Jugendwort 2013

Ich bin so weit: alt nämlich. Das Jugendwort des Jahres ist völlig an mir vorbeigegangen, und ich meine nicht die Abstimmung darum, sondern – haltet euch fest – die Erzeugung des Jugendworte, also mich hat letztendlich niemand mehr gefragt, ob ich Teil der Begründung neuer Wortschöpfungen sein möchte, die den Erwachsenen erst ein bis zwei Jahre später als witzig zugetragen werden. Diesmal nicht dabei: ich.

Mit völligem Entsetzen über diese Feststellung hier also meine Favoriten aus der Nominiertenliste.

Movinger – Spaziergang (kannte ich nicht, wird mein neuer Lieblingsbegriff)

YOLBE – You Only Live Bis Elternsprechtag (Wahnsinnsgerät)

Desozialisiert – Zustand während des Büffels im Abitur (oder auch: Alltag eines jeden Erwachsenen)

(Ich bin so entsetzt, weil das tatsächlich Wörter sind, die ich aktuell benutze. Von Aaaaawwkwwaaaard bis hormongeflashed: alles in meinem Vokabular enthalten. Früher war das so, dass ich verächtlich geschnaubt habe und die Lächerlichkeit der veralteten Liste in Grund und Boden gehatet hab. Oh Gott. Jetzt bin ich eine von denen.)

August 1st, 2013 Posted in (Pop)Kultur, Gangster | 3 Comments »

Pause Da 90s

Liebe 90er. Ich vermisse euch. Ich vermisse den Samstagmorgen, an dem ich mich schon ganz früh aus dem kuscheligen Bett schäle um früher im Wohnzimmer zu sein als meine Brüder, um die ultimative Macht – die Fernbedienung – für mich zu haben. Ich vermisse es, dass meine Mutter schon freitags die Cornflakes und die Milch so hinstellt, dass ich auch ran komme. Ich vermisse die Pyjamas, in denen ich mich auf den Teppich gesetzt habe, mit perfekt eingeweichten aber noch knusprigen, bunten Cornflakes, den Fernseher einschaltete und mich stundenlang von den schönsten Fantasiewelten Nickelodeons berieseln ließ.

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October 29th, 2012 Posted in (Pop)Kultur | 5 Comments »

Die Manchmal-Freunde

Manchmal will man die fest verankerten Beziehungen nicht, die das übliche Rettungsnetzwerk im Leben abbilden. Denn: sie vergegenwärtigen das Scheitern im Alltag.

Manchmal will man eben nicht über seine Magersucht reden müssen und trotzdem eine enge Verbindung eingehen- inklusive Lachen, sich freuen, und viel Leichtigkeit. Manchmal will man kein emotionaler Tampon für die typischen Männerprobleme der Freundinnen sein und sucht sich ein Ventil in erlogenen, aber unterhaltsamen Geschichten. Manchmal will man sich über andere lustig machen, richtig viel Scheisse reden und sich schlecht anziehen dürfen, ohne von den besten Freunden für dieses “sich gehen lassen” und die Geschmacklosigkeit verurteilt zu werden.

Manchmal möchte man ganz laut peinliche Musik aufdrehen und sich in Tränen des Gelächters verausgaben. Sich nicht ernst nehmen müssen. Eine andere Maske aufziehen. Eine neue Rolle einnehmen. Eine erfundene Person mit ganz anderen Problemen oder Eigenschaften vorschieben, die das innere Wesen, das mit dem Frust und der Wut und den Krisen, einfach so unterdrückt. Manchmal will man so tun, als wäre man sicher und fest und genauso wie die anderen. Manchmal reicht es dafür eine temporäre Oberfläche zu konstruieren. Es ist nicht nur eine Schutzwand, es ist eine Schutzwand mit einer Tür zu einer einfacheren Welt. Wo es nicht immer nur um die Monster geht.

Manchmal will man deshalb nicht mit seinen Freunden essen gehen, die ernsthaft und besorgt fragen, wie es einem geht. Manchmal möchte man sich mit Fremden treffen, mit denen man auf der Oberfläche Trampolin springt und nach den Sternen greift. Für die Dauer eines Getränks, oder einer durchzechten Nacht, wo keiner sich ernsthaft für das echte Leben interessiert.

Manchmal wird die Spannung an der Oberfläche auch durchbrochen. Das wünschen wir uns, wenn es echte Freundschaften werden. Manchmal bleiben sie aber für immer das, was sie sind: kleine Fäden, die uns aus der Routine ziehen. Große Projektionsflächen für unser Alter Ego. Für den Menschen in uns, der nicht nur ein komplexes, vom Schicksal drangsaliertes Wesen mit allen möglichen Wehwehchen ist. Für das Kind. Für die Sorgenlosigkeit. Für Freundschaften, die immer gut gelaunt sind. Manchmal, hoffentlich.

