One Soap

Veröffentlicht April 11, 2011

Verrückt, wie die Gedanken sind, erwische ich mich dabei wie ich das Leben als “wie in einer Soap” beschreibe, bis mir dann einfällt, dass es ja genau andersherum ist. Und plötzlich lebe ich genau das aus, was ich mir immer gewünscht habe: ich bin irgendwie down, und ich habe viel zu tun, und Träume und Pläne. Ich lebe jeden Tag genau das, was ich machen möchte und bin in meinen Entscheidungen nicht gefangen, sondern völlig frei. Das alles passiert nicht ohne Tränen, und eine Portion Drama mischt sich in jeden Alltag. Egal, ob meine eigenen Gefühle strapaziert werden oder ob ich meine Empathiefähigkeiten ausdrehen muss, weil ich den schönsten Tag der Welt erlebe (was ich, wie ich feststellen musste, überhaupt nicht kann; ich bin ein Sensibelchen, selbst wenn ich nicht direkt betroffen bin).

Plötzlich ist die Kategorie “Erwachsen sein” gar nicht mehr so schlimm, möchte ich behaupten, sondern eigentlich relativ angenehm, denn es ist berechenbar. Ich warte eigentlich auf nichts, und wenn ich Druck empfinde, dann lasse ich ihn heraus. Probleme habe ich viele, aber irgendwie passt das ja ins Prinzip rein. Und ob ich zufrieden bin oder nicht, das spielt erst mal gar keine Rolle: Hauptsache, das Rad dreht sich weiter, ich mittendrin, und irgendwie fliegt einem dann alles zu, und die Zeit rennt vorbei, ohne das man sich wünscht, mehr davon gehabt zu haben (wieso auch, wenn alles, selbst in Makeln getränkt, im Gesamtbild dann doch wieder perfekt erscheint).

Die Formel dafür läuft etwa so: gute Entscheidung + fremdbestimmtes Problem + politisches/wirtschaftliches/gesundheitliches Issue + Liebesdrama + Freunde + Family + Träume + Charakter + Sonnenschein + schlechte Entscheidung + Alltag + Frust + Glücksgefühle + Weed = alles ist irgendwie genau so, wie es sein muss. Es ist nicht besser oder schlechter als irgendetwas anderes und es ist auch nicht unbedingt erstrebenswert so zu sein oder so zu leben. Aber es ist gerade so. Vielleicht sehe ich das in zwei Jahren ganz, ganz anders, und blicke zurück und schüttel den Kopf wehement ablehnend, weil ich nur Scheisse gebaut habe und vergessen musste, wer ich bin. Aber andererseits: wie komme ich jemals an diesen Punkt, ohne genau so zu sein?

Seht ihr, das Leben, es macht mir gerade Spaß, obwohl ich gleichzeitig auch weinen muss. Ich fühle mich normal und verrückt gleichzeitig, weil ich das ernsthaft so artikulieren kann und mich dabei nicht eine einzige Sekunde anzweifle. Der Ball rollt, die Kugel fliegt, die Uhr tickt, and that’s how it goes.

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Death Proof

Veröffentlicht February 2, 2011

Nahtoderlebnisse sollen einem ja dem Märchen nach eine gewisse Lebenslust bringen, insbesondere dann, wenn man schon bis zum Hals in Zynismus und Engstirnigkeit steckt. Nach dem Fast-Tod soll man begeistert, voller Elan und Euphorie aufspringen und die Faust in den Himmel recken und “ICH FICK EUCH ALLE RICHTIG HART” schreien, mit einem wahnsinnigen Lachen, nur mit Krankenhauslappen bedeckt, aus dem Fenster springen und die Welt erobern.

Ich sag euch jetzt mal was: das gilt maximal für die Menschen, die Schmerzen erlitten, den Tod vor Augen gesehen, und mit filmreifer Action davongekommen sind. Menschen, die gefoltert wurden, Menschen, die sich selbst in die Situation verfrachtet haben, Menschen, die durch Erfahrungen rennen mussten, die sie niemals machen wollten und nie wieder machen werden. Ich hingegen fühle mich genauso gut oder schlecht wie vorher, denn mein Nahtoderlebnis war nicht mal im Ansatz so befreiend oder beeinflussend wie die der geläufigen Dramen der Welt.

