Dominator Festival 2013

Dominator Festival 2013

Leider nicht so fleissig, wie ich gerne wäre (bezogen auf die Top 100). Wie machen wir das dieses Jahr eigentlich? Darf ich auch Songs reinbringen, die nicht 2013 veröffentlicht wurden, die dieses Jahr aber erst relevant für mich waren? Interessiert das eigentlich irgendjemanden, wenn die Songs älter sind? Wir sind immerhin nicht bei Pitchfork oder irgendeinem totalitären Magazin. Hier mache ich (hauptsächlich) die Regeln!

So oder so hat es mich in die Vergangenheit katapultiert, als man mir das Dominator 2013 Afterparty Video zeigte. Das Dominator Festival ist ein Hardcore Techno Festival, das vor allem in seiner Größe fasziniert. Man denkt, so überheblich wie man ist, man hätte in Berlin schon jegliche Berührungspunkte zu “neuen” oder “andersartigen” Subkulturen (gerade in der Musik) gehabt, aber dann kommt so eine ausgestorben geglaubte Nummer in den Niederlanden und zerfetzt jegliche Vorstellungskraft, die ich hatte.

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December 10th, 2013 Posted in (Pop)Kultur, Musik | 3 Comments »

Fusion Festival 2012

Festival-Armbänder. Sie sind nicht nur mit Erinnerungen belegte Textilschnüre und Sammelstücke vieler Teenager, sie sind auch die Freundschaftsbänder einer ganzen Generation die einst auf einem Dixie-Klo kacken gehen mussten.

Der “Walk of Shame” hat damit im Kontext des Festivals eine ganz neue Bedeutung bekommen. Der gebrochene Stolz in den Augen Heranwachsender. Das werden unsere Politiker und Wirtschaftsberater und Müllabfuhrmänner und zukünftigen Ehefrauen. Sie haben Demut erfahren. Wo Gott einst in Naturgewalten und unheilbaren Krankheiten herrschte, ist er heute nur noch da zu finden wo unsere Scheisse über Tage hinweg an einem Ort rottet und wir keine andere Wahl haben, als noch einen Haufen drauf zu setzen. Kein Smartphone kann uns diese Last nehmen.

Ich möchte das Festival als einen besonderen Ort bezeichnen. Er ist das Flüchtlingslager der sporadischen Systemverweigerer. Das äußert sich auch in ihrem Stuhlgang – über-alkoholisiert und mit größter Wahrscheinlichkeit auch an anderen Drogen ausgetobt, finden sich in diesen engen Plastikkabinen die grotesken Anblicke der Freiheit wider. Ja, auf dem Festival-Klo sind wir frei von jeglichen Konventionen. Hier darf noch über den Rand ausgemalt werden. Hier darf Mensch Tier sein. Wenn ich einen Film darüber machen würde, ich würde ihn “Basic Instinct” nennen.

Insbesondere die Gattung “Mädchen” hat es nicht leicht. Nach der zweiten Flasche Vodka und dem sechsten Dipp am glitzernden Emotionsberauscher gibt manch holdes Weib die Mission auf. Sie wankt in die nächste Regenpfütze, fällt mit heruntergelassenem Schlüpper ins kühle Nass und pinkelt sich aus. Viel erdender als die Erfahrung im Dixie kann es nicht sein. Warum auch nicht? Die Fusion ist der beste Ort, um Nackhtheit frei nach dem Hippie Prinzip zu bewerben. Dabei muss man noch nicht mal zurechnungsfähig sein. Obwohl die meisten emanzipierten Frauen seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr wissen, wie man sich in die Hocke begibt ohne die wertvollen Schuhe mit Körpersäure zu ruinieren, bleibt dieser Akt eine anstrengende Sache – das Fallen ist da durchaus eine gute Entschuldigung, um es einfach zu lassen. Da wünscht sich jeder Europäer das Plumpsklo her, wo man wenigstens nicht so zu tun muss als hätte man irgendeinen zivilisatorischen Fortschritt erreicht. Weg von the roots. Das Dixie macht uns etwas vor, es lügt uns an. Es erzählt uns etwas von portablen Toiletten, auf denen man sich hinsetzen kann. Könnte. Das Plumsklo hingegen ist die Wahrheit: Ausscheidungen sind unbequem, und eigentlich sollte man das ganze Leben lang nur hocken, damit man für den Ausnahmezustand gewappnet ist.

