Generation Facebook

Veröffentlicht November 14, 2011

Ich teile mit vielen Menschen einen gewissen Lebensstil und bin traurig darüber dass man ihn aus objektiver Sicht so gerne als einen einsamen, schnelllebigen, wertlosen und von Konsum gefüllten betiteln möchte. Als ob man mir von Anfang an absprechen möchte, dass ich unter diesen Umständen jemals so etwas wie Zufriedenheit oder Glück empfinden könne. Als ob die Kultur, die ich heute genieße, alleine weil sie moderner ist als diejenige, die vor 20 Jahren existierte, meinem persönlichen Zerfall gleicht.

Vor einer Ewigkeit nannte man solche Leute mal: verkrachte Existenzen. So schwarzweiß ist es heute nicht mehr. Dieselben Leute haben immerhin die Welt in die Tasche gesteckt. Die sie überall mit sich herumtragen, zumal sie jedes Jahr noch kleiner, flacher, leichter und marcjacobsiger wird. Sie sind nicht verkracht, sie sind: die Facebook-Generation. Wer sollte sie dafür verurteilen? Während man früher gesellschaftlich sanktioniert, isoliert und zum Verlierer abgestempelt wurde, wenn man mit 30 oder 40 stundenlang auf der Couch lag und sich mit Nonsens befasste, gibt es heute ein anderes kollektives Bewusstsein. Ein Wir.

Heutzutage krepieren wir alle an Burnout, es gibt mehr Kriege als je zuvor, wir sozialisieren nur noch über virtuelle Kommunikationsmittel, wir glauben nicht mehr an Gott, wir wissen nicht mehr die Romantik der Langweile zu schätzen und wissen nichts mit uns anzufangen. Während wir sinnlos “Brause trinken” und “Bon Iver hören”, geht unser Leben an uns vorbei, und wir erinnern uns ins 70 Jahren an nichts mehr von Bedeutung. Wenn wir etwas googlen möchten, landen wir im vierstündigen Delirium zwischen Klicks und Zeitvertreib.

Dabei verstehe ich diese andere, angeblich bessere und ältere Welt nicht so wie ihr. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, wo die Dinge schnell sind. Und ich gehöre hier rein. Ich will nicht vor meiner Zeit leben und den Dingen entsagen, die mich gleichzeitig auch formen. Der vom Internet erschaffene Lebensraum ist meiner. Den könnt ihr mir nicht einfach wegnehmen, nur weil ihr überfordert zu sein scheint, oder diese Entwicklung nicht versteht, oder so gerne in die Nostalgie eurer eigenen, angeblich besseren “damaligen” Lebensweise verfallt. Ich kenne die Probleme unserer Gesellschaft und versuche ihnen auszuweichen, so gut es geht, aber ich betitel mich nicht als Opfer der Informationsfluten, sondern als ihr Meister. Ich verbringe sehr, sehr viel Zeit im Netz, schon seit meinem 11. Lebensjahr, und trotzdem finde ich noch genug Platz mich zu entfalten. Ich bin sehr glücklich, habe ein schönes Leben, bin ein zurechnungsfähiger Mensch. Ich schicke lieber eine E-Mail, als zur Post zu gehen, und ich kommuniziere lieber über Facebook, als zu telefonieren. Das heisst nicht, das ich beides nicht könnte, und das heisst auch nicht, dass ich nicht befähigt bin, ohne meine “künstliche” Umgebung zu leben; aber wer mir meine Kultur, meine Zeit und meine Entwicklung wegnehmen möchte, riskiert dass ich an dieser anderen Unnatürlichkeit verzweifle.

Dieses Wir hat es sich ziemlich dauerhaft und komfortabel eingerichtet im Wartezimmer zum Erwachsenwerden. Man geht mal eben ins Internet, um die nächste Apotheke zu googeln, und kann hinterher nicht genau erklären, warum das letztlich dann doch drei, vier Stunden in Anspruch genommen hat. Man muss es übrigens auch niemandem erklären, keiner fragt danach. Dank Facebook weiß man dafür nun endlich wieder, was die alten Schulfreunde gerade so machen; nämlich in etwa dasselbe, nur eben in Amerika. “Und ich dachte immer, ich würde klüger werden. Und dass wir irgendwann reich wären . . . ” sagt Jason in “The Future”.

