
Ein Weinfest in der Heimat: es wird getrunken, es wird getanzt, es wird geflirtet und alle halten sich – auf eine ganz familiäre Art und Weise – für das Coolste, was es gibt. Es ist Fashion Week ohne die Anonymität (und mit einer schlechten Tanzkapelle, die mir die Ohren bluten lässt).
Alte Freunde, bekannte Gesichter, falsches und echtes Lachen, kleine Dramen, viel beschämtes Weggucken, weil man sich dann doch nicht gut genug kennt, und zwei Jahre sind eine sehr, sehr lange Zeit… kleine Konversationen werden angeknuspert, und plötzlich ist da auch so eine kleine Erkenntnis, dass die Menschen hier gar nicht so anders sind als die in der Großstadt. Nur das mit den Träumen ist so gegenwärtig.
Alle haben so viele Träume. Sie reden von Existenzgründungen, von Selbstständigkeit; von Reisen und von Ausbrüchen und von der trägen Berechenbarkeit ihrer Leben. Sie treffen sich jährlich am Weinfest und haben ihren Spaß, ja, aber mit Wehmut in der Stimme. Ich bin wie ein Tampon, der diese Träume aufsaugt und verwirklicht, und sie werden es nicht Leid, mir das zu erzählen: du bist nach Berlin gezogen, du hast etwas anderes gemacht, du hast Geld verdient, du machst so eine Reise. Es erklingt kein Unglück, das nicht. Sie sind zufrieden und glücklich. Aber da ist so eine Sehnsucht, wie Träumer sie verpacken. Diese Konnotation des Unwirklichen, Unschaffbaren, Unrealistischen. Das ist ein Traum. Es wäre schön, aber es ist nicht. Schön ist, was wir hier haben. Damit muss man halt leben.
Ich finde nicht, dass das die schlechtere Variante ist zu leben. Überhaupt nicht: Gelegenheiten kommen und gehen im Leben, manche Menschen haben mehr Glück, es gibt keine Gerechtigkeit und mal sehen, wie zufrieden oder unzufrieden ich in fünfzehn Jahren bin. Aber darum geht es gar nicht. Es geht um die angeblichen Träume, denen man für ein glückliches Leben folgt. Ich bin glücklich. Ich bin jung, ja, da ist noch sehr viel Zeit für Unglück. Aber: Ich bin meinen Träumen nicht gefolgt. Weil es keinen konkreten Traum gab. Nur Hunger. Und Angst, sehr viel Angst, aber auch Entschlossenheit. Ich wollte machen, ich war ungeduldig, unzufrieden, und ich hatte Angst und ich habe immer noch Angst und ich werde wohl mein Leben lang Angst haben. Es ist so eine einfache und genauso berechenbare Formel gewesen wie das Einmaleins-Leben auf dem Land; es ist keine Pionierarbeit und es ist keine besondere Charakterstärke. Es ist nichts besonderes, aber im Kontrast wirkt es so.
In Berlin vergisst man das oft, weil so viele Menschen hergekommen sind, um Dinge umzusetzen. Ich sehe keine Träume in Berlin; maximal, wenn mir jemand Einsicht in seine Gedankenwelt gibt. Ich sehe nur Ergebnisse, ich sehe viel Kunst hier, ich sehe kreative Köpfe mit aufsteigendem Rauch aus den Ohrenkaminen, weil so viel gearbeitet wird. Eine unglaubliche Motivationsenergie, dieses kollektive “Schaffen”, nicht, weil man seine Aufgabe im Wirtschaftsrad unserer Gesellschaft erfüllt; vor allem wegen dem Hunger, den instinktiven Drang, diesen Hunger aber auch zu stillen und nicht nur auszuhalten.
Ja, es ist ein starker Kontrast. Nicht, weil hier Träume in Erfüllung gehen. Ich weiß nicht, was meine Träume sind. Ich weiß nicht, wie ich in 20 Jahren am zufriedensten bin – ich weiß nicht, was ich mal machen will, wenn ich groß bin. Ich mache einfach jetzt. Ich mache den ganzen Tag. Ich bin zukunftslos. Ich bin das schlechteste Vorbild, das man sich für ein Kind vorstellen möchte; aber in meiner Stimme erklingt keine Wehmut, zumindest noch nicht. Und ich gehe das Risiko ein, weil es keine Träume gibt, die ich mir verbauen könnte.
Vielleicht ja auch “Traum”, ein anderes Wort für Unzufriedenheit. Vielleicht sind Träume etwas für Unfallopfer, die keine Beine mehr haben und gerne wieder laufen möchten. Vielleicht sind Träume nur das, was wir in unserem Schlaf erleben. Vielleicht liege ich völlig falsch: vielleicht bin ich ein Loser der Träume, vielleicht nicht romantisch genug, vielleicht ist das aber auch nur eine Frage der korrekten Definition.
Vielleicht ist wirklich nur der Weg das Ziel, und alles andere völlig nebensächlich.