Outtakes / Drafts

Outtakes / Drafts

Jeder Monat ein neuer See von Treibsand, der in die Schuldenfalle zieht. Mehr Essen, weniger Taxi, mehr elektronisches Zeug, weil einiges verloren/kaputt gegangen/geklaut wurde, weniger Kino, mehr “hey, das geht auf mich”, warum auch nicht. Weniger Schuhe. Definitiv weniger Schuhe, und mit denen, die ich noch habe (alle 2012 ordentlich gesammelt und geschnorrt), viel gelaufen. Der Druffi-Zyklus: Freitag feiern, Samstag feiern, Sonntag feiern, Montag Kater, Dienstag Bio-Essen und McFit-Besuch, Mittwoch “du musst dein Leben verändern”, Donnerstag in ‘ner Bar abhängen, Freitag feiern, Samstag feiern, Sonntag feiern. An Sport hat’s jedenfalls nicht gemangelt. Es gab sogar Phasen, in denen geschwommen wurde, obwohl das Fahrrad (in Antizipation auf das schlechte Wetter) schon seit August im Keller steht, ist ja immerhin eins mit dünnen Reifen, da darf man nichts riskieren (wahrscheinlich ist es längst geklaut worden).

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February 7th, 2014 Posted in Crystal Meth | Comments Off

Outtakes / Drafts

Outtakes / Drafts

Wenn Expats anfangen Urteile über andere Expats und deren Urteile über Berlin zu fällen, bemerkt man erst, in welchem rekursiven Kreislauf der Selbstinszenierung man sich befindet. Die Bedeutung all dieser Diskurse ist marginal, diejenigen, die diese Stadt ausmachen, sind sowieso nicht beteiligt; sie haben Spaß während der Rest noch nach Wohnungen, neuen Clubs oder neuen Städten sucht.

Pacific Rim ist, wenn man in Guillermo Del Toros Arschloch starrt und enttäuscht darüber ist, dass Scheisse raus kommt.

“Ich wette mit dir, Kracht und Finsterwald hatten zuerst den Namen Finsterworld und dann bei unzähligen Weingläsern abends nach der Arbeit an ihrem kleinen Projekt weitergearbeitet, so lange, bis es fertig war. Dieser Maximilian sieht sogar angeblich aus wie Kracht.”

High School Filme, Radiohead-Musik und nervige Bildungsromane leiten einem den Weg. Drogenexzesse, Steuererklärungen oder Krankheiten in der Familie ziehen einen per Anker auf den erdrückenden Meeresboden der Tatsachen, in dem nur Haie und Riesenkraken schwimmen und dich kollektiv rapen wollen. ABER TROCKENE HAUT. Darauf hätte man mich mal vorbereiten sollen.

Die schwere Atmung eines flauschigen Balls, der auf mir rumliegt und mich vor Liebe wahnsinnig macht. Diese fehlplatzierte Energie explodiert in Albträumen über das Alleinesein, jedenfalls ist das die gängige Interpretation davon. Vielleicht ist es vermessen, am Wahltag über die eigenen emotionalen Abgründe der vollgemachten 25 Lebensjahre nachzudenken. Das Schicksal vieler gegen das Schicksal einer einzelnen Person. Aber die Katze, die relativiert das alles. Dieses Stück Fleisch und Blut, das eigentlich gar keinen Nutzen für mich haben sollte und trotzdem einen hat.

“The Dark Side of Southern Rap”

Also habe ich mich mal zum Thema Pilzsammeln erkundigt. Die Gesellschaft für Mykologie empfiehlt – wenn man jetzt mal deren Worte auf das Wesentliche herunter bricht – einfach keine Pilze zu sammeln. Jeder genießbare Pilz hat ein tödliches Äquivalent. Das ist kein Spiel. Das ist ein brutales Mienenfeld. Anscheinend ist um diese Jahreszeit auch die Konkurrenz groß. Niemand teilt seine Locations. Genießbare Pilze sind, anders als ihre Cousins aus der Abteilung für Geschlechtskrankheiten, nicht einfach zu finden. Es hätte wohl auch aus diesem Grund schon Tote gegeben. Man muss sich die Pilze von PILZSACHVERSTÄNDIGEN prüfen lassen und wenn man den Wald verlässt darf man nur einen Kilo pro Person mit nach Hause nehmen um gewerblichen Handel mit den Pilzen zu untersagen.

