Work It
Veröffentlicht July 28, 2011
Seitdem ich wieder einer beruflichen Tätigkeit nachgehe, umgangsprachlich auch „Arbeit“, „Maloche“ oder „Hartgeldstrich“ genannt, ist die Sprachlosigkeit wieder öfter Gast in meinem Geist. Sie macht sich abends gerne auf der ewigen Couch des Glücks breit und betäubt den Rest meines Körpers wie ein professioneller Anästhesist bei seinem täglichen Abspritz-Ritual. Die Sprachlosigkeit, die mich zu einem lethargischen Zombie macht, die mir die Falten in die Stirn brennt und meine Prioritäten verschiebt. Nicht mehr der Wunsch nach Freiheit und Liebe und Gerechtigkeit bestimmt mein Dasein, sondern lediglich der Traum vom langen, ungestörten Schlaf, oder auch mehr Kaffee, je nachdem, wie viel Uhr es ist.
Die Sprachlosigkeit kommt nicht etwa davon, dass ich in einem Call Center sitze und viel rede; im Gegenteil. Ich mache es mir zur größten Aufgabe, so wenig wie möglich das für Satzbildung verantwortliche Gehirnfeld zu betätigen. Zwischen Zehn und Achtzehn Uhr gilt für mich: so lange ich kann sage ich einfach nichts. Leider zieht sich das auch in das Gefilde meiner Freizeit, denn mein Leben macht gerade einen eigenen kleinen Paradigmenwechsel durch. Genauso wie damals, als ich aufgehört habe zu arbeiten. Schalter an, Schalter aus. Ich weiß auch, dass sich das irgendwann einpendeln wird, eine Balance sich einstellt. In dieser Phase ist man dann auf diese lethargische, selbstgerechte Art und Weise auch zufrieden und redet sich ein, dass alles so ist, wie es sein muss. Hoffentlich wird es nie so weit kommen, das ist eine ganz schlimme Zeit. Sie ist illusionär. Wenigstens kann ich in meiner jetzigen, unbequemen Lage noch klar denken und das Wehwehchen identifizieren. Im gehirnamputierten, dauerbreiten Arbeitergrinsen der wirtschaftsinfizierten Welt der fleißigen Arbeiterbienchen ist es dann nicht mehr so einfach.
Nein, die Sprachlosigkeit stammt aus der Distanz zwischen beiden Leben, die ich führe: das, welches meine Freunde so schätzen und lieben, und das, welches mich so weit vor ihnen weg schiebt. Jeden morgen reise ich aus meinem kleinen Kiez heraus, auch auf symbolischem Weg verabschiede ich mich damit auch jeden Tag davon, ein Teil „davon“ zu sein. Vom Leben im Sommer in Berlin mit einer wohlgewählten Familie. Abends, wenn der Schalter wieder umklappt und ich auf meinem Weg zurück bin, kann ich den Alltag nicht aufholen- nur noch den Abend teilen. Einen Abend, an dem ich von nichts erzählen kann, denn keiner teilt meine (zwar unkomplizierte, aber trotzdem sehr umfangreiche und totlangweilige) kleine Galaxie der Festanstellung.
Und ich beschwere mich nicht über das Glück, dass ich habe, in so einem Alter mit solchen (sprich: gar keinen) Qualifikationen an so einen Job zu kommen. Dafür würden sich andere die rechte Hand abhaken und drei Jahre im Wanderzirkus Freak spielen. It is what it is. Dennoch darf – und will – ich auch nicht aufgeben, was ich mir so hart (so hart war‘s nicht) aufgebaut habe. Nämlich solch hippie-esquen Dinge wie „Lebensgefühl“ und „Zugehörigkeit“. Das ganze Konfetti-Ding, was ich schon oft genug betone, ich will es selber gar nicht mehr hören. Ich hätte am liebsten beides, und doch muss immer eines davon zurücktreten, zumindest jetzt noch, wo ich keine einzige Entscheidung treffen kann, die permanent ist. So weit ist es noch nicht.
