"Girl gone wide."


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Dein Glück scheitert an der Vorstellung vom glücklich sein; dein Schicksal wird die tragische Konsequenz aus diesem irren Kreislauf. Erwartungen an das geschmeidige Leben hängen meistens mit Erwartungen an der kostbaren Änderung zusammen, die alles in ein besseres Licht rückt, das “See You On the Other Side” aus den Filmen: zuerst die Hürden, dann die sportliche Montage, dann das Happy Ending. Weil die restlichen 60 Jahre, die die Protagonisten verbringen müssen, ausgeblendet werden, bleibt man wie eine kaputte Platte darauf hängen. Auf ein Ende voller Euphorie. Ein Ende dort, wo eigentlich ein Anfang hingehört.

Dein Glück also auf auf dem Abstellgleis. Hier wurden die Schienen nicht weitergebaut. Einen Weg zurück gibt es nicht, und du sitzt und wartest auf den Zug, der hier niemals ankommen kann. Nur du selbst erreichst eine letzte Station: die Stunde Null. Nichts wird mehr so sein wie vorher. Nichts wirst du jemals noch planen können, keine Minute deines Lebens berechenbar. Die Stunde Null reißt dir den Boden von den Füßen und wirft dich hart zu Boden. Du willst in den Himmel starren, doch es dreht sich über dir, und dein Schwindel verhindert jegliche visuelle Kommunikation mit der Außenwelt.

Alles hat sich verändert. Für dich, für mich, für uns. Es wäre so einfach gewesen, deine Schienen umzulegen oder ein Taxi in eine bessere Welt zu rufen. Aber manchmal will man nur an einen richtigen Weg glauben – wer will dir das übel nehmen? – und manchmal gibt es vielleicht einfach keinen Raum mehr für das große Ganze. Ich hole das, was du übrig gelassen hast, am Wegesrand ab und baue weiterhin die Schienen quer durch’s Land, damit wir eines Tages wieder mit einer Idee von Glück spielen, die sich umsetzen lässt. Bitte steigt alle ein.

by yeahs in Crystal Meth State of Mind


Der Geruch von frischgebackenen Muffins in meiner Nase. Sonne, die auf meine müden Glieder scheint, Gras kitzelnd im Nacken. Konfetti in der Luft; Konfetti auf dem Boden; es glitzert. Ich schwimme in einem bunten Meer, jeder einzelne Fetzen Papier ein Puzzlestück der Wärme die durch mich fließt.

Käse, der von der Pizza auf meine Hose heruntertropft. Die Konsi stimmt halt. Blaulichter vor dem Fenster. In meinem Ohr bekannte Klänge, der Hals kratzt, der Drink leer, die Asche an den Lippen. Der Geruch von Schweiß und Bier und Zigaretten in den Haaren und Staub unter den Fingernägeln. Ein knarzendes Bett, kichern, Achterbahn im Treppenhaus fahren und sich für einen Topf bedanken.

Zuckerguss überall und T-Shirts für einen Euro und Halloumi (viel zu trocken). Geruch von Strand und Meer schon in der Nase. Goldene Schlüssel und abgeschraubte Türgriffe. Eine wunderschöne, autistische Tasche, die viel zu teuer und doch perfekt ist. Flaschen die zerbersten, aber es ist mir egal; ich schwimme in einem Meer voller Liebe und Glückseligkeit und lache und lehne mich zurück und nehme einen Zug der mich in die Unendlichkeit der vielen Realitäten eines einzigen Lebens katapultiert.

Ich bin ein Tourist in diesem Raum der von Glück und Zufriedenheit gedehnt ist; eine Reise folgt der anderen, mit Plänen, die in Hinterhöfen geschmiedet werden und Küssen und Umarmungen und Grenzenlosigkeiten. Songs, die uns immer wieder an diesen Ort zurückbringen werden- jeden 5. September vielleicht – eine einzige Stadt; wir leben nicht in ihr, wir erleben sie. Wir bringen sie zum Leben. Die Welt und jedes Gesicht in ihr befindet sich in unserer Seifenblase und wir müssten unsere Zimmer nicht einmal verlassen und hätten trotzdem alles gesehen und erlebt. Es ist absurd, beängstigend und befreiend, so lächerlich, so unbekümmert; wie Kinder, die sich gegenseitig Geschichten aus ihren Reisememoiren vorlesen, Tagebücher voller Entdeckungen und Erfahrungen die wir teilen, jeder Tag ein Ausflug, egal ob wir im Flugzeug, im Stadtbus oder auf unseren Fahrrädern sitzen. Jede Wand bemalt mit unseren Namen und vielen kleinen Herzchen und Ausrufezeichen, aber eigentlich ist es völlig egal, ob das jemals jemand sieht; wir waren hier. Wir werden uns für immer daran erinnern.

