Nach dem hochauflösendem Shiny-Scheiss wurde mir immer mehr nach Rohkost; nicht nur etwas, dass so aussieht, weil man es so aussehen lassen kann. Nach Glitzer und Make Up und Technik kommt Realität für mich. Realität, die mit einer einzigen Kamera, inmitten tobender Massen aufgenommen wird, und nicht in Mille Euro Produktionen für ein Riesenpublikum in einer Special DVD veröffentlicht wird.
Lassen wir die Ausflüchte. Ich war in letzter Zeit sehr inaktiv. Grund dafür war mein 25. Geburtstag, der mich mit dem Gesicht auf den Boden gedonnert hat: “Ey, 30 ist näher als 20. Deine Geheimratsecken werden größer, du hast jetzt zwei Haare auf dem Rücken, an einigen Stellen werden die Haare schon grau. Quarter-Life-Crisis.”
UPDATE: Ich kann gar nicht sagen, wie heftig geil das Konzert gestern war. Aber triggern wir mal kurz die Stimmung an:
Dann musste ich mir auch noch eine neue Wohnung suchen, da einer meiner WG-Mitbewohner durchgedreht ist. Nach einer kleinen Schlägerei und vielen bösen Worten habe ich den Entschluss gefasst auszuziehen, damit er mir nachts nicht die Kehle durchschneidet oder ich ihn verbrenne. Ich hasse ihn. Er ist ein psychopathischer Misanthrop. Wut beiseite.
Find mal eine Wohnung in Jena, einer Stadt, die völlig überbevölkert ist, in der es kaum Mietangebote gibt, man sich mit 50 Mitstreitern um ein Zimmer in einer WG prügeln muss, ein demütigendes Casting nach dem anderen. Aber ich wurde fündig. Berliner nehmen mich auf. Ich bin Berliner, die sind Berliner. Das Jahr geht gerecht zu Ende.
Und weil der ganze Stress an mir Spuren hinterlassen hat, habe ich vor Monaten schon präventiv das große Ausrasten gekauft. Heute Abend ist es soweit. Rammstein und ich. Und mein Dad. Es wird viel Nasenbluten geben. Und blaue Flecken. Und Feuer. Bämm-Bämm.
S liegt mit Tanga in Spanien in der Sonne, trinkt aus Eimern Sangria und knallt betrunkene Briten. Und ich war vor einer Woche da, wo man vor einer Woche auch hätte sein müssen: in Berlin beim Mayer-Hawthorne-Konzert. Und weil man bei seiner Musik prinzipiell erstmal eine Errektion bekommt bzw. feucht wird, dachte ich, es wäre nur passend, wenn ich mir gut aussehende Menschen suche, die schick anziehe und mich auch, und da einfach hingehe. Am 17. Dezember werde ich zwar schwer bei Rammstein im Velodrom ausrasten, aber ich kann jetzt schon sagen: Mayer Hawthorne – musikalisch mit das Beste, was mir 2009 live passiert ist.
Da stand ich dann also vor dem Bohannon, in einer Schlange, die bis zum Hackeschen Markt reicht, gefühlt bis Hannover. An der Seite Freunde und Miniheldin. Hunderte von Menschen in Stoffhosen, Kleidern, mit Fliegen, Westen, Krawatten, Hemden, Hüten, Schweißbändern und so. Wäre nur alles ohne Farbe gewesen: 20er Jahr und alle hübsch.
Im Bohannon mindestens 35 bis 40 Grad. Dicht gedrängt aneinander. Langes Warten und R’n'B-Musik. Aber nicht die Scheiße, bei der die Kragen der Polohemden hochgeklappt werden und Genitalien nach vorne gestreckt werden, damit Bitches ihre Ärsche daran reiben können, nein, richtigen Rythm and Blues, der aus dem in der weißen Version früher der Rock’n'Roll entstand. Vom allerfeinsten. Mein Herz ist auf Electro geeicht, das habe ich an dem Abend festgestellt. Es war also mal eine kleine Offenbarung, dass dem auch entgegengewirkt werden kann.
