FEATURING: Stichwort Elite

Veröffentlicht January 21, 2010

Featuring: (Blog’s Not Dead) ist eine Sammelbox der Perlen aus dem Web. Wir dachten, sie wären tot, vom Bloggersterben befallen, aber sie sind hier, sie sind unter uns, man muss nur die Augen offen halten. Und so halten wir ständig Ausschau nach dem, was uns am Schreiben hält, und laden Blogger ein, zu unserer Schatzkiste beizusteuern…

Gastautorin: Hannah – a Headwork.

Irgendwann erreicht man diese Phase im Leben, die – ich will nicht sagen, dass sie das Ende der Kindheit markiert, aber irgendeinen wichtigen Punkt markiert sie dann doch – auf jeden Fall ist es die Phase, in der die Gesellschaft auf einmal Meinungen fordert. Die Gesellschaft ist natürlich einfach nur durch den kleinen Kreis symbolisiert, den man sein Leben nennt: Schulfreunde, Lehrer, Freunde, Eltern. Und alle fordern sie auf einmal Meinungen. Und irgendwie auch immer dieselben. Als gäbe es eine Themenschablone, die den Menschen irgendwann – wenn sie erwachsen genug sind, um selbst Meinungen zu fordern und nicht mehr klein genug, um sie noch bilden zu müssen – ausgehändigt wird und eine Übersicht darüber enthält, wozu man Meinungen haben muss. Ist irgendwie voll egal, in welche Gesellschaftsschichten man guckt oder in welchem Jahrzehnt man das Ganze untersucht – gefragt sind Meinungen zu den Themen: Individualismus, Nationalsozialismus/Hitler und Eliten. Gibt natürlich dann noch andere Dinge, nach denen gefragt wird, aber das sind so die Hauptthemen meiner “Jugend” gewesen, zu denen ich oberflächliche Meinungskonstrukte gebildet habe, die eigentlich nur das wiederspiegeln, was andere mir vorgekaut haben oder ich mir irgendwo zusammengesucht habe. Individualismus ist gut, Nationalsozialismus ist schlecht, Hitler war ein Mörder und Eliten sind abgehobene Snobs, die die Gesellschaft dominieren und mich zu einem Nichts machen wollen, obwohl sie mich gar nicht kennen. Aber um euch genau diese Allgemeinplätze zu verschweigen (ihr überlest die vorherigen Zeilen also bitte), habe ich grade bei wissen.de geguckt, was das Wort “Elite” eigentlich bedeutet. Bin kein Stück weiter gekommen, aber immerhin hab ich kurz so getan, als würd ich recherchieren. Auslese, die Besten steht da nämlich. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich bei “Auslese” ersteinmal an Kaffee dachte. Das aber nur am Rande. Danach dacht ich nämlich schon viel intelligenter: Auslese bedeutet doch, dass irgendwer oder irgendwas .. ausliest. Selektiert. Entscheidet, wer besser ist als X bzw. wer schlechter ist als Y. Wer macht das denn?

So ganz pauschal gesprochen könnte man jetzt sowas sagen wie: Gott entscheidet, wer wie wird. Aber dann würde man ja ins religiöse abdriften und außerdem .. Gott liebt uns doch alle, er würde doch nicht sagen, dass jemand besser ist als der andere. Also trifft hier jemand anders die Entscheidungen. Politiker können es nicht sein – die meisten haben ihren Glauben in die bunten Schweinchen da oben auf der Kanzel eh längst verloren und wenn Frau Merkel mir sagen würde, dass meine Nachbarin besser ist als ich und deshalb zur Elite gehört, dann würde ich sie müde belächeln und drauf scheißen. Entschuldigen Sie, werte Kanzlerin. Ich wähle Sie bestimmt, sollte ich je meinen Glauben in Politik zurückgewinnen und mich dazu aufraffen, wählen zu gehen – immerhin sind Sie genauso scheiße/gut wie alle anderen, die sich zur Wahl stellen. Sie werden ohnehin nie etwas ändern, von dem ich etwas mitkriege, obwohl Sie ja bestimmt zur Elite gehören. Da stehen Sie, hoch oben irgendwo im Bundestag, der Adler thront gebieterisch über ihrem schlecht frisierten Köpfchen und Sie erzählen mir was über EU-politische Maßnahmen, Haushaltskürzungen und Kindergelder, während ich hier unten in meiner kleinen Wohnung hocke, mir Sorgen mache, ob meine Miete rechtzeitig gezahlt wird und so wirklich rein gar nichts mit der EU zu schaffen habe. Aber Sie sind die Elite, Sie wissen schon, was mich interessiert, sonst würden Sie sich ja nicht die Mühe machen, sich von ihren kleinen Reden-Schreib-Dackeln irgendwas zusammenkleistern zu lassen, was Sie dann voller Inbrunst – sofern man bei Ihnen von so etwas sprechen kann – verlesen, kurz Ihr kleines Fäustchen schütteln, um anschließend wieder in den Atombunkern unterm Bundestag zu verschwinden, wo Sie dann – zusammen mit anderen Eliten-Menschen – vor dem drohenden Unheil geschützt sind.

