"Girl gone wide."


Info

Posts tagged gesellschaft

Mit der unmittelbaren Vernetzung von Kulturen und dem schier endlosen Archiv an klassischer sowie gegenwärtiger Musik war es nur eine Frage der Zeit, bis Genregrenzen ein für alle Mal durchbrochen werden und Musik von jungen, konventionsignorierenden Künstlern auf neue Dimensionen stößt.

Bisher waren vor allem die demographischen Gegebenheiten ausschlaggebend für die Entwicklung von Musikrichtungen und verfiel (in meiner flachen Fantasie) den gängigen Klischees: aus England kommt die beste und innovativste Musik, in den USA wird sie glattproduziert und kommerzialisiert (BOYGROUPS), in Deutschland wird sie nur noch gekauft, niemals erschaffen (sogar Caught in the Act war keine deutsche Boygroup). Zumindest war das schon immer mein Anblick auf unsere Null-Gegenwarts-Popkultur. Weil aber Deutschland es schon selbst auf täglicher Basis schafft sich die Fresse einzuschlagen, werde ich zumindest für die nächsten Absätze vom Bashing absehen und mich auf das Wesentliche konzentrieren: was zur Hölle passiert gerade mit der im Zeitgeist liegenden Musik, und wieso?

Ich denke da an Schlagwörter, die sich wie eine Tagcloud bei Last.FM lesen: Synth, Synth’n'Bass, Hip Hop, Dirty South, Sampling, Dubstep, Grime, Garage, R&B, Chillwave, Lo-Fi, Indie, Filthy Dubstep, Drum’n'Bass, Bass Music, Post-Dubstep, Hyperdub, Post-R&B, Indie R&B, Prog-Step, Lovestep, Emotional Dubstep, Contemporary, Avant-Garde, Experimental Electronic, IDM… die Zahl der Begriffe erscheint mir endlos und die Möglichkeiten der Vermischungen geradezu pervers. Wenn man die Zweige und Knoten dieser “Genrenischen” aufmalen würde, hätte man ein ziemlich undurchsichtiges Spinnennetz auf Crack. Glaubt es mir, ich habe es versucht. Nicht Crack, sondern das Aufmalen. Aber auch Crack.

In den letzten Jahren hat sich vor allem ein Trend bis heute merklich zugespitzt: Dubstep schlägt ein, und zwar mit der Faust in die Wand durch Beton und Stahl und trifft den absoluten Nerv, zieht eine lange und komplexe Geschichte seiner Entstehung mit sich her. Während der Bastard, der irgendwann aus Garage und 2 Step heraus irgendwo in Südlondon entstand, sich erstmal mit Benga und Skream seinen Weg durch die Clubs etablierte, nestelte sich schon irgendwo ein kleiner Spuckefaden ab, der sich nahtlos in die aktuellen Musik-Zeitgeist Reports einfügen würde: der düstere, atmosphärische (von mir so betitelte) Heroin-Dubstep. Allen voran Burial und sein Label Hyperdub machten die Vorarbeit. Und immer war es die Bassline, die uns völlig entmachtete. Immer waren es die Drops aus dem Drum’n'Bass, die uns begeisterten, mit einem Sub-Bass, der immer eine Begleiterscheinung des Comebacks ist. Aber all das sind nur Möglichkeiten, denn Dubstep hat nie eine Einheitsform bekommen.

“Der Filth kloppt sich im Strobo bei 140 BPMs, harten Drops und gehirnzerfetzenden Wobbles wie damals schon Trance in den Schädel des Hörers. Burial jedoch schafft es, dem Zuhörer Melodien, Dramatik und die Enge eines Sarges zu vermitteln, ohne auf Tanzbarkeit zu verzichten. Es ist ein bisschen so, als würde man mit einer Nadel im Arm, kurz vor dem Gefühl des ultimativen Glückes, endlich verstehen, worum es bei elektronischer Musik aus Londons schäbigsten Puffs geht.” – Ich.

Und, das darf man nicht vergessen, schon immer hat sich der Dubstep dem Sampling bedient. Schon immer haben seine größten Macher in erster Linie bereits bestehendes gemixt, vielleicht auch vielmehr re-interpretiert, obwohl in den Anfängen die meisten Tracks als Instrumentals mit untergemischten Sounds aus Vocals gelten. Gerade Hip Hop und R&B Samples waren beliebte Fundamente für die krassesten Banger, und es erschließt sich auch warum: würde man ein kleines Diagramm malen, bei dem Dubstep den Mittelpunkt bildet, dann siedeln sich in unmittelbarer Nähe Grime und Garage an, welche nicht zuletzt sozusagen das Hip Hop der UK bilden. Und was für ein “Hip Hop”: hinter dem POW eines einzigen Songs versteckt sich die Gewalt tausender Ghettobomben. Dagegen wirken Tupac und Biggie wie ein händchenhaltendes Pärchen, das gerade auf einem weißen Einhorn den Strand heruntergaloppiert.

Es ist also nur Naheliegend, das Dubstep, einst selbst ein Hybrid, ein Experiment, zum Basislager aller Entwicklungen wird. Der Wobble, ein ziemlich charakteristisches Element des Dubsteps wird zum Trageflügel von Popsongs, das Tempo fluktuiert ohne BPM Restriktionen, die schönen Vocals, die aus gegenwärtigen Hip Hop oder R&B Nummern des Mainstreams gezogen werden, dominieren einen Track nun und machen ihn geschmeidiger, obgleich trotzdem spannend und anders, neu, fresh, rollend. Nur: es passiert nicht mehr ausschließlich in England.