Um dem entgegen zu treten haben sich intelligente Leute die Papprinne einfallen lassen. “Fusionella” heißt sie, ist knallorange und wird an den weiblichen Körper so gehalten, dass man sich ein bisschen schämen muss. Das geht so lange gut, bis man das Vertrauen in Pappe verliert weil sich ein Riss vorfand und man erst nach dreißig Sekunden merkt, dass die Hose nass ist. Aber meistens ist es zu dem Zeitpunkt sowieso schon egal. Vollgepisste Hose? Angekotzte Haare? Schwarze Popel in der Nase, gelbe Krümel in den Ohren? Wild Germany! Das gehört dazu!

Dass Seele und Körper zwei verschiedene Existenzformen sind, die nicht zwangsweise zueinander gehören, gehört auch zu einer Festival-Erkenntnis. Denn während die Seele entscheidet, am besten gar nichts mehr zu essen, um nicht doch dem plötzlichen Durchfall Opfer zu werden, hat der Körper diesen Wochenend-Ausflug als kulinarischen Urlaub eingeplant. Es wird gegessen. An jeder Fressbude. Zwei Tage lang Tofu, Bohnen und Vodka zum runterspülen. Die Seele windet sich vor Angst, der Körper frisst getrocknetes Obst. Das Schlachtfeld des Toilettengangs.

Das ist nichts, was auf der Fusion exklusiv zu finden wäre. Das geht von Melt! bis Hurricane nicht anders. Menschen, die kacken und Musik hören. Natur und Kunst vereint. Exklusiv auf der Fusion herrscht allerdings eine gewisse Willkürlichkeit darüber, was gehört wird. Hauptsache elektronisch. Hauptsache, es regt zu mehr Konsum von allem an. Das ist im Lichte der gleißenden Sonne wunderschön – wie sich alle lieben und dabei keiner sinnlosen Werbung zu Opfer fallen müssen. Es ist schön, wie sich Freunde in den Armen liegen, wenn sie sich zufällig begegnen. Es ist wunderschön, weil es nicht um Line-Ups oder Name-Dropping geht. Es ist ungemein schön, weil hier jeder ein Lächeln auf dem Gesicht trägt, auch ich, und wenn man den zynischen Kack-Moment überwunden hat und beschließt, dass man einfach nicht auf’s Klo gehen wird – nie wieder – dann kann man sich auch voll und ganz darauf einlassen, mit nackten Volldruffis und Luftballon-Mopswelpen ein bisschen Liebe zu teilen. Egal wofür und egal aus welchem Grund. Liebe muss, auch unter Fremden.

Das vegetarische Gesellschaftssystem auf der Fusion ist ein überzeugendes. Jeder darf alles, und alle sind lieb. Auf der Fusion herrscht so ein inhärenter Frieden, den man gar nicht richtig in Worte fassen kann. Als ob es keine Kriege gäbe auf der Welt. Das ist so eine Ignoranz, die ich mal in einem thailändischen Slum erfahren habe: wer nichts von der Außenwelt weiß, hat eben nur ein Problem: wo gehe ich in Ruhe kacken? District 9 meets Slumdog Millionaire. Drei bis sechs Tage Auszeit für Herz und Kopf.

Nur gab es da ein Problem für mich. Der Sonntagmorgen. Nach dem schweren Sturm zog es mich um sechs Uhr in der Früh wieder auf die Tanzfläche, doch was ich da sah war eher Robotik als Liebe. Der Regen und der Wind haben den Charme der Dunkelheit weggeblasen, übergeblieben ist nur die kalte Tatsache, dass Magie nur so lange hält wie die letzte Pille die man sich eingeworfen hat. Es war Aldous Huxleys Brave New World. Alle wollen nur Spaß. Zwanzigtausend Augen, die in einer Tanzstarre vergessen haben, wie man schläft und denkt. Nur noch tanzen. Eine Endlosschleife der Gedankenlosigkeit. Ich bewegte mich zur psychedelischen Ambulanz, weil ich selbst an meinem Geiste zweifelte. Ich wollte mich hinlegen und ich forderte ehrliches, drogenloses Konfetti, doch man weiste mich mit einem Chai-Latte und den Worten “Wenn du noch stehen und reden kannst, geht’s dir gut” ab.