Ihr habt mir diesen Zoo gebaut, mich gefüttert und erzogen, mich beschützt und mir das Leben leicht gemacht, und jetzt erwartet ihr, dass ich richtig viel Bock habe in die Wildnis zurück zu gehen und mich einfach vor meine Feinde zu werfen? Wisst ihr was: die Schnelllebigkeit, über die ihr euch beklagt, ist ein Teil meines Weltbildes. Die Sinnsuche, die es jetzt nicht mehr gibt, hat euch selbst in den Wahnsinn getrieben. Es bleibt keine Zeit zur Reflektion, sagt ihr, und wir werden unter Druck gesetzt, sagt ihr, aber hier bin ich, und ich reflektiere, und ich bin zurechnungsfähig, und ich liebe das alles, weil ich es nicht anders kenne. Das heisst nicht, dass meine Liebe zum Leben weniger wert ist als eure. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich euch eines Tages besser verstehen werde, als ihr mich jemals verstehen könntet. Nur entwertet mich nicht aufgrund der Zeit, in der ich geboren wurde: ich glaube nämlich, dass ich ziemlich schnell erwachsen werde in dieser Welt und mir dessen auch bewusst bin. Hört auf, mich in das kollektive Bewusstsein der versagenden, inhaltsleeren Hipstergeneration zu pressen, die sich mit Sinnlosigkeit zumüllt, bis es Sinn findet. Wir sind genauso erfolgreich oder unerfolgreich wie die Generationen vor uns, ihr seht uns nur besser, weil Facebook euch lässt.

Das ist eine Antwort auf den Artikel “Generation Facebook – Im Wartezimmer zum Erwachsen werden”, von Rebecca Casati, veröffentlicht am 6.11.2011 in der Süddeutschen Zeitung

 
 

Moustachemania

Veröffentlicht October 6, 2011

Zugegeben, ich mache mich ja auch gerne über die Über-Stylos unserer gentrifizierten Straßenblöcke lustig. Die mit den missverstandenen Schnurrbärten und vor allem diejenigen, die (leider) zu fett sind für den hinterhergezerrten Trend des Tages (Skinnyjeans, enge Hemden, die um die Wampe spannen, ihr kennt den Faux-Pas). Dann steht man, selbst als gekennzeichneter Trendmensch und ohne jeglichen Zweifel daran, dass man sich wenigstens äußerlich mindestens Mühe gegeben hat, gerne mit dem Neonpfeil auf dem Bürgersteig und zeigt ihn gnadenlos auf alles und jeden, der besser eine Rechtfertigung für sein Auftreten hat. Oder besonders gut aussieht.

Das ist ja mit gewissen, auch abstrakteren Sachen so, wie etwa Vegetarier (oder Veganer) sein oder besonders ökologische Themen auf die Agenda schreiben. Oder eben auch die neuentdeckte urbane Leidenschaft für Rennräder. An jeder Stelle dieser Stadt machen ja derzeit die spezialisierten Vintage-Bike Läden dicken Umsatz. Ich selbst fahre ein Single Speed Bike welches wunderschön aussieht, schnell ist, elegant zu fahren ist und einfach Spaß macht. Leider gibt es unter den neuen Fanatikern auch ein paar Idioten (das erinnert mich stark an eine gewisse Skateboardphase mit 15), die nicht verstanden haben, dass man Fixed Gear Bikes nicht unbedingt ohne Bremse fahren muss, wenn das mit dem Skidden nicht hinkriegt. Und so steht man wieder bedingungslos da und lacht den Pfosten an der roten Ampel aus, der beinahe eine Massenkarambolage hinlegt. Hauptsache gut aussehen.