Und plötzlich ist alles so einfach, wenn es mich mitten in der Nacht so erschlägt, und ich weiß, ich weiß auf einmal: bei euch bin ich nicht nur ein Tourist; ihr seid nicht nur eine Station. Ihr seid mein Heimathafen. Ich möchte zurückspulen und dem Typen im Fernsehen erklären dass er aufpassen muss, denn das ist Glück. Und das kann ganz schnell an einem vorbeirasen. Ich will euch alle wecken und euch erzählen was ich empfinde, aber dann lege ich mich beruhigt zurück. Ihr wisst das doch schon.

Ich war hier.

by yeahs in Berlin Gangster


Ich feier kein Weihnachten. Als Kind gläubiger Moslems durften wir einmal im Jahr für knapp 30 Tage hungern und wenige Wochen später zum Dank ein Schaf schlachten, um die blutigen Überreste an arme Menschen zu verteilen. Meine deutschen Freunde Silke und Klaus haben sich in der Zwischenzeit an kleinen Hundewelpen, Holzmöbel und neuen Schulranzen von 4You erfreut. Und ihr fragt euch, warum ich gestört bin.

Später haben meine Brüder und ich uns angewöhnt, an Heiligabend zu McDonalds zu fahren und dort mit den anderen Immigrantenkindern auf drei eintönige Feiertage anzustoßen (die Juden durften nicht, die hatten Hanukkah, aber meistens schimmelten da noch ein paar Chinesen rum. Von denen waren einige auch hundertprozentig Massenmörder oder mindestens Tierquäler, so, wie die von ihren Eltern getriezt wurden. Dabei habe ich mich immer gefragt, was die eigentlich bei McDonalds machten).

Aber nur, weil ich Weihnachten aufgrund der Langweile boykottiere und völlig davon traumatisiert bin, jedes Jahr drei Tage lang aus Mangel an heidnischen Freunden und geschlossenen Etablissements mit meinen Eltern und Brüdern in einem Haus eingesperrt zu sein– jedenfalls, nur weil ich diesem Feiertag gegenüber latent abgeneigt bin, heisst das nicht, dass ich solche Feste des Konsums und Größenwahns wehement ablehne oder gar boykottiere. Mitnichten.

Ich werde zwar ungerne beschenkt (weil ich meine Wutausbrüche unterdrücken muss, wenn man nach unzähligen Bemerkungen einfach nicht verstanden hat, was ich denn eigentlich wollte), habe aber eine Leidenschaft für das Verfassen von Wunschzetteln entwickelt. Von einem komplett möbilierten Traumhaus in ewiger Perfektion bishin zu meiner eigenen H&M-Filiale steht da so einiges drauf. Für das, was halbwegs machbar ist, gibt es Amazon.

Das mit dem Konsum und dem Geld, alles schön und gut. Irgendwann wird es stumpf, weil man vieles von dem, was auf der Liste steht, weder braucht noch eigentlich dringend will. Ich möchte hier keinesfalls behaupten, dass Geld nicht glücklich macht, ich will ja nicht den Eindruck einer sentimentalen alten Trulla erwecken.. aber: es ist zu einfach. Deshalb habe ich letztens eine ganz andere Liste erstellt. Einen Wunschzettel an Dingen, die man sich nicht kaufen kann ((wenn wir ehrlich sind, dann können wir wahrscheinlich alles heutzutage kaufen. Ich möchte damit sagen, dass das Dinge sind, die man sich echt nicht kaufen müssen sollte)). Ich habe es mal in etwa so realistisch gehalten wie bei einem herkömmlichen Wunschzettel, deshalb steht da Weltfrieden und so ein Gesülze nicht drauf. Ich wünsch mir ja auch keinen neuen A5 für meinen Nachbarn.