Da haben alle schon wirklich an alles gedacht beim Pilze sammeln. Die letzte Bastion der Freiheit – für mich ist das, im Prinzip, der Natur Pilze zu stehlen und sie barbarisch in den Topf zu werfen – ist damit in meiner Welt auch zerstört worden.

“Fashionblogs sind entstanden, weil die Leute einen legitimen Grund brauchten um ständig Fotos von sich selbst zu veröffentlichen. Wenn man das einfach so macht, weil man sich und seinen Geschmack schön findet – wenn man sich vor allem schön findet – dann finden das die Leute scheisse, weil die meisten Leute scheisse aussehen. Aber wenn man sagt, “ich bin mutig, ich benutze meine Fresse als Vorzeigebild für Mode, die ihr euch dann anschauen und gegebenenfalls kaufen könnt”, dann hat man seinen narzisstischen Arsch gerettet, dann ist das plötzlich völlig in Ordnung, eine ganze Generation, die unglaublich gut aussieht, sich auf sich selbst einen runterholt und keinerlei Furcht vor Vorwürfen haben muss.”

Absurditäten bei Seite: ich habe eine Schwäche für starke Frauen, die aus beruflichen Gründen Männer anschreien und dabei immer so aussehen, als würden sie gleich in Tränen aufgelöst zusammen brechen. Orange Is The New Black war so eine Serie, ganz abgesehen von Weeds (Nancy Botwin, der alte Kracher!- meine Lieblingsserie bis zur 7. Staffel. Den Rest, den werde ich Jenji Kohan nie verzeihen).

Die Mischung aus Frauen und Drogen (The Wire, hauptsächlich) ist also bewiesenermaßen mein ganz persönliches High-Life und wenn keine Drogen im Spiel sein können, dann wenigstens Korruption und Intrigen (Suits – Donna und Anwälte, Homeland – wobei, eigentlich doch lieber nicht Homeland).

WARUM TANZT BEN KLOCK SO WIE ER TANZT WARUM

Ich hab vor Jahren mal mit einem alten Blog die erste Phase der Vermarktung von Social Media Plattformen mitgemacht. Damals hat man mir ein Jubiläums-Set von Dr. Hauschka geschickt. Ich war 14 und benutzte Clearasil wie Wasser und hatte keine Ahnung, was ich von diesem Öko-Scheiss zu halten hatte. Ich hab das lust- und lieblos jeden morgen und abends benutzt und habe nie danach gefragt, wer mir das überhaupt geschickt hat und wozu. Ich dachte die Leute lesen halt gerne meinen Blog und schicken mir deshalb Krempel, den sie noch zu Hause liegen haben. Natürlich habe ich nie darüber geschrieben und dann irgendwann die Packungen halb angebrochen weggeschmissen. In vielerlei Hinsicht blutet mein Herz immer noch, wenn ich daran denke.

“Booker, die Immobilienmakler der Clubszene.”

October 31st, 2013 Posted in Crystal Meth | 1 Comment »

Fight Club

Fight Club

Das Imperativ der Selbstfindung ist ja eine dieser Sachen, die das Reisen mit sich bringt. Wer lange unterwegs ist hat immer – selbst wenn es nur unterschwellig ist – das Bedürfnis, neue Erfahrungen in das alte Selbst einzuweben, als ob fremde Kulturen oder die flüchtigen Begegnungen mit Anderen einen Mechanismus betätigt, der das Innere umwandelt oder etwas daraus hervorholt, meistens etwas, dass den eigenen Erwartungen vom Selbst entspricht.

Das zweite Imperativ liegt genau hier verborgen, denn wer sich selbst finden will oder kann, der hat Defizite zu beseitigen. Du sollst besser sein, als du jetzt bist – das ist das selbstauferlegte Maß. Es wird jeden Tag neu geeicht, insofern sind andere Menschen oder interessante Begegnungen vielleicht nicht mehr als das Lot zwischen „wie gut bin ich“ und „wie gut könnte ich sein“. Die Wertung von besser oder schlechter mag im eigenen kulturellen Rahmen und Ursprung liegen, aber prinzipiell verhält es sich so wie mit diesen über-kitschigen Helvetica-Sprüchen auf Tumblr-Blogs von Tweens: das Hintergrundbild (mit Weichzeichner, Bokeh und Vignette dem Zweck entsprechend aufgepimpt) ist der Blick in die Ferne, etwas, was da sein könnte aber nicht ist; die Perspektive ist eine hoffnungsvolle. Der Spruch indiziert meistens bereits das Defizit: „Wake up and force yourself to smile, because you never know what life has in store for you.“

Die literarische Ästhetik von Werbesprüchen klingt zwar besser als ein hingerotztes „JUST SMILE“, aber veralteten Käsesprüche sind ja nur neu aufgelegt. Oma und Opa kannten die Floskeln schließlich auch.