Indessen waren die restlichen Stunden ein Kerker, den ich mir mit Zombies teilen musste. Mit verschallerten und zerstörten und Menschen, die eine Woche Hangover vor sich haben würden. Mit gerade aufgestandenen, die nach dem nächsten Kick suchten. “Haste ein bisschen MDMA?”, und ich dachte nur: “JUNGE, es ist 7 Uhr morgens und du siehst aus wie schimmliges Brot, das mit einem Vampir gekreuzt wurde!” Der Junge war gefühlte fünfzehn. So wie ich “damals” – grenzenlos. Verantwortungslos. Muss man alles mal gemacht haben. Aber fast zehn Jahre später erschrecke ich davor. Es macht mir Angst, denn viele von diesen Jungs und Mädchen werden die Partykurve nicht mehr kriegen. Die werden nicht Hero spritzen oder Crack rauchen, aber die werden noch sehr lange MDMA schmeissen und irgendwann Koks ziehen und Speed-Diäten machen. Und dann sehen sie mit 25 so aus wie Menschen, denen man eben ansieht, dass sie gerne mal feiern gegangen sind. Das ist ja an und für sich nicht schlimm.

Nur frage ich mich manchmal: will ich so ein Mensch sein? Überhaupt, wer will ich sein, wer sind die Menschen, die meine Vorbilder sein sollen, mit wem will ich mich umgeben, zu wem sehe ich auf? Das seid nicht ihr. Will ich mich darüber definieren, dass ich echt viel Alkohol vertrage und hart bis in die unchristliche Uhrzeit feiern kann? Leute, Techno wird nach drei Vodka on Ice und fünf Stunden des gleichen Sets echt eher langweilig. An so einem Sonntagmorgen wird das zu einem Problem, dass mich regelrecht fortjagt. Ich packte meine klatschnassen Sachen in den Rucksack und marschierte zum Shuttle-Bus, wo noch mehr bewusstlose Menschen auf die Abreise warteten. Jetzt haben wir alles schon mal gemacht, das Leben könnte nicht besser sein. Wir ziehen die Bilanz und kommen bei Null raus. So gut war die Fusion insgesamt – trotz des Dixie-Debakels und dem Drogen-Massaker-, und so schön war es, mit meinen Lieblingsmenschen zu toben und im Dreck zu spielen.

Aber es gibt Grenzen. Sich vier Tage hintereinander dem fröhnenden Hedonismus hingeben – nichts für mich. Nicht mal zum zugucken, das erinnert mich nur daran, wie subjektiv Spießigkeit eigentlich ist. Spaß in dieser Form ist mein Dämon der Sinnlosigkeit. Abgesehen davon ist es durchaus belastend, wenn man nach Hause kommt und erst mal sieben Stunden lang Dreck von seinen Beinen schrubben muss, von dem man dachte, dass es nur die natürliche Bräunung der Haut wäre.

PS: Die Fusion ist mehr als “nur” ein Festival. Ein nahrhaftes Kulturprogramm. Ich habe allerdings jegliche Kultur ignoriert und wurde damit wahrscheinlich den Ausmaßen dieser Veranstaltung nicht gerecht. Ich empfehle jedem, mindestens einmal auf einem Festival gewesen zu sein, und wenn sie wirklich nur eins in ihrem Leben besuchen, dann dieses.

                

July 2nd, 2012 Posted in Gangster, Musik | 21 Comments »

Hurricane Festival 2011

Schlamm, Regen, Kotzlachen, Schweißflecken, Sonnenbrände, Bierpfützen, Blutspuren: kein Wunder, dass unser Gastgeber AXE sich mal ein Herz fasste und auf dem Festivalgelände des Hurricane 2011, irgendwo im Nirgendwo situiert, einige Luxusduschen installieren ließ. Dort konnten die halbtoten Konzertbesucher sich mal so richtig schön warm duschen, um dann fit für die nächste Runde “Zeltplatz Krieg” zu sein.

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June 20th, 2011 Posted in Gangster, Musik | 15 Comments »