Ein Nahtoderlebnis mit Nachwirkungen (Epiphanie, Tragik, Schock, Lebenslust, der ganze apokalyptische Kram eben, den man aus Filmen und Literatur und Musik kennt) muss genossen werden. Ein Nahtoderlebnis, das in irgendeiner weise nachwirkt, muss erlebt werden. Ich kann euch eines sagen, Leute: ein allergischer Schock ist weder romantisch noch erwähnenswert und damit quasi fast schon zu bedauern. Jemand, der beim Surfen von einem Hai erwischt wird und sich losreissen kann, der weiß, was das Leben wert ist. Jemand, der in einen schweren Autounfall verwickelt ist, weil er gerne mal einen zu viel trinkt, wird daraus lernen, es nie wieder zu tun. Jemand, der einen allergischen Schock erleidet – also jemand wie ich – fühlt sich einfach nur von Gott und der Welt betrogen, denn niemals gab es eine unwürdigere Form des Nicht-Sterbens, und gar auch noch in einem Flugzeug. Und das alles mit fettem Ausschlag.

In kurzgefasster Form habe ich Australien mit Juckreiz verlassen, der plötzlich seinen Weg über meine Haut ebnete. Nesselsucht wird das in Fachkreisen genannt, Ursprung unbekannt. Mein letzter Allergietest liegt kaum ein Jahr zurück, wozu sich also sorgen machen? Vielleicht waren es auch nur Bisse von böswilligem, australischen Gekreuche. Man weiß es nicht. Man weiß es vor allem immer noch nicht.

Im Flugzeug steigerte sich mein Unwohlsein in ein Fieber, das ich nicht mit dem Ausschlag, sondern mit der Abreise in Verbindung brachte. Nach wenigen Stunden des hin-und-her-herumruckelns in meinem Sitz, merkte ich, dass ich keuchte. Oder vielmehr mein Sitznachbar, der unglaubliche Gary, der aus Borneo kommt, in Australien lebt und chinesische Vorfahren hat, merkte, dass ich keuchte. Er wachte nämlich davon auf. Und fragte mich, ob es mir gut ginge. Ab dann ging alles genau so schnell, dass ich nicht mal mehr Zeit hatte, in Panik zu geraten: ich bekam keine Luft, ich sah aus wie als hätte ich eine seltene Form von Lepra, der zuständige Steward rannte zum Notfallkasten, kramte etwas heraus, setzte mir die Kunst-Adrenalin-Spritze ins Bein und zack war alles wieder so, als wäre niemals etwas passiert. Ich murmelte ein Danke und schlief ein.

Nur das mit dem Aufwachen schien erst mal nicht zu klappen, denn meine Augen öffneten sich erst, als ich schon (4 Stunden später) am Tropf der Flughafenklinik hing. Auch hier setzte weder Angst noch Panik ein, verblüffend, wenn man bedenkt, wie sehr ich das dramatische Ende, dieses ganze Szenario, in meinem Leben schon herbeifantasiert habe. Wie heroisch, zu sterben, wenn man sich für jemanden opfert! Oder unter den Boden gehieft zu werden, weil man für sein Land gekämpft hat und drei Kinder hinterlässt und für immer als Held in den Erinnerungen der liebsten Menschen verbleibt.

An einem allergischen Schock zu Grunde zu gehen, das muss man erst mal verarbeiten. So ein fantastisches Leben, so viel Schönheit, all das für ein bisschen Ausschlag und natürliche Körperabwehrreaktionen verschwendet? Für so einen Abgang würde ich mich doch nur schämen. Haleluja also, das mir dieses Schicksal erspart geblieben ist. Für das nächste Mal habe ich mich bereits informiert und recherchiert, sorgfältig meine letzten (wohlformulierten) Worte ausgewählt und werde versuchen, mich an der Situation festzuhalten, die dann meine letzte im Leben sein soll. Unerwarteter Abgang. Pah, dass ich nicht lache.

