Ich kann nicht aufhören. Ich dachte, ich könnte das fehlende Fußballerlebnis irgendwie überstehen, aber das hat jetzt sogar schon physische Auswirkungen. Meine Kopfschmerzen und mein Delirium sind nur darauf zurück zu führen, dass es vorbei ist. Vier Jahre warten. Vier Jahre für einen Monat. Und bei meinem jetzigen Lebensstil werde ich wohl kaum das Jahr 2014 bewusst mit erleben.
Deshalb flüchte ich jetzt in Bundesliga, und davor noch in Nachreportagen, Erzählungen, Fußball, Dokumentationen, Irrelevantes, völlig egal, hauptsache ein Ball und ein Tor und ein glückliches Herz, nämlich meins. Für alle, denen es ähnlich geht:
Sehr coole Serie des Vice-eigenen VBS-Senders, die Fußball, Kultur und Kunst verbindet. Die Episode zu Berlin soll angeblich noch kommen. Das will ich aber auch hoffen. Hier der Trailer:
Die Folgen zu Paris und Mailand sind ziemlich stark, und ich muss sagen, dass dieses VBS-Dings mir immer mehr gefällt. Wobei das natürlich auch am Fußball liegen könnte. Wer weiß.
Statistisch gesehen gibt es in Deutschland knapp 30% Menschen mit Migrationshintergrund, Ausländern und Eingebürgerten. 30% von 23 sind knapp 7. In der deutschen Nationalmannschaft finden sich zehn. Drei über dem Durchschnitt, davon ein Eingebürgerter und neun mit Migrationshintergrund.
Überträgt man das wieder auf die Bevölkerung kann man ohne Probleme behaupten, dass Migrationshintergrund das neue Deutsch ist. Daher möchte ich an dieser Stelle auch die in letzter Zeit häufig gestellte Frage beantworten, wieso ich eigentlich nicht meine Brüder aus dem Vaterland (Özil oder Khedira) auf dem Trikot trage, sondern tatsächlich den deutschesten aller Deutschen, nämlich den Müller:
Selbstverständlich um das makellose, fleckenfreie, fehlerbehobene Deutsch im Fußball zu unterstützen. Sonst nehmen die Migrationshintergründler uns auch noch die Plätze elf bis dreiundzwanzig weg. Mir ist dabei natürlich egal, ob es sich um gute oder schlechte Spieler handelt, ob sie in Deutschland geboren sind, wer wann zugewandert ist und sowieso.
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In dem aktuellen WM-Kader der Nationalmannschaft, die mich beim Spiel gegen Spanien ja sehr enttäuscht und vor allem bewiesen hat, dass es ohne Müller keine Stabilität gibt (das nur mal so am Rande), gibt es tatsächlich nur einen, der als Eingebürgerter durchgeht: nämlich Cacau. Die anderen neun gelten als Deutsche mit Migrationshintergrund, landläufig immer noch als Ausländer bezeichnet. Neun Spieler, davon sieben in Deutschland geboren und aufgewachsen, zwei, die spätestens zum fünften Lebensjahr in Deutschland waren, Klose, der schon acht war, als er nach Deutschland kam. Jemand, der hier aufwächst, lebt, liebt, zur Schule geht, mit seinen Freunden durch die Straßen zieht und zum Karneval Schlagerkappellen mitgröhlt – wie kann der nicht Deutsch sein?
Wie kann der irgendetwas anderes sein? Wann hatte er denn jemals die Wahl, etwas anderes zu sein? Es gibt nicht mehr nur das eine Deutsch. Es gibt eine Million, und ich bin eins davon, und Özil ist eins davon, und Trochowski, und Müller auch, und Podolski ist halt eins mit Sprachfehler.
Sie nennen uns Ausländer. Ausgesprochen: “Deutsch mit Migrationshintergrund”.
Migrationshintergrund. Wenn es dieses Wort nicht gäbe, wäre ich dann Deutsche?
Die WM ist so eine Zeit, in der für mich alles in Capslock und Ausrufezeichen getippt werden müsste, jeder Tag am Rande des Nervenzusammenbruchs. Eigentlich müsste dann jeder Text so aussehen:
HEUTE WAR DAS WETTER BESONDERS SCHÖN!!! DEUTSCHLAND MUSS EINFACH WEITERKOMMEN SONST MUSS ICH WIEDER SO KRASS WEINEN!!!!!!!! OH GOTT KÖNNEN WIR EINFACH WELTMEISTER WERDEN DANN INTERESSIERT ES MICH DIE NÄCHSTEN ZEHN JAHRE NICHT MEHR!!!
Die spielfreien Tage machen mich besonders krätzig. Ich habe das Gefühl, mich unbedingt betrinken zu müssen. Überhaupt, ich habe Durst, und ich höre die Uhr ticken. Was mache ich hier? Was passiert jetzt? Wieso sehe ich schwarz weiße Fünfeckmuster vor mir herumschwirren? Wieso pfeift die Katze Abseits? Wieso? WIESO?!
So viel Spannung verträgt mein Herz einfach nicht. Das ist zu viel. Ich konnte letzte Woche schon kaum auf den Screen gucken und drehte mich jedes Mal mit 180 Puls weg. Mir wurde schlecht (zugegeben, hätte auch an der Sonne liegen können). Ich musste laut furzen, als ein Tor fiel. Es wurde lediglich überhört, weil alle anderen jubelten und brüllten.