November 21st, 2011 Posted in Crystal Meth | 5 Comments »

Generation Facebook

Ich teile mit vielen Menschen einen gewissen Lebensstil und bin traurig darüber dass man ihn aus objektiver Sicht so gerne als einen einsamen, schnelllebigen, wertlosen und von Konsum gefüllten betiteln möchte. Als ob man mir von Anfang an absprechen möchte, dass ich unter diesen Umständen jemals so etwas wie Zufriedenheit oder Glück empfinden könne. Als ob die Kultur, die ich heute genieße, alleine weil sie moderner ist als diejenige, die vor 20 Jahren existierte, meinem persönlichen Zerfall gleicht.

Vor einer Ewigkeit nannte man solche Leute mal: verkrachte Existenzen. So schwarzweiß ist es heute nicht mehr. Dieselben Leute haben immerhin die Welt in die Tasche gesteckt. Die sie überall mit sich herumtragen, zumal sie jedes Jahr noch kleiner, flacher, leichter und marcjacobsiger wird. Sie sind nicht verkracht, sie sind: die Facebook-Generation. Wer sollte sie dafür verurteilen? Während man früher gesellschaftlich sanktioniert, isoliert und zum Verlierer abgestempelt wurde, wenn man mit 30 oder 40 stundenlang auf der Couch lag und sich mit Nonsens befasste, gibt es heute ein anderes kollektives Bewusstsein. Ein Wir.

Heutzutage krepieren wir alle an Burnout, es gibt mehr Kriege als je zuvor, wir sozialisieren nur noch über virtuelle Kommunikationsmittel, wir glauben nicht mehr an Gott, wir wissen nicht mehr die Romantik der Langweile zu schätzen und wissen nichts mit uns anzufangen. Während wir sinnlos “Brause trinken” und “Bon Iver hören”, geht unser Leben an uns vorbei, und wir erinnern uns ins 70 Jahren an nichts mehr von Bedeutung. Wenn wir etwas googlen möchten, landen wir im vierstündigen Delirium zwischen Klicks und Zeitvertreib.

Dabei verstehe ich diese andere, angeblich bessere und ältere Welt nicht so wie ihr. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, wo die Dinge schnell sind. Und ich gehöre hier rein. Ich will nicht vor meiner Zeit leben und den Dingen entsagen, die mich gleichzeitig auch formen. Der vom Internet erschaffene Lebensraum ist meiner. Den könnt ihr mir nicht einfach wegnehmen, nur weil ihr überfordert zu sein scheint, oder diese Entwicklung nicht versteht, oder so gerne in die Nostalgie eurer eigenen, angeblich besseren “damaligen” Lebensweise verfallt. Ich kenne die Probleme unserer Gesellschaft und versuche ihnen auszuweichen, so gut es geht, aber ich betitel mich nicht als Opfer der Informationsfluten, sondern als ihr Meister. Ich verbringe sehr, sehr viel Zeit im Netz, schon seit meinem 11. Lebensjahr, und trotzdem finde ich noch genug Platz mich zu entfalten. Ich bin sehr glücklich, habe ein schönes Leben, bin ein zurechnungsfähiger Mensch. Ich schicke lieber eine E-Mail, als zur Post zu gehen, und ich kommuniziere lieber über Facebook, als zu telefonieren. Das heisst nicht, das ich beides nicht könnte, und das heisst auch nicht, dass ich nicht befähigt bin, ohne meine “künstliche” Umgebung zu leben; aber wer mir meine Kultur, meine Zeit und meine Entwicklung wegnehmen möchte, riskiert dass ich an dieser anderen Unnatürlichkeit verzweifle.

Dieses Wir hat es sich ziemlich dauerhaft und komfortabel eingerichtet im Wartezimmer zum Erwachsenwerden. Man geht mal eben ins Internet, um die nächste Apotheke zu googeln, und kann hinterher nicht genau erklären, warum das letztlich dann doch drei, vier Stunden in Anspruch genommen hat. Man muss es übrigens auch niemandem erklären, keiner fragt danach. Dank Facebook weiß man dafür nun endlich wieder, was die alten Schulfreunde gerade so machen; nämlich in etwa dasselbe, nur eben in Amerika. “Und ich dachte immer, ich würde klüger werden. Und dass wir irgendwann reich wären . . . ” sagt Jason in “The Future”.

