlegten was das wieder für eine komische Turnsportart sei. Ich erinnere mich daran, auf dem Weg zum Kindergarten einen Umweg zu machen um über einen eingefrorenen Teich zu laufen, wo ich eingekracht bin. Mein damals bester Freund, Christopher, ist schreiend weggerannt und hat mich meinem Schicksal überlassen. Christopher, falls du da draußen bist– möge Gott dich so arm machen dass du deine Kinder von deinem eigenen Samen ernähren musst (der Hass einer Vierjährigen kann bis tief in die Quarterlife Crisis hineinreichen und bietet fantastisches Material für den gutbezahlten Therapeuten den man spätestens nach der sechsten versauten Beziehung und dem Saufproblem aufsuchen muss). Es sind kleine, gut verpackte Momente voller Verstörung, liebevoller doch schmerzhafter Erziehung und vielen Prügeleien mit meinen Brüdern. Ich habe als Kind schon viel vor mich hingeträumt und gelesen und Geschichten von fernen Orten und fremden Menschen geliebt.

Dann kam eine Phase, die, wie mir meine Eltern heute gerne beim Abendessen mit Terror in ihren Stimmen erzählen, nur als “absolut unerträglich” beschrieben werden kann. Ich war eine Jugendliche, und wie jedes nervtötende, überemotionale Geschöpf meines Alters ging ich durch alle möglichen Hochs und Tiefs. Ich hörte viel wütende und traurige Musik und wusste nicht, wieso ich wütend oder traurig sein wollte, was mich noch wütender und noch trauriger machte, weil mich ja auch keiner hören konnte, und wenn ich jetzt sterbe, wen interessiert es dann, hä? HÄ? WEN INTERESSIERT DAS? MEINE ELTERN HASSEN MICH, MEINE GESCHWISTER SIND IDIOTEN, DER EINZIGE JUNGE DER MICH VERSTEHT WILL LIEBER DIE HEISSE BLONDINE, MEINE SCHENKEL SIND SO FETT, MEIN GESICHT IST SO BEHAART, ICH HASSE MICH, ICH HASSE EUCH, ICH WILL EIN HANDY HABEN, ALLE MEINE FREUNDE DÜRFEN BIS UM 10 WEG SEIN, ABER WIESO HASST IHR MICH SO SEHR? Aaaaah, wie gerne ich mich an die spontanen und überhaupt nicht peinlichen Tränenausbrüche vor versammelter Mannschaft erinnere. Und ich sage euch was: jeder Mensch, der die Pubertät ohne Narben übersteht und der mir ehrlich und offen in die Augen gucken und bestätigen kann, dass ihm das nicht peinlich war, kriegt erst mal dick von mir auf die Fresse. Ihr wisst ja gar nicht, wie viel Leid ich auf meinen Schultern tragen musste, damals, als ich fünfzehn war und ich keine Zigaretten mehr hatte und Silverchair und Disturbed für mich die Bibel der eskalierenden Jugend zitierten. Oh happy days.

An dieser Stelle überspringe ich die dringenste und bisher auch unweigerlich angenehmste Phase meines Lebens, wir kommen gleich darauf zurück; sie schließ ab mit einem dicken Knall in meinem Elternhaus und resultierte darin dass ich auszog um eine bessere Existenz in der Großstadt zu suchen. Ich fand’ sie tatsächlich auch und bis heute bin ich glücklich mit der Entscheidung, in Berlin zu leben (zumindest theoretisch, da ich gerade nicht in Berlin lebe). Ich hoffe, dieses Berlin, dieser dicke, wunderschöne Stempel auf meinem Briefumschlag des Lebens, dass es niemals aufhört. Wenn man es unter die Lupe nimmt, entdeckt man bestimmt auch weitere, einzelne kleine Phasen darin. Studium, Arbeit und die Konfettiregenzeit fallen mir auf Anhieb ein, und nicht zu vergessen meine hoffentlich noch nicht beendete Reise, aber ich komme vom eigentlichen Thema weg, nämlich Phase 3, Videothek. Damals, nur wenige Jahre her; ich war nicht erwachsen, ich war nicht in der nach Achselschweiß und brennendem Kot riechenden Hölle der Pubertät, ich war einfach ich und hatte dabei alle Freiheiten die man sich vorstellen könnte.