Wie schon eingeleitet ist es vor allem die Vernetzung, die diese Entwicklung so schnell möglich macht. Londoner Jünglinge wie James Blake und Jamie XX, die gerade mal 20 Jahre und ein paar Monate hier oder da auf ihrem Buckel haben, setzen die Mainstream Pop Musik ihrer Generationen in einen neuen Kontext (ähnlich wie Grime Größen auf die Melodien ihrer Kindheit setzen – zum Beispiel Konsolenspiele). Und so vermischen sich nicht nur Genres, sondern auch Kulturen, denn gerade der zuletzt noch als “kitschige, seichte” bezeichnete R&B aus den USA findet nun eine Chance, die Hürden seiner Schmalzigkeit zu überwinden, nämlich inmitten der pumpenden Beats der Engländer.

Die TAZ schreibt, dass beispielsweise SBTRKT diesen Prozess verschönert hat – die glattgezogene, massentaugliche Produktion – indem er Dubstep poppiger macht und seinen Fokus auf die Vocals setzte. Mag sein, dass jetzt erst das alles die Oberfläche des Mainstreams erreicht, aber neu ist das nicht, nur eben durchdachter (ähnlich wie Skrillex den Filth in den USA vorantreibt und dort auch noch als Revolutionär gefeiert wird).

SBTRKT hat Dubstep aus dem Untergrund geholt und in die Mitte geschoben. Die seltsamen Sounds und Samples, die er dennoch einsetzt (hier sowohl an Skream und Burial als auch an Hudson Mohawke erinnernd), werden also auf seinem Album durch die polierten R&B-Vocals auf Linie gebracht. Natürlich spiegelt diese Beschreibung auch Hörgewohnheiten wider: Durch Dubstep und Produzenten wie Burial ist man es so gewöhnt, dass Gesang verhackt und untergemischt wird, dass man es, wenn sie mal wieder im Vordergrund stehen, als “antiexperimentell” ansieht.

SBTRKT hat Dubstep aus dem Untergrund geholt? Bitch please. Da hab ich ja mehr für getan.

Ich würde nichts an getaner Arbeit SBTRKT zuschreiben wollen. Er ist, genauso wie Jamie Woon einfach kalkuliert (und zwar mit höchster Wahrscheinlichkeit von dem Label, auf dem SBTRKT erschienen ist: Young Turks, die schon The XX, Sampha und nicht zuletzt Creep auf der Rolle haben – alles neue Acts, die sich irgendwo in diesem Bereich der Musik befinden). Und ich finde es sogar sehr gut: die Präzision des Sounds ist für andere Momente geeignet, als es Dubstep vor Monaten noch war. Ihn als Wegbereiter für ästhetischen Pop-Sound zu titulieren finde ich aber ein bisschen weit hergeholt. Wegbereiter sind für mich Produzenten wie Flying Lotus oder Hudson Mohawk, die schon mal eine intelligente, elektronische Ebene fanden, den musikalischen Ozean zu überwinden.

Die Musiknazis unter uns möchten jetzt mit Scheisse werfen, weil sie der Meinung sind, dass dies und das kein Dubstep ist, das ist zu Kommerz, das nächste zu Pop, und ach, wie langweilig. Das ist nicht Kern der Diskussion: Kern ist, wohin es geht. Und was kein Dubstep ist (oder von mir aus auch kein R&B, wobei ich selten jemanden erlebe, der R&B verteidigt), muss ja nicht schlecht sein; es braucht nunmal Zeit, um solche Titel wie “Post-Dubstep” zu vergeben und darauf zu hoffen, dass sich jemand was besseres einfallen lässt.

Und dann gibt es ja auch noch den harten Angriff von der anderen Seite, denn die ästhetische Vorgabe mag aus England kommen, aber der wichtige Knackpunkt ist in den USA geboren: auch der R&B bedient sich, und das nicht zu bescheiden. Der Kanadier Abel Tesfaye, der hinter dem Alias “The Weeknd” steht, hat schon etwas länger begriffen, dass die Summe aus Chillwave-Atmosphäre, Hip Hop Lyrics und englischen Breaks wunderbar funktioniert. Oder etwa die Schweden jj, deren Songs sich anhören wie vom Nebel verdichtete Träume, übersungen von einer süßlichen, weiblichen Stimme – und diese Stimme bedient sich hauptsächlich der Lyrics kontemporärer US-Rap Songs.

Es sind nicht mal mehr Remixe – es sind Interpretationen, Reworks, Rekontextualisierungen von Außen. Sie nehmen sich das, was sie im Fernsehen und im Radio hören (und in ihrer Jugend/Kindheit gehört haben) und mischen es mit ihren kostengünstigen Synthesizern und Mix-Programmen auf Apple Produkten rund. Das sind die Produzenten von heute. Addiert man darauf den konventionellen R&B, der sich hier und da die Spritze der Innovation setzt (Künstler wie The-Dream stehen ganz oben auf meiner Liste der wichtigsten kontemporären Urban Music Künstler, was vielleicht auf ersten Blick nicht ersichtlich ist), so erkennt man dass es sogar viel mehr als nur zwei oder drei parallele Entwicklungen sind: scheisse, die Entwicklungen selbst laufen ineinander und haben nicht mal mehr Zeit sich vollständig zu entfalten, bevor sie in den nächsten Mixer geworfen werden (und das dann auch von allen Beteiligten, international).

Vielleicht war es auch das latente Verstecken hinter dem Konsens “wenn es ironisch gemeint ist, darf man es auch” – vielleicht wurden R&B Samples mit stark dominierenden Vocals experimentell mit dem Vorortprodukt Dubstep vermischt, weil sich die Arbeit nicht mehr für ihre Queerness schämen muss. Everything goes.