Ihr habt mir diesen Zoo gebaut, mich gefüttert und erzogen, mich beschützt und mir das Leben leicht gemacht, und jetzt erwartet ihr, dass ich richtig viel Bock habe in die Wildnis zurück zu gehen und mich einfach vor meine Feinde zu werfen? Wisst ihr was: die Schnelllebigkeit, über die ihr euch beklagt, ist ein Teil meines Weltbildes. Die Sinnsuche, die es jetzt nicht mehr gibt, hat euch selbst in den Wahnsinn getrieben. Es bleibt keine Zeit zur Reflektion, sagt ihr, und wir werden unter Druck gesetzt, sagt ihr, aber hier bin ich, und ich reflektiere, und ich bin zurechnungsfähig, und ich liebe das alles, weil ich es nicht anders kenne. Das heisst nicht, dass meine Liebe zum Leben weniger wert ist als eure. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich euch eines Tages besser verstehen werde, als ihr mich jemals verstehen könntet. Nur entwertet mich nicht aufgrund der Zeit, in der ich geboren wurde: ich glaube nämlich, dass ich ziemlich schnell erwachsen werde in dieser Welt und mir dessen auch bewusst bin. Hört auf, mich in das kollektive Bewusstsein der versagenden, inhaltsleeren Hipstergeneration zu pressen, die sich mit Sinnlosigkeit zumüllt, bis es Sinn findet. Wir sind genauso erfolgreich oder unerfolgreich wie die Generationen vor uns, ihr seht uns nur besser, weil Facebook euch lässt.

Das ist eine Antwort auf den Artikel “Generation Facebook – Im Wartezimmer zum Erwachsen werden”, von Rebecca Casati, veröffentlicht am 6.11.2011 in der Süddeutschen Zeitung

November 14th, 2011 Posted in Gangster | 10 Comments »

Versace Baroque

versage 90s baroque (1)

Versace & H&M haben erst eben ihr Lookbook veröffentlicht. Die Zusammenarbeit ist schon länger angekündigt, ich habe das am Rande mitbekommen. Obwohl ich kein großer Anhänger der Fashion Community bin, bleibe ich immer wieder bei den 90er Jahren von Versace hängen – der sogenannte Baroque Stil von Gianni Versace. Das sind die Klamotten, die meine Mutter immerhin von Mitte 20 bis Mitte 30 getragen hat, und es sind genau diese Prints, die mich irgendwie.. wärmen.

Es ist seltsam, und es lässt mich eine Augenbraue verziehen, aber es ist das, woran ich mich und eine gewisse Sentimentalität festnagele. Dass das alles heute wieder aktuell ist mag sein, aber das Revival mit der Klamotten-Kette gefällt mir nicht unbedingt. Es hat eben auch eine gewisse Ästhetik in der Darstellung, selbst die Models auf den Bildern sehen irgendwie anders aus, die Fotos sind anders — ich hänge in den 90ern fest, zumindest was Versace angeht. Auch okay.

October 20th, 2011 Posted in (Pop)Kultur, Gangster | Comments Off

The National

Das Faszinierende an einer so großartigen Band wie The National ist nicht die Konsistenz in der (überragenden!) Qualität, sondern wie sie es schaffen, eigentlich immer den gleichen, post-pubertär melancholischen Song zu schreiben, der mich in Gänsehaut einwickelt und von in Sepia gefärbten Vergangenheiten träumen lässt, die es gar nicht gab. Das ist Bewältigung von intensiven Gefühlsmomenten, die ich heute, so nach Jahren der Abstumpfung, vermisse. Nach all der Zeit, in der eintrainiert wurde, die Contenance zu behalten und sich auch mal zusammenreissen zu können, ist es schön, wenn The National Klänge einen gewissen Kontrollverlust einläuten können.

April 1st, 2011 Posted in (Pop)Kultur, Musik | 1 Comment »

Videothek

Meine bisherige Vergangenheit lässt sich in vier Phasen einteilen:

1. Unschuldige Kindheit
2. Pathetische Jugend
3. Videothek
4. Berlin

Die erste Phase besteht aus Gummibärchen, Glücksgefühlen und gefühlten achtundzwanzig Mal Urlaub im Jahr mit meinen Eltern und Brüdern. Nicht viel ist davon übrig geblieben — ich erinnere mich daran, dass ich mit meinen Brüdern mal in einem Hotelzimmer ausversehen einen Porno geguckt habe und wir unsere Köpfe verrenkten und uns überlegten was das wieder für eine komische Turnsportart sei. Ich erinnere mich daran, auf dem Weg zum Kindergarten einen Umweg zu machen um über einen eingefrorenen Teich zu laufen, wo ich eingekracht bin. Mein damals bester Freund, Christopher, ist schreiend weggerannt und hat mich meinem Schicksal überlassen. Christopher, falls du da draußen bist– möge Gott dich so arm machen dass du deine Kinder von deinem eigenen Samen ernähren musst (der Hass einer Vierjährigen kann bis tief in die Quarterlife Crisis hineinreichen und bietet fantastisches Material für den gutbezahlten Therapeuten den man spätestens nach der sechsten versauten Beziehung und dem Saufproblem aufsuchen muss). Es sind kleine, gut verpackte Momente voller Verstörung, liebevoller doch schmerzhafter Erziehung und vielen Prügeleien mit meinen Brüdern. Ich habe als Kind schon viel vor mich hingeträumt und gelesen und Geschichten von fernen Orten und fremden Menschen geliebt.

