23 Geschenke

Veröffentlicht September 24, 2011

Ich befinde mich immer noch in einer wohligen Trance von meinem Geburtstag. Käsekuchenüberreste und der ferne Geruch von Sekt und frischem Konfetti benebeln meine Sinne. Vielleicht war es auch das Weed. In jedem Fall war die Feier zu ehren meiner 23 (meistens hässlicher und mit beschissener Frisur ertragenen) Lebensjahren ein voller Erfolg. Dieses Jahr habe ich nämlich nicht den Knopf der Bescheidenheit getätigt, nein; ich forderte selbstgerecht und stolz dazu auf, mich zu beschenken, wie ich es verdiene. Die meisten kamen dieser Forderung nach. Alle anderen, die mir ohne Geschenk gratuliert haben: vielen, vielen Dank, ihr Opfer, ich werde es mir merken!

Anyway. Dabei fing das alles recht traumatisch an. Pünktlich um 23:30 schlief ich am Vortag im Schoße einer nackten Jungfrau ein. Anscheinend hatte sie mir Drogen in das Essen gemischt, was ich vorher zu mir nahm, und so gingen die ersten Minuten meines reichlich beschenkten Lebens an mir vorbei. Am nächsten Morgen breitete sich Terror aus in der virtuellen Welt: aus irgendwelchen mir nicht begreiflichen Gründen wurde meine Facebook Wall gesperrt. Panik breitete sich unter den Gratulanten aus, die nicht mehr wussten, wohn mit sich und ihren Gefühlen. Entsetzen stand in den frühen Stunden des 22. Septembers 2011 auf dem Plan, viele fühlten sich um ihr Grundrecht, Oberflächlichkeiten auszutauschen, betrogen. Immerhin ist das doch ein Hobby, oder? Jeden Tag Facebook aufzumachen und Menschen, mit denen man jahrelang nichts mehr zu tun hatte, ein “ALLES GUTE!” auf die Wall zu hacken.

Ich kann ihnen diese plötzliche Neuerung in ihrem Alltag nicht nehmen. Viele drängten sich, aus Angst, die Tore würden sich gänzlich schließen, mit ihren netten Worten auf das letzte (noch kommentierbare) Statusupdate. Andere hingegen schickten persönliche, latente passiv-aggressive Nachrichten im folgenden Tonfall:

“Hallo Sara alles Gute zum Geburtstag! Hätt ich dir gerne auf die Wand gepostet aber anscheinend darf ich das ja nicht..”

Anders formuliert:

“Hallo Sara, du alte Fotze, wir kennen uns zwar nicht mal wirklich aber du behinderte dumme Tochter einer Elefantenhure lässt mich nicht mal auf deine Wall posten? Wallah ich spucke auf dich und ficke deine Familie bis alle aus dem Arsch bluten!”

Selbstverständlich korrigierte ich das Problem sofort, um nicht bald noch Morddrohungen zu erhalten. Den Tag verbrachte ich in gewohnter Apathie auf der Arbeit, wo der Geburtstag von der Ankunft des Papstes überschattet wurde. Ist okay, ich verzeih ihm das. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich an diesem Tag wenigstens mehr Anrufe bekommen habe als er (nur meine Mutter hat nicht angerufen. “Weil ich dich nicht nerven wollte”, sagte sie am nächsten Tag. Wenn es mit den Eltern schon so weit ist, kann man sich sicher sein, etwas falsch gemacht zu haben).

Abends gab es dann Pizza. Und Bescherung. Alles andere – die Freundlichkeit und die Einladung zum gemeinsamen Zeitverbringen für mich – war nur ein Vorwand, um direkt Geschenke krallen zu können. Da ich für jeden bezahlt habe, konnte ich leider den Rest von euch nicht einladen. Das tut mir ungemein Leid. Es war sehr teuer an diesem Abend. SEHR teuer. Die haben sich ja auch nicht zurückgehalten, die Vielfräße!

Hier also, in eine nette kleine (zusammenhangslose) Fotogeschichte verpackt, meine Ausbeute. Übrigens sind weder Macbook Pro noch ein echter Mopswelpe dabei, dafür umso bessere Dinge: Trolli Saure Würmchen, eine Polaroidkamera und eine Espressomaschine. Nicht abgelichtet, aber auch dagewesen: ein Käsekuchen, ein anderer Kuchen, eine Reise mit geheimen Ziel und bester Begleitung EVER. Und ein Geschenk, vielleicht das schönste (im Sinne von SCHÖN), ist nochmal seperat (und würdevoll) abgelichtet, nämlich das Unbetitelte Portrait von Larry Clark. Danke speziell dafür nochmal Maria.

Jetzt noch mal ernsthaft: vielen, vielen Dank für die zauberhaften Momente mit euch, meine liebsten Freunde. Eigentlich sollten Geburtstag nur dafür sein, sich immer und immer wieder daran zu erinnern, was für ganz besondere Menschen man um sich herum hat. Mit wie viel Talent, Intelligenz und Gefühlen ich mich umgeben darf. Danke das ihr da wart, an mich gedacht habt, für mich immer da seid, danke für ein unglaublich tolles Jahr, danke für alles. Ihr könnt euch die unermessliche Liebe in meinem Herzen überhaupt nicht vorstellen. Wer, so wie ich, seinem Tag vor dem Schlafen gehen eigentlich immer eine “10 von 10″ gibt, der hat einfach nur die richtigen Freunde gefunden. Ich hoffe mehr als alles andere dass wir uns auch nächstes Jahr wieder begegnen.

