Street History

Ich bin mit Graffiti aufgewachsen. Genauso wie mit E-Mails und mit Billigflügen: es ist selbstverständlich, dass es da ist. Auf Städtereisen habe ich immer lieber die Kunst an Zügen oder Hauswänden fotografiert als die Architektur selbst, und das zieht sich bis heute durch meine Urlausbilder. Als strunzdebile Teenager haben wir in unserem Skater-Freundeskreis oft genug unsere Namen an Hauswände geschmiert, YEAH SARA WAS HERE, aber das hatte für mich (ganz im Gegensatz zu den Profiwerken) nie einen künstlerischen Hintergrund. Ich sah mich selbst als jemanden, der vandaliert, und die coolen Sprayer, die mich jeden morgen mit einem anderen Bild auf dem Schulweg überraschten, waren meine Picassos.

Und eigentlich sehe ich das auch immer noch so: ich differenziere stark zwischen “ey, das sieht gut aus, da hat jemand lange dran gearbeitet und sich Mühe gegeben” und “oh nein, nicht schon wieder so ein Geschmiere”. Erst seit einigen Wochen beschäftige ich mich auch (im Zuge meines auflodernden Interesse an Hip Hop History) mit den Hintergründen dieser Szene, nicht zuletzt auch dank einiger wichtiger Begegnungen mit Menschen die im Graffiti Kreis verkehren.

“S”, werdet ihr jetzt sagen, “du bist behindert. Du wächst mit Skatern auf, du hörst den ganzen Tag nur Rap Musik, aber du weisst nichts über Graffiti außer dass es glitzert im Dunkeln?”und ich werde meinen Kopf in Scham beugen und anfangen Blut zu weinen. Nein, ich weiß nichts über die Graffiti Geschichte. Ich weiß nur dass ich mir heute die Straßenkunst lieber ansehe als irgendwelche halbdadaistischen Furz-Ausstellungen die mich dreißig Euro Eintritt kosten, in denen ich dann sechs Stunden zwischen vermodert riechenden und sterbenden Rentnern stehe.

Gestern habe ich mir Style Wars angeschaut und komm immer noch nicht drauf klar. Vor einigen habe ich mich mit Malte mal darüber gestritten habe, worum es beim Graffiti ging. Er machte mich wütend. Einerseits, weil er das sehr gut kann, und anderseits, weil er zur Behauptung stand dass Graffiti ein Posergeschäft ist, “hey Bitch ich hab den Dicksten”. Langsam sickert das auch in mein Erbsenhirn, auch wenn ich in einem anderen Begriff davon aufgewachsen bin: Graffiti ist nur in zweiter Linie tatsächlich als Kunst zu verstehen. In erster Linie ist es eine Mischung aus Lifestyle, Zugehörigkeit, Attitude und Differenzierung. DAS erst einmal auf die Reihe zu kriegen ist für mich nicht einfach gewesen. Dafür gibt es auch einen sehr guten Grund: zu sagen, Graffiti ist Kunst, rechtfertigt auch die Existenz im Stadtraum. Daher auch immer meine Nachfrage: wieso ist das heutzutage eigentlich noch illegal? Es verschönert doch die Stadt! Klar, das Gekritzel muss verboten werden, aber…

Dabei ging es gerade darum, nicht kulturkonform zu sein ((ihr habt jederzeit das recht einzugreifen, wenn ich mich irgendwo in meinem zweifelhaften Halbwissen verzettele)). Und plötzlich stellt sich für mich eine ganz andere Frage: in welchem Zusammenhang muss man Graffiti heute sehen? Ist es nur noch aufgrund der Gesetze ein Standpunkt der Rebellion und sonst nur kreatives Output, oder sollte man (als Sprayer oder Maler) an sich selbst zuerst noch den ursprünglichen Anspruch der Stadteroberung stellen?

