Der Panikmensch
Im Independent gab es einen ziemlich interessanten Artikel darüber, wie sich Menschen zu Katastrophen verhalten (Johann Hari, The myth of the panicking disaster victim). Eine interessante Theorie (u.A. belegt an individuellen Erfahrungen) ist, dass man im Angesicht von Tod, Desaster, Verlust und Alleinsein eine altruistische Ader findet, also den Drang und den Willen, nicht nur sich selbst zu schützen, sondern auch seine Umgebung: die Menschen, die genauso zurückgeworfen wurden.
On 18 April 1906, San Francisco was levelled by an earthquake. Much of the city collapsed, and the rest began to burn. Anna Amelia Holshouser – a middle-aged journalist – was thrown out of bed, and felt her house collapse around her. She wandered the streets, and found herself sleeping that night in the park. But then the daze wore off, and she did what almost everybody else did: she began to look after the people around her. She knitted tents out of old clothes to house all the children who had lost their parents. She set up a soup kitchen, and the local shop-keepers handed over the goods for free. Hundreds of people gathered there, as they were gathering around similar people across the city. Anna put up a sign that said: “One Touch of Nature Makes the Whole World Kin.”
Unter normalen Umständen kommt man selten auf die Idee, sich für seine Umgebung mehr als nötig einzusetzen. Leider kommt man da aber auch gerne auf ein völlig verzerrtes Menschenbild: “Normalerweise ist der Mensch faul und sich selbst genug, zudem manchmal auch noch rassistisch und fett”. Die Tatsache ist aber dass Menschen so nicht sind. Ein Satz, der mit “Der Mensch ist” anfängt, hat sowieso keine Grundlage für mich. Aha. “Der Mensch ist egoistisch”, wäre zum Beispiel so eins, was mich völlig fertig macht, und dabei will nicht bestreiten, dass man nicht immer zuerst an sich selbst denkt; mich stört eher die moralische Implikation, die aber weder in der Biologie noch in einer logischen Erklärung irgendetwas zu suchen hat. Wer “Der Mensch ist egoistisch” sagt, sagt in meinen Ohren so viel wie:
- Ich rechtfertige mich für meinen Egoismus.
- An sich selbst zuerst zu denken verwerfe ich aufgrund meiner moralischen Grundlage.
- Wer es nicht schafft, nicht egoistisch zu sein, den habe ich abgeschrieben.
- Mir ist es egal, ob es rationale, biologische oder logische Gründe dafür gibt, wieso “Egoismus” nicht nur mit moralischer Konnotation aufgezeigt werden kann.
Egoismus ist in meinem Verständnis der Welt nicht Rücksichtslosigkeit, wogegen Altruismus für mich auch keinen besonders hohen moralischen Stellenwert einnimmt. Sich altruistisch zu verhalten, wenn man es sich nicht leisten kann, ist meistens auch nur eine Methode der Selbsthilfe und damit auch meiner Meinung nach egoistisch. Ich weiß, das ist Rhetorik, die vielleicht gar nicht notwendig ist. Ich möchte damit nur verdeutlichen, wieso ich den Independent Artikel gar nicht so überraschend finde.
Wir sind heute in Sicherheit, und leben ein durchaus bequemes Leben. Wir sind durch diese Bequemlichkeit auch in ein individualistisch geprägtes Gesellschaftssystem hineingerutscht, was ich erst mal gar nicht kritisieren möchte. Aber wenn uns diese Sicherheit genommen wird, wenn diese Bequemlichkeit wegfällt, die man sich ganz alleine gönnen kann, fällt man automatisch in die Abhängigkeit anderer Menschen. Sei es für die Kinder, oder dafür, dass man sein Können und sein Werk und seine Anwesenheit und seine Hilfe gegen das der anderen “tauscht” (und, im Gegensatz zu unserer bequemen Welt, nicht kauft). Man will helfen, ob bewusst oder unbewusst, weil man sich in ein Solidaritätssystem einfügt, von dem dann jeder profitieren kann. Es macht Sinn, und anders hätte die Menschheit vielleicht gar nicht die Härtefälle der Eiszeiten und anderen Naturkatastrophen vor tausenden von Jahren gar nicht überlebt: Zusammenhalt ist genauso ein nützliches System wie das, was wir heute in unseren Wohnungen als unsere abgeschiedene Welt bezeichnen; bis die Natur uns einen Strich durch die Rechnung macht, oder bis eine Bombe drauffällt und wir uns wieder an den Händen fassen müssen. Das ist keine moralische Leistung, und dafür muss man auch nicht Philosophie studieren: es ist, schlicht und einfach, notwendig um zu überleben.