 

 

 

 

PS: Matthias hat die Pizza an meinem Geburtstag gewonnen, allerdings gab es keine Möglichkeit, sie in sein Bumskaff liefern zu lassen, weshalb wir uns auf etwas anderes einigen mussten. Was das ist, bleibt für immer ein Geheimnis. Im Übrigen hat er den ganzen Monat super Arbeit geleistet! Matthias, du solltest professioneller Gratulant werden!

Herzen überall.

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Work It

Veröffentlicht July 28, 2011

Seitdem ich wieder einer beruflichen Tätigkeit nachgehe, umgangsprachlich auch „Arbeit“, „Maloche“ oder „Hartgeldstrich“ genannt, ist die Sprachlosigkeit wieder öfter Gast in meinem Geist. Sie macht sich abends gerne auf der ewigen Couch des Glücks breit und betäubt den Rest meines Körpers wie ein professioneller Anästhesist bei seinem täglichen Abspritz-Ritual. Die Sprachlosigkeit, die mich zu einem lethargischen Zombie macht, die mir die Falten in die Stirn brennt und meine Prioritäten verschiebt. Nicht mehr der Wunsch nach Freiheit und Liebe und Gerechtigkeit bestimmt mein Dasein, sondern lediglich der Traum vom langen, ungestörten Schlaf, oder auch mehr Kaffee, je nachdem, wie viel Uhr es ist.

Die Sprachlosigkeit kommt nicht etwa davon, dass ich in einem Call Center sitze und viel rede; im Gegenteil. Ich mache es mir zur größten Aufgabe, so wenig wie möglich das für Satzbildung verantwortliche Gehirnfeld zu betätigen. Zwischen Zehn und Achtzehn Uhr gilt für mich: so lange ich kann sage ich einfach nichts. Leider zieht sich das auch in das Gefilde meiner Freizeit, denn mein Leben macht gerade einen eigenen kleinen Paradigmenwechsel durch. Genauso wie damals, als ich aufgehört habe zu arbeiten. Schalter an, Schalter aus. Ich weiß auch, dass sich das irgendwann einpendeln wird, eine Balance sich einstellt. In dieser Phase ist man dann auf diese lethargische, selbstgerechte Art und Weise auch zufrieden und redet sich ein, dass alles so ist, wie es sein muss. Hoffentlich wird es nie so weit kommen, das ist eine ganz schlimme Zeit. Sie ist illusionär. Wenigstens kann ich in meiner jetzigen, unbequemen Lage noch klar denken und das Wehwehchen identifizieren. Im gehirnamputierten, dauerbreiten Arbeitergrinsen der wirtschaftsinfizierten Welt der fleißigen Arbeiterbienchen ist es dann nicht mehr so einfach.

Nein, die Sprachlosigkeit stammt aus der Distanz zwischen beiden Leben, die ich führe: das, welches meine Freunde so schätzen und lieben, und das, welches mich so weit vor ihnen weg schiebt. Jeden morgen reise ich aus meinem kleinen Kiez heraus, auch auf symbolischem Weg verabschiede ich mich damit auch jeden Tag davon, ein Teil „davon“ zu sein. Vom Leben im Sommer in Berlin mit einer wohlgewählten Familie. Abends, wenn der Schalter wieder umklappt und ich auf meinem Weg zurück bin, kann ich den Alltag nicht aufholen- nur noch den Abend teilen. Einen Abend, an dem ich von nichts erzählen kann, denn keiner teilt meine (zwar unkomplizierte, aber trotzdem sehr umfangreiche und totlangweilige) kleine Galaxie der Festanstellung.

Und ich beschwere mich nicht über das Glück, dass ich habe, in so einem Alter mit solchen (sprich: gar keinen) Qualifikationen an so einen Job zu kommen. Dafür würden sich andere die rechte Hand abhaken und drei Jahre im Wanderzirkus Freak spielen. It is what it is. Dennoch darf – und will – ich auch nicht aufgeben, was ich mir so hart (so hart war‘s nicht) aufgebaut habe. Nämlich solch hippie-esquen Dinge wie „Lebensgefühl“ und „Zugehörigkeit“. Das ganze Konfetti-Ding, was ich schon oft genug betone, ich will es selber gar nicht mehr hören. Ich hätte am liebsten beides, und doch muss immer eines davon zurücktreten, zumindest jetzt noch, wo ich keine einzige Entscheidung treffen kann, die permanent ist. So weit ist es noch nicht.

