Unbedingt lesen. Und ich meine unbedingt. Vielleicht ist das der Grund, wieso in Berlin stetig dieser Feenstaub herumwedelt: weil hier niemand erwachsen werden will, und jeder der herkommt, eigentlich nach seiner verlorenen Kindheit sucht (oder seinem Erwachsenwerden aus dem Weg gehen will…).
It’s happening all over, in all sorts of families, not just young people moving back home but also young people taking longer to reach adulthood overall. It’s a development that predates the current economic doldrums, and no one knows yet what the impact will be — on the prospects of the young men and women; on the parents on whom so many of them depend; on society, built on the expectation of an orderly progression in which kids finish school, grow up, start careers, make a family and eventually retire to live on pensions supported by the next crop of kids who finish school, grow up, start careers, make a family and on and on. The traditional cycle seems to have gone off course, as young people remain un tethered to romantic partners or to permanent homes, going back to school for lack of better options, traveling, avoiding commitments, competing ferociously for unpaid internships or temporary (and often grueling) Teach for America jobs, forestalling the beginning of adult life.
Ich bin mit Graffiti aufgewachsen. Genauso wie mit E-Mails und mit Billigflügen: es ist selbstverständlich, dass es da ist. Auf Städtereisen habe ich immer lieber die Kunst an Zügen oder Hauswänden fotografiert als die Architektur selbst, und das zieht sich bis heute durch meine Urlausbilder. Als strunzdebile Teenager haben wir in unserem Skater-Freundeskreis oft genug unsere Namen an Hauswände geschmiert, YEAH SARA WAS HERE, aber das hatte für mich (ganz im Gegensatz zu den Profiwerken) nie einen künstlerischen Hintergrund. Ich sah mich selbst als jemanden, der vandaliert, und die coolen Sprayer, die mich jeden morgen mit einem anderen Bild auf dem Schulweg überraschten, waren meine Picassos.
Und eigentlich sehe ich das auch immer noch so: ich differenziere stark zwischen “ey, das sieht gut aus, da hat jemand lange dran gearbeitet und sich Mühe gegeben” und “oh nein, nicht schon wieder so ein Geschmiere”. Erst seit einigen Wochen beschäftige ich mich auch (im Zuge meines auflodernden Interesse an Hip Hop History) mit den Hintergründen dieser Szene, nicht zuletzt auch dank einiger wichtiger Begegnungen mit Menschen die im Graffiti Kreis verkehren.
“S”, werdet ihr jetzt sagen, “du bist behindert. Du wächst mit Skatern auf, du hörst den ganzen Tag nur Rap Musik, aber du weisst nichts über Graffiti außer dass es glitzert im Dunkeln?”und ich werde meinen Kopf in Scham beugen und anfangen Blut zu weinen. Nein, ich weiß nichts über die Graffiti Geschichte. Ich weiß nur dass ich mir heute die Straßenkunst lieber ansehe als irgendwelche halbdadaistischen Furz-Ausstellungen die mich dreißig Euro Eintritt kosten, in denen ich dann sechs Stunden zwischen vermodert riechenden und sterbenden Rentnern stehe.
Gestern habe ich mir Style Wars angeschaut und komm immer noch nicht drauf klar. Vor einigen habe ich mich mit Malte mal darüber gestritten habe, worum es beim Graffiti ging. Er machte mich wütend. Einerseits, weil er das sehr gut kann, und anderseits, weil er zur Behauptung stand dass Graffiti ein Posergeschäft ist, “hey Bitch ich hab den Dicksten”. Langsam sickert das auch in mein Erbsenhirn, auch wenn ich in einem anderen Begriff davon aufgewachsen bin: Graffiti ist nur in zweiter Linie tatsächlich als Kunst zu verstehen. In erster Linie ist es eine Mischung aus Lifestyle, Zugehörigkeit, Attitude und Differenzierung. DAS erst einmal auf die Reihe zu kriegen ist für mich nicht einfach gewesen. Dafür gibt es auch einen sehr guten Grund: zu sagen, Graffiti ist Kunst, rechtfertigt auch die Existenz im Stadtraum. Daher auch immer meine Nachfrage: wieso ist das heutzutage eigentlich noch illegal? Es verschönert doch die Stadt! Klar, das Gekritzel muss verboten werden, aber…
Dabei ging es gerade darum, nicht kulturkonform zu sein ((ihr habt jederzeit das recht einzugreifen, wenn ich mich irgendwo in meinem zweifelhaften Halbwissen verzettele)). Und plötzlich stellt sich für mich eine ganz andere Frage: in welchem Zusammenhang muss man Graffiti heute sehen? Ist es nur noch aufgrund der Gesetze ein Standpunkt der Rebellion und sonst nur kreatives Output, oder sollte man (als Sprayer oder Maler) an sich selbst zuerst noch den ursprünglichen Anspruch der Stadteroberung stellen?