Falls ihr mich jetzt wirklich schlagen wollt, weil ich mein Leben lang so ahnungslos durch die Gegend laufe, dann schiebe ich meine Bildungslücken wieder auf die Tatsache, dass ich wirklich lieber die Dinge so genieße, wie sie kommen, und nicht ständig über alles immer nachdenken und reden möchte was nicht direkt zu meinen “Leidenschaften” gehört. Ich kann nicht malen, ich kann nicht zeichnen, ich kann nicht mal richtig geradeaus schreiben ohne dass es aussieht als wäre gerade ein Baboon elektroschocktherapiert worden. Deshalb war es auch nie wirklich naheliegend, mich damit auseinanderzusetzen. Daran hat sich sogesehen nichts geändert- außer mein Umfeld, und die Tatsache, dass ich immer mehr das Gefühl verspüre, dringend mal “ICH WAR HIER” auf alles zu schreiben, was mir in die Quere kommt. Die Psychologie dahinter mag zwar meine (zugegeben unzulängliche) Allgemeinbildung überschreiten, aber irgendwie erscheint mir das sehr, sehr menschlich: der Kampf gegen die Vergänglichkeit, der Schrei nach Aufmerksamkeit, die Angst, in den Treibsandmassen an bedeutungslosen und nichtserschaffenden und langweiligen und ungesehenen Menschen unterzugehen.

Vielleicht ist Graffiti ein Parallelausdruck zum Blog oder zu Twitter, vielleicht sogar in direkter Abhängigkeit, vielleicht überzeichne ich das alles auch wieder. Wie dem auch ist: ich verliere mich darin, und nichts fasziniert mich augenblicklich mehr als die Geschichte jener Kultur, die meiner Generation das Standbein zur Ignoranz gegeben hat. Tut mir leid dafür übrigens, Jungs. Ich hol das jetzt mal nach.

(Auf dem Plan stehen übrigens noch Wild Style, Beat Street, Breakin’, Krush Groove, Whole Train, Tougher Than Hell, wer noch Empfehlungen hat darf gerne beisteuern)

August 18th, 2010 Posted in (Pop)Kultur | 7 Comments »

I N C E P T I O N

Christopher Nolan hat in 180 Minuten Inception das ganze Medium Film gerechtfertigt. Und das, nachdem ich die Hoffnung längst aufgegeben hatte, heutzutage noch einmal ins Kino gehen zu können ohne ein Sequel/Prequel/Abklatsch/Remake/Remix/Adaption/Verfilmung zu sehen.

Es hat im Kino auch keinen gestört, wenn einer laut gefurzt hat, weil alle so konzentriert waren. Oder anders ausgedrückt: stell dir vor es wäre Furz, und keiner geht hin. Da lief der Schweiß. In der Pause bewegte sich kaum einer vom Platz aus lauter Angst, etwas wichtiges zu verpassen. Wir waren so gebannt, dass wir nicht mal aufgestanden sind um in die Mitte des Kinos zu rücken. Wir blieben ganz links außen und verrenkten uns die Hälser. Ich versuchte, so wenig wie möglich zu blinzeln.

Keine elenden, unrealistischen Twists, die den Zuschauer verwirren sollen; nur eine stringente, spannende Geschichte, in der ich genau so viel oder genau so wenig weiß wie die Protagonisten. Ein Ende, dass mich mit Gänsehaut benetzt. Inception: das größte künstlerische WHAT THE FUCK, dass mir dieses Jahr (und wahrscheinlich auch nächstes) begegnet ist. Roger Ebert bringt auf den Punkt, was mich so fasziniert:

Here is a movie immune to spoilers: If you knew how it ended, that would tell you nothing unless you knew how it got there. And telling you how it got there would produce bafflement. The movie is all about process, about fighting our way through enveloping sheets of reality and dream, reality within dreams, dreams without reality. – zum Review

Und ich so: “Fuck. YEAH!”
(By the way, ich verbringe seit 3 Tagen mein Leben damit Filme zu gucken. Alles, was ich verpasst habe. wozu ich nie Lust hatte. Nicht, weil ich mich plötzlich als Cineasten sehe, sondern weil man mit einem kaputten Gesicht und einem blutenden Kiefer nicht viel Möglichkeit hat, andere Dinge zu tun. Da ich dank Verbandswechsel und Entzündungen noch einige Tage in Isolation verbringen darf, nehme ich gerne weitere Vorschläge an)

July 31st, 2010 Posted in Uncategorized | 7 Comments »

Karate Fu Kid

Es war ein bisschen so, als wäre ich selber in einem Film gewesen. Ich hätte gerne gesagt: “Du hast die Augen deines Vaters. Er wäre stolz auf dich gewesen”. Dann hätte ich mein Schwert rausgenommen und ihn zum Ritter geschlagen.

