Death Proof

Nahtoderlebnisse sollen einem ja dem Märchen nach eine gewisse Lebenslust bringen, insbesondere dann, wenn man schon bis zum Hals in Zynismus und Engstirnigkeit steckt. Nach dem Fast-Tod soll man begeistert, voller Elan und Euphorie aufspringen und die Faust in den Himmel recken und “ICH FICK EUCH ALLE RICHTIG HART” schreien, mit einem wahnsinnigen Lachen, nur mit Krankenhauslappen bedeckt, aus dem Fenster springen und die Welt erobern.

Ich sag euch jetzt mal was: das gilt maximal für die Menschen, die Schmerzen erlitten, den Tod vor Augen gesehen, und mit filmreifer Action davongekommen sind. Menschen, die gefoltert wurden, Menschen, die sich selbst in die Situation verfrachtet haben, Menschen, die durch Erfahrungen rennen mussten, die sie niemals machen wollten und nie wieder machen werden. Ich hingegen fühle mich genauso gut oder schlecht wie vorher, denn mein Nahtoderlebnis war nicht mal im Ansatz so befreiend oder beeinflussend wie die der geläufigen Dramen der Welt.

Ein Nahtoderlebnis mit Nachwirkungen (Epiphanie, Tragik, Schock, Lebenslust, der ganze apokalyptische Kram eben, den man aus Filmen und Literatur und Musik kennt) muss genossen werden. Ein Nahtoderlebnis, das in irgendeiner weise nachwirkt, muss erlebt werden. Ich kann euch eines sagen, Leute: ein allergischer Schock ist weder romantisch noch erwähnenswert und damit quasi fast schon zu bedauern. Jemand, der beim Surfen von einem Hai erwischt wird und sich losreissen kann, der weiß, was das Leben wert ist. Jemand, der in einen schweren Autounfall verwickelt ist, weil er gerne mal einen zu viel trinkt, wird daraus lernen, es nie wieder zu tun. Jemand, der einen allergischen Schock erleidet – also jemand wie ich – fühlt sich einfach nur von Gott und der Welt betrogen, denn niemals gab es eine unwürdigere Form des Nicht-Sterbens, und gar auch noch in einem Flugzeug. Und das alles mit fettem Ausschlag.

In kurzgefasster Form habe ich Australien mit Juckreiz verlassen, der plötzlich seinen Weg über meine Haut ebnete. Nesselsucht wird das in Fachkreisen genannt, Ursprung unbekannt. Mein letzter Allergietest liegt kaum ein Jahr zurück, wozu sich also sorgen machen? Vielleicht waren es auch nur Bisse von böswilligem, australischen Gekreuche. Man weiß es nicht. Man weiß es vor allem immer noch nicht.

Im Flugzeug steigerte sich mein Unwohlsein in ein Fieber, das ich nicht mit dem Ausschlag, sondern mit der Abreise in Verbindung brachte. Nach wenigen Stunden des hin-und-her-herumruckelns in meinem Sitz, merkte ich, dass ich keuchte. Oder vielmehr mein Sitznachbar, der unglaubliche Gary, der aus Borneo kommt, in Australien lebt und chinesische Vorfahren hat, merkte, dass ich keuchte. Er wachte nämlich davon auf. Und fragte mich, ob es mir gut ginge. Ab dann ging alles genau so schnell, dass ich nicht mal mehr Zeit hatte, in Panik zu geraten: ich bekam keine Luft, ich sah aus wie als hätte ich eine seltene Form von Lepra, der zuständige Steward rannte zum Notfallkasten, kramte etwas heraus, setzte mir die Kunst-Adrenalin-Spritze ins Bein und zack war alles wieder so, als wäre niemals etwas passiert. Ich murmelte ein Danke und schlief ein.

