Katschunk am dritten Tag. Immer wieder Katschunk. Der Zug rauscht geräuschlos durch grüne nasse Felder, an den Gleisen tauchen kleine Waldstücke auf, verschlammte Trampelpfade, dunkle, flache und kleine Staubecken, wahrscheinlich mit Kies am Grund und über die ich nicht nachdenke, weil der Zug es so eilig hat.
1. Mir schräg gegenüber sitzt ein rothaariger Junge, etwas jünger als ich, der den ICE-Waggon, in dem wir sitzen, mit penetranten Schweißgeruch tränkt. Er trägt eine Brille, löst ein Kreuzworträtsel in der BILD (oder einem Blatt, das so aussieht wie die BILD) und schlingt gierig an einem Salat in Einschweißtüte. Sein Handy klingelt und er redet Belangloses. Ich schaue aus dem Fenster und überspringe mit meinen Augen jeden erkennbaren Gegenstand, der sich in der bayrischen, verregneten Landschaft bemerkbar macht.
„Hob mior n Guglschreibor von dir geklaut, hehe“, sagt der rothaarige Junge, der etwas laut im Wagon in sein Handy spricht. Sein Unterkiefer ragt leicht unter seinem Oberkiefer hervor. Er wischt sich die Nase an seinem Pullover ab, ich erkenne ihn in der Fensterspiegelung deutlich.
„Norr. In so vier Stunden“, sagt er. Er muss aus Naumburg kommen. Auf Wiedersehen, München.
2. Am Hauptbahnhof sitze ich in der Coca-Cola-Bar in der ersten Etage, gleich neben dem Kaffeehaus und dem Burger King. Man darf hier rauchen. Ich warte auf den Zug und trinke Coca Cola. Und rauche. Über der Bar hängt ein Fernseher, in dem in Endlosschleife alle Coca-Cola-Werbespots laufen, die anscheinend jemals gedreht wurden. Mir ist kalt, die letzten beiden Tage liegen mir in den Knochen.

Ich trinke aus, bezahle und habe einen kurzen Augenkontakt mit einer blonden, hübschen Frau, die Mitte Dreißig sein muss. Wir lächeln beide. Auf dem Weg zum Zug stelle ich fest, dass ich es mir noch immer nicht abgewöhnt habe, 15 Minuten für einen einminütigen Weg einzuplanen und so stehe ich mit meiner Tasche noch mal am Haupteingang und rauche noch eine Zigarette. Und verschenke zwei an einen betrunken Typen, der mir fast in die Arme fällt, während er mir mit seinem Bayrisch versucht zu erklären, dass ich das Gleis 26 meiden solle, wegen der Bombengefahr. Ich will nach Hause.
3. Der ganze dritte Tag ist eine verworrene Mischung aus grauen Wolken, schlechten Witzen, viel Hunger und Durst und einer halben Schachtel Zigaretten. Ich schwanke über die Flure der Messe, rede da mit einem Vertriebler einer Agentur, dort mit einem Marketing-Angestellten. Ich habe nicht übel Lust, das Sechs-Euro-Lachsbaguette hinter den Tresen zu feuern. Unverschämt, einfach unverschämt. Eine halbe Stunde lang sitze ich auf einem freigewordenen Hocker zwischen Anzugsträgern, die smalltalken und Tweets in ihre iPhones hacken. In meinem krawattenlosen Hemd wage ich es nicht mein Netbook rauszuholen. Ich schweige, habe Durst, verdaue ein Lachsbrötchen und weiß einfach nicht, ob es schon spät oder noch früh ist. Die Zeit bremst so stark. Es regnet. Ich denke viel und habe noch ein bisschen Restalkohol von gestern.