Diesen Prozess der sich vermischenden Einflüsse und Inspirationen hat für mich einen immensen Wert. So sehr ich den minimalen, fast schon beruhigenden Techno Berlins Liebe, irgendwann kann man mich nicht mehr mit Drogen betäuben und mir erzählen dass es jetzt genau das richtige ist, 8 Stunden lang auf dem gleichen Beat zu tanzen. Irgendwann ist damit Schluss. Und das haben auch viele DJs in der Stadt schon kapiert. Zwischendrin blitzen kleine große Songs aus, die man sonst nur “aus dem Internet” kennt.

Wie gesagt, all das passiert nun unabhängig von lokalen Grenzen, denn die Musik spielt sich auf Plattformen wie YouTube und Soundcloud ab. Immer mehr und mehr mischt sich die Vergangenheit mit der Gegenwart (die Retromanie scheint kein Ende zu nehmen), aber wie verrückt, dass sich die Gegenwart mit… der Gegenwart selbst vermischt! Bei dem Gedanken an die Explosionen, die hier kulturell noch stattfinden werden, kriege ich Gänsehaut. Aber auch Angst: denn noch gehören zum Mischen von Einflüssen nunmal die Einflüsse selbst. Rein subjektiv beobachte ich gerade eine Tendenz zum “Verwaschen” aller Inspirationen, die aus dem Leben selbst stammen, sprich: aus Erziehung, Umgebung, sozialem Stand und all den anderen Faktoren, die dazu gehören. Wenn unsere Charts in einigen Jahren von den Trends im Netz regiert werden, was bleibt dann in den darauffolgenden Zeiten noch, um darauf aufzubauen? Spielen wir das Spiel durch: je jünger das Internet wird, und je weiter es sich ausbreitet, wie viel Raum für Kreativität bleibt dann noch ohne einen leeren Fleck im Individuum?

Divine Interface: I grew up on bass-heavy Southern Country rap – Cash Money Millionaire stuff, or Pastor Troy, or DSGB (Down South Georgia Boys), Three Six Mafia. But being a child of the internet, I was soaking in all kinds of media growing up – I was in a hardcore band, I was into jazz, I was collecting records. I remember once reading an interview with Flying Lotus and he talked about UK dubstep, so I got big into people like Burial and James Blake. Then I found all the LuckyMe stuff – Hudson Mohawke, Rustie, Lunice. Those dudes are really tripping me out, because you can tell they listen to rap music too. It’s all on the same page, just in a different city.

Kids in South London in what’s considered the hood are just making music with whatever they have – and it’s the same with the kids in Atlanta, making trap-rap beats on Fruity Loops. That’s essentially where the Ghetto Lo-Fi came from. When you listen to rap demos or rap mixtapes in the South, it sounds like it was recorded in someone’s living room. It’s got that rawness to it. But when we found all the bedroom pop producers like Ariel Pink and Washed Out called that “lo-fi” – to us, it sounded like the same thing. Same raw edge. (Dazed Digital)

Jeder, der einen vielschichtig geführten Feedreader besitzt oder im Internet arbeitet merkt selbst, wie stark die Tendenz zum Einheitsbrei ist: immer sind es überall die gleichen Themen. Wie können wir Kultur, oder spezifisch: Musik, davor bewahren, sich in einer Uniform zu verstecken? Ist das überhaupt ein realistisches Problem, oder nur meine ganz persönliche Medien-Dystopie?

Acts wie Death Grips geben mir Hoffnung darauf, dass es nicht so sein muss. Ich glaube jedem, der sagt, dass das die furchtbarste Verstümmlung von Breaks und Raps ist, die er je gehört hat. Für mich ist das die ultimative Euphorie, denn es ist innovativ und neu und stellt euch vor, wie ich verrückt werden würde, wenn das mal ein risikofreundlicher DJ im Bumsbunker spielen würde! Und gleichzeitig freue ich mich auch darauf, dass Lovestep nach einigen Jahren des unterschwelligen Herumduseln in irgendwelchen geheimen Locations in London es auch endlich in das Gehör aller Passanten schafft.

Lovestep – meine aktuelle Lieblingsabzweigung – es ist nichts anderes als emotionale Musik, auf die man tanzen kann. Irgendwo zwischen 120 und 140 BPM. Jungs wie Jacques Greene können das ziemlich gut. Der kommt aus Kanada, also ganz weit weg von England. Aber das ist völlig egal, denn alles, was er braucht, um diesen Sound zu machen, ist eine gute Internetverbindung.

by yeahs in (Pop)Kultur Musik


Es ist diese Moral des Wissens, die einen so verrückt macht, die Lehre der Toleranz und dieses dringende Verstehen, das einem schon von Kleinauf beigebracht wird. Wir sollen ja einerseits so vielseitig wie möglich ein Problem oder eine Situation betrachten, aber andererseits muss man ja auch mal radikal die Faust in die Luft strecken und alles niedertreten, was einem in den Weg kommt, um sich überhaupt vorwärts zu bewegen.

Ich, die Queen der Pauschalmeinungs-Vereinigung, kriege es nicht auf die Reihe mich jenseits dieser zwei Positionen zu bewegen. Einerseits bin ich sehr wohl für radikale Leidenschaft und Revolution und Veränderung und vor allem bin ich dafür, dass man gehört wird, egal, wie dumm und dämlich und unpassend man sich ausdrücken mag. Wenn es weh tut, dann muss man dafür sorgen, dass es besser wird, und dafür ist jeder einzelne Mensch von Canada bis zum Kosovo verantwortlich. Deshalb flattern ja auch meine Fingernägel blutig aus ihrem Bett, wenn sich die Politik wieder in ihren Diskussion um Political Correctness lähmt. Das ist eine Vollbremsung auf der linken Spur, ein Stoppschild da, wo die Bahn eigentlich frei für Veränderungen in eine bessere Welt durchziehen soll. Ja, das ist Scheisse, weil wir seit gefühlten Ewigkeiten etwas gegen Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern tun, uns dann aber wieder in Rhetorik verstricken, so lange, bis wir schon vergessen haben, worum es ursprünglich ging. Oder ach, diese ewige AKW-Diskussion, dafür, dagegen, ja, nein. Bewegung gut, Konsequenzen nicht so sehr. Radikal am Anfang, langsam und wieder politisch und wirtschaftlich korrekt am Ende – querschnittsgelähmt von Formalitäten, Bein gestellt vom System.