Death Proof · Kategorien: Weltreise · 13 Kommentare
 
 

Wish You Were Here

Veröffentlicht November 5, 2010

Meine Mutter antwortet mir kaum auf meine E-Mails. Ich rufe sie jeden Sonntag an um ihre Stimme zu hören und nachzufragen, ob alles okay ist- sie wimmelt mich meistens nach drei Minuten ab (das war aber auch nie anders). Ich schicke der ganzen Familie alle drei Tage Bilder von unseren Abenteuern und kleine Kurzberichte. Ich schicke Postkarten nach Hause, und zurück kommt nur ein “Hey, ja, ich vermisse dich auch, aber ich bin im Stress und kann dir leider nicht anworten, PS ich werde nächste Woche operiert nichts Schlimmes nur wieder das Knie”.

Ich bin jetzt seid mehr als einem Monat unterwegs, und es macht sich immer mehr das Gefühl breit, dass ich mich beim ersten Mal gar nicht richtig verabschiedet habe. Oder zumindest falsch. Denn während ich hier im Urlaub bin und alle Zeit der Welt habe, im Internet zu surfen und meine Eltern anzurufen, geht das Leben zu Hause weiter. Und ich bin nicht inbegriffen. Aber nicht ich bin weit weg – sondern alle anderen.

Es ist so lustig, wie mich jeder fragt, hey, wie geht’s, wie ist es so? – Und alles, was ich darauf antworten kann ist: ja, es ist gut, ein bisschen anstrengend, aber wirklich cool. Aber kaum einer erzählt mir, was eigentlich zu Hause vorgeht, was ich verpasse, was passiert ist. Und langsam komme ich dahinter: ich kann es nicht mehr wissen. Es gibt keinen Raum dafür, keinen gemeinsamen Alltag. Die witzigen Geschichten gibt es nicht mehr, weil sie nicht witzig sind, wenn man nicht da war. Die kleinen Dramen aus dem Leben, die nicht in einen einzigen Absatz in einer E-Mail gekürzt werden können, weil sie so viel mehr beinhalten. Dieses “Ja, mir geht es gut”, aber den Rest kann ich dir nicht erzählen, weil ich viel zu weit ausholen müsste.

Anfangs hat mich das irritiert, aufgehalten, gestört – ich bin kein Teil davon, aber ihr dürft mich doch nicht so außen vor lassen! – aber ich werde es nicht ändern können. Ich bin kein Teil mehr davon. Ich bin zu weit weg, um noch ein Teil zu sein, und die Erde dreht sich auch zu Hause weiter. Tag, Nacht, Tag, Nacht. Und noch viel mehr: ich habe mich bewusst dafür entschieden, nicht mehr da zu sein, aus dem gemeinsamen Alltag auszusteigen. Meine Mutter wird mich auch weiterhin am Telefon abwimmeln und sagen, dass sie leider weg muss. Aber irgendwie ist das jetzt auch okay. Und vielleicht ist es auch notwendig. Travelling like it’s 1999.

 
 

Spinning Away

Veröffentlicht October 13, 2010


Ich sitze gerade im Restaurant unserer Unterkunft. Es gibt W-Lan, das halbwegs schnell läuft, und im Hintergrund dudelt ein Thai mit einer schönen Stimme Bob Dylan Klassiker auf der Gitarre für drei anwesende Leute herunter. Meine Haut schält sich endlich vom Sonnenbrand; ich sehe aus wie unser neues Haustier, der Gecko Mustafa aus unserem Bad, dem anscheinend die diversen Enddarmausscheidungen gefallen, denn abhauen will er nicht.

