Horcrux

Veröffentlicht August 23, 2010

Obwohl ich schon immer wusste dass ich nach der Schule weggehen würde – weil ich alles und jeden hasste und nie richtige Freunde und Zusammenhalt fand – war es kurz vor meinem Umzug nach Berlin doch nicht so einfach. Plötzlich hatte ich einen Freundeskreis, plötzlich war es auch gut, zu Hause zu sein. Nachdem meine damals beste Freundin von unserem Plan absprang und ich mich auf einmal völlig alleine in dieser riesigen und beeindruckenden Stadt befand, war es so als hätte mir das Schicksal einen Streich spielen wollen. Es hat lange gedauert, bis ich darüber hinwegkam. Und jetzt, wo ich endlich angekommen bin, reise ich wieder aus in die weite Welt.

Vielleicht brauche ich das, damit dieser befürchtete Stillstand nie einsetzt, der mich geistig völlig lähmt; vielleicht ist das jetzt auch nur so weil ich jung bin und Entscheidungen treffe, die ich nicht richtig einschätzen kann. Ich nehme keine dieser Entscheidungen zurück: auch wenn es hart war, Berlin hat mir nicht nur gut getan sondern mein Wesen regelrecht verändert. Und auch wenn es jetzt erst mal hart wird, mein endlich, ENDLICH geschmücktes und vorbereitetes Nest zu verlassen, wird auch die Reise gut, keine Frage.

Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, meine Seele gerade ein bisschen aufzusplitten und meine Horcruxe in der Welt zu verteilen. Niemals richtig zum Atem gekommen sein. Nie wissen, wo ich nächstes Jahr bin – und obwohl ich das genau SO will, macht es mich auch völlig verrückt. Ich fange ja jetzt schon an zu planen, was nach der Reise ist, obwohl ich noch hier bin. Gleichzeitig möchte ich nichts darüber wissen, so verwirrend das klingen mag. Ich provoziere das geplante Chaos. Es wirkt verzerrt und kompliziert und auswegslos, aber für mich ist es ganz klar konstruiert und kontrolliert. Ich warte auf den Tag, an dem ich unerwartet, unbewusst stolpere und so tief falle und hart aufpralle wie noch nie in meinem Leben.

Diese Entscheidungen waren aus der Flucht heraus geboren; sie haben mich befreit, jedes Mal wieder haben sie mein Leben besser gemacht. Aber nicht, weil ich gegangen bin, sondern weil ich mir bewusst geworden bin, dass ich gehen kann wenn ich will. Vielleicht ist es auch das, was mich in dieser ganzen Beziehungswelt so aufhält, diese langen Strecken, aus denen man eben nicht mehr flüchten kann sobald man sich darauf eingelassen hat. Diese augenscheinliche Bewegungslosigkeit, der einem den Wind aus den Segeln nehmen will- ein anderes Leben zu führen, dass einen dazu zwingt, einen anderen Weg zu wählen, vielleicht sogar ein anderes Ziel. Einer der nicht schlechter ist, sondern anders und gefestigter. Wie soll man noch flüchten, wenn man die Verantwortung einer Familie oder eines Menschen auf den Schultern trägt? Wenn man gar keinen Grund hat zu flüchten und es trotzdem tut, um seine Seele zu beruhigen, so lächerlich es klingt? Und dabei tun wir gerade nichts lieber als in der Vergangenheit und in unserer Kindheit herumzuwühlen um vielleicht eines Tages ein bisschen zu verstehen, woher unsere Angst eigentlich rührt.

Ich und alle anderen sagen auch immer “du bist so jung”, aber so jung fühle ich mich gar nicht mehr. Es liegt alles vor mir, jede Möglichkeit mein Leben zu gestalten, und ich entscheide mich bewusst gegen Commitment, egal ob es um Arbeit, um Freundschaften, um Beziehungen, um Familie geht. Vielleicht komme ich davon eines Tages weg. Aber die traurige Wahrheit ist: ich wäre nicht die erste, die es nicht schafft. Ich sehe mich selbst in zehn Jahren an der selben Stelle herumtreten wie jetzt, wo man es noch entschuldigen kann, und der chaotischen, nie festgelegten Unendlichkeit hinterherrennen ohne jemals eine richtige Berechnung angestellt zu haben, ohne mal angehalten und nach dem Weg gefragt zu haben: im Alleingang, Top-Speed, mit flüchtigen Bekanntschaften und einem Hustenanfall auf halber Strecke.

