Wenn man Kindheitserinnerungen im Erwachsenenalter wiederaufleben lässt (danke, liebe mediale Möglichkeiten), dann stellt man manchmal fest dass man die Hälfte der Storyline nicht verstanden hat. Im Falle von Home Alone 2, einem meiner Lieblingskindheitsfilme (übrigens gibt es zu dem verlinkten Post vielleicht bald ein kleines Update) fällt vor allem der zeitlose Style des Kevin McCallisters auf. Wunschklamotten 2012 für alle süßen Typen die mal als Crackbabys von MJ enden möchten und mit Drew Barrymore Blutsbrüderschaft schließen: edler Strick, klassische Muster/Prints, subtile Farbspritzer, ein gewisser rustikalen Touch (der Rucksack!) und eine allgemein-gültige Funktionalität. Erst der Air Mag, dann das.
Manchmal will man die fest verankerten Beziehungen nicht, die das übliche Rettungsnetzwerk im Leben abbilden. Denn: sie vergegenwärtigen das Scheitern im Alltag.
Manchmal will man eben nicht über seine Magersucht reden müssen und trotzdem eine enge Verbindung eingehen- inklusive Lachen, sich freuen, und viel Leichtigkeit. Manchmal will man kein emotionaler Tampon für die typischen Männerprobleme der Freundinnen sein und sucht sich ein Ventil in erlogenen, aber unterhaltsamen Geschichten. Manchmal will man sich über andere lustig machen, richtig viel Scheisse reden und sich schlecht anziehen dürfen, ohne von den besten Freunden für dieses “sich gehen lassen” und die Geschmacklosigkeit verurteilt zu werden.
Manchmal möchte man ganz laut peinliche Musik aufdrehen und sich in Tränen des Gelächters verausgaben. Sich nicht ernst nehmen müssen. Eine andere Maske aufziehen. Eine neue Rolle einnehmen. Eine erfundene Person mit ganz anderen Problemen oder Eigenschaften vorschieben, die das innere Wesen, das mit dem Frust und der Wut und den Krisen, einfach so unterdrückt. Manchmal will man so tun, als wäre man sicher und fest und genauso wie die anderen. Manchmal reicht es dafür eine temporäre Oberfläche zu konstruieren. Es ist nicht nur eine Schutzwand, es ist eine Schutzwand mit einer Tür zu einer einfacheren Welt. Wo es nicht immer nur um die Monster geht.
Manchmal will man deshalb nicht mit seinen Freunden essen gehen, die ernsthaft und besorgt fragen, wie es einem geht. Manchmal möchte man sich mit Fremden treffen, mit denen man auf der Oberfläche Trampolin springt und nach den Sternen greift. Für die Dauer eines Getränks, oder einer durchzechten Nacht, wo keiner sich ernsthaft für das echte Leben interessiert.
Manchmal wird die Spannung an der Oberfläche auch durchbrochen. Das wünschen wir uns, wenn es echte Freundschaften werden. Manchmal bleiben sie aber für immer das, was sie sind: kleine Fäden, die uns aus der Routine ziehen. Große Projektionsflächen für unser Alter Ego. Für den Menschen in uns, der nicht nur ein komplexes, vom Schicksal drangsaliertes Wesen mit allen möglichen Wehwehchen ist. Für das Kind. Für die Sorgenlosigkeit. Für Freundschaften, die immer gut gelaunt sind. Manchmal, hoffentlich.
Ich teile mit vielen Menschen einen gewissen Lebensstil und bin traurig darüber dass man ihn aus objektiver Sicht so gerne als einen einsamen, schnelllebigen, wertlosen und von Konsum gefüllten betiteln möchte. Als ob man mir von Anfang an absprechen möchte, dass ich unter diesen Umständen jemals so etwas wie Zufriedenheit oder Glück empfinden könne. Als ob die Kultur, die ich heute genieße, alleine weil sie moderner ist als diejenige, die vor 20 Jahren existierte, meinem persönlichen Zerfall gleicht.
Vor einer Ewigkeit nannte man solche Leute mal: verkrachte Existenzen. So schwarzweiß ist es heute nicht mehr. Dieselben Leute haben immerhin die Welt in die Tasche gesteckt. Die sie überall mit sich herumtragen, zumal sie jedes Jahr noch kleiner, flacher, leichter und marcjacobsiger wird. Sie sind nicht verkracht, sie sind: die Facebook-Generation. Wer sollte sie dafür verurteilen? Während man früher gesellschaftlich sanktioniert, isoliert und zum Verlierer abgestempelt wurde, wenn man mit 30 oder 40 stundenlang auf der Couch lag und sich mit Nonsens befasste, gibt es heute ein anderes kollektives Bewusstsein. Ein Wir.
Heutzutage krepieren wir alle an Burnout, es gibt mehr Kriege als je zuvor, wir sozialisieren nur noch über virtuelle Kommunikationsmittel, wir glauben nicht mehr an Gott, wir wissen nicht mehr die Romantik der Langweile zu schätzen und wissen nichts mit uns anzufangen. Während wir sinnlos “Brause trinken” und “Bon Iver hören”, geht unser Leben an uns vorbei, und wir erinnern uns ins 70 Jahren an nichts mehr von Bedeutung. Wenn wir etwas googlen möchten, landen wir im vierstündigen Delirium zwischen Klicks und Zeitvertreib.
Dabei verstehe ich diese andere, angeblich bessere und ältere Welt nicht so wie ihr. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, wo die Dinge schnell sind. Und ich gehöre hier rein. Ich will nicht vor meiner Zeit leben und den Dingen entsagen, die mich gleichzeitig auch formen. Der vom Internet erschaffene Lebensraum ist meiner. Den könnt ihr mir nicht einfach wegnehmen, nur weil ihr überfordert zu sein scheint, oder diese Entwicklung nicht versteht, oder so gerne in die Nostalgie eurer eigenen, angeblich besseren “damaligen” Lebensweise verfallt. Ich kenne die Probleme unserer Gesellschaft und versuche ihnen auszuweichen, so gut es geht, aber ich betitel mich nicht als Opfer der Informationsfluten, sondern als ihr Meister. Ich verbringe sehr, sehr viel Zeit im Netz, schon seit meinem 11. Lebensjahr, und trotzdem finde ich noch genug Platz mich zu entfalten. Ich bin sehr glücklich, habe ein schönes Leben, bin ein zurechnungsfähiger Mensch. Ich schicke lieber eine E-Mail, als zur Post zu gehen, und ich kommuniziere lieber über Facebook, als zu telefonieren. Das heisst nicht, das ich beides nicht könnte, und das heisst auch nicht, dass ich nicht befähigt bin, ohne meine “künstliche” Umgebung zu leben; aber wer mir meine Kultur, meine Zeit und meine Entwicklung wegnehmen möchte, riskiert dass ich an dieser anderen Unnatürlichkeit verzweifle.