Falls ihr mich jetzt wirklich schlagen wollt, weil ich mein Leben lang so ahnungslos durch die Gegend laufe, dann schiebe ich meine Bildungslücken wieder auf die Tatsache, dass ich wirklich lieber die Dinge so genieße, wie sie kommen, und nicht ständig über alles immer nachdenken und reden möchte was nicht direkt zu meinen “Leidenschaften” gehört. Ich kann nicht malen, ich kann nicht zeichnen, ich kann nicht mal richtig geradeaus schreiben ohne dass es aussieht als wäre gerade ein Baboon elektroschocktherapiert worden. Deshalb war es auch nie wirklich naheliegend, mich damit auseinanderzusetzen. Daran hat sich sogesehen nichts geändert- außer mein Umfeld, und die Tatsache, dass ich immer mehr das Gefühl verspüre, dringend mal “ICH WAR HIER” auf alles zu schreiben, was mir in die Quere kommt. Die Psychologie dahinter mag zwar meine (zugegeben unzulängliche) Allgemeinbildung überschreiten, aber irgendwie erscheint mir das sehr, sehr menschlich: der Kampf gegen die Vergänglichkeit, der Schrei nach Aufmerksamkeit, die Angst, in den Treibsandmassen an bedeutungslosen und nichtserschaffenden und langweiligen und ungesehenen Menschen unterzugehen.
Vielleicht ist Graffiti ein Parallelausdruck zum Blog oder zu Twitter, vielleicht sogar in direkter Abhängigkeit, vielleicht überzeichne ich das alles auch wieder. Wie dem auch ist: ich verliere mich darin, und nichts fasziniert mich augenblicklich mehr als die Geschichte jener Kultur, die meiner Generation das Standbein zur Ignoranz gegeben hat. Tut mir leid dafür übrigens, Jungs. Ich hol das jetzt mal nach.
(Auf dem Plan stehen übrigens noch Wild Style, Beat Street, Breakin’, Krush Groove, Whole Train, Tougher Than Hell, wer noch Empfehlungen hat darf gerne beisteuern)
What? Was geht ab? Wieso ist auf einmal so viel Hip Hop am Start, wo kommt dieser Oldskool Flash her, wieso finde ich echt jeden Track gut, der mir von It’s Rap durchgefiltert wird? Fragen über Fragen.
Aber irgendwie hat guter Hip Hop für mich mehr als ein Techno Track. Ich hab maximal eine handvoll elektronischer Songs, zu denen richtige Erinnerungen hoch kommen. Aber Hip Hop… das ist Skate Park, das ist Graffiti, das ist Kernasi-Abriss-Party, das sind alte Filme, runtergerauchte Blunts, Kindheit meets Erwachsenwerden und bis heute gibt’s nur Gänsehaut bei so viel Kunst und Gefühlsexplosion.
Schön zu sehen, dass die Gegenwart mithalten kann.
Zu Schulzeiten – siebte oder achte Klasse – da waren wir eine zusammengeschlossene Gruppe von Kids, die sich jeden morgen vor der Schule trafen, einen durchzogen, Karten spielten, in den Schulpausen noch mal durchzogen und nach der Schule wieder zum Spielplatz fuhren um zu spliffen und zu zocken. Das war ein oder zwei Jahre lang unser Leben.
Es wurde nie gefragt, wer kommen würde, es wurde nie darum gebeten, jemanden anderes anzurufen oder etwas anderes zu machen. Wir legten uns ins Gras, teilten unser Dope, unsere Getränke und das Essen, was wir aus den Vorratskammern unserer Eltern stahlen und blickten in die Nacht hinauf, erzählten uns Witze, lachten über unsere Erlebnisse.
Das war eine zeitlang das schönste Leben, dass ich mir hätte vorstellen können; keine Fragen stellen, sondern ein endloses Gefühl der Zugehörigkeit, eines, welches man vielleicht nur in diesen jungen Jahren haben kann, wenn man nicht über komplizierte Zwischenmenschlichkeiten nachdenkt, über das Fundament einer Freundschaft, über den eigenen Status in einer Gruppe und wie man sich selbst profilieren muss um an attraktive Menschen heranzukommen die man dann trotzdem nur von weitem bewundern will oder eher sogar darf.
