Sexismus, Bitch.

Veröffentlicht December 11, 2009

1. Shit happens

Im Internet ist es sehr leicht, schnell ein Urteil über andere Menschen zu fällen, weil sie sich virtuell auf eine bestimmte Art und Weise geben. In der Realität ist es dann aber anders: da würde ich den meisten Leuten zwar gerne eine Ohrfeige verpassen – für Sexismus, Rassismus oder was es auch heute wieder ist – aber ich nicke es mit einem traurigen Lächeln ab, “irgendwie können die nichts dafür, es ist das System”. Welchen unterschwelligen Denkfehler hinter Worten stecken, und welche Urteile wir deshalb bilden, das sind alles Themen, die mich zwar betreffen, über die ich aber nicht mein Leben lang nachdenken kann, diese Bürde überlasse ich anderen. Jeder Mensch sollte den Anspruch haben, sich nach seinen eigenen Maßstäben weiterzuentwickeln, in Sachen Charakterstärke, Bildung, Zwischenmenschlichkeit. Jeder lernt im Laufe der Zeit für sich selbst, was richtig und was falsch ist, so auch ich. Ich mache Fehler und sehe Fehler in anderen, ich werde aber niemanden verurteilen, solange ich es nicht verstehe und solange ich keine Lösung sehe. Vielleicht ist das Ignoranz. Aber so ist es halt.

riot

Es ist nicht meine Aufgabe, Superheld zu sein. Und wenn sich Leute über offensichtlich nicht ernsthafte Themen ernsthaft echauffieren, dann mache ich mich – normalerweise – über sie lustig, in dem ich nackt auf ihren Tischen tanze und Holla die Waldfee rülpse.

So ist das in meiner eigenen kleinen, bescheidenen Welt. Und der will ich manchmal schlicht und einfach entkommen: in eine Welt, in der es einfach nur lustig ist, Kommentare zu schreiben, die sinnlos und wertlos sind. In eine Welt, wo nicht jedes Wort nach seiner Ernsthaftigkeit gemessen wird, sondern nach seinem unterhaltungswert. Ist es amüsant, sexistisch oder rassistisch zu sein? Lasst uns alle kurz die Luft anhalten: ja, manchmal ist es das. Nicht, weil die jeweilige Zielgruppe es verdient hat, dass man sich über sie lustig macht, sondern weil man konkret Vorurteile und Klischees bedient, die veraltet und surreal sind und eine Karikatur dessen, was wir in Arroganz gerne mal vorführen möchten. Die meiste Zeit machen wir uns dabei über uns und unsere eigenen Makel lustig. Ich will es anders ausdrücken: dragstripGirl.de, genauso wie alle anderen Blogs die ich davor patroullierte, erhebt keinen Anspruch auf Political Correctness für dumme Menschen. Und wenn wir ernsthafte Kolumnen schreiben wollen, machen wir ein Voluntariat bei der FAZ. Entweder man kann halt darüber lachen, weil man verstanden hat, worum es hier geht, wie es gemeint und dass The Onion keine echte Zeitung ist, oder man findet den Humor dahinter überhaupt nicht gut.

a) Trotzdem kann man uns den Humor nicht absprechen.
b) Trotzdem heisst das nicht, dass man uns – als Menschen – auf unsere Texte reduzieren könnte.
c) Trotzdem lassen wir uns gerne auf Kritik ein, und wollen versuchen, bei all dem klar zu vermitteln, dass wir absichtlich übertreiben, polarisieren und provozieren, um gewisse Reaktionen zu erhalten.