Und in zehn Jahren immer noch alleine und festgebunden an meine “Freiheit”. Genauso festgebunden wie man in einer Beziehung wäre; nur einsamer.

Wie es sich anfühlt.

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Neverland Ranch

Veröffentlicht August 18, 2010

Unbedingt lesen. Und ich meine unbedingt. Vielleicht ist das der Grund, wieso in Berlin stetig dieser Feenstaub herumwedelt: weil hier niemand erwachsen werden will, und jeder der herkommt, eigentlich nach seiner verlorenen Kindheit sucht (oder seinem Erwachsenwerden aus dem Weg gehen will…).

It’s happening all over, in all sorts of families, not just young people moving back home but also young people taking longer to reach adulthood overall. It’s a development that predates the current economic doldrums, and no one knows yet what the impact will be — on the prospects of the young men and women; on the parents on whom so many of them depend; on society, built on the expectation of an orderly progression in which kids finish school, grow up, start careers, make a family and eventually retire to live on pensions supported by the next crop of kids who finish school, grow up, start careers, make a family and on and on. The traditional cycle seems to have gone off course, as young people remain un tethered to romantic partners or to permanent homes, going back to school for lack of better options, traveling, avoiding commitments, competing ferociously for unpaid internships or temporary (and often grueling) Teach for America jobs, forestalling the beginning of adult life.

 
 

Ya Time’s Up

Veröffentlicht August 17, 2010

What? Was geht ab? Wieso ist auf einmal so viel Hip Hop am Start, wo kommt dieser Oldskool Flash her, wieso finde ich echt jeden Track gut, der mir von It’s Rap durchgefiltert wird? Fragen über Fragen.

Aber irgendwie hat guter Hip Hop für mich mehr als ein Techno Track. Ich hab maximal eine handvoll elektronischer Songs, zu denen richtige Erinnerungen hoch kommen. Aber Hip Hop… das ist Skate Park, das ist Graffiti, das ist Kernasi-Abriss-Party, das sind alte Filme, runtergerauchte Blunts, Kindheit meets Erwachsenwerden und bis heute gibt’s nur Gänsehaut bei so viel Kunst und Gefühlsexplosion.

Schön zu sehen, dass die Gegenwart mithalten kann.

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Lullaby/Stars

Veröffentlicht August 14, 2010

Zu Schulzeiten – siebte oder achte Klasse – da waren wir eine zusammengeschlossene Gruppe von Kids, die sich jeden morgen vor der Schule trafen, einen durchzogen, Karten spielten, in den Schulpausen noch mal durchzogen und nach der Schule wieder zum Spielplatz fuhren um zu spliffen und zu zocken. Das war ein oder zwei Jahre lang unser Leben.

Es wurde nie gefragt, wer kommen würde, es wurde nie darum gebeten, jemanden anderes anzurufen oder etwas anderes zu machen. Wir legten uns ins Gras, teilten unser Dope, unsere Getränke und das Essen, was wir aus den Vorratskammern unserer Eltern stahlen und blickten in die Nacht hinauf, erzählten uns Witze, lachten über unsere Erlebnisse.

Das war eine zeitlang das schönste Leben, dass ich mir hätte vorstellen können; keine Fragen stellen, sondern ein endloses Gefühl der Zugehörigkeit, eines, welches man vielleicht nur in diesen jungen Jahren haben kann, wenn man nicht über komplizierte Zwischenmenschlichkeiten nachdenkt, über das Fundament einer Freundschaft, über den eigenen Status in einer Gruppe und wie man sich selbst profilieren muss um an attraktive Menschen heranzukommen die man dann trotzdem nur von weitem bewundern will oder eher sogar darf.

Aber hier und jetzt ist ein kleiner Teil von diesem Gefühl wieder da; irgendwo sein, völlig blind und ahnungslos, aber in vollem Vertrauen, ohne besorgt sein zu müssen, ohne viel zu erwarten und trotzdem alles und mehr zu erhalten. Unvergleichliche Wärme in versteckten Berührungen, und so teilen wir nicht mehr nur unsere Joints, sondern auch unsere Gedanken, für einen klitzekleinen Augenblick genau die Art von Perfektion, die man vielleicht nie wieder so erleben wird.

Für N&M&M.