Nur das mit dem Aufwachen schien erst mal nicht zu klappen, denn meine Augen öffneten sich erst, als ich schon (4 Stunden später) am Tropf der Flughafenklinik hing. Auch hier setzte weder Angst noch Panik ein, verblüffend, wenn man bedenkt, wie sehr ich das dramatische Ende, dieses ganze Szenario, in meinem Leben schon herbeifantasiert habe. Wie heroisch, zu sterben, wenn man sich für jemanden opfert! Oder unter den Boden gehieft zu werden, weil man für sein Land gekämpft hat und drei Kinder hinterlässt und für immer als Held in den Erinnerungen der liebsten Menschen verbleibt.

An einem allergischen Schock zu Grunde zu gehen, das muss man erst mal verarbeiten. So ein fantastisches Leben, so viel Schönheit, all das für ein bisschen Ausschlag und natürliche Körperabwehrreaktionen verschwendet? Für so einen Abgang würde ich mich doch nur schämen. Haleluja also, das mir dieses Schicksal erspart geblieben ist. Für das nächste Mal habe ich mich bereits informiert und recherchiert, sorgfältig meine letzten (wohlformulierten) Worte ausgewählt und werde versuchen, mich an der Situation festzuhalten, die dann meine letzte im Leben sein soll. Unerwarteter Abgang. Pah, dass ich nicht lache.

February 2nd, 2011 Posted in Urlaub | 13 Comments »

Wish You Were Here

Meine Mutter antwortet mir kaum auf meine E-Mails. Ich rufe sie jeden Sonntag an um ihre Stimme zu hören und nachzufragen, ob alles okay ist- sie wimmelt mich meistens nach drei Minuten ab (das war aber auch nie anders). Ich schicke der ganzen Familie alle drei Tage Bilder von unseren Abenteuern und kleine Kurzberichte. Ich schicke Postkarten nach Hause, und zurück kommt nur ein “Hey, ja, ich vermisse dich auch, aber ich bin im Stress und kann dir leider nicht anworten, PS ich werde nächste Woche operiert nichts Schlimmes nur wieder das Knie”.

Ich bin jetzt seid mehr als einem Monat unterwegs, und es macht sich immer mehr das Gefühl breit, dass ich mich beim ersten Mal gar nicht richtig verabschiedet habe. Oder zumindest falsch. Denn während ich hier im Urlaub bin und alle Zeit der Welt habe, im Internet zu surfen und meine Eltern anzurufen, geht das Leben zu Hause weiter. Und ich bin nicht inbegriffen. Aber nicht ich bin weit weg – sondern alle anderen.

Es ist so lustig, wie mich jeder fragt, hey, wie geht’s, wie ist es so? – Und alles, was ich darauf antworten kann ist: ja, es ist gut, ein bisschen anstrengend, aber wirklich cool. Aber kaum einer erzählt mir, was eigentlich zu Hause vorgeht, was ich verpasse, was passiert ist. Und langsam komme ich dahinter: ich kann es nicht mehr wissen. Es gibt keinen Raum dafür, keinen gemeinsamen Alltag. Die witzigen Geschichten gibt es nicht mehr, weil sie nicht witzig sind, wenn man nicht da war. Die kleinen Dramen aus dem Leben, die nicht in einen einzigen Absatz in einer E-Mail gekürzt werden können, weil sie so viel mehr beinhalten. Dieses “Ja, mir geht es gut”, aber den Rest kann ich dir nicht erzählen, weil ich viel zu weit ausholen müsste.

Anfangs hat mich das irritiert, aufgehalten, gestört – ich bin kein Teil davon, aber ihr dürft mich doch nicht so außen vor lassen! – aber ich werde es nicht ändern können. Ich bin kein Teil mehr davon. Ich bin zu weit weg, um noch ein Teil zu sein, und die Erde dreht sich auch zu Hause weiter. Tag, Nacht, Tag, Nacht. Und noch viel mehr: ich habe mich bewusst dafür entschieden, nicht mehr da zu sein, aus dem gemeinsamen Alltag auszusteigen. Meine Mutter wird mich auch weiterhin am Telefon abwimmeln und sagen, dass sie leider weg muss. Aber irgendwie ist das jetzt auch okay. Und vielleicht ist es auch notwendig. Travelling like it’s 1999.