Dieses Wir hat es sich ziemlich dauerhaft und komfortabel eingerichtet im Wartezimmer zum Erwachsenwerden. Man geht mal eben ins Internet, um die nächste Apotheke zu googeln, und kann hinterher nicht genau erklären, warum das letztlich dann doch drei, vier Stunden in Anspruch genommen hat. Man muss es übrigens auch niemandem erklären, keiner fragt danach. Dank Facebook weiß man dafür nun endlich wieder, was die alten Schulfreunde gerade so machen; nämlich in etwa dasselbe, nur eben in Amerika. “Und ich dachte immer, ich würde klüger werden. Und dass wir irgendwann reich wären . . . ” sagt Jason in “The Future”.
Ihr habt mir diesen Zoo gebaut, mich gefüttert und erzogen, mich beschützt und mir das Leben leicht gemacht, und jetzt erwartet ihr, dass ich richtig viel Bock habe in die Wildnis zurück zu gehen und mich einfach vor meine Feinde zu werfen? Wisst ihr was: die Schnelllebigkeit, über die ihr euch beklagt, ist ein Teil meines Weltbildes. Die Sinnsuche, die es jetzt nicht mehr gibt, hat euch selbst in den Wahnsinn getrieben. Es bleibt keine Zeit zur Reflektion, sagt ihr, und wir werden unter Druck gesetzt, sagt ihr, aber hier bin ich, und ich reflektiere, und ich bin zurechnungsfähig, und ich liebe das alles, weil ich es nicht anders kenne. Das heisst nicht, dass meine Liebe zum Leben weniger wert ist als eure. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich euch eines Tages besser verstehen werde, als ihr mich jemals verstehen könntet. Nur entwertet mich nicht aufgrund der Zeit, in der ich geboren wurde: ich glaube nämlich, dass ich ziemlich schnell erwachsen werde in dieser Welt und mir dessen auch bewusst bin. Hört auf, mich in das kollektive Bewusstsein der versagenden, inhaltsleeren Hipstergeneration zu pressen, die sich mit Sinnlosigkeit zumüllt, bis es Sinn findet. Wir sind genauso erfolgreich oder unerfolgreich wie die Generationen vor uns, ihr seht uns nur besser, weil Facebook euch lässt.
Versace & H&M haben erst eben ihr Lookbook veröffentlicht. Die Zusammenarbeit ist schon länger angekündigt, ich habe das am Rande mitbekommen. Obwohl ich kein großer Anhänger der Fashion Community bin, bleibe ich immer wieder bei den 90er Jahren von Versace hängen – der sogenannte Baroque Stil von Gianni Versace. Das sind die Klamotten, die meine Mutter immerhin von Mitte 20 bis Mitte 30 getragen hat, und es sind genau diese Prints, die mich irgendwie.. wärmen.
Es ist seltsam, und es lässt mich eine Augenbraue verziehen, aber es ist das, woran ich mich und eine gewisse Sentimentalität festnagele. Dass das alles heute wieder aktuell ist mag sein, aber das Revival mit der Klamotten-Kette gefällt mir nicht unbedingt. Es hat eben auch eine gewisse Ästhetik in der Darstellung, selbst die Models auf den Bildern sehen irgendwie anders aus, die Fotos sind anders — ich hänge in den 90ern fest, zumindest was Versace angeht. Auch okay.
Ich sitze im ICE, auf der unerschwinglichen, teuren Fahrt in Richtung Heimat – wo ich herkomme, wo ich aufgewachsen bin. Dieser Ort könnte jeder in (West-)Deutschland sein, eine Vorstadt, ein Reihenhaus, eine unbeschwerte Kindheit mit darauff olgend pseudo-rebellischer Jugend. Die Sonne scheint als Ausnahme in diesem Sommer durch die schmutzigen Fenster des augenscheinlich schleichenden Hochgeschwindigkeitszuges, aber weil das Leben und die Entspannung nicht vollkommen sind, wird das alles von dem Geruch stinkender Füße meiner temporären Fahrgemeinschaft untermalt.
Es ist Ramadan. Wenn ich mich an meine Kindheitsjahre zurückerinnere, so war das die schönste Zeit des Jahres. Mal war es kalt, mal war es warm, der Ramadan kommt und geht nämlich mit dem Mond und seinem Kalender. Die meisten meiner Mitschüler und auch viele Lehrer haben nicht verstanden, wieso ein neunjähriges Mädchen so wehement Essen und Trinken ablehnte – sie war doch so jung! Wie konnten ihre Eltern sie nur zu so etwas zwingen! Aber natürlich haben mich meine Eltern nie gezwungen. Die Pflicht des Fastens fängt erst viel später an, wenn man seine Mündigkeit (als Frau beginnt das, sobald man seine Periode bekommt) erreicht hat.
Meine Mutter hat das immer sehr gut gemacht, wie ich heute finde. Sie hat uns die Schönheit des Ramadan vorgelebt, obwohl ich noch nie in einem arabischen/islamischen Land zu dieser Zeit war (zumindest kann ich mich nicht mehr daran erinnern). Sie erzählte uns die wunderbaren Geschichten aus dem Koran, abenteuerliche und moralische Abhandlungen im Leben des Propheten und seinen Anhängern. Sie las uns vor, sie betete mit uns. Sie erzählte uns auch davon, wie es war, in Syrien zu fasten: dass die Leute jeden Abend feierten, die ganze Familie zusammen saß und sich nah war, dass Gott und die Engel einen hörten und der Teufel im Ramadan keine Gelegenheit bekam, sich zu nähern. Sie brachte uns die für deutsche Verhältnisse – also auch für die Verhältnisse ihrer Kinder – fremde Kultur näher, indem sie diverse Bräuche vermischte: im Ramadan gab es für uns einen Adventskalender, den sie selbst füllte. Für jeden Tag, den wir fasteten (oder den wir nicht fasteten – schließlich ging es nur um die Mühe, nicht um die Qual) gab es ein kleines Geschenk. Wenn man einen Tag lang nichts isst, dann freut man sich über jedes Stückchen Schokolade.
Und sie kochte wie eine Weltmeisterin, sie lud Freunde ein, wir wurden eingeladen. Zum Fastenbrechen – wir nennen es Eid al Fitr – gab es auch Bescherung, eben wie an Weihnachten. Für uns war dieses Eid auch viel größer als das eigentliche Äquivalent zu Weihnachten, dem Eid al Itha, weil wir ja auch viel mehr Arbeit investierten. Wir waren stolz, wenn wir unsere Geschenke öffneten: stolz darauf, wie die Erwachsenen “dazu” zu gehören. Stolz auch, dass Allah uns nun weiter oben auf seiner Hitliste der gutgläubigen Moslems zählen würde, auch wenn wir nicht immer so gutgläubige Moslems waren. Im Ramadan, so in etwa unsere Auffassung, wurden die Karten neu gemischt. Der kollektive Traum im Islam ist dann dazu die Reise nach Mekkah, wo alle Sünden – theoretisch – weggewaschen werden können. Selbstverständlich muss man die Reise aber auch so meinen, und sich von ganzen Herzen ändern wollen.
