The Noose of Jah City

Während Kontrollverlust zwar in den hippiesquen Zeiten der Selbstbefreiung als schick und zwingend notwendig gilt, wenn man nicht als verstaubter Spießer dem kulturellen Untergang geweiht sein möchte, kann Kontrollverlust auch ziemlich ätzend sein. Wenn man sich, sein Wohlergehen, seine Flexibilität und die Hälfte seiner Zurechnungsfähigkeit abgibt. Und seien wir mal ehrlich: die meisten Leute sind wie wir. Auch sie sitzen die meiste Zeit mit den Händen über dem Kopf zusammengeschlagen vor ihrem Leben und fragen sich, welche Spirituose sie heute bevorzugen. Genauso, wie sie vor ihrem Bildschirm sitzen und auf Facebook akrobatische Siegeszüge für virtuelle Ablenkungstuniere turnen. Und das sind dann die Leute, die die Schrauben an unseren Flugzeugen festziehen, und die für die Sicherungen in unserer Wohnung zuständig sind, und die das Fernsehprogramm gestalten, und die unseren intellektuellen Texte schreiben.

Jeden Tag geben wir ein Stück unserer Unabhängigkeit ab. Das ist ja auch okay, man kann ja auch nicht alles. Nicht alles wissen, nicht alles können. Wir geben Kontrolle darüber ab, was auf diesen Gebieten passiert, und auch das ist okay, denn viele haben sich spezialisiert und sind besser in ihrem Fach als wir (selbst, wenn sie die meiste Zeit Minesweeper spielen und ihre Vorgesetzten hassen und Geldprobleme haben).

Es ist aber nur so lange okay, bis wir die Kontrolle nicht mehr zurückhaben können. Während viele konkrete Dinge lose in unserer Atmosphäre schweben und greifbar bleiben, sind es unsere Herzen meistens genau dann nicht, wenn wir einen Rückzug starten möchten. Und dann geht das Gepaddel ums Überleben los. Entweder, man lässt weiterhin jemand anderes die Kontrolle darüber haben und baut eventuell große Scheisse, oder man erkämpft sich in bitterer Schlacht zurück, was schon längst Scheisse geworden ist.

Kontrollverlust ist ein anderes Wort für die Ehrfurcht vor der Hoheit, die man über sich akzeptiert. Und so lange die Hoheit einen guten Tag hat, sieht man nicht die Schläge, die einem für die miesen Tage (meistens Montage) bevorstehen.

December 5th, 2011 Posted in Crystal Meth | 1 Comment »

Halong Bay – Liar

An einem einsamen Strand nachts unter den Sternen zu liegen hatte auf dem Kitschometer gerade noch gefehlt, aber woanders konnte ich nicht hin; in der Hütte spielten die Engländer und Australier gerade sündenpfuhlige Trinkspiele und zogen sich gegenseitig aus, und um 7 Uhr schlafen gehen war sogar für meine müden Knochen zu heftig. Neben mir lag die Kanadierin. Wir waren schon eine Weile zusammen gereist, ohne viel miteinander zu tun zu haben. Sie erklärte mir, dass das kein schöner Himmel sei. In Kanada könne man zur richtigen Zeit so viel mehr sehen. Ich wusste dasn ich war nur sehr froh, nicht mit den Holzfällerprimaten aus der Hütte zu Ibizamusik saufen zu müssen.

Ich rechnete nicht mit der Flut, die unsere Beine bei Sonnenaufgang bedeckte. Ich rechnete nicht mit dem Engländer, der neben uns lag, mit Sand in seinem Prinz Harry Gesicht und seinem T-Shirt als Kissen zerknittert, ich rechnete nicht damit, dass wir uns je wieder sehen würden. Ich rechnete nicht mit den Muscheln, die sich als Ganzkörperabdruck in mein Fleisch gedrückt hatten, ich rechnete nicht damit, dass es morgens so kalt sein würde. Ich hatte mit nichts von all dem gerechnet, aber alles war eingetreten.

Im Bus legt der Engländer mir die Hand auf die Schulter, und flüstert mir ins Ohr, dass wir definitiv weiterreisen müssten, raus aus Vietnam müssten. Nach London müssten. Bei einem Raststopp lacht die Kanadierin darüber, dass ich es wirklich schön fand auf Halong Bay zu cruisen, sie sagt, in Cayman (wo sie seit mehr als fünf Jahren wohnt) würde ich erst wissen, was ein schöner Strand ist. Aber ich will nicht nach Cayman, und ich will auch nicht nach London.