Bei der ganzen Trendkritik und dem Schafverhalten, was wir (als Teil dieser Bewegungen, selbstverständlich) gerne aufzeigen möchten und höhnisch verspotten (weil wir meinen es ja viel ernster / wir haben es zuerst gemacht / wir sehen wenigstens gut darin aus / wir können wenigstens richtig Fahrrad fahren), muss ich mich auf eine bequeme Metaebene bewegen um das bunte Treiben richtig beurteilen zu können. Es gibt Trends und Hypes, die sind nicht besonders langlebig, haben keinen ursprünglichen Zweck und können durchaus vernachlässigt werden. Aber bei vielen anderen Dingen sehe ich ein großes Potenzial, wie etwa beim Fahrradfahren. Der Umwelt möchte es doch eigentlich egal sein, warum die Menschen lieber wieder in die Pedalen treten. Sie interessiert sich nicht dafür, wie viel Geld in Laufräder oder schöne Rahmen gesteckt wurde: hauptsächlich möchte Mutter Natur doch nur, dass wir uns weniger den Autos bedienen, fitter werden und uns in der Stadt auf möglichst großartige Weise bewegen. Wenn es nun so ist, dass ein Trend uns zum Sport und zur Nachhaltigkeit bewegt (auch wenn wir möglicherweise dabei manchmal etwas dumm sind), dann ist das im Großen und Ganzen doch eine gute Sache.

Ich finde es traurig, dass man mit “Erwachsen sein” auch “ernst sein” gleichsetzen muss. Ich finde es schön, wenn wir das Leben als eine Spielwiese betrachten, die Spaß machen soll und für die wir uns immer wieder neue (oder eben alte, recycelte) Dinge ausdenken. Sprich: bunte, schöne Fahrräder, in die wir viel Liebe und Leidenschaft investieren. Oder interessante, neumodische, Restaurants, die sich für bewussten Genuss einsetzen. Die überreizte Grenze zwischen Trend und Prätentiösität ist in vielen Bereichen doch eigentlich ganz nebensächlich. Wo liegt der Unterschied zwischen “es mit Überzeugung machen” und “es aus Spaß machen / es machen, weil die Freunde es machen / cool sein”, wenn es als Mittel zum Zweck, ganz grob gesagt, okay ist?

Ich freue mich auch über jeden Menschen, der einen PoetrySlam oder eine Lesung besucht, auch wenn ich es selber nicht so sehr mag. Dieser bittere Nachgeschmack von elitären Philosophiestudenten oder Literaturkünstlern, die seltsame Awkwardness bei intimen, stillen Momenten, wenn jeder für sich selbst nachdenkt und der Raum mit der Stimme eines Erzählers gefüllt wird – vielleicht bin ich persönlich nicht stark genug für so viel zwischenmenschlichen, ehrlichen Trubel (an dieser Stelle sei erwähnt, dass ich selbst nächsten Montag vorlese und ich euch auf sehr, sehr viel (also mehr als sonst) Awkwardness einstellen könnt). Aber junge Leute, die unter sozialen Zusammenkünften heutzutage (dank “Trendbewegung”, was auch immer das an dieser Stelle eigentlich bedeuten soll) mehr verstehen als nur absaufen und druff sein (jedenfalls manchmal), hey, das finde ich okay. Auch, wenn’s nur da ist, um cool zu sein. Wer weiß, was man dabei noch aufschnappt.

Natürlich: kritisches Denken ist immer verlangt. Man will ja auch nicht Opfer des Gegenteils sein und mit Trends gegebenenfalls Schaden zufügen. Nichtsdestotrotz möchte ich weniger auslachen, lieber mitlachen, einfach auch mal sagen “sei ein Hipster, wenn du und ich beide davon profitieren”, und denk nicht so viel darüber nach, ob du jetzt doof bist, weil du machst was alle machen. Vielleicht ist das ja genau das, was die Welt manchmal braucht. Mehr Fahrräder, mehr Vegetarier, mehr Lesungen.

 
 

Total Recall: Retromania der Musik

Veröffentlicht June 24, 2011

Im Guardian (Herz, Seele und Mumu meines Informationsbeschaffungskörpers) ist ein Artikel erschienen, der dieses fanatische “Zurückdenken” und den Retromove in der Musikszene (und begleitetend in Fashion und Kultur als Gesamtbild) beschreibt und wie sich gerade in diesem Bereich zwei Welten gegenüber stehen; einmal die Ibiza-House Maloche, die von David Guetta, dieser Hure, angeführt wurde und bei den Rednecks in den USA gerade einschlägt wie eine Bombe (als ob wir noch mehr Eurotrash Musik gebraucht haben); aber andererseits auch die Indie-Schiene, die sich an 60er Jahre Hippie und Blues und anderem Kram anlehnt.