Alles in allem eine sehr beruhigte Stimmung. Ich reise mit zwei alten Bekannten – Cat, mit der ich schon im Kindergarten war und in unserer Jugend eine intensive on/off Beziehung führte, und JJ, der damals mit meinem großen Bruder in die Klasse ging und mittlerweile einen Freundeskreis in meinem Alter aus meiner Heimat bequemt. Als ich nach Berlin ging, flüchtet ich genau vor diesen Leuten: Menschen, deren Horizont nicht über ihr Kaff hinaus ging, die Art von Typen, die nur einen Club kennen, sich dort 3 Tage Tony Montana einbuchten und denn wieder ihrem ewig öden Drama vs Arbeitsleben nachgehen, wo jeder jeden betrügt. Hier werden Soaps geschrieben. Und dennoch ist es gut, mit ihnen unterwegs zu sein- einerseits für mich, weil ich das niemals mit guten Freunden hätte machen können, ohne mich grundtief für meine alltägliche Scheisse zu schämen (inkl. meine iTunes Shuffle Liste, die absolut unerträglich ist, wenn man mit coolen Leuten rumhängt, haha), andererseits, weil ey, Menschen können sich ändern. Und auf Reisen ändert man sich. Und so ist das gerade für uns: wir verändern uns zusammen, einerseits zum Positiven, andererseits so, wie es keiner hätte erwarten können.

Aber ich kann es nicht verleugnen. Es ist schwieriger, viel, viel schwieriger, als ich es mir hätte vorstellen können, einfach komplett loszulassen. Die Zeit bleibt für einen gewissen Augenblick stehen, und spätestens, wenn man dann einen Song hört oder kurz online geht– stellt man fest, dass man für ein Jahr weg sein wird. Und das die Zeit nur für einen selbst stehen geblieben ist, und nicht für den Rest der Welt. Nicht für Berlin, nicht für die Crew, nicht für die Eltern, da geht alles weiter. Alle sagen “S, man, das ist so cool, dass du das machst!”, aber ich frage mich hauptsächlich, wieso man weg geht, wenn alles gut ist, und wieso man Entscheidungen, die in gänzlich anderen Lebenssituationen getroffen wurden, eigentlich nicht einfach genauso spontan über den Haufen wirft wie man sie gemeißelt hat um nicht einen riesigen Riss in seiner Zeitleiste zu verursachen?

Nach zwei Wochen voller Abenteuer und geflasht sein sind solche Momente wohl selbstverständlich für jeden Reisenden. Ich warte noch auf den Augenblick, an dem ich mich voll im Momentum wiederfinde und vergesse, dass es jemals soetwas wie ein zu Hause gab. Vielleicht ist das dann auch der Moment, an dem ich nie wieder zurückkehren möchte. Vielleicht einer, wo ich nicht mehr mit soetwas wie einem zu Hause umgehen kann, wo das Reisen mich einfach mittreibt, weil man es gewohnt ist. Vielleicht ist das dann der Augenblick, an dem ich zurückkehre und feststelle, dass nichts mehr für mich übrig geblieben ist. Vielleicht passiert das auch nie, und ich kehre bereits in wenigen Monaten zufrieden zurück, in dem Wissen, das es nichts auf der Welt gibt, was mich mehr bewegen kann als das, was ich eh schon habe.

Vielleicht werde ich mit der Zeit an einen ganz anderen Horizont gespült- da, wo es keinen Anfang und kein Ende gibt, wo ich mir nicht mehr vorstellen kann, jemals wieder ein Teil vom Alltag zu sein. So wie es damals war, das was vor einem Monat war, das was mir jetzt schon wie vor tausend Jahren vorkommt. Vielleicht ist es auch genau jetzt Zeit, sich einmal davon zu lösen, und sich davon zu distanzieren, was mal war. Nur das “warum”, das erschließt sich mir jetzt noch nicht genau. Warum man weggeht, wenn alles gut ist. Und warum es so lange dauert, bis das Momentum kommt.