In Hanoi winkt mir jemand von der anderen Straßenseite heftig entgegen, als wir scharfe Pho Bo Suppe schlürfen und mein Magen gerade rebellieren will. Es ist der New Yorker, den ich vor langer Zeit mal in Frankfurt traf, was für ein Zufall, du hier, ich auch. Ich rechnete nicht mit ihm, und ich rechnete nicht mit dem schönen Abend, den wir im Hustle von Hanoi verbrachten, ich rechnete nicht mit seinem schnellen Scooter, ich rechnete nicht mit seinem Unfall, ich rechnete nicht mit dem Geld, ich rechnete mit gar nichts, und als er mich umarmte und sagte, er hoffe, dass wir uns wieder sehen würden, da wusste ich, dass ich auch nicht nach New York will.

Bevor ich schlafen ging, sortierte ich meine Bilder durch, und ich sah den Berliner aus alten Zeiten, mir zuzwinkern und Grimassen schneiden, aber meine Gefühle waren nicht da, und damit rechnete ich nicht: dass ich eines Tages nicht zurück nach Berlin gehen wollen würde, das überraschte mich, aber es war nur eine von vielen Sachen, und heute fahren wir weiter nach Hue. Der einzige Ort, an dem ich gerade sein möchte.

I know you can feel it too / don’t hide, you’re a liar

October 30th, 2010 Posted in Urlaub | 7 Comments »

You Got Me

Somebody told me that this planet was small / we used to live in the same building on the same floor / and never met before / until I’m overseas on tour

October 29th, 2010 Posted in Musik | 2 Comments »

Too Young To Die

Und plötzlich frage ich mich auch wieder, ob ich nerve. Das habe ich mich schon sehr lange nicht mehr gefragt, weil es in der Zwischenzeit egal war, ob ich nerve: wenn ich mit jemanden zusammen sein wollte, dann war das so, und wenn nicht, dann halt eben nicht. Mit dem Alter kommt die Sicherheit, und es wird leichter, zwischen wollen und haben und brauchen und müssen zu unterscheiden. Und wenn dir auf dem Weg zufälligerweise kein Mensch begegnet, der dich irgendwie krass berührt, dann ist diese Methodik auch ziemlich leicht, geradezu intuitiv, umzusetzen. Da sind keine Verletzungen und keine Schmerzen, und wenn man nervt, und das gesagt bekommt, dann zuckt man mit den Schultern und sagt “ok, onto the next one”. Keine Lust, sich mit dem Trauma von “damals” noch mal auseinanderzusetzen. Keine Lust, jemanden heranzulassen, der einem Schaden zufügen könnte.

Sieben Jahre später stehe ich da und gucke auf meinen Screen und frage mich, ob ich nerve, wenn ich jetzt eine SMS schreibe. Nicht, dass mich dieser Gedanke von meiner bevorstehenden Tat irgendwie abhalten könnte, aber er blitzt immerhin auf, und das beunruhigt mich. Überhaupt, diese ganze Verknall-Gesellschaft, in der ich mich gerade befinde, alles blüht vorsichtig auf, Wörter werden zwölf mal hin und hergedreht und von allen Seiten interpretiert weil diese Angst, dass da doch ein Spiel irgendwo abläuft, so gegenwärtig ist. Dazwischen die jugendlichen Sprüche, und das ganze Geschwebe und die Zugehörigkeit und die Jokes und die schönen Momente, die das alles so wunderbar zusammenfassen, dass man gar nicht merkt, was gerade eigentlich passiert.

Dann fällt einem erst einmal auf, wie jung man ist. Wie unsicher. Wie das Gekicher und das Hahaha und die kalte Schulter eigentlich nur eine Mischung aus Panik, Unsicherheit, Glücksgefühl und Verlustängsten ist. Und man die eigenen Gedanken versucht zu ordnen und zu strukturieren, erfolglos, weil man gerade so schön vom Strom aller passierenden Dinge mitgetrieben wird. Mein Zimmer ist zur Zeit das absolute Chaos: halbabgebaute Möbel, Konfettireste von der Party, verrotzte Tempos, Kartons, Müll, alles ohne Überblick. Und so in etwa fühlt sich gerade der Zustand in meinem Kopf an. Aber ich gebe es jetzt auf, aufräumen zu wollen. Dann liegt da halt eben noch Scheisse rum. Besser, mich jetzt damit – wenn auch nur kurz – auseinander zu setzen, als das alles wieder fest in die letzten Ecken meiner unangetasteten Welten zu stopfen.

Und dann ist es widerrum so einfach: es fühlt sich gut an. Und während ich noch die SMS wegschicke, grinse ich zufrieden und weiß, dass es völlig egal ist, ob ich nerve oder nicht. Ich will das jetzt sagen, weil ich das so denke und fühle und überhaupt. Keinen Bock, die sowieso schon viel zu eng bemessene Zeit noch mit dem ganzen Gedankenkram vollzupacken, der mich auch sonst immer so behindert. Ich will auch nicht alles wieder so weit aufschieben, nur weil mir das Risiko zu hoch ist, völlig zerheult in ein Flugzeug zu steigen. Ich will, dass es mir gut geht, und ich werde mir nicht schon wieder meine Gegenwart wegen meiner Zukunft versauen. Dann muss ich auch nicht darüber nachdenken, ob das alles gerade echt ist, oder nur Kopfkino, oder eine schön gemalte Illusion, oder ob es nur passiert, weil ich sowieso kein Commitment einbringen muss, weil da so ein fettes Haltbarkeitsdatum von noch ungefähr 2 Wochen drauf geworfen wurde. Es fühlt sich gut an, und das reicht jetzt auch.