Dann kam eine Phase, die, wie mir meine Eltern heute gerne beim Abendessen mit Terror in ihren Stimmen erzählen, nur als “absolut unerträglich” beschrieben werden kann. Ich war eine Jugendliche, und wie jedes nervtötende, überemotionale Geschöpf meines Alters ging ich durch alle möglichen Hochs und Tiefs. Ich hörte viel wütende und traurige Musik und wusste nicht, wieso ich wütend oder traurig sein wollte, was mich noch wütender und noch trauriger machte, weil mich ja auch keiner hören konnte, und wenn ich jetzt sterbe, wen interessiert es dann, hä? HÄ? WEN INTERESSIERT DAS? MEINE ELTERN HASSEN MICH, MEINE GESCHWISTER SIND IDIOTEN, DER EINZIGE JUNGE DER MICH VERSTEHT WILL LIEBER DIE HEISSE BLONDINE, MEINE SCHENKEL SIND SO FETT, MEIN GESICHT IST SO BEHAART, ICH HASSE MICH, ICH HASSE EUCH, ICH WILL EIN HANDY HABEN, ALLE MEINE FREUNDE DÜRFEN BIS UM 10 WEG SEIN, ABER WIESO HASST IHR MICH SO SEHR? Aaaaah, wie gerne ich mich an die spontanen und überhaupt nicht peinlichen Tränenausbrüche vor versammelter Mannschaft erinnere. Und ich sage euch was: jeder Mensch, der die Pubertät ohne Narben übersteht und der mir ehrlich und offen in die Augen gucken und bestätigen kann, dass ihm das nicht peinlich war, kriegt erst mal dick von mir auf die Fresse. Ihr wisst ja gar nicht, wie viel Leid ich auf meinen Schultern tragen musste, damals, als ich fünfzehn war und ich keine Zigaretten mehr hatte und Silverchair und Disturbed für mich die Bibel der eskalierenden Jugend zitierten. Oh happy days.

An dieser Stelle überspringe ich die dringenste und bisher auch unweigerlich angenehmste Phase meines Lebens, wir kommen gleich darauf zurück; sie schließ ab mit einem dicken Knall in meinem Elternhaus und resultierte darin dass ich auszog um eine bessere Existenz in der Großstadt zu suchen. Ich fand’ sie tatsächlich auch und bis heute bin ich glücklich mit der Entscheidung, in Berlin zu leben (zumindest theoretisch, da ich gerade nicht in Berlin lebe). Ich hoffe, dieses Berlin, dieser dicke, wunderschöne Stempel auf meinem Briefumschlag des Lebens, dass es niemals aufhört. Wenn man es unter die Lupe nimmt, entdeckt man bestimmt auch weitere, einzelne kleine Phasen darin. Studium, Arbeit und die Konfettiregenzeit fallen mir auf Anhieb ein, und nicht zu vergessen meine hoffentlich noch nicht beendete Reise, aber ich komme vom eigentlichen Thema weg, nämlich Phase 3, Videothek. Damals, nur wenige Jahre her; ich war nicht erwachsen, ich war nicht in der nach Achselschweiß und brennendem Kot riechenden Hölle der Pubertät, ich war einfach ich und hatte dabei alle Freiheiten die man sich vorstellen könnte.

Wenn man 18 wird verändert sich die Welt. Ich machte meinen Führerschein. Das war die erste bürokratische Hürde außerhalb der Schule, ein Test, für den ich freiwillig lernte. Ich setzte mich nach bestandener Prüfung in mein Auto – heruntergegeben aus 4. Hand, jeder Charme, den ein roter Opel Astra noch besitzen könnte, von meinem großen Bruder heraurausgefurzt und alles an Technik zermüllt. Außer die Anlage. Die hat gepumpt. Bass vom Feinsten. Ich setzte mich rein, endlich ans Steuer, ganz alleine, ich fuhr los — ich hielt meine Hand aus dem Fenster um die kalte Herbstluft zu spüren, ich spielte Oceansize und sang laut mit, ich schloss die Augen um den Moment der Freiheit zu fühlen. Dann machte ich das Auto an und würgte erst mal dick ab.