Genug -chenisiert, über Adler und Fäustchen geschwafelt und an Kaffee gedacht. Eigentlich geht es hier um Eliten und ich weiß noch immer nicht, was das sein soll. Ich glaub ja eigentlich, dass jemand nur dann zur Elite gehören kann, wenn die Nicht-Elite daran glaubt, dass es so ist. Vielleicht ist das mein Problem. Irgendwann mit 15 hab ich mich dafür entschieden, dass ich Lenin und Marx ganz unglaublich cool finden will – war halt grade IN. Heute – mit 22 – hab ich mich dazu entschieden, dass ich niemanden mehr cool finde und mir Lenin und Marx genauso schnurz sind, wie Mao und Stalin. Trotzdem ist das kommunistische Gedankengut – haha, hört sich das nicht geil, intelligent und hochtrabend an? – irgendwie in meinem Kopf verankert geblieben, weil, sorry, mir der Grundgedanke gefällt. Der Gedanke, dass alle Menschen gleich sind, dass es keine Unterschiede, keine Klassen, keine Schichten und eben auch keine Eliten gibt. Du bist nicht mehr oder weniger wert als ich. Du bist auch nicht mehr oder weniger wert als jeder andere. Und deswegen würde ich alles für dich tun, was ich auch für mich tun würde. Leute nennen das hilfsbereit und wundern sich darüber, warum ich mich für andere aufopfere. Tu ich gar nicht. Ich behandel euch einfach nur so, wie ich mich behandel und wenn ich scheiße zu euch bin und euch mit meiner Meinung verletze: Macht euch keine Sorgen, so behandel ich mich selbst auch. Gehört aber nicht zum Thema. Worauf ich hinaus will: Ich hab keine Meinung zu Eliten. Ich weiß nichts mit dem Begriff anzufangen, weil es Niemanden gibt, der über mir steht. Es gibt auch niemanden, der unter mir steht. Wir stehen hier alle auf weiter Flur, auf einer Höhe, blicken ins Tal und sehen Blut fließen, jawoll.

Worauf ich hinaus will: Irgendwer “da oben” entscheidet darüber, elitär zu sein bzw. darüber, wer es nicht ist. Es machte nicht Plopp und die Elite ward geboren. Es machte Platsch und irgendein Idiot legte sich auf die Fresse, wobei ihm der Gedanke kam, er könne sich doch auch mal über andere erheben, statt ständig im Dreck zu landen. Er war nur irgendwer, der ein Jemand sein wollte und jetzt haben wir den Salat, kämpfen uns durch soziale Erfahrungen, die uns lehren, dass wir nicht immer gewinnen können, weil es Menschen gibt, die elitär sind, die von vorne herein dazu geboren wurden, etwas zu sein, während wir – die dumme, kleine Masse – es uns erkämpfen müssen.

ichgehschlafen. Ja, ich finde euch scheiße. Ihr mich. Wir uns. Maximal hat man ohnehin 3 beste Freunde, die einen nach der Schulzeit verlassen und sich in fremde Städte verpissen. „Ich muss Karriere machen“. Musst du nicht, halt inne, denk nach: Musst du ernsthaft nicht. Aber tun wir mal alle so als ob doch, es ist ja gut. Kein Geld ist die beste Ausrede für mehr Eigenbrödlertum. Meinetwegen, geh, schau dir die Welt an! Aber glaub mir: Ob hier, ob dort. Scheiße bleibt dein Grundwortschatz.