Aber der Kopf arbeitet den ganzen Tag. Die Müdigkeit holt einen ein, die Trägheit, die Erschöpfung davon, Dinge zu tun, die nicht bewegen. Die keinen größeren Ziele verfolgen. Ich bin ein Fan von Zielen. Meine weinerlichen Beschwerden rühren nicht daher, dass ich jetzt einem Bürojob nachgehe, ich spüre jetzt auch nicht sonderlich das Verlangen, später mal zu großen, weltverbessernden Dingen berufen zu werden. Das meine ich nicht. Allerdings habe ich sehr großen Respekt davor, abzustumpfen. Ich spüre jetzt schon, wie meine Gedanken wieder hauptsächlich um die Realität kreisen. Wie ich Träume und Vorstellungen begrabe, weil sie keinen Raum in einer Welt voller Effizienz und Prozesse finden. Einfach so ist alles Kreative und Rebellische, egal, wie klein es vorher war, einfach stillgelegt. Es ist da, aber es funktioniert nicht. Der Idealismus, auch wenn fehlgeschlagen und deplaziert, blättert ab.

Meine Jugend. Ich vergesse sie in dem Augenblick, wo ich mich voll auf meine mir selbst auferlegt Aufgabe konzentriere. Ich verbittere. Nein, das ist so weit noch nicht; aber ich habe Angst davor, dass es wieder kommt, dieses Gefühl der absoluten Nutzlosigkeit, das Gefühl, nichts zu tun. Und dann doch diese Müdigkeit, die beweist, dass aber irgendwas schlaucht. Vielleicht sogar irreperable Schaden hinterlässt.

Meine Dankbarkeit – vor allem meine Dankbarkeit für mich selber – ist unermesslich. Ich werfe keine Gelegenheiten weg, so bin ich nicht. Ich motze nicht grundlos, wenn überhaupt, dann Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, aber ich bin auch nur ein Mensch. Aber Angst habe ich. Und ich hoffe, dass ich diese Angst immer haben werde.

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Melt! Festival 2011

Veröffentlicht July 18, 2011

Eigentlich wollte ich ja nach meinem letzten Festival-Trauma (s.a. “das Hurricane ist eine Beleidigung an alle Musikfans dieser Welt” – Barack Obama) nur noch im Schutze der Geschlossenen weilen, die nächsten Jahre in Vegetation und sicherer Einöde verbringen und nie wieder das Zimmer oder gar die Zwangsjacke verlassen.

Aber wer mich kennt, kennt auch meine Inkonsequenz. Und meine berühmte, charakterstarke Schnäppschenjäger-Mentalität: “ich darf mich kostenlos quälen lassen” ist meiner Lebensphilosophie nach immer noch erträglicher als “ich habe mir für Geld etwas Gutes getan.” Und da das Melt! für mich dank Curly Sue’s hilfreichem Rumgefinger tatsächlich nicht mehr als seelische Überwindung kostete (außer die dreitausend Euro für Red Bull und flüssiges Fett und die Stripperinnen), entschloss ich spontan, das Festivalding noch einmal zu wagen. Und diesmal richtig: im Zwergenzelt für eine halbe Person, aber zu zweit, bei jeweils fünfhunderttausend Grad plus (wenn die Sonne morgens die Kernschmelze anregen möchte) oder dreitausend Grad minus (wenn nachts die Hölle zufriert und Pinguine, Robben und Eisschollen auf dem verdammten See treiben).

Vielleicht lag es ja auch am Grad der abenteuerlichen Vorbereitung, der mich die Schultern zucken und “ach, let’s fucking do it” sagen ließ. Ausgestattet war ich persönlich mit zwei umgedrehten Unterhosen, die als frisch durchgingen, einem dicken, roten Pickel im Gesicht, um mich auf dem Hässlich-Marathon des lokalen Zeltplatzes wohl zu fühlen (bei der riesigen Auswahl an wunderschönen Berlinern und Style-Konsortium Deutschlands haben wir es natürlich geschafft uns inmitten des bayrischen Gesichts-Entstellungs-Banquetts zu platzieren, was das Ambiente zwar ein bisschen störte, uns aber immer wieder auf meinen Pickel aufmerksam machte, der uns eine gewisse Zugehörigkeit verlieh), und einem Keks. Gottseidank waren meine Mitmelter Professionelle auf dem Gebiet “Survival im menschlichen Suhl” – Club Mate, Eiweißriegel und Konfettikanonen als Gaben für die Festivalschlampen.

Das Melt! ist also etwas ganz anderes als das Hurricane: man kann es durchaus überleben. Und auch für gut befinden. Da der hauptsächliche Besucheranteil aus Berlin stammt, kann man auch grob einschätzen, wie viel Spaß man haben wird, und wie wohl man sich fühlt. Neben den hooliganartigen, leichenfickenden Barbaren vom Hurricane ist das Melt! nichts als ein paradisischer Ort mit feinklingendem auditivien Hintergrundgedusel in absolut herzerwärmender Lage und den schönsten Menschen die der liebe Jesus in unsere Welt gespritzt hat.