Mich stört die Leichtigkeit, mit der man diese Mottos hinnehmen kann. Tagein, tagaus rennt jeder einem individuellen Ziel hinterher, und meistens hat es durchaus etwas mit der Perfektionierung des Selbst zu tun. Besser aussehen, besser schlafen, besser essen, besser leben. Gemessen wird das „besser“ fast immer an so einem Mehrheitskonsens (der im besten Fall wissenschaftlich begründet ist). Die Leitsätze sind auch rational nachvollziehbar (meistens), aber sie frustrieren. Sie sind das Leidwesen (m)einer Generation, die sich bei der Orientierung zwischen links und rechts schon verheddert weil Geradeaus angeblich die korrekteste Version ist, aber einfach nicht machbar. Und dann scheitert man ja schon an den einfachsten Dingen.

Rauch nicht! Trink weniger! Schlaf länger! Sei ordentlicher! Disregard females, acquire currency!

So abstrakt ist das nicht, und man braucht auch keine Extreme (wie Anorexia als Mittel zur perfekten Figur oder andere klinische Störungen) um das zu verdeutlichen. Wenn das Leben eine Reise ist, dann sollte man sie auch mit all ihren Fehlern genießen können – ich werfe jetzt mal dieses Imperativ auf den Markt. Deshalb regt es mich auf, wenn Leute immer glücklich sein wollen, immer „ihr bestes“ versuchen. Denn ich versuche es auch jeden Tag und scheiterte an dem Bewusstsein, das andere viel besser sind als ich. Nun fehlt es mir vielleicht an Ehrgeiz, Motivation oder einfach einer gewissen Dosis Disziplin, aber der durch die persönlichen Errors entstehende Frust ist noch viel schwerer zu verkraften als die Tatsache, dass ich nicht perfekt bin.

Vielleicht stimmt es, vielleicht sollte man öfter nach den Sternen greifen, Risiken eingehen, Komplimente machen, neue Autos kaufen, in Aktien investieren oder Kinder kriegen. Vielleicht gibt es aber auch Menschen – nicht nur die Aussteiger und Systemanarchisten, sondern Menschen, die nicht wissen, wieso sie ständig scheitern – die einfach auch ihre Fehler würdigen können. Fehler wie faul sein, oder arm, oder pragmatisch oder dramatisch oder willenlos oder nicht erfolgreich.

Vielleicht müssen wir nicht alle eine Therapie machen. Vielleicht kommt mir mein Versagen nur so vor, weil ich ein Kreuz auf meinen Schultern trage. Ich komme niemals ans Ziel mit dieser Vorwärtsbewegung des Seins. Ich habe keine Platz für Andersartigkeit in dem Sinne, dass auch kein Erfolg sehr entspannend sein kann. Vielleicht reicht es auch, nur auszureichen.

Ich habe das Gefühl, Chuck Palahniuk immer besser zu verstehen.

October 9th, 2013 Posted in Crystal Meth | 3 Comments »

Draft Outtakes

Was halten wir eigentlich von Leuten, die sich dafür entschuldigen, dass sie nicht mehr gebloggt haben? Wo sind meine Mixtapes hin? Wie kann ich ein bisschen gemeiner gucken, selbst wenn ich eigentlich nett sein möchte? Irritationen schaffen! Leute kaputt machen! Zerstörerische Wut entwickeln! Ich hab gestern Angela Merkel gesehen, aber viel wichtiger: sie hat mich gesehen.

So wird man zu seinem eigenen Strudel, zu seiner eigenen selbsterfüllenden Prophezeihung; indem man redet und redet und innere Dinge nach Außen stellt, schön in den Vorgarten, für jeden Hund anpinkelbar, und da muss man dann notgedrungen zugucken; indem das Verborgene zum Offenen wird, indem Geheimnisse, Gedanken und unausgereifte Konflikte schon in der Luft schwirren und man seinen ganzen Schutz verloren hat. Mehr davon, und man dürfte wohl an den kriegerischen Ausmaßen dieses Ego-Ausverkaufs zu Grunde gehen. Weniger, und man verliert jeglichen Halt, den man in der Welt hatte, weil man sich einbildete, dass Worte und Sätze einen an irgendetwas binden könnten.

