Ramadan Blues

Veröffentlicht August 6, 2011

Ich sitze im ICE, auf der unerschwinglichen, teuren Fahrt in Richtung Heimat – wo ich herkomme, wo ich aufgewachsen bin. Dieser Ort könnte jeder in (West-)Deutschland sein, eine Vorstadt, ein Reihenhaus, eine unbeschwerte Kindheit mit darauff olgend pseudo-rebellischer Jugend. Die Sonne scheint als Ausnahme in diesem Sommer durch die schmutzigen Fenster des augenscheinlich schleichenden Hochgeschwindigkeitszuges, aber weil das Leben und die Entspannung nicht vollkommen sind, wird das alles von dem Geruch stinkender Füße meiner temporären Fahrgemeinschaft untermalt.

Es ist Ramadan. Wenn ich mich an meine Kindheitsjahre zurückerinnere, so war das die schönste Zeit des Jahres. Mal war es kalt, mal war es warm, der Ramadan kommt und geht nämlich mit dem Mond und seinem Kalender. Die meisten meiner Mitschüler und auch viele Lehrer haben nicht verstanden, wieso ein neunjähriges Mädchen so wehement Essen und Trinken ablehnte – sie war doch so jung! Wie konnten ihre Eltern sie nur zu so etwas zwingen! Aber natürlich haben mich meine Eltern nie gezwungen. Die Pflicht des Fastens fängt erst viel später an, wenn man seine Mündigkeit (als Frau beginnt das, sobald man seine Periode bekommt) erreicht hat.

Meine Mutter hat das immer sehr gut gemacht, wie ich heute finde. Sie hat uns die Schönheit des Ramadan vorgelebt, obwohl ich noch nie in einem arabischen/islamischen Land zu dieser Zeit war (zumindest kann ich mich nicht mehr daran erinnern). Sie erzählte uns die wunderbaren Geschichten aus dem Koran, abenteuerliche und moralische Abhandlungen im Leben des Propheten und seinen Anhängern. Sie las uns vor, sie betete mit uns. Sie erzählte uns auch davon, wie es war, in Syrien zu fasten: dass die Leute jeden Abend feierten, die ganze Familie zusammen saß und sich nah war, dass Gott und die Engel einen hörten und der Teufel im Ramadan keine Gelegenheit bekam, sich zu nähern. Sie brachte uns die für deutsche Verhältnisse – also auch für die Verhältnisse ihrer Kinder – fremde Kultur näher, indem sie diverse Bräuche vermischte: im Ramadan gab es für uns einen Adventskalender, den sie selbst füllte. Für jeden Tag, den wir fasteten (oder den wir nicht fasteten – schließlich ging es nur um die Mühe, nicht um die Qual) gab es ein kleines Geschenk. Wenn man einen Tag lang nichts isst, dann freut man sich über jedes Stückchen Schokolade.

Und sie kochte wie eine Weltmeisterin, sie lud Freunde ein, wir wurden eingeladen. Zum Fastenbrechen – wir nennen es Eid al Fitr – gab es auch Bescherung, eben wie an Weihnachten. Für uns war dieses Eid auch viel größer als das eigentliche Äquivalent zu Weihnachten, dem Eid al Itha, weil wir ja auch viel mehr Arbeit investierten. Wir waren stolz, wenn wir unsere Geschenke öffneten: stolz darauf, wie die Erwachsenen “dazu” zu gehören. Stolz auch, dass Allah uns nun weiter oben auf seiner Hitliste der gutgläubigen Moslems zählen würde, auch wenn wir nicht immer so gutgläubige Moslems waren. Im Ramadan, so in etwa unsere Auffassung, wurden die Karten neu gemischt. Der kollektive Traum im Islam ist dann dazu die Reise nach Mekkah, wo alle Sünden – theoretisch – weggewaschen werden können. Selbstverständlich muss man die Reise aber auch so meinen, und sich von ganzen Herzen ändern wollen.

Als ich älter, rebellischer, unkonformer, unsicherer, ungläubiger wurde, weil mir diese Kulturdifferenzen in einer viel zu komplexen Welt mit ihren ganzen Vorurteilen und Schwierigkeiten einfach über den Kopf gewachsen sind, legte ich in meinem Frust den ganzen Glauben zur Seite. Ich bin definitiv über zu viele Grenzen getreten. Wenn ich jetzt zurückblicke, dann müsste ich als Moslem wohl einige Fahrten nach Mekka machen, und hätte bestimmt ein ganzes Jahr fasten müssen, um die verfehlten Ramadantage nachzuholen.

Das wissen meine Eltern natürlich nicht. Sie ahnen es vielleicht, in der Hoffnung, dass ich meinen Weg zurück finde. Sie beten zu Gott und stellen keine Fragen, weil wir eines Tages reuemütig und mit gesenktem Haupt beichten werden – aber immerhin geläutert. Ich weiß nicht, was die Zukunft für mich bereit hält, ich kann nur zurückblicken und behaupten, ich weiß, was mir in der Vergangenheit gefehlt hat.