Wenn man 18 wird verändert sich die Welt. Ich machte meinen Führerschein. Das war die erste bürokratische Hürde außerhalb der Schule, ein Test, für den ich freiwillig lernte. Ich setzte mich nach bestandener Prüfung in mein Auto – heruntergegeben aus 4. Hand, jeder Charme, den ein roter Opel Astra noch besitzen könnte, von meinem großen Bruder heraurausgefurzt und alles an Technik zermüllt. Außer die Anlage. Die hat gepumpt. Bass vom Feinsten. Ich setzte mich rein, endlich ans Steuer, ganz alleine, ich fuhr los — ich hielt meine Hand aus dem Fenster um die kalte Herbstluft zu spüren, ich spielte Oceansize und sang laut mit, ich schloss die Augen um den Moment der Freiheit zu fühlen. Dann machte ich das Auto an und würgte erst mal dick ab.

Bis heute verfolgt mich dieser perfekt geplante Moment noch, bis ins Mark bin ich jedes Mal erschüttert. Es fasst mein Leben ziemlich perfekt zusammen: das Hollywood-Drehbuch wurde von einem autistischen Kind mit dickem Edding verschmiert bevor es noch die Gelegenheit bekam gelesen zu werden. Die Vorstellung vom optimalen Moment, einer, den man seinen Enkeln vom Sterbebett herunterleiern kann, den gibt es in meinem Leben nicht. Immer kommt etwas dazwischen. Wie beim ersten Mal Sex: top Stimmung, liebender Freund, unglaubliche Atmosphäre bis auf einmal jemand ein gebratenes Hühnchen auf deinen Kopf schmeisst und lachend abhaut. Nicht, dass mir das passiert wäre.

Es ist wie mit Songs, die einen nach Jahren noch verfolgen; sie erinnern dich an den Augenblick mit einer großen Liebe, oder an den Geruch deiner Heimat, oder an halb-komische Situationen mit deiner besten Freundin. Diese Songs sind für immer an dein Leben gekettet und du wirst sie nie wieder los. Sie werden für immer Tränen oder Lachen auslösen, für immer ein seltsames, bedrückendes Gefühl der Nostalgie in dir auslösen. Leider sind das in meinem Fall nie Songs, die ich tatsächlich auch gut finde. Bob Dylan beispielsweise, episch, zeitlos, oder Radiohead, bestimmend und zeitgenössisch. Es ist immer entweder Britney Spears oder 50 Cent oder Whitney Houston oder, und das ist im Fall meiner Videothek-Phase so eingetroffen, “London Bridge” von Fergie.

Ein Führerschein, ein Auto, Wahlrecht, ich war in der 12. Klasse und konnte mir meine eigenen Entschuldigungen schreiben (“Entschuldigungen” hätten in meinem Fall aber auch “Freifahrtsschein” genannt werden können. Spätestens nachdem ich gelernt hatte die ärztlichen Atteste unseres Dorfdoktors zu fälschen wurde ich eine kleine Berühmtheit und möchte bis heute behaupten dass sich Innovation von Notwendigkeit ernährt), ich hatte eine beste Freundin und wir verschworen uns gegen die Welt. Meine Ausdauer war scheinbar auf die Probe gestellt worden, denn Buddha belohnte mich dafür, dass ich mich nicht in der schieren Unerträglichkeit meiner pubertären Hormone selbst abgemurkst hatte: zu all dem Glück kam noch ein Job in der Videothek dazu. Der meistgewollte und seltenste und beliebteste Job überhaupt, auf der ganzen Welt. Es war, ungelogen, perfekt.

Zwei kritische Schuljahre lang verbrachte ich damit, Schule zu schwänzen, Filme (kostenlos) auszuleihen, bei McDonalds rumzuhängen, Musik zu hören und zu kiffen. Ich kiffte zu Hause, ich kiffte in den Mittagspausen, ich kiffte bei der Arbeit, ich kiffte nach der Arbeit, ich ging zur Arbeit, um zu kiffen, ich kiffte teilweise während des Unterrichts (“Muss mal kurz auf die Pipibox!”), ich kiffte so viel, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Als Pizza-Lieferbote sponsorte mein Bruder immer das Futter, ich die Filme, unser bester Freund tickte Gras und meine beste Freundin hat einfach nur abgeschnorrt und sonst nicht viel dazu beigetragen. Es sei ihr gegönnt gewesen, denn wir waren unsterblich in unserer Lethargie.