Aber hier und jetzt ist ein kleiner Teil von diesem Gefühl wieder da; irgendwo sein, völlig blind und ahnungslos, aber in vollem Vertrauen, ohne besorgt sein zu müssen, ohne viel zu erwarten und trotzdem alles und mehr zu erhalten. Unvergleichliche Wärme in versteckten Berührungen, und so teilen wir nicht mehr nur unsere Joints, sondern auch unsere Gedanken, für einen klitzekleinen Augenblick genau die Art von Perfektion, die man vielleicht nie wieder so erleben wird.
Shut The Fuck Up. Limp Bizkit, posen, blenden, Skate Parks, mit Headphones am Coolsten durch die Straßen laufen (im kleinen Dorf, versteht sich), und sich über diese Wörter freuen, die man gar nicht sagen durfte (wegen den Eltern und so). Musik, die von der eigenen Generation geprägt wurde. Ein erster Schritt Richtung Erwachsensein. Ein Step. Beats. Smoke. Hoodies. Tips. Pizza. Der Bass im ersten Auto (wobei, das kam so unendlich viel später, eigentlich waren es die Autos von den älteren Kernasi-Freunden, die man sich angelacht hatte, um DRIN zu sein).
Und dann die Spiele, die wir damals gezockt haben – Dimensionen und Welten der unendlichen Langweile haben wir durchbrochen – Snake, Pacman, Minesweeper – auf dem Klo haben wir unsere eigenen Rekorde gebrochen und für anhaltende Probleme mit Hämorrhoiden gesorgt.
Ich habe diesen Song einfach so abgöttisch geliebt. So oft mit dem Kopf dazu genickt. Mit meinem klobigen Skaterschuhen und der ausgeleierten BRAUNEN CORD HOSE (!!!), und dem Edding in der Hand, und den aufgemalten Körpertattoos, die dann in der Sonne auf der Haut geschmolzen sind. Einfach nur Asi-Feierei. Morgens an der Trinkhalle Besoffene ärgern. Ich habe mich so bad ass gefühlt. Wenn ich so ein Kid heute sehe, dann überlege ich immer hin zu gehen und zu fragen, ob er schon mal ein Foto von seiner Coolness gemacht hat- man muss es eigentlich aufheben, und sich immer an diese fantastisch-düster-distanziert-kalte und gleichzeitig so zerbrechliche Zeit erinnern. Und außerdem würde ich gerne wissen, was da für ein Sound aus seinen Ohren dröhnt, und schlage ihn zusammen, weil cool sein heute wohl irgendwas mit Revolverheld zu tun hat, und das kann ich nicht tolerieren, da muss ich einfach dick drauf schlagen. Und dafür zieh ich mir auch gerne wieder die hässlich-traumatisierenden Cordhosen und die Buffallo-Plateau-Absätze an.
Fred Durst ist aber auch einfach so ein behinderter Vollspast, wenn man den nicht zum Vorbild hatte, dann weiß ich auch nicht. Aber ‘ne schöne Jugend war das dann nicht.
Wenn man erst mal versteht, dass alles so berechenbar ist, und das Selbstbestimmung fast schon ein Witz ist, sobald man mal alles an Äußerlichkeiten addiert. Wie es zu dieser Erkenntnis kommt kann auf viele mögliche Arten passieren. Man kann das brutal vorgehalten bekommen (Standpauken oder von Nazis und anderen Hatern verprügelt werden), oder man kann sich einfach selbst als Klischee wiederentdecken, in einer absolut perfekten Illustration, ja, geradezu einer Karikatur seiner selbst. Oh hai, ich bin ein KLON.
The Hipster Runoff mag literarisch gesehen vielleicht ein anstrengend zu lesendes Werk sein, trifft aber – konkurrenzlos – alles, was unsere derzeitige Szeneentwicklung angeht, den Nagel immer auf den Kopf. Nicht immer ist alles unbedingt relevant und auch keine Kausalität, aber wie gesagt, ich erschrecke mich schon hin und wieder (und fühle mich ertappt), wenn ich mich so schön in den kategorischen Schubladen der Authoren wiederfinde.