Bis heute verfolgt mich dieser perfekt geplante Moment noch, bis ins Mark bin ich jedes Mal erschüttert. Es fasst mein Leben ziemlich perfekt zusammen: das Hollywood-Drehbuch wurde von einem autistischen Kind mit dickem Edding verschmiert bevor es noch die Gelegenheit bekam gelesen zu werden. Die Vorstellung vom optimalen Moment, einer, den man seinen Enkeln vom Sterbebett herunterleiern kann, den gibt es in meinem Leben nicht. Immer kommt etwas dazwischen. Wie beim ersten Mal Sex: top Stimmung, liebender Freund, unglaubliche Atmosphäre bis auf einmal jemand ein gebratenes Hühnchen auf deinen Kopf schmeisst und lachend abhaut. Nicht, dass mir das passiert wäre.

Es ist wie mit Songs, die einen nach Jahren noch verfolgen; sie erinnern dich an den Augenblick mit einer großen Liebe, oder an den Geruch deiner Heimat, oder an halb-komische Situationen mit deiner besten Freundin. Diese Songs sind für immer an dein Leben gekettet und du wirst sie nie wieder los. Sie werden für immer Tränen oder Lachen auslösen, für immer ein seltsames, bedrückendes Gefühl der Nostalgie in dir auslösen. Leider sind das in meinem Fall nie Songs, die ich tatsächlich auch gut finde. Bob Dylan beispielsweise, episch, zeitlos, oder Radiohead, bestimmend und zeitgenössisch. Es ist immer entweder Britney Spears oder 50 Cent oder Whitney Houston oder, und das ist im Fall meiner Videothek-Phase so eingetroffen, “London Bridge” von Fergie.

Ein Führerschein, ein Auto, Wahlrecht, ich war in der 12. Klasse und konnte mir meine eigenen Entschuldigungen schreiben (“Entschuldigungen” hätten in meinem Fall aber auch “Freifahrtsschein” genannt werden können. Spätestens nachdem ich gelernt hatte die ärztlichen Atteste unseres Dorfdoktors zu fälschen wurde ich eine kleine Berühmtheit und möchte bis heute behaupten dass sich Innovation von Notwendigkeit ernährt), ich hatte eine beste Freundin und wir verschworen uns gegen die Welt. Meine Ausdauer war scheinbar auf die Probe gestellt worden, denn Buddha belohnte mich dafür, dass ich mich nicht in der schieren Unerträglichkeit meiner pubertären Hormone selbst abgemurkst hatte: zu all dem Glück kam noch ein Job in der Videothek dazu. Der meistgewollte und seltenste und beliebteste Job überhaupt, auf der ganzen Welt. Es war, ungelogen, perfekt.

Zwei kritische Schuljahre lang verbrachte ich damit, Schule zu schwänzen, Filme (kostenlos) auszuleihen, bei McDonalds rumzuhängen, Musik zu hören und zu kiffen. Ich kiffte zu Hause, ich kiffte in den Mittagspausen, ich kiffte bei der Arbeit, ich kiffte nach der Arbeit, ich ging zur Arbeit, um zu kiffen, ich kiffte teilweise während des Unterrichts (“Muss mal kurz auf die Pipibox!”), ich kiffte so viel, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Als Pizza-Lieferbote sponsorte mein Bruder immer das Futter, ich die Filme, unser bester Freund tickte Gras und meine beste Freundin hat einfach nur abgeschnorrt und sonst nicht viel dazu beigetragen. Es sei ihr gegönnt gewesen, denn wir waren unsterblich in unserer Lethargie.

In der Video kannte mich jeder bei Vornamen, und wenn mich die verschissenen Kartoffelkinder siezten, gab’s erstmal eine geklatscht. Ich kannte jeden. Jeder nickte mir verschüchtert zu, denn jeder wusste: wer es sich mit mir verscherzt kann den Feierabend vergessen. Man durfte in unserer Video rauchen, und das nicht nur in der Pornoabteilung (in unserem Kaff durfte man auch bis vor sehr kurzem noch in den Kinos rauchen.. bei uns kommen sowohl Filme als auch Gesetze erst ein paar Jahre später an). Uns wurde Essen gebracht (die Stammkunden der Pornoabteilung dankten uns auf diese Art und Weise für unsere Diskretion), wir stahlen Getränke aus dem Automaten und gaben Diebstahl an. Wir tickten Gras über die Theke. Wir tauschten Filme gegen Pornos (heute, wo das Internet regiert, gibt es keine seltsamen Typen mehr die alte Pornoheftchen in Baumhäuser hinterlassen um Kindern eine Freude zu machen. Das war nunmal meine Variante des Sexualkundeunterrichts). Leute, die wir nicht leiden konnten, mussten immer aufgrund irgendwelcher “Schäden” doppelt bezahlen und mit dem Geld, was wir uns aus der Kasse erwirtschafteten, gab’s dann ein paar Dosen Red Bull. Für die Anstrengung.