 
 

Too Young To Die

Veröffentlicht September 10, 2010

Und plötzlich frage ich mich auch wieder, ob ich nerve. Das habe ich mich schon sehr lange nicht mehr gefragt, weil es in der Zwischenzeit egal war, ob ich nerve: wenn ich mit jemanden zusammen sein wollte, dann war das so, und wenn nicht, dann halt eben nicht. Mit dem Alter kommt die Sicherheit, und es wird leichter, zwischen wollen und haben und brauchen und müssen zu unterscheiden. Und wenn dir auf dem Weg zufälligerweise kein Mensch begegnet, der dich irgendwie krass berührt, dann ist diese Methodik auch ziemlich leicht, geradezu intuitiv, umzusetzen. Da sind keine Verletzungen und keine Schmerzen, und wenn man nervt, und das gesagt bekommt, dann zuckt man mit den Schultern und sagt “ok, onto the next one”. Keine Lust, sich mit dem Trauma von “damals” noch mal auseinanderzusetzen. Keine Lust, jemanden heranzulassen, der einem Schaden zufügen könnte.

Sieben Jahre später stehe ich da und gucke auf meinen Screen und frage mich, ob ich nerve, wenn ich jetzt eine SMS schreibe. Nicht, dass mich dieser Gedanke von meiner bevorstehenden Tat irgendwie abhalten könnte, aber er blitzt immerhin auf, und das beunruhigt mich. Überhaupt, diese ganze Verknall-Gesellschaft, in der ich mich gerade befinde, alles blüht vorsichtig auf, Wörter werden zwölf mal hin und hergedreht und von allen Seiten interpretiert weil diese Angst, dass da doch ein Spiel irgendwo abläuft, so gegenwärtig ist. Dazwischen die jugendlichen Sprüche, und das ganze Geschwebe und die Zugehörigkeit und die Jokes und die schönen Momente, die das alles so wunderbar zusammenfassen, dass man gar nicht merkt, was gerade eigentlich passiert.

Dann fällt einem erst einmal auf, wie jung man ist. Wie unsicher. Wie das Gekicher und das Hahaha und die kalte Schulter eigentlich nur eine Mischung aus Panik, Unsicherheit, Glücksgefühl und Verlustängsten ist. Und man die eigenen Gedanken versucht zu ordnen und zu strukturieren, erfolglos, weil man gerade so schön vom Strom aller passierenden Dinge mitgetrieben wird. Mein Zimmer ist zur Zeit das absolute Chaos: halbabgebaute Möbel, Konfettireste von der Party, verrotzte Tempos, Kartons, Müll, alles ohne Überblick. Und so in etwa fühlt sich gerade der Zustand in meinem Kopf an. Aber ich gebe es jetzt auf, aufräumen zu wollen. Dann liegt da halt eben noch Scheisse rum. Besser, mich jetzt damit – wenn auch nur kurz – auseinander zu setzen, als das alles wieder fest in die letzten Ecken meiner unangetasteten Welten zu stopfen.

Und dann ist es widerrum so einfach: es fühlt sich gut an. Und während ich noch die SMS wegschicke, grinse ich zufrieden und weiß, dass es völlig egal ist, ob ich nerve oder nicht. Ich will das jetzt sagen, weil ich das so denke und fühle und überhaupt. Keinen Bock, die sowieso schon viel zu eng bemessene Zeit noch mit dem ganzen Gedankenkram vollzupacken, der mich auch sonst immer so behindert. Ich will auch nicht alles wieder so weit aufschieben, nur weil mir das Risiko zu hoch ist, völlig zerheult in ein Flugzeug zu steigen. Ich will, dass es mir gut geht, und ich werde mir nicht schon wieder meine Gegenwart wegen meiner Zukunft versauen. Dann muss ich auch nicht darüber nachdenken, ob das alles gerade echt ist, oder nur Kopfkino, oder eine schön gemalte Illusion, oder ob es nur passiert, weil ich sowieso kein Commitment einbringen muss, weil da so ein fettes Haltbarkeitsdatum von noch ungefähr 2 Wochen drauf geworfen wurde. Es fühlt sich gut an, und das reicht jetzt auch.

 
 

It’s Not Easy Being Gay

Veröffentlicht September 3, 2010

Ich frage mich bei diesem Artikel vor allem, ob das nur auf Lesben beschränkt ist (gibt es weniger Lesben als Schwule? Gibt es mehr Nischen und “Gruppierungen” auf der männlichen Seite?), oder ob das wirklich ein zeitgenössisches allround Problem ist, dass man Homosexualität als eigene Randgruppe betrachtet und dabei aber übersieht, dass es sich hierbei nicht um Anhänger eines bestimmten Glaubens oder Trendmitläufer handelt.