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April 19th, 2013 Posted in Crystal Meth | 2 Comments »

Creepy 2012, Crispy 2013

Dinge, die ich Ende 2012 nicht gemacht habe: Jahresrückblicke, wildes Feiern, im Schnee ersticken. Das hat sich zur Abwechslung mal gut angefühlt. Diesmal machen wir nämlich folgendes: Jahresvorblicke. Stimmt einen ja auch positiver. Die meisten Leute unterschätzen ja, wie sehr sie sich in der Zukunft verändern. You Won’t Be The Person You Expect To Be. Das ist der Wahnsinn, Leute: wir denken, nur weil wir aus der Vergangenheit “gelernt” haben oder mit einem nostalgischen Schmunzeln zurückblicken können, können wir unser Selbst in die Zukunft transportieren.

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January 7th, 2013 Posted in Crystal Meth | 5 Comments »

Spiderwebbed

Spiderwebbed ist ein fantastisches Album, das zu diese Jahreszeit einlädt wie kein anderes. Die Sonne schneidet mit ihrem Licht durch den Atemfrost. Es entsteht eine emotionale Dichotomie. Will ich raus, und den letzten Strahl abbekommen, oder bleibe ich liegen, vor Angst ich könnte frieren? So ist dieses Album. Will ich die zwischendurch ertönende Aufregung nutzem, um zu tanzen, oder widme ich mich voll und ganz der stillen Atmosphäre, die um die Songs herum entsteht?

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October 29th, 2012 Posted in Crystal Meth, Musik | 2 Comments »

Ain’t That Peculiar

Ich erinnere mich noch an die Zeiten, an denen mir das Fliegen größte innerliche Freude bereitet hat. Vom Fernweh im Flughafen bis zum abgepackten Essen im Flugzeug war jede Sekunde in diesem Monument der menschlichen Kraft ein Genuss, aber vor allem ein Gefühl von Freiheit.

Doch im letzten Jahr hat sich eine immer stärkere Flugangst in mir entwickelt. Jede Nuance des Flugzeugs wird mit einem blinden Schritt durch die Falltür in meinem Magen beantwortet. Jede Veränderung der Geräusche, des Drucks in der Kabine, selbst die wechselnden Tonlagen der Stewards bewegen in mir Ängste, die ich vorher so nicht kannte, nicht in diesem physischen Maße, aber vor allem nicht in den sich herauskristallisierenden Horrorszenarien in meinem Kopf.

Ich versuche mir nicht zu erklären, warum ich Angst habe, sondern woher diese Angst plötzlich kommt. Mag sein, dass mein Unterbewusstsein sich nach all den Jahren an der Stochastik versucht und zu dem Schluss kommt, dass das Glück im Fass der katastrophenfreien Flüge jetzt endgültig erschöpft ist. Vielleicht ist es aber so, wie mir vor Kurzem jemand sagte, dass man mit dem Alter immer mehr hat, was man nicht verlieren will.

Möglicherweise ist das die richtige Antwort, denn die etablierten Schreckensvisionen in meinem Kopf – die altbackenen Vorstellungen von explodierenden Flugzeugen oder tornadoartigen Turbulenzen, die dem Piloten jegliche Macht über die Maschine entreissen – sie alle enden mit dem tränenreichen Gedanken an das, was ich vermissen könnte. Oder das, was mich vermissen könnte.

Es sind Szenarien der Angst, die in mir die wichtigsten Dinge und Menschen meines Lebens verbildlichen und eine Geschichte um sie herum fabrizieren, wenn auch eine durchaus pathetische und tragische. Es mag Fiktion sein: der Absturz, die Nachricht, die weinenden Menschen. Weinen sie um mich, oder weine ich in meiner Vorstellung an ihrer Stelle?

Was übrig bleibt ist das letzte Gesicht, an welches sich alle Hoffnung und der Willen zu Überleben klammert. Das Gesicht, welches die Angst auslöst, es nie wieder sehen oder fühlen oder wenigstens vom fernen beobachten zu können. Es ist das Gesicht vor meinem inneren Auge, tief eingebrannt in jede Faser meines Wesens, das mir im Flugzeug eine Grundsatzfrage des Lebens aus ihren Ankern reißt und an einer neuen Stelle versinkt. Nun heißt es nicht mehr “für wen würdest du sterben”, sondern “für wen würdest du nicht sterben wollen?”

