Die Manchmal-Freunde

Manchmal will man die fest verankerten Beziehungen nicht, die das übliche Rettungsnetzwerk im Leben abbilden. Denn: sie vergegenwärtigen das Scheitern im Alltag.

Manchmal will man eben nicht über seine Magersucht reden müssen und trotzdem eine enge Verbindung eingehen- inklusive Lachen, sich freuen, und viel Leichtigkeit. Manchmal will man kein emotionaler Tampon für die typischen Männerprobleme der Freundinnen sein und sucht sich ein Ventil in erlogenen, aber unterhaltsamen Geschichten. Manchmal will man sich über andere lustig machen, richtig viel Scheisse reden und sich schlecht anziehen dürfen, ohne von den besten Freunden für dieses “sich gehen lassen” und die Geschmacklosigkeit verurteilt zu werden.

Manchmal möchte man ganz laut peinliche Musik aufdrehen und sich in Tränen des Gelächters verausgaben. Sich nicht ernst nehmen müssen. Eine andere Maske aufziehen. Eine neue Rolle einnehmen. Eine erfundene Person mit ganz anderen Problemen oder Eigenschaften vorschieben, die das innere Wesen, das mit dem Frust und der Wut und den Krisen, einfach so unterdrückt. Manchmal will man so tun, als wäre man sicher und fest und genauso wie die anderen. Manchmal reicht es dafür eine temporäre Oberfläche zu konstruieren. Es ist nicht nur eine Schutzwand, es ist eine Schutzwand mit einer Tür zu einer einfacheren Welt. Wo es nicht immer nur um die Monster geht.

Manchmal will man deshalb nicht mit seinen Freunden essen gehen, die ernsthaft und besorgt fragen, wie es einem geht. Manchmal möchte man sich mit Fremden treffen, mit denen man auf der Oberfläche Trampolin springt und nach den Sternen greift. Für die Dauer eines Getränks, oder einer durchzechten Nacht, wo keiner sich ernsthaft für das echte Leben interessiert.

Manchmal wird die Spannung an der Oberfläche auch durchbrochen. Das wünschen wir uns, wenn es echte Freundschaften werden. Manchmal bleiben sie aber für immer das, was sie sind: kleine Fäden, die uns aus der Routine ziehen. Große Projektionsflächen für unser Alter Ego. Für den Menschen in uns, der nicht nur ein komplexes, vom Schicksal drangsaliertes Wesen mit allen möglichen Wehwehchen ist. Für das Kind. Für die Sorgenlosigkeit. Für Freundschaften, die immer gut gelaunt sind. Manchmal, hoffentlich.

November 21st, 2011 Posted in Crystal Meth | 5 Comments »

Finding Berlin Tours

Ich bin unendlich stolz auf das, was wir geleistet haben. Mit “wir” meine ich hauptsächlich mich. Aber auch uns, Nico, Marcus, Maria, alle anderen, die an FindingBerlin bisher mitgewirkt haben – und natürlich Martin. Der hat eine Idee, ein virtuelles Konzept, welches unberührbar ist, in eine Plastik gepresst. Vielmehr: in wunderschöne Fahrräder. Und die kann man sich nun ausleihen.

So seelenlos wie ich es hier gerade beschreibe ist es natürlich nicht. Es ist ein herrliches Ein-Mann-Business, dass aus Freundschaft, Leidenschaft und urbaner Begeisterung entstanden ist. Martin ist ein großartiger Touristenführer und ein mindestens genauso talentierter Fahrradbauer, lebt in Berlin und ist zufälligerweise einer meiner besten Freunde. Solltet ihr in Berlin sein: nutzt die Gelegenheit, die Stadt in einer alternativen, individuellen und amüsanten Tour zu erkundigen, fernab von riesigen Gruppen, Pub-Crawls und dem 08/15 Sightseeing der Unwissenden. FindingBerlin-Tours soll es möglich machen. Viel Spaß, über euer Feedback freue ich mich!

August 16th, 2011 Posted in Berlin | 1 Comment »

Someone Great

Intensität. Ich habe Angst, das zu verlieren. Ich habe Angst dass das blendende, fantastische rot irgendwann in meinen Augen verblasst, weil ich übersättigt bin. Ich habe Angst, dass es mir zwischen den Händen entgleitet, weil ich es nicht richtig sehe, nicht richtig verfolgen kann mit meinen normalsterblichen Nervensträngen, das was du siehst, das was du fühlst, das was du denkst. Meinem Herz ist deine Logik egal, aber mein Gehirn muss auf mich aufpassen. Ich habe Angst, dass es dich gegen die Wand fahren lässt, um mich zu schützen.