(more…)

Ich war kein außergewöhnliches Kind, sagen wir es mal so. In der Grundschule habe ich total gerockt mit Noten und so. Von der ersten bis zur sechsten Klasse hatte ich stets einen Notendurchschnitt von 1,0-1,1. Also im Grunde derjenige, der nach der Schule mit Nasenbluten noch alleine im Hort saß und Hausaufgaben machte. Dass ich von meinen Mitschülern nicht verprügelt wurde, ist allein dem Grunde geschuldet, weil es genügend komische Leute in meiner Klasse gab, die Ziel des Mobbings aller waren. Anne, zum Beispiel. Die war ziemlich dick und wurde von ihren Eltern permanent in weinrote Presswurstsachen gequetscht, von denen man schon von weitem Augenkrebs bekam. Oder Robert, der stets nach Kotze roch, ohne sich jemals erbrochen zu haben, und bis zur fünften Klasse permanent einpinkelte. Die wurden richtig ran genommen auf dem Pausenhof. Die Grundschule: die Vorhölle für alle, die irgendwie von der gemeinen Masse abweichen. Was in der Grundschule mit einem geschieht, ist der gottverdammte Grundstein für alles, was später folgen wird. Ungefähr.

Als ich dann auf dem Gymnasium zum ersten Mal Sex hatte und meine Noten parallel dazu in den Keller gingen, dachte ich, dass es die Frauen seien, die mit ihren Vaginen und Brüsten alles kaputt machen. Trotz dieser Erkenntnis habe ich weiter gemacht. Anne und Robert sind zu diesem Zeitpunkt mit gutem Hauptschulabschluss auf den Arbeitsmarkt geschwemmt worden und ertrunken.

Manchmal stellt man sich einfach die Frage, wer einem die Spielsachen weggenommen und weggeschmissen hat, und die mit Kaffee ersetzt hat?

boom

Dann kamen Frauen, viele Jahre Graffiti-Subkultur, ein ewig langes Jahr voller Partys und Alkohol, Drogen und so. Jung, wild und frei. Fühlt man sich zumindest. Dann noch ein Jahr Peng-Peng in der Armee, und fast fünf Jahre Studium der Kunstgeschichte, einhergehend mit einem Dauerpleitezustand. Und jetzt sitze ich in einer Agentur, mache was mit Internet und Medien, wie ich immer wollte, und sehe das alles um mich herum weiterhin passieren. Das alles halt. Das ist schon verdammt seltsam.

Ich gebe mittlerweile nicht mehr den Frauen mit ihren Vaginen und Brüsten die Schuld an allem, aber auch nur, weil mein Leben momentan ziemlich cool ist. Ich bin froh diese vielen Erfahrungen gesammelt zu haben, ein Leben am Existenzminimum geführt zu haben. Und so. Frauen, Partys, Alkohol und zwischendurch mal total individuelle Eigenarten ausbilden. Ganz recht. Das habe ich gerade geschrieben. Shame und so.

Wenn ich so war, wie die vielen, die das jetzt alles gerade durchleben, also wenn ich wirklich so extrem war, wie ich das ewig und drei tagelang immer und permanent überall mitbekomme, dann muss ich ehrlich sagen, dass ich mich zum kotzen finden sollte.

Diese Erfahrungen, die ich gesammelt habe, haben ein Stück weit dafür gesorgt, dass ich jetzt nicht da sitze und einer ungelebten Jugend nachtrauere. Sie haben mich im Grundkern aber nicht geprägt. Die Umstände haben mich dazu gezwungen, unter dem Leben von damals ein Schlussstrich zu ziehen und neu anzufangen. Und dem habe ich lange nachgeheult, weil viele so weiter machen konnten wie bisher.

Wahre Unabhängigkeit ist verdammt unromantisch. Sie ist weder jung, noch wild, noch frei. Aber wenn man da irgendwie hinkommt, hat man verdammt Glück gehabt. Ich hatte es. Die meisten könnten es haben, wenn sie sich trauen würden, einen Schlussstrich da zu ziehen, wo er fällig ist. Das gilt für die meisten Lebenslagen, glaube ich. Aber viele werden diesen Schlussstrich nicht ziehen. Weil sie süchtig geworden sind. Süchtig nach einer Illusion, die einen jung, wild und frei machen soll. Weird.

by B in Gangster