September 10th, 2010 Posted in Crystal Meth, Gangster | 6 Comments »

Halt/Inspiration

Manchmal rastet man einfach aus. Mit der Faust wird auf die harte, kalte Wand eingeschlagen, die all das symbolisiert, was einem im Weg steht. Frustriert blickt man nach diesem Anfall von blinder Wut auf seine Fingerknöchel und spürt nicht mal den Schmerz, den das verschmierte Blut vorschlägt. Betäubt.

Manchmal muss das auch einfach sein. Dann schreit man und dreht durch und beschimpft jeden und will sich undankbar fühlen, sich schwach fühlen, man heult und heult und man schämt sich nicht, wenn jemand einen entgeistert dabei beobachtet. Türen werden zugeschlagen, Porzellan zerschmettert, Gelegenheiten verworfen.

Es passiert. Es muss passieren, unweigerlich, und das ist okay, wenn man den richtigen Halt findet. Denn nachdem man alles Teller gegen die Tür geworfen, die Kabel aus der Wand gerissen und sich selbst die Haare ausgerauft hat, dann zählt nur, wer am Ende beim Aufräumen hilft und die Tränen von den Wangen wischen kann. Vielleicht wird nicht alles gut am Ende, vielleicht leben wir nicht in dieser wundervollen Welt, wo alles gut werden kann. Aber es macht es leichter, wenn man nicht alleine den Scherbenhaufen zusammenfegen muss, den man angerichtet hat.

Halt. Familie, Freunde. Jemand, der festhält. Nicht nur im Nachhinein. Nicht nur, wenn alles schon explodiert ist, nicht nur, wenn man dazu einlädt, nach der Katastrophe dem Opfer zu helfen. Es wirkt auch schon davor, wenn man davon absieht, Dummheiten zu machen. Wenn man sich den Konsequenzen bewusst ist, die man auch selbst als haltender Mensch verantworten muss. Wenn man vor dem Sprung schon festgehalten wird.

… so oder so ähnlich hätte es klingen können, aber ich hab die Worte nicht gefunden für das, was ich sagen wollte. Ich finde die Worte nie, bis ich einen Song höre, oder bis ich einen Menschen kennen lerne, der ein Wort benutzt, dass ich seit Jahren nicht mehr gehört habe. Ein Blinder in der U-Bahn. Ein zerfleddertes Buch, irgendwo auf der Straße, verlassen und dreckig. Tauender Schnee. Was weiß ich.

Manchmal fallen mir die Worte nie ein, weil es nicht immer richtig oder passend ist, ein Gefühl mit Worten auszudrücken. Manchmal ist es eine Melodie. Manchmal ist es ein Produkt, der Notwendigkeit entsprungen. Manchmal ist es ein Geruch. Manchmal ist es sogar ein Werbespot. Wo Worte versagen, sind es vielleicht die Bilder, die am besten ausdrücken können, was gemeint ist.

Es ist immer und immer wieder faszinierend zu bemerken, wie Inspiration und Kreativität funktionieren. Gerade nach Begegnungen mit Menschen, die sich in einer Welt voller Farbe und Fantasie befinden (und es auch als Lebensaufgabe ansehen, für immer in dieser Welt zu bleiben), die Kreativität zum Beruf machen und aus allen Momenten und Lebenslagen ihre Energie saugen, um Messages durch Bilder, Videos, Wörter oder schlicht und einfach kleinen Strichen auf Papier umzusetzen, sei es für die Kunst an sich oder für ein Produkt, gerade dann wird meine Ehrfurcht dem menschlichen Geist gegenüber nur noch gesteigert. Wie ist das möglich, dass dieses kleine Video mich endlich dazu bringt, einen Gedanken, der noch nie so aktuell, allerdings auch nie greifbar war, nieder zu schreiben? Was passiert mit der Inspiration, wenn man sich selbst inspirieren lässt– wird sie in Form von Energie weitergegeben, ist es ein endloses Momentum, oder nur ein kurzes Blitzlicht, ein Fingerjucken, unwichtig, belanglos, nur mal ganz kurz angewendet und dann verschwunden?

Halt. Inspiration. Für mich ist das mittlerweile auch synonym, so abwegig es scheinen mag. Aber wenn mal niemand da ist, der einen festhält, ist es vielleicht die eigene Fantasie, die eigene Naivität, und der eigene bunte Kopf, der einem den Rückhalt gibt, den man benötigt…

February 25th, 2010 Posted in Uncategorized | 4 Comments »