In der Zwischenzeit pendle ich hin und her zwischen Kollegen, Feierabendbieren, Freundschaft über Facebook und Nachtleben. Ein Bastardleben zwischen Weiterentwicklung & Betäubung. Bloß nicht zu viel mitbekommen, bloß nicht zu wenig Fortschritt. Außerdem: In deinen Stammkneipen und Stammclubs sind Leute, die du potenziell geil finden könntest. Sonst wärst du nicht dort. Es ist nicht die Musik, es sind die Leute. Darum auch kein Dorfdiscobesuch. Selbst wenn Daft Punk dort auftritt. Für Umme. Du gehst nicht hin. Und falls doch, dann als “Besserer”.

Warum bricht man eigentlich nicht in lauthalses Lachen aus? Schließlich befindet sich die (wahre) Liebe wirklich immer in deiner Stadt und in den meisten Fällen sogar noch in deinem Freundeskreis. 80 Millionen Glückspilze. Aber wer hat schon noch Freundeskreise? Dann lieber Elite-Partner. Ist ja auch bloß ein heimliches Eingeständnis. Bloß nicht am Konzept Liebe zweifeln. Oder an deinen Clubs. Gleichgesinnte treffen Gleichgesinnte. Aber selbst da: Parzellen! Der und der, cool, der und der, scheiße. Ein gesamtes System auf Abneigung als Ablenkungsmanöver. Man bleibt unter sich. Die Elite reproduziert sich selbst. Das Prekariat macht freudig mit. Wir fingen an mit Individualismus und fanden unser Heil in Zielgruppen. Hedonisten. Aber: Wir bräuchten keine Staatsgrenzen, so sehr wie wir uns nicht in Clubs reinlassen. Der Unterschied zwischen Türstehern und Gatekeepern liegt nicht im Übersetzungsproblem. Jeder hat sein Label zu tragen. Eine Konstante: “Es liegt an den anderen”. Womöglich zurecht, schließlich sind sie ja nicht umsonst die Hölle. Sartres geschlossene Gesellschaft. Ein Mosaik bestehend aus 10.000 hermetisch abgeriegelten Stückchen.

Darum grinst du auch so bescheuert, wenn du alleine auf der Straße unterwegs bist und auf unebenem Asphalt beinahe auf die Fresse fliegst und dein Gleichgewicht nur halten kannst, wenn du zwei Schritte joggst. Dann Grinsen. Könnte ja jemand gesehen haben und wie uncool, wenn du dann nicht über dich selbst lachen kannst. Damit würdest du ihm/ihr, dem Unbekannten, der absoluten Hölle, Grund für einen Lacher Schadenfreude bieten. Also lieber Grinsen. Das Nichts hat die schärfsten Augen.

Der Rest liegt sich in volltrunkenen Armen, Grobmotoriker-Patrioten. Aber nur dann, wenn man endlich auch stolz sein darf. Einmal alle vier Jahre. Schaltjahr-Patrioten. Alle sehnen sich danach, aber die Mundwinkel geben in der Zwischenzeit hilflos der Schwerkraft nach und da bringt es auch nichts, mal zur Abwechslung kein Buch zu lesen und frohen Mutes in die Runde zu schauen. Die Tristesse blickt lieblos zurück. Man kennt sich nicht, man braucht den Abstand, man braucht einen Grund, morgens aufstehen und sei es nur, um sich zu bestätigen, dass Gott uns verarscht hat: Die Hölle ist auf Erden.

Alltag auf Armlänge. Der Tod der Subkultur, vernichtet durch die Vorurteile des amorphen “Wir”. Kein Platz für Analyse bei Geschwindigkeitskontrollen. Nur, dass es jetzt eine Mindestgeschwindigkeit ist, die nicht mehr unterschritten werden darf. Da müssen Kategorien her. Ghetto + “Konkret”, “68″ + “Zecke”, “Mann” + “Anti-Emannzipation”. Ein kurzer Lacher für Wortspiele. Jeder mag die Bild. Jeder hat einen Feind. Denselben. Andersartigkeit. Irgendwann nur noch Normalität. Alle, normal. Gleich in unserem Ungleichsein, das auf Indifferenz basiert. Endlich Dystopie. Unsere Insel der Normalität, die uns währenddessen unter den Füßen wegklimakatastrophiert wird. Am Ende haben wir dann schließlich unseren Standpunkt. Und mit dem ersaufen wir. Das letzte was aus dem Wasser lugt, ist der Fickfinger. Scheiß-Eliten.

 
 
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