Quote.FM

Quote.FM hat mich in seiner ganzen Entstehungszeit nur latent berührt (Marcel hat ja hier und da mal was darüber geschrieben). Ich muss sagen, dass ein Dienst, bei dem ich Texte zitieren und in einem Stream mit Freunden teilen konnte, für mich eher redundant erschien. Letztendlich habe ich doch schon genügend Streams zum folgen, und wenn ich etwas teilen möchte, dann habe ich genügend (auch beachtete Kanäle) dafür. Twitter, Facebook, diverse Blogs und letztendlich auch mein kleines Moodboard yeahsara.com, welches ich für genau diesen Zweck nutze: um Zitate und Fragmente aus meinem virtuellen Leben zusammenzuführen und ohne großes Schauspiel mit Interessierten (meine Freunde) zu teilen. Wie ein Tumblr reitet dieses Objekt über die chaotischen Netzwege und sammelt Inspirationen, Einflüsse und kurze Gedanken auf entfremdeter Basis, ohne die Subjektivität zu verlieren. Warum man sowas braucht, weiß ich schlussendlich auch nicht.

Überraschenderweise hat mir Matze dann einen Invite-Code für die Beta Version von Quote.FM zukommen lassen und da ich unglaublich viel Spaß daran habe, virtuelle Profile zu erstellen, erschien es mir nur sinnvoll es wenigstens mal auszuprobieren. Und nun bin ich ziemlich gefesselt von der Idee, halte die Umsetzung für gelungen und die investierte Arbeit für eine herausragende Leistung. Wer schon mal in einem Start Up gearbeitet hat (egal in welchem und egal als was) wird sich durchaus vorstellen können, was in der Entwicklungsphase eines solchen Projektes alles nicht klappt, scheitert, und wie viele Nachtschichten man für die scheinbar geringsten Probleme aufwenden muss. Angesichts dieser Erfahrungen und des Alters der Jungs weiß ich alleine die Leistung eines “halbfertigen Betaprojektes” hoch zu schätzen. Auch, wenn ich mit den Machern, den W-W-W-s dieser Welt, nicht viel zu tun habe und unsere Existenzen sich in der deutschen Blogosphäre nur parallel bewegen, das ist ein gutes Projekt. Da wurde Intelligenz verbaut. Intelligenz! Nicht nur intelligente Software, sondern das Gefühl, hier seiner Intelligenz ein perfektes Schaumbad einzulassen.

Worum es genau geht: auf Quote.FM können (prägnante) Zitate aus Artikeln jeglicher Form und Sprache im eigenen Stream gepostet werden (über ein Bookmarklet, wie z.B. bei Tumblr). Empfohlen und “geliked” werden können sie von Followern. Da es sich nur auf textlichen Content beschränkt, ist schon mal eine Art Niveau-Anzeiger. Es schließt schon mal den herkömmlichen Facebook-Müll aus: keine Bilder, keine YouTube Videos. So, wie ich es verstanden hat, werden die “Likes” auch dazu genutzt um die Quotes zu bewerten. Selbst wenn nicht: durch die Auswahl der Zitierenden, denen man folgen möchte, kann man das für sich selbst auch ziemlich gut steuern.

Jetzt mal ganz im Ernst: wie oft erlebt man im Netz, dass sich Menschen mit Literatur, mit Text, mit anstrengenden, zusammenhängenden Sätzen auseinandersetzen? Bisweilen siegt ja die Kurzlebigkeit von 140-Zeichen, Headlines lesen reicht in Bild-Zeitung-Manier um mitreden zu können. Hier setzt Quote.FM an, das ist mein Punkt, wenn ich von Intelligenz rede: die User müssen den Text gelesen haben, um den Kern oder die Aussagekraft der Publikation zitieren zu können. Sie müssen sich damit auseinandersetzen. Ich fühle mich bei Quote.FM umgeben von Menschen, die nicht nur für den schnellen Kick und für das lustige Gif leben. Das mag eine elitäre Haltung sein, aber: zu wissen, dass ich nicht nur einen Link geklickt habe, sondern eine Empfehlung von jemandem bekommen habe, der schon einen guten Teaser-Text ausgewählt hat, bereichert mich innerlich. Es macht mich glücklich. Und im besten Falle bilde ich mich weiter, kann Wissen vertiefen oder neues aneignen.

Für mich ist das großartigste an Quote.FM derzeit aber, dass ich entdecke. Auf YeahSara.com habe ich bisher immer nur selbst gepostet. Auf Quote.FM entdecke ich zahlreiche Quellen und interessante Texte aus Nischen, denen ich keine Beachtung schenken würde. Auch muss ich keinen Datenmüll im Feedreader sammeln, nur um festzustellen, dass eine Publikation vielleicht 2 Mal im Jahr etwas veröffentlicht, was mich tangiert, sondern kann mich auf die charakterliche Diversität der User verlassen.

