Lovestep Nation

Mit der unmittelbaren Vernetzung von Kulturen und dem schier endlosen Archiv an klassischer sowie gegenwärtiger Musik war es nur eine Frage der Zeit, bis Genregrenzen ein für alle Mal durchbrochen werden und Musik von jungen, konventionsignorierenden Künstlern auf neue Dimensionen stößt.

Bisher waren vor allem die demographischen Gegebenheiten ausschlaggebend für die Entwicklung von Musikrichtungen und verfiel (in meiner flachen Fantasie) den gängigen Klischees: aus England kommt die beste und innovativste Musik, in den USA wird sie glattproduziert und kommerzialisiert (BOYGROUPS), in Deutschland wird sie nur noch gekauft, niemals erschaffen (sogar Caught in the Act war keine deutsche Boygroup). Zumindest war das schon immer mein Anblick auf unsere Null-Gegenwarts-Popkultur. Weil aber Deutschland es schon selbst auf täglicher Basis schafft sich die Fresse einzuschlagen, werde ich zumindest für die nächsten Absätze vom Bashing absehen und mich auf das Wesentliche konzentrieren: was zur Hölle passiert gerade mit der im Zeitgeist liegenden Musik, und wieso?

Ich denke da an Schlagwörter, die sich wie eine Tagcloud bei Last.FM lesen: Synth, Synth’n'Bass, Hip Hop, Dirty South, Sampling, Dubstep, Grime, Garage, R&B, Chillwave, Lo-Fi, Indie, Filthy Dubstep, Drum’n'Bass, Bass Music, Post-Dubstep, Hyperdub, Post-R&B, Indie R&B, Prog-Step, Lovestep, Emotional Dubstep, Contemporary, Avant-Garde, Experimental Electronic, IDM… die Zahl der Begriffe erscheint mir endlos und die Möglichkeiten der Vermischungen geradezu pervers. Wenn man die Zweige und Knoten dieser “Genrenischen” aufmalen würde, hätte man ein ziemlich undurchsichtiges Spinnennetz auf Crack. Glaubt es mir, ich habe es versucht. Nicht Crack, sondern das Aufmalen. Aber auch Crack.

In den letzten Jahren hat sich vor allem ein Trend bis heute merklich zugespitzt: Dubstep schlägt ein, und zwar mit der Faust in die Wand durch Beton und Stahl und trifft den absoluten Nerv, zieht eine lange und komplexe Geschichte seiner Entstehung mit sich her. Während der Bastard, der irgendwann aus Garage und 2 Step heraus irgendwo in Südlondon entstand, sich erstmal mit Benga und Skream seinen Weg durch die Clubs etablierte, nestelte sich schon irgendwo ein kleiner Spuckefaden ab, der sich nahtlos in die aktuellen Musik-Zeitgeist Reports einfügen würde: der düstere, atmosphärische (von mir so betitelte) Heroin-Dubstep. Allen voran Burial und sein Label Hyperdub machten die Vorarbeit. Und immer war es die Bassline, die uns völlig entmachtete. Immer waren es die Drops aus dem Drum’n'Bass, die uns begeisterten, mit einem Sub-Bass, der immer eine Begleiterscheinung des Comebacks ist. Aber all das sind nur Möglichkeiten, denn Dubstep hat nie eine Einheitsform bekommen.

“Der Filth kloppt sich im Strobo bei 140 BPMs, harten Drops und gehirnzerfetzenden Wobbles wie damals schon Trance in den Schädel des Hörers. Burial jedoch schafft es, dem Zuhörer Melodien, Dramatik und die Enge eines Sarges zu vermitteln, ohne auf Tanzbarkeit zu verzichten. Es ist ein bisschen so, als würde man mit einer Nadel im Arm, kurz vor dem Gefühl des ultimativen Glückes, endlich verstehen, worum es bei elektronischer Musik aus Londons schäbigsten Puffs geht.” – Ich.

Und, das darf man nicht vergessen, schon immer hat sich der Dubstep dem Sampling bedient. Schon immer haben seine größten Macher in erster Linie bereits bestehendes gemixt, vielleicht auch vielmehr re-interpretiert, obwohl in den Anfängen die meisten Tracks als Instrumentals mit untergemischten Sounds aus Vocals gelten. Gerade Hip Hop und R&B Samples waren beliebte Fundamente für die krassesten Banger, und es erschließt sich auch warum: würde man ein kleines Diagramm malen, bei dem Dubstep den Mittelpunkt bildet, dann siedeln sich in unmittelbarer Nähe Grime und Garage an, welche nicht zuletzt sozusagen das Hip Hop der UK bilden. Und was für ein “Hip Hop”: hinter dem POW eines einzigen Songs versteckt sich die Gewalt tausender Ghettobomben. Dagegen wirken Tupac und Biggie wie ein händchenhaltendes Pärchen, das gerade auf einem weißen Einhorn den Strand heruntergaloppiert.

Es ist also nur Naheliegend, das Dubstep, einst selbst ein Hybrid, ein Experiment, zum Basislager aller Entwicklungen wird. Der Wobble, ein ziemlich charakteristisches Element des Dubsteps wird zum Trageflügel von Popsongs, das Tempo fluktuiert ohne BPM Restriktionen, die schönen Vocals, die aus gegenwärtigen Hip Hop oder R&B Nummern des Mainstreams gezogen werden, dominieren einen Track nun und machen ihn geschmeidiger, obgleich trotzdem spannend und anders, neu, fresh, rollend. Nur: es passiert nicht mehr ausschließlich in England.