Dann mit großer Verspätung: Die Band betritt die Bühne. Alle haben Augenringe und sehen verflucht gut gekleidet und cool aus. Augenhöhe mit dem Publikum. Mayer Hawthorne geht ans Mic. Der Saal kocht. Alle sehen verschwitzt aber immer noch verflucht gut aus. Erster Track: Bewegung, geschlossene Augen und Herzklopfen. Alle wissen, wieso sie heute hier sind.
Es folgt „Maybe So Maybe No“, absoluter Burner, uralt-Cover von The New Holidays. Niemand kann seine Erektion zurückhalten, ich weiß es (Achtung: absolutes Killer-Video):
Knapp anderthalb Stunden später sind 80 Grad im Bohannon, alle haben mindestens zwei Liter Wasser über die Poritze ausgeschwitzt, viele Glückshormone schwingen durch den Club, viele Erektionen klingen ab. Es war großartig.
Absoluter Newcomer deluxe: Mayer Hawthorne. Du coole Sau, du. Und im Übrigen kann ich nur sagen, dass sein Debutalbum “A Strange Arrangement” wirklich allererste Sahne ist.
Wenn ein Event stattfindet, aber niemand da ist, um darüber zu bloggen — fand das Event dann statt? Ein Ablauf der VIP-Szene in Berlin.
20:25, vor dem Admiralspalast – ich empfinde immer noch Wut und Enttäuschung wegen des abgesagten Amanda Blank Interviews. Ich schlucke meinen Ärger herunter in der Hoffnung, sie doch noch zu treffen. Wir sind Seelenverwandt.
20:30, Pressekonferenz – Umsonst Red Bull vorhanden. Die G-Shock ist hässlich und überteuert. Sie füttert Katzen und produziert im Ruhezustand Heilmittel für Durchfall. Die G-Shock ist unsterblich. Ich stelle mir vor, wie ich als letzte Tat bei einem Flugzeugabsturz ein Dankesgebet aufsage, weil
a) ich weiß, wieviel Uhr es ist
b) meine Uhr den Absturz überleben wird.
Anwesend auf der Party sind
a) die Söhne des Uwe Ochsenknechts
b) Agenten, Eventveranstalter und Marketingassistentinnen
c) die Typen von MTV
d) zwei bis acht Blogger
Ich bin sehr underdressed. Magersüchtige beneiden mich um mein Fett und meine Turnschuhe. Die angeblichen Prominenten prügeln sich um die Ekelhäppchen aus unidentifizierbaren Lebensmitteln und dem Umsonst-Alkohol. Ich wünsche mir einen Hamburger. Die Schwulenquote liegt bei 100%. Alle kommen aus Barcelona oder Paris.
21:00 bis 22:30 – Irgendwo in China fällt ein Sack Reis rum.
22:30, großer Festsaal – Vier Red Bull bisher getrunken, meine Ohrläppchen zittern unmerklich. Berlin Battery legen auf, drei Menschen wippen gemächlich dazu. Heuballen streifen zu dicken Electrobeats an uns vorbei. Es zieht ein bisschen, deshalb ziehe ich meinen Schal an.
23:15, großer Festsaal – einer von den drei Menschen verlässt den Saal, um den Musikantenstadl nicht zu verpassen. Ich schreie und bin entsetzt. Kinder in Radebrück würden jetzt töten, um solche sensationelle Musik zu hören! Marcel bumst seine Uschi unter der Treppe.
23:45, VIP-Raucherzelt – ein Freund von Jimmy Blue Ochsenknecht hat mir gerade zugezwinkert. Ich würge.
23:50, Lobby – Sechs Red Bull. Ich bin leicht aufgedreht. Anastasia von MTV versperrt mir die Sicht mit ihrer Terrorfrisur. Lucy von den No Angels streift vorbei, keiner bemerkt sie. Vanessa von den No Angels streift an Lucy vorbei. Es bemerkt sie immer noch keiner.
00:00, großer Festsaal – Amanda Blank steht auf der Bühne. Meine Vagina ist feucht.