In der Video kannte mich jeder bei Vornamen, und wenn mich die verschissenen Kartoffelkinder siezten, gab’s erstmal eine geklatscht. Ich kannte jeden. Jeder nickte mir verschüchtert zu, denn jeder wusste: wer es sich mit mir verscherzt kann den Feierabend vergessen. Man durfte in unserer Video rauchen, und das nicht nur in der Pornoabteilung (in unserem Kaff durfte man auch bis vor sehr kurzem noch in den Kinos rauchen.. bei uns kommen sowohl Filme als auch Gesetze erst ein paar Jahre später an). Uns wurde Essen gebracht (die Stammkunden der Pornoabteilung dankten uns auf diese Art und Weise für unsere Diskretion), wir stahlen Getränke aus dem Automaten und gaben Diebstahl an. Wir tickten Gras über die Theke. Wir tauschten Filme gegen Pornos (heute, wo das Internet regiert, gibt es keine seltsamen Typen mehr die alte Pornoheftchen in Baumhäuser hinterlassen um Kindern eine Freude zu machen. Das war nunmal meine Variante des Sexualkundeunterrichts). Leute, die wir nicht leiden konnten, mussten immer aufgrund irgendwelcher “Schäden” doppelt bezahlen und mit dem Geld, was wir uns aus der Kasse erwirtschafteten, gab’s dann ein paar Dosen Red Bull. Für die Anstrengung.

Aber das alles erläutert nur, warum ich heute so ein kaputter Mensch bin, notorisch lüge und frei von jeglicher Moral lebe. Wieso ich mich gerade daran erinnere liegt eher an meiner derzeitigen Lage. In meinem Kopf gehen zwölftausend Sachen steil. Ich muss Bewerbungsfotos machen, ich muss zum Arbeitsamt, ich muss Formulare ausfüllen, ich muss studieren gehen, was studiere ich, wo studiere ich, suche ich mir eine Wohnung, wo will ich wohnen, wer fährt am Wochenende, wann kommt meine Post von der Bank, wie viel Geld habe ich noch, wann kann ich wieder weiterreisen, kann der Vater nicht einmal die Fresse halten, wer hat mein Notizbuch gesehen, wieso ist mein Desktop schon wieder so unaufgeräumt, meine iTunes Bibliothek ist schon wieder abgekackt, mein Internet geht nicht, meine Koffer sind noch nicht gepackt, wann habe ich das letzte Mal meine Zähne geputzt, habe ich noch Zeit zum Haare glätten, mache ich mir einen Handyvertrag oder spare ich das Geld, sollte ich mir endlich ein Auto kaufen, sollte ich die nächsten zwei Monate arbeiten, scheisse, der Herd ist noch an, ich muss noch Urlaubsfotos sortieren, oh Gott es kommt ein neues Album von Radiohead raus!, ich hasse das derzeitige WP-Theme, dieser Typ stresst mich, gehen wir eigentlich Samstag in den Club?, ich muss neue Klamotten kaufen, schon wieder ein Brief vom Arbeitsamt, meine Krankenversicherung wurde nicht bezahlt, kriege ich überhaupt noch Kindergeld, wann laufen Bewerbungsfristen ab, meine Steuererklärung ist noch nicht gemacht, mein Mietvertrag ist noch nicht gekündigt, ich muss zum Zahnarzt, ich habe keine Kippen mehr, JA MAMA ICH HAB DICH GEHÖRT ICH KOMM JA GLEICH.

Ich liebe die Tatsache, dass jede Entscheidung in meiner eigenen Hand liegt. Ich lenke den Weg in Richtung Tod und wer mir dazwischen kommen will muss entweder verdammt gut aussehen oder bereit sein zur Schlacht. Aber wenn ich so zurückblicke war mein Leben in der Videothek auch nicht so schlecht. Ich hatte ein absehbares Ziel, nämlich die Schule zu beenden, aber das dauerte nunmal zwei Jahre. Und in diesen zwei Jahren musste ich über nichts anderes nachdenken. Ich hatte die quälende Pein des jugendlichen Alters irgendwie halb-überschritten und saß sie nur noch nachts in post-traumatischen Symptomen ab; aber ich war auch noch nicht so weit, mir über die Realität schon Sorgen zu machen. Es war ein perfekter Zen Status, Ausgeglichenheit, Balance. Und heute muss ich mir überlegen, ob ich noch irgendetwas zu tun habe, bevor ich mir den Joint anstecke, weil ich sonst nur noch ein herumsabberndes Wrack Vergesslichkeit bin, und Vergesslichkeit kann ich mir in diesen harten, von der wirtschaft gefickten Zeiten, nunmal nicht leisten.

