Restarted
Was später eine riesige Herausforderung werden wird, ist nicht so zu werden, was man immer verabscheut hat. Man kann nämlich gar nicht so schnell gucken – Bämm – ist man ruckizucki wie Dr. Joe Gerner aus GZSZ und schläft mit einer Frau, die ihrer Tochter vorgibt, ihre Schwester zu sein, damit die Kamera einen Grund hat mal ordentlich ins Close-up zu gehen um die ganzen schockierten Visagen ins Visier zu nehmen, wenn die nächste schmierige Intrige aufgedeckt wird. Einmal wie der gute Herm in der U-Bahn neben einem in der Daily-Soap bereits verstorbenen Darsteller sitzen. Nur einmal. Mann. Wir brauchen definitiv mehr Fokus.

So vom Tischlersohn in fancy Schornseinfeger-Outfit, den man nie malochen und stehts im “Mokka” rumchillen sieht, wie er seinem neuen schwulen Kumpel voll tolerant die Hand gibt. Ist irgendwem mal aufgefallen – bevor ich zur eigentlichen Sache zurückkomme – dass die in GZSZ immer irgendwelche Getränke bestellen, die sie dann nicht trinken um sie dann mit einem fürstlichen Trinkgeld von 20 Euro stehen zu lassen? Und überhaupt: Wann arbeitet dieser komische Joe Gerner überhaupt? Ständig sieht man ihn finster und schmierig grinsend an einer Kamera vorbeischielen. Als würde die Welt nur aus ihm und Gott bestehen, den es zu erledigen gilt. Dieser Blick erinnert mich ein bisschen an mich selber, wie ich mich früher an meiner Schwester gerächt habe, wenn sie mich mal wieder verpetzt oder Leuten erzählt hat, ich sei im Besitz einer Spice-Girls-CD. Ja, es ist wahr. Aber grundgütiger, es war 1996, ich war im Stimmbruch und bekam Haare an den Genitalien. Joe Gerner saß damals noch im Rollstuhl und war der Endgegner der Miesepetrigkeit. Sorry, aber das sind alles Umstände, die es zu berücksichtigen gilt.
Auf jeden Fall hab ich dann angefangen, die Umstände so zu drehen, dass meine Schwester leiden musste. Ich war damals schon subversiv freischaffend und schlich nachts in ihr Zimmer um ihr Tamagotchi zu reseten oder ihr Fireball-Jojo so zu manipulieren, dass der Leerlauf nicht mehr funktionierte. Es hat sie ganz langsam über einen längeren Zeitraum zermürbt und ich habe mich daran gelabt. Also so wie Joe Gerner aus GZSZ. Ich habe dann auch finster in eine imaginäre Kamera gelächelt und so getan, als würde hinter der ganzen Intrige ein tieferer Sinn bzw. ein akribischer Plan stecken.
So. Das war jetzt ein viel zu ausführliches Intro. Was ich eigentlich nur sagen wollte: Wer so werden will wie Joe Gerner, der schleudert in seiner Freieit auch Katzen am Schwanz durch die Luft und gibt feuchte Fuzzies.
Und um noch konkreter zu werden: Erwachsenwerden gefällt einem im Normalfall nicht sonderlich, aber man spielt mit, weil es witzigerweise genau das Dilemma ist, das das Leben zu einem Normalfall macht. Schon komisch irgendwie. Erwachsen zu sein ist im Gegensatz zum Erwachsenwerden nochmal viel seltsamer. Vor allem, wenn man dazu irgendwie gezwungen wird. Ich zum Beispiel sitze gerade (es ist 6:59 Uhr morgens) im Zug nach München, wegen Arbeit. Im Moment könnte es auch an der morgentlichen Wintermelancholie liegen, aber müsste ich mich jetzt mit zwei Songs zudecken, dann wären das I WALK THE LNE von Johnny Cash und NEEDLE IN THE HAY von Elliott Smith. Voll oft merke ich, wie ich aufpasse, was ich zu anderen sage. Das ist neu. Aber auch irgendwie gut. Man findet es prinzipiell gut, wenn man Dinge an sich beobachtet, die einen reifer wirken lassen.
Erst gestern abend hatte ich ein ganz gutes Gespräch mit meiner neuen Mitbewohnerin, die gerade 19 oder 20 ist. Sie macht viel Party und verkörpert all das, was ich jetzt nur noch verachte, weil ich es nicht mehr machen kann. Und sie hat voll die guten, aber auch phrasenhaften und naiven Dinge vonn sich gegeben. Ich saß daneben und habe versucht zu verstehen, wie sie die Dinge und die Welt sieht.
Das fällt mir wirklich schwer mittlerweile, wenn es um Hedonismus geht. Da muss ich mich stetig in Toleranz üben. Aber ich habe „Cool“ gesagt und zugehört. Das klingt voll einfach. Aber wenn fast so gut wie jeder in meinem Umfeld noch studiert oder nur am Partymachen ist, dann ist das wirklich sehr schwer. Und man fühlt sich oft sehr einsam oder wie in dem Song NEEDLE IN THE HAY.
Mich unterscheidet eigentlich kaum was von meiner Mitbewohnerin. Außer dass ich eben hin und wieder Verantwortung für mein Leben übernehmen muss. Ganz alleine. Ich muss gucken, was meine Lebensversicherung macht. Muss meine Berufsunfähigkeitsversicherung bezahlen, jeden Tag zehn Stunden auf Arbeit sein und viel überlegen. Ich muss mich in meiner Freizeit dazu zwingen, nicht Fernsehen zu gucken, sondern auch mal zu lesen. Ich muss dafür sorgen, dass ich nicht nur außschließlich von Tiefkühlscheiße lebe. Ich muss mich zwingen, meine Freunde gerne zu sehen. Ich muss mich in Toleranz üben, anderen gegenüber, die noch ein Stück weit länger schlafen können als ich. Ich darf meinen Status nicht vorschieben, um auf andere herunterzublicken oder zu verachten. Ich übernehme volle Verantwortung für die Frau, die ich liebe.

Muss meine Zeit managen. Ich muss mir Gedanken darüber machen, dass ich morgens aufstehe, obwohl ich das was ich gerade mache, manchmal einfach nicht leiden kann. Und was ist überhaupt wenn ich weinen will oder wütend bin? Wann soll ich das machen? Erwachsen zu sein, heißt Spontanität gegen Verantwortung an vielen Ecken und Enden einfach auszutauschen. Und damit komme mal einer klar, der vor einem oder zwei Jahren noch völlig anders gelebt hat. Und was ich schlussendlich nicht vergessen darf: Ich sollte nicht jammern, denn ist eigentlich mehr als okay und fair. Ich bin mir gegenüber sehr fair.
Das hätte man mir aber alles mal vorher sagen sollen, dann wäre das nicht so eine große Umstellung gewesen. Dann müsste ich jetzt nicht so bewusst darauf aufpassen, das zu werden, was ich nie werden wollte: Ein bescheuerte Hedonist, der sich von seiner Jugend nicht trennen kann, weil er es als unfair empfindet, nicht mehr mitspielen zu können.
So wie Andreas Elzholz, den ich damals, als ich in Berlin noch an einer Tankstelle arbeitete, bediente und der wirklich sehr freundlich war. Der durfte auch nicht mehr bei GZSZ mitspielen. Aber GZSZ ist nicht wahre Leben. Wissen auch nicht viele, glaube ich.
[Bilder via yay!everyday]