Aber das alles erläutert nur, warum ich heute so ein kaputter Mensch bin, notorisch lüge und frei von jeglicher Moral lebe. Wieso ich mich gerade daran erinnere liegt eher an meiner derzeitigen Lage. In meinem Kopf gehen zwölftausend Sachen steil. Ich muss Bewerbungsfotos machen, ich muss zum Arbeitsamt, ich muss Formulare ausfüllen, ich muss studieren gehen, was studiere ich, wo studiere ich, suche ich mir eine Wohnung, wo will ich wohnen, wer fährt am Wochenende, wann kommt meine Post von der Bank, wie viel Geld habe ich noch, wann kann ich wieder weiterreisen, kann der Vater nicht einmal die Fresse halten, wer hat mein Notizbuch gesehen, wieso ist mein Desktop schon wieder so unaufgeräumt, meine iTunes Bibliothek ist schon wieder abgekackt, mein Internet geht nicht, meine Koffer sind noch nicht gepackt, wann habe ich das letzte Mal meine Zähne geputzt, habe ich noch Zeit zum Haare glätten, mache ich mir einen Handyvertrag oder spare ich das Geld, sollte ich mir endlich ein Auto kaufen, sollte ich die nächsten zwei Monate arbeiten, scheisse, der Herd ist noch an, ich muss noch Urlaubsfotos sortieren, oh Gott es kommt ein neues Album von Radiohead raus!, ich hasse das derzeitige WP-Theme, dieser Typ stresst mich, gehen wir eigentlich Samstag in den Club?, ich muss neue Klamotten kaufen, schon wieder ein Brief vom Arbeitsamt, meine Krankenversicherung wurde nicht bezahlt, kriege ich überhaupt noch Kindergeld, wann laufen Bewerbungsfristen ab, meine Steuererklärung ist noch nicht gemacht, mein Mietvertrag ist noch nicht gekündigt, ich muss zum Zahnarzt, ich habe keine Kippen mehr, JA MAMA ICH HAB DICH GEHÖRT ICH KOMM JA GLEICH.

Ich liebe die Tatsache, dass jede Entscheidung in meiner eigenen Hand liegt. Ich lenke den Weg in Richtung Tod und wer mir dazwischen kommen will muss entweder verdammt gut aussehen oder bereit sein zur Schlacht. Aber wenn ich so zurückblicke war mein Leben in der Videothek auch nicht so schlecht. Ich hatte ein absehbares Ziel, nämlich die Schule zu beenden, aber das dauerte nunmal zwei Jahre. Und in diesen zwei Jahren musste ich über nichts anderes nachdenken. Ich hatte die quälende Pein des jugendlichen Alters irgendwie halb-überschritten und saß sie nur noch nachts in post-traumatischen Symptomen ab; aber ich war auch noch nicht so weit, mir über die Realität schon Sorgen zu machen. Es war ein perfekter Zen Status, Ausgeglichenheit, Balance. Und heute muss ich mir überlegen, ob ich noch irgendetwas zu tun habe, bevor ich mir den Joint anstecke, weil ich sonst nur noch ein herumsabberndes Wrack Vergesslichkeit bin, und Vergesslichkeit kann ich mir in diesen harten, von der wirtschaft gefickten Zeiten, nunmal nicht leisten.

Und dank all der synästhetischen Phänomene, die das Leben mit sich bringt, darf ich mir bei diesen Erinnerungen London Bridge von Fergie in den Sinn rufen und lehne mich zufrieden zurück und frage mich, wo die Zeit eigentlich so schnell hinrennt. Bei dem Tempo kriege ich am Ende sogar noch Hoverboards mit und das, meine Kinder, wäre doch einfach viel zu schwer zu glauben.

February 17th, 2011 Posted in Gangster | 12 Comments »

now’s the only time i know

“Wir sind nur einmal jung” rechtfertigt alles- jeden Fehler, jede unmoralische Handlung, jede rücksichtslose Bewegung und jede Distanzierung vom Gemeinwohl in einem einzigen Satz gefangen und abgenickt. Wir erlauben unseren Kindern diese Freiheiten, weil sie noch früh genug die Hürden und die Lasten eines verantwortungsvollen Leben auf ihren so schwachen Schultern spüren werden. Manche entscheiden sich freiwillig dafür, manche haben nie die Gelegenheit ihre Limits zu sprengen und werden in das Erwachsensein rein geboren; ich, ich bin hier mittendrin und mir dessen bewusst. Aber nicht für immer.