Als ich älter, rebellischer, unkonformer, unsicherer, ungläubiger wurde, weil mir diese Kulturdifferenzen in einer viel zu komplexen Welt mit ihren ganzen Vorurteilen und Schwierigkeiten einfach über den Kopf gewachsen sind, legte ich in meinem Frust den ganzen Glauben zur Seite. Ich bin definitiv über zu viele Grenzen getreten. Wenn ich jetzt zurückblicke, dann müsste ich als Moslem wohl einige Fahrten nach Mekka machen, und hätte bestimmt ein ganzes Jahr fasten müssen, um die verfehlten Ramadantage nachzuholen.
Das wissen meine Eltern natürlich nicht. Sie ahnen es vielleicht, in der Hoffnung, dass ich meinen Weg zurück finde. Sie beten zu Gott und stellen keine Fragen, weil wir eines Tages reuemütig und mit gesenktem Haupt beichten werden – aber immerhin geläutert. Ich weiß nicht, was die Zukunft für mich bereit hält, ich kann nur zurückblicken und behaupten, ich weiß, was mir in der Vergangenheit gefehlt hat.
Meine ganze Distanzierung vom Thema Religion und meiner arabischen Herkunft rührt nicht aus einem Hass her oder einer viel größeren Nähe zur deutschen, westlichen Kultur. Aber meine Eltern haben in ihren Bemühen, uns so gut wie möglich an IHREM alten Leben teilhaben zu lassen, und dennoch unser eigenes Leben in Deutschland zu führen, gegen Windmühlen gekämpft. Zu zweit waren sie zu schwach gegen Kindergarten, Schule, Freunde. Auch ihre eigenen Freunde, die arabische oder islamische Gemeinschaft in unserer unmittelbaren Umgebung, war nicht gerade vorzeigbar. Umso mehr haben wir uns in unseren jährlichen Sommerferien auf die Verwandten und Bekannten in Damaskus gefreut, die uns viel näher waren. Unsere Cousins spielten Playstation, sie hörten Hip Hop Musik und haben auch mal Schimpfwörter benutzt. Der Islam war dort ein Bestandteil ihrer Kultur, kein zentraler Fokuspunkt wie für uns in Deutschland in der islamischen Schule und zu den allwöchentlichen Freitagsgebeten.
In Damaskus gibt es keine Vertrauenslehrer, sondern Imame. Das ist ganz normal, dass man dort bei einem Streit oder jeglichem Konflikt erstmal den religiösen Mittelsmann aufsucht. Hier, in Deutschland, war Religion aber ernster als das: man musste sich immer zusammenreissen, nicht irgendwelchen Reizen zu erliegen, wurde immer ermahnt, bloß nicht den “westlichen” Sünden nachzugehen. Natürlich ist es schwieriger, wenn man woanders lebt. Aber nicht die Sünde war fremd, sondern die seltsamen Gewohnheiten und die Aufforderungen, die von türkischen Stammeshäupten in ernsthafter Miene übertragen wurden. In einem Sommercamp für islamische Mädchen, irgendwo in Nordhessen, wurde ich mit vierzehn Jahren ständig dafür kritisiert, dass ich kein Kopftuch trage. Ich sagte ihnen, dass meine ganze Verwandtschaft kein Kopftuch trage und trotzdem seien alle gute Moslems. Sie lachten mich aus.
Das Gefühl von Zugehörigkeit ist so unglaublich wichtig, um das zu erkennen, brauche ich heute definitiv kein Soziologiestudium. Ich merke es innerhalb meines jetzigen Freundeskreises. Was den Islam angeht – oder meine arabische Herkunft im Generellen – fehlte mir immer diese Zugehörigkeit. Familie reicht nicht. Die Moschee, weit weg von meinem Wohnort, die einzige arabischsprachige Moschee im Umkreis, wurde hauptsächlich von Leuten besucht, die nicht in Reihenhäusern, sondern in Plattenbauten wohnten. Sie kamen auch nicht aus Syrien, sondern hauptsächlich aus Marokko. Aber für eine syrische Moschee reicht die Anzahl der Gemeinde einfach nicht aus. Und so fehlte mir immer ein erheblicher Teil meiner Kultur, der Heimat meiner Eltern, den sie so notdürftig mit dem, was da war, zu ersetzen versuchten.
Leider trieb es mich immer weiter davon weg. Ich endete zu meiner Pubertät in einer Krise, die ich keinem Jugendlichen auf der Welt wünsche, nämlich voll in der Frage: werden mich meine Eltern lieben, wenn ich ihnen sage, dass ich ihr Volk nur von außen, niemals von innen betrachten werden kann? Dass ich ihre Kultur und Religion zwar annehme – aber niemals so umsetzen werde, wie sie es sich vorstellen? Das formuliert sich jetzt alles sehr unspektakulär, aber mit fünfzehn oder sechzehn Jahren habe ich diese Fragen noch anders gestellt: lieben mich meine Eltern noch, wenn ich ihnen sage, dass ich nicht an ihren Allah glaube? Dass ich mich für ein anderes Leben entschieden habe? Werden sie mich hassen, werden sie mich verurteilen, sich für mich schämen, werden sie mich verlassen, schlagen oder sogar ermorden?
Ich bin meinen Eltern dankbar für die Aufmerksamkeit und die Zeit, die sie in mich investiert haben – ohne diese Arbeit könnte ich heute nicht die Sprachen sprechen, die ich spreche. Die zwei Stühle, die sie mir hinstellten, sind im Endeffekt das beste gewesen, was mir passieren konnte – aber eben erst im Nachhinein. Mir fällt natürlich auch erst viel später auf, dass sie auch nur Menschen sind, fehlbar, gutmütig aber eben auch mit Makeln, die Allah vielleicht gerne übersieht, weil sie fleißig fasten, immer spenden und fünf Mal am Tag beten. Sie werden vom Schicksal bestraft, aber nie so hart, dass sie es nicht – mit gutem Glauben – in die nächste Runde schaffen. Und ich möchte ihnen diesen Glauben nicht nehmen, niemals. Dazu gehört aber auch, mit dem ICE nach Hause zu fahren und mein Leben in der Hauptstadt, zumindest teilweise, zurück zu lassen. Ich vertraue meinen Eltern und ihrer Liebe und Fürsorge und Zuneigung mehr, als sie sich wahrscheinlich selbst vertrauen. Im Falle dessen, sie finden etwas über meinen dubiosen Lebensstil heraus (Mutter, falls du eines Tages auf diesen Blog stoßen solltest: ich bin nicht drogenabhängig und gehe auch nicht auf den Strich, keine Sorge, und ich verdiene mein Geld nicht im Casino und esse auch ganz bestimmt kein Schweinefleisch!), dann werden sie weinen und enttäuscht sein und ich werde weinen und mich vor ihnen schämen, aber ich werde auch erleichtert sein. Ich scheitere nicht mehr an dem Gedanken, dass sie womöglich niemals für das auf mich stolz sein könnten, auf das andere, deutsche Eltern längst stolz wären: diese Maßstäbe gab es für mich nie. Ich hatte nicht mehr Hürden zu überwinden, nur andere. Sie werden zu Gott beten und darauf hoffen, dass er mich besucht, mich läutert und zu einem besseren Menschen macht.
