Ya Time’s Up

What? Was geht ab? Wieso ist auf einmal so viel Hip Hop am Start, wo kommt dieser Oldskool Flash her, wieso finde ich echt jeden Track gut, der mir von It’s Rap durchgefiltert wird? Fragen über Fragen.

Aber irgendwie hat guter Hip Hop für mich mehr als ein Techno Track. Ich hab maximal eine handvoll elektronischer Songs, zu denen richtige Erinnerungen hoch kommen. Aber Hip Hop… das ist Skate Park, das ist Graffiti, das ist Kernasi-Abriss-Party, das sind alte Filme, runtergerauchte Blunts, Kindheit meets Erwachsenwerden und bis heute gibt’s nur Gänsehaut bei so viel Kunst und Gefühlsexplosion.

Schön zu sehen, dass die Gegenwart mithalten kann.

August 17th, 2010 Posted in Musik | 2 Comments »

Lullaby/Stars

Zu Schulzeiten – siebte oder achte Klasse – da waren wir eine zusammengeschlossene Gruppe von Kids, die sich jeden morgen vor der Schule trafen, einen durchzogen, Karten spielten, in den Schulpausen noch mal durchzogen und nach der Schule wieder zum Spielplatz fuhren um zu spliffen und zu zocken. Das war ein oder zwei Jahre lang unser Leben.

Es wurde nie gefragt, wer kommen würde, es wurde nie darum gebeten, jemanden anderes anzurufen oder etwas anderes zu machen. Wir legten uns ins Gras, teilten unser Dope, unsere Getränke und das Essen, was wir aus den Vorratskammern unserer Eltern stahlen und blickten in die Nacht hinauf, erzählten uns Witze, lachten über unsere Erlebnisse.

Das war eine zeitlang das schönste Leben, dass ich mir hätte vorstellen können; keine Fragen stellen, sondern ein endloses Gefühl der Zugehörigkeit, eines, welches man vielleicht nur in diesen jungen Jahren haben kann, wenn man nicht über komplizierte Zwischenmenschlichkeiten nachdenkt, über das Fundament einer Freundschaft, über den eigenen Status in einer Gruppe und wie man sich selbst profilieren muss um an attraktive Menschen heranzukommen die man dann trotzdem nur von weitem bewundern will oder eher sogar darf.

Aber hier und jetzt ist ein kleiner Teil von diesem Gefühl wieder da; irgendwo sein, völlig blind und ahnungslos, aber in vollem Vertrauen, ohne besorgt sein zu müssen, ohne viel zu erwarten und trotzdem alles und mehr zu erhalten. Unvergleichliche Wärme in versteckten Berührungen, und so teilen wir nicht mehr nur unsere Joints, sondern auch unsere Gedanken, für einen klitzekleinen Augenblick genau die Art von Perfektion, die man vielleicht nie wieder so erleben wird.

Für N&M&M.

August 14th, 2010 Posted in Berlin, Crystal Meth | 4 Comments »

N2Gether Now

Shut The Fuck Up. Limp Bizkit, posen, blenden, Skate Parks, mit Headphones am Coolsten durch die Straßen laufen (im kleinen Dorf, versteht sich), und sich über diese Wörter freuen, die man gar nicht sagen durfte (wegen den Eltern und so). Musik, die von der eigenen Generation geprägt wurde. Ein erster Schritt Richtung Erwachsensein. Ein Step. Beats. Smoke. Hoodies. Tips. Pizza. Der Bass im ersten Auto (wobei, das kam so unendlich viel später, eigentlich waren es die Autos von den älteren Kernasi-Freunden, die man sich angelacht hatte, um DRIN zu sein).

Und dann die Spiele, die wir damals gezockt haben – Dimensionen und Welten der unendlichen Langweile haben wir durchbrochen – Snake, Pacman, Minesweeper – auf dem Klo haben wir unsere eigenen Rekorde gebrochen und für anhaltende Probleme mit Hämorrhoiden gesorgt.

Ich habe diesen Song einfach so abgöttisch geliebt. So oft mit dem Kopf dazu genickt. Mit meinem klobigen Skaterschuhen und der ausgeleierten BRAUNEN CORD HOSE (!!!), und dem Edding in der Hand, und den aufgemalten Körpertattoos, die dann in der Sonne auf der Haut geschmolzen sind. Einfach nur Asi-Feierei. Morgens an der Trinkhalle Besoffene ärgern. Ich habe mich so bad ass gefühlt. Wenn ich so ein Kid heute sehe, dann überlege ich immer hin zu gehen und zu fragen, ob er schon mal ein Foto von seiner Coolness gemacht hat- man muss es eigentlich aufheben, und sich immer an diese fantastisch-düster-distanziert-kalte und gleichzeitig so zerbrechliche Zeit erinnern. Und außerdem würde ich gerne wissen, was da für ein Sound aus seinen Ohren dröhnt, und schlage ihn zusammen, weil cool sein heute wohl irgendwas mit Revolverheld zu tun hat, und das kann ich nicht tolerieren, da muss ich einfach dick drauf schlagen. Und dafür zieh ich mir auch gerne wieder die hässlich-traumatisierenden Cordhosen und die Buffallo-Plateau-Absätze an.