 
 

N2Gether Now

Veröffentlicht August 6, 2010

Shut The Fuck Up. Limp Bizkit, posen, blenden, Skate Parks, mit Headphones am Coolsten durch die Straßen laufen (im kleinen Dorf, versteht sich), und sich über diese Wörter freuen, die man gar nicht sagen durfte (wegen den Eltern und so). Musik, die von der eigenen Generation geprägt wurde. Ein erster Schritt Richtung Erwachsensein. Ein Step. Beats. Smoke. Hoodies. Tips. Pizza. Der Bass im ersten Auto (wobei, das kam so unendlich viel später, eigentlich waren es die Autos von den älteren Kernasi-Freunden, die man sich angelacht hatte, um DRIN zu sein).

Und dann die Spiele, die wir damals gezockt haben – Dimensionen und Welten der unendlichen Langweile haben wir durchbrochen – Snake, Pacman, Minesweeper – auf dem Klo haben wir unsere eigenen Rekorde gebrochen und für anhaltende Probleme mit Hämorrhoiden gesorgt.

Ich habe diesen Song einfach so abgöttisch geliebt. So oft mit dem Kopf dazu genickt. Mit meinem klobigen Skaterschuhen und der ausgeleierten BRAUNEN CORD HOSE (!!!), und dem Edding in der Hand, und den aufgemalten Körpertattoos, die dann in der Sonne auf der Haut geschmolzen sind. Einfach nur Asi-Feierei. Morgens an der Trinkhalle Besoffene ärgern. Ich habe mich so bad ass gefühlt. Wenn ich so ein Kid heute sehe, dann überlege ich immer hin zu gehen und zu fragen, ob er schon mal ein Foto von seiner Coolness gemacht hat- man muss es eigentlich aufheben, und sich immer an diese fantastisch-düster-distanziert-kalte und gleichzeitig so zerbrechliche Zeit erinnern. Und außerdem würde ich gerne wissen, was da für ein Sound aus seinen Ohren dröhnt, und schlage ihn zusammen, weil cool sein heute wohl irgendwas mit Revolverheld zu tun hat, und das kann ich nicht tolerieren, da muss ich einfach dick drauf schlagen. Und dafür zieh ich mir auch gerne wieder die hässlich-traumatisierenden Cordhosen und die Buffallo-Plateau-Absätze an.

Fred Durst ist aber auch einfach so ein behinderter Vollspast, wenn man den nicht zum Vorbild hatte, dann weiß ich auch nicht. Aber ‘ne schöne Jugend war das dann nicht.

N2Gether Now · Kategorien: Musik · 9 Kommentare
 
 

Endboss

Veröffentlicht August 1, 2010

Alter. Ich komm überhaupt nicht klar auf Materia. Wo kommt der her, wieso kannte ich den vorher nicht? Und die wichtigste Frage: wird er mich heiraten?

Endboss · Kategorien: Musik · 18 Kommentare
 
 

Karate Fu Kid

Veröffentlicht July 25, 2010

Es war ein bisschen so, als wäre ich selber in einem Film gewesen. Ich hätte gerne gesagt: “Du hast die Augen deines Vaters. Er wäre stolz auf dich gewesen”. Dann hätte ich mein Schwert rausgenommen und ihn zum Ritter geschlagen.

Jaden Smith wird mal ganz groß. Dafür hat er das Aussehen und auch das Talent und diese typische Will Smith Mimik, die mich immer an die seltsam-peinlichen Momente aus The Fresh Prince erinnern; an den Stellen, wo eine Lektion erteilt werden soll (ihm und dem Zuschauer), die dann aber eher unangenehm überzogen wird.

Der Film kann für mich natürlich nicht an das Original kommen. Zu viele Erinnerungen bleiben haften. Die Leichtigkeit dieser TV-Ära, die ich als Kind (und Jugendliche) später verspürte: kaum auszudenken, wenn sie jetzt von der Generation Massenfertigung abgelöst werden sollen. Pah. Ich weigere mich, meine Feel-Good Momente vor dem Fernseher gegen die Zukunft einzutauschen und werde auch meinen Kindern verbieten, sich an der heutigen Medienwelt zu ergötzen. Da wird es nur Karate Kid, Star Wars, Back To The Future und maximal auch noch Alf geben, aber das war’s dann.

(Weird, wie dieser Ikonenstatus aus eigentlich relativ unblockbusterigen Filmen entsprungen ist; die damaligen Underdogs mit ihrem Charme, die nicht aufgrund ihrer cinematischen Fähigkeiten überzeugen, sondern weil sie auch über ihre Zeit definiert werden. Und das war meine Kindheit. Und alles, was während dieser Kindheit entstanden ist, ist für mich kultig. Ja, auch Hulk Hogan. Und Fleshlights.)