Ein schönes Beispiel ist der neueste Artikel zu den Persönlichkeiten der derzeitigen Festivalbesucher/Blogger:
I remember when the festival bro was first invented, he represented a simpler, chiller bro in an Incubus/raver kind of way [link]. It seems like the modern festival bro might be more of a bloggy bro–a hyperconnected bro with high level opinions on indie music who ventures out into the real world several times per year for relevant shows and music festivals. He ‘creates his own merch’, making it clear that he ‘gets’ the ’scene’, hopefully looking to attract the attention of an entry level blog reader lil slut who giggles at his shirt. If that plan doesn’t pan out, ‘being blogged about by a festival blogger’ seems like a ‘decent consolation prize’ [via getting to share it in your facebook feed.’ (alt report)
Hehehe. Ja, die Zeiten der kleinen journalistischen Ambitionen sind eigentlich vorbei, heute will jeder Blog ein kleines (anderes) Magazin mit eigener Brand (Persönlichkeit) werden, mit Eventeinladungen und Ansehen und Reputation und VIP-Status. Will in seinen Nischen vertreten sein, am besten ganz oben, auch wenn die Nische mir manchmal selbst nicht wirklich transparent erscheint (das einzige, was wir auf diesen Parties dann alle gemeinsam haben, ist wahrscheinlich dass wir uns selbst feiern und dabei angähnen).
Und jetzt muss ich doch ein bisschen lachen, weil ey, besser hätte ich mich und 3/4 meiner Markennamen-Freunde auch nicht beschreiben können. Ich freue mich wirklich auf meine Weltreise und den Austritt aus diesem Pseudo-”Ich bin was wirklich wichtiges“-Leben. Nicht, weil ich so zwingend anders und toll und “auf dem Boden geblieben” sein möchte, sondern weil ich es mir, wenn überhaupt, doch immerhin das Abheben auch verdient haben möchte.
Nee, so schlimm ist das aber auch gar nicht, es ist nur bemerkenswert, dass mich vor allem der Blog, nicht Berlin in diese bestimmte “Ecke/Szene” gedrängt hat. Wie war das? Born To Be A HIPSTER. Oder eben auch Born to be a hipster influenced blogger in Berlin, wobei das wahrscheinlich sowieso auf dasselbe hinausläuft (nur die Musik, die lass ich mir nicht nehmen: das kann ich. Musik hören, meine ich). Ein Hipster bin ich nicht, ich bin nur ein Spasti mit Röhrenjeans und bekomme Dinge von Unternehmen geschenkt, die wissen, dass ich für drei Leute (meine Mutter, ein Stalker und ein fettes Kind) sowas wie ein Meinungsmacher bin. Könntet ihr mal bitte anfangen, mich zu feiern?
(Überhaupt, dieser ganze Meta-Circlejerk-Haufen aus dem Internet, der sich dann in Berlin versammelt – nicht vergessen, ich zähle mich bei dieser Kritik mit dazu – ist doch auch nur ein Haufen Kids, die sich von Marketingmenschen durchficken lassen, oder? Ich meine, klar, wir sind die Endkonsumenten und wir lieben die glitzernden Produkte und wir tun gar nicht erst so, als wären wir keine Fashionhuren, aber irgendwie ist das doch ganz schön amüsant wenn man das mal so großflächig betrachtet. Schön ist auch, wenn man sich als Individuum nahtlos in eine Masse gleichdenkender Leute einfügt, die dann aber alle gegeneinander arbeiten und sich immer weiter “hochkraxeln” wollen. Hat eigentlich jemand darüber nachgedacht, was “oben” eigentlich ist? Was ist oben? Der rote Teppich? Konfus, Konfuser, Konfuzius!
Bei findingberlin hatte ich das glaube ich auch mal treffender verpackt, auch wenn nicht direkt im Zusammenhang mit Blogs oder der eigenen Brand. Selbstmarketing ist ja auch nichts schlechtes, im Gegenteil, es ist das einzige. Nur ja, wofür, wenn man nicht gerade eine super Dienstleistung anbietet oder in eine Kooperation fallen möchte?)
(Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken, deshalb noch so ein Absatz: es überrascht mich, dass es vor allem die “kreative Elite” dahin geschafft hat, solche Scenester-Schoßhündchen für Unternehmen zu werden, say American Apparell oder ach, von mir aus auch Nike und Adidas. Vielleicht, weil man sich dort gerade die kreativsten Menschen leisten kann, die den eigenen Konsumgeschmack, die Zeichen der Zeit sozusagen, ganz gut verstehen? Vielleicht ist es auch an dieser Stelle genau notwendig, zwischen SCENESTER und HIPSTER zu differenzieren, wobei sich Hipster ja aussuchen, wem sie das Geld/die Liebe/das Verständnis entgegenbringen (gerade im Wirtschaftssektor wird ja eher von Hipsteria profitiert als es die Kunst tun würde, mal ganz ehrlich), und Scenester einfach den “trendschaffenden”, also markierenden Hipstern hinterherrennen. Wenn man mich mal so fragen würde: 10% aller Röhrenjeanstragenden gehören damit also der Hipsterkategorie an, die restlichen 90% waren mal Emos, die sich weiterentwickelt haben. Was jetzt auch nicht so schlimm ist, weil es dafür weniger Emos gibt. Aber man muss es halt auch schon mal so sagen: Scenester = Blender. Hipster = irgendwas macht ihn einzigartig, auch wenn es nicht immer unbedingt ersichtlich ist. Bei den Scenestern kommt übrigens auch dieses mit der Fremdbestimmung zum tragen: sie laufen den Hipstern ja nicht hinterher und denken “iih ich will nicht so aussehen/diese Musik hören, aber ich tu’s trotzdem weil’s angesagt ist”, sondern sie finden das ja WIRKLICH gut, aber die Frage ist halt: findet man es selber gut oder findet man das als manipulierter Mensch gut? Und dann muss man ja auch davon ausgehen, dass der Hipster selbst nicht manipuliert wurde, weil er sich ja frei etwas “ausgedacht” hat. Was ja so aber niemals sein kann. Ach, irrelevant. Ob sich Gesellschaftspsychologen mit soetwas auseinandersetzen?)
Keine Ahnung, was ich ursprünglich mal sagen wollte. Ich freu mich schon darauf, wenn ich die +50 erreicht habe, und diese Gedanken und diese Belanglosigkeiten belächel und mir sage, “Dude, du hättest einfach machen, und niemals darüber nachdenken sollen, wie das wirkt oder ob das Spaß macht, denn ändern kannst du das, was du augenblicklich fühlst, sowieso wohl kaum, und ändern kannst du irgendwelche Fremdeinflüsse, die dich dann bewegen, ja auch nicht”. Aber ey: ich bin jung. Ich darf noch spinnen und philosophieren, ich hab in meiner Pubertät schon genug Menschenhass und Depressionen geschoben. Jetzt? Erwartet nicht zu viel von mir. Erwartet gar nichts außer ein Lachen (aber immerhin sowas wie ein glückliches Lachen, mit Ausnahme von diesen genauso hipsterigen We Fly High Momenten) und die Illusion, dass nichts Schlimmes passieren kann, wenn man die Augen nur fest genug schließen kann… denn früh genug schon wird mich das blaue Wunder wieder wecken, habe ich das Gefühl…
Wir kriechen mit Schrittgeschwindigkeit durch den stockenden Verkehr auf der Autobahn. Meine Hände sind zu Fäusten geballt. Mein Kopf hämmert mit jedem weiteren eiskalten Zug, der aus der Klimaanlage kommt. Mit dem letzten bisschen Stimme, das mir nach diesem Wochenende verblieben ist, brülle ich nach vorne: “MACH DEN SCHEISS AUS DU BEHINDERTER SPAST”, ziehe meinen rechten, von Hundescheisse verdreckten Turnschuh aus und klatsche ihn meinem fahrenden Bruder direkt in die Fresse…
— 48 Stunden früher —
Ich wache im Wohnzimmer auf. Es ist halb neun morgens. Mir läuft die Brühe zwischen die Brüste, die Arschbacken, die Zähne. Es ist heiß. Ich stinke. Nein, mein Bruder stinkt. Der liegt mit verkrusteten Augen in seiner Schweißlache, eine Couch weiter. Er schnarcht. Im Rhythmus seines Atems blubbert Rotze aus seiner Nase. So friedlich.
Ich wecke ihn mit einem Liter kaltem Wasser.
—
Meine Brüder heißen für mich schon immer Leslie Nielson und Milhouse. Der Einsatz dieser Namen ist völlig flexibel, mal ist es der eine, mal der andere – je nach Grad ihrer auswechselbaren Komik. Es hat sich so eingebürgert, und ist meine Rache für die ganzen Kniffe, Bisse, Gesichtsfurze und den Schwitzkastenterror, den ich mein Leben lang ertragen musste. Sie hassen es und ich bekomme regelmäßig Nippeltwister für diese Unworte ab. Das ist es mir wert.