Coming out as a lesbian is not, as many straight people seem to think, akin to entering an exclusive, trendy club, where inhibitions are chucked aside along with bras. Is it possible that we’ve become too liberal to admit that being gay is still hard? The other day my mum came out on my behalf to one of her girlfriends, who said: “Wow, you got one! Congratulations.” But for me, being accepted by the straight world doesn’t equal happiness.

As a lesbian, meeting a partner can be fraught. Finding a compatible woman is one thing; discerning whether or not she’s gay is another. Unless, of course, you turn to the gay scene. But I don’t want to define myself by my sexuality. I think my penchants for Curb Your Enthusiasm, Mexican folk art and camembert are more significant markers of my personality than whom I choose to go to bed with.

So, yes, it makes me sad that it is so hard to meet gay women other than via The Scene. Like any group or culture formed as a result of persecution, the gay scene is isolated, and often bitter. Gay and straight can be a real us-and-them situation. This is so frustrating if all you want to be is yourself.

Leider war das auch immer so ein Grund für mich, wieso ich Veranstaltungen wie den CSD nicht mehr richtig ernst nehmen kann und diese Überidentifizierung extrem dumm finde. Ich stehe nicht auf und stelle mich als “Hallo, ich bin Sara und heterosexuell” vor, viele Homosexuelle machen das (mal unabhängig vom Aussehen, das muss noch lange nichts über sexuelle Präferenzen sagen). Der CSD ist heute zwar vor allem ein politischer Protest der über “aktzeptiert uns als Menschen” hinaus geht, spaltet aber wieder Menschengruppen auf; oder wie wär’s mit einer Hetero-Parade?

Nicht, dass man den CSD abschaffen sollte, so wie er ist; von mir aus feiert weiter, von mir aus zelebriert und ich bin die letzte, die etwas dagegen hat, ach was, ich bin sogar dabei. Ich will nur sagen: dieses ihr und wir. Das nervt mich in jeder Situation. Es nervt mich auch, wenn jemand, der 50 Kilo abgenommen hat, plötzlich nur noch “die, die mal 50 Kilo abgenommen hat” wird, und nicht mehr “oh, sie kocht gerne und geht gerne ins Kino und ist Profischwimmerin”.

Aber vielleicht ist das ja auch gar nicht so, und ich interpretier wieder viel Schwachsinn in etwas, was ich nur so ein bisschen nachvollziehen kann. Vielleicht kann ich es auch sehr gut nachvollziehen und rede mir nur meine Welt schöner, weil es so natürlich viel einfacher ist. Wer weiß das schon.

 
 

We Own The Sky

Veröffentlicht August 10, 2010

Aber die Wahrheit ist dass ich hier weg muss, erst mal, um mein eigenes Ding zu finden. Um mich nicht ständig neuen Eindrücken so hinzugeben, dass ich in ihnen aufgehen und explodieren möchte. Ich muss die Einsamkeit über mich schwappen lassen, auch in der Angst, alles zu verlieren was noch im Wachsstum steckt. Ob es dumm ist, das frage ich mich, aber es ist völlig irrelevant.

Ich muss hier weg und Dinge denken, die wichtig sind- ich muss hier weg um mir einzugestehen, dass ich durchaus Schmerz empfinde, ich muss hier weg und mitbekommen, dass die Welt trotzdem weiter geht, auch ohne mich, oder gerade ohne mich. Ich muss lernen wie ich mich selbst beherrschen kann ohne bei jeder Niederlage direkt zusammenzubrechen, nicht mehr zu funktionieren.

Weg, vielleicht auch, um nicht mehr funktionieren zu müssen. Nicht weg vor allen anderen, sondern auch weg von mir selbst, diesem Bild, was ich von mir habe, was ich hier gemalt habe, um neu anzufangen. Dabei habe ich nie neu angefangen, sondern die Vergangenheit umgangen und gelogen. Hier ist sie, die nächste Chance; vielleicht auch die letzte.

