Stories

Veröffentlicht January 25, 2010

In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…

Wir waren in einer fremden Stadt, als wir uns wieder trafen. Es war unsere letzte Nacht. Meine Finger tanzten über sein Gesicht, strichen durch seine nassen Locken, über seine schönen Lippen.. Seine Augen waren geschlossen. Er atmete ruhig; er war erschöpft. All die Dinge, die wir uns in den Nächten zuvor durch unsere Körper gepumpt haben, brachen letztendlich unsere Standkraft. Nach fast 48 Stunden Wachsamkeit waren wir fast tot.

Das Zimmer, in dem wir lagen, spiegelte diesen halbwahnsinnigen Zustand wider. Das Rattengift hinter der Heizung. Die Brandlöcher in der Bettdecke. Die gelblichen Flecken auf den Laken, auf denen wir lagen. Die Wandbemalungen, die Requieme der trippenden Mittzwanzigern, die alle in den vergangenen 10 Jahren in diesem Hostel gewohnt haben, hatten auch uns eine Nacht zuvor gequält. Es blieb nichts ungesagt. Es blieb kein Traum unberührt. Sein Lachen hallte mir immer noch in meinen Gedanken nach.

Ich konnte trotz aller Müdigkeit nicht schlafen. Ich schlang die Decke noch enger um mich, drehte mich auf meinen Rücken und schaute aus dem Fenster hinaus, in den blau-schwarzen Himmel. Ich war völlig fertig, mein Schädel pochte. Es war die erste Nacht, in der wir nicht Arm in Arm lagen.

“Ich finde deine Pläne gut- aber mach es nicht wegen mir.”

Seine Stimme war ein Flüstern. Ich wusste nicht, ob ich ihn gehört hatte. Ich wusste nicht, ob es nur in meinem Kopf war. Ich drehte mich zu ihm, seine Augen waren verschlossen. “Was?”

“Deine Pläne- es ist gut. Aber nicht wegen mir. Ich weiß nicht, wo ich sein werde. Mein Leben ist verrückt- vielleicht bin ich nicht da… Mach es nicht wegen mir.” Sein Flüstern war kaum zu hören. Ich wollte es nicht hören.

Ich musste verächtlich schnauben, “Nein, ich mache es nicht wegen dir”, doch meine Kehle fühlte sich an, als würde sie gleich explodieren. Ich drehte mich wieder auf meinen Rücken und versuchte, meine Tränen zu unterdrücken. Ich war wütend, auf ihn, auf mich selber, ich wusste nicht wieso. Weil ich es nicht wegen ihm machen wollte und es satt war, mir diesen Vorwurf anhören zu müssen. Weil er es nicht zu schätzen wusste, selbst wenn es so wäre.

Weil unser Abenteuer hier endete.

Weil die Geschichte, die wir eines Tages erzählen werden können, niemals ein weiteres Kapitel sehen wird.

Er sagte nichts mehr, es machte mich rasend. Wie er da lag, so unbelastet, so zufrieden, ohne die Augen zu öffnen, ohne der Sache nur einen weiteren Moment zu widmen. Er hatte alles gesagt, in dieser letzten Nacht.

“Du wirst mir nicht das Herz brechen”. Ich sagte es, und ich fühlte es, während die Tränen meine Augen verließen.

“You’re not breaking my heart.”

Er machte die Augen auf.

“I’m not?”

Ich lachte. Nein. Es gab keine Splitter und keine Risse, nicht wegen ihm. Und ich lachte weiter, weil er nicht wusste, was dieses völlig verrückte Mädchen, dass von Piraten und Safaris träumte, eigentlich von ihm wollte.

“No, you’re not.”

Er machte die Augen wieder zu. Er wusste nicht, was er mir angetan hatte. Er wusste nicht, wie sehr er mich faszinierte. Er wusste nicht, dass er mein Herz nicht brechen konnte.

Er wusste nicht, dass er mein Herz geheilt hatte.

Stories · Kategorien: Restrealität · 16 Kommentare
 
 

AdagioParty/Westberlin

Veröffentlicht December 21, 2009

B. ist in Berlin. Wenn B in Berlin ist heisst das Halli Galli und Atombombe. Wir legen unsere Eier auf den Tisch und spielen russisches Roulette mit Panzerfäusten. Es macht Bäm und plötzlich klatscht es Gehirnmasse an die Wände. Wir feiern wie Rockstars und zerlegen Gebäude in tausend Teile.

Jedenfalls fühlt es sich so an. Meistens ist es dann nämlich doch so, dass wir eine lauwarme Lasagne genießen, Familienfernsehen gucken und dann sabbernd auf der Couch einschlafen. Am nächsten Tag wachen wir mit Rücken auf und erzählen anderen, was wir doch für geile Partys gefeiert haben. B. und ich nicken uns dabei verschwörerisch zu: wir wissen Bescheid.

Der Plan

So oder so ähnlich war auch unsere kleine Hotelexkursion am Samstagabend. Geplant war eine Orgie im Hotelzimmer, drei Meter Koks auf der Theke, nackte Weiber auf dem Bett, und wir, wie wir gelangweilt bei der Action zuschauen, wartend auf den nächsten Kick. Das war zumindest der Plan.

Es verlief dann aber doch ein bisschen anders, als wir feststellen, dass das Adagio City Aparthotel ((was auch immer “City Aparthotel” heissen soll. Ein apartes Hotel? Ein Apartement-Hotel? Und wieso dieses unnötige “City” davor? Und heisst nicht ein schäbiger Laden am Potsdamer Platz Adagio?)) am anderen Ende des Ku’Damms ist (das Ende, das man vom Zoo aus im Impaktwinter nicht unbedingt zu Fuß erreichen will) und wir bis zur Ankunft schon völlig ermüdet waren. Wir befanden uns im Westen Berlins: das alleine war schon neu für uns. Die Straßen waren uns unbekannt, wir fühlten uns wie Touristen. B. hielt krampfhaft seinen Brustbeutel fest. Als wir unsere Herberge endlich entdeckten, überfiel uns eine Art Wehmut und Heimweh. Wir hofften auf eine warme Willkommensumarmung.

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