In der Kleinstadtbäckerei

Als ich das erste Mal nach längerer Zeit aus Berlin zurück in die Heimat fuhr um die Eltern mal wieder zu beglücken, war das ein heftiger Kulturschock. Es äußerte sich nur in subtilen, kurzen Momenten; die Banken sind eigentlich immer dann geschlossen, wenn man sie braucht, die Bürgersteige werden um 7 Uhr abends hochgeklappt und zu 90 Prozent der Zeit beobachtete mich die alte, herrische Nachbarin von nebenan die hoffentlich einen Mord dabei sah und an einem Herzinfarkt verreckt ist (wirklich, sie hat mich mit ihren teuflischen Augen jeden Tag meines Lebens verunsichert).

Ein ganz besonderer Moment, geradezu der symbolische Ausschlag auf meiner Zufriedenheitsskala, fand in der örtlichen Bäckerei statt. Hier der wortwörtliche Dialog:

“Hallo. Habt ihr noch frische Brötchen?”
“Nee und für dich heisst das immer noch SIE, junge Dame.”

Und damit hat sich auch schon erklärt, wieso ich jetzt wieder in Berlin und nirgendswo anders bin. Und, wer hätte es gedacht, es ist trotz Hundescheisse, Minusgraden und Schlaucherei (weil currently Arbeitslos) gut.

March 2nd, 2011 Posted in Berlin | 8 Comments »

30GradSchneechaos

Zu Hause fühlt sich so viel schwerer an, wenn man nicht da ist, um da zu sein. Für Freunde, für Familie. Es fühlt sich an, als würde ein riesiger Greifarm mein Herz umschlingen und so fest zusammen drücken, bis mir das Blut in die Augen steigt und statt Tränen nur noch rote, klebrige Flüssigkeit über meine Lippen fliesst. Auf Reisen sein und Lachen müssen, während meine besten Freunde abwechselnd im Krankenhaus liegen, während meine Mutter langsam in ein Alter kommt, wo sie alle drei Wochen zum Arzt musst und keiner weiß, was falsch ist, und mein Bruder 20 Kilo abnimmt, weil er seine Operation leider nicht so gut überstanden hat, wie alle gedacht haben.

Es tut weh, sie nicht zu umarmen, wenn ich genau weiß, dass sie weint und weint und weint und nicht mehr weiß wie es ist, eine Familie zu haben, jemand, der nicht verstehen muss, sondern einfach nur da ist. Genauso, wie die Tage, an denen es mir genauso geht, und keiner verstehen kann, und jede Umarmung in Nichtigkeit verblasst. Ich kenne das. Weil man manchmal alleine durch muss, obwohl man gar nicht wirklich muss.

Ich dachte, ich bin über den Punkt hinaus gekommen, wo ich noch so an zu Hause denke und fühle, aber es gibt internationale Verbindungen, Connections, die man nicht abschütteln kann (und, wem mache ich was vor, auch nicht will). Alles ist gut hier, aber nicht in mir, und nicht in dir. Ich bin nicht da um dir glücklich zu gratulieren, dass du der Rockstar wirst, so, wie ich es vorhergesagt habe. Und ich bin nicht da um dir zu erzählen, was in mir eigentlich vorgeht, wen ich hier getroffen habe, mit wem ich meine schlaflosen Nächte teile, und das tut mir Leid.

Und am Ende lese ich einen Zeitungsbericht und er erzählt mir von deinem schweren Unfall, ein Foto von einem überschlagenen Auto. Alles um mich herum bleibt stehen und ich möchte zu dir rennen und dir sagen dass es mir Leid tut, dass ich nicht da war, dass ich es vielleicht hätte verhindern können – auch wenn das nicht wahr ist – und ach, so viel, so viel. Aber ich sage stattdessen nichts, denn all das, das kann man nicht in Worte fassen. Und wenn dein Leben nur langweilig ist und du nicht viel zu erzählen hast, ist es dennoch nicht dasselbe, wie die Blicke die wir teilen und das Verständnis, dass wir uns metaphysisch und auf absolut unerklärlichen Ebenen entgegen bringen. Keiner weiß, wie es mir geht. Keiner weiß, wie es dir geht. Alles ist so schwer, wenn man nicht zu Hause ist, und alles dreht sich nur noch darum, diesen Fakt zu ignorieren.

Aber ich vergesse dich nicht. Niemals.

December 7th, 2010 Posted in Urlaub | Comments Off

Traumwelten

Ein Weinfest in der Heimat: es wird getrunken, es wird getanzt, es wird geflirtet und alle halten sich – auf eine ganz familiäre Art und Weise – für das Coolste, was es gibt. Es ist Fashion Week ohne die Anonymität (und mit einer schlechten Tanzkapelle, die mir die Ohren bluten lässt).