Retro is not a completely new phenomenon, of course: pop has an extensive history of revivals and creative distortions of the musical past. What is different about the contemporary retromania is the aspect of total recall, instant recall, and exact recall that the internet makes possible. Fans can drown themselves in the entire history of music at no cost, because it is literally all up there for the taking. From YouTube’s archive of TV and concert performances to countless music, fashion, photography and design blogs, the internet is a gigantic image bank that encourages and enables the precision replication of period styles, whether it’s a music genre, graphics or fashion. As a result, the scope for imaginative reworking of the past – the misrecognitions and mutations that characterised earlier cults of antiquity like the 19th-century gothic revival – is reduced. In music especially, the combination of cheap digital technology and the vast accumulation of knowledge about how specific recordings were made, means that bands today can get exactly the period sound they are looking for, whether it’s a certain drum sound achieved by Ringo Starr with help from the Abbey Road technicians or a particular synth tone used by Kraftwerk.

Ein besonders anregender Punkt im Text ist die Frage, an was wir uns eigentlich zurück erinnern, wenn wir in einigen Jahren das Retrospiel auf das 21. Jahrhundert projezieren? Wir werden Bilder haben, die so aussehen, als wären sie vor 20 Jahren geschossen worden, und Musik, die sich so anhört, als wäre sie mindestens 40 Jahre älter als sie ist. Es ist eine Verzerrung der Zeit.

What seems to have happened is that the place that The Future once occupied in the imagination of young music-makers has been displaced by The Past: that’s where the romance now lies, with the idea of things that have been lost. The accent, today, is not on discovery but on recovery. All through the noughties, the game of hip involved competing to find fresher things to remake: it was about being differently derivative, original in your unoriginality.

Und das ist mit Sicherheit jedem schon mal aufgefallen, dieses Gefühl, einen guten (!) Song schon mal gehört zu haben und sich darüber sogar zu freuen. An manchen Tagen jedoch ist man lediglich übersättigt und fragt sich, ob es jemals wieder etwas “neues” geben wird (James Blake und Weeknd waren für mich die einzigen Künstler der letzten Zeit, die im Mainstream/Pop Business zumindest “fresh” gewirkt haben – aber auch das ist alles nicht experimentell, sondern nur ein Zusammenwurf bereits bestehender, neuer und alter Elemente ihrer jeweiligen Genres).

 
 

Light Bulb

Veröffentlicht May 31, 2011

It feels good to be a gangster.

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Out Of My Mind

Veröffentlicht April 12, 2011

Ey. Beverly Hills 90210, Air Max und überzeugende Synthie Sounds. Wenn jetzt Blümchen auch wieder angesagt ist dann gebe ich mir die Kugel (sprich: ich freue mir ‘ne Dauerwelle und fahre wieder mit bunten Inline Skates und male mir Sommersprossen auf’s Gesicht). Woher kommt der 90er Flash? Ich kriege gerade auch ab und zu so schweißige Schübe, die nach “Top Gun” und “Arabella” rufen. Überall sind Bilder, die von analogen Wegwerf-Kameras geknipst wurden und einen schleierhaften Nebelfilm, den man zweifellos als “hässlich” bezeichnen kann, tragen.

Kann ich wirklich also hoffen, dass Clarissa zurückkommt? Und die Spice Girls? Und der High Top Fade? Fresh Prince alter? Hawaii-Hemden? Sind wir wirklich wieder da, wo wir angefangen haben? Und wenn ja: wieso? Und wenn wir doch alle rational wissen, dass es falsch ist… wieso fühlt es sich dann so gut an?

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Yonkers

Veröffentlicht February 11, 2011

Gute Musik macht junge Mädchen feucht.

Tyler, The Creator und James Blake in einem Dreier der absoluten Gegensätze. Keine langanhaltende Affäre, aber eine intensive. Eine, wo man sich danach die Brüste festhalten muss, wenn man die Treppe ohne BH herunterläuft. Eine, wo man Tage später noch ein gewisses Kitzeln empfindet und Gänsehaut einen unerwartet erwischt. Ich sehe schon, 2011 wird das Jahr der Gloomy/Creepy/Mindfuck Musik, die einen im Schlaf noch jagt und psychische Vergewaltigung zu verantworten hat. Die abartigste Art des Gehörficks. Würde ich nicht alleine anpacken wollen, diese Mission.

