Ich hatte ja letztes Jahr vergessen, wie schön der Herbst sein kann. Wahrscheinlich, weil es keinen Herbst gab und man von 30 auf Minus 10 Grad gedrückt wurde, innerhalb von Sekunden. Das war ja auch der Grund dafür, wieso ich den härtesten Winter Europas übersprang, um im schlechtesten Sommer Australiens zu vegetieren. Das war auch eher wie Herbst, aber in doof. Dieses Jahr war ein schöner Herbst. Mit wunderschönen Blättern in allen Facetten des Sepia-Farbspektrums, mit grandiosem Sonnenlicht-Spiel, das an Filmmomente aus New York erinnerte, mit einem leichten kitzeln auf der schon vom kühlen Wind angetrockneten Haut, mit den Laubbergen vor der Haustür, in die man so gerne reingesprungen wäre (wenn man nicht Hunde beim Reinkacken beobachtet hätte).
Der Herbst hat mich vor allem daran erinnert, dass ich winterfeste Schuhe brauche. Der Herbst war auch gleichzeitig mein Semesterbeginn, und das wiederrum war ausschlaggebend für den Kauf eines neuen Rucksacks (cheers to Curly Sue for making it happen). Meine neue Timbs sind großartig, mein neuer Eastpak kassiert fette Props bei coolen Leuten, der Herbst ist vorbei und ich hör jetzt auf, mein Geld für Sachen auszugeben, die wie Herbst aussehen. Immerhin ist es ja jetzt kalt.
Ich mag das aktuelle Wetter: Sonnenschein und eine unfreundliche, aber kuschelige Kühle. Wenn ich die Reichenberger Straße runtergucke, dann ist alles in so einem goldenen Licht gehüllt. Es ist nicht kalt, aber es ist auch nicht warm, und ich erkenne das Ende der Straße nicht, weil die Sonne so blendend durch die Bäume scheint.
Alles hat was verschlafenes, wie am Neujahresmorgen fühlt sich das dann an. Als ob man sich jetzt die Augen reiben müsste, jeden Morgen, weil man viel schwieriger aus dem warmen Bett kommt. Mein Bus fährt die Oranienstraße lang, wo vor 10 Uhr morgens eigentlich nur die Early Bird Touristen zu sehen sind. Das fühlt sich dann so an, wie selbst auf einer kleinen Reise sein, mit dieser “früh aufstehen!” Stimmung, wenn alles noch so ruhig ist und man den Tau von den Holzbänken ablecken könnte und die Straßen von Kaffee und Kehren murmeln.
Ich mag das sehr, mich dann nochmal gedanklich umzudrehen, einzukuscheln und am Ende vom Sommer zu riechen.. jetzt kommt der Herbst. Alle Karten werden neu gemischt. Der Sommer ist vorbei. Der Ausnahmezustand ist vorbei. Jetzt gucken wir, ob sich das alles auch für das richtige Leben bewahren kann, ohne Wärme, ohne Sonnenschein, ohne das Gefühl von kurzer Hose und Strand, die uns etwas schönreden, was vielleicht nie schön war. Der Herbst scheut sich nicht vor der Wahrheit.