Ich war kein außergewöhnliches Kind, sagen wir es mal so. In der Grundschule habe ich total gerockt mit Noten und so. Von der ersten bis zur sechsten Klasse hatte ich stets einen Notendurchschnitt von 1,0-1,1. Also im Grunde derjenige, der nach der Schule mit Nasenbluten noch alleine im Hort saß und Hausaufgaben machte. Dass ich von meinen Mitschülern nicht verprügelt wurde, ist allein dem Grunde geschuldet, weil es genügend komische Leute in meiner Klasse gab, die Ziel des Mobbings aller waren. Anne, zum Beispiel. Die war ziemlich dick und wurde von ihren Eltern permanent in weinrote Presswurstsachen gequetscht, von denen man schon von weitem Augenkrebs bekam. Oder Robert, der stets nach Kotze roch, ohne sich jemals erbrochen zu haben, und bis zur fünften Klasse permanent einpinkelte. Die wurden richtig ran genommen auf dem Pausenhof. Die Grundschule: die Vorhölle für alle, die irgendwie von der gemeinen Masse abweichen. Was in der Grundschule mit einem geschieht, ist der gottverdammte Grundstein für alles, was später folgen wird. Ungefähr.
Als ich dann auf dem Gymnasium zum ersten Mal Sex hatte und meine Noten parallel dazu in den Keller gingen, dachte ich, dass es die Frauen seien, die mit ihren Vaginen und Brüsten alles kaputt machen. Trotz dieser Erkenntnis habe ich weiter gemacht. Anne und Robert sind zu diesem Zeitpunkt mit gutem Hauptschulabschluss auf den Arbeitsmarkt geschwemmt worden und ertrunken.
Manchmal stellt man sich einfach die Frage, wer einem die Spielsachen weggenommen und weggeschmissen hat, und die mit Kaffee ersetzt hat?

Dann kamen Frauen, viele Jahre Graffiti-Subkultur, ein ewig langes Jahr voller Partys und Alkohol, Drogen und so. Jung, wild und frei. Fühlt man sich zumindest. Dann noch ein Jahr Peng-Peng in der Armee, und fast fünf Jahre Studium der Kunstgeschichte, einhergehend mit einem Dauerpleitezustand. Und jetzt sitze ich in einer Agentur, mache was mit Internet und Medien, wie ich immer wollte, und sehe das alles um mich herum weiterhin passieren. Das alles halt. Das ist schon verdammt seltsam.
Ich gebe mittlerweile nicht mehr den Frauen mit ihren Vaginen und Brüsten die Schuld an allem, aber auch nur, weil mein Leben momentan ziemlich cool ist. Ich bin froh diese vielen Erfahrungen gesammelt zu haben, ein Leben am Existenzminimum geführt zu haben. Und so. Frauen, Partys, Alkohol und zwischendurch mal total individuelle Eigenarten ausbilden. Ganz recht. Das habe ich gerade geschrieben. Shame und so.
Wenn ich so war, wie die vielen, die das jetzt alles gerade durchleben, also wenn ich wirklich so extrem war, wie ich das ewig und drei tagelang immer und permanent überall mitbekomme, dann muss ich ehrlich sagen, dass ich mich zum kotzen finden sollte.
Diese Erfahrungen, die ich gesammelt habe, haben ein Stück weit dafür gesorgt, dass ich jetzt nicht da sitze und einer ungelebten Jugend nachtrauere. Sie haben mich im Grundkern aber nicht geprägt. Die Umstände haben mich dazu gezwungen, unter dem Leben von damals ein Schlussstrich zu ziehen und neu anzufangen. Und dem habe ich lange nachgeheult, weil viele so weiter machen konnten wie bisher.
Wahre Unabhängigkeit ist verdammt unromantisch. Sie ist weder jung, noch wild, noch frei. Aber wenn man da irgendwie hinkommt, hat man verdammt Glück gehabt. Ich hatte es. Die meisten könnten es haben, wenn sie sich trauen würden, einen Schlussstrich da zu ziehen, wo er fällig ist. Das gilt für die meisten Lebenslagen, glaube ich. Aber viele werden diesen Schlussstrich nicht ziehen. Weil sie süchtig geworden sind. Süchtig nach einer Illusion, die einen jung, wild und frei machen soll. Weird.