Meine ganze Distanzierung vom Thema Religion und meiner arabischen Herkunft rührt nicht aus einem Hass her oder einer viel größeren Nähe zur deutschen, westlichen Kultur. Aber meine Eltern haben in ihren Bemühen, uns so gut wie möglich an IHREM alten Leben teilhaben zu lassen, und dennoch unser eigenes Leben in Deutschland zu führen, gegen Windmühlen gekämpft. Zu zweit waren sie zu schwach gegen Kindergarten, Schule, Freunde. Auch ihre eigenen Freunde, die arabische oder islamische Gemeinschaft in unserer unmittelbaren Umgebung, war nicht gerade vorzeigbar. Umso mehr haben wir uns in unseren jährlichen Sommerferien auf die Verwandten und Bekannten in Damaskus gefreut, die uns viel näher waren. Unsere Cousins spielten Playstation, sie hörten Hip Hop Musik und haben auch mal Schimpfwörter benutzt. Der Islam war dort ein Bestandteil ihrer Kultur, kein zentraler Fokuspunkt wie für uns in Deutschland in der islamischen Schule und zu den allwöchentlichen Freitagsgebeten.

In Damaskus gibt es keine Vertrauenslehrer, sondern Imame. Das ist ganz normal, dass man dort bei einem Streit oder jeglichem Konflikt erstmal den religiösen Mittelsmann aufsucht. Hier, in Deutschland, war Religion aber ernster als das: man musste sich immer zusammenreissen, nicht irgendwelchen Reizen zu erliegen, wurde immer ermahnt, bloß nicht den “westlichen” Sünden nachzugehen. Natürlich ist es schwieriger, wenn man woanders lebt. Aber nicht die Sünde war fremd, sondern die seltsamen Gewohnheiten und die Aufforderungen, die von türkischen Stammeshäupten in ernsthafter Miene übertragen wurden. In einem Sommercamp für islamische Mädchen, irgendwo in Nordhessen, wurde ich mit vierzehn Jahren ständig dafür kritisiert, dass ich kein Kopftuch trage. Ich sagte ihnen, dass meine ganze Verwandtschaft kein Kopftuch trage und trotzdem seien alle gute Moslems. Sie lachten mich aus.

Das Gefühl von Zugehörigkeit ist so unglaublich wichtig, um das zu erkennen, brauche ich heute definitiv kein Soziologiestudium. Ich merke es innerhalb meines jetzigen Freundeskreises. Was den Islam angeht – oder meine arabische Herkunft im Generellen – fehlte mir immer diese Zugehörigkeit. Familie reicht nicht. Die Moschee, weit weg von meinem Wohnort, die einzige arabischsprachige Moschee im Umkreis, wurde hauptsächlich von Leuten besucht, die nicht in Reihenhäusern, sondern in Plattenbauten wohnten. Sie kamen auch nicht aus Syrien, sondern hauptsächlich aus Marokko. Aber für eine syrische Moschee reicht die Anzahl der Gemeinde einfach nicht aus. Und so fehlte mir immer ein erheblicher Teil meiner Kultur, der Heimat meiner Eltern, den sie so notdürftig mit dem, was da war, zu ersetzen versuchten.

Leider trieb es mich immer weiter davon weg. Ich endete zu meiner Pubertät in einer Krise, die ich keinem Jugendlichen auf der Welt wünsche, nämlich voll in der Frage: werden mich meine Eltern lieben, wenn ich ihnen sage, dass ich ihr Volk nur von außen, niemals von innen betrachten werden kann? Dass ich ihre Kultur und Religion zwar annehme – aber niemals so umsetzen werde, wie sie es sich vorstellen? Das formuliert sich jetzt alles sehr unspektakulär, aber mit fünfzehn oder sechzehn Jahren habe ich diese Fragen noch anders gestellt: lieben mich meine Eltern noch, wenn ich ihnen sage, dass ich nicht an ihren Allah glaube? Dass ich mich für ein anderes Leben entschieden habe? Werden sie mich hassen, werden sie mich verurteilen, sich für mich schämen, werden sie mich verlassen, schlagen oder sogar ermorden?

Ich bin meinen Eltern dankbar für die Aufmerksamkeit und die Zeit, die sie in mich investiert haben – ohne diese Arbeit könnte ich heute nicht die Sprachen sprechen, die ich spreche. Die zwei Stühle, die sie mir hinstellten, sind im Endeffekt das beste gewesen, was mir passieren konnte – aber eben erst im Nachhinein. Mir fällt natürlich auch erst viel später auf, dass sie auch nur Menschen sind, fehlbar, gutmütig aber eben auch mit Makeln, die Allah vielleicht gerne übersieht, weil sie fleißig fasten, immer spenden und fünf Mal am Tag beten. Sie werden vom Schicksal bestraft, aber nie so hart, dass sie es nicht – mit gutem Glauben – in die nächste Runde schaffen. Und ich möchte ihnen diesen Glauben nicht nehmen, niemals. Dazu gehört aber auch, mit dem ICE nach Hause zu fahren und mein Leben in der Hauptstadt, zumindest teilweise, zurück zu lassen. Ich vertraue meinen Eltern und ihrer Liebe und Fürsorge und Zuneigung mehr, als sie sich wahrscheinlich selbst vertrauen. Im Falle dessen, sie finden etwas über meinen dubiosen Lebensstil heraus (Mutter, falls du eines Tages auf diesen Blog stoßen solltest: ich bin nicht drogenabhängig und gehe auch nicht auf den Strich, keine Sorge, und ich verdiene mein Geld nicht im Casino und esse auch ganz bestimmt kein Schweinefleisch!), dann werden sie weinen und enttäuscht sein und ich werde weinen und mich vor ihnen schämen, aber ich werde auch erleichtert sein. Ich scheitere nicht mehr an dem Gedanken, dass sie womöglich niemals für das auf mich stolz sein könnten, auf das andere, deutsche Eltern längst stolz wären: diese Maßstäbe gab es für mich nie. Ich hatte nicht mehr Hürden zu überwinden, nur andere. Sie werden zu Gott beten und darauf hoffen, dass er mich besucht, mich läutert und zu einem besseren Menschen macht.