Aber das ist das, was mich auch immer zu ihnen nach Hause zurück kehren lässt: sie werden hoffen und für mich beten. Sie werden mit mir schimpfen und versuchen, mich auf die gute Seite des Lebens zu ziehen. Vielleicht werden wir nicht mehr miteinander reden – es würde mir das Herz brechen, und ich würde alles dafür geben, es ihnen in meinen Grenzen recht zu machen. Deshalb fahre ich im Ramadan zu ihnen, bete und faste mit ihnen, sitze am Küchentisch und erzähle von achtzig Prozent meines Lebens und höre mir ihre Geschichten über den Propheten an. Weil sie mich, trotz der Scheisse, die ich in ihren Augen baue, immer lieben werde. Und damit unterscheidet sie nichts mehr von den anderen Eltern dieser Welt.
Das Faszinierende an einer so großartigen Band wie The National ist nicht die Konsistenz in der (überragenden!) Qualität, sondern wie sie es schaffen, eigentlich immer den gleichen, post-pubertär melancholischen Song zu schreiben, der mich in Gänsehaut einwickelt und von in Sepia gefärbten Vergangenheiten träumen lässt, die es gar nicht gab. Das ist Bewältigung von intensiven Gefühlsmomenten, die ich heute, so nach Jahren der Abstumpfung, vermisse. Nach all der Zeit, in der eintrainiert wurde, die Contenance zu behalten und sich auch mal zusammenreissen zu können, ist es schön, wenn The National Klänge einen gewissen Kontrollverlust einläuten können.
Meine bisherige Vergangenheit lässt sich in vier Phasen einteilen:
1. Unschuldige Kindheit
2. Pathetische Jugend
3. Videothek
4. Berlin
Die erste Phase besteht aus Gummibärchen, Glücksgefühlen und gefühlten achtundzwanzig Mal Urlaub im Jahr mit meinen Eltern und Brüdern. Nicht viel ist davon übrig geblieben — ich erinnere mich daran, dass ich mit meinen Brüdern mal in einem Hotelzimmer ausversehen einen Porno geguckt habe und wir unsere Köpfe verrenkten und uns überlegten was das wieder für eine komische Turnsportart sei. Ich erinnere mich daran, auf dem Weg zum Kindergarten einen Umweg zu machen um über einen eingefrorenen Teich zu laufen, wo ich eingekracht bin. Mein damals bester Freund, Christopher, ist schreiend weggerannt und hat mich meinem Schicksal überlassen. Christopher, falls du da draußen bist– möge Gott dich so arm machen dass du deine Kinder von deinem eigenen Samen ernähren musst (der Hass einer Vierjährigen kann bis tief in die Quarterlife Crisis hineinreichen und bietet fantastisches Material für den gutbezahlten Therapeuten den man spätestens nach der sechsten versauten Beziehung und dem Saufproblem aufsuchen muss). Es sind kleine, gut verpackte Momente voller Verstörung, liebevoller doch schmerzhafter Erziehung und vielen Prügeleien mit meinen Brüdern. Ich habe als Kind schon viel vor mich hingeträumt und gelesen und Geschichten von fernen Orten und fremden Menschen geliebt.
Dann kam eine Phase, die, wie mir meine Eltern heute gerne beim Abendessen mit Terror in ihren Stimmen erzählen, nur als “absolut unerträglich” beschrieben werden kann. Ich war eine Jugendliche, und wie jedes nervtötende, überemotionale Geschöpf meines Alters ging ich durch alle möglichen Hochs und Tiefs. Ich hörte viel wütende und traurige Musik und wusste nicht, wieso ich wütend oder traurig sein wollte, was mich noch wütender und noch trauriger machte, weil mich ja auch keiner hören konnte, und wenn ich jetzt sterbe, wen interessiert es dann, hä? HÄ? WEN INTERESSIERT DAS? MEINE ELTERN HASSEN MICH, MEINE GESCHWISTER SIND IDIOTEN, DER EINZIGE JUNGE DER MICH VERSTEHT WILL LIEBER DIE HEISSE BLONDINE, MEINE SCHENKEL SIND SO FETT, MEIN GESICHT IST SO BEHAART, ICH HASSE MICH, ICH HASSE EUCH, ICH WILL EIN HANDY HABEN, ALLE MEINE FREUNDE DÜRFEN BIS UM 10 WEG SEIN, ABER WIESO HASST IHR MICH SO SEHR? Aaaaah, wie gerne ich mich an die spontanen und überhaupt nicht peinlichen Tränenausbrüche vor versammelter Mannschaft erinnere. Und ich sage euch was: jeder Mensch, der die Pubertät ohne Narben übersteht und der mir ehrlich und offen in die Augen gucken und bestätigen kann, dass ihm das nicht peinlich war, kriegt erst mal dick von mir auf die Fresse. Ihr wisst ja gar nicht, wie viel Leid ich auf meinen Schultern tragen musste, damals, als ich fünfzehn war und ich keine Zigaretten mehr hatte und Silverchair und Disturbed für mich die Bibel der eskalierenden Jugend zitierten. Oh happy days.
An dieser Stelle überspringe ich die dringenste und bisher auch unweigerlich angenehmste Phase meines Lebens, wir kommen gleich darauf zurück; sie schließ ab mit einem dicken Knall in meinem Elternhaus und resultierte darin dass ich auszog um eine bessere Existenz in der Großstadt zu suchen. Ich fand’ sie tatsächlich auch und bis heute bin ich glücklich mit der Entscheidung, in Berlin zu leben (zumindest theoretisch, da ich gerade nicht in Berlin lebe). Ich hoffe, dieses Berlin, dieser dicke, wunderschöne Stempel auf meinem Briefumschlag des Lebens, dass es niemals aufhört. Wenn man es unter die Lupe nimmt, entdeckt man bestimmt auch weitere, einzelne kleine Phasen darin. Studium, Arbeit und die Konfettiregenzeit fallen mir auf Anhieb ein, und nicht zu vergessen meine hoffentlich noch nicht beendete Reise, aber ich komme vom eigentlichen Thema weg, nämlich Phase 3, Videothek. Damals, nur wenige Jahre her; ich war nicht erwachsen, ich war nicht in der nach Achselschweiß und brennendem Kot riechenden Hölle der Pubertät, ich war einfach ich und hatte dabei alle Freiheiten die man sich vorstellen könnte.