Fred Durst ist aber auch einfach so ein behinderter Vollspast, wenn man den nicht zum Vorbild hatte, dann weiß ich auch nicht. Aber ‘ne schöne Jugend war das dann nicht.

August 6th, 2010 Posted in Musik | 9 Comments »

Bros Before Hoes

Wir kriechen mit Schrittgeschwindigkeit durch den stockenden Verkehr auf der Autobahn. Meine Hände sind zu Fäusten geballt. Mein Kopf hämmert mit jedem weiteren eiskalten Zug, der aus der Klimaanlage kommt. Mit dem letzten bisschen Stimme, das mir nach diesem Wochenende verblieben ist, brülle ich nach vorne: “MACH DEN SCHEISS AUS DU BEHINDERTER SPAST”, ziehe meinen rechten, von Hundescheisse verdreckten Turnschuh aus und klatsche ihn meinem fahrenden Bruder direkt in die Fresse…

— 48 Stunden früher —

Ich wache im Wohnzimmer auf. Es ist halb neun morgens. Mir läuft die Brühe zwischen die Brüste, die Arschbacken, die Zähne. Es ist heiß. Ich stinke. Nein, mein Bruder stinkt. Der liegt mit verkrusteten Augen in seiner Schweißlache, eine Couch weiter. Er schnarcht. Im Rhythmus seines Atems blubbert Rotze aus seiner Nase. So friedlich.

Ich wecke ihn mit einem Liter kaltem Wasser.

Meine Brüder heißen für mich schon immer Leslie Nielson und Milhouse. Der Einsatz dieser Namen ist völlig flexibel, mal ist es der eine, mal der andere – je nach Grad ihrer auswechselbaren Komik. Es hat sich so eingebürgert, und ist meine Rache für die ganzen Kniffe, Bisse, Gesichtsfurze und den Schwitzkastenterror, den ich mein Leben lang ertragen musste. Sie hassen es und ich bekomme regelmäßig Nippeltwister für diese Unworte ab. Das ist es mir wert.

Les und Mil sind also bei mir zu Besuch, in Berlin, und bereits nach einer Nacht ist eine nur unter Geschwistern bekannte Spannung zu bemerken. Früher hätten wir unsere Supersoaker aufgeladen und einen unbeobachteten Augenblick abgewartet. Heute: Krieg und Ausnahmezustand.

Ich gucke Fernsehen, zappe, die Fernbedienung locker in der Hand haltend. “Hör mal auf umzuschalten und lass jetzt mal den Scheiss auf RTLII gucken”, höre ich Leslie maulen.

“Nein.” Ich zappe weiter.

“Ey, ohne Mist, du bist übertrieben behindert. Gib mir jetzt die Fernbedienung!”

“Nein. Ich wohne hier. RTLII ist für arme Loser.”

Ich höre seinen Kampfschrei zu spät, halte rechtzeitig mein Knie hoch um ihm Schmerzen zuzufügen, muss mich aber geschlagen geben. Die Schlacht um die Fernbedienung war dank meiner Porzellanknochen verloren, die Nacht wurde bei 35° im Schwitzkasten verbracht.

“LASS MICH LOS DU HURENSOHN!”

“HA HA, meine Mutter ist auch deine Mutter!”

“NEIN MAN DU BIST ADOPTIERT UND DEINE MUTTER IST NE HURE JETZT LASS MICH LOS!”

Der Schwitzkasten wird enger gezogen.

Nielsen und Milhouse besprechen lautstark die dem Realismus getreue Umsetzung der BangBus Pornos auf YouPorn in der S-Bahn. Ein Penner setzt sich ob dieser ordinären Konversation ein Abteil weiter. Ich setze mir meine Kopfhörer auf und sehe nur zu, wie sie mich mit Grimassen verunsichern wollen.

Wir zocken Playstation, ich verliere. Milhouse muss als jüngster das ganze Wochenende Sklave spielen und das Kabel für den Fernseher halten, damit das Bild nicht rauscht. Wir lassen ihn alle 10 Minuten Pause machen.