Jaden Smith wird mal ganz groß. Dafür hat er das Aussehen und auch das Talent und diese typische Will Smith Mimik, die mich immer an die seltsam-peinlichen Momente aus The Fresh Prince erinnern; an den Stellen, wo eine Lektion erteilt werden soll (ihm und dem Zuschauer), die dann aber eher unangenehm überzogen wird.

Der Film kann für mich natürlich nicht an das Original kommen. Zu viele Erinnerungen bleiben haften. Die Leichtigkeit dieser TV-Ära, die ich als Kind (und Jugendliche) später verspürte: kaum auszudenken, wenn sie jetzt von der Generation Massenfertigung abgelöst werden sollen. Pah. Ich weigere mich, meine Feel-Good Momente vor dem Fernseher gegen die Zukunft einzutauschen und werde auch meinen Kindern verbieten, sich an der heutigen Medienwelt zu ergötzen. Da wird es nur Karate Kid, Star Wars, Back To The Future und maximal auch noch Alf geben, aber das war’s dann.

(Weird, wie dieser Ikonenstatus aus eigentlich relativ unblockbusterigen Filmen entsprungen ist; die damaligen Underdogs mit ihrem Charme, die nicht aufgrund ihrer cinematischen Fähigkeiten überzeugen, sondern weil sie auch über ihre Zeit definiert werden. Und das war meine Kindheit. Und alles, was während dieser Kindheit entstanden ist, ist für mich kultig. Ja, auch Hulk Hogan. Und Fleshlights.)

Übrigens auch eine ganz interessante Frage: wie sieht der Rückblick eines Fünfzehnjährigen diesbezüglich im Jahre 2030 aus? Wird er sich auch daran zurückerinnern, Karate Kid (also den jetzigen) ständig im Fernsehen gesehen zu haben, als “trashige” Wiederholung?

Anyway. Kein schlechter Film – fantastische Visualisierung – grotesk-schlechter Soundtrack – souveräne Schauspieler – etwas klischeebefreitere Story, aber trotzdem voll mit amerikanischem Drama – und überraschenderweise immer noch sehr, sehr nah an der eigentlichen Geschichte (bis auf den offensichtlichen Karate/Kung-Fu Faux Pas, der aber immerhin im Film spielerisch mit integriert ist). Ich kam dann letztendlich aber doch nicht zufrieden und glücklich und voller sprudelnder Popcornhormone aus dem Kino, nein, denn ich war sogar tatsächlich, ja, verstört.

Dieser Junge wiegt dreißig Kilo und ist zwölf Jahre alt- wir entfernen uns von der HALBWEGS realistischen Hau-Drauf Pubertäts-Aggressionen der Über-Fünfzehnjährigen, wir entfernen uns von der mentalen wie auch der physischen Leistung, und stattdessen müssen wir uns eine absurde Form von kruder Kindergewalt antun. Der Junge ist zwölf, und seine Rivalen anscheinend brutale kleine Mutantenchinesen, die schon im Säuglingsalter Ketamine und Amphetamine nuckeln durften. Im ersten Drittel des Filmes wird auch nicht an der Demonstration dieser übermenschlichen Kräfte (ZWÖLF!!) gespart, unser Außenseiter, unser China-Neuling (ja, auch der Umzug des Protagonisten verlief dramatischer als in den ursprünglichen Teilen) wird stundenlang verdrescht.

Aus einem kleinen Jungen, der seine Stärken findet, wird so ein… Mannkind, ein überzogenes Bild von einem Mini-Helden, das für mich genauso wie die Übersexualisierung von Mädchen bizarr wirkt. Ich will kein zwölfjähriges Kind mit Sixpack sehen, das fast abgemagert wirkt ((mir ist bewusst, dass das nötig war, um Jaden Smith die Hauptrolle zu geben; leider tut das dem Film nicht so gut)).

Vielleicht werde ich wirklich alt. Wie Jackie Chan. Der macht das aber immerhin mit Würde.

(Übrigens gibt es da für mich keine Frage. Ein Martial Arts Film, in dem Jean Claude Van Damm nicht mitspielt, ist für mich kein würdiger Film. Hier also mein All-Time Top Favorite, mit dem ich gerne dreitürigen Geschlechtsverkehr praktizieren möchte.

Und dann immer diese mit dramatisch-motivierender Musik unterlegten Final-Trainings-Szenen, richtige Medleys. Das waren die schönsten Stellen des Films, wenn man bei den Vorbereitungen von Niemand zu Held zuschauen konnte. Hach. Und dann auch noch der Quotenschwarze mit der MJ-Friese.)