 
 

Traumwelten

Veröffentlicht July 18, 2010

Ein Weinfest in der Heimat: es wird getrunken, es wird getanzt, es wird geflirtet und alle halten sich – auf eine ganz familiäre Art und Weise – für das Coolste, was es gibt. Es ist Fashion Week ohne die Anonymität (und mit einer schlechten Tanzkapelle, die mir die Ohren bluten lässt).

Alte Freunde, bekannte Gesichter, falsches und echtes Lachen, kleine Dramen, viel beschämtes Weggucken, weil man sich dann doch nicht gut genug kennt, und zwei Jahre sind eine sehr, sehr lange Zeit… kleine Konversationen werden angeknuspert, und plötzlich ist da auch so eine kleine Erkenntnis, dass die Menschen hier gar nicht so anders sind als die in der Großstadt. Nur das mit den Träumen ist so gegenwärtig.

Alle haben so viele Träume. Sie reden von Existenzgründungen, von Selbstständigkeit; von Reisen und von Ausbrüchen und von der trägen Berechenbarkeit ihrer Leben. Sie treffen sich jährlich am Weinfest und haben ihren Spaß, ja, aber mit Wehmut in der Stimme. Ich bin wie ein Tampon, der diese Träume aufsaugt und verwirklicht, und sie werden es nicht Leid, mir das zu erzählen: du bist nach Berlin gezogen, du hast etwas anderes gemacht, du hast Geld verdient, du machst so eine Reise. Es erklingt kein Unglück, das nicht. Sie sind zufrieden und glücklich. Aber da ist so eine Sehnsucht, wie Träumer sie verpacken. Diese Konnotation des Unwirklichen, Unschaffbaren, Unrealistischen. Das ist ein Traum. Es wäre schön, aber es ist nicht. Schön ist, was wir hier haben. Damit muss man halt leben.

Ich finde nicht, dass das die schlechtere Variante ist zu leben. Überhaupt nicht: Gelegenheiten kommen und gehen im Leben, manche Menschen haben mehr Glück, es gibt keine Gerechtigkeit und mal sehen, wie zufrieden oder unzufrieden ich in fünfzehn Jahren bin. Aber darum geht es gar nicht. Es geht um die angeblichen Träume, denen man für ein glückliches Leben folgt. Ich bin glücklich. Ich bin jung, ja, da ist noch sehr viel Zeit für Unglück. Aber: Ich bin meinen Träumen nicht gefolgt. Weil es keinen konkreten Traum gab. Nur Hunger. Und Angst, sehr viel Angst, aber auch Entschlossenheit. Ich wollte machen, ich war ungeduldig, unzufrieden, und ich hatte Angst und ich habe immer noch Angst und ich werde wohl mein Leben lang Angst haben. Es ist so eine einfache und genauso berechenbare Formel gewesen wie das Einmaleins-Leben auf dem Land; es ist keine Pionierarbeit und es ist keine besondere Charakterstärke. Es ist nichts besonderes, aber im Kontrast wirkt es so.

In Berlin vergisst man das oft, weil so viele Menschen hergekommen sind, um Dinge umzusetzen. Ich sehe keine Träume in Berlin; maximal, wenn mir jemand Einsicht in seine Gedankenwelt gibt. Ich sehe nur Ergebnisse, ich sehe viel Kunst hier, ich sehe kreative Köpfe mit aufsteigendem Rauch aus den Ohrenkaminen, weil so viel gearbeitet wird. Eine unglaubliche Motivationsenergie, dieses kollektive “Schaffen”, nicht, weil man seine Aufgabe im Wirtschaftsrad unserer Gesellschaft erfüllt; vor allem wegen dem Hunger, den instinktiven Drang, diesen Hunger aber auch zu stillen und nicht nur auszuhalten.