Ich bin an dieser Stelle aber an einem ganz anderen Punkt angelangt, nämlich wie wir uns als Individuen sehr leicht in ein aufgebautes System bewegt haben, dass zwar sicher und komfortabel ist, aber vielleicht auch der Auslöser sein könnte für unsere Selbstgerechtigkeit, für unsere Ellbogenmentalität, für unseren Rassismus, für unsere Konflikte miteinander. Die Ausmerzung der natürlichen Gefahr als Motivator der schlechten Charaktereigenschaften einer Gesellschaft. Das alles verschwindet, wenn wir wieder auf den Anfang reduziert werden, nämlich auf Überleben. Alles, was danach kommt, ist möglicherweise nur Detailgefriemel, Philosophie, für die der Mensch vielleicht gar nicht bestimmt ist (biologisch, meine ich).
This information is essential for knowing how to respond to disasters. There is a fear the Japanese government is withholding information about the dangers of the nuclear meltdown because they don’t trust the people to react sensibly and calmly. There is no way of knowing, yet, whether this is true. But understanding this crucial history should guide the government to tell the truth. As Solnit puts it: “If you imagine that the public is a danger, you endanger the public.” They are the allies of public safety, not its enemy. After the Three Mile Island meltdown in Pennsylvania in 1979, nearly 150,000 people were evacuated. The government was not in charge. Ordinary people spontaneously co-ordinated it themselves, without panic
Auch das, finde ich, ist eine interessante Beobachtung: die Japaner (oder vielmehr die japanische Regierung), die mit Stolz und gehobenem Haupt auf der Weltkarte auftreten, können ihrem eigenen Volk scheinbar nur zögerlich mitteilen, wo das Problem liegt: vor Angst, Hobbes könnte Recht haben, und der Mensch ist tatsächlich nichts als ein Wolf, der im “Naturzustand” seinesgleichen zerfetzt und sich nimmt, was er braucht. Nein, pardon, das sind glaube ich nicht die Ängste einer Regierung. Vielmehr dürften sie sich vor dem Augenblick fürchten, wo Mensch merkt, dass der Naturzustand ein ganz anderer ist. Wo Mensch merkt, dass auch ohne Gewalt von oben (also Staatsprinzip) Frieden herrschen kann, und dass man DANK Egoismus zur gegenseitiger Hilfe herbeieilt, nicht, weil man gezwungen wird (versteht mich dabei nicht falsch: meine Schlussfolgerung ist nicht, dass wir jetzt keinen Staat oder keine Gewalt bräuchten. Nicht nur, dass ich sowieso in meinen Gedankengängen völlig unrecht haben könnte; möchte nur sagen, dass das ein interessantes Spiel mit der Philosophie ist, die wir manchmal als selbstverständlich wahrnehmen, weil wir uns gar nicht richtig oder differenziert mit den Hintergründen beschäftigen).
Im Übrigen habe ich euch gerade auf eine unausformulierte und schnell dahingeschriebene Reise durch meine Gedankenwelt genommen; wer Fehler findet, oder was hinzuzufügen hat, sei herzlich dazu eingeladen. Allerdings möchte ich die pubertierenden Spasten von Kommentaren wie “Laaangweilig” oder spontan aggressiven testosterongeladenen Ausbrüchen abhalten; ich schreibe dann nächste Woche wieder über irgendwas mit Titten, versprochen.