November 5th, 2010 Posted in Urlaub | 12 Comments »

Spinning Away


Ich sitze gerade im Restaurant unserer Unterkunft. Es gibt W-Lan, das halbwegs schnell läuft, und im Hintergrund dudelt ein Thai mit einer schönen Stimme Bob Dylan Klassiker auf der Gitarre für drei anwesende Leute herunter. Meine Haut schält sich endlich vom Sonnenbrand; ich sehe aus wie unser neues Haustier, der Gecko Mustafa aus unserem Bad, dem anscheinend die diversen Enddarmausscheidungen gefallen, denn abhauen will er nicht.

Alles in allem eine sehr beruhigte Stimmung. Ich reise mit zwei alten Bekannten – Cat, mit der ich schon im Kindergarten war und in unserer Jugend eine intensive on/off Beziehung führte, und JJ, der damals mit meinem großen Bruder in die Klasse ging und mittlerweile einen Freundeskreis in meinem Alter aus meiner Heimat bequemt. Als ich nach Berlin ging, flüchtet ich genau vor diesen Leuten: Menschen, deren Horizont nicht über ihr Kaff hinaus ging, die Art von Typen, die nur einen Club kennen, sich dort 3 Tage Tony Montana einbuchten und denn wieder ihrem ewig öden Drama vs Arbeitsleben nachgehen, wo jeder jeden betrügt. Hier werden Soaps geschrieben. Und dennoch ist es gut, mit ihnen unterwegs zu sein- einerseits für mich, weil ich das niemals mit guten Freunden hätte machen können, ohne mich grundtief für meine alltägliche Scheisse zu schämen (inkl. meine iTunes Shuffle Liste, die absolut unerträglich ist, wenn man mit coolen Leuten rumhängt, haha), andererseits, weil ey, Menschen können sich ändern. Und auf Reisen ändert man sich. Und so ist das gerade für uns: wir verändern uns zusammen, einerseits zum Positiven, andererseits so, wie es keiner hätte erwarten können.

Aber ich kann es nicht verleugnen. Es ist schwieriger, viel, viel schwieriger, als ich es mir hätte vorstellen können, einfach komplett loszulassen. Die Zeit bleibt für einen gewissen Augenblick stehen, und spätestens, wenn man dann einen Song hört oder kurz online geht– stellt man fest, dass man für ein Jahr weg sein wird. Und das die Zeit nur für einen selbst stehen geblieben ist, und nicht für den Rest der Welt. Nicht für Berlin, nicht für die Crew, nicht für die Eltern, da geht alles weiter. Alle sagen “S, man, das ist so cool, dass du das machst!”, aber ich frage mich hauptsächlich, wieso man weg geht, wenn alles gut ist, und wieso man Entscheidungen, die in gänzlich anderen Lebenssituationen getroffen wurden, eigentlich nicht einfach genauso spontan über den Haufen wirft wie man sie gemeißelt hat um nicht einen riesigen Riss in seiner Zeitleiste zu verursachen?

Nach zwei Wochen voller Abenteuer und geflasht sein sind solche Momente wohl selbstverständlich für jeden Reisenden. Ich warte noch auf den Augenblick, an dem ich mich voll im Momentum wiederfinde und vergesse, dass es jemals soetwas wie ein zu Hause gab. Vielleicht ist das dann auch der Moment, an dem ich nie wieder zurückkehren möchte. Vielleicht einer, wo ich nicht mehr mit soetwas wie einem zu Hause umgehen kann, wo das Reisen mich einfach mittreibt, weil man es gewohnt ist. Vielleicht ist das dann der Augenblick, an dem ich zurückkehre und feststelle, dass nichts mehr für mich übrig geblieben ist. Vielleicht passiert das auch nie, und ich kehre bereits in wenigen Monaten zufrieden zurück, in dem Wissen, das es nichts auf der Welt gibt, was mich mehr bewegen kann als das, was ich eh schon habe.