Aber das ist das, was mich auch immer zu ihnen nach Hause zurück kehren lässt: sie werden hoffen und für mich beten. Sie werden mit mir schimpfen und versuchen, mich auf die gute Seite des Lebens zu ziehen. Vielleicht werden wir nicht mehr miteinander reden – es würde mir das Herz brechen, und ich würde alles dafür geben, es ihnen in meinen Grenzen recht zu machen. Deshalb fahre ich im Ramadan zu ihnen, bete und faste mit ihnen, sitze am Küchentisch und erzähle von achtzig Prozent meines Lebens und höre mir ihre Geschichten über den Propheten an. Weil sie mich, trotz der Scheisse, die ich in ihren Augen baue, immer lieben werde. Und damit unterscheidet sie nichts mehr von den anderen Eltern dieser Welt.

 
 

Telefonwarteschleife

Veröffentlicht June 9, 2011

Ich distanziere mich von meiner Heimat und identifiziere mich mit dem Ort meiner Wahl – das kann Berlin sein, das hätte aber auch jede andere Stadt der Welt sein können. Und so vergehen mittlerweile schon Jahre, die ich nicht mehr zu Hause – das heisst in meinem Elternhaus bin – und die Distanz wächst auch auf zwischenmenschlicher Ebene, auch wenn wir alles versuchen, damit das nicht passiert. Das ist schon kulturell so impliziert, und das “deutsche Verhalten”, wie es meine Eltern so gerne nennen – d.h. so schnell wie möglich ausziehen und “sein eigenes Ding” machen – wird nur mit einer enttäuschten Inkenntnisnahme aktzeptiert.

Anfangs bin ich in der Freiheit solcher Ereignisse aufgegangen, vom unbesorgten Leben bishin zu den ganz neuen Möglichkeiten und der persönlichen Weiterentwicklung: die Welt steht dir offen, sagte ich mir, und es stimmte so zu hundert Prozent. Aber jetzt, drei Jahre später, passieren Dinge, die mich auf den Boden der Tatsachen zurückholen, namentlich Krankenhausbesuche, schwere oder prägnante Lebensabschnitte und tragische Autounfälle, die ich hier, 500 Kilometer weiter, nur über’s Telefon berichtet erstattet bekomme.

Ich weiß, dass ich daraus keine Konsequenz ziehen kann, jedenfalls keine unmittelbare. Es ist, wie es ist, und meine Gegenwart hier ist mir wichtiger als so ziemlich alles, was ich zu Hause gelassen habe. Entscheidungen wurden getroffen, Sachen wurden gepackt, ein neues Leben wurde begonnen, eines unabhängig, wenn auch emotional verbunden, mit den Menschen die mich zuvor großgezogen und gepflegt haben. Aber einen Anruf zu bekommen, dass die Mutter im Krankenhaus liegt, weil sie einen schweren Autounfall auf der Autobahn hatte (ihr geht es gut), das ist ein stiller Herzinfarkt, der sich in der Seele wie schwarzer Teer verbreitet; und hier stelle ich mir die Fragen, die sich wahrscheinlich jeder stellt, wenn er so weit weg vom Geschehen ist. Was ist, wenn es das nächste Mal schlimmer ausgeht? Was, wenn ich fünf Stunden brauche, bevor ich da bin, bevor ich mich verabschieden kann, bevor ich eingreifen kann? Was passiert mit mir, wenn es so weit ist?

Und da sind ja nicht nur die Eltern. Da sind meine Brüder, die jeden Tag Scheisse bauen, meine Freunde, die ihre eigenen dramatischen Schicksale auf ihren Schultern spüren. Ich kapsel mich davon nicht ab; ich bin einfach nur nicht da. Das ist auch einer der bewegenden Gründe gewesen, warum meine semi-Weltreise schon vorzeitig abgebrochen wurde. Nicht da zu sein, zu verpassen und sich dessen bewusst zu sein, dass man durchaus was zu verlieren hat… das war zu viel für mich. Dabei ging es aber hauptsächlich (und ironischerweise) um Berlin. Jetzt geht es um die Heimat, die ich nur noch selten zu Hause nenne. Es gibt für dieses Problem keine Lösung, so weit bin ich schon. Aber ich kann beim Auflegen des Hörers nicht vergessen, das eine andere Welt außerhalb meiner Stadt existiert, so trügerisch sicher ich manchmal im Alltag vom Gegenteil bin.