Ich meine, klar, die Leute waren nervig, aufgedreht und in Neonfarben gekleidet. Die fünfzehnjährigen Michelles und Miriams aus den Vororten Deutschlands haben sich das MDMA in die Kiemen geworfen und zum ersten Mal Liebe von Thomas und Tobias gespürt, die abgemagerten Abiturienten, die in Wayfarer-Kopien und Tanktops das Glitzern der Musik unter der Haut spüren und wissen wollen, wie es ist, einmal eine Unarschlochmäßig abzuschleppen. Ja, es nervt ein bisschen, wenn alle so gut drauf sind und so viel Kreischen zwischen den Bühnen lärmt und sich kleine Kinder im Feenkostüm die Gesichter gegenseitig anmalen. Aber all das erscheint mir doch sehr herzlich im Gegensatz zu den langhaarigen, fettbäuchigen, rumkotzenden, durchfallverteilenden Suffis aus den Hinterwäldern aller Hollywood-Horrorfilme, die so stinken wie tausend Gullis nach einem blutigen Krieg zwischen Wildschweindörfern und alle widerlichen Jackass-Folgen mit Steve-O in den Schatten stellen. Ich würde sogar behaupten, dass das Hurricane so Kacke ist, dass ich lieber noch mal freiwillig Samstagabend über die Warschauer Brücke laufe, als diese Erfahrung wieder zu machen. Selbst wenn ich im Sterbebett mit Krebs läge und das Hurricane meine einzige Rettung wäre.

Jedenfalls war diese Schieflage meiner bisherigen Festivalaktivitäten auch ein Sprungbrett für meine Melt!-Herz-Offensive. Endlich kann ich nachvollziehen, warum so viele Menschen einem Endlos-Konzert, stressigem Camping, teurer Unterhaltung und unzähligen anderen ätzenden Menschen hinterherpilgern. Es ist wunderschön, das ist es nämlich. Auch ohne Drogen. Sogar ohne Vollsuff (nicht, dass man es nicht probiert hätte). In der knallen Sonne an einem wunderschönen Ort mit fantastischer Musik, in ganzer Entspannung. Mit all den Negativen bleibt trotzdem noch ein großes Positiv übrig.

Es folgte ein wunderschöner Moment nach dem anderen: Nicolas Jaar als surrealer Traum im Rauch und Nebel und den Lichterspielen am Strand, gehüllt in eine Sternentapete; der Auftritt von Robyn, der auch den letzten harten Prollmacker zum Mitsingen brachte – noch nie habe ich so viele Emotionen in einem einzigen Publikum gespürt wie bei “I KEEP DANCING ON MY OWN”. Nazis, Antifa und afrikanische Jungrebellen kackten plötzlich Einhörner und weinten süßlichen Himbeersyrup aus den Augen. Ich sage euch was, liebe Kinder: am Ende des Tages tanzen wir alle entweder alleine oder mit jemandem, der so deutsch tanzt, dass wir sowieso lieber alleine wären. Let’s get used to it.

Ansonsten habe ich auf dem Melt! hauptsächlich alles verpasst, weil es mir egal war. So glücklich kann man sein, irgendwo rumzusitzen und alles wirken zu lassen. Und gute Menschen um sich herum zu haben – und Momente zu teilen, die bizarr und eigentlich überhaupt nicht neu sind, aber so ein Relief auf der alltäglichen-unalltäglichen Metallplatte stanzen.

Ein ganz spektakulärer High Five mit anschließendem Augenzwinkern und Lippenlecken geht an die süße Boyband Sizarr, die ich zwar nicht Live sehen konnte, dabei aber unglaublichen Musikgeschmack bei ihrem DJ-Set bewiesen haben. Das mit den Übergängen klappt zwar nur so gut wie bei mir der Stuhlgang auf einem Dixie-Klo, aber das hat die drei Leute, die da am Strand waren – mich, meinen Pickel und Isa – auch nicht wirklich interessiert. Hauptsache rollende Beats, UK und Garage und Hip Hop und richtig, richtige nette Songs, die es jetzt zu entdecken gilt. Sizarr hat auf jeden Fall meinen persönlichen Kultur-Zeitgeist (bestehend aus Sexbildchen und guter Musik) getroffen.

Andere Überraschungen blieben leider aus – KIZ waren souverän und aufdrehend wie immer, auch wenn mir die neuen Scooter- und Mallotzetracks nicht so richtig bekommen möchten. José Gonzalés war auch ganz, ganz toll, und Gui Buratto ja auch. Letztere habe ich beide nicht gesehen, weil ich entweder schon schlafen war oder nach Hause gefahren bin, aber das ist ja dem treuen Leser hoffentlich auch egal.

Hach, das Melt! – es war eine wunderbare Erfahrung. Ich habe Freunde gemacht. Ich habe mir die Butter im Zeltofen von den Augenlidern geschwitzt und habe mit dem Pöbel der Nation auf ein einziges Klo gekackt und mir die Hände im Spuckefaden einer kaum funktionierenden Sanitäranlage gewaschen. Ich habe immer noch Sand in der Arschritze, aber ein königliches Schmetterlingsflattern im Bauch. Es war Melt!, doch es war mehr als das: es war nämlich Sommer. Und im Sommer kann man mich bekanntlich auch im Industriegebiet umgeben von Roboteraliens noch lächlelnd finden. Danke, Sommer. I love you and I’m ready to give you my inner freak.