Wenn man 18 wird verändert sich die Welt. Ich machte meinen Führerschein. Das war die erste bürokratische Hürde außerhalb der Schule, ein Test, für den ich freiwillig lernte. Ich setzte mich nach bestandener Prüfung in mein Auto – heruntergegeben aus 4. Hand, jeder Charme, den ein roter Opel Astra noch besitzen könnte, von meinem großen Bruder heraurausgefurzt und alles an Technik zermüllt. Außer die Anlage. Die hat gepumpt. Bass vom Feinsten. Ich setzte mich rein, endlich ans Steuer, ganz alleine, ich fuhr los — ich hielt meine Hand aus dem Fenster um die kalte Herbstluft zu spüren, ich spielte Oceansize und sang laut mit, ich schloss die Augen um den Moment der Freiheit zu fühlen. Dann machte ich das Auto an und würgte erst mal dick ab.
Bis heute verfolgt mich dieser perfekt geplante Moment noch, bis ins Mark bin ich jedes Mal erschüttert. Es fasst mein Leben ziemlich perfekt zusammen: das Hollywood-Drehbuch wurde von einem autistischen Kind mit dickem Edding verschmiert bevor es noch die Gelegenheit bekam gelesen zu werden. Die Vorstellung vom optimalen Moment, einer, den man seinen Enkeln vom Sterbebett herunterleiern kann, den gibt es in meinem Leben nicht. Immer kommt etwas dazwischen. Wie beim ersten Mal Sex: top Stimmung, liebender Freund, unglaubliche Atmosphäre bis auf einmal jemand ein gebratenes Hühnchen auf deinen Kopf schmeisst und lachend abhaut. Nicht, dass mir das passiert wäre.
Es ist wie mit Songs, die einen nach Jahren noch verfolgen; sie erinnern dich an den Augenblick mit einer großen Liebe, oder an den Geruch deiner Heimat, oder an halb-komische Situationen mit deiner besten Freundin. Diese Songs sind für immer an dein Leben gekettet und du wirst sie nie wieder los. Sie werden für immer Tränen oder Lachen auslösen, für immer ein seltsames, bedrückendes Gefühl der Nostalgie in dir auslösen. Leider sind das in meinem Fall nie Songs, die ich tatsächlich auch gut finde. Bob Dylan beispielsweise, episch, zeitlos, oder Radiohead, bestimmend und zeitgenössisch. Es ist immer entweder Britney Spears oder 50 Cent oder Whitney Houston oder, und das ist im Fall meiner Videothek-Phase so eingetroffen, “London Bridge” von Fergie.
Ein Führerschein, ein Auto, Wahlrecht, ich war in der 12. Klasse und konnte mir meine eigenen Entschuldigungen schreiben (“Entschuldigungen” hätten in meinem Fall aber auch “Freifahrtsschein” genannt werden können. Spätestens nachdem ich gelernt hatte die ärztlichen Atteste unseres Dorfdoktors zu fälschen wurde ich eine kleine Berühmtheit und möchte bis heute behaupten dass sich Innovation von Notwendigkeit ernährt), ich hatte eine beste Freundin und wir verschworen uns gegen die Welt. Meine Ausdauer war scheinbar auf die Probe gestellt worden, denn Buddha belohnte mich dafür, dass ich mich nicht in der schieren Unerträglichkeit meiner pubertären Hormone selbst abgemurkst hatte: zu all dem Glück kam noch ein Job in der Videothek dazu. Der meistgewollte und seltenste und beliebteste Job überhaupt, auf der ganzen Welt. Es war, ungelogen, perfekt.
Zwei kritische Schuljahre lang verbrachte ich damit, Schule zu schwänzen, Filme (kostenlos) auszuleihen, bei McDonalds rumzuhängen, Musik zu hören und zu kiffen. Ich kiffte zu Hause, ich kiffte in den Mittagspausen, ich kiffte bei der Arbeit, ich kiffte nach der Arbeit, ich ging zur Arbeit, um zu kiffen, ich kiffte teilweise während des Unterrichts (“Muss mal kurz auf die Pipibox!”), ich kiffte so viel, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Als Pizza-Lieferbote sponsorte mein Bruder immer das Futter, ich die Filme, unser bester Freund tickte Gras und meine beste Freundin hat einfach nur abgeschnorrt und sonst nicht viel dazu beigetragen. Es sei ihr gegönnt gewesen, denn wir waren unsterblich in unserer Lethargie.
In der Video kannte mich jeder bei Vornamen, und wenn mich die verschissenen Kartoffelkinder siezten, gab’s erstmal eine geklatscht. Ich kannte jeden. Jeder nickte mir verschüchtert zu, denn jeder wusste: wer es sich mit mir verscherzt kann den Feierabend vergessen. Man durfte in unserer Video rauchen, und das nicht nur in der Pornoabteilung (in unserem Kaff durfte man auch bis vor sehr kurzem noch in den Kinos rauchen.. bei uns kommen sowohl Filme als auch Gesetze erst ein paar Jahre später an). Uns wurde Essen gebracht (die Stammkunden der Pornoabteilung dankten uns auf diese Art und Weise für unsere Diskretion), wir stahlen Getränke aus dem Automaten und gaben Diebstahl an. Wir tickten Gras über die Theke. Wir tauschten Filme gegen Pornos (heute, wo das Internet regiert, gibt es keine seltsamen Typen mehr die alte Pornoheftchen in Baumhäuser hinterlassen um Kindern eine Freude zu machen. Das war nunmal meine Variante des Sexualkundeunterrichts). Leute, die wir nicht leiden konnten, mussten immer aufgrund irgendwelcher “Schäden” doppelt bezahlen und mit dem Geld, was wir uns aus der Kasse erwirtschafteten, gab’s dann ein paar Dosen Red Bull. Für die Anstrengung.