July 25th, 2010 Posted in Uncategorized | 5 Comments »

2012

FUCK MICHAEL BAY! Hier ist es, das Weltuntergangsspektakel von MC Emmerich, zwei Stunden Klischee-Tsunami, Dolby-Surround-Fremdschämen und eine Achterbahnfahrt in alle Hollywood-Filme, die seit 1980 gedreht wurden! Und glaubt mir, es wäre jetzt einfach VIEL zu einfach, diesen Film in alle Kleinteile zu zerreissen, aber für das, was es war, war es perfekt. My mind: blown! Endlich finde ich meine Hoffnung in Hollywood-Blockbuster wieder, endlich versuchen die gar nicht mehr, einen auf Anspruch zu machen. EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, MAN!

2012

[Im Folgenden einige willkürliche Gedanken, die man auch als Spoiler empfinden könnte, wenn man noch nie einen Action-Film gesehen hat]

  • Wie lange muss ich eigentlich noch warten, bis CGI echt aussieht?
  • DIE LEGENDE DES INTERNETS WURDE FÜR EINE SCHÄNDLICHE NACHAHMUNG MISSBRAUCHT!
  • Im Making Of war zu sehen, dass Emmerich extra ein Katapult für Autos gebaut hat, die er auf die Straßen krachen ließ. Damit das realistischer aussieht. Die Szene war genau 4-5 Sekunden im Film zu sehen. Da frage ich mich: Oh Gott, was kann man noch für 200 Millionen machen?
  • Amanda Peet als leichenblasse, abgemagerte MILF. GEBT DER FRAU SONNE UND WAS ZU ESSEN, VERDAMMT NOCHMAL!
  • Abspannmusik. Ein richtiger Männerfilm. :D

Weiterin: einige der Klischees, die Verwendung fanden:

  • Ein Auto, dass es gerade so über die sich auftuende Schlucht schafft (in der Autoolympiade unter “Weitsprung” kategorisiert)
  • Ein Mann fällt über den Rand in einen tiefen Abgrund hinein, und jeder denkt er ist tot, aber es ist okay weil dann plötzlich eine Hand erscheint und er sich über die Klippe hochziehen kann
  • Ein Flugzeug, dass vor den Explosionen zu fliehen versucht, im Rauch verschwindet und dann mit unglaublicher Geschwindigkeit wieder aus der Wolke hinausrast (und dann “cut”)
  • EIN COUNTDOWN BIS ZUM ENDE DER WELT!! MAN!!
  • Die Geschiedenen, die sich doch wieder ineinander verlieben, weil sie merkt, was für ein großartiger, selbstloser Mann er ist
  • Der Russe! DER RUSSE! Ich bin so stolz auf E, der hat echt den Russenschrank wieder aufgemacht! Endlich wieder Rassismus im Kino!
  • Der obligatorische Typ, der irgendwann in seinem Leben gelernt hat, wie man ein Flugzeug fliegt. Seriously, wenn ich jetzt vor einem Flugzeug stehen würde und hinter mir auf der Erde der Massenvernichtungsherpes ausbräche, ich würde mich vor das Flugzeug hinlegen,  in Fetusposition einkugeln und leise schluchzen.

… oh, man. 2012. Da werden erstmal viele mit ihrem Gewissen kämpfen müssen, weil ja, ja, der Film ist furchtbar, und es tut weh, aber ich bezweifle, dass auch nur einer gestern im Kino tatsächlich gelangweilt war. Jeder Gag war einfach so gut abgestimmt mit allen anderen Action-Schinken-Gags, man wusste einfach schon, was kommt. Und dann ist das ja nur noch wie das Lieblingsessen, das man zu sich nimmt: nix neues, aber oh so good. Diese grandiose Achterbahnfahrt kann man dahingehend auch nicht mit einer furchtbaren Transformers II Katastrophe vergleichen, wo zwar vergleichsweise viele Sachen in die Luft geflogen sind, der Charme und der amerikanische Emotionslastwagen aber einfach mal gefehlt haben. Aber so eine Kartoffel kann das ja eh besser. Und Emmerich, mit dem kann man bestimmt viel Spaß haben.

November 13th, 2009 Posted in Uncategorized | 8 Comments »