2. Shit happened

Here’s the thing: B. hat vor kurzem einen Beitrag über “lesbische Liebe” veröffentlicht und das hat, naja, ein bisschen Aufsehen auf feministisch positionierten Blogs erregt. Seht ihr, wenn es nur darum ginge: kein Problem. Wir kommen mit Kritik klar. Aber ich bin mega enttäuscht von dem, was es eigentlich war: nämlich ausschließlich Hetzerei. B wollte zwischenzeitlich den Beitrag runternehmen, dann hat er ihn passwortgeschützt, und das alles hat mich einfach echt wütend gemacht: wo sind wir denn hier? Ja, wir haben darum gebeten, dass die Posts über Bs Beitrag doch bitte runtergenommen werden. Aber nicht wegen der angeblichen Kritik, sondern weil wir keinen Bock, keine Zeit und keine Energie haben uns mit männerfeindlichen und völlig taktlosen, manchmal geradezu aggressiven und beleidigenden Kommentare & E-Mails zu beschäftigen. Dieser vemeintlich kritische Beitrag ist nun auch wieder online, samt Link zu uns. Wisst ihr was? Ich spare mir einen Link zu euch, ich brauch keine wütende Horde auf euch zu hetzen. Ihr könnt schon stolz drauf sein, dass ihr hier überhaupt eine Reaktion provoziert habt. Und das hauptsächlich, weil ich mich für euch schäme.

Aber ich bin nicht nur wütend, ich bin auch verunsichert. Weil ich nicht weiß, wie ich reagiert hätte, wenn der Beitrag irgendwo anders erschienen wäre. Weil ich nicht weiß, ob die Kritik nicht doch irgendwo Hand und Fuß hat und ich B. jetzt vielleicht selbst kritisieren muss– es nur nicht tue, weil ich ihn kenne. Und weil ich selbst darüber gelacht habe. Darüber gelacht. Als Frau. Als Frau, die durchaus für das Thema Sexismus sensibilisiert ist. Als Frau, die selbst das Kotzen bekommt, wenn irgendwelche dummen Kühe mitten auf einer Party stehen und sich gegenseitig den Rachen klären, damit sie am Ende des Abends den richtigen Macho mit nach Hause nehmen können (wobei ich  als unmündiges Wesen ja nur wütend werde, weil die besten Typen ja dann weg sind. Wo ist eigentlich mein Zuhälter?).

Ja, ich sehe es ein: Der Beitrag kann voll missverstanden werden, weil er pauschalisiert und damit in ein sexistisches Licht rückt. Aber: Der Text entwertet, egal wie man es dreht und wendet, nicht den sexuellen Akt zweier Frauen. Im Text wird auch nicht behauptet, dass lesbischer Sex nur da ist, um Männerfantasien zu beglücken, sondern dass Männer manchmal Idioten sind, weil sie ihren sexuellen Fantasien so nachhängen  (und da frage ich mich, aha, es ist also sexistisch, wenn man sich zwei Frauen beim Sex vorstellt, aber es ist wohl nicht sexistisch, wenn man einen Mann dafür verurteilt?).

Und jetzt ist da diese Allround-Entschuldigung: war ja nur Spaß. Und die wird natürlich nicht angenommen, weil wir wissen, dass solche Späße sich durch unsere Gesellschaft ziehen und in Generationen voller emotionaler Flachwichser enden, die Frauen wie Dreck behandeln– und nicht zu vergessen in Generationen von Frauen, die sich mit Stolz und Ehre auch wie Dreck behandeln lassen. Aber hier noch mal, damit ihr versteht, wieso diese Entschuldigung trotzdem stehen bleibt: weil wir hier keine zwölfjährigen Machos erziehen, sondern unsere Leser für intelligent genug halten, Fakt und Fiktion unterscheiden zu können. Das sind dieselben Leute, die sich kritisch mit Journalismus, Politik und Wirtschaft auseinandersetzen können. Und die, die es nicht können, die sich denken: “uhu, die sind voll sexistisch, das ist genau meine Liga”? Die wollen wir weder als Leser, noch als Kommentatoren, noch als Freunde. Und WIR können ihnen auch nicht mehr helfen.