Aber das alles erläutert nur, warum ich heute so ein kaputter Mensch bin, notorisch lüge und frei von jeglicher Moral lebe. Wieso ich mich gerade daran erinnere liegt eher an meiner derzeitigen Lage. In meinem Kopf gehen zwölftausend Sachen steil. Ich muss Bewerbungsfotos machen, ich muss zum Arbeitsamt, ich muss Formulare ausfüllen, ich muss studieren gehen, was studiere ich, wo studiere ich, suche ich mir eine Wohnung, wo will ich wohnen, wer fährt am Wochenende, wann kommt meine Post von der Bank, wie viel Geld habe ich noch, wann kann ich wieder weiterreisen, kann der Vater nicht einmal die Fresse halten, wer hat mein Notizbuch gesehen, wieso ist mein Desktop schon wieder so unaufgeräumt, meine iTunes Bibliothek ist schon wieder abgekackt, mein Internet geht nicht, meine Koffer sind noch nicht gepackt, wann habe ich das letzte Mal meine Zähne geputzt, habe ich noch Zeit zum Haare glätten, mache ich mir einen Handyvertrag oder spare ich das Geld, sollte ich mir endlich ein Auto kaufen, sollte ich die nächsten zwei Monate arbeiten, scheisse, der Herd ist noch an, ich muss noch Urlaubsfotos sortieren, oh Gott es kommt ein neues Album von Radiohead raus!, ich hasse das derzeitige WP-Theme, dieser Typ stresst mich, gehen wir eigentlich Samstag in den Club?, ich muss neue Klamotten kaufen, schon wieder ein Brief vom Arbeitsamt, meine Krankenversicherung wurde nicht bezahlt, kriege ich überhaupt noch Kindergeld, wann laufen Bewerbungsfristen ab, meine Steuererklärung ist noch nicht gemacht, mein Mietvertrag ist noch nicht gekündigt, ich muss zum Zahnarzt, ich habe keine Kippen mehr, JA MAMA ICH HAB DICH GEHÖRT ICH KOMM JA GLEICH.
Ich liebe die Tatsache, dass jede Entscheidung in meiner eigenen Hand liegt. Ich lenke den Weg in Richtung Tod und wer mir dazwischen kommen will muss entweder verdammt gut aussehen oder bereit sein zur Schlacht. Aber wenn ich so zurückblicke war mein Leben in der Videothek auch nicht so schlecht. Ich hatte ein absehbares Ziel, nämlich die Schule zu beenden, aber das dauerte nunmal zwei Jahre. Und in diesen zwei Jahren musste ich über nichts anderes nachdenken. Ich hatte die quälende Pein des jugendlichen Alters irgendwie halb-überschritten und saß sie nur noch nachts in post-traumatischen Symptomen ab; aber ich war auch noch nicht so weit, mir über die Realität schon Sorgen zu machen. Es war ein perfekter Zen Status, Ausgeglichenheit, Balance. Und heute muss ich mir überlegen, ob ich noch irgendetwas zu tun habe, bevor ich mir den Joint anstecke, weil ich sonst nur noch ein herumsabberndes Wrack Vergesslichkeit bin, und Vergesslichkeit kann ich mir in diesen harten, von der wirtschaft gefickten Zeiten, nunmal nicht leisten.
Und dank all der synästhetischen Phänomene, die das Leben mit sich bringt, darf ich mir bei diesen Erinnerungen London Bridge von Fergie in den Sinn rufen und lehne mich zufrieden zurück und frage mich, wo die Zeit eigentlich so schnell hinrennt. Bei dem Tempo kriege ich am Ende sogar noch Hoverboards mit und das, meine Kinder, wäre doch einfach viel zu schwer zu glauben.
Gott hat den größten Spaß daran, in den leeren Momenten meines Lebens unter meine Haut zu kriechen und sich dort zu manifestieren, so lange, bis ich Fight Club spiele und mir selbst in den Kopf schieße – bildlich, natürlich, aber mindestens genauso schmerzhaft. Und mit den leeren Momenten meine ich diejenigen Augenblicke, in denen ich von allem weit weg bin, was funkelt und glitzert und für eine wohltuende Ablenkung sorgt, kurzgefasst, alles, was mein Leben bisher beinhaltete. Es gibt Dinge, vor denen kann man nicht flüchten, von Gott wohl am allerwenigsten.
Ich schiebe die Schuld dafür natürlich vollständig auf meine Erziehung, ein wirrer Mischmasch aus mittelalterlichem Religionsunfug, rebelliösem Hormondrang, kulturell integrierter aber an alten Bräuchen und Traditionen festhaltender Eltern und, naja, Deutschland. Nicht, dass irgendetwas davon mir den freien Willen nehmen könnte, aber soetwas wie eine “Entscheidung treffen” wird in übelkeiterregende Dimensionen katapultiert. Deshalb rede ich darüber nicht gerne. Nicht über Gott, nicht über meine Erziehung, nicht über das, was meine Eltern mir bedeuten oder wieso es so schwierig ist, darauf klarzukommen. Mein Kopf hält nach 22 Jahren der absoluten Überzeugung, dass ich mein Leben lang vier oder fünf Leben leben muss, nicht mehr die Fresse, und es wird schwerer, ihn zum Schweigen zu bringen. Valium kann nicht die Antwort sein, und bevor ich mich in die Zwangsjacke stecken lassen, möchte ich wenigstens noch das Drama erleben, das mich an den endgültigen Punkt bringt. Wenn schon kein wunderbares, unerwartetes High, dann doch immerhin ein letzter, alles vernichtender Kick. Eine Überdosis Narzissmus, vielleicht?
Aber es bleibt nicht bei den unklaren und wirren, selbst-destruktiven Gedanken, nein, ich möchte mich und alles erklären, auf den Tisch legen, was zu mir gehört und was nicht und wieso und warum. Ich formuliere es so: ich weiß nicht, wo Gott ist, und ich habe ihn nie gefunden. Mein Gott war mein Glück, soetwas wie Seelenheil. Schon immer frei nach dem Motto “tu alles, damit du in deinem Leben glücklich und zufrieden bist”, weil Allah und die Religion dir das (offensichtlich!) ja in der Vergangenheit nicht bringen konnten. Zumindest ist das mein Reasoning im Nachhinein, eigentlich hatte es mehr etwas damit zu tun, dass ich den Regeln der Religionen während meiner lustig-besorgniserregenden Teenagerphasen nicht folgen wollte. Weil es keinen großen Spaß macht. Verständlich für euch, sicher. Unverzeihlich für meine mich liebenden und mir vertrauenden Eltern nennen.
Kommt mit mir mit auf eine Reise in die Depression, in ein Leben, in dem man sich als Kind schon entscheiden muss, ob man seine Eltern genug liebt, um zu lügen, oder ob man sein Glück auch ohne sie finden kann und so schnell wie möglich aus diesem Horrorfilm herausrennt. Stellt euch vor, ihr schlagt beide Wege ein, zuerst mal hier, dann mal da, und ihr glaubt, ihr kommt an ein Ziel, irgendwas, eine Antwort, endlich befreit. Und schlagartig stellt ihr fest, dass ihr dem Teufel (oder Gott, nennt es wie ihr wollt) mitten in die Arme gerannt seid. Traurig, aber wahr.
Allah, oder Gott, oder Satan, der Teufel, Luzifer, kriecht mir unter die Haut und lässt mich nicht los. Ich fühle mich leer, weil niemand da ist, um mir zu sagen, dass ich nicht leer bin, dass das Leben aus mehr besteht als aus Mutter und Vater und Familie glücklich zu machen, dass man sich selbst erstmal glücklich machen sollte. Aber was, wenn mein Glück, also Happyness, ich finde das Wort adequater, vom Glück anderer abhängig ist? Kann ich glücklich sein, wenn andere glücklich sind, ohne glücklich zu sein? Kann ich glücklich sein, wenn ich andere dafür unglücklich machen muss? Kann ich den letzten bisschen Rest an Verstand und Logik in meinem Kopf dafür auf’s Spiel setzen, ein ehrliches Leben zu führen?