Wie schon eingeleitet ist es vor allem die Vernetzung, die diese Entwicklung so schnell möglich macht. Londoner Jünglinge wie James Blake und Jamie XX, die gerade mal 20 Jahre und ein paar Monate hier oder da auf ihrem Buckel haben, setzen die Mainstream Pop Musik ihrer Generationen in einen neuen Kontext (ähnlich wie Grime Größen auf die Melodien ihrer Kindheit setzen – zum Beispiel Konsolenspiele). Und so vermischen sich nicht nur Genres, sondern auch Kulturen, denn gerade der zuletzt noch als “kitschige, seichte” bezeichnete R&B aus den USA findet nun eine Chance, die Hürden seiner Schmalzigkeit zu überwinden, nämlich inmitten der pumpenden Beats der Engländer.

Die TAZ schreibt, dass beispielsweise SBTRKT diesen Prozess verschönert hat – die glattgezogene, massentaugliche Produktion – indem er Dubstep poppiger macht und seinen Fokus auf die Vocals setzte. Mag sein, dass jetzt erst das alles die Oberfläche des Mainstreams erreicht, aber neu ist das nicht, nur eben durchdachter (ähnlich wie Skrillex den Filth in den USA vorantreibt und dort auch noch als Revolutionär gefeiert wird).

SBTRKT hat Dubstep aus dem Untergrund geholt und in die Mitte geschoben. Die seltsamen Sounds und Samples, die er dennoch einsetzt (hier sowohl an Skream und Burial als auch an Hudson Mohawke erinnernd), werden also auf seinem Album durch die polierten R&B-Vocals auf Linie gebracht. Natürlich spiegelt diese Beschreibung auch Hörgewohnheiten wider: Durch Dubstep und Produzenten wie Burial ist man es so gewöhnt, dass Gesang verhackt und untergemischt wird, dass man es, wenn sie mal wieder im Vordergrund stehen, als “antiexperimentell” ansieht.

SBTRKT hat Dubstep aus dem Untergrund geholt? Bitch please. Da hab ich ja mehr für getan.

Ich würde nichts an getaner Arbeit SBTRKT zuschreiben wollen. Er ist, genauso wie Jamie Woon einfach kalkuliert (und zwar mit höchster Wahrscheinlichkeit von dem Label, auf dem SBTRKT erschienen ist: Young Turks, die schon The XX, Sampha und nicht zuletzt Creep auf der Rolle haben – alles neue Acts, die sich irgendwo in diesem Bereich der Musik befinden). Und ich finde es sogar sehr gut: die Präzision des Sounds ist für andere Momente geeignet, als es Dubstep vor Monaten noch war. Ihn als Wegbereiter für ästhetischen Pop-Sound zu titulieren finde ich aber ein bisschen weit hergeholt. Wegbereiter sind für mich Produzenten wie Flying Lotus oder Hudson Mohawk, die schon mal eine intelligente, elektronische Ebene fanden, den musikalischen Ozean zu überwinden.

Die Musiknazis unter uns möchten jetzt mit Scheisse werfen, weil sie der Meinung sind, dass dies und das kein Dubstep ist, das ist zu Kommerz, das nächste zu Pop, und ach, wie langweilig. Das ist nicht Kern der Diskussion: Kern ist, wohin es geht. Und was kein Dubstep ist (oder von mir aus auch kein R&B, wobei ich selten jemanden erlebe, der R&B verteidigt), muss ja nicht schlecht sein; es braucht nunmal Zeit, um solche Titel wie “Post-Dubstep” zu vergeben und darauf zu hoffen, dass sich jemand was besseres einfallen lässt.

Und dann gibt es ja auch noch den harten Angriff von der anderen Seite, denn die ästhetische Vorgabe mag aus England kommen, aber der wichtige Knackpunkt ist in den USA geboren: auch der R&B bedient sich, und das nicht zu bescheiden. Der Kanadier Abel Tesfaye, der hinter dem Alias “The Weeknd” steht, hat schon etwas länger begriffen, dass die Summe aus Chillwave-Atmosphäre, Hip Hop Lyrics und englischen Breaks wunderbar funktioniert. Oder etwa die Schweden jj, deren Songs sich anhören wie vom Nebel verdichtete Träume, übersungen von einer süßlichen, weiblichen Stimme – und diese Stimme bedient sich hauptsächlich der Lyrics kontemporärer US-Rap Songs.

Es sind nicht mal mehr Remixe – es sind Interpretationen, Reworks, Rekontextualisierungen von Außen. Sie nehmen sich das, was sie im Fernsehen und im Radio hören (und in ihrer Jugend/Kindheit gehört haben) und mischen es mit ihren kostengünstigen Synthesizern und Mix-Programmen auf Apple Produkten rund. Das sind die Produzenten von heute. Addiert man darauf den konventionellen R&B, der sich hier und da die Spritze der Innovation setzt (Künstler wie The-Dream stehen ganz oben auf meiner Liste der wichtigsten kontemporären Urban Music Künstler, was vielleicht auf ersten Blick nicht ersichtlich ist), so erkennt man dass es sogar viel mehr als nur zwei oder drei parallele Entwicklungen sind: scheisse, die Entwicklungen selbst laufen ineinander und haben nicht mal mehr Zeit sich vollständig zu entfalten, bevor sie in den nächsten Mixer geworfen werden (und das dann auch von allen Beteiligten, international).

Vielleicht war es auch das latente Verstecken hinter dem Konsens “wenn es ironisch gemeint ist, darf man es auch” – vielleicht wurden R&B Samples mit stark dominierenden Vocals experimentell mit dem Vorortprodukt Dubstep vermischt, weil sich die Arbeit nicht mehr für ihre Queerness schämen muss. Everything goes.