Les und Mil sind also bei mir zu Besuch, in Berlin, und bereits nach einer Nacht ist eine nur unter Geschwistern bekannte Spannung zu bemerken. Früher hätten wir unsere Supersoaker aufgeladen und einen unbeobachteten Augenblick abgewartet. Heute: Krieg und Ausnahmezustand.
—
Ich gucke Fernsehen, zappe, die Fernbedienung locker in der Hand haltend. “Hör mal auf umzuschalten und lass jetzt mal den Scheiss auf RTLII gucken”, höre ich Leslie maulen.
“Nein.” Ich zappe weiter.
“Ey, ohne Mist, du bist übertrieben behindert. Gib mir jetzt die Fernbedienung!”
“Nein. Ich wohne hier. RTLII ist für arme Loser.”
Ich höre seinen Kampfschrei zu spät, halte rechtzeitig mein Knie hoch um ihm Schmerzen zuzufügen, muss mich aber geschlagen geben. Die Schlacht um die Fernbedienung war dank meiner Porzellanknochen verloren, die Nacht wurde bei 35° im Schwitzkasten verbracht.
“LASS MICH LOS DU HURENSOHN!”
“HA HA, meine Mutter ist auch deine Mutter!”
“NEIN MAN DU BIST ADOPTIERT UND DEINE MUTTER IST NE HURE JETZT LASS MICH LOS!”
Der Schwitzkasten wird enger gezogen.
—
Nielsen und Milhouse besprechen lautstark die dem Realismus getreue Umsetzung der BangBus Pornos auf YouPorn in der S-Bahn. Ein Penner setzt sich ob dieser ordinären Konversation ein Abteil weiter. Ich setze mir meine Kopfhörer auf und sehe nur zu, wie sie mich mit Grimassen verunsichern wollen.
—
Wir zocken Playstation, ich verliere. Milhouse muss als jüngster das ganze Wochenende Sklave spielen und das Kabel für den Fernseher halten, damit das Bild nicht rauscht. Wir lassen ihn alle 10 Minuten Pause machen.
—
Wenn mein älterer Bruder, Leslie Nielsen, sich dazu entscheidet mich zu ärgern, hält er mir seine Füße ins Gesicht (er ist bei der Bundeswehr und muss jeden Tag viele Kilometer mit diesen Hornhautmonstern laufen, außerdem wachsen ihm Haare an der Fußsohle) oder er fängt an, mich spontan zu kitzeln. Was er jedoch unter “Kitzeln” versteht könnte auch ganz einfach als Geheimdienst-Folter durchgehen.
Nach einer kurzen Ohnmacht (Sauerstoffmangel) komme ich wieder zu Bewusstsein und trete ihm in die Eier.
—
Wir sitzen auf einer Brücke und vergeben gelbe, rote und schwarze an mittelschöne, hässliche und hartgeile Schnitten. Als die ersten schwarzen Karten vorbei laufen, steht Milhouse auf, zieht seine rutschende Hose hoch und ruft den Perlen “HOLA CHICAS WOLLT IHR HEUTE NICHT MAL MIT UNS PARTY MACHEN” hinterher.
—
Ich reisse Milhouse im Schlaf drei Nasenhaare mit meiner Pinzette. Er jagt mich eineinhalb Stunden lachend durch die Wohnung, weil die Umsetzung dieser Idee genial war. Wir gehen uns in aller Freundschaft einen Döner holen. Er stopft mir die Reste in die Unterhose. Eine weiteres Designerstück von H&M ruiniert. Ich bin dankbar, keinen Kaugummi im Haar zu finden und freue mich bei diesem Glück. Meine Mitbewohnerin sperrt sich leise in ihrem Zimmer ein und ruft die Polizei.
—
“Lass mal Mäcces.”
“Abtörn”
“Dann koch mal Freeesen”
“Abtörn”
“Ey du bist SO EINE BEHINDERTE GASTGEBERIN!”
“Was willst du mit deinem Gast Spast, als ob ich hier Hotel bin oder was!”
“Ähähähähähähä, blah blah blah, laberst scheisse und so!”
“Ey was willst du von mir du Hirsch lass mich in Ruhe LASS MICH LOS HÖR AUF AUA DAS TUT WEH AAAAH JA IST JA OK ICH BESTELL PIZZA das sag ich Mama du ArschloJA IST JA GUT ICH GEH DOCH SCHON!”