Mein Kopf ist voll von den Gedanken an Konsequenzen; wenn Dinge ans Licht kommen, wenn keine Vergebung, sondern nur noch Enttäuschung und Hass auf mich geworfen werden. Ich wache nachts schweißgebadet auf von Albträumen, an die ich mich nicht erinnere, und habe Angst, dass meine Mutter gestorben ist bevor ich sie um Vergebung beten konnte, bevor SIE Gott um Vergebung beten kann, dafür, dass sie alles anscheinend falsch gemacht hat. So sind Eltern. So sind Kinder. So läuft alles. Bin ich die erste, die das durchmacht? Bestimmt nicht. Bin ich die letzte? Ich kann es nur hoffen.
Dieses Spiel mit dem Gefühl, an rationalem Wahnsinn unterzugehen, irgendwo weit weg von zu Hause, da, wo alles viel klarer und deutlicher wird, es befreit und es sperrt ein. Allah kriecht nachts in mein Bett und fragt mich, ob ich überhaupt an irgendetwas glaube – an Liebe, an Beziehungen, an Religion, an Bildung, an das Leben, an das Glück, an Freundschaft, und alles, was ich tun kann, ist mich vor Angst zu übergeben, weil ich nicht weiß, ob das ein Figment meiner Einbildung ist, eine Mischung aus Drogen und Emotionen und Heimatlosigkeit, oder ob es da etwas gibt, an das ich bisher nicht geglaubt habe, und das jetzt kommt, um mich zu holen, um mich einzusperren, in die Hölle der Schlaflosigkeit, in die Hölle der Menschen die scheinbar keine Seele besitzen.
Allah kriecht mir nachts ins Hirn und fragt mich, ob ich lieber meine Familie behalten möchte, und die Liebe und Zuneigung meiner wunderbaren Eltern, die nichts falsch gemacht haben (was mich betrifft), oder ob ich lieber ein Leben führen möchte, in dem ich diesen Zustand niemals verlasse. Und es ist so einfach, zu antworten, denn die Frage hat er mir schon mal gestellt. Ich habe mit Taten geantwortet und alles dafür getan, nicht an ihn zu glauben, genauso wie ich mich jetzt dagegen wehre, aber es ist so schwer. Türen beschritten haben und um Verzeihung bitten, nicht mal wissen für was, nur wissen, für wen.
Am Ende wird die Lüge nicht siegen. Am Ende kann ich nicht belügen, woher ich komme. Am Ende werde ich alleine sterben und mich vielleicht, vielleicht aber auch nicht, rechtfertigen müssen. Am Ende steht nicht die Frage “woran glaubst du”, sondern “wer hat an dich geglaubt?”. Am Ende werde ich mir immer noch dieselben Gedanken machen, in meinem letzten leeren Moment, wo nichts mehr scheint und glitzert und mich von großen Fragen und Sinnesbekenntnissen ablenken kann. Am Ende bin ich sowieso gebrandmarkt, egal, was ich mache, geprägt von 22 Jahren voller Fantasie und Illusion und Bullshit, nicht mehr, und nicht weniger. Am Ende kann ich nichts mehr tun außer zu hoffen, dass nicht Allah, sondern Mama an meinem Grab steht. Aber wer will das schon.
Hip Hop beschäftigt mich gerade von Geschichte über Sounds über Raps über Lines über Battles über Beefs über East zu West Coast zu Graffiti zu Attitüde zu Kriminalität zu Skateboarding zu Beatboxing zu Scratching zu allem, was in meinem Leben so irgendwie Einfluss hatte. Man, jeder Film, jeder Soundtrack, jeder Spruch: potenziell der Hip Hop Kultur entsprungen, aber was weiß ich schon darüber, ich bin eh viel zu jung. Für mich ist das – wie beim Graffiti schon – immer ein Ding der Selbstverständlichkeit gewesen. Wie laut wir die Boxen aufgedreht haben, damals, und es war völlig okay, das war Popmusik, man.
Lange habe ich überlegt, wie mein ultimatives Rap/Hip Hop Mixtape aussehen würde: chronologisch? Nach Phasen geordnet? Best Of Everything? Die Geschichte des Hip Hops begleitend? Nur Gangster, nur East, nur West, ich habe noch nie so lange für ein Mixtape gebraucht und ich habe auch noch nie ein Mixtape gebastelt das so umfangreich war wie dieses. Aber scheiss drauf: mein Mixtape würde aus den Tracks bestehen, die mich in meinem Leben begleitet haben, völlig egal ob die Songs selbst irgendeinen kulturellen Wert oder Durchbruch für Hip Hop bedeutet haben, ob sie bekannt, alt oder neu sind (wobei es sich durchaus eher um die Classics handelt und nicht um das was den letzten 5 Jahren entsprungen ist, Outkast vielleicht als Ausnahme).
Die letzten paar Jahre habe ich sowieso gut ausgesetzt; nie vollständig, aber immer distanziert genug. Dem Techno verschrieben habe ich mich, davor der Rockmusik, aber es kommt immer wieder hoch, diese Vergangenheit, vielleicht speziell jetzt weil Hip Hop wieder einen kleinen Turn Richtung Flow und Style und Conscious Rap gemacht hat anstelle dieses ganzen Gangster Bling Bling Quatsches.
Mein erster Walkman, gut durchgenommen, tausend Kopfhörer, im Wohnzimmer mit den Brüdern abspasten, oh man, 93 til infinity war schon längst tot als wir es entdeckt haben, und auf VH1 druff, und irgendwann Dosenbier und Aggro Berlin auf dem Skatepark– this is how we chill…
Mixtape: 93 til infinity
Souls of Mischief – 93′ til infinity Mobb Deep – Survival Of The Fittest Raekwon – Ice Cream (ft. Ghostface Killah & Method Man) Eric B & Rakim – Eric B. Is President Nas – NY State Of Mind (Pt. 2) The Pharcyde – Runnin’ The Roots – You Got Me (Erykah Badu) Mary J Blige – You’re All I Need (ft. Method Man) Luniz – I Got 5 On It Wu-Tang Clan – Wu-Tang Clan Ain’t Nothing Ta Fuck Wit Mos Def – Travelin’ Man Bizzy Bone – On The Freeway Blackstreet – No Diggity ft Dr. Dre N.W.A. – Express Yourself Run DMC – It’s Like That Afrika Bambata – Planet Rock Skee Low – I Wish I Was A Baller Outkast – ATLiens Warren G – Regulate ft. Nate Dogg LL Cool J – Doin It Ice Cube – It Was A Good Day The Roots – What They Do Lil 1/2 Dead – Had To Be A Hustla Dr. Dre – Nothing But A G Thang (ft. Snoop Dogg)
If I wasn’t ah, eight figure nigga by the name of Jigga
would you come around me or would you clown me?