4. Der Tag vor Tag 3 klingt äußerst schön aus. Caro wartet an der Messehalle München um mich abzuholen. Ich telefoniere mit Christian aus Jena und er erzählt mir, dass er sich auch endlich A Serious Man von den Coen-Brüdern im Kino angesehen hat und das er ihn nochmal sehen muss um ein Urteil fällen zu können. Ich erzähle ihm, dass ich gerade in einem Vortrag saß, in dem drei leitende Angestellte aus drei Unternehmen ihre Penisse verglichen. Bis auf den letzten Referent, der sich kokserisch gab, wirres Zeug erzählte, während sich alle im Saal nach einer Weile anblickten und kicherten oder die Augen verdrehten. Mitten im Satz bricht er ab, blickt an die Decke, es ist muxmäuschenstill, alle starren ihn an. Es ist so awkward. Er saß schon bevor er ans Rednerpult ging auf seinem Platz und wischte sich mit einem Stofftaschentuch aus seiner Blazertasche die schweißnassen Geheimratsecken trocken. Dann setzte er wieder ein und redete wirr weiter. Ich verstand kein Wort, wie alle anderen. Immer mehr gingen und ich spielte am Ende mit dem Gedanken einfach aufzustehen und langsam immer schneller werdend zu klatschen. Er hat den sonst sehr interessanten Tag gut auf den Punkt gebracht.
5. Danach fuhren Caro und ich in die Innenstadt, ich musste nur an Essen denken. Mein Magen knurrte schon den ganzen Tag. In einer Bar oder einem Restaurant trinken wir Vodka-Lemon und ich esse eine übertrieben große Pizza, die so lächerlich groß ist, dass mir immer noch warm ums Herz wird – scheißegal wie komisch das jetzt klingen mag. Caro erzählt mir viel von sich und ich viel von mir. Und irgendwie habe ich permanent das Gefühl, dass wir beide uns verdammt gut verstehen und uns mögen und ich mich, ja, einfach nur wohl fühlte. Und dann gehen wir in die Favourit-Bar und keiner von uns wagte zu sagen, dass man schon im Großen und Ganzen total angetrunken ist, von dem Vodka-Lemon. Auf in die Favourit-Bar. Der Alkohol steht mir schwer im Kopf, Caro und ich lachen viel, während die kalte Luft und das Verlaufen in Gassen die Köpfe klarer zu machen versucht. DJ und noch einen Drink. Lallende Menschen, rotes Licht und wir betrunken, schweigend, lachend, erzählend, sitzend, dann wassertrinkend, wankend und dann zu Caro nach Hause. Der Tag vor Tag drei, heute, war schön und wir schlafen nach fünf Sekunden Liegen ein. Es hat Spaß gemacht. Der Kater wird kommen.
6. Der Tag vor dem Tag vor Tag drei endet abends, nach Feierabend im ICE nach München. Nur noch dreieinhalb Stunden fahren und dann München, dann Arbeit und vor allem Caro. Auf der Fahrt sitzen zwei Nerds neben mir, die in ihrem Gesicht geballtes Wissen über Web-2.0 und Videogames und Arroganz vereinen. Sie sind mir unsymphatisch und bilden eine Symmetrie mit dem rothaarigen, sächselnden Jungen, der mir jetzt während der Rückfaht schräg gegenüber sitzt. Sie reden nicht und spielen gegeneinander tragbare Videogames und schreien sich abwechselnd immer an, wenn der andere was Fieses gemacht hat. Ich möchte sie auf der Stelle ankotzen oder durchschütteln. In München wartet Caro am Hauptbahnhof auf mich und sie ist genauso cool, wie ich es mir dachte. Nett, ruhig, aber quasselnd. Ich mag sie sofort. In ihrer großen Wohnung sitzen wir in ihrer hellen Küche und lernen uns persönlich kennen. Ich sitze in einem abgespaceden, rotschwarzen Designer-Drehsessel aus den 60er Jahren und trinke erst Wodka mit Cola und dann Cola mit Wodka. Mir kommt es so vor, als sei ich hier auf Besuch anstatt aus beruflichen Gründen. Später schlafen wir viel zu spät für meine Planung des nächsten Tages ein und morgens quäle ich mich aus dem Schlaf. Es bleibt keine Zeit um noch bei Caro was essen zu können. Es wird bis zu der Pizza am Abend in der Bar so bleiben.
Es waren zwei, drei Tage in dem ich jemanden ein bisschen kennen lernen konnte, der voll auf meiner Wellenlänge liegt. Danke München, danke Caro. Und jetzt fahre ich heim. Müde und hungrig. Draußen dunkel. Katschunk. Immer wieder.