Vielleicht werde ich mit der Zeit an einen ganz anderen Horizont gespült- da, wo es keinen Anfang und kein Ende gibt, wo ich mir nicht mehr vorstellen kann, jemals wieder ein Teil vom Alltag zu sein. So wie es damals war, das was vor einem Monat war, das was mir jetzt schon wie vor tausend Jahren vorkommt. Vielleicht ist es auch genau jetzt Zeit, sich einmal davon zu lösen, und sich davon zu distanzieren, was mal war. Nur das “warum”, das erschließt sich mir jetzt noch nicht genau. Warum man weggeht, wenn alles gut ist. Und warum es so lange dauert, bis das Momentum kommt.

October 13th, 2010 Posted in Urlaub | 5 Comments »

Wishlist

Ich feier kein Weihnachten. Als Kind gläubiger Moslems durften wir einmal im Jahr für knapp 30 Tage hungern und wenige Wochen später zum Dank ein Schaf schlachten, um die blutigen Überreste an arme Menschen zu verteilen. Meine deutschen Freunde Silke und Klaus haben sich in der Zwischenzeit an kleinen Hundewelpen, Holzmöbel und neuen Schulranzen von 4You erfreut. Und ihr fragt euch, warum ich gestört bin.

Später haben meine Brüder und ich uns angewöhnt, an Heiligabend zu McDonalds zu fahren und dort mit den anderen Immigrantenkindern auf drei eintönige Feiertage anzustoßen (die Juden durften nicht, die hatten Hanukkah, aber meistens schimmelten da noch ein paar Chinesen rum. Von denen waren einige auch hundertprozentig Massenmörder oder mindestens Tierquäler, so, wie die von ihren Eltern getriezt wurden. Dabei habe ich mich immer gefragt, was die eigentlich bei McDonalds machten).

Aber nur, weil ich Weihnachten aufgrund der Langweile boykottiere und völlig davon traumatisiert bin, jedes Jahr drei Tage lang aus Mangel an heidnischen Freunden und geschlossenen Etablissements mit meinen Eltern und Brüdern in einem Haus eingesperrt zu sein– jedenfalls, nur weil ich diesem Feiertag gegenüber latent abgeneigt bin, heisst das nicht, dass ich solche Feste des Konsums und Größenwahns wehement ablehne oder gar boykottiere. Mitnichten.

Ich werde zwar ungerne beschenkt (weil ich meine Wutausbrüche unterdrücken muss, wenn man nach unzähligen Bemerkungen einfach nicht verstanden hat, was ich denn eigentlich wollte), habe aber eine Leidenschaft für das Verfassen von Wunschzetteln entwickelt. Von einem komplett möbilierten Traumhaus in ewiger Perfektion bishin zu meiner eigenen H&M-Filiale steht da so einiges drauf. Für das, was halbwegs machbar ist, gibt es Amazon.

Das mit dem Konsum und dem Geld, alles schön und gut. Irgendwann wird es stumpf, weil man vieles von dem, was auf der Liste steht, weder braucht noch eigentlich dringend will. Ich möchte hier keinesfalls behaupten, dass Geld nicht glücklich macht, ich will ja nicht den Eindruck einer sentimentalen alten Trulla erwecken.. aber: es ist zu einfach. Deshalb habe ich letztens eine ganz andere Liste erstellt. Einen Wunschzettel an Dingen, die man sich nicht kaufen kann ((wenn wir ehrlich sind, dann können wir wahrscheinlich alles heutzutage kaufen. Ich möchte damit sagen, dass das Dinge sind, die man sich echt nicht kaufen müssen sollte)). Ich habe es mal in etwa so realistisch gehalten wie bei einem herkömmlichen Wunschzettel, deshalb steht da Weltfrieden und so ein Gesülze nicht drauf. Ich wünsch mir ja auch keinen neuen A5 für meinen Nachbarn.