Diesen Prozess der sich vermischenden Einflüsse und Inspirationen hat für mich einen immensen Wert. So sehr ich den minimalen, fast schon beruhigenden Techno Berlins Liebe, irgendwann kann man mich nicht mehr mit Drogen betäuben und mir erzählen dass es jetzt genau das richtige ist, 8 Stunden lang auf dem gleichen Beat zu tanzen. Irgendwann ist damit Schluss. Und das haben auch viele DJs in der Stadt schon kapiert. Zwischendrin blitzen kleine große Songs aus, die man sonst nur “aus dem Internet” kennt.

Wie gesagt, all das passiert nun unabhängig von lokalen Grenzen, denn die Musik spielt sich auf Plattformen wie YouTube und Soundcloud ab. Immer mehr und mehr mischt sich die Vergangenheit mit der Gegenwart (die Retromanie scheint kein Ende zu nehmen), aber wie verrückt, dass sich die Gegenwart mit… der Gegenwart selbst vermischt! Bei dem Gedanken an die Explosionen, die hier kulturell noch stattfinden werden, kriege ich Gänsehaut. Aber auch Angst: denn noch gehören zum Mischen von Einflüssen nunmal die Einflüsse selbst. Rein subjektiv beobachte ich gerade eine Tendenz zum “Verwaschen” aller Inspirationen, die aus dem Leben selbst stammen, sprich: aus Erziehung, Umgebung, sozialem Stand und all den anderen Faktoren, die dazu gehören. Wenn unsere Charts in einigen Jahren von den Trends im Netz regiert werden, was bleibt dann in den darauffolgenden Zeiten noch, um darauf aufzubauen? Spielen wir das Spiel durch: je jünger das Internet wird, und je weiter es sich ausbreitet, wie viel Raum für Kreativität bleibt dann noch ohne einen leeren Fleck im Individuum?

Divine Interface: I grew up on bass-heavy Southern Country rap – Cash Money Millionaire stuff, or Pastor Troy, or DSGB (Down South Georgia Boys), Three Six Mafia. But being a child of the internet, I was soaking in all kinds of media growing up – I was in a hardcore band, I was into jazz, I was collecting records. I remember once reading an interview with Flying Lotus and he talked about UK dubstep, so I got big into people like Burial and James Blake. Then I found all the LuckyMe stuff – Hudson Mohawke, Rustie, Lunice. Those dudes are really tripping me out, because you can tell they listen to rap music too. It’s all on the same page, just in a different city.

Kids in South London in what’s considered the hood are just making music with whatever they have – and it’s the same with the kids in Atlanta, making trap-rap beats on Fruity Loops. That’s essentially where the Ghetto Lo-Fi came from. When you listen to rap demos or rap mixtapes in the South, it sounds like it was recorded in someone’s living room. It’s got that rawness to it. But when we found all the bedroom pop producers like Ariel Pink and Washed Out called that “lo-fi” – to us, it sounded like the same thing. Same raw edge. (Dazed Digital)

Jeder, der einen vielschichtig geführten Feedreader besitzt oder im Internet arbeitet merkt selbst, wie stark die Tendenz zum Einheitsbrei ist: immer sind es überall die gleichen Themen. Wie können wir Kultur, oder spezifisch: Musik, davor bewahren, sich in einer Uniform zu verstecken? Ist das überhaupt ein realistisches Problem, oder nur meine ganz persönliche Medien-Dystopie?

Acts wie Death Grips geben mir Hoffnung darauf, dass es nicht so sein muss. Ich glaube jedem, der sagt, dass das die furchtbarste Verstümmlung von Breaks und Raps ist, die er je gehört hat. Für mich ist das die ultimative Euphorie, denn es ist innovativ und neu und stellt euch vor, wie ich verrückt werden würde, wenn das mal ein risikofreundlicher DJ im Bumsbunker spielen würde! Und gleichzeitig freue ich mich auch darauf, dass Lovestep nach einigen Jahren des unterschwelligen Herumduseln in irgendwelchen geheimen Locations in London es auch endlich in das Gehör aller Passanten schafft.

Lovestep – meine aktuelle Lieblingsabzweigung – es ist nichts anderes als emotionale Musik, auf die man tanzen kann. Irgendwo zwischen 120 und 140 BPM. Jungs wie Jacques Greene können das ziemlich gut. Der kommt aus Kanada, also ganz weit weg von England. Aber das ist völlig egal, denn alles, was er braucht, um diesen Sound zu machen, ist eine gute Internetverbindung.

September 8th, 2011 Posted in (Pop)Kultur, Musik | 16 Comments »

Zielsetzungen

Es ist diese Moral des Wissens, die einen so verrückt macht, die Lehre der Toleranz und dieses dringende Verstehen, das einem schon von Kleinauf beigebracht wird. Wir sollen ja einerseits so vielseitig wie möglich ein Problem oder eine Situation betrachten, aber andererseits muss man ja auch mal radikal die Faust in die Luft strecken und alles niedertreten, was einem in den Weg kommt, um sich überhaupt vorwärts zu bewegen.

Ich, die Queen der Pauschalmeinungs-Vereinigung, kriege es nicht auf die Reihe mich jenseits dieser zwei Positionen zu bewegen. Einerseits bin ich sehr wohl für radikale Leidenschaft und Revolution und Veränderung und vor allem bin ich dafür, dass man gehört wird, egal, wie dumm und dämlich und unpassend man sich ausdrücken mag. Wenn es weh tut, dann muss man dafür sorgen, dass es besser wird, und dafür ist jeder einzelne Mensch von Canada bis zum Kosovo verantwortlich. Deshalb flattern ja auch meine Fingernägel blutig aus ihrem Bett, wenn sich die Politik wieder in ihren Diskussion um Political Correctness lähmt. Das ist eine Vollbremsung auf der linken Spur, ein Stoppschild da, wo die Bahn eigentlich frei für Veränderungen in eine bessere Welt durchziehen soll. Ja, das ist Scheisse, weil wir seit gefühlten Ewigkeiten etwas gegen Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern tun, uns dann aber wieder in Rhetorik verstricken, so lange, bis wir schon vergessen haben, worum es ursprünglich ging. Oder ach, diese ewige AKW-Diskussion, dafür, dagegen, ja, nein. Bewegung gut, Konsequenzen nicht so sehr. Radikal am Anfang, langsam und wieder politisch und wirtschaftlich korrekt am Ende – querschnittsgelähmt von Formalitäten, Bein gestellt vom System.