 
 

Wish You Were Here

Veröffentlicht November 5, 2010

Meine Mutter antwortet mir kaum auf meine E-Mails. Ich rufe sie jeden Sonntag an um ihre Stimme zu hören und nachzufragen, ob alles okay ist- sie wimmelt mich meistens nach drei Minuten ab (das war aber auch nie anders). Ich schicke der ganzen Familie alle drei Tage Bilder von unseren Abenteuern und kleine Kurzberichte. Ich schicke Postkarten nach Hause, und zurück kommt nur ein “Hey, ja, ich vermisse dich auch, aber ich bin im Stress und kann dir leider nicht anworten, PS ich werde nächste Woche operiert nichts Schlimmes nur wieder das Knie”.

Ich bin jetzt seid mehr als einem Monat unterwegs, und es macht sich immer mehr das Gefühl breit, dass ich mich beim ersten Mal gar nicht richtig verabschiedet habe. Oder zumindest falsch. Denn während ich hier im Urlaub bin und alle Zeit der Welt habe, im Internet zu surfen und meine Eltern anzurufen, geht das Leben zu Hause weiter. Und ich bin nicht inbegriffen. Aber nicht ich bin weit weg – sondern alle anderen.

Es ist so lustig, wie mich jeder fragt, hey, wie geht’s, wie ist es so? – Und alles, was ich darauf antworten kann ist: ja, es ist gut, ein bisschen anstrengend, aber wirklich cool. Aber kaum einer erzählt mir, was eigentlich zu Hause vorgeht, was ich verpasse, was passiert ist. Und langsam komme ich dahinter: ich kann es nicht mehr wissen. Es gibt keinen Raum dafür, keinen gemeinsamen Alltag. Die witzigen Geschichten gibt es nicht mehr, weil sie nicht witzig sind, wenn man nicht da war. Die kleinen Dramen aus dem Leben, die nicht in einen einzigen Absatz in einer E-Mail gekürzt werden können, weil sie so viel mehr beinhalten. Dieses “Ja, mir geht es gut”, aber den Rest kann ich dir nicht erzählen, weil ich viel zu weit ausholen müsste.

Anfangs hat mich das irritiert, aufgehalten, gestört – ich bin kein Teil davon, aber ihr dürft mich doch nicht so außen vor lassen! – aber ich werde es nicht ändern können. Ich bin kein Teil mehr davon. Ich bin zu weit weg, um noch ein Teil zu sein, und die Erde dreht sich auch zu Hause weiter. Tag, Nacht, Tag, Nacht. Und noch viel mehr: ich habe mich bewusst dafür entschieden, nicht mehr da zu sein, aus dem gemeinsamen Alltag auszusteigen. Meine Mutter wird mich auch weiterhin am Telefon abwimmeln und sagen, dass sie leider weg muss. Aber irgendwie ist das jetzt auch okay. Und vielleicht ist es auch notwendig. Travelling like it’s 1999.

 
 

Bros Before Hoes

Veröffentlicht July 14, 2010

Wir kriechen mit Schrittgeschwindigkeit durch den stockenden Verkehr auf der Autobahn. Meine Hände sind zu Fäusten geballt. Mein Kopf hämmert mit jedem weiteren eiskalten Zug, der aus der Klimaanlage kommt. Mit dem letzten bisschen Stimme, das mir nach diesem Wochenende verblieben ist, brülle ich nach vorne: “MACH DEN SCHEISS AUS DU BEHINDERTER SPAST”, ziehe meinen rechten, von Hundescheisse verdreckten Turnschuh aus und klatsche ihn meinem fahrenden Bruder direkt in die Fresse…

— 48 Stunden früher —

Ich wache im Wohnzimmer auf. Es ist halb neun morgens. Mir läuft die Brühe zwischen die Brüste, die Arschbacken, die Zähne. Es ist heiß. Ich stinke. Nein, mein Bruder stinkt. Der liegt mit verkrusteten Augen in seiner Schweißlache, eine Couch weiter. Er schnarcht. Im Rhythmus seines Atems blubbert Rotze aus seiner Nase. So friedlich.

Ich wecke ihn mit einem Liter kaltem Wasser.

Meine Brüder heißen für mich schon immer Leslie Nielson und Milhouse. Der Einsatz dieser Namen ist völlig flexibel, mal ist es der eine, mal der andere – je nach Grad ihrer auswechselbaren Komik. Es hat sich so eingebürgert, und ist meine Rache für die ganzen Kniffe, Bisse, Gesichtsfurze und den Schwitzkastenterror, den ich mein Leben lang ertragen musste. Sie hassen es und ich bekomme regelmäßig Nippeltwister für diese Unworte ab. Das ist es mir wert.

Les und Mil sind also bei mir zu Besuch, in Berlin, und bereits nach einer Nacht ist eine nur unter Geschwistern bekannte Spannung zu bemerken. Früher hätten wir unsere Supersoaker aufgeladen und einen unbeobachteten Augenblick abgewartet. Heute: Krieg und Ausnahmezustand.

Ich gucke Fernsehen, zappe, die Fernbedienung locker in der Hand haltend. “Hör mal auf umzuschalten und lass jetzt mal den Scheiss auf RTLII gucken”, höre ich Leslie maulen.

“Nein.” Ich zappe weiter.

“Ey, ohne Mist, du bist übertrieben behindert. Gib mir jetzt die Fernbedienung!”

“Nein. Ich wohne hier. RTLII ist für arme Loser.”

