Life of Pi // 3D

Ich konnte gegen Ende meine Tränen nicht mehr verstecken. Zuerst weinte ich noch, weil ich tatsächlich für das Cinestar schon wieder Gebühren dafür zahlen musste, weil ich die Tickets online gekauft und selber ausgedruckt hatte. Dann dachte ich, es liegt daran, dass ich zusätzlich zu 13 Euro Eintrittspreis noch mal einen Euro extra für die 3D-Brille bezahlen muss, ohne die ich den Film gar nicht sehen kann. Schließlich war ich mir ziemlich sicher, dass es eine Kombination aus anstrengender, schielender 3D-Technologie und der 90minütigen Werbung vor dem Film sein musste, die in mir derartige emotionale Attentate verursachte.

Aber hauptsächlich weinte ich, weil Life of Pi die womöglich schönste und beste Geschichte ist, die je erzählt wurde.

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January 2nd, 2013 Posted in (Pop)Kultur | 7 Comments »

COWBOYS DES WAHNSINNS

Wir ritten die Plastikpferde der Kirmes in unseren dreckigen Jeans und mit dem von unseren Schuhen tropfenden Matsch ein. Mitten in der Nacht setzten wir uns Cowboyhüte auf die Köpfe, steckten wir uns Zigaretten in den Mund, und formten Pistolen mit unseren Händen. Im jugendlichen Wahnsinn zuckten wir mit den Schultern, als wir uns zu dritt in der Stille des künstlichen Abenteuerlands unsere Wunschmusik einbildeten und trotzdem tanzten. Rauchend, bedrohlich und cool, wie wir nunmal waren.

Im Staate des Wahnsinns, der uns letztlich erreichte, weil wir an der Systemkonformität scheiterten, sollte es keine Regelungen für Geisteskranke mehr geben – denn hier waren wir befreit von diesen Stigmata. Wir befanden uns in derselben physischen Welt wie alle anderen Opfer und Sklaven, die sich als gesund empfanden. Doch wir waberten gerne in unserer eigenen Dimension, von LSD produziert, aber von echtem Blut durchblutet. Dinge, die in unserer Welt nicht zählten: Steuern, übermäßige Schambehaarung, schlecht sitzende Kordhosen, die deutsche Hegemonie in der europäischen Finanzkrise, widerliches Dönerfleisch und fälschlicherweise überschriebene SD-Karten mit unwiderherstellbaren Erinnerungen.

Eine Kette an unberechenbaren Ereignissen brachte uns drei an diesen fernen Ort des wilden Lebens. Wir waren einst die Sicherheitsbeamten gewesen, die den Status Quo des Lebens bewahren wollten: Schule, Studium, Reihenhaus, Rente. Wir wollten ein Teil des Systems sein, aber vor dem ideologischen Hintergrund, dieses System von innen heraus zu stürzen. Doch unsere Ideologin wurde gefressen, zerschmettert, unwiderruflich in Verbitterung getränkt und vom Zynismus gefickt. Aus den intriganten Motiven wurden gebrochene Seelen, die vergessen hatten, wieso sie so verbissen so sein wollten wie alle anderen (um nicht aufzufallen, um an die Spitze zu kommen, um dann schließlich die herrschende Macht zu stürzen und das eigene System mit Zustimmung aller Teilnehmer zu regieren).

Doch dann passierte etwas, dass uns in der farbenfrohen Welt der Berliner Parklandschaft aufblühen ließ: die abgestellten Zirkus- und Kirmesgeräte, verrostete DDR-Fahrgeschäfte und tote Karussel-Tiere weckten in uns die Lust, so zu tun, als wären wir Teil eines poppig-nachdenklichen Indie-Musikvideos das aus GIF-Bewegungen besteht und viel Konfetti und Lametta und Mops-Welpen beinhaltet. Wir gaben uns dieser Illusion des Wahnsinns hin, liebten uns zu dritt unter dem unsichtbaren weil bewölkten Sternenhimmel, fühlten uns wie Jedis aus der Zukunft, die genau wussten, wie die Menschheit in ihre abartige Schieflage gerutscht war. Nur nach einer Lösung dafür suchten wir nicht mehr. Keine Gesetze, keine Essays, keine Zeit für Sicherungskopien. Wir waren nun endlich frei für all die Dinge, die wir schon immer machen wollten, und entschieden uns dafür, erst mal nichts zu entscheiden.

January 8th, 2012 Posted in Crystal Meth | 2 Comments »

Just Missed Us

Was ist Fotografie? Ist es ein Handwerk, ist es Kunst? Ist es eine Profession oder ein Hobby? Kann man damit Geld verdienen? Braucht man krasses Werkzeug, krasse, teure Teile? Welche Kamera ist der beste, welcher Film ist der coolste, analog oder digital? Warum fotografieren wir, was will ich mit diesem Foto sagen, oder will ich überhaupt irgendetwas sagen?

Ich fotografiere unglaublich gerne, von den artsy-fartsy Regentropfen, die nachts das Licht einer roten Ampel reflektieren, bishin zu den alkoholvergifteten Partyschnappschüssen, bei denen die Handykamera herhalten muss. Makro hier, Linse da. Es ist mir relativ egal. Ich sehe etwas, dass ich schön finde, mache ein Foto davon, und meistens gucke ich es mir für Jahre danach nicht mehr an. Andere Male gehe ich jedes einzelne Bild durch, um für meine tausend und zwei Projekte eine gerechte Zusammenstellung zu finden. Berlin macht es mir da leicht, und meine wunderschönen Freunde ebenso. Ich frage mich schon lange nicht mehr, ob ich “gut” bin; das ist eine unfaire Frage. Ich will nicht gut sein, für wen, oder für was? Wenn jemand meine Fotos gut findet, freue ich mich, aber das ist nicht das Ziel.

Ich beschäftige mich nicht mit dem neuesten Technikschnickschnack, manchmal will ich eine Wegwerfkamera, manchmal eine DSLR, manchmal auch gar nichts benutzen, um Fotos zu machen. Manchmal tue ich so, als würde ich fotografieren, um mich ganz besonders auf einen Moment aufmerksam zu machen, den ich in Erinnerung behalten will. Und das ist der Punkt: die Fotos ersetzen Erinnerungen, die verblassen oder sich auf festgefahrene Bilder versteifen. Sie erzählen eine Geschichte, nämlich die meines Lebens. Dementsprechend sind es auch diese Art von Bilder – Schnappschüsse, Momentaufnahmen, zusammenhängende Bilder, die ich am interessantesten oder aufregendsten finde. Ich will Menschen durch die Bilder durch entdecken, kennen lernen, mich wundern, was sie dort, wo sie waren, gemacht haben, wie sie heißen, wer sie sind. Wie man einen Roman liest, oder einen Film guckt. Ich will eine Story. Das ist alles. Und ich will eine Story erzählen – das bin ich.

Vielleicht gefällt mir deshalb der Just Missed Us Tumblr; weil es um Serien geht. Um Geschichten. Weil ich die Personen auf den Bildern irgendwie kennen lerne. Weil wir zusammen auf eine Reise durch Erinnerungen gehen. So ist das manchmal. Ich hoffe, dass ich eines Tages auf genau so eine Sammlung zurückblicken kann.

July 8th, 2011 Posted in (Pop)Kultur | 2 Comments »