Ich will mich daran festhalten. An das Lachen. An den Aufräum-Tick. An dem Altersding. Am Tee. An dem ADS und der resoluten Bestimmung, jetzt bloß nichts mehr essen zu müsse. Am Drehtabak. Damit du die Sachen nicht nimmst und wegfliegst und mich hier lässt, paralysiert, weil ich es nicht verstehe. Nicht, dass ich das spüren würde, aber meine Erfahrung spricht gegen Intensität und für Stabilität. Meine Erfahrung spricht dafür, das Chaos vorher abzutesten und sich dann ganz schnell zu verpissen, wenn es mehr ist als man selbst ertragen kann, denn noch mal werde ich mich nicht an den Abgrund der Menschheit für jemanden schleifen lassen, der gar nicht weiß, was er tut. Der nur dachte, er würde empfinden. Der so viel Stress mit sich selbst herumträgt, dass er keinen Platz mehr für andere hat. Ich brauche nicht viel Platz, minimal. Etwa so viel wie Klopapier. Aber du hast mich reingelassen in diese Welt, und jetzt muss ich das beanspruchen. Und ich habe Angst, denn deine Welt ist unberechenbar. Ich habe keine Ahnung, was hier vorgeht.

Dabei weiß ich, dass das unbegründet ist. Da war nichts von “hey, kannst du mich auffangen?”, denn du hast mich gar nicht erst fallen lassen. Und ich sehe dich und deine großen Augen und dein großes Herz und ich höre dem Motor zu, wie er sich warm macht, um dem nächsten Menschen in deinem Leben einen irrsinnigen Gefallen zu tun. Nein gehört nicht ins Vokabular. Das ist dumm von dir, das zu tun, denke ich, und gleichzeitig liebe ich dich für diese irrsinnige Dummheit. Du hast selbst nicht viel, und auch den letzten Rest gibst du noch weg. Ich versuche das, zu verstehen, wo so viel Liebe herkommt, und frage mich, ob das vom Schmerz bedingt ist, der dir unter der Haut kriecht. Manchmal denke ich, ich habe es kapiert. In logischer Reihenfolge höre ich Sätze, die aus deinem Mund in meine Ohren marschieren, und es macht Sinn, Textbuchpsychologie, Analysen, Interpretationen. Aber dann sagt mir irgendetwas: das Wissen darum hat nichts geändert. Du könntest trotzdem morgen einfach gehen und nie wieder kommen, und ich könnte nicht mal wütend sein. Ich könnte dich nicht mal beschuldigen, dass du mich einfach stehen gelassen hast. Und dass ich nur noch einen Lichtschweif von rot sehen, der mich daran erinnert, wie sehr ich dich nicht festhalten konnte.

Das alles macht mir Angst. Dass es irgendwann aufhört. Dass unsere Herzen dicht machen und Sonnenaufgänge im Schein unserer dunklen Vergangenheiten verblassen. Wir werden uns dann nur noch in Erinnerungen kennen, und es bleibt die Frage – gute oder schlechte? Alles in mir sagt, “mach das nicht schon wieder, fessel dich nicht schon wieder, wenn du einmal in dieser Welt drin steckst, kommst du da nicht mehr heil wieder raus”, und ich war schon kurz davor abzuhauen. Aber dann hast du mir deine Hand gegeben und gefragt, ob alles in Ordnung sei, und ich habe dich angeguckt, ein rot, so umwerfend wie ich es noch nie vorher gesehen habe… die Stimmen hörten auf zu tosen und in der Stille wurde mir bewusst, dass es völlig egal war, ob ich bei dieser Sache sterbe oder nicht. Es wäre immerhin einer der besten Gründe, den ich habe. Intensität. Und du halt.

March 6th, 2011 Posted in Crystal Meth | 4 Comments »

I Know Places

Das wichtigste an Freundschaften, für mich, ist wenn man sich nicht brauchen muss. Das “muss” impliziert immer diese elendige Notwendigkeit eines Freundes; notwendig wie Medizin, notwendig wie Steuererklärung oder Haftpflichtversicherung. Nein, die schönsten Momente und Beziehungen habe ich mit Menschen, die ich brauchen will. Und das wichtigste sind, anders als die meisten Menschen gerne behaupten, eben nicht schlechten Zeiten. In schlechten Zeiten hat man immer noch sich selbst um zu kämpfen. Aber in den guten, da, wo man sein Leben mit anderen teilen möchte, da ist es wichtig jemanden zu haben der es gar nicht erst zum Herunterkrachen kommen lässt.

Und das sind dann so kleine analoge Aufnahmen: wenn alle auf der Tanzfläche stehen und die Fresse halten und keinen Scheiss reden sondern lachen und gegenseitig ihre Gegenwart wertschätzen können. Wenn es voll egal ist, wo man hingeht, weil man zusammen unterwegs ist. Wenn nichts ehrlicher ist als zu sagen, “ich freu mich, dass du heute abend mitgekommen bist”.

February 26th, 2011 Posted in Gangster | 5 Comments »