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December 20th, 2009 Posted in Uncategorized | 11 Comments »

United Lamer Kids

Es gibt Dinge, die kann man nicht in Worte fassen. Alt werden, zum Beispiel. Da kleben noch so viele Erinnerungen an verbappten Nintendo-Controllern, zwischen vergilbten Schulheften und in Mamas alten Fotoalben: ich wüsste nicht schon nach zwanzig Jahren nicht mehr, wo ich mit meiner Geschichte eigentlich anfangen müsste.

Scheisse, wir waren damals Badass. Wir waren zwar nur kleine Kids, aber wir wussten, wie man in Bäumen rumturnt und aus Pappmaché nutzloses Zeug bastelten. Und jetzt ist das alles vorbei, für ein bisschen Kohle und Sicherheit, die wir nie gebraucht haben. Jetzt bin ich ein Lamer, ein Niemand. Jemand den niemand kennt, jemand, der nichts mehr ansagt. Als Kind war das ganz anders. Als Teenager hatte ich meine Crew. Und als Erwachsene? Da habe ich ein Lamer-Leben.

Will ich schon wieder in der Vergangenheit rumpulen? Will ich schon wieder erwähnen, dass ich die tollen Fußballstars vermisse, und dass ich will, dass meine Mama nachts in mein Zimmer kommt, um mir nochmal einen Kuss auf die Stirn zu geben? Will ich schon wieder Dinge aufzählen, die mich in eine andere Zeit katapultieren? Näh, echt nicht. Das werden wir noch in unzähligen anderen Postings abhandeln. Ich liege morgens um vier im Bett – seit drei Stunden – weil ich es auf eine der angesagtesten Partys in Berlin nicht länger als fünfundvierzig Minuten ausgehalten habe, und lese mir Nachrichten durch und schaue mir jahrzehnte alte Musikvideos an. Man, ich habe als Teenager so ziemlich jede Phase der Rebellion durchlebt. Ich finde, bis zur nächsten Midlife Crisis habe ich mir eine Pause verdient.

Die Hipster gehen tanzen, und ich chill zu Hause, mit meinem Kopf, einem Zettel und einem Bleistift, und hier bastel ich mir meine eigene Party zusammen. Ich chill hier, weil ich als Säugling fett war und ausgesehen habe wie Wolfgang Petry. Das hat mir beigebracht, einfach die besten Partys zu feiern ((Kausalitäten werden an dieser Stelle außer Acht gelassen)). Ich schlaf gleich ein, während andere gerade den neuen Trend kreieren, den ich in 3-4 Monaten dann für mich entdecke. Ich habe mir die Fingernägel rot lackiert, weil ich es tatsächlich gut finde, und ich habe mich dazu entschlossen, morgen mal einen Putztag einzuräumen, obwohl ein echt guter Rave stattfindet. Ich habe ausgedient, und das mit Recht.

Ich bin ein Lamer, weil ich als Kind ein Badass war.
badass kids

September 13th, 2009 Posted in Uncategorized | 2 Comments »

Sinead’s Hand

Hm, ich bin ja kein besonders politischer Mensch. Das mit den Piraten ist ja mehr ein Trend, sozusagen eine Proteststimme meinerseits, als tatsächliches Interesse an der Politik, und letztendlich hat es bei mir nur dann etwas mit Leidenschaft zu tun, wenn es persönlich wird.