Übrigens auch eine ganz interessante Frage: wie sieht der Rückblick eines Fünfzehnjährigen diesbezüglich im Jahre 2030 aus? Wird er sich auch daran zurückerinnern, Karate Kid (also den jetzigen) ständig im Fernsehen gesehen zu haben, als “trashige” Wiederholung?

Anyway. Kein schlechter Film – fantastische Visualisierung – grotesk-schlechter Soundtrack – souveräne Schauspieler – etwas klischeebefreitere Story, aber trotzdem voll mit amerikanischem Drama – und überraschenderweise immer noch sehr, sehr nah an der eigentlichen Geschichte (bis auf den offensichtlichen Karate/Kung-Fu Faux Pas, der aber immerhin im Film spielerisch mit integriert ist). Ich kam dann letztendlich aber doch nicht zufrieden und glücklich und voller sprudelnder Popcornhormone aus dem Kino, nein, denn ich war sogar tatsächlich, ja, verstört.

Dieser Junge wiegt dreißig Kilo und ist zwölf Jahre alt- wir entfernen uns von der HALBWEGS realistischen Hau-Drauf Pubertäts-Aggressionen der Über-Fünfzehnjährigen, wir entfernen uns von der mentalen wie auch der physischen Leistung, und stattdessen müssen wir uns eine absurde Form von kruder Kindergewalt antun. Der Junge ist zwölf, und seine Rivalen anscheinend brutale kleine Mutantenchinesen, die schon im Säuglingsalter Ketamine und Amphetamine nuckeln durften. Im ersten Drittel des Filmes wird auch nicht an der Demonstration dieser übermenschlichen Kräfte (ZWÖLF!!) gespart, unser Außenseiter, unser China-Neuling (ja, auch der Umzug des Protagonisten verlief dramatischer als in den ursprünglichen Teilen) wird stundenlang verdrescht.

Aus einem kleinen Jungen, der seine Stärken findet, wird so ein… Mannkind, ein überzogenes Bild von einem Mini-Helden, das für mich genauso wie die Übersexualisierung von Mädchen bizarr wirkt. Ich will kein zwölfjähriges Kind mit Sixpack sehen, das fast abgemagert wirkt ((mir ist bewusst, dass das nötig war, um Jaden Smith die Hauptrolle zu geben; leider tut das dem Film nicht so gut)).

Vielleicht werde ich wirklich alt. Wie Jackie Chan. Der macht das aber immerhin mit Würde.

(Übrigens gibt es da für mich keine Frage. Ein Martial Arts Film, in dem Jean Claude Van Damm nicht mitspielt, ist für mich kein würdiger Film. Hier also mein All-Time Top Favorite, mit dem ich gerne dreitürigen Geschlechtsverkehr praktizieren möchte.

Und dann immer diese mit dramatisch-motivierender Musik unterlegten Final-Trainings-Szenen, richtige Medleys. Das waren die schönsten Stellen des Films, wenn man bei den Vorbereitungen von Niemand zu Held zuschauen konnte. Hach. Und dann auch noch der Quotenschwarze mit der MJ-Friese.)

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Clarissa

Veröffentlicht July 20, 2010

Ich habe heute einen guten Tag, wie ihr seht, und der wird jetzt mit Erinnerungen belohnt.

(Manche Erinnerungen machen mich einfach fertig – zu wissen, dass ich das nie wieder haben werde, nie wieder Cornflakes Samstagmorgens und mich von der Welt der Fiktion berühren lassen, nie wieder diese Unbefangenheit und dieses mollige Gefühl im Bauch, wenn Mama und Papa noch oben im Bett liegen und wir uns runterschleichen und Nick anmachen und uns zusammenkuscheln und einfach beim fernsehen wieder einschlafen, so mit der Schüssel in der Hand und mit den Cerealien an der Backe kleben. Und sowas wie Clarissa, sowas machen die heute ja auch gar nicht mehr.)