Noch ist offen, in wel­che Rich­tung sich das Zitier-​​Netzwerk ent­wi­ckeln wird. Es könnte den jet­zi­gen Qua­li­täts­stan­dard bei­be­hal­ten, dabei die per­sön­li­chen Inter­es­sen­la­gen sei­ner Nut­zer wei­ter­hin ehren und för­dern und sich auf diese Weise zu einem Kom­pen­dium der Must-​​Reads ent­wi­ckeln. Dies wäre zu wün­schen. Auf der ande­ren Seite könnte sich aber auch ein Quote.fm-Typos ent­wi­ckeln: Likes und Recom­men­da­ti­ons wür­den für die User zu einem zen­tra­len Ziel, das eine inhalt­li­che Anglei­chung her­bei­füh­ren und die Platt­form an Viel­falt ver­ar­men ließe. Dies wäre der mut­maß­li­che worst case. Memes und Virals wür­den Time­lines domi­nie­ren, Quote.fm wäre nur eine wei­tere Mög­lich­keit unter vie­len, sich über seine Emp­feh­lun­gen zu profilieren. – L’esprit d’escalier

Nach so viel Überschwänglichkeit kann ich nur hoffen, dass die Jungs auf ihrem Kurs bleiben. Letztendlich waren heute ungefähr 12 Zitate in meiner Timeline, die sich mit dem Pseudonym-Shit von Google+ beschäftigten. Was mich sehr stark an die selbstreferierenden Beiträge bei Google+ selbst erinnerte. Aber ich freue mich schon darauf, wenn noch mehr Leute den Zugang zu Quote.FM bekommen und die literarische und journalistische Landschaft an vielen Stellen ergänzen. Das, Kinder, ist endlich mal die gewünschte Verschnaufpause im Zeitalter der rennenden Informationsjunkies. Jeder User beweist mit seinem Zitat, dass er sich mit dem empfohlenen Text beschäftigt hat und gibt diesen Input weiter. Das ist Bildungskultur in the making. Ich hoffe wirklich, dass Quote.FM Ausdauer beweist, den Erfolg hätten die Jungs mit dieser Idee redlich verdient.

September 6th, 2011 Posted in Ohne Worte | 6 Comments »

Total Recall: Retromania der Musik

Im Guardian (Herz, Seele und Mumu meines Informationsbeschaffungskörpers) ist ein Artikel erschienen, der dieses fanatische “Zurückdenken” und den Retromove in der Musikszene (und begleitetend in Fashion und Kultur als Gesamtbild) beschreibt und wie sich gerade in diesem Bereich zwei Welten gegenüber stehen; einmal die Ibiza-House Maloche, die von David Guetta, dieser Hure, angeführt wurde und bei den Rednecks in den USA gerade einschlägt wie eine Bombe (als ob wir noch mehr Eurotrash Musik gebraucht haben); aber andererseits auch die Indie-Schiene, die sich an 60er Jahre Hippie und Blues und anderem Kram anlehnt.

Retro is not a completely new phenomenon, of course: pop has an extensive history of revivals and creative distortions of the musical past. What is different about the contemporary retromania is the aspect of total recall, instant recall, and exact recall that the internet makes possible. Fans can drown themselves in the entire history of music at no cost, because it is literally all up there for the taking. From YouTube’s archive of TV and concert performances to countless music, fashion, photography and design blogs, the internet is a gigantic image bank that encourages and enables the precision replication of period styles, whether it’s a music genre, graphics or fashion. As a result, the scope for imaginative reworking of the past – the misrecognitions and mutations that characterised earlier cults of antiquity like the 19th-century gothic revival – is reduced. In music especially, the combination of cheap digital technology and the vast accumulation of knowledge about how specific recordings were made, means that bands today can get exactly the period sound they are looking for, whether it’s a certain drum sound achieved by Ringo Starr with help from the Abbey Road technicians or a particular synth tone used by Kraftwerk.

Ein besonders anregender Punkt im Text ist die Frage, an was wir uns eigentlich zurück erinnern, wenn wir in einigen Jahren das Retrospiel auf das 21. Jahrhundert projezieren? Wir werden Bilder haben, die so aussehen, als wären sie vor 20 Jahren geschossen worden, und Musik, die sich so anhört, als wäre sie mindestens 40 Jahre älter als sie ist. Es ist eine Verzerrung der Zeit.

What seems to have happened is that the place that The Future once occupied in the imagination of young music-makers has been displaced by The Past: that’s where the romance now lies, with the idea of things that have been lost. The accent, today, is not on discovery but on recovery. All through the noughties, the game of hip involved competing to find fresher things to remake: it was about being differently derivative, original in your unoriginality.

Und das ist mit Sicherheit jedem schon mal aufgefallen, dieses Gefühl, einen guten (!) Song schon mal gehört zu haben und sich darüber sogar zu freuen. An manchen Tagen jedoch ist man lediglich übersättigt und fragt sich, ob es jemals wieder etwas “neues” geben wird (James Blake und Weeknd waren für mich die einzigen Künstler der letzten Zeit, die im Mainstream/Pop Business zumindest “fresh” gewirkt haben – aber auch das ist alles nicht experimentell, sondern nur ein Zusammenwurf bereits bestehender, neuer und alter Elemente ihrer jeweiligen Genres).

June 24th, 2011 Posted in (Pop)Kultur, Musik | 6 Comments »