Sineads Hand

Daher bin ich immer sehr zurückhaltend, was Kommentare zu Parteien, Politik und so weiter angeht (mal abgesehen davon, dass meine Kommentare wenig hilfreich wären). Eben habe ich allerdings ein Video gesehen, dass es definitiv wert ist, mal ein Wort zu verlieren – vor allem, weil es einen durchaus zum nachdenken anregt. Das Video wurde in Irland gedreht und soll für die Rechte Homosexueller einstehen. Ich möchte es so ausdrücken: wenn Werbespots so gut wären, würde ich definitiv häufiger auch fernsehen. Und hier die politische Frage:  Wieso müssen Homosexuelle immer noch protestieren, für ihre Recht betteln?

Seitdem ich in Berlin wohne, bin ich mit vielen Leuten zusammen, die eine völlig andere Weltansicht haben als ich. Ich dachte früher, nur die letzten Dinosaurierer in Deutschland würden noch CDU oder SPD wählen, in die Kirche gehen und “sich nicht für Musik interessieren”. Ausgerechnet in Berlin, dem hedonistischen Gefilde der Seligen,  musste ich dann kapitulieren. Junge Menschen, gebildete Menschen, mit Verstand, Herz und Charme– das können Leute sein, die den Download von urheberrechtlich geschützten Dateien für Diebstahl halten, oder die einfach mit den Achseln zucken, wenn es um Atomkraft geht. Das sind Leute, die wissen nicht, was Blogs sind und keinen Lieblingsfilm haben. ICH MEINE, WIE KANN MAN KEINEN LIEBLINGSFILM HABEN?

Ja, für die meisten mag das jetzt keine Überraschung sein, jeder hatte schon mal das Vergnügen mit dem opportunistischen Streber in der Oberstufe, der in seiner Freizeit Junge Union Sticker verteilte. Damals dachte man, dass seine Eltern ganz schön kaputt gewesen sind. Ich meine, wem macht schon Politik Spaß? Natürlich wurde der dazu gezwungen, der Klaus! Und Klaus hat einfach bestimmt noch nie Zucker gegessen oder ein Schmuddelmagazin in der Hand gehalten.

Ich will das ja gar nicht verurteilen, auch wenn sich das in erster Linie so anhört. Am Anfang war das, wie schon erwähnt, einfach neu, nicht nur mit Gleichgesinnten zusammen zu sein. Sei es aus beruflichen Gründen oder einfach, weil man sich selbst auch ein bisschen ändert und aufhört, mit dem Kopf im Arsch die Welt zu betrachten. Also, keine Kritik. Im Gegenteil: diese Begegnungen haben mich in meinem eigenen Horizont bereichert. Ich kann nur hoffen, dass diese Begegnungen (mit mir) auch in irgendeiner Form bereichernd war, selbst wenn die meisten jetzt nur glauben, dass meine Frisur noch schlimmer ist als die von Wolle Petry.

Doch genau so ist es, wenn man sich sein Leben lang fragt, wer eigentlich diese drei Millionen Leute sind, die angeblich jeden Tag die Bild Zeitung lesen. Sind das alles Typen ohne Schulabschluss und Vokuhila? Sind wir/bin ich wirklich schon so verblendet in meiner eigenen Arroganz, dass ich in die gleichen Fallen tappe, die ich so großmäulig kritisiere?

Es ist gefährlich, Menschen den Maßstab anzulegen, den man für sich selbst in langer Arbeit erschaffen hat (und meistens merkt man gar nicht, wie hoch die Fluktuation der eigenen Prinzipien ist). Es ist vor allem dann gefährlich, wenn man nicht sieht, das man auf weiter Flur alleine da ist mit seiner Meinung, weil man ganz fest daran glaubt, dass man eines Tages diese ganzen Zurückgebliebenen ausrotten kann. Und schon wird das “irgendwann” zum “heute”, und die Bild Zeitung in den Händen der Menschen verschwindet aus dem Blickfeld und man sieht nur noch Gleichgesinnte, die das “doch einfach verstehen müssen“.