Ich höre seinen Kampfschrei zu spät, halte rechtzeitig mein Knie hoch um ihm Schmerzen zuzufügen, muss mich aber geschlagen geben. Die Schlacht um die Fernbedienung war dank meiner Porzellanknochen verloren, die Nacht wurde bei 35° im Schwitzkasten verbracht.

“LASS MICH LOS DU HURENSOHN!”

“HA HA, meine Mutter ist auch deine Mutter!”

“NEIN MAN DU BIST ADOPTIERT UND DEINE MUTTER IST NE HURE JETZT LASS MICH LOS!”

Der Schwitzkasten wird enger gezogen.

Nielsen und Milhouse besprechen lautstark die dem Realismus getreue Umsetzung der BangBus Pornos auf YouPorn in der S-Bahn. Ein Penner setzt sich ob dieser ordinären Konversation ein Abteil weiter. Ich setze mir meine Kopfhörer auf und sehe nur zu, wie sie mich mit Grimassen verunsichern wollen.

Wir zocken Playstation, ich verliere. Milhouse muss als jüngster das ganze Wochenende Sklave spielen und das Kabel für den Fernseher halten, damit das Bild nicht rauscht. Wir lassen ihn alle 10 Minuten Pause machen.

Wenn mein älterer Bruder, Leslie Nielsen, sich dazu entscheidet mich zu ärgern, hält er mir seine Füße ins Gesicht (er ist bei der Bundeswehr und muss jeden Tag viele Kilometer mit diesen Hornhautmonstern laufen, außerdem wachsen ihm Haare an der Fußsohle) oder er fängt an, mich spontan zu kitzeln. Was er jedoch unter “Kitzeln” versteht könnte auch ganz einfach als Geheimdienst-Folter durchgehen.

Nach einer kurzen Ohnmacht (Sauerstoffmangel) komme ich wieder zu Bewusstsein und trete ihm in die Eier.

Wir sitzen auf einer Brücke und vergeben gelbe, rote und schwarze an mittelschöne, hässliche und hartgeile Schnitten. Als die ersten schwarzen Karten vorbei laufen, steht Milhouse auf, zieht seine rutschende Hose hoch und ruft den Perlen “HOLA CHICAS WOLLT IHR HEUTE NICHT MAL MIT UNS PARTY MACHEN” hinterher.

Ich reisse Milhouse im Schlaf drei Nasenhaare mit meiner Pinzette. Er jagt mich eineinhalb Stunden lachend durch die Wohnung, weil die Umsetzung dieser Idee genial war. Wir gehen uns in aller Freundschaft einen Döner holen. Er stopft mir die Reste in die Unterhose. Eine weiteres Designerstück von H&M ruiniert. Ich bin dankbar, keinen Kaugummi im Haar zu finden und freue mich bei diesem Glück. Meine Mitbewohnerin sperrt sich leise in ihrem Zimmer ein und ruft die Polizei.

“Lass mal Mäcces.”
“Abtörn”
“Dann koch mal Freeesen”
“Abtörn”
“Ey du bist SO EINE BEHINDERTE GASTGEBERIN!”
“Was willst du mit deinem Gast Spast, als ob ich hier Hotel bin oder was!”
“Ähähähähähähä, blah blah blah, laberst scheisse und so!”
“Ey was willst du von mir du Hirsch lass mich in Ruhe LASS MICH LOS HÖR AUF AUA DAS TUT WEH AAAAH JA IST JA OK ICH BESTELL PIZZA das sag ich Mama du ArschloJA IST JA GUT ICH GEH DOCH SCHON!”

Die Temperaturen backen draußen neue Lebewesen. Die Klimaanlage im Auto ist auf 15 Grad gestellt. Meine Lippen sind blau angelaufen. Nielsen trollt und lacht sich über mich tot. Ich rufe meine Mutter an und petze, doch sie lacht nur und entscheidet sich gegen ein Eingreifen ((sie nimmt ihre eigene Autorität, seitdem wir ausgezogen sind, auch nicht mehr wirklich ernst, was sich zunehmend als Problem entpuppt, und den Vater anrufen ist nach vielen Überlegungen einfach zu riskant, es ist nämlich gut möglich dass ich dabei selber für irgendetwas Ärger bekomme)) Wir kriechen mit Schrittgeschwindigkeit durch den stockenden Verkehr auf der Autobahn. Meine Hände sind zu Fäusten geballt. Mein Kopf hämmert mit jedem weiteren eiskalten Zug, der aus der Klimaanlage kommt. Mit dem letzten bisschen Stimme, das mir nach diesem Wochenende verblieben ist, brülle ich nach vorne: “MACH DEN SCHEISS AUS DU BEHINDERTER SPAST”, ziehe meinen rechten, von Hundescheisse verdreckten Turnschuh aus und klatsche ihn meinem fahrenden Bruder direkt in die Fresse.

Er brüllt zurück, voller Wut und Hass, und versucht mich einarmig in den Oberschenkel zu kneifen (ich wehre seine nach hinten grapschende Hand mit Bissen und Tritten ab) während Milhouse irgendetwas von Kurt Russel und Jean Claude Van Damm und ihrer absoluten Unfehlbarkeit erzählt. Wir schaffen es irgendwann einfach in ein Koma zusammen zu brechen, aus dem wir mit einer Vollbremsung geweckt werden.