Man, stellt euch mal vor, ihr hättet diese Kritik einfach mal anständig und ohne die Gewalt in den Wörtern geäußert– ich hätte mich darüber gefreut, und hätte entsprechend reagiert. Ich hätte mich so gerne auf eine Diskussion darüber eingelassen, wie sehr man sich mit der Kunst aus dem Fenster lehnen kann, wie dehnbar der Begriff des Humors ist und ob wir hier eine gesellschaftliche Verantwortung tragen, mit der wir umgehen müssen. Diese Diskussion führe ich stattdessen jetzt hier alleine, wütend und enttäuscht. Und wenn B. sagt, ok, lasst uns doch einfach einen Austausch führen, ich telefonier auch mit euch, ich mail euch meine Ansicht und lasse mich eines besseren belehren, aber verdammt, REDET EINFACH MIT MIR BEVOR IHR MICH SO RUNTERBUTTERT, dann wird das komplett abgeschmettert: nee, mit so einem wie dir reden wir nicht.

Ich fühle mich ja schon als Frau absolut von euch angegriffen, da frage ich mich, wie sich B. jetzt fühlt? Ein Typ, einer von sehr wenigen, der jeden Menschen, egal ob schwul, lesbisch, Mann, Frau, Furry oder Australier, in erster Linie als Mensch sieht, und nicht aufhören kann, das in jeder Situation des Lebens zu zeigen und zu betonen?

Ja, stimmt, woher sollt ihr das wissen? Ihr kennt ihn ja nicht. Und trotzdem habt ihr ihn eingehend als schlechten, sexistischen Typen beschrieben, weil er sich einmal über seine eigenen idiotischen Gedanken lustig gemacht hat, weil er ausgesprochen hat, was viele Typen denken und auch DAS als idiotisch darstellen konnte (und im Prinzip damit auf der Seite einer jeden Frau steht, die sich davon angegriffen oder beleidigt fühlen könnte).

3. Yeah, whatever

Also, wir fassen zusammen: ja, man konnte den Beitrag falsch verstehen. Und der Beitrag liefert genug Munition, um kritisiert zu werden. Ich kann aber nur nochmal betonen: das wurde er nicht. Er wurde nicht kritisiert. Es wurde einfach damit abgehakt, dass man sagte, ok, der B, der muss Sexist sein, und das ist ja abartig.

Merkt ihr was? Merkt ihr, dass ihr gerade etwas kritisiert, was ihr selbst nicht besser macht? Ihr verurteilt UNSERE Verurteilung auf derselben non-basis, mit dem selben Fehler, den wir angeblich gemacht haben! Und der wesentliche Unterschied? EURE Plattformen, Magazine, Blogs, whatever, HABEN TATSÄCHLICH DEN ANSPRUCH ERNST GENOMMEN ZU WERDEN.

… können wir das kurz einsacken lassen, ja? Wir haben mit dragstripGirl.de einen Blog aufgezogen, der manchmal ernste, manchmal intelligente, manchmal saudumme und meistens einfach völlig belanglose Themen behandelt, aber niemals, kein einziges Mal haben wir den Anspruch erhoben ernst genommen zu werden. Wir haben uns diese Verantwortung NIEMALS aufgebürgt, niemals. Aber ihr bezeichnet euch als Informanten, als starke, intelligente Frauen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen und sich Moral auf die Fahne geschrieben haben. Ihr habt ganz andere Leser als wir, und ihr werdet auch ganz anders wahrgenommen. Das ist auch verdammt gut so, und wir wollen euch eure Autorität da keinesfalls absprechen.

Ich habe nichts dagegen, wenn man uns scheisse findet, dass ist das gute Recht eines jeden. Ich lasse da auch gerne mit mir reden, und wenn ich merke, okay, ich habe hier meine eigenen Prinzipien über Bord geworfen und einen Fehler gemacht, dann stehe ich auch dazu und versuche das zu korrigieren. Zum Beitrag selbst kann ich nur nochmals betonen: ja, kritikwürdig. Nein, er wurde nicht angemessen kritisiert. Aber: Wisst ihr, was hier für Hatemail und obszöne Kommentare angekommen sind? Und ihr beschwert euch über UNSERE Kommentatoren? Nein, das hat nichts mit Zensur zu tun, das hat was mit einer gewissen Etikette zu tun, und ich lasse mich von niemandem beleidigen oder anschreien, der nicht verstanden hat, worum es geht.

Nochmal: der nicht verstanden hat, worum es geht.

Der nicht verstanden hat, worum es geht.

Worum es geht.

 
 
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