Wenn mein älterer Bruder, Leslie Nielsen, sich dazu entscheidet mich zu ärgern, hält er mir seine Füße ins Gesicht (er ist bei der Bundeswehr und muss jeden Tag viele Kilometer mit diesen Hornhautmonstern laufen, außerdem wachsen ihm Haare an der Fußsohle) oder er fängt an, mich spontan zu kitzeln. Was er jedoch unter “Kitzeln” versteht könnte auch ganz einfach als Geheimdienst-Folter durchgehen.

Nach einer kurzen Ohnmacht (Sauerstoffmangel) komme ich wieder zu Bewusstsein und trete ihm in die Eier.

Wir sitzen auf einer Brücke und vergeben gelbe, rote und schwarze an mittelschöne, hässliche und hartgeile Schnitten. Als die ersten schwarzen Karten vorbei laufen, steht Milhouse auf, zieht seine rutschende Hose hoch und ruft den Perlen “HOLA CHICAS WOLLT IHR HEUTE NICHT MAL MIT UNS PARTY MACHEN” hinterher.

Ich reisse Milhouse im Schlaf drei Nasenhaare mit meiner Pinzette. Er jagt mich eineinhalb Stunden lachend durch die Wohnung, weil die Umsetzung dieser Idee genial war. Wir gehen uns in aller Freundschaft einen Döner holen. Er stopft mir die Reste in die Unterhose. Eine weiteres Designerstück von H&M ruiniert. Ich bin dankbar, keinen Kaugummi im Haar zu finden und freue mich bei diesem Glück. Meine Mitbewohnerin sperrt sich leise in ihrem Zimmer ein und ruft die Polizei.

“Lass mal Mäcces.”
“Abtörn”
“Dann koch mal Freeesen”
“Abtörn”
“Ey du bist SO EINE BEHINDERTE GASTGEBERIN!”
“Was willst du mit deinem Gast Spast, als ob ich hier Hotel bin oder was!”
“Ähähähähähähä, blah blah blah, laberst scheisse und so!”
“Ey was willst du von mir du Hirsch lass mich in Ruhe LASS MICH LOS HÖR AUF AUA DAS TUT WEH AAAAH JA IST JA OK ICH BESTELL PIZZA das sag ich Mama du ArschloJA IST JA GUT ICH GEH DOCH SCHON!”

Die Temperaturen backen draußen neue Lebewesen. Die Klimaanlage im Auto ist auf 15 Grad gestellt. Meine Lippen sind blau angelaufen. Nielsen trollt und lacht sich über mich tot. Ich rufe meine Mutter an und petze, doch sie lacht nur und entscheidet sich gegen ein Eingreifen ((sie nimmt ihre eigene Autorität, seitdem wir ausgezogen sind, auch nicht mehr wirklich ernst, was sich zunehmend als Problem entpuppt, und den Vater anrufen ist nach vielen Überlegungen einfach zu riskant, es ist nämlich gut möglich dass ich dabei selber für irgendetwas Ärger bekomme)) Wir kriechen mit Schrittgeschwindigkeit durch den stockenden Verkehr auf der Autobahn. Meine Hände sind zu Fäusten geballt. Mein Kopf hämmert mit jedem weiteren eiskalten Zug, der aus der Klimaanlage kommt. Mit dem letzten bisschen Stimme, das mir nach diesem Wochenende verblieben ist, brülle ich nach vorne: “MACH DEN SCHEISS AUS DU BEHINDERTER SPAST”, ziehe meinen rechten, von Hundescheisse verdreckten Turnschuh aus und klatsche ihn meinem fahrenden Bruder direkt in die Fresse.

Er brüllt zurück, voller Wut und Hass, und versucht mich einarmig in den Oberschenkel zu kneifen (ich wehre seine nach hinten grapschende Hand mit Bissen und Tritten ab) während Milhouse irgendetwas von Kurt Russel und Jean Claude Van Damm und ihrer absoluten Unfehlbarkeit erzählt. Wir schaffen es irgendwann einfach in ein Koma zusammen zu brechen, aus dem wir mit einer Vollbremsung geweckt werden.

Zu Hause angekommen verschwinden wir alle in unseren Zimmern, nachdem wir uns mit weiterem Gekreische und Rechtfertigung vor unseren Eltern den letzten Abschiedsgruß in den Sack getreten haben. Ich frage mich, ab wann es meinen Eltern eigentlich egal war, dass wir Schimpfwörter wie “Scheisse” und “Ficken” benutzen.

Broes Before Hoes, alter.

July 14th, 2010 Posted in Crystal Meth | 16 Comments »