Zu Hause angekommen verschwinden wir alle in unseren Zimmern, nachdem wir uns mit weiterem Gekreische und Rechtfertigung vor unseren Eltern den letzten Abschiedsgruß in den Sack getreten haben. Ich frage mich, ab wann es meinen Eltern eigentlich egal war, dass wir Schimpfwörter wie “Scheisse” und “Ficken” benutzen.

Broes Before Hoes, alter.

 
 

Der Flughafen

Veröffentlicht June 23, 2010

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Ich erinnere mich noch an die Aussichtsplattform und das Glitzern der Mittagssonne, die von den strahlend weißen Flügeln reflektiert wurde. Ich drückte meine Nase gegen das Glas platt bis sie weh tat, und ich hatte eine faszinierende Ausdauer: ich konnte wirklich stundenlang so stehen bleiben.

Ich erinnere mich daran, meinem Vater Adieu zu winken, damals, als man noch mit ans Gate durfte. Ich erinnere mich an meine verrotzte Schnute und die ganzen vielen Tränen, wenn ich mich von ihm verabschieden musste. Dabei verabschiedete ich mich nie wirklich von ihm- ich kannte nur sein Bild, das Bild des Reisenden, mein Held, mein Papa, der Abenteurer. Ich kenne ihn vom Flughafen, wo er mit seinen schönen Taschen stand und meine Mutter leidenschaftlich küsste und uns zu dritt auf seinen Schultern trug und sich von uns loseisen musste, um seinen Flug noch zu bekommen.

Jede Fahrt zum Flughafen war eine kleine heimliche Feier, bei der wir die Autobahn genossen, und der Abend zuvor war mit nervösem Gekicher und einer kindlichen Vorfreude geprägt. Wir erzählten uns Geschichten von Piloten und Wolken und Kampffliegern und wir düsten auf unseren Hochbetten und in unseren Träumen von Kontinent zu Kontinent. Aber es war nicht nur das Fliegen. Es war alles.

Die großen Hallen. Die gedämpfte Akustik. Die vielen hektischen, lachenden, weinenden Menschen und die Sprachen. Manchmal waren es unseren eigenen Koffer, die so ein schönes Geräusch machten, wenn man sie hinterherzog. Es waren auch die Flugzeuge, die großen, die kleinen, und die Stewardessen, die uns Stifte und Ausmalpapier in die Hand drückten, und es waren die seltenen Spaziergänge ins Cockpit, wo uns der beeindruckende Pilot kleine Pins an die Brust steckte und uns die Hände schüttelte. Es war das fertig abgepackte Essen und die anderen Kinder im Flugzeug. Es war das Gefühl im Bauch bei einem Luftloch und die spaßige Angst und die Filme und das Anlehnen an die Schulter meines großen Bruders und das stundenlange Game Boy spielen und sich um den High Score prügeln.

Es waren die Flüge in neue Welten, und es waren die Glückstränen meiner Mutter, wenn das Flugzeug in ihrer Heimat landete. Es waren die Gerüche. Es war der große McDonalds, den wir so liebten, weil wir mit Kindern aus allen möglichen Nationen gespielt haben, in unserer Geheimsprache. Unserer Flughafengeheimsprache, die jeder verstehen konnte.

Es war Papa, auf den wir zu rannten, wenn er wieder zu Hause ankam, nach Wochen der Geschäftsreisen. Er brachte uns exotisches Spielzeug mit, und viele Kulis von Messen, und Geschichten von Koalas und Bären und Fotos von Dheli und Südafrika. Er war unser Flughafen, wenn er nicht verreist war. Er nahm uns hoch und drehte sich mit uns im Kreis und wir fielen lachend und schwindlig zusammen.

Eines Tages kam Papa von einer Reise zurück, ohne Lachen, ohne Freude. Er musste nicht mehr reisen, dafür gab es jetzt jemand anderen. Wir machten keine Ausflüge mehr, und irgendwann wurden wir zu alt, um danach zu fragen.

Mein Papa ging als Reisender. Er kam nie wieder zu uns zurück.

 
 

Write The Future

Veröffentlicht May 21, 2010

photo by US Army Africa

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 war die erste Weltmeisterschaft, die ich ununterbrochen verfolgte. Fast jedes Spiel – egal ob Deutschland oder nicht – sah ich mir an, fieberte mit. Die Main Arena, dem Public Viewing Bereich auf dem Main in Frankfurt, war knapp einen Monat lang mein zu Hause. Ich lernte Menschen aus aller Welt kennen. Ich feierte und schrie und gröhlte und tanzte und stöhnte und liebte es, mich manchmal ganz klein zu machen und den Leuten dabei zuzusehen, wie sie gebannt auf den Bildschirm starrten. Das Lächeln in ihren Gesichtern, das Zucken in ihren Augen. Wie verkrampft sie sich aneinander festhielten. Wie sie sich umarmten und küssten, auch wenn sie sich nicht kannten. Es war ein anderes Deutschland, da können wir uns alle einig sein.

Doch auch, wenn ich mich gerne an die Gänsehaut und an die Musik und an die Bilder erinnere, die in den schönen Momenten passierten, am markantesten wird mir wohl für immer das Halbfinale zwischen Italien und Deutschland im Gedächtnis bleiben. Die Tränen, die die Wangen meiner deutschen Freunde hinabliefen, waren nichts im Vergleich zu den Tränen, die meine Oma damals ließ. Meine Oma, die für einige Wochen zu Besuch in Deutschland war. Meine Oma, die keine einzige Fußballregel kannte. Meine Oma, die in Deutschland alle paar Jahre Urlaub machte.