Ich weiß, du und ich, wir werden die nächsten drei oder vier Jahre noch toben und spielen wollen, unsere Grenzen austesten wollen und sehen wohin uns diese verrückte Welt und die augenscheinlich nie endende Jugend hinführen wird, aber ich sage dir ganz ehrlich und unvermittelt: ich bin nicht für immer jung, und ich will mir nicht für immer alle Möglichkeiten offen halten. Ich will die nächsten Jahre mit dir und euch auf Drogen verbringen und jeden Tag chaotischer leben als vorher, dazulernen, wissbegierig aufsaugen und im Dreck aller Träume wühlen. Ich will die nächsten Jahre von einem spontanen Trip zum nächsten jetten, ich will auf Parties gehen, studieren, die Welt sehen. Ich will mit dir in einem Bett liegen und darüber philosophieren warum wir nie zusammen sein können, ich will berührt werden und verletzt werden und ich will alle Erfahrungen in eine kleine Schatzkiste packen und daraus ein Paket für meine Zukunft schnüren: voller Wortschatz, Selbstsicherheit, Erfahrung, Freundschaft, Schmerz, Meinungen und Urteil. Denn ja, eines Tages will ich wissen, was mich glücklich macht. Was mich nicht glücklich macht. Wogegen ich mich kategorisch entschieden habe, bewusst, welche Politik ich gut finde und welche Beziehungen ich nicht mehr eingehen möchte. Ich will mich festlegen. Ich will Menschen nicht gut finden, sie verurteilen können, weil sie nicht nach meinen Prinzipien leben; nicht um sie zu bessern oder um die Welt zu verändern, sondern um in meinem eigenen kleinen Mikrokosmos ein Stück Fassung zu bekommen, für mich, für dich, für meine ungeborenen Kinder und für das, was unsere Welt so viel schöner macht: die Ruhe und die Gelassenheit der Sicherheit und Liebe. Prinzipien und Grundsätze nach meinen Maßstäben finden, endlich ein fertiges Bild malen. Es muss nicht jedem gefallen, die Farben müssen nicht passen, aber ich muss endlich mit diesem Kunstwerk zufrieden sein und sagen können: das ist das, was ich in den letzten fünf Jahren mitgenommen habe, und das ist die Komposition und das sind die Farben, die mich heute zeichnen.

So weit bin ich noch nicht, natürlich nicht. Wir beide wollen das jetzt nicht für uns. Festlegen und Pläne schmieden, dafür ist unser Drang nach “mehr” noch viel zu stark. Wir können uns noch nicht für einen Weg entscheiden, weil uns so viele Wege theoretisch gefallen. Und ach. Dafür ist dieser Luxus unserer Generation ja da, um zu testen, und dafür können wir uns glücklich schätzen. Wir spielen mit uns, mit unseren Gefühlen, und wir akzeptieren jede Richtung und jede Begegnung weil es sich so schön von unserer Bucket List abhaken lässt. Aber ich kenne mich jetzt gut genug. Ich weiß, dass meine Haltestelle irgendwann kommen wird, und ich werde von diesem Highspeed-Zug springen und mich für ein Leben außerhalb der schnellen Bewegung entscheiden. Nicht um stehen zu bleiben, sondern um ein Tempo zu finden, das ich für immer halten kann.

Ich hoffe du schaffst das auch.

Für B, ohne den ich den roten Faden schon längst verloren hätte. Fotos by Tamara Lichtenstein (via)

August 26th, 2010 Posted in Crystal Meth, Gangster | 6 Comments »

Horcrux

Obwohl ich schon immer wusste dass ich nach der Schule weggehen würde – weil ich alles und jeden hasste und nie richtige Freunde und Zusammenhalt fand – war es kurz vor meinem Umzug nach Berlin doch nicht so einfach. Plötzlich hatte ich einen Freundeskreis, plötzlich war es auch gut, zu Hause zu sein. Nachdem meine damals beste Freundin von unserem Plan absprang und ich mich auf einmal völlig alleine in dieser riesigen und beeindruckenden Stadt befand, war es so als hätte mir das Schicksal einen Streich spielen wollen. Es hat lange gedauert, bis ich darüber hinwegkam. Und jetzt, wo ich endlich angekommen bin, reise ich wieder aus in die weite Welt.

Vielleicht brauche ich das, damit dieser befürchtete Stillstand nie einsetzt, der mich geistig völlig lähmt; vielleicht ist das jetzt auch nur so weil ich jung bin und Entscheidungen treffe, die ich nicht richtig einschätzen kann. Ich nehme keine dieser Entscheidungen zurück: auch wenn es hart war, Berlin hat mir nicht nur gut getan sondern mein Wesen regelrecht verändert. Und auch wenn es jetzt erst mal hart wird, mein endlich, ENDLICH geschmücktes und vorbereitetes Nest zu verlassen, wird auch die Reise gut, keine Frage.

Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, meine Seele gerade ein bisschen aufzusplitten und meine Horcruxe in der Welt zu verteilen. Niemals richtig zum Atem gekommen sein. Nie wissen, wo ich nächstes Jahr bin – und obwohl ich das genau SO will, macht es mich auch völlig verrückt. Ich fange ja jetzt schon an zu planen, was nach der Reise ist, obwohl ich noch hier bin. Gleichzeitig möchte ich nichts darüber wissen, so verwirrend das klingen mag. Ich provoziere das geplante Chaos. Es wirkt verzerrt und kompliziert und auswegslos, aber für mich ist es ganz klar konstruiert und kontrolliert. Ich warte auf den Tag, an dem ich unerwartet, unbewusst stolpere und so tief falle und hart aufpralle wie noch nie in meinem Leben.

Diese Entscheidungen waren aus der Flucht heraus geboren; sie haben mich befreit, jedes Mal wieder haben sie mein Leben besser gemacht. Aber nicht, weil ich gegangen bin, sondern weil ich mir bewusst geworden bin, dass ich gehen kann wenn ich will. Vielleicht ist es auch das, was mich in dieser ganzen Beziehungswelt so aufhält, diese langen Strecken, aus denen man eben nicht mehr flüchten kann sobald man sich darauf eingelassen hat. Diese augenscheinliche Bewegungslosigkeit, der einem den Wind aus den Segeln nehmen will- ein anderes Leben zu führen, dass einen dazu zwingt, einen anderen Weg zu wählen, vielleicht sogar ein anderes Ziel. Einer der nicht schlechter ist, sondern anders und gefestigter. Wie soll man noch flüchten, wenn man die Verantwortung einer Familie oder eines Menschen auf den Schultern trägt? Wenn man gar keinen Grund hat zu flüchten und es trotzdem tut, um seine Seele zu beruhigen, so lächerlich es klingt? Und dabei tun wir gerade nichts lieber als in der Vergangenheit und in unserer Kindheit herumzuwühlen um vielleicht eines Tages ein bisschen zu verstehen, woher unsere Angst eigentlich rührt.

Ich und alle anderen sagen auch immer “du bist so jung”, aber so jung fühle ich mich gar nicht mehr. Es liegt alles vor mir, jede Möglichkeit mein Leben zu gestalten, und ich entscheide mich bewusst gegen Commitment, egal ob es um Arbeit, um Freundschaften, um Beziehungen, um Familie geht. Vielleicht komme ich davon eines Tages weg. Aber die traurige Wahrheit ist: ich wäre nicht die erste, die es nicht schafft. Ich sehe mich selbst in zehn Jahren an der selben Stelle herumtreten wie jetzt, wo man es noch entschuldigen kann, und der chaotischen, nie festgelegten Unendlichkeit hinterherrennen ohne jemals eine richtige Berechnung angestellt zu haben, ohne mal angehalten und nach dem Weg gefragt zu haben: im Alleingang, Top-Speed, mit flüchtigen Bekanntschaften und einem Hustenanfall auf halber Strecke.

Und in zehn Jahren immer noch alleine und festgebunden an meine “Freiheit”. Genauso festgebunden wie man in einer Beziehung wäre; nur einsamer.

Wie es sich anfühlt.

August 23rd, 2010 Posted in Crystal Meth | 4 Comments »

Neverland Ranch

Unbedingt lesen. Und ich meine unbedingt. Vielleicht ist das der Grund, wieso in Berlin stetig dieser Feenstaub herumwedelt: weil hier niemand erwachsen werden will, und jeder der herkommt, eigentlich nach seiner verlorenen Kindheit sucht (oder seinem Erwachsenwerden aus dem Weg gehen will…).

It’s happening all over, in all sorts of families, not just young people moving back home but also young people taking longer to reach adulthood overall. It’s a development that predates the current economic doldrums, and no one knows yet what the impact will be — on the prospects of the young men and women; on the parents on whom so many of them depend; on society, built on the expectation of an orderly progression in which kids finish school, grow up, start careers, make a family and eventually retire to live on pensions supported by the next crop of kids who finish school, grow up, start careers, make a family and on and on. The traditional cycle seems to have gone off course, as young people remain un tethered to romantic partners or to permanent homes, going back to school for lack of better options, traveling, avoiding commitments, competing ferociously for unpaid internships or temporary (and often grueling) Teach for America jobs, forestalling the beginning of adult life.

August 18th, 2010 Posted in Ohne Worte | 2 Comments »