—
Die Temperaturen backen draußen neue Lebewesen. Die Klimaanlage im Auto ist auf 15 Grad gestellt. Meine Lippen sind blau angelaufen. Nielsen trollt und lacht sich über mich tot. Ich rufe meine Mutter an und petze, doch sie lacht nur und entscheidet sich gegen ein Eingreifen ((sie nimmt ihre eigene Autorität, seitdem wir ausgezogen sind, auch nicht mehr wirklich ernst, was sich zunehmend als Problem entpuppt, und den Vater anrufen ist nach vielen Überlegungen einfach zu riskant, es ist nämlich gut möglich dass ich dabei selber für irgendetwas Ärger bekomme)) Wir kriechen mit Schrittgeschwindigkeit durch den stockenden Verkehr auf der Autobahn. Meine Hände sind zu Fäusten geballt. Mein Kopf hämmert mit jedem weiteren eiskalten Zug, der aus der Klimaanlage kommt. Mit dem letzten bisschen Stimme, das mir nach diesem Wochenende verblieben ist, brülle ich nach vorne: “MACH DEN SCHEISS AUS DU BEHINDERTER SPAST”, ziehe meinen rechten, von Hundescheisse verdreckten Turnschuh aus und klatsche ihn meinem fahrenden Bruder direkt in die Fresse.
Er brüllt zurück, voller Wut und Hass, und versucht mich einarmig in den Oberschenkel zu kneifen (ich wehre seine nach hinten grapschende Hand mit Bissen und Tritten ab) während Milhouse irgendetwas von Kurt Russel und Jean Claude Van Damm und ihrer absoluten Unfehlbarkeit erzählt. Wir schaffen es irgendwann einfach in ein Koma zusammen zu brechen, aus dem wir mit einer Vollbremsung geweckt werden.
Zu Hause angekommen verschwinden wir alle in unseren Zimmern, nachdem wir uns mit weiterem Gekreische und Rechtfertigung vor unseren Eltern den letzten Abschiedsgruß in den Sack getreten haben. Ich frage mich, ab wann es meinen Eltern eigentlich egal war, dass wir Schimpfwörter wie “Scheisse” und “Ficken” benutzen.
„Nur ein kleines bisschen noch“, verspricht er sich für die Zukunft. Unter dem nötigen Ernst und den Augen seiner persönlichen Umwelt bewegt er sich leichtfüßig und definiert sich.
Er ist das wandelnde Abziehbild eines Menschen, der seinen Ernst, seine Vernunft und seinen Wunsch nach Sicherheit vor sich her spielt wie einen viel zu alten und abgenutzten Ball.
Menschen wie er kommen zwangsläufig an einen Punkt, egal wie alt oder jung sie sein mögen, sich ein paar Fragen zu stellen:
Bin ich so wie ich sein will? Passt das, was ich will, überhaupt zu mir? Bin ich neidisch auf die Menschen, die unbefangen und leichter sind? Ertrage ich es, wenn man mich nicht so sieht, wie ich es schön finde? Bin ich zu ernst? Ist Ernstsein so was wie Erwachsensein oder erwachsener sein? Erwarte ich zu viel von anderen Menschen? Erwarte ich zu viel von mir selber? Sind die Anderen freier als ich? Nur durch ihre Art? Ist schüchtern, ernst oder nachdenklich zu sein etwas, das man im ungesunden Maße praktizieren kann? Reflektiere ich zu viel und dränge andere damit? Was ist Zufriedenheit und was ist Glücklichsein? Sind das Dinge, die man gleichsetzen kann oder unterscheiden sich die Dinge und wenn ja, ist es wichtig, das zu wissen und vielleicht auch ein bisschen darüber nachzudenken? Nur für sich? Messe und vergleiche ich mich zu sehr mit anderen? Leben die Anderen besser, die unbeschwert sind? Bin ich anstrengend, kompliziert oder beides?
„Nur ein kleines bisschen noch“, verspricht er sich, „dann habe ich verstanden, dass ich so bin wie ich bin und dass es nur wichtig ist, meinen wirklichen Freunden nicht fremd zu werden.“
Egal wie der Lebensentwurf aussieht, für den man sich entschieden hat, auch wenn das ein Leben ist, das man so nicht erwarten oder geplant hat, es ist da und es bringt nichts weg zu laufen oder sich Freiheiten und Vorstellungen zu erkämpfen, von denen man keine Vorstellungen hat. Nicht wenn man sich da wo man ist, trotz der vielen Zweifel, eigentlich angekommen fühlt. Auch wenn das ein Leben ist, das man unter 20 nie leben wollte.