Ich fragte sie, lachend, warum ausgerechnet sie denn jetzt weine. Sie sah mich an, schluchzend (und es bricht einem das Herz, die eigene Oma weinend zu sehen) und sagte: “Ihr habt gelernt, zu lachen und Gefühle zu zeigen. Ich habe Angst, wenn ich nächstes Jahr wiederkomme, dann habt ihr es wieder vergessen.”

Damals verstand ich nicht so richtig, was sie damit meinte. Mit dem Näherrücken der WM in Südafrika und der Vorfreude jedes einzelnen Menschen in diesen Straßen merke ich aber, wie sehr sich die Leute hier nach dem Ausrasten sehnen. Danach, explodieren zu können. Sich freuen zu können. Irgendwie etwas, was man hier sonst nicht so wirklich kann (oder will).

Meine Oma ist seit dem Märchensommer 2006 nicht mehr in Deutschland gewesen. Diesen Juni kommt sie, pünktlich zur WM, wieder vorbei. Gut, dass wir ihren Deutschlandschal nie weggeschmissen haben- wir brauchen doch noch ein bisschen Support.

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Diet Mtn Dew

Veröffentlicht May 15, 2010

 

Ich sitze mit meinem kleinen stonerhead Bruder im Keller des Gammelns, wir sind gerade erst aufgestanden. Meine Mutter schläft, mein Vater guckt fernsehen. Wir löffeln Cornflakes und essen Erdnussbuttersandwiches. Er erzählt mir von seiner Freundin, ich erzähle ihm von meinen Plänen, davon, dass ich um die Welt reisen werde. In einem unvorsichtigen Moment versucht er mir seine Socken in den Mund zu stopfen und verpasst mir dabei einen blauen Fleck. Ich räche mich später indem ich Nacktbilder von ihm, als er klein war, ins Internet stelle.

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich an etwas erinnern kann, dass mehr als zehn Jahre her ist. Es sind meine Erinnerungen, keine Erzählungen- meine Gefühle und meine Bilder, alles gespeichert. Lückenhaft, aber existent. Als ich von zu Hause auszog, weil ich samstagmorgens nicht mehr vom Hämmern des Staubsaugers gegen die Schlafzimmertür aufgeweckt werden wollte, war mein Bruder noch 16 Jahre alt. Nächste Woche wird er 18. Für mich hat sich fast nichts geändert; für ihn alles.

Wir kennen uns nicht, aber ich glaube, dass er ein ziemlich cooler Typ ist.

 
 

Muttertag

Veröffentlicht May 9, 2010

Ich wollte etwas ganz besonderes schreiben zum Muttertag- über meine Mutter. Wie sehr ich sie bewundere, wie sehr ich ihr dankbar bin, wie sehr sie mich beeindruckt und wie stolz ich auf sie bin. Ich schrieb und schrieb und schrieb und irgendwann war mir klar, dass das keinen interessieren würde. Jede Mutter ist eine Superheldin.

Statt also einen Essay über eine wundervolle Person zu schreiben, den irgendwelche Menschen lesen, habe ich sie angerufen und ihr persönlich erzählt. Eine Mutter zu haben ist nicht selbstverständlich. Eine Mutter, die bedingungslosen Rückhalt gibt, erst recht nicht.

Danke, Mom.

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Netzmart

Veröffentlicht February 14, 2010

Als mein kleiner Bruder in der Grundschule war sollte einen Aufsatz über seine Familie schreiben. Ich erinnere mich daran, weil ich ihn zur Strafe für das Resultat an den Kompost-Zaun kettete, ihm gammlige Socken in den Mund stopfte und den ganzen Tag Simply Red laufen ließ.

Ein Satz, für den er heute noch bei jeder Gelegenheit fette Nackenschellen kassiert.

“Ich habe eine große Schwester, sie ist fett und ihr bester Freund ist der Computer.”

Ich weiß, schwer vorstellbar, dass ein so intelligentes und bezauberndes Wesen wie ich jemals in solch eine prekäre Situation der Verleumdung geraten würde, aber… es stimmt. Ich war fett. Oh Boy. Ich war so fett, ich hätte praktisch den Mond ersetzen können. Aber darum geht es jetzt hier nicht.

Es geht um die Entwicklung von Kids meiner Generation, die vom Internet erzogen wurden (frage mich, inwiefern sich hier „fett“ und „Internet“ bedingen). Das ist keine Aussage über die Fehlerziehung meiner Eltern, die haben alles richtig gemacht. Immerhin verkaufe ich weder Drogen an Kinder, noch haben sie mir das Tattoo erlaubt, dass ich mit zwölf Jahren haben wollte. Es war ein Tribal. Danke Mama.

Heute ist das Standard. Morgens E-Mails, nachmittags Surfen, ein paar Songs runterladen, Status updaten, Restaurant suchen. Nachts die Fetischpornos. Normal. Das war’s vor 10 Jahren noch nicht. “Du chattest? Was ist chatten? Mit wem chattest du denn? Was gibt’s denn zu chatten?” Keine Ahnung. Ich weiß es nicht mehr.