If I couldn’t flow futuristic would ya
put your two lips on my wood and kiss it – could ya
see yourself with a nigga workin harder than 9 to 5
then 10 to 6, two jobs to survive, or
do you need a BALLA? So you can shop and tear the MALL UP?
Puff Daddy – Can’t Nobody Hold Me Down (ft. Ma$e) 2 Pac – California Love Jay Z – Big Pimpin’ ft. UGK B Real, Busta Rhymes, Coolio, LL Cool J, Method Man – Hit Em High Pharoahe Monch – Simon Says Wutang Clan – Gravel Pit Dead Prez – Hip Hop A Tribe Called Quest – Hot Sex On A Platter The Roots – The Seed Dr. Dre – Still Dre (ft. Snoop Dogg) Jay-Z – 99 Problems Outkast – BOB Chamillionaire – Hip Hop Police 2Pac – Hit Em Up LL Cool J – Momma Said Knock You Out Wu Tang Clan – Protect Ya Neck Nas – Made You Look Jay Z – Can I Get A … KRS-One – Sound Of Da Police A Tribe Called Quest – Scenario 8ball & Mig – Thank God LL Cool J – The Ripper Strikes Back
You soft as a newborn baby takin a nap
Make my dick hard with that bitch ass track
Where you at? Smokin in some one room flat
Suckin on Clef’s dick hopin to come back
Never that, nigga my size is unlimited
Yours is prohibited, of course that’s contributed
To not knowin ya limits and who you need to test
When you step into the house of the Lord and get blessed
Mobb Deep – Shook Ones pt 2 The Notorious BIG – Biggie (ft Junior MAFIA) Brandy – Top Of The World (ft. Ma$e) Outkast – Ms Jackson Dr. Dre – The Next Episode Jay-Z – Hard Knock Life Lauren Hill – Everything Is Everything Field Mob – Cut Loose Missy Elliot – Sock It 2 Me Outkast – Rosa Parks Bone ThugsNHarmony – Thuggish Ruggish Bone Mobb Deep – Hey Luv (ft. 112) LL Cool J – Hey Lover Nas – One Mic Missy Elliot – The Rain (Supa Dupa Fly) The Notorious BIG – Mo Money Mo Problems Jay-Z – Money Ain’t A Thang (ft. Jermaine Dupri) Nappy Roots – Hustla LL Cool J – Phenomenon Puff Daddy – Been Around The World (ft. Notorious BIG & Ma$e)
Ich musste mich auch echt zurückhalten, einfach nur die Jay Z Diskografie zu posten. Playlist bei Grooveshark.
“Wir sind nur einmal jung” rechtfertigt alles- jeden Fehler, jede unmoralische Handlung, jede rücksichtslose Bewegung und jede Distanzierung vom Gemeinwohl in einem einzigen Satz gefangen und abgenickt. Wir erlauben unseren Kindern diese Freiheiten, weil sie noch früh genug die Hürden und die Lasten eines verantwortungsvollen Leben auf ihren so schwachen Schultern spüren werden. Manche entscheiden sich freiwillig dafür, manche haben nie die Gelegenheit ihre Limits zu sprengen und werden in das Erwachsensein reingeboren; ich, ich bin hier mittendrin und mir dessen bewusst. Aber nicht für immer.
Ich weiß, du und ich, wir werden die nächsten drei oder vier Jahre noch toben und spielen wollen, unsere Grenzen austesten wollen und sehen wohin uns diese verrückte Welt und die augenscheinlich nie endende Jugend hinführen wird, aber ich sage dir ganz ehrlich und unvermittelt: ich bin nicht für immer jung, und ich will mir nicht für immer alle Möglichkeiten offen halten. Ich will die nächsten Jahre mit dir und euch auf Drogen verbringen und jeden Tag chaotischer leben als vorher, dazulernen, wissbegierig aufsaugen und im Dreck aller Träume wühlen. Ich will die nächsten Jahre von einem spontanen Trip zum nächsten jetten, ich will auf Parties gehen, studieren, die Welt sehen. Ich will mit dir in einem Bett liegen und darüber philosophieren warum wir nie zusammen sein können, ich will berührt werden und verletzt werden und ich will alle Erfahrungen in eine kleine Schatzkiste packen und daraus ein Paket für meine Zukunft schnüren: voller Wortschatz, Selbstsicherheit, Erfahrung, Freundschaft, Schmerz, Meinungen und Urteil. Denn ja, eines Tages will ich wissen, was mich glücklich macht. Was mich nicht glücklich macht. Wogegen ich mich kategorisch entschieden habe, bewusst, welche Politik ich gut finde und welche Beziehungen ich nicht mehr eingehen möchte. Ich will mich festlegen. Ich will Menschen nicht gut finden, sie verurteilen können, weil sie nicht nach meinen Prinzipien leben; nicht um sie zu bessern oder um die Welt zu verändern, sondern um in meinem eigenen kleinen Mikrokosmos ein Stück Fassung zu bekommen, für mich, für dich, für meine ungeborenen Kinder und für das, was unsere Welt so viel schöner macht: die Ruhe und die Gelassenheit der Sicherheit und Liebe. Prinzipien und Grundsätze nach meinen Maßstäben finden, endlich ein fertiges Bild malen. Es muss nicht jedem gefallen, die Farben müssen nicht passen, aber ich muss endlich mit diesem Kunstwerk zufrieden sein und sagen können: das ist das, was ich in den letzten fünf Jahren mitgenommen habe, und das ist die Komposition und das sind die Farben, die mich heute zeichnen.
So weit bin ich noch nicht, natürlich nicht. Wir beide wollen das jetzt nicht für uns. Festlegen und Pläne schmieden, dafür ist unser Drang nach “mehr” noch viel zu stark. Wir können uns noch nicht für einen Weg entscheiden, weil uns so viele Wege theoretisch gefallen. Und ach. Dafür ist dieser Luxus unserer Generation ja da, um zu testen, und dafür können wir uns glücklich schätzen. Wir spielen mit uns, mit unseren Gefühlen, und wir akzeptieren jede Richtung und jede Begegnung weil es sich so schön von unserer Bucket List abhaken lässt. Aber ich kenne mich jetzt gut genug. Ich weiß, dass meine Haltestelle irgendwann kommen wird, und ich werde von diesem Highspeed-Zug springen und mich für ein Leben außerhalb der schnellen Bewegung entscheiden. Nicht um stehen zu bleiben, sondern um ein Tempo zu finden, das ich für immer halten kann.
Ich hoffe du schaffst das auch.
Für B, ohne den ich den roten Faden schon längst verloren hätte. Fotos by Tamara Lichtenstein (via)