 
 

Sommerloch

Veröffentlicht July 10, 2011

Heute wird man nur noch ein lautes, resigniertes Seufzen hören, wenn man mich trifft. Nach fast einem Jahr der Hamsterradabstinenz geht es nun (“endlich”) weiter mit dem richtigen Leben: Morgen ist Montag. Der erste Montag in einem neuen Leben, bespickt mit Arbeit und einem Studium und einer eigenen Wohnung und einer BZ und einem Kaffee Togo und vielleicht auch endlich mal einem Fahrrad und überhaupt. Ein neuer Computer, ein festes Einkommen, 27 Tage Urlaub im Jahr, Abends kaputt sein, in ein paar Jahren kann man dann über Kinder und Hochzeit nachdenken. Sowieso: ich nahm mir ein Jahr frei und fand mich selbst an einem völlig anderem Ort unter völlig anderen Umständen wieder.

Ich reiste, ich lebte, ich kotzte ab, ich weinte, ich küsste und liebte und ich vermisste und hoffte und jetzt bündelt sich das alles in einem Sommerloch. Ninetofive meets reguläre Verrücktheit in der Hauptstadt. Ich kann nicht sagen, dass ich traurig darüber bin, denn jede neue Entscheidung für einen weiteren Schritt Richtung Zukunft ist bisher eine gute; und auch die doofen, störenden Wege, die man genommen hat, führten letztendlich immer wieder zu ausschließlich positiven Erfahrungen und weicher Haut und Käsekuchen.

Die großen Pläne werden jetzt mit dem besten Qualitätsholz befeuert: im Oktober wird wieder alles anders, und bis dahin muss noch einiges getan werden. Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen YeahSaras.

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The Party & The After Party

Veröffentlicht March 29, 2011

Wenn man wieder schneller denkt als die Hände mitschreiben können, wenn man wieder mal schneller rennt als man ankommen muss, oder: wenn das Leben nicht mehr in Sekunden, sondern in Moment-Dimensionen gemessen werden, die rapide aufeinandergestapelt und schnell einsortiert werden um Platz für noch mehr zu machen. Kurzgesagt: ich atme schneller, als ich Luft fassen kann, und ich habe heute das von gestern vergessen, weil morgen viel wichtiger ist.

Zeit, selbst wenn man keine Regelmäßigkeit im Leben hat, ist so flüchtig wie der Hype um Kühlwasser und Bodentruppen. Ich bewege mich im Sprint durch Berlin und durch die Präsenz meiner liebsten Menschen und schaffe es nicht mal, meine Eltern anzurufen um ihnen zu sagen, dass ich spontan nach Hause fahren muss um meine Kartons zu packen und in meine neue Wohnung zu ziehen. Sogar auf meiner Semi-Weltreise habe ich es geschafft, jede Woche anzurufen. Dinge passieren. Leben wird gelebt. Die interessanten Typen bleiben immer noch aus und die Jobgelegenheiten häufen sich, ohne dass ich es überhaupt will. Mein Terminkalender ist voll mit Freizeitaktivitäten, die nicht ausschließlich nachts statt finden und mein Girokonto stöhnt vor quälenden Schmerzen. Ich warte darauf, dass das Chaos mich auffrisst und mich in eine tiefe Depression wirft, aber vor allem empfinde ich beim Schlafen gehen genau eines, seitdem ich wieder in der Stadt bin: absolutes Glück. Ich bin glücklich. Ich bin 22 Jahre alt und fühle mich das erste Mal bewusst glücklich. Ich bin nicht mit allem zufrieden und ich bin auch nicht immer gut gelaunt, aber ich trage eine Grundzufriedenheit in mir, und jeden Abend gehe ich mit einem Lächeln und ein bisschen Sabber auf Träumefang.

Berlin, Schmerlin. Es ist kalt und meine neuen Schuhe mussten schon einiges im Hundescheissemienengebiet Friedrichshain durchmachen. Ich wäre gerne wieder woanders; da, wo man Dinge macht, die mehr was mit Natürlichkeit zu tun haben. An den Stränden von Thailand und Tauchen im Pazifik und im Zug oder Bus oder Flugzeug, Final Destination: Unknown. Das mit den Örtlichkeiten hat aber seinen Charme verloren, seitdem ich weiß, was meine Freunde, meine allerliebsten Menschen, in mir für Gefühle auslösen. Katalysatoren für’s Euphorie-Enzym.

Was ich mit all dem sagen wollte: ich komm beim Schreiben gar nicht richtig hinterher, weil ich gerade ein bisschen Inspiration sammel. Ich sammel sogar ganz viel. Außerdem habe ich ein neues Fahrrad, es heisst Lily und es ist wunderschön und ich bin pleite.

 
 

I Know Places

Veröffentlicht February 26, 2011

Das wichtigste an Freundschaften, für mich, ist wenn man sich nicht brauchen muss. Das “muss” impliziert immer diese elendige Notwendigkeit eines Freundes; notwendig wie Medizin, notwendig wie Steuererklärung oder Haftpflichtversicherung. Nein, die schönsten Momente und Beziehungen habe ich mit Menschen, die ich brauchen will. Und das wichtigste sind, anders als die meisten Menschen gerne behaupten, eben nicht schlechten Zeiten. In schlechten Zeiten hat man immer noch sich selbst um zu kämpfen. Aber in den guten, da, wo man sein Leben mit anderen teilen möchte, da ist es wichtig jemanden zu haben der es gar nicht erst zum Herunterkrachen kommen lässt.