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Bros Before Hoes

Veröffentlicht July 14, 2010

Wir kriechen mit Schrittgeschwindigkeit durch den stockenden Verkehr auf der Autobahn. Meine Hände sind zu Fäusten geballt. Mein Kopf hämmert mit jedem weiteren eiskalten Zug, der aus der Klimaanlage kommt. Mit dem letzten bisschen Stimme, das mir nach diesem Wochenende verblieben ist, brülle ich nach vorne: “MACH DEN SCHEISS AUS DU BEHINDERTER SPAST”, ziehe meinen rechten, von Hundescheisse verdreckten Turnschuh aus und klatsche ihn meinem fahrenden Bruder direkt in die Fresse…

— 48 Stunden früher —

Ich wache im Wohnzimmer auf. Es ist halb neun morgens. Mir läuft die Brühe zwischen die Brüste, die Arschbacken, die Zähne. Es ist heiß. Ich stinke. Nein, mein Bruder stinkt. Der liegt mit verkrusteten Augen in seiner Schweißlache, eine Couch weiter. Er schnarcht. Im Rhythmus seines Atems blubbert Rotze aus seiner Nase. So friedlich.

Ich wecke ihn mit einem Liter kaltem Wasser.

Meine Brüder heißen für mich schon immer Leslie Nielson und Milhouse. Der Einsatz dieser Namen ist völlig flexibel, mal ist es der eine, mal der andere – je nach Grad ihrer auswechselbaren Komik. Es hat sich so eingebürgert, und ist meine Rache für die ganzen Kniffe, Bisse, Gesichtsfurze und den Schwitzkastenterror, den ich mein Leben lang ertragen musste. Sie hassen es und ich bekomme regelmäßig Nippeltwister für diese Unworte ab. Das ist es mir wert.

Les und Mil sind also bei mir zu Besuch, in Berlin, und bereits nach einer Nacht ist eine nur unter Geschwistern bekannte Spannung zu bemerken. Früher hätten wir unsere Supersoaker aufgeladen und einen unbeobachteten Augenblick abgewartet. Heute: Krieg und Ausnahmezustand.

Ich gucke Fernsehen, zappe, die Fernbedienung locker in der Hand haltend. “Hör mal auf umzuschalten und lass jetzt mal den Scheiss auf RTLII gucken”, höre ich Leslie maulen.

“Nein.” Ich zappe weiter.

“Ey, ohne Mist, du bist übertrieben behindert. Gib mir jetzt die Fernbedienung!”

“Nein. Ich wohne hier. RTLII ist für arme Loser.”

Ich höre seinen Kampfschrei zu spät, halte rechtzeitig mein Knie hoch um ihm Schmerzen zuzufügen, muss mich aber geschlagen geben. Die Schlacht um die Fernbedienung war dank meiner Porzellanknochen verloren, die Nacht wurde bei 35° im Schwitzkasten verbracht.

“LASS MICH LOS DU HURENSOHN!”

“HA HA, meine Mutter ist auch deine Mutter!”

“NEIN MAN DU BIST ADOPTIERT UND DEINE MUTTER IST NE HURE JETZT LASS MICH LOS!”

Der Schwitzkasten wird enger gezogen.

Nielsen und Milhouse besprechen lautstark die dem Realismus getreue Umsetzung der BangBus Pornos auf YouPorn in der S-Bahn. Ein Penner setzt sich ob dieser ordinären Konversation ein Abteil weiter. Ich setze mir meine Kopfhörer auf und sehe nur zu, wie sie mich mit Grimassen verunsichern wollen.

Wir zocken Playstation, ich verliere. Milhouse muss als jüngster das ganze Wochenende Sklave spielen und das Kabel für den Fernseher halten, damit das Bild nicht rauscht. Wir lassen ihn alle 10 Minuten Pause machen.

Wenn mein älterer Bruder, Leslie Nielsen, sich dazu entscheidet mich zu ärgern, hält er mir seine Füße ins Gesicht (er ist bei der Bundeswehr und muss jeden Tag viele Kilometer mit diesen Hornhautmonstern laufen, außerdem wachsen ihm Haare an der Fußsohle) oder er fängt an, mich spontan zu kitzeln. Was er jedoch unter “Kitzeln” versteht könnte auch ganz einfach als Geheimdienst-Folter durchgehen.

Nach einer kurzen Ohnmacht (Sauerstoffmangel) komme ich wieder zu Bewusstsein und trete ihm in die Eier.

Wir sitzen auf einer Brücke und vergeben gelbe, rote und schwarze an mittelschöne, hässliche und hartgeile Schnitten. Als die ersten schwarzen Karten vorbei laufen, steht Milhouse auf, zieht seine rutschende Hose hoch und ruft den Perlen “HOLA CHICAS WOLLT IHR HEUTE NICHT MAL MIT UNS PARTY MACHEN” hinterher.