Andererseits will ich auch Devil‘s Advocate sein, selbst, wenn ich zu einem Thema eine feste Meinung habe. Wieso ist das so? Warum denkt mein Gegenüber anders darüber? Welche Vorteile zieht die andere Seite für sich, warum stehe ich nicht auf der anderen Seite, mit welchen Prinzipien hängt das zusammen, und wenn wir wirklich über ein übergeordnetes Prinzip von Macht (Staatsgewalt, etc.) reden: wieso lässt sich dieses System nicht ändern? Wer hat das überhaupt bestimmt, dass wir jetzt so leben, wie ich es nicht will? Und wie kann ich diese Gruppe davon überzeugen, dass meine Perspektive die bessere ist? Viel interessanter noch: wie will mich diese Gruppe davon überzeugen, dass ihre Einstellung zum Thema die bessere ist?

Ich will beim Angriff bewaffnet sein, will die Schwachstellen aller Argumente kennen, möchte meinen Gegner in einer (mir wichtigen) Diskussion nicht nur rhetorisch zerfetzen sondern auch überzeugen können. Ich möchte nicht damit bloßgestellt werden, dass ich eigentlich keine Ahnung habe, deshalb will ich nicht viel über Dinge streiten, von denen ich nicht genug weiß. Ich will richtig streiten und am Ende als Gewinner herausgehen, belehren, sagen: so ist das, weil alle deine Argumente in der großen Schlacht gegen meine ihres Fundamentes enthoben wurden, und während sie auf dem Boden liegen und noch ein bisschen nach Luft zappeln und Blut aus ihren Augen und Nasen läuft und sie bedauernd und klagend und jämmerlich zu meinen hochstarren und um Gnade beten, ficken wir sie noch mal richtig hart. Anale Grande. So will ich das.

Und wenn ich das nicht kann, dann habe ich entweder meine Hausaufgaben nicht richtig gemacht zu einer Sache, die ich unterstütze/gut finde, oder ich stehe schlicht und einfach auf der falschen Seite. Das ist der Schluss, zu dem ich komme. Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen, weil hey, ich bin nicht Allwissend.

Aber das ist nun mal das Problem bei so einer Einstellung: man muss sich entscheiden. Das eine sagt „lass dich flüssig treiben in der Flut aller Themen dieser Welt und entscheide dich weise und bewusst und bedacht für das, was du gut findest und für was du deine Zeit investieren möchtest, auch wenn das bedeutet, dass du immer mal wieder dir selbst widersprechen wirst und sich eigentlich nie etwas bewegen wird, weil du nicht emotional, sondern rational agierst.“ Das andere sagt: „FICK DIE GANZE WELT MIT DEINEM SCHWERT UND SETZE VERDAMMT NOCH MAL UM WAS DU GUT FINDEST, SONST KOMMEN WIR NIE VORAN!“

Ohne daran zu zweifeln, dass es mir an spontaner Leidenschaft oder an jugendlicher Rebellion mangelt – das äußert sich an anderen Stellen dann – tendiere ich immer und immer weiter in die Richtung, Dinge zuerst einmal abzuwägen, bevor ich mit in den Partybus steige. Und ich habe damit ein Problem, weil es natürlich sinnlos ist, in Hypothetik zu leben. Man muss aktiv sein, mit Bewegung, mit Elan und viel Ausdauer und natürlich Antriebsenergie, die die ersten Hügel noch hochkatapultieren kann. Aber blinde Wut schafft einfach nicht mehr als das – und nach dem ersten Sprint versinken wir wieder in einem Sumpf von Diskussionen, werden wieder ausgebremst (vielleicht auch von Menschen wie mir), die viel zu sagen und abzuwägen haben, weil sie nichts kaputt machen wollen, was vielleicht heute ganz gut ist und morgen von unserem naiven Einsatz zerstört.

Und ich lache mich selber aus für so viel Leidenschaft für Metadiskussionen – es ist eben die Sprache und der Umgang, die mich noch am meisten daran interessieren, wie Menschen sich innerhalb eines geschlossenen Systems miteinander verhalten, wie solche Dinge wie Abkommen und Vereinbarungen schon in ganz kleinem Kreis entstehen und wie man sich dann gegenseitig auf die Fresse hauen will, weil man zwar ein gleiches Weltbild hat, aber jeweils auf ganz andere Weise dahin kommen möchte.

Vielleicht muss ich mindestens damit aufhören, Leuten im Weg zu stehen, die in absoluter Überzeugung herausbrüllen, was in ihren Herzen und Köpfen steckt – Jugendliche sind da immer besonders eloquent. Vielleicht macht es ja gar nichts, dass ihre Ideen und ihre Ideologien nicht umsetzbar sind, vielleicht brauchen wir nur impulsive Schübe, die uns daran erinnern, dass wir alle mal jung und verträumt waren um auch im Alter noch jung und verträumt sein zu dürfen.

by yeahs in Crystal Meth State of Mind Gangster


Ich frage mich bei diesem Artikel vor allem, ob das nur auf Lesben beschränkt ist (gibt es weniger Lesben als Schwule? Gibt es mehr Nischen und “Gruppierungen” auf der männlichen Seite?), oder ob das wirklich ein zeitgenössisches allround Problem ist, dass man Homosexualität als eigene Randgruppe betrachtet und dabei aber übersieht, dass es sich hierbei nicht um Anhänger eines bestimmten Glaubens oder Trendmitläufer handelt.