Man muss den Tod nicht direkt als greifbare Eventualität treffen, um sich mit den letzten Bildern des Lebens auseinanderzusetzen. Traurig ist nur, dass uns in diesen Augenblicken der eiskalten Angst auch bewusst sein muss, dass wir im Alltag vergessen, wie wichtig uns so manche Hauptrollen darin eigentlich sind – und das wir sie gehen lassen, ohne um sie zu kämpfen. Dass wir sie aufgeben, weil wir die Luftlöcher in unseren Mägen nicht vertragen, wenn das Flugzeug kurz absackt.

Die Angst vor dem Fliegen verblasst, wenn man nichts mehr hat, was man bei einem Aufschlag an Bergfelsen und splitternden Metallstücken und brennenden Sitzreihen verlieren könnte. Sie verblasst auch, wenn man feststellt, dass das letzte Gesicht in der furchtbaren Eingebung der Angst nicht dasselbe furchtbare Gefühl für einen selbst empfindet und ohne Probleme so einen Flug übersteht. Ohne je darüber nachzudenken, was man dabei für ein Risiko eingeht. Ohne je darüber nachzudenken, welchen Menschen man verlieren könnte.

Ich bin bereit dazu, meine Flugsicherheit wieder zu erlangen. Bereit, wieder mit offenen Armen in den Flughafen zu laufen und die Freiheit an mich heran zu drücken. Bereit, in die Kabine zu steigen und mit Faszination den Take-Off in meinem Körper vibrieren zu spüren. Manchmal, so denke ich jetzt, muss man die Angst in Kauf nehmen um zu wissen, was man zu verlieren hat. Und manchmal, da muss man einfach etwas verlieren, um keine Angst mehr zu haben.

May 23rd, 2012 Posted in Crystal Meth | 5 Comments »

One Soap

Verrückt, wie die Gedanken sind, erwische ich mich dabei wie ich das Leben als “wie in einer Soap” beschreibe, bis mir dann einfällt, dass es ja genau andersherum ist. Und plötzlich lebe ich genau das aus, was ich mir immer gewünscht habe: ich bin irgendwie down, und ich habe viel zu tun, und Träume und Pläne. Ich lebe jeden Tag genau das, was ich machen möchte und bin in meinen Entscheidungen nicht gefangen, sondern völlig frei. Das alles passiert nicht ohne Tränen, und eine Portion Drama mischt sich in jeden Alltag. Egal, ob meine eigenen Gefühle strapaziert werden oder ob ich meine Empathiefähigkeiten ausdrehen muss, weil ich den schönsten Tag der Welt erlebe (was ich, wie ich feststellen musste, überhaupt nicht kann; ich bin ein Sensibelchen, selbst wenn ich nicht direkt betroffen bin).

Plötzlich ist die Kategorie “Erwachsen sein” gar nicht mehr so schlimm, möchte ich behaupten, sondern eigentlich relativ angenehm, denn es ist berechenbar. Ich warte eigentlich auf nichts, und wenn ich Druck empfinde, dann lasse ich ihn heraus. Probleme habe ich viele, aber irgendwie passt das ja ins Prinzip rein. Und ob ich zufrieden bin oder nicht, das spielt erst mal gar keine Rolle: Hauptsache, das Rad dreht sich weiter, ich mittendrin, und irgendwie fliegt einem dann alles zu, und die Zeit rennt vorbei, ohne das man sich wünscht, mehr davon gehabt zu haben (wieso auch, wenn alles, selbst in Makeln getränkt, im Gesamtbild dann doch wieder perfekt erscheint).

Die Formel dafür läuft etwa so: gute Entscheidung + fremdbestimmtes Problem + politisches/wirtschaftliches/gesundheitliches Issue + Liebesdrama + Freunde + Family + Träume + Charakter + Sonnenschein + schlechte Entscheidung + Alltag + Frust + Glücksgefühle + Weed = alles ist irgendwie genau so, wie es sein muss. Es ist nicht besser oder schlechter als irgendetwas anderes und es ist auch nicht unbedingt erstrebenswert so zu sein oder so zu leben. Aber es ist gerade so. Vielleicht sehe ich das in zwei Jahren ganz, ganz anders, und blicke zurück und schüttel den Kopf wehement ablehnend, weil ich nur Scheisse gebaut habe und vergessen musste, wer ich bin. Aber andererseits: wie komme ich jemals an diesen Punkt, ohne genau so zu sein?