Andererseits will ich auch Devil‘s Advocate sein, selbst, wenn ich zu einem Thema eine feste Meinung habe. Wieso ist das so? Warum denkt mein Gegenüber anders darüber? Welche Vorteile zieht die andere Seite für sich, warum stehe ich nicht auf der anderen Seite, mit welchen Prinzipien hängt das zusammen, und wenn wir wirklich über ein übergeordnetes Prinzip von Macht (Staatsgewalt, etc.) reden: wieso lässt sich dieses System nicht ändern? Wer hat das überhaupt bestimmt, dass wir jetzt so leben, wie ich es nicht will? Und wie kann ich diese Gruppe davon überzeugen, dass meine Perspektive die bessere ist? Viel interessanter noch: wie will mich diese Gruppe davon überzeugen, dass ihre Einstellung zum Thema die bessere ist?

Ich will beim Angriff bewaffnet sein, will die Schwachstellen aller Argumente kennen, möchte meinen Gegner in einer (mir wichtigen) Diskussion nicht nur rhetorisch zerfetzen sondern auch überzeugen können. Ich möchte nicht damit bloßgestellt werden, dass ich eigentlich keine Ahnung habe, deshalb will ich nicht viel über Dinge streiten, von denen ich nicht genug weiß. Ich will richtig streiten und am Ende als Gewinner herausgehen, belehren, sagen: so ist das, weil alle deine Argumente in der großen Schlacht gegen meine ihres Fundamentes enthoben wurden, und während sie auf dem Boden liegen und noch ein bisschen nach Luft zappeln und Blut aus ihren Augen und Nasen läuft und sie bedauernd und klagend und jämmerlich zu meinen hochstarren und um Gnade beten, ficken wir sie noch mal richtig hart. Anale Grande. So will ich das.

Und wenn ich das nicht kann, dann habe ich entweder meine Hausaufgaben nicht richtig gemacht zu einer Sache, die ich unterstütze/gut finde, oder ich stehe schlicht und einfach auf der falschen Seite. Das ist der Schluss, zu dem ich komme. Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen, weil hey, ich bin nicht Allwissend.

Aber das ist nun mal das Problem bei so einer Einstellung: man muss sich entscheiden. Das eine sagt „lass dich flüssig treiben in der Flut aller Themen dieser Welt und entscheide dich weise und bewusst und bedacht für das, was du gut findest und für was du deine Zeit investieren möchtest, auch wenn das bedeutet, dass du immer mal wieder dir selbst widersprechen wirst und sich eigentlich nie etwas bewegen wird, weil du nicht emotional, sondern rational agierst.“ Das andere sagt: „FICK DIE GANZE WELT MIT DEINEM SCHWERT UND SETZE VERDAMMT NOCH MAL UM WAS DU GUT FINDEST, SONST KOMMEN WIR NIE VORAN!“

Ohne daran zu zweifeln, dass es mir an spontaner Leidenschaft oder an jugendlicher Rebellion mangelt – das äußert sich an anderen Stellen dann – tendiere ich immer und immer weiter in die Richtung, Dinge zuerst einmal abzuwägen, bevor ich mit in den Partybus steige. Und ich habe damit ein Problem, weil es natürlich sinnlos ist, in Hypothetik zu leben. Man muss aktiv sein, mit Bewegung, mit Elan und viel Ausdauer und natürlich Antriebsenergie, die die ersten Hügel noch hochkatapultieren kann. Aber blinde Wut schafft einfach nicht mehr als das – und nach dem ersten Sprint versinken wir wieder in einem Sumpf von Diskussionen, werden wieder ausgebremst (vielleicht auch von Menschen wie mir), die viel zu sagen und abzuwägen haben, weil sie nichts kaputt machen wollen, was vielleicht heute ganz gut ist und morgen von unserem naiven Einsatz zerstört.

Und ich lache mich selber aus für so viel Leidenschaft für Metadiskussionen – es ist eben die Sprache und der Umgang, die mich noch am meisten daran interessieren, wie Menschen sich innerhalb eines geschlossenen Systems miteinander verhalten, wie solche Dinge wie Abkommen und Vereinbarungen schon in ganz kleinem Kreis entstehen und wie man sich dann gegenseitig auf die Fresse hauen will, weil man zwar ein gleiches Weltbild hat, aber jeweils auf ganz andere Weise dahin kommen möchte.

Vielleicht muss ich mindestens damit aufhören, Leuten im Weg zu stehen, die in absoluter Überzeugung herausbrüllen, was in ihren Herzen und Köpfen steckt – Jugendliche sind da immer besonders eloquent. Vielleicht macht es ja gar nichts, dass ihre Ideen und ihre Ideologien nicht umsetzbar sind, vielleicht brauchen wir nur impulsive Schübe, die uns daran erinnern, dass wir alle mal jung und verträumt waren um auch im Alter noch jung und verträumt sein zu dürfen.