Ja, es ist ein starker Kontrast. Nicht, weil hier Träume in Erfüllung gehen. Ich weiß nicht, was meine Träume sind. Ich weiß nicht, wie ich in 20 Jahren am zufriedensten bin – ich weiß nicht, was ich mal machen will, wenn ich groß bin. Ich mache einfach jetzt. Ich mache den ganzen Tag. Ich bin zukunftslos. Ich bin das schlechteste Vorbild, das man sich für ein Kind vorstellen möchte; aber in meiner Stimme erklingt keine Wehmut, zumindest noch nicht. Und ich gehe das Risiko ein, weil es keine Träume gibt, die ich mir verbauen könnte.

Vielleicht ja auch “Traum”, ein anderes Wort für Unzufriedenheit. Vielleicht sind Träume etwas für Unfallopfer, die keine Beine mehr haben und gerne wieder laufen möchten. Vielleicht sind Träume nur das, was wir in unserem Schlaf erleben. Vielleicht liege ich völlig falsch: vielleicht bin ich ein Loser der Träume, vielleicht nicht romantisch genug, vielleicht ist das aber auch nur eine Frage der korrekten Definition.

Vielleicht ist wirklich nur der Weg das Ziel, und alles andere völlig nebensächlich.

 
 

I Told My Therapist About You

Veröffentlicht June 22, 2010

Vielleicht kommen die Zweifel von der Bucket List, die ich seit sechs Jahren führe, und von der ich mittlerweile fast monatlich einen Punkt runterstreiche um dafür zwanzig Dinge hinzuzufügen. Wie immer, wenn es in die Nähe einer Ziellinie geht, dieses aufkeimende, schmerzhafte Bauchgefühl, zuerst Zufriedenheit, bis es irgendwann zur quälenden Unruhe wird. Und dabei ist das Ziel völlig nebensächlich, es ist der Weg, das beschäftigt sein, das nicht-nachdenken, das “der nächste Schritt ist abgesichert”. Nur- wie lange?

… in einer kleinen Seifenblase voller unrealistischer Erwartungen leben, ein bisschen Ehrgeiz und gute Laune und Oberflächlichkeit durchmischen und einen Teig voller Chaos und Unwissen erhalten. Nein, ich will nicht die beste sein, ich will nicht undankbar sein, ich will auch nicht im absoluten Stillstand verweilen- aber wann hört die Suche nach “ausgewogen” auf? Wann darf ich ausatmen und mich glücklich zurücklehnen – für mehr als nur einen temporären Zeitpunkt – für mehr als nur einem Ziel, das ich von meiner Liste abhaken kann?

Was kommt nach einer Weltreise? Was kommt nach einer Großstadt? Was kommt nach der Liste? Was kommt nach Unruhe, Ungeduld, nach pleite sein, nach reich sein, nach hungrig sein, nach schlank sein, nach fett sein, nach Mann, nach Frau, nach gelangweilt sein, nach verrückt sein, nach verliebt sein, nach bekifft sein, nach wach sein, nach fertig sein, nach fertig sein?

 
 

STT BD

Veröffentlicht May 30, 2010

“Ich würde das hier alles am liebsten aufnehmen. Nicht für mich – ich werde das nie vergessen – sondern für die ganzen Leute zu Hause. Ich will ihnen zeigen, dass es das hier wirklich gibt, dass es nicht nur Legenden sind. Das hier ist Berlin, und das hier gibt es nur in Berlin.”

Natürlich tun wir es nicht. Erstens fehlt uns das Equipment, um soetwas auch nur ansatzweise realitätsnah festzuhalten. Es ist zu dunkel. Die Musik nicht auf Video greifbar. Unmöglich. Dazu noch: nicht teilhaben, nur observieren, um es später greifen zu können- den Moment ziehen lassen? Nein. Und dennoch: ein bisschen sticht es. Wie erzählen wir davon, wenn es vorbei ist? Ohne die Bilder- ohne den optischen und akustischen Eindruck? Und wem erklären wir, wie unfassbar die Location war, wie aufwendig die Vorbereitung, wie fantastisch die Musik, wie groß und vollkommen der Abend und wie es sich angefühlt hat, in den Sonnenschein des Wedding herauszutreten und Arm in Arm wankend die frische Morgenbrise auf der Haut zu spüren? Wer will uns zuhören, ohne es sehen zu können?
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