Coming out as a lesbian is not, as many straight people seem to think, akin to entering an exclusive, trendy club, where inhibitions are chucked aside along with bras. Is it possible that we’ve become too liberal to admit that being gay is still hard? The other day my mum came out on my behalf to one of her girlfriends, who said: “Wow, you got one! Congratulations.” But for me, being accepted by the straight world doesn’t equal happiness.

As a lesbian, meeting a partner can be fraught. Finding a compatible woman is one thing; discerning whether or not she’s gay is another. Unless, of course, you turn to the gay scene. But I don’t want to define myself by my sexuality. I think my penchants for Curb Your Enthusiasm, Mexican folk art and camembert are more significant markers of my personality than whom I choose to go to bed with.

So, yes, it makes me sad that it is so hard to meet gay women other than via The Scene. Like any group or culture formed as a result of persecution, the gay scene is isolated, and often bitter. Gay and straight can be a real us-and-them situation. This is so frustrating if all you want to be is yourself.

Leider war das auch immer so ein Grund für mich, wieso ich Veranstaltungen wie den CSD nicht mehr richtig ernst nehmen kann und diese Überidentifizierung extrem dumm finde. Ich stehe nicht auf und stelle mich als “Hallo, ich bin Sara und heterosexuell” vor, viele Homosexuelle machen das (mal unabhängig vom Aussehen, das muss noch lange nichts über sexuelle Präferenzen sagen). Der CSD ist heute zwar vor allem ein politischer Protest der über “aktzeptiert uns als Menschen” hinaus geht, spaltet aber wieder Menschengruppen auf; oder wie wär’s mit einer Hetero-Parade?

Nicht, dass man den CSD abschaffen sollte, so wie er ist; von mir aus feiert weiter, von mir aus zelebriert und ich bin die letzte, die etwas dagegen hat, ach was, ich bin sogar dabei. Ich will nur sagen: dieses ihr und wir. Das nervt mich in jeder Situation. Es nervt mich auch, wenn jemand, der 50 Kilo abgenommen hat, plötzlich nur noch “die, die mal 50 Kilo abgenommen hat” wird, und nicht mehr “oh, sie kocht gerne und geht gerne ins Kino und ist Profischwimmerin”.

Aber vielleicht ist das ja auch gar nicht so, und ich interpretier wieder viel Schwachsinn in etwas, was ich nur so ein bisschen nachvollziehen kann. Vielleicht kann ich es auch sehr gut nachvollziehen und rede mir nur meine Welt schöner, weil es so natürlich viel einfacher ist. Wer weiß das schon.

by yeahs in Gangster


Es ist schon etwas anderes, wenn man morgens auf dem Weg zur Arbeit nicht nur das hässliche Bayer Schering Gebäude betrachten muss, während man schon wieder Visitenkarten wegen Auffahrunfällen an der gefährlichsten Kreuzung Berlins verteilt, sondern ausnahmsweise Mal am Wasser ist und das glücklich grün-schleimige Geplätscher der Spree einem vor der Nase rumglitzert. Ich meine, man kann sich ja in viele hässliche Dinge romantisch reinsteigern, die Spree ist definitiv keine davon, selten so furchtbar ungesundes Wasser gehabt, da schüttelt’s mich, in dem Fall kann man nicht einfach nur mehr “oh, typisch Berlin” sagen, das ist schon echt extrem scheisse eklig, diese Wurstbrühe.

Ich war trotzdem sehr glücklich, das Wasser zu sehen, da unten am Halleschen Tor, und in typischer Berlinmanier einen Anzugträger anzurempeln und ihn für seinen Spießer-Bourgoise-Job zu verurteilen. Das währte dann nur noch so lange, bis ich an der Französischen Straße ausstieg und mir bei Kaffee Einstein ungelogen einen Soja Cappuccino für 2,90 bestellte und mich dann innerlich darüber aufregte, wieso der Neue die Latte Art noch nicht richtig beigebracht bekommen hat, nur kurz bevor ich dann den Aufzug in mein anderes Leben betrat, kurz unter dem Anwaltsbüro und mit Ausblick auf die ganze Stadt in einem verglasten Komplex.

Aber immerhin nicht mehr lange.

by yeahs in Berlin Gangster


True dat. Von The Guardian:

What makes this so interesting is not just that retailers employ more than one in 10 British workers, or that supermarket bosses such as Terry Leahy or Justin King are often mimicked by executives in other businesses. It’s that management thinkers such as Tom Peters and Charles Handy have spent decades telling us that the workplace of the future is a shiny, hi-tech grotto where people are free to exercise initiative and innovate. Yet the reality is that innovation is imposed on staff and where initiative is encouraged it’s within heavily circumscribed borders. Grugulis and her colleagues note how one manager broke with orders on displaying goods; the resulting layout was far better, and yet he implored the academics not to take photos for fear head office would find out.

Not all routine is bad. The commutes, the tea breaks – these make up the essential scaffolding of our working days. But when more and more of your work is claimed by routine and control, it becomes hard to bear, especially when you have the qualifications that entitle you to expect more.

by yeahs in (Pop)Kultur


Ein Weinfest in der Heimat: es wird getrunken, es wird getanzt, es wird geflirtet und alle halten sich – auf eine ganz familiäre Art und Weise – für das Coolste, was es gibt. Es ist Fashion Week ohne die Anonymität (und mit einer schlechten Tanzkapelle, die mir die Ohren bluten lässt).