May 5th, 2011 Posted in Crystal Meth, Gangster | 2 Comments »

It’s Not Easy Being Gay

Ich frage mich bei diesem Artikel vor allem, ob das nur auf Lesben beschränkt ist (gibt es weniger Lesben als Schwule? Gibt es mehr Nischen und “Gruppierungen” auf der männlichen Seite?), oder ob das wirklich ein zeitgenössisches allround Problem ist, dass man Homosexualität als eigene Randgruppe betrachtet und dabei aber übersieht, dass es sich hierbei nicht um Anhänger eines bestimmten Glaubens oder Trendmitläufer handelt.

Coming out as a lesbian is not, as many straight people seem to think, akin to entering an exclusive, trendy club, where inhibitions are chucked aside along with bras. Is it possible that we’ve become too liberal to admit that being gay is still hard? The other day my mum came out on my behalf to one of her girlfriends, who said: “Wow, you got one! Congratulations.” But for me, being accepted by the straight world doesn’t equal happiness.

As a lesbian, meeting a partner can be fraught. Finding a compatible woman is one thing; discerning whether or not she’s gay is another. Unless, of course, you turn to the gay scene. But I don’t want to define myself by my sexuality. I think my penchants for Curb Your Enthusiasm, Mexican folk art and camembert are more significant markers of my personality than whom I choose to go to bed with.

So, yes, it makes me sad that it is so hard to meet gay women other than via The Scene. Like any group or culture formed as a result of persecution, the gay scene is isolated, and often bitter. Gay and straight can be a real us-and-them situation. This is so frustrating if all you want to be is yourself.

Leider war das auch immer so ein Grund für mich, wieso ich Veranstaltungen wie den CSD nicht mehr richtig ernst nehmen kann und diese Überidentifizierung extrem dumm finde. Ich stehe nicht auf und stelle mich als “Hallo, ich bin Sara und heterosexuell” vor, viele Homosexuelle machen das (mal unabhängig vom Aussehen, das muss noch lange nichts über sexuelle Präferenzen sagen). Der CSD ist heute zwar vor allem ein politischer Protest der über “aktzeptiert uns als Menschen” hinaus geht, spaltet aber wieder Menschengruppen auf; oder wie wär’s mit einer Hetero-Parade?

Nicht, dass man den CSD abschaffen sollte, so wie er ist; von mir aus feiert weiter, von mir aus zelebriert und ich bin die letzte, die etwas dagegen hat, ach was, ich bin sogar dabei. Ich will nur sagen: dieses ihr und wir. Das nervt mich in jeder Situation. Es nervt mich auch, wenn jemand, der 50 Kilo abgenommen hat, plötzlich nur noch “die, die mal 50 Kilo abgenommen hat” wird, und nicht mehr “oh, sie kocht gerne und geht gerne ins Kino und ist Profischwimmerin”.

Aber vielleicht ist das ja auch gar nicht so, und ich interpretier wieder viel Schwachsinn in etwas, was ich nur so ein bisschen nachvollziehen kann. Vielleicht kann ich es auch sehr gut nachvollziehen und rede mir nur meine Welt schöner, weil es so natürlich viel einfacher ist. Wer weiß das schon.

September 3rd, 2010 Posted in Gangster | 4 Comments »

Hood Rats

Es ist schon etwas anderes, wenn man morgens auf dem Weg zur Arbeit nicht nur das hässliche Bayer Schering Gebäude betrachten muss, während man schon wieder Visitenkarten wegen Auffahrunfällen an der gefährlichsten Kreuzung Berlins verteilt, sondern ausnahmsweise Mal am Wasser ist und das glücklich grün-schleimige Geplätscher der Spree einem vor der Nase rumglitzert. Ich meine, man kann sich ja in viele hässliche Dinge romantisch reinsteigern, die Spree ist definitiv keine davon, selten so furchtbar ungesundes Wasser gehabt, da schüttelt’s mich, in dem Fall kann man nicht einfach nur mehr “oh, typisch Berlin” sagen, das ist schon echt extrem scheisse eklig, diese Wurstbrühe.

Ich war trotzdem sehr glücklich, das Wasser zu sehen, da unten am Halleschen Tor, und in typischer Berlinmanier einen Anzugträger anzurempeln und ihn für seinen Spießer-Bourgoise-Job zu verurteilen. Das währte dann nur noch so lange, bis ich an der Französischen Straße ausstieg und mir bei Kaffee Einstein ungelogen einen Soja Cappuccino für 2,90 bestellte und mich dann innerlich darüber aufregte, wieso der Neue die Latte Art noch nicht richtig beigebracht bekommen hat, nur kurz bevor ich dann den Aufzug in mein anderes Leben betrat, kurz unter dem Anwaltsbüro und mit Ausblick auf die ganze Stadt in einem verglasten Komplex.

Aber immerhin nicht mehr lange.

September 1st, 2010 Posted in Berlin, Gangster | 2 Comments »

Why Our Jobs Are Getting Worse

True dat. Von The Guardian:

What makes this so interesting is not just that retailers employ more than one in 10 British workers, or that supermarket bosses such as Terry Leahy or Justin King are often mimicked by executives in other businesses. It’s that management thinkers such as Tom Peters and Charles Handy have spent decades telling us that the workplace of the future is a shiny, hi-tech grotto where people are free to exercise initiative and innovate. Yet the reality is that innovation is imposed on staff and where initiative is encouraged it’s within heavily circumscribed borders. Grugulis and her colleagues note how one manager broke with orders on displaying goods; the resulting layout was far better, and yet he implored the academics not to take photos for fear head office would find out.

Not all routine is bad. The commutes, the tea breaks – these make up the essential scaffolding of our working days. But when more and more of your work is claimed by routine and control, it becomes hard to bear, especially when you have the qualifications that entitle you to expect more.