Und dank all der synästhetischen Phänomene, die das Leben mit sich bringt, darf ich mir bei diesen Erinnerungen London Bridge von Fergie in den Sinn rufen und lehne mich zufrieden zurück und frage mich, wo die Zeit eigentlich so schnell hinrennt. Bei dem Tempo kriege ich am Ende sogar noch Hoverboards mit und das, meine Kinder, wäre doch einfach viel zu schwer zu glauben.

February 17th, 2011 Posted in Gangster | 12 Comments »

now’s the only time i know

“Wir sind nur einmal jung” rechtfertigt alles- jeden Fehler, jede unmoralische Handlung, jede rücksichtslose Bewegung und jede Distanzierung vom Gemeinwohl in einem einzigen Satz gefangen und abgenickt. Wir erlauben unseren Kindern diese Freiheiten, weil sie noch früh genug die Hürden und die Lasten eines verantwortungsvollen Leben auf ihren so schwachen Schultern spüren werden. Manche entscheiden sich freiwillig dafür, manche haben nie die Gelegenheit ihre Limits zu sprengen und werden in das Erwachsensein rein geboren; ich, ich bin hier mittendrin und mir dessen bewusst. Aber nicht für immer.

Ich weiß, du und ich, wir werden die nächsten drei oder vier Jahre noch toben und spielen wollen, unsere Grenzen austesten wollen und sehen wohin uns diese verrückte Welt und die augenscheinlich nie endende Jugend hinführen wird, aber ich sage dir ganz ehrlich und unvermittelt: ich bin nicht für immer jung, und ich will mir nicht für immer alle Möglichkeiten offen halten. Ich will die nächsten Jahre mit dir und euch auf Drogen verbringen und jeden Tag chaotischer leben als vorher, dazulernen, wissbegierig aufsaugen und im Dreck aller Träume wühlen. Ich will die nächsten Jahre von einem spontanen Trip zum nächsten jetten, ich will auf Parties gehen, studieren, die Welt sehen. Ich will mit dir in einem Bett liegen und darüber philosophieren warum wir nie zusammen sein können, ich will berührt werden und verletzt werden und ich will alle Erfahrungen in eine kleine Schatzkiste packen und daraus ein Paket für meine Zukunft schnüren: voller Wortschatz, Selbstsicherheit, Erfahrung, Freundschaft, Schmerz, Meinungen und Urteil. Denn ja, eines Tages will ich wissen, was mich glücklich macht. Was mich nicht glücklich macht. Wogegen ich mich kategorisch entschieden habe, bewusst, welche Politik ich gut finde und welche Beziehungen ich nicht mehr eingehen möchte. Ich will mich festlegen. Ich will Menschen nicht gut finden, sie verurteilen können, weil sie nicht nach meinen Prinzipien leben; nicht um sie zu bessern oder um die Welt zu verändern, sondern um in meinem eigenen kleinen Mikrokosmos ein Stück Fassung zu bekommen, für mich, für dich, für meine ungeborenen Kinder und für das, was unsere Welt so viel schöner macht: die Ruhe und die Gelassenheit der Sicherheit und Liebe. Prinzipien und Grundsätze nach meinen Maßstäben finden, endlich ein fertiges Bild malen. Es muss nicht jedem gefallen, die Farben müssen nicht passen, aber ich muss endlich mit diesem Kunstwerk zufrieden sein und sagen können: das ist das, was ich in den letzten fünf Jahren mitgenommen habe, und das ist die Komposition und das sind die Farben, die mich heute zeichnen.

So weit bin ich noch nicht, natürlich nicht. Wir beide wollen das jetzt nicht für uns. Festlegen und Pläne schmieden, dafür ist unser Drang nach “mehr” noch viel zu stark. Wir können uns noch nicht für einen Weg entscheiden, weil uns so viele Wege theoretisch gefallen. Und ach. Dafür ist dieser Luxus unserer Generation ja da, um zu testen, und dafür können wir uns glücklich schätzen. Wir spielen mit uns, mit unseren Gefühlen, und wir akzeptieren jede Richtung und jede Begegnung weil es sich so schön von unserer Bucket List abhaken lässt. Aber ich kenne mich jetzt gut genug. Ich weiß, dass meine Haltestelle irgendwann kommen wird, und ich werde von diesem Highspeed-Zug springen und mich für ein Leben außerhalb der schnellen Bewegung entscheiden. Nicht um stehen zu bleiben, sondern um ein Tempo zu finden, das ich für immer halten kann.

Ich hoffe du schaffst das auch.

Für B, ohne den ich den roten Faden schon längst verloren hätte. Fotos by Tamara Lichtenstein (via)

August 26th, 2010 Posted in Crystal Meth, Gangster | 6 Comments »