Wenn es da ist, dann ist es da. Und es gibt immer Möglichkeiten noch woanders zu suchen. Nach Zufriedenheit, nach Glück, nach Irgendwas. Es wird diese Möglichkeiten immer geben. Die einen nutzen diese Möglichkeiten um auszubrechen, neue Wege zu gehen. Welche Gründe solche Menschen auch immer haben, das zu tun. Sie tun es. Und das ist gut.
Kategorien über Kategorien. Sie abzustreiten ist seltsam.
Für beiden Schlag von Menschen, die Unbeschwerten und die Komplizierten gilt, wie ging das Sprichwort doch gleich: „Stärke wächst aus unbeugsamen Willen.“
Beide sind auf ihre Art und Weise frei. Manchmal auch zufrieden. Und manchmal auch glücklich. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.
Nichts kann mich so fesseln und gleichzeitig entspannen wie ein Skate Video. Zwar hat mich meine eigene Karriere sehr früh schon im Stich gelassen (sie hörte abrupt auf, als ich “under the influence” mit hohen Absätzen einen Ollie machen wollte um eine Wette zu gewinnen. Der Ollie klappte, der Knöchel knackte), aber die Leidenschaft ist immer dageblieben. Die wirkt sich heute übrigens so aus, dass ich in den Ferien, die ich in Syrien verbringe, die alte, verstaubte PS meiner Cousins raushole und erstmal Tony Hawks Pro 4 einlege. Wenn ich heute noch Songs vom Soundtrack höre überschüttet mich Gänsehaut und ich bin plötzlich in die völlige Stille des hintersten Zimmers unserer Stadtwohnung versetzt, wo mich die Langweile eines heißen Sommers zum Zocken zwingt. Ich kann zwar nicht viel, aber THPS4 zerballer ich noch im Schlaf und mit zwei Fingern).
Und trotz des fetten “Talentfrei!”-Stempels auf meiner Wampe (ich wollte das erste Mädchen mit Profi-Karriere aus unserer Hood sein, dann fiel mir ein, dass meine Mutter Torte gebacken hatte und rannte eilig dem Fett hinterher, das mir heute das Sichtfeld nach unten versperrt) saß ich mindestens drei Sommer lang jeden Tag im Schatten der Quaterpipe, ließ mir die Sonne auf den Bauch brutzeln und beobachtete talentierte Jungs beim Posen, Tricksen und Spaß haben. Wir waren eine kleine, hängengebliebene Mongo-Teenager-Familie. Aber ohne den Skatepark wären wir nicht nur ein paar lärmende Kids gewesen, sondern auch Druffis, Dealer und kleine Arschlochkleptomanen. So wie die Typen, die eben nicht mit uns am Skatepark waren. That’s how we rolled.
An all das erinnert mich das folgende Video von zwei Typen aus Wisconsin, die eine wunderschöne Choreografie an Spaß hinlegen und mir so den Abend versüßt haben. Heute Nacht werde ich von schönen Skatedecks träumen.
Das fette Kind, die Musik und die letzte Aufnahme runden das Ganze nach meinem Geschmack ab. Und wo wir schon gerade dabei sind: mein absoluter Street-Parkour-Skater bleibt William Spencer. Einmal Orgasmus auf Skateboard, bitte. Purer Sex.
Im Zuge der ganzen Schwierigkeiten, die das Leben so mit sich bringt, sind es vor allem die Zweifel an sich selber oder mit Dingen, die man tut, mit denen man sich immer wieder konfrontiert sieht.
Und vielleicht sieht man im eigenen Selbstbewusstsein einen Zweck. So richtiges Selbstbewusstsein, nicht das, an dem andere einen messen oder einschätzen.
Zwei so wichtige und wirklich harte Voraussetzungen sind Einsicht und die Fähigkeit Hilfe anzunehmen. Beides hart, wenn man sich nicht nur oberflächlich damit auseinandersetzt. Da gibt es immer Spezies, die sich entweder alles zu Herzen nehmen, eigene Probleme vernachlässigen und im schlechtesten Falle verdrängen und es gibt die, die glauben, wenn man nur alles akzeptiert oder toleriert, lebt man erwachsener und besser.
Die Antwort liegt vor allem in der Einsicht.
Manchmal kann man sich auch inspirieren lassen. Nehmt euch die Zeit. Und hört was dieser Mann zu sagen hat, denn er hat verdammt Recht: