Halong Bay – Liar

An einem einsamen Strand nachts unter den Sternen zu liegen hatte auf dem Kitschometer gerade noch gefehlt, aber woanders konnte ich nicht hin; in der Hütte spielten die Engländer und Australier gerade sündenpfuhlige Trinkspiele und zogen sich gegenseitig aus, und um 7 Uhr schlafen gehen war sogar für meine müden Knochen zu heftig. Neben mir lag die Kanadierin. Wir waren schon eine Weile zusammen gereist, ohne viel miteinander zu tun zu haben. Sie erklärte mir, dass das kein schöner Himmel sei. In Kanada könne man zur richtigen Zeit so viel mehr sehen. Ich wusste dasn ich war nur sehr froh, nicht mit den Holzfällerprimaten aus der Hütte zu Ibizamusik saufen zu müssen.

Ich rechnete nicht mit der Flut, die unsere Beine bei Sonnenaufgang bedeckte. Ich rechnete nicht mit dem Engländer, der neben uns lag, mit Sand in seinem Prinz Harry Gesicht und seinem T-Shirt als Kissen zerknittert, ich rechnete nicht damit, dass wir uns je wieder sehen würden. Ich rechnete nicht mit den Muscheln, die sich als Ganzkörperabdruck in mein Fleisch gedrückt hatten, ich rechnete nicht damit, dass es morgens so kalt sein würde. Ich hatte mit nichts von all dem gerechnet, aber alles war eingetreten.

Im Bus legt der Engländer mir die Hand auf die Schulter, und flüstert mir ins Ohr, dass wir definitiv weiterreisen müssten, raus aus Vietnam müssten. Nach London müssten. Bei einem Raststopp lacht die Kanadierin darüber, dass ich es wirklich schön fand auf Halong Bay zu cruisen, sie sagt, in Cayman (wo sie seit mehr als fünf Jahren wohnt) würde ich erst wissen, was ein schöner Strand ist. Aber ich will nicht nach Cayman, und ich will auch nicht nach London.

In Hanoi winkt mir jemand von der anderen Straßenseite heftig entgegen, als wir scharfe Pho Bo Suppe schlürfen und mein Magen gerade rebellieren will. Es ist der New Yorker, den ich vor langer Zeit mal in Frankfurt traf, was für ein Zufall, du hier, ich auch. Ich rechnete nicht mit ihm, und ich rechnete nicht mit dem schönen Abend, den wir im Hustle von Hanoi verbrachten, ich rechnete nicht mit seinem schnellen Scooter, ich rechnete nicht mit seinem Unfall, ich rechnete nicht mit dem Geld, ich rechnete mit gar nichts, und als er mich umarmte und sagte, er hoffe, dass wir uns wieder sehen würden, da wusste ich, dass ich auch nicht nach New York will.

Bevor ich schlafen ging, sortierte ich meine Bilder durch, und ich sah den Berliner aus alten Zeiten, mir zuzwinkern und Grimassen schneiden, aber meine Gefühle waren nicht da, und damit rechnete ich nicht: dass ich eines Tages nicht zurück nach Berlin gehen wollen würde, das überraschte mich, aber es war nur eine von vielen Sachen, und heute fahren wir weiter nach Hue. Der einzige Ort, an dem ich gerade sein möchte.

I know you can feel it too / don’t hide, you’re a liar

October 30th, 2010 Posted in Urlaub | 7 Comments »

You Got Me

Somebody told me that this planet was small / we used to live in the same building on the same floor / and never met before / until I’m overseas on tour

October 29th, 2010 Posted in Musik | 2 Comments »

Halt/Inspiration

Manchmal rastet man einfach aus. Mit der Faust wird auf die harte, kalte Wand eingeschlagen, die all das symbolisiert, was einem im Weg steht. Frustriert blickt man nach diesem Anfall von blinder Wut auf seine Fingerknöchel und spürt nicht mal den Schmerz, den das verschmierte Blut vorschlägt. Betäubt.