Aber der Kopf arbeitet den ganzen Tag. Die Müdigkeit holt einen ein, die Trägheit, die Erschöpfung davon, Dinge zu tun, die nicht bewegen. Die keinen größeren Ziele verfolgen. Ich bin ein Fan von Zielen. Meine weinerlichen Beschwerden rühren nicht daher, dass ich jetzt einem Bürojob nachgehe, ich spüre jetzt auch nicht sonderlich das Verlangen, später mal zu großen, weltverbessernden Dingen berufen zu werden. Das meine ich nicht. Allerdings habe ich sehr großen Respekt davor, abzustumpfen. Ich spüre jetzt schon, wie meine Gedanken wieder hauptsächlich um die Realität kreisen. Wie ich Träume und Vorstellungen begrabe, weil sie keinen Raum in einer Welt voller Effizienz und Prozesse finden. Einfach so ist alles Kreative und Rebellische, egal, wie klein es vorher war, einfach stillgelegt. Es ist da, aber es funktioniert nicht. Der Idealismus, auch wenn fehlgeschlagen und deplaziert, blättert ab.
Meine Jugend. Ich vergesse sie in dem Augenblick, wo ich mich voll auf meine mir selbst auferlegt Aufgabe konzentriere. Ich verbittere. Nein, das ist so weit noch nicht; aber ich habe Angst davor, dass es wieder kommt, dieses Gefühl der absoluten Nutzlosigkeit, das Gefühl, nichts zu tun. Und dann doch diese Müdigkeit, die beweist, dass aber irgendwas schlaucht. Vielleicht sogar irreperable Schaden hinterlässt.
Meine Dankbarkeit – vor allem meine Dankbarkeit für mich selber – ist unermesslich. Ich werfe keine Gelegenheiten weg, so bin ich nicht. Ich motze nicht grundlos, wenn überhaupt, dann Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, aber ich bin auch nur ein Mensch. Aber Angst habe ich. Und ich hoffe, dass ich diese Angst immer haben werde.
Ich halte nichts von dem Mythos der sexuellen Entlastung bei sportlicher Betätigung. Der gute Sigmund mag mit seiner These vielleicht einigen Frauen einen Gefallen getan haben, damit sie keine Vergewaltigung mehr fürchten müssen, wenn sie mal wieder eine Migräne vortäuschen; allerdings kann man ja nur allzu gut beobachten, wie sich Männer abreagieren. Kriege, Amokläufe und Filesharing. Und das alles nur wegen unzureichender Geschlechtsverkehrsversorgung.

Deshalb kann ich auf eine Historie der Sport-Ablehnung meinerseits zurückblicken. Meine Faulheit überzeugte mich schon in meinen jungen Jahren davon, dass Hungern um einiges angenehmer ist als Bewegung; das geht sowieso Hand in Hand, eine Mahlzeit bereitet sich ja auch nicht selbst zu. Mama hatte auch nicht jeden Tag Zeit, sich um ihre verwöhnten Kinder zu kümmern. Anders ausgedrückt: Es muss etwas Schreckliches passiert sein, damit ich mich dazu entschließe, Sport zu machen.
Die Fettschwarte, die sich um meine Organe gelegt hat, ist wohl Grund genug geworden. Und das, obwohl ich mich sogar gesünder ernähre als noch vor 1,5 Jahren. Damals, als ich jeden Tag zu Mäcces anstatt zur Schule gefahren bin. Aber so ist es halt. Das Arbeitsleben verändert mich und zerstört mein tief verankertes Prinzip: “Was du heute kannst besorgen, das sollte in Armlänge erreichbar sein.”