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Sky, Sand, Sydney

Veröffentlicht January 8, 2011

Wenn man Sydney irgendwie zusammenfassen müsste, wäre wohl ein komprimiertes, kleines aber feines Europa mit einem riesigen Chinatown dazwischen die angemessenste Beschreibung. Von Newtown über Surry Hills bis Darlinghurst findet man sich in einem klassischen Bild von Londons hipsten Stadteilen wieder, die einen von Thai bis Italiano mit den fantastischsten und vielfältigsten Auswahlmöglichkeiten an kulinarischen Delikatessen, großartigen Cafés und schönen Plätzen beschenken. Zugegeben, CBD – das, was man von Sydney aus dem Fernsehen kennt, der Central Business District – lehnt sich eher der amerikanischen Kultur an, große Malls und spiegelnde Skyline, aber all das passt genauso hier hin wie es nun mal gerade ist. Zweifellos, und endlich wieder, eine ur-europäische Großstadt. Genau das, was ich seit drei Monaten so schwer im südostasiatischen Urwald zwischen Moskitos und hässlicher Psytrance Musik vermisst habe.

Eine europäisch-amerikanische Großstadt, zweifllos, wären da nicht diese kleinen, leicht irritierenden Dinge, die mich von einem ausgeprägt erleichtertem Heimatgefühl plötzlich wieder in absolute Befremdlichkeit werfen.

Da wäre vor allem, nicht zuletzt und gar hauptsächlich: das Wasser. Sydney ist weniger eine Stadt im ursprünglichen Sinne als eine monströse Bucht. Nicht nur die ihrer Zeit voraus entworfene Oper prägt das Bild, sondern auch die weißen Segel herumdümpelnder Boote, die Fähren, die im Berliner S-Bahn Takt von einem bis zum anderen Ende der Stadt pendeln, die Strände, an denen man sich wie auf den schönsten Inseln fühlt und von Surfern belagert werden. Hier ist etwas, dass ich noch nie so erlebt habe und wofür ich unendlich dankbar bin, irgendwie ein Hoffnungstropfen in meiner urban angehauchten Psyche: eine Stadt am Meer. Im Meer, tatsächlich.

Man verliert sich sehr schnell an diesem magischen Ort, der irgendwie alles zu sein scheint und sich doch nicht richtig entscheiden kann; Touristenmagnet, Strandidylle, Hipsterparadies oder kommerzieller Mittelpunkt. Ich möchte gar nicht erst versuchen, Sydney mit irgendeiner anderen Stadt auf der Welt zu vergleichen; es geht nicht. Und gerade bei dem Gedanken daran, Berlin daneben zu stellen und Pros/Kontras zu formulieren, erschauert es mich am ganzen Körper: ihr müsst verstehen, man kann Berlin nicht wirklich vergleichen, weil es immer der Ort sein wird, an dem ich meine Restjugend verbringen möchte. Aber man kann genauso wenig Sydney vergleichen, denn dieses Stück Erde ist mindestens genauso einzigartig.

Wie bereits formuliert, sind es vor allem die kleinen Dinge, die einen so irritieren – das Wasser ist keine Selbstverständlichkeit, aber man gewöhnt sich daran, jeden morgen den wunderschönsten (und traumhaftesten) Ausblick auf einen der berühmtesten Häfen der Welt zu werfen. Nein, es sind die kleinen Dinge, an die ich mich nicht gewöhne. Dass die Australier alles wie eine Frage formulieren und mich damit in ihrem Englisch komplett in den Wahnsinn treiben. Oder dass man im botanischen Garten Kakadus von Baum zu Baum fliegen sieht und sie noch bis in die Nacht hinein so lange kreischen hört, bis man selbst zur Shotgun greifen will. Oder dass man im Museum of Contemporary Art kopfkratzend vor nichtsaussagender (weil völlig neuer!) Aboriginal Kunstwerken steht und sich fragt, wo denn jetzt die Picasso-Wannabes hängen.