Ich reisse Milhouse im Schlaf drei Nasenhaare mit meiner Pinzette. Er jagt mich eineinhalb Stunden lachend durch die Wohnung, weil die Umsetzung dieser Idee genial war. Wir gehen uns in aller Freundschaft einen Döner holen. Er stopft mir die Reste in die Unterhose. Eine weiteres Designerstück von H&M ruiniert. Ich bin dankbar, keinen Kaugummi im Haar zu finden und freue mich bei diesem Glück. Meine Mitbewohnerin sperrt sich leise in ihrem Zimmer ein und ruft die Polizei.

“Lass mal Mäcces.”
“Abtörn”
“Dann koch mal Freeesen”
“Abtörn”
“Ey du bist SO EINE BEHINDERTE GASTGEBERIN!”
“Was willst du mit deinem Gast Spast, als ob ich hier Hotel bin oder was!”
“Ähähähähähähä, blah blah blah, laberst scheisse und so!”
“Ey was willst du von mir du Hirsch lass mich in Ruhe LASS MICH LOS HÖR AUF AUA DAS TUT WEH AAAAH JA IST JA OK ICH BESTELL PIZZA das sag ich Mama du ArschloJA IST JA GUT ICH GEH DOCH SCHON!”

Die Temperaturen backen draußen neue Lebewesen. Die Klimaanlage im Auto ist auf 15 Grad gestellt. Meine Lippen sind blau angelaufen. Nielsen trollt und lacht sich über mich tot. Ich rufe meine Mutter an und petze, doch sie lacht nur und entscheidet sich gegen ein Eingreifen ((sie nimmt ihre eigene Autorität, seitdem wir ausgezogen sind, auch nicht mehr wirklich ernst, was sich zunehmend als Problem entpuppt, und den Vater anrufen ist nach vielen Überlegungen einfach zu riskant, es ist nämlich gut möglich dass ich dabei selber für irgendetwas Ärger bekomme)) Wir kriechen mit Schrittgeschwindigkeit durch den stockenden Verkehr auf der Autobahn. Meine Hände sind zu Fäusten geballt. Mein Kopf hämmert mit jedem weiteren eiskalten Zug, der aus der Klimaanlage kommt. Mit dem letzten bisschen Stimme, das mir nach diesem Wochenende verblieben ist, brülle ich nach vorne: “MACH DEN SCHEISS AUS DU BEHINDERTER SPAST”, ziehe meinen rechten, von Hundescheisse verdreckten Turnschuh aus und klatsche ihn meinem fahrenden Bruder direkt in die Fresse.

Er brüllt zurück, voller Wut und Hass, und versucht mich einarmig in den Oberschenkel zu kneifen (ich wehre seine nach hinten grapschende Hand mit Bissen und Tritten ab) während Milhouse irgendetwas von Kurt Russel und Jean Claude Van Damm und ihrer absoluten Unfehlbarkeit erzählt. Wir schaffen es irgendwann einfach in ein Koma zusammen zu brechen, aus dem wir mit einer Vollbremsung geweckt werden.

Zu Hause angekommen verschwinden wir alle in unseren Zimmern, nachdem wir uns mit weiterem Gekreische und Rechtfertigung vor unseren Eltern den letzten Abschiedsgruß in den Sack getreten haben. Ich frage mich, ab wann es meinen Eltern eigentlich egal war, dass wir Schimpfwörter wie “Scheisse” und “Ficken” benutzen.

Broes Before Hoes, alter.

 
 

The Original Hipster

Veröffentlicht July 1, 2010

Fickt euch, meine Mutter hat mich damals schon zum Trendsetter gemacht. Ich hab MJ aufgelegt und die Leute tanzen lassen. Man, ohne mich wär Berlin heute nicht das, was es ist. REPRESENT.

Und JA, verdammt, DAS IST EIN TURTLES T-SHIRT!

(Nein, ich habe keine Erklärung dafür, wieso meine Mom mich damals so geil angezogen hatte. Ich weiß auch nicht, was die Schminke soll, und wieso ich so kurze Haare hatte, und nicht so fett war, wie ich immer dachte, das ich fett war (ich glaube, ich bin erst später fett geworden). Wie dem auch sei: es ist awesome. Und ich hoffe, eines Tages wieder zurück zu meinem Style zu finden. Alter. Meine Kinder werden so leiden.)

The Original Hipster · Kategorien: Uncategorized · 23 Kommentare
 
 
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