Ich kann es vollkommen verstehen wenn sich Menschen weder für Fußball noch für WM interessieren. Kann ich voll. Ich finde Formel 1 ja auch sehr redundant. Oder Tennis. Oh Gott, Tennis. Furchtbar. Aber egal: wer mich Fußball gucken sieht (Deutschlandspiele), weiß, dass ich bei keinem anderen Thema so enthusiastisch brüllen kann. In etwa so wie der hier:
Brasilien – Nordkorea. Wie spannend kann eine solche Begegnung (während einer solch trägen WM) schon sein? Mit nur halber Aufmerksamkeit und in spürbar schmerzhafter Langweile einschalten und beduselt werden. Ja, die Brasilianer dribbeln ganz schön, aber auch nicht aufregend. Die Nordkoreaner halten sich besser, als man denkt – überraschenderweise kaum Abseitspfiffe, keine Karten, kein ständiges Foulpfeifen.
Bis die Koreaner dann irgendwann das 2:1 schießen. Die Koreaner schießen ein Tor gegen Brasilien, und keiner sieht es – bis auf die eingekauften chinesischen Söldner, die zu vierzigst auf den Tribünen stehen. Die Freude der Nordkoreaner ist ehrlich und ergreifend, aber leider bleibt es dabei, dass sie sich zu elft freuen.
Wie sehr wir feiern, wenn die WM uns neue Freunde bringt, und wir über Kulturen hinaus an einer einzigen Leidenschaft partizipieren. Und dann ist da so ein Land ganz weit weg, das man gelernt hat zu verachten für eine menschenunwürdige Politik. Man stelle sich vor, die sitzen alle zu Hause und schälen Gemüse, und haben keine Ahnung, was in Südafrika passiert. Die Fußballer, wahrscheinlich zum Spielen herangezüchtet, dürfen einen Job machen. Was wird ihnen erzählt? Wissen sie, dass da eine große Party ohne sie läuft? Würden sie überhaupt gerne daran teilnehmen? Was ist mit den Spielern? Wie fühlen sie sich, völlig umzingelt von so vielen Profis, die ihre halbe Heimat mitgenommen haben? Wie alleine kann man zu elft auf einem Platz stehen?
Nordkorea schießt ein Tor gegen Brasilien, obwohl wahrscheinlich nicht ein einziger echter Fan im Stadion zu finden ist. Nordkorea schießt ein Tor gegen Brasilien, und keiner ist da, um sich mit den Spielern zu freuen.
Wenn ein Fußball im Wald ins Tor geschossen wird, und keiner ist da, um es zu feiern – ist es das Spiel überhaupt noch wert?
Die Fußballweltmeisterschaft 2006 war die erste Weltmeisterschaft, die ich ununterbrochen verfolgte. Fast jedes Spiel – egal ob Deutschland oder nicht – sah ich mir an, fieberte mit. Die Main Arena, dem Public Viewing Bereich auf dem Main in Frankfurt, war knapp einen Monat lang mein zu Hause. Ich lernte Menschen aus aller Welt kennen. Ich feierte und schrie und gröhlte und tanzte und stöhnte und liebte es, mich manchmal ganz klein zu machen und den Leuten dabei zuzusehen, wie sie gebannt auf den Bildschirm starrten. Das Lächeln in ihren Gesichtern, das Zucken in ihren Augen. Wie verkrampft sie sich aneinander festhielten. Wie sie sich umarmten und küssten, auch wenn sie sich nicht kannten. Es war ein anderes Deutschland, da können wir uns alle einig sein.
Doch auch, wenn ich mich gerne an die Gänsehaut und an die Musik und an die Bilder erinnere, die in den schönen Momenten passierten, am markantesten wird mir wohl für immer das Halbfinale zwischen Italien und Deutschland im Gedächtnis bleiben. Die Tränen, die die Wangen meiner deutschen Freunde hinabliefen, waren nichts im Vergleich zu den Tränen, die meine Oma damals ließ. Meine Oma, die für einige Wochen zu Besuch in Deutschland war. Meine Oma, die keine einzige Fußballregel kannte. Meine Oma, die in Deutschland alle paar Jahre Urlaub machte.
Ich fragte sie, lachend, warum ausgerechnet sie denn jetzt weine. Sie sah mich an, schluchzend (und es bricht einem das Herz, die eigene Oma weinend zu sehen) und sagte: “Ihr habt gelernt, zu lachen und Gefühle zu zeigen. Ich habe Angst, wenn ich nächstes Jahr wiederkomme, dann habt ihr es wieder vergessen.”
Damals verstand ich nicht so richtig, was sie damit meinte. Mit dem Näherrücken der WM in Südafrika und der Vorfreude jedes einzelnen Menschen in diesen Straßen merke ich aber, wie sehr sich die Leute hier nach dem Ausrasten sehnen. Danach, explodieren zu können. Sich freuen zu können. Irgendwie etwas, was man hier sonst nicht so wirklich kann (oder will).
Meine Oma ist seit dem Märchensommer 2006 nicht mehr in Deutschland gewesen. Diesen Juni kommt sie, pünktlich zur WM, wieder vorbei. Gut, dass wir ihren Deutschlandschal nie weggeschmissen haben- wir brauchen doch noch ein bisschen Support.