…
Nun ist es also soweit. Ich bin im Fitnessstudio angemeldet und darf Markus Kavka und Till Lindemann beim Pumpen zugucken. Das beschränkt sich meistens auch wirklich nur darauf, da Aktivitäten meinerseits in Schweißbädern und Atemnot, Schlaganfall und Herzinfarkt enden. Die lässigen Kippen, die mir seit knapp fünf Jahren aus dem Mundwinkel hingen und es ab und zu immer noch tun, sind nicht mehr ganz so lässig, wenn ich rückwärts vom Laufband fliege und den dritten Stock runterkrache. Die Fettflecken kommen dann auch nicht mehr so schnell raus. Dabei grunzen sich die Latte Machiatto Muttis, die gerade ihren achten Wurf Kinder hinter sich haben, mehrere Stunden den Stepper belegen und dabei genüsslich die Gala verzehren, zustimmend zu, weil sie sich in ihrer Fitness bestätigt wurden. Ich werde von Sabine und Michaela ausgelacht. SABINE UND MICHAELA!!
Man kann richtig sehen, wie die Muttis nach so-und-so vielen Jahren endlich wieder soziale Kontakte knüpfen, Gott Dank dem Fitnessstudio! Yoga Kurse mit gleichgesinnten Frauen, die ihre Männer leider nicht den ganzen Tag lang in den Hobbykeller verbannen können und selbst eine Flucht vor Kind und Haushalt suchen, Pilates, und abschließend werden die übrigen Zelluliteringe gezählt. Best. Friends. Forever.
Ich kriege schon den übelsten Achselterror und fange an auf 45 Kilometer gegen den Wind nach Angstschweiß zu riechen, wenn ich das Wort “Crosstrainer” nur höre. Nach einer Stunde auf so ‘ner Maschine brauche ich erstmal Nachkriegs-Reha, glaubt mir. Und ich meine, der Widerstand bei den Geräten steht auf 0.
Aber die sind ja nicht dumm. Die blicken komplett durch, diese Gebärmaschinen, die sich gegenseitig Tipps für das aktuelle Brot-Angebot beim Bäcker nebenan geben. Die signalisieren sich in einer mir unverständlichen Muttersprache, dass sie die Konkurrenz (“junge Hüpfer”) nicht fürchten müssen. Das tut mir irgendwie fast schon Leid, dass ich diesen Frauen etwas vormache, nur weil ich ein wirklich ganz schlechtes Exemplar für die holde und geile Weiblichkeit bin, die ihre Männer so anziehend finden. Wenn die wüssten, was sonst noch so auf den Straßen rumläuft, die würden gleich mal schneller steppen.
Wo wir gerade bei Männern sind: Ich hatte mir fest vorgenommen, mich als vollständig Sex-Neutrales Wesen zu betrachten, wenn ich in der Foltergerätekammer bin, und zwar nur, um mir nicht ständig Sorgen um die fettigen Haare und die exorbitanten Achselschweißflecken zu machen. Das ist allerdings wirklich schwer, wenn ein gutaussehender Typ nach dem anderen den Raum betritt, sich mit seinem Herkules-Oberkörper erstmal einen Überblick über die Geräte verschafft und dann fast zusammenbricht vor lachen, wenn er Schweinchen Babe beim Sterben zusieht. Übertrumpft wird das nur noch davon, dass man entweder laut loslachen muss, weil die Olympia-Blooper gerade gezeigt werden, oder davon, dass man die ganze Zeit leise Knoblauchrülpser loslässt, weil man den ganzen Tag schon Wasser mit Kohlensäure säuft.
Was für mich furchtbar ist, kann für die anderen nur unerträglich sein.
Dennoch ist das (wie ich mir ständig wieder in den Kopf rufe) wirklich das kleinere Übel. Schlimmer ist nur, wenn der Schwabbel keine Intimrasur mehr zulässt und die Oberschenkel sich trotz Grätsche an jeder Stelle berühren, weil sie so fett geworden sind. Das würde dann in etwa auch die Frage klären, warum der Sex ausbleibt. Freud kann mich mal. Sport ist kein Sexkompensator, sondern Vorraussetzung für Geschlechtsverkehr außerhalb von Fett-Fetisch-Pornos.
… übrigens soll das alles jetzt nichts über mein Sexleben aussagen. Wirklich.