Seht ihr, das Leben, es macht mir gerade Spaß, obwohl ich gleichzeitig auch weinen muss. Ich fühle mich normal und verrückt gleichzeitig, weil ich das ernsthaft so artikulieren kann und mich dabei nicht eine einzige Sekunde anzweifle. Der Ball rollt, die Kugel fliegt, die Uhr tickt, and that’s how it goes.

April 11th, 2011 Posted in Crystal Meth | 6 Comments »

Death Proof

Nahtoderlebnisse sollen einem ja dem Märchen nach eine gewisse Lebenslust bringen, insbesondere dann, wenn man schon bis zum Hals in Zynismus und Engstirnigkeit steckt. Nach dem Fast-Tod soll man begeistert, voller Elan und Euphorie aufspringen und die Faust in den Himmel recken und “ICH FICK EUCH ALLE RICHTIG HART” schreien, mit einem wahnsinnigen Lachen, nur mit Krankenhauslappen bedeckt, aus dem Fenster springen und die Welt erobern.

Ich sag euch jetzt mal was: das gilt maximal für die Menschen, die Schmerzen erlitten, den Tod vor Augen gesehen, und mit filmreifer Action davongekommen sind. Menschen, die gefoltert wurden, Menschen, die sich selbst in die Situation verfrachtet haben, Menschen, die durch Erfahrungen rennen mussten, die sie niemals machen wollten und nie wieder machen werden. Ich hingegen fühle mich genauso gut oder schlecht wie vorher, denn mein Nahtoderlebnis war nicht mal im Ansatz so befreiend oder beeinflussend wie die der geläufigen Dramen der Welt.

Ein Nahtoderlebnis mit Nachwirkungen (Epiphanie, Tragik, Schock, Lebenslust, der ganze apokalyptische Kram eben, den man aus Filmen und Literatur und Musik kennt) muss genossen werden. Ein Nahtoderlebnis, das in irgendeiner weise nachwirkt, muss erlebt werden. Ich kann euch eines sagen, Leute: ein allergischer Schock ist weder romantisch noch erwähnenswert und damit quasi fast schon zu bedauern. Jemand, der beim Surfen von einem Hai erwischt wird und sich losreissen kann, der weiß, was das Leben wert ist. Jemand, der in einen schweren Autounfall verwickelt ist, weil er gerne mal einen zu viel trinkt, wird daraus lernen, es nie wieder zu tun. Jemand, der einen allergischen Schock erleidet – also jemand wie ich – fühlt sich einfach nur von Gott und der Welt betrogen, denn niemals gab es eine unwürdigere Form des Nicht-Sterbens, und gar auch noch in einem Flugzeug. Und das alles mit fettem Ausschlag.

In kurzgefasster Form habe ich Australien mit Juckreiz verlassen, der plötzlich seinen Weg über meine Haut ebnete. Nesselsucht wird das in Fachkreisen genannt, Ursprung unbekannt. Mein letzter Allergietest liegt kaum ein Jahr zurück, wozu sich also sorgen machen? Vielleicht waren es auch nur Bisse von böswilligem, australischen Gekreuche. Man weiß es nicht. Man weiß es vor allem immer noch nicht.

Im Flugzeug steigerte sich mein Unwohlsein in ein Fieber, das ich nicht mit dem Ausschlag, sondern mit der Abreise in Verbindung brachte. Nach wenigen Stunden des hin-und-her-herumruckelns in meinem Sitz, merkte ich, dass ich keuchte. Oder vielmehr mein Sitznachbar, der unglaubliche Gary, der aus Borneo kommt, in Australien lebt und chinesische Vorfahren hat, merkte, dass ich keuchte. Er wachte nämlich davon auf. Und fragte mich, ob es mir gut ginge. Ab dann ging alles genau so schnell, dass ich nicht mal mehr Zeit hatte, in Panik zu geraten: ich bekam keine Luft, ich sah aus wie als hätte ich eine seltene Form von Lepra, der zuständige Steward rannte zum Notfallkasten, kramte etwas heraus, setzte mir die Kunst-Adrenalin-Spritze ins Bein und zack war alles wieder so, als wäre niemals etwas passiert. Ich murmelte ein Danke und schlief ein.