Und das sind dann so kleine analoge Aufnahmen: wenn alle auf der Tanzfläche stehen und die Fresse halten und keinen Scheiss reden sondern lachen und gegenseitig ihre Gegenwart wertschätzen können. Wenn es voll egal ist, wo man hingeht, weil man zusammen unterwegs ist. Wenn nichts ehrlicher ist als zu sagen, “ich freu mich, dass du heute abend mitgekommen bist”.

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Monday Bloody Monday

Veröffentlicht February 7, 2011

Es ist Montag. Seit fünf Monaten ist es das erste Mal Montag für mich, und ich mache Papierkram – Arbeitsamt, Versicherung, Banken, Steuererklärung. Vielmehr, ich versuche es zu machen. Meine Gedanken schwenken ab zu den letzten Bildern aus Melbourne, die sich wie ein schlechtes, gestrecktes .gif ständig wiederholen. Ich kann es nicht abschalten. Ich kann über nichts anderes aus meiner Reise nachdenken, ich erinnere mich nicht mal mehr. Ich kann mir die Bilder nicht angucken, weil ich Angst habe, dass es noch mehr dieser Loops hervorruft. Mein Melbourne-Loop quält mich. Ich versuche etwas anderes zu sehen.

Was ich sehe: wie die Freunde, die ich mir auf der Reise gemacht habe, weiterreisen. Was ich sehe: dass ich die nächsten zwei bis vier Monate, je nach dem, wie schnell ich das Geld für die nächste Planetenwanderung zusammgenspart habe, einfach nutzlos vor mich hinvegetieren werde. Ich weiß noch nicht mal, was mich mehr frustrieren würde: jetzt arm und total am hustlen in Australien mein Geld zu verlieren, oder hier den Erwachsenen zu spielen und alles noch mal neu zu strukturieren. Ich weiß ja, wieso ich nach Hause geflogen bin, aber ich hätte ja nicht ahnen können, dass das so schwierig wird; nicht auf Reisen, nicht in Berlin, mit dem Kopf voll in Papierkram und die Lungen bis zum Zerbersten mit Purple Haze. Willkommen in der Vorstadt.

Ich fasse, klaglos, desillusioniert, enttäuscht und gleichzeitig stolz zusammen: das schönste daran, zu Hause zu sein, ist auch das schlimmste. Das fast schon panische Schreien und die Tränen meiner Mutter, als ich durch die Tür gefallen bin, stoned und erschöpft von Turbulenzen und Hangovern und allergischen Reaktionen; meine wunderbaren Freunde, die mich am Flughafenausgang mit ihrem absolut bescheuertem Banner (YEAH SARA IS BACK) in die emotionale Knie gezwungen haben; die Erleichterung, in einer RMV-Bahn zu sitzen, wohlwissend, dass mich hier definitiv keiner beklauen wird und ich meinen Scheiss deshalb einfach liegen lassen kann. Alles Gründe, um hier zu sein, und alles Gründe, um direkt wieder abzuhauen.

Ich hänge in der Luft herum. Ich hasse die Tatsache dass es noch kalt ist, und dass es einfach schwer ist, sich hier vom Arsch hochzubewegen. Im Internet passiert nichts Neues, ich werde nichts haben, worüber ich schreiben kann, die Parties werden sich wiederholen und der saubere Geruch und die geradelinigen Autobahnen werden mich in den Wahnsinn treiben. Wenn ich nur dieses beschissene Studium endlich abschließen könnte, halt, endlich anfangen könnte, dann hätte ich wenigstens die Rechtfertigung (und überhaupt die Möglichkeit) im asiatischen Ausland zu arbeiten, weiter zu reisen, Australien zu überspringen, wieder zu arbeiten, und so weiter, und so fort. Um nicht daran zu denken, dass das alles noch ein paar Jahre dauern wird, denke ich lieber an das, was unmittelbar vor mir steht.

Döner, ich freue mich auf Döner. Und Falafel. Schwarzbrot mit Nutella. Das Essen von meiner Mama. Eine gute Feierei mit den Freunden. Auto fahren. Koks für 60 Euro im Sonderschnitt (FICK DICH AUSTRALIEN, FICK DICH!). Unendlicher Musikdownload. Meine DSLR. The Cure laut aufdrehen und sich in die Winterjacke einlümmeln und kalte, weiße Luft ausatmen. Ich freue mich vor allem darauf, meinen nächsten Trip zu planen. Bald. Morgen schon. Das muss doch irgendwie. Verdammt noch mal.

 
 

Life of Y

Veröffentlicht February 1, 2011

Menschen ziehen an fremde Orte auf der Suche nach einem besseren Leben. Das bessere Leben erweist sich meist in der Reise selbst, zumindest müssen das viele bisher so festgestellt haben, denn es hat sich herumgesprochen und heutzutage ist es normal, ja verdammt noch mal erwartet, dass man den Arsch hochbekommt und weggeht um vielleicht, eventuell, mit Zufriedenheit zurückzukommen, oder, im wortwörtlichen „sehnsüchtigem Sinn“, irgendwo das bessere Leben tatsächlich zu finden.