Dinge sind anders. Die Tickets für den Bus kauft man bei 7-11, in Convenience Stores ist alles teurer als in den Supermärkten und die Clubs machen generell um 2 Uhr morgens zu (was ehrlich gesagt besser für alle Beteiligten sind, da Australier in diesen Gefilden leider auch noch nichts von elektronischer Musik gehört haben und wenn, sich dann lieber auf gehirnschädigende Hip Hop House Remixe beschränken und ich anschließend gerne mal mit einem befreienden Sprung von der massiven und eindrucksvollen Harbour Bridge flirte). Es gibt unglaublich viele Asiaten hier, nach einer Stichprobenzählung konnte ich mehr ausmachen, als ich in Vietnam insgesamt zählen konnte. Seltsam fühlt man sich hier, wenn man zwischen Reihenhäusern, die eher an einsame Orte im Nirgendwo erinnern, plötzlich das Meer und die Wellen aufbrodeln sieht. Strahlend blauer Himmel, die Sonne brennt einem den Hautkrebs direkt unter die ersten Schichten, und dann ist das auch noch der schlechteste Sommer Australiens (es regnet alle drei Tage).

Kleine Märkte in alten Stadtteilen, Bars, in denen man nicht Rauchen darf, völlig desorganisierter Verkehr und dann sitzt man zwischen sechs Leuten in einer chinesischen Bude mit seinen Freunden wo man sich für 50 Dollar die Woche ein Zimmer teilt das eigentlich für maximal 3 Personen gemacht ist am Fenster und sieht einen verdammten Schwarm riesiger Fledermäuse am Himmel. Gotham Fucking City.

Oder man trinkt Flat White (Kaffee in Australien zu bestellen ist auch erst mal eine Kunst, für die man ein Lexikon braucht) im Draußen-Café des NSW Museum of Art und sieht einen Ara (oder jedenfalls einen bunten, kleinen Papagei) den Tisch langspazieren. Einfach so. Das sind dann so die Momente, wo man rafft, dass man nicht in Europa ist, sondern in Australien, auf der anderen Seite der Welt, wo jede Sekunde ein Känguruh ins Bild springen könnte, und wo alle drei Minuten jemand wegen Krokodilen, Quallen, Haien, Spinnen oder Schlangen stirbt. Zumindest sagt man das so. In Australien kann man an vielen Dingen sterben.

Der massivste Unterschied, den ich aber bis jetzt festnageln konnte, ist das Internet. Nicht, dass das Internet sich am anderen Ende der Welt anders verhält, aber die Leute spinnen hier. Die sind absolut rückwärts. Es gibt keinen unlimitierten Data Plan. Anders ausgedrückt: man bezahlt hier per Gigabyte an Download. Und dann läuft das im Pre-Pay Plan auch noch ab, meistens schon nach einem Monat. Nicht, dass das bei mir irgendwas ausmachen würde, immerhin knall ich die zwei Gig, die mir im Monat zustehen in zwei Tagen runter, aber ach du Scheisse, sind die denn komplett bescheuert? Dass man da nicht auf die Barrikaden geht und Randale macht und absolute Revolution ankündigt. Ich fange damit jetzt mal an, indem ich offline gehe. Wir sehen uns in Melbourne wieder, wo ich mit genauso wenig Plan herumdümpel, bis ich einen Job finde. G‘day mate.

 
 

Hipster Kitty

Veröffentlicht August 25, 2010

Hipster Kitty · Kategorien: Uncategorized · 2 Kommentare
 
 

Szeneboulevard

Veröffentlicht July 30, 2010

Meine Szene-Affäre hat sich dann wohl ausgezahlt, immerhin habe ich es auf den B-Promi Thron der BZ geschafft. Das bedeutet zwar auch, dass ich definitiv meine Authentizität verloren habe und mir der Jutebeutel, sobald ich wieder in Berlin ankomme, von den Cool Kids kreischend weggenommen wird…

Aber damit kann ich freilich leben. Bitte einmal hier lang zum Berliner Szeneblog Spreeblick. Hier zu meinem ursprünglichen Text.

(danke an tobsen23 für die Screenshots!)