Alte Freunde, bekannte Gesichter, falsches und echtes Lachen, kleine Dramen, viel beschämtes Weggucken, weil man sich dann doch nicht gut genug kennt, und zwei Jahre sind eine sehr, sehr lange Zeit… kleine Konversationen werden angeknuspert, und plötzlich ist da auch so eine kleine Erkenntnis, dass die Menschen hier gar nicht so anders sind als die in der Großstadt. Nur das mit den Träumen ist so gegenwärtig.

Alle haben so viele Träume. Sie reden von Existenzgründungen, von Selbstständigkeit; von Reisen und von Ausbrüchen und von der trägen Berechenbarkeit ihrer Leben. Sie treffen sich jährlich am Weinfest und haben ihren Spaß, ja, aber mit Wehmut in der Stimme. Ich bin wie ein Tampon, der diese Träume aufsaugt und verwirklicht, und sie werden es nicht Leid, mir das zu erzählen: du bist nach Berlin gezogen, du hast etwas anderes gemacht, du hast Geld verdient, du machst so eine Reise. Es erklingt kein Unglück, das nicht. Sie sind zufrieden und glücklich. Aber da ist so eine Sehnsucht, wie Träumer sie verpacken. Diese Konnotation des Unwirklichen, Unschaffbaren, Unrealistischen. Das ist ein Traum. Es wäre schön, aber es ist nicht. Schön ist, was wir hier haben. Damit muss man halt leben.

Ich finde nicht, dass das die schlechtere Variante ist zu leben. Überhaupt nicht: Gelegenheiten kommen und gehen im Leben, manche Menschen haben mehr Glück, es gibt keine Gerechtigkeit und mal sehen, wie zufrieden oder unzufrieden ich in fünfzehn Jahren bin. Aber darum geht es gar nicht. Es geht um die angeblichen Träume, denen man für ein glückliches Leben folgt. Ich bin glücklich. Ich bin jung, ja, da ist noch sehr viel Zeit für Unglück. Aber: Ich bin meinen Träumen nicht gefolgt. Weil es keinen konkreten Traum gab. Nur Hunger. Und Angst, sehr viel Angst, aber auch Entschlossenheit. Ich wollte machen, ich war ungeduldig, unzufrieden, und ich hatte Angst und ich habe immer noch Angst und ich werde wohl mein Leben lang Angst haben. Es ist so eine einfache und genauso berechenbare Formel gewesen wie das Einmaleins-Leben auf dem Land; es ist keine Pionierarbeit und es ist keine besondere Charakterstärke. Es ist nichts besonderes, aber im Kontrast wirkt es so.

In Berlin vergisst man das oft, weil so viele Menschen hergekommen sind, um Dinge umzusetzen. Ich sehe keine Träume in Berlin; maximal, wenn mir jemand Einsicht in seine Gedankenwelt gibt. Ich sehe nur Ergebnisse, ich sehe viel Kunst hier, ich sehe kreative Köpfe mit aufsteigendem Rauch aus den Ohrenkaminen, weil so viel gearbeitet wird. Eine unglaubliche Motivationsenergie, dieses kollektive “Schaffen”, nicht, weil man seine Aufgabe im Wirtschaftsrad unserer Gesellschaft erfüllt; vor allem wegen dem Hunger, den instinktiven Drang, diesen Hunger aber auch zu stillen und nicht nur auszuhalten.

Ja, es ist ein starker Kontrast. Nicht, weil hier Träume in Erfüllung gehen. Ich weiß nicht, was meine Träume sind. Ich weiß nicht, wie ich in 20 Jahren am zufriedensten bin – ich weiß nicht, was ich mal machen will, wenn ich groß bin. Ich mache einfach jetzt. Ich mache den ganzen Tag. Ich bin zukunftslos. Ich bin das schlechteste Vorbild, das man sich für ein Kind vorstellen möchte; aber in meiner Stimme erklingt keine Wehmut, zumindest noch nicht. Und ich gehe das Risiko ein, weil es keine Träume gibt, die ich mir verbauen könnte.

Vielleicht ja auch “Traum”, ein anderes Wort für Unzufriedenheit. Vielleicht sind Träume etwas für Unfallopfer, die keine Beine mehr haben und gerne wieder laufen möchten. Vielleicht sind Träume nur das, was wir in unserem Schlaf erleben. Vielleicht liege ich völlig falsch: vielleicht bin ich ein Loser der Träume, vielleicht nicht romantisch genug, vielleicht ist das aber auch nur eine Frage der korrekten Definition.

Vielleicht ist wirklich nur der Weg das Ziel, und alles andere völlig nebensächlich.

by yeahs in Berlin Gangster


So voll das Internet auch mit Scheisse ist und mich jeden Tag ein Stück näher zur ultimativen Misanthropie-Königin macht, so ist es auch manchmal ein Ort voller kleiner Geschenke. Zach Anner ist so ein Geschenk.

Zach Anner ist ein Filmemacher und Entertainer, der sich bei einem Oprah-Contest für eine eigene TV-Show in den USA angemeldet hat. Seine Idee? Die Welt zu bereisen und jedem zu zeigen, dass es auch im Rollstuhl keine Grenzen geben muss (er sitzt nämlich aufgrund von Kinderlähmung in einem. Übrigens, sollte ich jemals ein einem Rollstuhl sitzen, werde ich mein Gefähr nur noch Handicapmobil nennen).