Freunde kann man sich aussuchen, Gesellschaftsformen, Maßstäbe von Moral und Normen allerdings nicht. Wer das versucht, erschafft sein eigenes Loch. Es hilft genauso wenig, Menschen neue und revolutionäre Technologien und Philosophien aufzudrücken, wie den Iraq einzunehmen und da Demokratie zu pflanzen, wo der Boden noch gar nicht vorbereitet ist.

Es frustriert mich, ja! Es frustriert mich, mit Menschen über Dinge zu diskutieren, nur um dann festzustellen, dass jegliche Logik einfach ausgesiebt und durch wertlose Meinungen und Überzeugungsarbeit ersetzt wird. Es bedrückt mich, weil ich weiß, es wird noch so lange Dauern, bis Homosexuelle gleiche Rechte haben und bis jeder gerafft hat, dass man alte Methoden zur Unterdrückung von Kriminalität nicht in heutigen Zeiten anwenden kann; aber ich will nicht die andere Partei unterschätzen. Und vor allem will ich nicht als letzte Wissen, wenn ich doch einen Denkfehler gemacht habe.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte: Jeder Mensch muss fünf Wochen damit verbringen, jeden Tag einem anderen Menschen zuzuhören, und zwar mindestens 50% des Tages. Vielleicht gibt es dann einige weniger, die sich mit Menschenbildern das Leben ausmalen.

September 6th, 2009 Posted in Uncategorized | 1 Comment »

Hell Yeah, ich sage nein.

In meinem Feedreader bin ich über einen sehr interessanten und einleuchtenden Artikel gestoßen: No more yes. It’s either HELL YEAH! or no.

When you say no to most things, you leave room in your life to really throw yourself completely into that rare thing that makes you say “HELL YEAH!”

We’re all busy. We’ve all taken on too much. Saying yes to less is the way out.

Der Autor beschreibt Situationen, in denen man sich zwar entscheiden sollte, aber nicht wirklich angetan ist von den Optionen. Zu oft sagt man zu Dingen dann Ja, die mein eigentlich gar nicht so überzeugend findet. Es muss nicht unbedingt eine falsche Entscheidung gewesen sein; aber es raubt einem Kraft, Energie, Zeit, wenn man sich ständig nur mit 70% Qualität begnügt, obwohl man genauso gut einfach mal Nein sagen könnte.

Und so kommt man zu einer gewissen Moral: Wenn es mich nicht voll umhaut und ich vor Ekstase stöhne, dann sage ich einfach Nein. Ein Beispiel:

“Hey, lass uns Sex haben!”

Vorher: “Ähh… okay, ich hab ja sonst nichts besseres zu tun..”
Nachher: “FUCK THAT SHIT, SUCKER!!”

Anhand dieses Beispiels sehen wir, dass Frauen diese Philosophie schon seit Anbeginn der Zeit verfolgen.

Aber mal im Ernst: Natürlich ist es manchmal nicht ein einfaches Schwarz/Weiß Verhältnis, das man mit lediglich Ja oder Nein beantworten muss. Es gibt Entscheidungen zu treffen, man muss planen. Manchmal muss man sich auf dem Weg zum Ziel mit weniger zufrieden geben, um das Ziel überhaupt zu erreichen. Die Frage, die sich stellt, ist ob das Ziel es das dann überhaupt wert ist? Ob man mit dieser Unzufriedenheit niemals das Ziel tatsächlich auch voll erreicht?

Ich weiß nicht, ob ich das so ausprobieren kann/will. Es gibt viele Dinge, die muss ich mir erstmal gut reden. Aber am Ende des Tages waren das die besten Entscheidungen meines Lebens (das, oder ich lebe auf einem Hof wo alle Ponys rosa sind und Uwe heißen). Ein bisschen mehr Nein kann sicherlich nicht schaden, aber ob diese Philosophie auf jeder Ebene gesund ist, wage ich zu bezweifeln.

August 27th, 2009 Posted in Uncategorized | 1 Comment »