August 31st, 2010 Posted in (Pop)Kultur | 2 Comments »

Traumwelten

Ein Weinfest in der Heimat: es wird getrunken, es wird getanzt, es wird geflirtet und alle halten sich – auf eine ganz familiäre Art und Weise – für das Coolste, was es gibt. Es ist Fashion Week ohne die Anonymität (und mit einer schlechten Tanzkapelle, die mir die Ohren bluten lässt).

Alte Freunde, bekannte Gesichter, falsches und echtes Lachen, kleine Dramen, viel beschämtes Weggucken, weil man sich dann doch nicht gut genug kennt, und zwei Jahre sind eine sehr, sehr lange Zeit… kleine Konversationen werden angeknuspert, und plötzlich ist da auch so eine kleine Erkenntnis, dass die Menschen hier gar nicht so anders sind als die in der Großstadt. Nur das mit den Träumen ist so gegenwärtig.

Alle haben so viele Träume. Sie reden von Existenzgründungen, von Selbstständigkeit; von Reisen und von Ausbrüchen und von der trägen Berechenbarkeit ihrer Leben. Sie treffen sich jährlich am Weinfest und haben ihren Spaß, ja, aber mit Wehmut in der Stimme. Ich bin wie ein Tampon, der diese Träume aufsaugt und verwirklicht, und sie werden es nicht Leid, mir das zu erzählen: du bist nach Berlin gezogen, du hast etwas anderes gemacht, du hast Geld verdient, du machst so eine Reise. Es erklingt kein Unglück, das nicht. Sie sind zufrieden und glücklich. Aber da ist so eine Sehnsucht, wie Träumer sie verpacken. Diese Konnotation des Unwirklichen, Unschaffbaren, Unrealistischen. Das ist ein Traum. Es wäre schön, aber es ist nicht. Schön ist, was wir hier haben. Damit muss man halt leben.

Ich finde nicht, dass das die schlechtere Variante ist zu leben. Überhaupt nicht: Gelegenheiten kommen und gehen im Leben, manche Menschen haben mehr Glück, es gibt keine Gerechtigkeit und mal sehen, wie zufrieden oder unzufrieden ich in fünfzehn Jahren bin. Aber darum geht es gar nicht. Es geht um die angeblichen Träume, denen man für ein glückliches Leben folgt. Ich bin glücklich. Ich bin jung, ja, da ist noch sehr viel Zeit für Unglück. Aber: Ich bin meinen Träumen nicht gefolgt. Weil es keinen konkreten Traum gab. Nur Hunger. Und Angst, sehr viel Angst, aber auch Entschlossenheit. Ich wollte machen, ich war ungeduldig, unzufrieden, und ich hatte Angst und ich habe immer noch Angst und ich werde wohl mein Leben lang Angst haben. Es ist so eine einfache und genauso berechenbare Formel gewesen wie das Einmaleins-Leben auf dem Land; es ist keine Pionierarbeit und es ist keine besondere Charakterstärke. Es ist nichts besonderes, aber im Kontrast wirkt es so.

In Berlin vergisst man das oft, weil so viele Menschen hergekommen sind, um Dinge umzusetzen. Ich sehe keine Träume in Berlin; maximal, wenn mir jemand Einsicht in seine Gedankenwelt gibt. Ich sehe nur Ergebnisse, ich sehe viel Kunst hier, ich sehe kreative Köpfe mit aufsteigendem Rauch aus den Ohrenkaminen, weil so viel gearbeitet wird. Eine unglaubliche Motivationsenergie, dieses kollektive “Schaffen”, nicht, weil man seine Aufgabe im Wirtschaftsrad unserer Gesellschaft erfüllt; vor allem wegen dem Hunger, den instinktiven Drang, diesen Hunger aber auch zu stillen und nicht nur auszuhalten.

Ja, es ist ein starker Kontrast. Nicht, weil hier Träume in Erfüllung gehen. Ich weiß nicht, was meine Träume sind. Ich weiß nicht, wie ich in 20 Jahren am zufriedensten bin – ich weiß nicht, was ich mal machen will, wenn ich groß bin. Ich mache einfach jetzt. Ich mache den ganzen Tag. Ich bin zukunftslos. Ich bin das schlechteste Vorbild, das man sich für ein Kind vorstellen möchte; aber in meiner Stimme erklingt keine Wehmut, zumindest noch nicht. Und ich gehe das Risiko ein, weil es keine Träume gibt, die ich mir verbauen könnte.

Vielleicht ja auch “Traum”, ein anderes Wort für Unzufriedenheit. Vielleicht sind Träume etwas für Unfallopfer, die keine Beine mehr haben und gerne wieder laufen möchten. Vielleicht sind Träume nur das, was wir in unserem Schlaf erleben. Vielleicht liege ich völlig falsch: vielleicht bin ich ein Loser der Träume, vielleicht nicht romantisch genug, vielleicht ist das aber auch nur eine Frage der korrekten Definition.

Vielleicht ist wirklich nur der Weg das Ziel, und alles andere völlig nebensächlich.

July 18th, 2010 Posted in Berlin, Gangster | 3 Comments »

43 Dinge: Back to the Future

Was muss man eigentlich tun, um sich wieder wie ein kleines Kind zu fühlen? Nach dem ganzen Arbeitsstress, der Verantwortung, den unnötigen Dates, den anstrengenden philosophischen Diskussionen– manchmal will man einfach die Zeit zurückdrehen. Und während andere eine Liste von Dingen zusammenstellen, die sie unbedingt vor ihrem Tod noch erleben wollen, stelle ich eine Liste zusammen, die es mir erlaubt, wieder dahin zurückzukehren, wo alles irgendwie noch in Ordnung war.