 
 

YEAH SARA IS A FUCKING HIPSTER

Veröffentlicht July 20, 2010

Wenn man erst mal versteht, dass alles so berechenbar ist, und das Selbstbestimmung fast schon ein Witz ist, sobald man mal alles an Äußerlichkeiten addiert. Wie es zu dieser Erkenntnis kommt kann auf viele mögliche Arten passieren. Man kann das brutal vorgehalten bekommen (Standpauken oder von Nazis und anderen Hatern verprügelt werden), oder man kann sich einfach selbst als Klischee wiederentdecken, in einer absolut perfekten Illustration, ja, geradezu einer Karikatur seiner selbst. Oh hai, ich bin ein KLON.

The Hipster Runoff mag literarisch gesehen vielleicht ein anstrengend zu lesendes Werk sein, trifft aber – konkurrenzlos – alles, was unsere derzeitige Szeneentwicklung angeht, den Nagel immer auf den Kopf. Nicht immer ist alles unbedingt relevant und auch keine Kausalität, aber wie gesagt, ich erschrecke mich schon hin und wieder (und fühle mich ertappt), wenn ich mich so schön in den kategorischen Schubladen der Authoren wiederfinde.

Ein schönes Beispiel ist der neueste Artikel zu den Persönlichkeiten der derzeitigen Festivalbesucher/Blogger:

I remember when the festival bro was first invented, he represented a simpler, chiller bro in an Incubus/raver kind of way [link]. It seems like the modern festival bro might be more of a bloggy bro–a hyperconnected bro with high level opinions on indie music who ventures out into the real world several times per year for relevant shows and music festivals. He ‘creates his own merch’, making it clear that he ‘gets’ the ’scene’, hopefully looking to attract the attention of an entry level blog reader lil slut who giggles at his shirt. If that plan doesn’t pan out, ‘being blogged about by a festival blogger’ seems like a ‘decent consolation prize’ [via getting to share it in your facebook feed.’ (alt report)

Hehehe. Ja, die Zeiten der kleinen journalistischen Ambitionen sind eigentlich vorbei, heute will jeder Blog ein kleines (anderes) Magazin mit eigener Brand (Persönlichkeit) werden, mit Eventeinladungen und Ansehen und Reputation und VIP-Status. Will in seinen Nischen vertreten sein, am besten ganz oben, auch wenn die Nische mir manchmal selbst nicht wirklich transparent erscheint (das einzige, was wir auf diesen Parties dann alle gemeinsam haben, ist wahrscheinlich dass wir uns selbst feiern und dabei angähnen).

Und jetzt muss ich doch ein bisschen lachen, weil ey, besser hätte ich mich und 3/4 meiner Markennamen-Freunde auch nicht beschreiben können. Ich freue mich wirklich auf meine Weltreise und den Austritt aus diesem Pseudo-”Ich bin was wirklich wichtiges“-Leben. Nicht, weil ich so zwingend anders und toll und “auf dem Boden geblieben” sein möchte, sondern weil ich es mir, wenn überhaupt, doch immerhin das Abheben auch verdient haben möchte.

Nee, so schlimm ist das aber auch gar nicht, es ist nur bemerkenswert, dass mich vor allem der Blog, nicht Berlin in diese bestimmte “Ecke/Szene” gedrängt hat. Wie war das? Born To Be A HIPSTER. Oder eben auch Born to be a hipster influenced blogger in Berlin, wobei das wahrscheinlich sowieso auf dasselbe hinausläuft (nur die Musik, die lass ich mir nicht nehmen: das kann ich. Musik hören, meine ich). Ein Hipster bin ich nicht, ich bin nur ein Spasti mit Röhrenjeans und bekomme Dinge von Unternehmen geschenkt, die wissen, dass ich für drei Leute (meine Mutter, ein Stalker und ein fettes Kind) sowas wie ein Meinungsmacher bin. Könntet ihr mal bitte anfangen, mich zu feiern?