00:02, großer Festsaal – es gibt einen Idiotenabstand zur Bühne. Drei Meter. Dieser Abstand ist normalerweise Rentnern in Großeinkaufszentren vorbehalten, die zu Alt-Schlagerstars mitklatschen, während sich Kinder Heroin in die Achselhölen spritzen. Amanda fühlt sich verarscht. Ich versuche den Abstand zu durchbrechen. Keiner kommt hinterher. Ich trete wieder zurück. Ich schäme mich.
00:07, großer Festsaal - Ich liebe Amanda Blank. 500 restliche Zuschauer kratzen sich am Hodensack. Irgendwo im VIP Bereich kloppen sich die Leute immer noch um Alkohol.
00:15, großer Festsaal – Marcel ist endlich wieder aufgetaucht. Sein Rektum war Opfer eine grausamen Schandtat geworden. Er trägt ein Lächeln der Zufriedenheit im Gesicht.
00:30, großer Festsaal – Ich sehe Sasha Grey unter den Zuschauern. Ich frage mich, ob sie wohl die heimliche Freundin von Amanda Blank ist und sie sich bei Pyjama Partys gegenseitig die Zehnnägel lackieren. Ich überlege ernsthaft, ob ich meinen Schlagring holen soll. Amanda Blank ist MEINE beste Freundin. Bitch.
00:32, großer Festsaal – Es ist doch nicht Sasha Grey. Amanda Blank verabschiedet sich mit einem Mittelfinger.
00:32, großer Festsaal – alle sind wieder weg. Marcel und seine Uschi wollen liebe machen gehen. Marcels Rektum brennt noch.
00:36, Lobby – Christoph ist da. Er ist ein Riese.
00:50, großer Festsaal – Ich habe feierlich beschlossen, Christoph gut zu finden. Es könnte an meinem Coffeein-Rausch liegen. Er zeigt mir Herm. Herm erkennt mich nicht. Ich erzähle Herm, dass ich unsterblich in ihn verliebt bin, aber dass aus uns nichts werden kann, weil B. schwul für ihn ist.
00:57, großer Festsaal - Acht Red Bull. Meine Augen sind auf doppelte Größe angeschwollen. Ich habe das Gefühl, zu fliegen. Ich sehe tote Menschen. Ich bin vier Köpfe kürzer als meine Gesprächspartner.
01:00, großer Festsaal – Data legt auf, der Sound ist furchtbar. Ich labe mich an Herms Anwesenheit. Unsere Beziehung ist stark. Ich spüre es.
01:10, in Richtung Friedrichstraße – Christoph und ich holen noch einen Beutel voller Umsonst-Ramsch aus der Gaderobe. Nur VIPs haben den Umsonst-Ramsch bekommen. Wir gehen noch etwas trinken
01:45, Oranienburger Straße – endlich noch eine offene Lokalität gefunden. Ich rede ohne Unterbrechung. Christoph wünscht sich einen schnellen Tod. Ich ignoriere es.
04:20, in meinem Bett (ohne Herm)(und auch ohne Christoph) – ich kann die Augen nicht schließen. Mein Urin hat Flügel. Ich halluziniere von Christoph, wie er auf einem Einhorn reitet und ein Manifest verteilt.
Für alle Überlebenden des 2. Weltkrieges: heute Abend findet ein ganz besonderes Event statt! EMAs! Mit U2! Und Eminem! Und nächstes Jahr: David Hasselhoff. Ganz dickes Ding.
Okay, ich hätte es ja kaum vorhersagen können, dass in der Hipster-Hochburg Berlin das Florence + The Machine Konzert ausverkauft sein würde. Ich vergesse halt manchmal, dass mein großartiger und elitärer Musikgeschmack in Berlin nicht als solcher wahrgenommen wird. Als ich noch bei den Eltern gewohnt habe wurde ich mit Respekt und Bewunderung als “Track Dealer” bezeichnet, weil ich die Suchtkrüppel mit den neuesten Klängen aus der Musikwelt fütterte. Fuck, ich wusste immer ganz genau, was groß rauskommt, noch bevor es rauskam. Seriously.