Der Typ ist absolut großartig. Diese herrliche Selbstironie, diese Ehrlichkeit, und auch die Idee sind voll überzeugend und mega sympathisch. Vor allem die Reddit-Community hat sich sehr bemüht, Zach im Contest so viele Votes wie machbar zu ermöglichen- Anonymous hat sich später auch eingeklinkt und weitere (schlechte!) Konkurrenten hochgevotet, erstmal, damit die Zahlen nicht so fake aussehen, und zweitens, weil Oprah die fünf ersten zu einem Interview einlädt und Zach neben den bescheuerten Ischen die von 4chan nach vorne gehypt wurden einfach am besten aussieht.

Leute wie Zach machen, dass auch Leute wie ich, die solchen sensiblen Themen lieber aus dem Weg gehen um kein bedröppeltes Gesicht zu machen und unangenehm mit dem Schuh im Sand nach Schätzen wühlen, sich auch mal auseinandersetzen. Es muss nicht immer gleich steif und ernst sein, es reicht, wenn die Message rüberkommt: Alter, ick bin jenau so wie du, nur lustiger.

Schaut euch die Videos von Zach Anner an- es gibt keine schlechten Tage mehr, solange dieser Typ seinen Humor mit der Welt teilen kann. Thank you Zach!

by yeahs in Ohne Worte

Park. Sonne. Augen in Schlitzmodus, um das grelle Licht nur gefiltert durchzulassen. Aber in der Öffentlichkeit ist man nie alleine, und die Ruhe ist nur eine ungreifbare Gestalt: Schnorrer, die einen so lange belästigen, bis man ihnen das Kleingeld quer durch die Nasenlöcher ins Gehirn schieben will um sie an ihrer Sucht verbluten zu sehen. Penetrante Pfandflaschensammler, mit denen man sich um halbvolle Colaflaschen streiten muss und sich schließlich für acht Cent bestehlen lassen. Betrunkene die auf die wunderschöne neue Picknickdecke die Brocken ihres hässlichen Lebens kotzen.

Als Marouf sich zu uns setzt, bauten wir gerade feine Dinge. Er fragt, in schlechtem Englisch: kann ich hier sitzen mit euch? Wir gucken ihn nicht an, zucken mit den Schultern. Wahrscheinlich will er sich selbst auf unser Leckerschmecker einladen. Oder uns schlechten Vogelsand verkaufen. Wir haben ihm nichts zu sagen, aber wir ärgern uns über unsere Feigheit “verpiss dich!” zu rufen. Lassen ihn neben uns Platz nehmen. Wir überlegen, aufzustehen, aber die harte Sonne drückt uns ins Gras zurück. Ich spiele mit einem trockenen Halm. Ich packe den Spliff weg. Vielleicht geht er ja bald wieder, dann müssen wir nicht zusehen, wie er uns offensichtlich angeiert.

Er fragt uns über unsere Leben aus. Wie wir Berlin finden. Wie wir den Mauerpark finden. Wo wir wohnen. Was wir machen. Wir pressen unsere Antworten zwischen genervten Zähnen heraus. Er geht nicht, er lächelt, und wartet geduldig in unserer eisigen Stille. Geduld, die wir nicht haben. Wir zünden an, er lacht: “Marihuana is bad for you”. Unsere Skepsis weicht der Entspannung um einige Milimeter. Er redet. Wir reden. Es bringt nichts, zu Schweigen. Vielleicht geht er ja, wenn wir ihm ein bisschen Aufmerksamkeit schenken.

Aber er geht nicht. Marouf sitzt neben uns, die Schweißperlen auf seiner Haut reflektieren die Sonne in einem direkten Strahl in unsere toten Augen hinein. Wir blicken ihn nicht an, wir sind unangenehm berührt. Er ist nicht aufdringlich. Kleine Geschichten in der Hitze – aus Gambia kommt er. Will ein gutes Leben hier finden. Wir lachen: ja, wir auch. Marouf sollte als Soldat kämpfen. “A soldier must die” – aber er wollte nicht sterben. Jetzt kann er nicht mehr zurück. Er redet darüber, dass ihn alle Leute wegschicken, wenn er auf sie zugeht. Er sagt: “thank you for letting me sit here with you, thank you for talking to me”. Mein Magen verkrampft sich. Ich würge innerlich, weil der Ekel meiner eigenen Gedanken nicht mehr auszuhalten ist.

Marouf kann es sich nicht erklären, dass sich ein Deutscher neben ihn – neben uns – setzt und ihn nach Drogen fragt. Wir versuchen, ihn wegzuschicken, aber schüttelt den Afrikaner: “Fremder, jetzt sei mal nicht so und rück ein bisschen Gras her, ich bezahl auch!” Ich schäme mich für mich, für ihn, für alle. Marouf guckt uns mit einem traurigen Lächeln an: “I don’t know why they don’t like me. Maybe because I look different. I think maybe I am sick. I go to the doctor to test, five month ago” Er erzählt uns mit roten Augen, dass er seine Ergebnisse seit fünf Monaten hat- aber keiner sie für ihn übersetzen möchte. “I go to people, I ask, can you read this? But they always say: no, no! Go away!” Wir sind still. Wir sind diese Menschen.

Nach einigen Minuten fragt er, ob er seine Papiere nächste Woche mitbringen kann, damit wir darauf gucken können. Ich frage ihn, ob er weit weg wohnt. Wenn er möchte- wir sind noch lange hier. Ich ekel mich wieder vor mir selbst, möchte jetzt nur noch Blut kotzen und gesteinigt werden, weil ich nicht weiß ob ich ihm aus Mitleid helfe oder weil ich ihn mag. Er fängt an zu zittern. “Yes, yes, I go now!” Er rennt die Strecke. Nach fünfzehn Minuten ist er wieder da.

Er hat fünf Monate lang darauf gewartet zu erfahren, dass er HIV negativ ist. Fünf Monate.