Kids

  1. Kaffee mit Kakao ersetzen. Kakao mit ganz viel Pulver, so viel, dass es sich kaum noch in der Milch auflöst.
  2. Samstag morgens Cornflakes essen und HeMan gucken. Und Saber Rider.
  3. Länger wach bleiben als man eigentlich darf.
  4. Schneeengel formen.
  5. Mit nackten Füßen durch nasses Gras laufen.
  6. Auf einen Kirschbaum klettern und kleine Mädchen mit Kirschkernen abwerfen.
  7. Vor dem Spiegel zu Popmusik tanzen und dabei in die Haarbürste singen.
  8. Einen Lieblingssong wieder und wieder laut abspielen.
  9. Alle Bücher verstauben lassen und Comics lesen.
  10. Einen Witz ohne Pointe erzählen.
  11. Spielregeln für Monopoly so ändern, dass man auf jeden Fall am Ende gewinnt.
  12. Mit wahllosen Dingen, wie etwa Stifte oder Pappschachteln, Familie spielen.
  13. Die Ritze im Bürgersteig vorsichtig überspringen.
  14. Sich extra Klamotten zum Toben anziehen.
  15. Erstmal ein bisschen nörgeln und dann Mittagsschlaf halten.
  16. Sich Strohhalme in die Nasenlöcher stecken.
  17. Milchshakes trinken.
  18. Ein schönes Märchen vorlesen lassen.
  19. Seifenblasen pusten.
  20. Nachtisch vor der Mahlzeit essen.
  21. Nachts in die Küche schleichen und da Eis aus dem Kühlfach naschen.
  22. Lieblings TShirt mit Lieblingshose anziehen, auch wenn die nicht zusammenpassen.
  23. Klettverschluss Schuhe tragen.
  24. Schöne Steine finden und aufheben.
  25. Jemanden mit Süßigkeiten für ein Spielzeug bestechen.
  26. Dem Hund das Gemüse geben.
  27. Geschichten ausdenken und Leuten erzählen.
  28. Versuchen, eine neue Farbe zu erfinden.
  29. Viel zu viel Zucker in den Tee schütten und es gut finden.
  30. Sich vor dem Schlafengehen weigern die Zähne zu putzen.
  31. Im Einkaufswagen sitzen (beim Einkaufen).
  32. Die ganze Zeit grundlos kichern.
  33. Sich mit den Geschwistern prügeln.
  34. Huckepack tragen lassen, wenn man zu müde ist um zu laufen.
  35. Im Auto einschlafen, auch wenn die Fahrt weniger als 10 Minuten dauert.
  36. Eine Junior Tüte bestellen und sich weigern, ein doofes Spielzeug zu nehmen.
  37. Offensichtlich in der Nase popeln.
  38. Im Sand spielen.
  39. Mit viel Anlauf über eine große Pfütze springen.
  40. Seinen Lieblingsfilm gucken und dabei mitsprechen können.
  41. Die Eltern fragen, wo man eigentlich her kommt.
  42. Blubberblasen mit dem Strohhalm machen.
  43. Räder schlagen.
September 8th, 2009 Posted in Uncategorized | 6 Comments »

Sinead’s Hand

Hm, ich bin ja kein besonders politischer Mensch. Das mit den Piraten ist ja mehr ein Trend, sozusagen eine Proteststimme meinerseits, als tatsächliches Interesse an der Politik, und letztendlich hat es bei mir nur dann etwas mit Leidenschaft zu tun, wenn es persönlich wird.

Sineads Hand

Daher bin ich immer sehr zurückhaltend, was Kommentare zu Parteien, Politik und so weiter angeht (mal abgesehen davon, dass meine Kommentare wenig hilfreich wären). Eben habe ich allerdings ein Video gesehen, dass es definitiv wert ist, mal ein Wort zu verlieren – vor allem, weil es einen durchaus zum nachdenken anregt. Das Video wurde in Irland gedreht und soll für die Rechte Homosexueller einstehen. Ich möchte es so ausdrücken: wenn Werbespots so gut wären, würde ich definitiv häufiger auch fernsehen. Und hier die politische Frage:  Wieso müssen Homosexuelle immer noch protestieren, für ihre Recht betteln?

Seitdem ich in Berlin wohne, bin ich mit vielen Leuten zusammen, die eine völlig andere Weltansicht haben als ich. Ich dachte früher, nur die letzten Dinosaurierer in Deutschland würden noch CDU oder SPD wählen, in die Kirche gehen und “sich nicht für Musik interessieren”. Ausgerechnet in Berlin, dem hedonistischen Gefilde der Seligen,  musste ich dann kapitulieren. Junge Menschen, gebildete Menschen, mit Verstand, Herz und Charme– das können Leute sein, die den Download von urheberrechtlich geschützten Dateien für Diebstahl halten, oder die einfach mit den Achseln zucken, wenn es um Atomkraft geht. Das sind Leute, die wissen nicht, was Blogs sind und keinen Lieblingsfilm haben. ICH MEINE, WIE KANN MAN KEINEN LIEBLINGSFILM HABEN?

Ja, für die meisten mag das jetzt keine Überraschung sein, jeder hatte schon mal das Vergnügen mit dem opportunistischen Streber in der Oberstufe, der in seiner Freizeit Junge Union Sticker verteilte. Damals dachte man, dass seine Eltern ganz schön kaputt gewesen sind. Ich meine, wem macht schon Politik Spaß? Natürlich wurde der dazu gezwungen, der Klaus! Und Klaus hat einfach bestimmt noch nie Zucker gegessen oder ein Schmuddelmagazin in der Hand gehalten.