Ich habe Menschen kennen gelernt, die sind stehen geblieben. Nicht anders, als auch in ihrer Heimat, nur eben woanders. Im seltensten Fall war diese Entscheidung aufgrund von örtlicher Begebenheiten getroffen worden, sondern aufgrund von Umständen; Menschen, die man trifft und die zu Freunden werden, Arbeit, die man schon immer machen wollte und plötzlich (oder zufällig) angeboten wird. Wenn man das Meer und den ewigen Sonnenschein addiert, erscheint einem alles viel einfacher als in, sagen wir mal, Deutschland.

Für mich war (und ist) Berlin ein Ort, der mir vieles beigebracht hat, mir in einer ausschlaggebenden Phase des Lebens bei- oder im Weg stand, aber immerhin immer da war, wenn ich ihn gebraucht habe. Der Grund für meine Reise – und das wird mir jetzt erst klar – ist gar nicht die Flucht gewesen, oder sogar die Suche nach einem besseren Leben. Die Reise war (und ist) ein wohlgeformter, mit dem Zirkel gemalter Kreis, der mich immer wieder ohne Anfang oder Ende nach Berlin zurückbringen wird. Um für immer irgendwo bleiben zu wollen, muss man sich sicher sein, dass man nirgendswo anders sein möchte. Ich dachte, ich könnte mir das per Anhalter durch sieben Kontinente beweisen, mein Herz beweist mir allerdings etwas anderes: die schönen Länder, Städte und Gelegenheiten der Welt verblassen im strahlenden Sonnenschein der fantastischen Begegnungen und der dadurch entstandenen Freundschaften, die damals in Berlin ihren Platz gefunden haben. Meine Freunde und mein Leben, das ich verlassen habe, haben mich nicht verlassen. Niemals. Und mein Heimweh ist keine Sehnsucht nach Sicherheit oder Commitment oder Settlement; mein Heimweh ist pure Liebe und ein Herz, platzend vor Glück, das viel aufnehmen und durchstehen und ertragen kann, ohne jemals aufzuhören für die Menschen zu pochen, die das magische Berlin zu meinem zu Hause gemacht haben.

Ich bin mir bei all dem, mit meinen unglaublich jungen zweiundzwanzigeinviertel Jahren ziemlich sicher. Wieso – diese Frage wird sich wohl kaum jetzt beantworten lassen – fällt es mir also so schwer, von meiner Reise Abschied zu nehmen und nach Hause zu finden? Genauso schwer, wie vor meiner Reise Abschied von meiner Heimat zu nehmen? Oder von meiner Familie, als ich ausgezogen bin? Von meiner Schule, als ich Abitur gemacht habe?

Jede Entscheidung weiterzuziehen wurde bewusst abgewogen, jedes einzelne Mal habe ich mich schlecht gefühlt, nur um nach wenigen Monaten des Durchbeissens an ein Hoch zu kommen, dass ich mir nie erträumt hätte… um dann alles abzubrechen und wieder weiterzumachen. Nur zu gerne würde ich die Ironie des Schicksals für so viele Widersprüche verantwortlich machen, aber ich weiß es viel besser: es muss so sein. Denn wie in jedem Kreis gibt es nicht nur Abschiede, sondern auch Widersehen.

Und auf die freue ich mich ganz besonders.

Life of Y · Kategorien: Weltreise · 6 Kommentare
 
 

Abschied

Veröffentlicht September 23, 2010

Zwei Jahre Berlin, und alles, was mir die Stadt beigebracht hat, ist den Mittelfinger dick gegen alles zu richten, was keinen Bock auf dich hat. Freunde, die einen im Endspurt mit Unverständnis begegnen und verlassen, ohne auch nur einmal nachzufragen, was eigentlich los ist – fickt euch. Eine Leistungsgesellschaft, die den emotionalen Zusammenbruch herbeiführt – fickt euch. Menschen, die so viel Bitterkeit in all ihren Taten vermitteln, so viel Hass und Neid in ihren Stimmen tragen, dass man sich verantwortlich für das Leid aller Menschen fühlt – fickt euch.

Ich wollte Berlin mit einer weißen Weste verlassen, um irgendwann in Ruhe zurückkehren zu können. Ich wollte nicht flüchten, aber fick die weiße Weste. Ich habe Scheisse gebaut, ja, aber das war nicht unverzeihlich. Ich war rücksichtslos, ja, aber auch nicht über die Normen einer Freundschaft hinaus. Ich habe bestimmt auch Versprechen gebrochen, aber nicht halb so viele wie ihr. Nein, der einzige Unterschied zwischen jetzt und früher ist, dass auch mir bewusst wurde, dass ich nicht Everybodys Darling sein kann. Und wenn ihr euch als die Leidtragenden seht – dann verdammt noch mal, fickt euch einfach. Danke für die zweite Chance, die ihr mir nie gegeben habt. Danke, dass ihr mich nicht mal gefragt habt, wie es mir geht. Danke, dass ihr mir beigebracht habt, ein schlechtes Urteil über mich einfach auch stehen lassen zu können. Nein, diesmal rechtfertige ich mich nicht, und ich werde mich auch nicht mehr entschuldigen. Ihr wollt unsere Freundschaft in die Tonne treten und abrechnen? Verdammt, ja, tut es. Ich habe noch zehn Tage in diesem Land, und ich werde einen Scheiss drum kämpfen. Nicht so, nicht mehr. It takes two. Und wenn ihr wollt, trete ich auch noch mal rein. Richtig fest. Mit Eisen an den Sohlen.