Nur das mit dem Aufwachen schien erst mal nicht zu klappen, denn meine Augen öffneten sich erst, als ich schon (4 Stunden später) am Tropf der Flughafenklinik hing. Auch hier setzte weder Angst noch Panik ein, verblüffend, wenn man bedenkt, wie sehr ich das dramatische Ende, dieses ganze Szenario, in meinem Leben schon herbeifantasiert habe. Wie heroisch, zu sterben, wenn man sich für jemanden opfert! Oder unter den Boden gehieft zu werden, weil man für sein Land gekämpft hat und drei Kinder hinterlässt und für immer als Held in den Erinnerungen der liebsten Menschen verbleibt.

An einem allergischen Schock zu Grunde zu gehen, das muss man erst mal verarbeiten. So ein fantastisches Leben, so viel Schönheit, all das für ein bisschen Ausschlag und natürliche Körperabwehrreaktionen verschwendet? Für so einen Abgang würde ich mich doch nur schämen. Haleluja also, das mir dieses Schicksal erspart geblieben ist. Für das nächste Mal habe ich mich bereits informiert und recherchiert, sorgfältig meine letzten (wohlformulierten) Worte ausgewählt und werde versuchen, mich an der Situation festzuhalten, die dann meine letzte im Leben sein soll. Unerwarteter Abgang. Pah, dass ich nicht lache.

February 2nd, 2011 Posted in Urlaub | 13 Comments »

Wish You Were Here

Meine Mutter antwortet mir kaum auf meine E-Mails. Ich rufe sie jeden Sonntag an um ihre Stimme zu hören und nachzufragen, ob alles okay ist- sie wimmelt mich meistens nach drei Minuten ab (das war aber auch nie anders). Ich schicke der ganzen Familie alle drei Tage Bilder von unseren Abenteuern und kleine Kurzberichte. Ich schicke Postkarten nach Hause, und zurück kommt nur ein “Hey, ja, ich vermisse dich auch, aber ich bin im Stress und kann dir leider nicht anworten, PS ich werde nächste Woche operiert nichts Schlimmes nur wieder das Knie”.

Ich bin jetzt seid mehr als einem Monat unterwegs, und es macht sich immer mehr das Gefühl breit, dass ich mich beim ersten Mal gar nicht richtig verabschiedet habe. Oder zumindest falsch. Denn während ich hier im Urlaub bin und alle Zeit der Welt habe, im Internet zu surfen und meine Eltern anzurufen, geht das Leben zu Hause weiter. Und ich bin nicht inbegriffen. Aber nicht ich bin weit weg – sondern alle anderen.

Es ist so lustig, wie mich jeder fragt, hey, wie geht’s, wie ist es so? – Und alles, was ich darauf antworten kann ist: ja, es ist gut, ein bisschen anstrengend, aber wirklich cool. Aber kaum einer erzählt mir, was eigentlich zu Hause vorgeht, was ich verpasse, was passiert ist. Und langsam komme ich dahinter: ich kann es nicht mehr wissen. Es gibt keinen Raum dafür, keinen gemeinsamen Alltag. Die witzigen Geschichten gibt es nicht mehr, weil sie nicht witzig sind, wenn man nicht da war. Die kleinen Dramen aus dem Leben, die nicht in einen einzigen Absatz in einer E-Mail gekürzt werden können, weil sie so viel mehr beinhalten. Dieses “Ja, mir geht es gut”, aber den Rest kann ich dir nicht erzählen, weil ich viel zu weit ausholen müsste.

Anfangs hat mich das irritiert, aufgehalten, gestört – ich bin kein Teil davon, aber ihr dürft mich doch nicht so außen vor lassen! – aber ich werde es nicht ändern können. Ich bin kein Teil mehr davon. Ich bin zu weit weg, um noch ein Teil zu sein, und die Erde dreht sich auch zu Hause weiter. Tag, Nacht, Tag, Nacht. Und noch viel mehr: ich habe mich bewusst dafür entschieden, nicht mehr da zu sein, aus dem gemeinsamen Alltag auszusteigen. Meine Mutter wird mich auch weiterhin am Telefon abwimmeln und sagen, dass sie leider weg muss. Aber irgendwie ist das jetzt auch okay. Und vielleicht ist es auch notwendig. Travelling like it’s 1999.

November 5th, 2010 Posted in Urlaub | 12 Comments »