Manchmal muss das auch einfach sein. Dann schreit man und dreht durch und beschimpft jeden und will sich undankbar fühlen, sich schwach fühlen, man heult und heult und man schämt sich nicht, wenn jemand einen entgeistert dabei beobachtet. Türen werden zugeschlagen, Porzellan zerschmettert, Gelegenheiten verworfen.

Es passiert. Es muss passieren, unweigerlich, und das ist okay, wenn man den richtigen Halt findet. Denn nachdem man alles Teller gegen die Tür geworfen, die Kabel aus der Wand gerissen und sich selbst die Haare ausgerauft hat, dann zählt nur, wer am Ende beim Aufräumen hilft und die Tränen von den Wangen wischen kann. Vielleicht wird nicht alles gut am Ende, vielleicht leben wir nicht in dieser wundervollen Welt, wo alles gut werden kann. Aber es macht es leichter, wenn man nicht alleine den Scherbenhaufen zusammenfegen muss, den man angerichtet hat.

Halt. Familie, Freunde. Jemand, der festhält. Nicht nur im Nachhinein. Nicht nur, wenn alles schon explodiert ist, nicht nur, wenn man dazu einlädt, nach der Katastrophe dem Opfer zu helfen. Es wirkt auch schon davor, wenn man davon absieht, Dummheiten zu machen. Wenn man sich den Konsequenzen bewusst ist, die man auch selbst als haltender Mensch verantworten muss. Wenn man vor dem Sprung schon festgehalten wird.

… so oder so ähnlich hätte es klingen können, aber ich hab die Worte nicht gefunden für das, was ich sagen wollte. Ich finde die Worte nie, bis ich einen Song höre, oder bis ich einen Menschen kennen lerne, der ein Wort benutzt, dass ich seit Jahren nicht mehr gehört habe. Ein Blinder in der U-Bahn. Ein zerfleddertes Buch, irgendwo auf der Straße, verlassen und dreckig. Tauender Schnee. Was weiß ich.

Manchmal fallen mir die Worte nie ein, weil es nicht immer richtig oder passend ist, ein Gefühl mit Worten auszudrücken. Manchmal ist es eine Melodie. Manchmal ist es ein Produkt, der Notwendigkeit entsprungen. Manchmal ist es ein Geruch. Manchmal ist es sogar ein Werbespot. Wo Worte versagen, sind es vielleicht die Bilder, die am besten ausdrücken können, was gemeint ist.

Es ist immer und immer wieder faszinierend zu bemerken, wie Inspiration und Kreativität funktionieren. Gerade nach Begegnungen mit Menschen, die sich in einer Welt voller Farbe und Fantasie befinden (und es auch als Lebensaufgabe ansehen, für immer in dieser Welt zu bleiben), die Kreativität zum Beruf machen und aus allen Momenten und Lebenslagen ihre Energie saugen, um Messages durch Bilder, Videos, Wörter oder schlicht und einfach kleinen Strichen auf Papier umzusetzen, sei es für die Kunst an sich oder für ein Produkt, gerade dann wird meine Ehrfurcht dem menschlichen Geist gegenüber nur noch gesteigert. Wie ist das möglich, dass dieses kleine Video mich endlich dazu bringt, einen Gedanken, der noch nie so aktuell, allerdings auch nie greifbar war, nieder zu schreiben? Was passiert mit der Inspiration, wenn man sich selbst inspirieren lässt– wird sie in Form von Energie weitergegeben, ist es ein endloses Momentum, oder nur ein kurzes Blitzlicht, ein Fingerjucken, unwichtig, belanglos, nur mal ganz kurz angewendet und dann verschwunden?

Halt. Inspiration. Für mich ist das mittlerweile auch synonym, so abwegig es scheinen mag. Aber wenn mal niemand da ist, der einen festhält, ist es vielleicht die eigene Fantasie, die eigene Naivität, und der eigene bunte Kopf, der einem den Rückhalt gibt, den man benötigt…

February 25th, 2010 Posted in Uncategorized | 4 Comments »