(Überhaupt, dieser ganze Meta-Circlejerk-Haufen aus dem Internet, der sich dann in Berlin versammelt – nicht vergessen, ich zähle mich bei dieser Kritik mit dazu – ist doch auch nur ein Haufen Kids, die sich von Marketingmenschen durchficken lassen, oder? Ich meine, klar, wir sind die Endkonsumenten und wir lieben die glitzernden Produkte und wir tun gar nicht erst so, als wären wir keine Fashionhuren, aber irgendwie ist das doch ganz schön amüsant wenn man das mal so großflächig betrachtet. Schön ist auch, wenn man sich als Individuum nahtlos in eine Masse gleichdenkender Leute einfügt, die dann aber alle gegeneinander arbeiten und sich immer weiter “hochkraxeln” wollen. Hat eigentlich jemand darüber nachgedacht, was “oben” eigentlich ist? Was ist oben? Der rote Teppich? Konfus, Konfuser, Konfuzius!

Bei findingberlin hatte ich das glaube ich auch mal treffender verpackt, auch wenn nicht direkt im Zusammenhang mit Blogs oder der eigenen Brand. Selbstmarketing ist ja auch nichts schlechtes, im Gegenteil, es ist das einzige. Nur ja, wofür, wenn man nicht gerade eine super Dienstleistung anbietet oder in eine Kooperation fallen möchte?)

(Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken, deshalb noch so ein Absatz: es überrascht mich, dass es vor allem die “kreative Elite” dahin geschafft hat, solche Scenester-Schoßhündchen für Unternehmen zu werden, say American Apparell oder ach, von mir aus auch Nike und Adidas. Vielleicht, weil man sich dort gerade die kreativsten Menschen leisten kann, die den eigenen Konsumgeschmack, die Zeichen der Zeit sozusagen, ganz gut verstehen? Vielleicht ist es auch an dieser Stelle genau notwendig, zwischen SCENESTER und HIPSTER zu differenzieren, wobei sich Hipster ja aussuchen, wem sie das Geld/die Liebe/das Verständnis entgegenbringen (gerade im Wirtschaftssektor wird ja eher von Hipsteria profitiert als es die Kunst tun würde, mal ganz ehrlich), und Scenester einfach den “trendschaffenden”, also markierenden Hipstern hinterherrennen. Wenn man mich mal so fragen würde: 10% aller Röhrenjeanstragenden gehören damit also der Hipsterkategorie an, die restlichen 90% waren mal Emos, die sich weiterentwickelt haben. Was jetzt auch nicht so schlimm ist, weil es dafür weniger Emos gibt. Aber man muss es halt auch schon mal so sagen: Scenester = Blender. Hipster = irgendwas macht ihn einzigartig, auch wenn es nicht immer unbedingt ersichtlich ist. Bei den Scenestern kommt übrigens auch dieses mit der Fremdbestimmung zum tragen: sie laufen den Hipstern ja nicht hinterher und denken “iih ich will nicht so aussehen/diese Musik hören, aber ich tu’s trotzdem weil’s angesagt ist”, sondern sie finden das ja WIRKLICH gut, aber die Frage ist halt: findet man es selber gut oder findet man das als manipulierter Mensch gut? Und dann muss man ja auch davon ausgehen, dass der Hipster selbst nicht manipuliert wurde, weil er sich ja frei etwas “ausgedacht” hat. Was ja so aber niemals sein kann. Ach, irrelevant. Ob sich Gesellschaftspsychologen mit soetwas auseinandersetzen?)

Keine Ahnung, was ich ursprünglich mal sagen wollte. Ich freu mich schon darauf, wenn ich die +50 erreicht habe, und diese Gedanken und diese Belanglosigkeiten belächel und mir sage, “Dude, du hättest einfach machen, und niemals darüber nachdenken sollen, wie das wirkt oder ob das Spaß macht, denn ändern kannst du das, was du augenblicklich fühlst, sowieso wohl kaum, und ändern kannst du irgendwelche Fremdeinflüsse, die dich dann bewegen, ja auch nicht”. Aber ey: ich bin jung. Ich darf noch spinnen und philosophieren, ich hab in meiner Pubertät schon genug Menschenhass und Depressionen geschoben. Jetzt? Erwartet nicht zu viel von mir. Erwartet gar nichts außer ein Lachen (aber immerhin sowas wie ein glückliches Lachen, mit Ausnahme von diesen genauso hipsterigen We Fly High Momenten) und die Illusion, dass nichts Schlimmes passieren kann, wenn man die Augen nur fest genug schließen kann… denn früh genug schon wird mich das blaue Wunder wieder wecken, habe ich das Gefühl…

 
 
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