Ich weiß nur, dass es Menschen aus der ganzen Welt waren. Nerds, Studenten, Ärzte, Punks, Programmierer. Damals gab es ja auch kein “deutsches” Internet, nicht so wie jetzt. Da musste man gezwungenermaßen Englisch lernen. Aktzentfrei. Wer im IRC Chat mithalten wollte, der musste auch mit 10 Fingern tippen können. 104 Wörter pro Minute. Webseiten gab’s nicht auf Knopfdruck. HTML, CSS, PHP, Photoshop (zugegeben, talentlos). Wenn der PC kaputt war, musste man ihn selbst reparieren. Hardware, Software. Wenn die Eltern auf schmuddeligen Seiten surften, musste man die Kindersicherung selber einstellen. Privacy. Musik gab’s “kostenlos”. The Clash, The Cure, The Smiths.

Klar, auch heute kann das jeder haben. Die Frage ist wie dringend man es will, wenn es so selbstverständlich ist; wenn man nichts mehr entdecken muss, jedenfalls nicht so wirklich. Wieso holpriges Land wenn es Autobahnen gibt? Man, was für Harry Potter Hogwarts und für die anderen bekloppten Kinder Narnia war (ich hasse Narnia), das war das Internet für mich: Perspektive. Das Land der unendlichen Möglichkeiten. Ich entwickelte eine natürliche Neugier, weil sie gestillt werden konnte (so erkläre ich mir das natürlich im Nachhinein. Vielleicht war ich auch einfach nur ein Kellerkind und hatte keine Freunde). Man lernte zu lernen. Kochen? Internet. Schlösser aufknacken? Internet. Wände tapezieren? Internet. Kritisch denken? Zumindest teilweise Internet. Alle Voraussetzungen für meinen jetzigen Job? Definitiv: Internet.

Aber nur, weil ich jetzt so viel weiß und ein Genie bin (Achtung, abwertende Anmerkung die Sarkasmus impliziert, eigentlich aber ernst gemeint ist), heisst das natürlich nicht, dass wir deshalb die Schule abschaffen und stattdessen jeden Tag einen neuen Wikipedia-Artikel auswendig lernen. Ohne Schule wüsste ich ja nicht, wie ich mit offenen Augen schlafe. Und, okay, ich wüsste auch nicht wie ich meinen Horizont nicht nur über meine Interessen hinaus erweitere, sondern auch vertiefe.

On the left is Mr. Largo, my music teacher at school? He taught me that even the noblest concerto can be drained of its beauty and soul. - Lisa Simpson

Street Smart. So nennt man Menschen, die gelernt haben, mit den nötigsten Mitteln auf der Straße das Beste aus ihrer Situation zu machen. So ist es auch mit dem Internet gewesen (etwas weniger dramatisch vielleicht). Man wurde halt Netzmart (heh, ich weiß, “Net Smart”, “Netzsmart”, clever, heh).

Ja, es klingt noch einfacher heute, aber das ist es nicht. Ich schaue mir meinen kleinen Bruder an, die perfekte Zielgruppe für Küchenutensilien wie das iPad, und weiß, dass er niemals Netzmart sein wird. Netzmart ist nicht Google richtig benutzen oder Apps programmieren: es ist sich im Wirrwarr der Möglichkeiten durchschlagen und daraus lernen können, in einem eigentlich sehr beengtem Umkreis, gerade wenn man noch so jung ist. Aus einem Kaff-Kind wird ein virtueller Backpacker, ein Online-McGyver mit intrinsischer Motivation sich zu bilden, weil es plötzlich geht.

Selbstverständlichkeit hin oder her, viele werden wahrscheinlich auch ohne diese Erfahrung lernen zu lernen und auch umzusetzen, es gibt einen Haufen cleverer Kids da draußen, die auch über Abschlüsse und den ganzen System-Firlefanz mit Schule/Studium/Sterben hinaus erfolgreich sein werden. Nur tendenziell werden es eher weniger als mehr, zumindest habe ich das im Gefühl (FYI, Gefühl ist das neue empirische Wissenschaft).

Vielleicht ist es auch nur die Wehmut; zu wissen, dass meine Schulzeit vorbei ist und die globale Vernetzung nur dann funktioniert, wenn man seine Comfort-Zone verlässt und auch in der Realität zu leben weiß. Vielleicht werde ich nur alt und habe das erste Mal das Gefühl, auf eine “Ära”, wenn auch eine persönliche, zurückblicken zu können.

Und vielleicht – aber nur vielleicht – braucht der kleine Bruder einfach nur mal wieder eine Nackenschelle dafür, dass er immer noch mit dem Internet Explorer surft…

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Netzmart · Kategorien: Realwelt · 15 Kommentare
 
 

Awkward Family Photos

Veröffentlicht December 12, 2009

Heute ist wieder so eine Nacht, in der das Schlafen unmöglich ist- wie die letzten einhundert Nächte ungefähr es auch waren. Keine Ahnung, wieso. Aber wenigstens habe ich etwas gefunden, dass mir die nächsten Stunden Gesellschaft leisten wird. Awkward Family Photos.

You Can Only Eat So Much Dip

"You Can Only Eat So Much Dip"

Awkward Family Photos · Kategorien: Uncategorized · Ein Kommentar
 
 
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