Er lächelt erleichtert. “This is the best day of my life. You are good people.” Ich bete, dass wir auf der Stelle sterben. Ich lächele: “We try.”

Einen Nachmittag im Gras, gefüllt von unbedeutsamen Anekdoten aus den Leben unterschiedlicher Gestalten, irgendwo in der Hauptstadt in einer zivilisierten Welt, wo Toleranz und Aktzeptanz großgeschrieben werden. Wir regen uns über Rassismus auf, wie verurteilen Vorurteile, wir stempeln die Ungebildeten ab, die Trolle der Gesellschaft, die Minderbemittelten, die nicht die Erziehung genossen haben die wir als perfekt verstehen. Und dann ist es auf einmal so einfach, sich selbst zu hassen, und dann ist man auf einmal so einfach von sich selbst angewidert. Wir feiern WM in Afrika: ihr seid ein Teil von uns. Leere Worte. Wir stehen bei Rot, wir kaufen die Tickets für öffentliche Verkehrsmittel und alle paar Woche werfen wir fünf Cent in den ranzigen Plastikbecher eines Penners auf der Straße und sind stolz auf uns, “weil wir es ja auch nicht so Dicke haben, ‘ne” und sind überzeugt davon: der da, der sieht genau so aus, wie ein Krimineller/Abhängiger/Asozialer.

Marouf wird wahrscheinlich genauso irgendwann mit unserem verächtlichem Blick jemanden aufschlitzen, Drogen ticken und die Welt zu hassen lernen – so wie, wir Menschen verurteilen und in eine Schublade stecken ohne auch nur den geringsten Zweifel zu haben. Wir sind diese Menschen. Wir sind es wert, gehasst zu werden. Es tut mir leid. Und dafür schäme ich mich.

by yeahs in Berlin Crystal Meth State of Mind


Nur ein kleines bisschen noch“, verspricht er sich für die Zukunft. Unter dem nötigen Ernst und den Augen seiner persönlichen Umwelt bewegt er sich leichtfüßig und definiert sich.

Er ist das wandelnde Abziehbild eines Menschen, der seinen Ernst, seine Vernunft und seinen Wunsch nach Sicherheit vor sich her spielt wie einen viel zu alten und abgenutzten Ball.

Menschen wie er kommen zwangsläufig an einen Punkt, egal wie alt oder jung sie sein mögen, sich ein paar Fragen zu stellen:

Bin ich so wie ich sein will? Passt das, was ich will, überhaupt zu mir? Bin ich neidisch auf die Menschen, die unbefangen und leichter sind? Ertrage ich es, wenn man mich nicht so sieht, wie ich es schön finde? Bin ich zu ernst? Ist Ernstsein so was wie Erwachsensein oder erwachsener sein? Erwarte ich zu viel von anderen Menschen? Erwarte ich zu viel von mir selber? Sind die Anderen freier als ich? Nur durch ihre Art? Ist schüchtern, ernst oder nachdenklich zu sein etwas, das man im ungesunden Maße praktizieren kann? Reflektiere ich zu viel und dränge andere damit? Was ist Zufriedenheit und was ist Glücklichsein? Sind das Dinge, die man gleichsetzen kann oder unterscheiden sich die Dinge und wenn ja, ist es wichtig, das zu wissen und vielleicht auch ein bisschen darüber nachzudenken? Nur für sich? Messe und vergleiche ich mich zu sehr mit anderen? Leben die Anderen besser, die unbeschwert sind? Bin ich anstrengend, kompliziert oder beides?

[via]

Nur ein kleines bisschen noch“, verspricht er sich, „dann habe ich verstanden, dass ich so bin wie ich bin und dass es nur wichtig ist, meinen wirklichen Freunden nicht fremd zu werden.

Egal wie der Lebensentwurf aussieht, für den man sich entschieden hat, auch wenn das ein Leben ist, das man so nicht erwarten oder geplant hat, es ist da und es bringt nichts weg zu laufen oder sich Freiheiten und Vorstellungen zu erkämpfen, von denen man keine Vorstellungen hat. Nicht wenn man sich da wo man ist, trotz der vielen Zweifel, eigentlich angekommen fühlt. Auch wenn das ein Leben ist, das man unter 20 nie leben wollte.

Wenn es da ist, dann ist es da. Und es gibt immer Möglichkeiten noch woanders zu suchen. Nach Zufriedenheit, nach Glück, nach Irgendwas. Es wird diese Möglichkeiten immer geben. Die einen nutzen diese Möglichkeiten um auszubrechen, neue Wege zu gehen. Welche Gründe solche Menschen auch immer haben, das zu tun. Sie tun es. Und das ist gut.

Kategorien über Kategorien. Sie abzustreiten ist seltsam.

Für beiden Schlag von Menschen, die Unbeschwerten und die Komplizierten gilt, wie ging das Sprichwort doch gleich: „Stärke wächst aus unbeugsamen Willen.

Beide sind auf ihre Art und Weise frei. Manchmal auch zufrieden. Und manchmal auch glücklich. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

by B in Crystal Meth State of Mind


Generation Un-Kultur, Generation Fashionvictim, Generation Bloghouse-Hype, Generation post Post Merriweather Pavillion, Generation Hipster. An Bedeutungslosigkeit, Lethargie und Ironie kaum zu überbieten. Wenn man das alles auf einen Haufen schmeissen und definieren wollen würde, wäre eben die Abwesenheit einer klaren Aussage genau das, was es ist.

last year i used to live with my girlfriend in her dealer’s basement. i paid no rent, and slept all day, and on the nights when we didn’t have enough money to score yay from upstairs i’d drink cough syrup and listen to french house records with the lights off and the bass way up.

(more…)

by yeahs in (Pop)Kultur Gangster Musik