Was sich so negativ anhört ist verdammt befreiend. Mich kettet nichts fest. Ich bin bereit, diese befleckte Weste mitzunehmen, und noch mehr Blut an ihr zu verlieren. Ich bin völlig bereit dazu, mein altes Leben, diese zwei Jahre der gepflegten Ordnung und der Aufopferung für die Arbeit und für das Alleinsein-Ding aufzugeben und alles in die Luft zu sprengen, was mir dabei im Weg steht, weil ich verdammt noch mal sowieso niemandem mehr gerecht werden kann. Ich war 21 Jahre alt, und ihr habt mich ständig gelobt dafür, wie erwachsen ich doch bin und wirke. Wisst ihr was? Heute bin ich 22. Happy fucking Birthday. Und ich scheisse auf’s Erwachsensein, wenn das bedeutet, dass ich mir nie wieder einen Fehltritt erlauben darf.

Danke Berlin, danke an alle, die mich begleitet haben – egal ob nur temporär oder für immer bleibend – danke für eine schöne Zeit, für eine furchtbare Zeit, für viel, viel bittersüße Stimmung im Abgang und ein herzliches FICK DICH an alles, was bisher geschah. Am 3. Oktober geht mein Flug ins Chaos. Ihr seid herzlich eingeladen, mir beim Scheitern zuzugucken.

 
 

Tourist

Veröffentlicht September 6, 2010

Der Geruch von frischgebackenen Muffins in meiner Nase. Sonne, die auf meine müden Glieder scheint, Gras kitzelnd im Nacken. Konfetti in der Luft; Konfetti auf dem Boden; es glitzert. Ich schwimme in einem bunten Meer, jeder einzelne Fetzen Papier ein Puzzlestück der Wärme die durch mich fließt.

Käse, der von der Pizza auf meine Hose heruntertropft. Die Konsi stimmt halt. Blaulichter vor dem Fenster. In meinem Ohr bekannte Klänge, der Hals kratzt, der Drink leer, die Asche an den Lippen. Der Geruch von Schweiß und Bier und Zigaretten in den Haaren und Staub unter den Fingernägeln. Ein knarzendes Bett, kichern, Achterbahn im Treppenhaus fahren und sich für einen Topf bedanken.

Zuckerguss überall und T-Shirts für einen Euro und Halloumi (viel zu trocken). Geruch von Strand und Meer schon in der Nase. Goldene Schlüssel und abgeschraubte Türgriffe. Eine wunderschöne, autistische Tasche, die viel zu teuer und doch perfekt ist. Flaschen die zerbersten, aber es ist mir egal; ich schwimme in einem Meer voller Liebe und Glückseligkeit und lache und lehne mich zurück und nehme einen Zug der mich in die Unendlichkeit der vielen Realitäten eines einzigen Lebens katapultiert.

Ich bin ein Tourist in diesem Raum der von Glück und Zufriedenheit gedehnt ist; eine Reise folgt der anderen, mit Plänen, die in Hinterhöfen geschmiedet werden und Küssen und Umarmungen und Grenzenlosigkeiten. Songs, die uns immer wieder an diesen Ort zurückbringen werden- jeden 5. September vielleicht – eine einzige Stadt; wir leben nicht in ihr, wir erleben sie. Wir bringen sie zum Leben. Die Welt und jedes Gesicht in ihr befindet sich in unserer Seifenblase und wir müssten unsere Zimmer nicht einmal verlassen und hätten trotzdem alles gesehen und erlebt. Es ist absurd, beängstigend und befreiend, so lächerlich, so unbekümmert; wie Kinder, die sich gegenseitig Geschichten aus ihren Reisememoiren vorlesen, Tagebücher voller Entdeckungen und Erfahrungen die wir teilen, jeder Tag ein Ausflug, egal ob wir im Flugzeug, im Stadtbus oder auf unseren Fahrrädern sitzen. Jede Wand bemalt mit unseren Namen und vielen kleinen Herzchen und Ausrufezeichen, aber eigentlich ist es völlig egal, ob das jemals jemand sieht; wir waren hier. Wir werden uns für immer daran erinnern.

Und plötzlich ist alles so einfach, wenn es mich mitten in der Nacht so erschlägt, und ich weiß, ich weiß auf einmal: bei euch bin ich nicht nur ein Tourist; ihr seid nicht nur eine Station. Ihr seid mein Heimathafen. Ich möchte zurückspulen und dem Typen im Fernsehen erklären dass er aufpassen muss, denn das ist Glück. Und das kann ganz schnell an einem vorbeirasen. Ich will euch alle wecken und euch erzählen was ich empfinde, aber dann lege ich mich beruhigt zurück. Ihr wisst das doch schon.

Ich war hier.

Tourist · Kategorien: Berlin Realwelt · 11 Kommentare
 
 
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