… in Berlin schaffe ich es gerade so, mitzuhalten. Klar könnte ich mich da auch noch weiter reinsteigern, aber ich hab mittlerweile besseres zu tun und bin lediglich frustriert, wenn ich drei Wochen lang die gleichen Songs höre und mir davon langweilig wird. Umso ärgerlicher ist es, dass ich das Tickets kaufen für Florence & The Machine ständig aufgeschoben habe. Florence hat es als einzige in ungefähr 6 Monaten geschafft, meine Artists Charts mal ein bisschen aufzurütteln. Und dabei bin ich mit dem Album noch nicht mal vollständig durch! Eine Katastrophe ist das alles.
Weil ich aber diesen Verlust an Live-Action kompensieren möchte und nicht auf meine monatliche Dosis “Gutaussehende Frau mit Hammer Stimme” verzichten will, habe ich mich in einer spontanen Aktion mit Marcel zusammengeschlossen – der übrigens immer noch jammert wie ein Akkordeon weil er eine leichte Erkältung hat- und werde stattdessen dem Bat For Lashes Konzert im Postbahnhof beiwohnen dürfen. Und spontan war das jetzt eigentlich auch nicht.
Bat For Lashes hat meiner Meinung nach ein eigenes Genre entwickelt, dass Florence dann halbherzig übernommen und noch in etwas viel besseres umgewandelt hat. Natasha Khan (so heißt die Bat For Lashes Uschi, und ich musste echt ein bisschen überlegen ob ich sie nicht liebevoll “Bat” nennen soll) hat so eine milde Thrillermusik auf den Tisch gekloppt. Ich nenne es “Panik-Pop”. Ich komme nicht drumherum, mir bei ihrem zweiten Album, Two Suns, ständig irgendwleche nebelige und dunkle Märchenwälder mit schizophrenen Einhorns vorzustellen. Und ja, ich weiß dass “Einhorns” kein Plural ist, und es ist mir egal.
Anyway. Natasha und Florence, das nenn ich einen Girl on Girl Porno. Wer also noch ein Ticket für das F+tM Konzert am Montag übrig hat, weiß, wen er damit glücklich macht: mich. Und wenn ich nicht glücklich bin, gibt’s auch keine Umsonst-BJs (die gibt’s auch nicht, wenn ich glücklich bin, aber dann schrumpft immerhin das Risiko dass ich euch verprügel).
Was sehen meine alten und müden Augen da? Uffie, die Vorzeigeschickse des französischen Elektro-House-Whatever Labels Ed Banger (ihr erinnert euch, das waren die Typen von Justice, und wo wir gerade dabei sind: wo sind Justice eigentlich geblieben und wieso machen die keine gute Musik mehr?), hat es nach gefühlten tausend Singles endlich geschafft, tatsächlich ein Video rauszubringen. Pop The Glock (nicht Hot Chick? Nicht Ready To Uff? Wirklich, Uffie? Wirklich?)
Ich finde es übrigens großartig, dass das Video so auf Softporno gemacht ist.
Wenn man bedenkt, dass ich an meinem 19. Geburtstag auf dem Uffie Konzert zur Levis Party im Hafen 2 (Offenbach) war, und das jetzt schon irgendwie genau zwei Jahre her ist, dann macht mir das ein bisschen Angst– wieso zur Hölle bringt die jetzt erst ein Video raus? Ich dachte ja, die wäre tot! Und ich wette, dass mir das jetzt wieder die Ohren vollbluten wird, weil die ganzen MTV-Idioten und Radio-Loyalisten das jetzt erst entdecken. Den Song, meine ich. Und ich darf den ganzen Hype auf Dauer-Rotation nochmal mitmachen. Großartig.
On another note, weil wir es eben von zwei Jahren hatten: Ich bin genau gestern vor einem Jahr nach Berlin gezogen. Also, ich bin jetzt quasi Berlinerin. Ich habe mal irgendwo gelesen, dass die meisten nicht länger als sechs Monate in Berlin bleiben, wenn sie zum Studieren hinziehen. Ich geh hier jedenfalls nicht mehr so schnell weg.