Alte Freunde, bekannte Gesichter, falsches und echtes Lachen, kleine Dramen, viel beschämtes Weggucken, weil man sich dann doch nicht gut genug kennt, und zwei Jahre sind eine sehr, sehr lange Zeit… kleine Konversationen werden angeknuspert, und plötzlich ist da auch so eine kleine Erkenntnis, dass die Menschen hier gar nicht so anders sind als die in der Großstadt. Nur das mit den Träumen ist so gegenwärtig.

Alle haben so viele Träume. Sie reden von Existenzgründungen, von Selbstständigkeit; von Reisen und von Ausbrüchen und von der trägen Berechenbarkeit ihrer Leben. Sie treffen sich jährlich am Weinfest und haben ihren Spaß, ja, aber mit Wehmut in der Stimme. Ich bin wie ein Tampon, der diese Träume aufsaugt und verwirklicht, und sie werden es nicht Leid, mir das zu erzählen: du bist nach Berlin gezogen, du hast etwas anderes gemacht, du hast Geld verdient, du machst so eine Reise. Es erklingt kein Unglück, das nicht. Sie sind zufrieden und glücklich. Aber da ist so eine Sehnsucht, wie Träumer sie verpacken. Diese Konnotation des Unwirklichen, Unschaffbaren, Unrealistischen. Das ist ein Traum. Es wäre schön, aber es ist nicht. Schön ist, was wir hier haben. Damit muss man halt leben.

Ich finde nicht, dass das die schlechtere Variante ist zu leben. Überhaupt nicht: Gelegenheiten kommen und gehen im Leben, manche Menschen haben mehr Glück, es gibt keine Gerechtigkeit und mal sehen, wie zufrieden oder unzufrieden ich in fünfzehn Jahren bin. Aber darum geht es gar nicht. Es geht um die angeblichen Träume, denen man für ein glückliches Leben folgt. Ich bin glücklich. Ich bin jung, ja, da ist noch sehr viel Zeit für Unglück. Aber: Ich bin meinen Träumen nicht gefolgt. Weil es keinen konkreten Traum gab. Nur Hunger. Und Angst, sehr viel Angst, aber auch Entschlossenheit. Ich wollte machen, ich war ungeduldig, unzufrieden, und ich hatte Angst und ich habe immer noch Angst und ich werde wohl mein Leben lang Angst haben. Es ist so eine einfache und genauso berechenbare Formel gewesen wie das Einmaleins-Leben auf dem Land; es ist keine Pionierarbeit und es ist keine besondere Charakterstärke. Es ist nichts besonderes, aber im Kontrast wirkt es so.

In Berlin vergisst man das oft, weil so viele Menschen hergekommen sind, um Dinge umzusetzen. Ich sehe keine Träume in Berlin; maximal, wenn mir jemand Einsicht in seine Gedankenwelt gibt. Ich sehe nur Ergebnisse, ich sehe viel Kunst hier, ich sehe kreative Köpfe mit aufsteigendem Rauch aus den Ohrenkaminen, weil so viel gearbeitet wird. Eine unglaubliche Motivationsenergie, dieses kollektive “Schaffen”, nicht, weil man seine Aufgabe im Wirtschaftsrad unserer Gesellschaft erfüllt; vor allem wegen dem Hunger, den instinktiven Drang, diesen Hunger aber auch zu stillen und nicht nur auszuhalten.

Ja, es ist ein starker Kontrast. Nicht, weil hier Träume in Erfüllung gehen. Ich weiß nicht, was meine Träume sind. Ich weiß nicht, wie ich in 20 Jahren am zufriedensten bin – ich weiß nicht, was ich mal machen will, wenn ich groß bin. Ich mache einfach jetzt. Ich mache den ganzen Tag. Ich bin zukunftslos. Ich bin das schlechteste Vorbild, das man sich für ein Kind vorstellen möchte; aber in meiner Stimme erklingt keine Wehmut, zumindest noch nicht. Und ich gehe das Risiko ein, weil es keine Träume gibt, die ich mir verbauen könnte.

Vielleicht ja auch “Traum”, ein anderes Wort für Unzufriedenheit. Vielleicht sind Träume etwas für Unfallopfer, die keine Beine mehr haben und gerne wieder laufen möchten. Vielleicht sind Träume nur das, was wir in unserem Schlaf erleben. Vielleicht liege ich völlig falsch: vielleicht bin ich ein Loser der Träume, vielleicht nicht romantisch genug, vielleicht ist das aber auch nur eine Frage der korrekten Definition.

Vielleicht ist wirklich nur der Weg das Ziel, und alles andere völlig nebensächlich.

July 18th, 2010 Posted in Berlin, Gangster | 3 Comments »