Ich will das ja gar nicht verurteilen, auch wenn sich das in erster Linie so anhört. Am Anfang war das, wie schon erwähnt, einfach neu, nicht nur mit Gleichgesinnten zusammen zu sein. Sei es aus beruflichen Gründen oder einfach, weil man sich selbst auch ein bisschen ändert und aufhört, mit dem Kopf im Arsch die Welt zu betrachten. Also, keine Kritik. Im Gegenteil: diese Begegnungen haben mich in meinem eigenen Horizont bereichert. Ich kann nur hoffen, dass diese Begegnungen (mit mir) auch in irgendeiner Form bereichernd war, selbst wenn die meisten jetzt nur glauben, dass meine Frisur noch schlimmer ist als die von Wolle Petry.

Doch genau so ist es, wenn man sich sein Leben lang fragt, wer eigentlich diese drei Millionen Leute sind, die angeblich jeden Tag die Bild Zeitung lesen. Sind das alles Typen ohne Schulabschluss und Vokuhila? Sind wir/bin ich wirklich schon so verblendet in meiner eigenen Arroganz, dass ich in die gleichen Fallen tappe, die ich so großmäulig kritisiere?

Es ist gefährlich, Menschen den Maßstab anzulegen, den man für sich selbst in langer Arbeit erschaffen hat (und meistens merkt man gar nicht, wie hoch die Fluktuation der eigenen Prinzipien ist). Es ist vor allem dann gefährlich, wenn man nicht sieht, das man auf weiter Flur alleine da ist mit seiner Meinung, weil man ganz fest daran glaubt, dass man eines Tages diese ganzen Zurückgebliebenen ausrotten kann. Und schon wird das “irgendwann” zum “heute”, und die Bild Zeitung in den Händen der Menschen verschwindet aus dem Blickfeld und man sieht nur noch Gleichgesinnte, die das “doch einfach verstehen müssen“.

Freunde kann man sich aussuchen, Gesellschaftsformen, Maßstäbe von Moral und Normen allerdings nicht. Wer das versucht, erschafft sein eigenes Loch. Es hilft genauso wenig, Menschen neue und revolutionäre Technologien und Philosophien aufzudrücken, wie den Iraq einzunehmen und da Demokratie zu pflanzen, wo der Boden noch gar nicht vorbereitet ist.

Es frustriert mich, ja! Es frustriert mich, mit Menschen über Dinge zu diskutieren, nur um dann festzustellen, dass jegliche Logik einfach ausgesiebt und durch wertlose Meinungen und Überzeugungsarbeit ersetzt wird. Es bedrückt mich, weil ich weiß, es wird noch so lange Dauern, bis Homosexuelle gleiche Rechte haben und bis jeder gerafft hat, dass man alte Methoden zur Unterdrückung von Kriminalität nicht in heutigen Zeiten anwenden kann; aber ich will nicht die andere Partei unterschätzen. Und vor allem will ich nicht als letzte Wissen, wenn ich doch einen Denkfehler gemacht habe.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte: Jeder Mensch muss fünf Wochen damit verbringen, jeden Tag einem anderen Menschen zuzuhören, und zwar mindestens 50% des Tages. Vielleicht gibt es dann einige weniger, die sich mit Menschenbildern das Leben ausmalen.

September 6th, 2009 Posted in Uncategorized | 1 Comment »

Hell Yeah, ich sage nein.

In meinem Feedreader bin ich über einen sehr interessanten und einleuchtenden Artikel gestoßen: No more yes. It’s either HELL YEAH! or no.

When you say no to most things, you leave room in your life to really throw yourself completely into that rare thing that makes you say “HELL YEAH!”

We’re all busy. We’ve all taken on too much. Saying yes to less is the way out.

Der Autor beschreibt Situationen, in denen man sich zwar entscheiden sollte, aber nicht wirklich angetan ist von den Optionen. Zu oft sagt man zu Dingen dann Ja, die mein eigentlich gar nicht so überzeugend findet. Es muss nicht unbedingt eine falsche Entscheidung gewesen sein; aber es raubt einem Kraft, Energie, Zeit, wenn man sich ständig nur mit 70% Qualität begnügt, obwohl man genauso gut einfach mal Nein sagen könnte.

Und so kommt man zu einer gewissen Moral: Wenn es mich nicht voll umhaut und ich vor Ekstase stöhne, dann sage ich einfach Nein. Ein Beispiel:

“Hey, lass uns Sex haben!”

Vorher: “Ähh… okay, ich hab ja sonst nichts besseres zu tun..”
Nachher: “FUCK THAT SHIT, SUCKER!!”

Anhand dieses Beispiels sehen wir, dass Frauen diese Philosophie schon seit Anbeginn der Zeit verfolgen.

Aber mal im Ernst: Natürlich ist es manchmal nicht ein einfaches Schwarz/Weiß Verhältnis, das man mit lediglich Ja oder Nein beantworten muss. Es gibt Entscheidungen zu treffen, man muss planen. Manchmal muss man sich auf dem Weg zum Ziel mit weniger zufrieden geben, um das Ziel überhaupt zu erreichen. Die Frage, die sich stellt, ist ob das Ziel es das dann überhaupt wert ist? Ob man mit dieser Unzufriedenheit niemals das Ziel tatsächlich auch voll erreicht?

Ich weiß nicht, ob ich das so ausprobieren kann/will. Es gibt viele Dinge, die muss ich mir erstmal gut reden. Aber am Ende des Tages waren das die besten Entscheidungen meines Lebens (das, oder ich lebe auf einem Hof wo alle Ponys rosa sind und Uwe heißen). Ein bisschen mehr Nein kann sicherlich nicht schaden, aber ob diese Philosophie auf jeder Ebene gesund ist, wage ich zu bezweifeln.

August 27th, 2009 Posted in Uncategorized | 1 Comment »