BEST OF: Sommerchemie

Veröffentlicht January 6, 2010

Der Sonne entgegen blicken, und einen Strahl einfangen. Der geht dann durch das Auge, durch die Nerven, da ins Hirn rein, wo es irgendwas ausschüttet, total verrückte Chemiescheisse, die dann ein wunderbares Kribbeln durch den restlichen Körper schickt und ein einziges, winzig kleines aber von Milliarden Zellen verursachtes Lächeln auslöst. Ein einziges Lächeln, unbedeutet in Relation zu einem monströsen Lachen. Aber es wäre schon mal mehr als gar nichts, mehr, als man erwartet hätte, und mehr, als man jemals sonst bekam.

Sommer Chemie

Denn das war letztendlich auch das Problem mit dem Sommer und den Gefühlen und den Schmetterlingen, die immer über die verkackten blöden verliebten Päärchen herumschwirrten, aber nie über einen selbst, weil man kein Päärchen sondern ein Einzelchen war. Und da gab es jetzt auch kein so tolles Lächeln, das man einfangen konnte, weil jeglicher Sonnenstrahl höchstens Hautkrebs und den regelrecht nackten Wahnsinn auslöste. Als hätte es nicht noch gefehlt, dass die Männer jetzt ganz öffentlich ‘ne Latte hatten weil die ganzen Weiber im super engen Tanga-Bikini rumlaufen.

Besonders schlimm war es, wenn man dann auch noch von den anderen einsamen Menschen erfahren musste, dass sie zumindest eine reelle Chance darin verspürten, bald nicht mehr einsam sein zu müssen. Würde ja auch langsam Zeit, dass sich ein geeigneter Partner findet, das passt im Winter nicht, da passt ja wohl wirklich gar nichts, da wird man nur fett und rasiert sich die Beine nicht mehr, aber jetzt, wo die allgemeine Rammelei anfängt, müsste man doch mal daran arbeiten, und siehe da, schon hat man einen willigen Bett- und vielleicht sogar Lebenspartner gefunden. Schon waren es einige einsame Menschen weniger, und plötzlich sitzt man Samstagabend alleine in irgendeiner Bar und guckt sich die anderen Alleine-Menschen an, die genauso alleine und apathisch reingucken wie einer selbst und dann setzt man zum trinken an und merkt dass da jetzt irgendein Arschloch seine Asche ins gute Vodkaglas gefeuert hat. Man trinkt’s aber trotzdem, kann ja nur besser werden, und Asche ist angeblich gut für die Verdauung.

An so einem Abend kann noch so viel Gutes passieren. Man kann im Lotto gewinnen, man kann von allen für irgendwelche Leistungen hochgelobt werden, man kann einem Kind das leben retten oder den High Score bei Pac Man knacken. Ist scheiss egal, wirklich, weil die Chemie im Kopf löst ein bestimmtes Gefühl im Bauch aus, das einfach nur noch kotzen will. Ja. Das ist wie, als würde da im Magen einer stehen und den Magen vollkotzen, und die Kotze breitet sich dann überall aus und plötzlich ist man nichts anderes mehr als unverdauter, völlig ungesunder Fraß, völlig unnütz, am besten das Klo runterspülen und drauf scheissen. Wirklich jetzt.

Jedenfalls, da hatte man im Winter das Problem noch nicht. Da war man zwar einsam und alleine, aber wohlwissend, dass man nicht alleine einsam und alleine war. Da gab es tatsächlich noch Mitspieler im Game, oh ja, Menschen, die absolut Plan davon hatten, wie es einem erging, bis es eben Sommer wurde, und man die emotionale Verkrüppelung nicht mehr auf temporäre Wetterbedingungen schieben konnte. Jetzt war klar: Es liegt an mir selber. Nicht am Wetter. Nicht an den Umständen. Alleine an mir liegt es.

Dann arbeitet man daran, zumindest denkt man das, und wenn man dann glaubt, es endlich geschafft zu haben, guckt man in die Sonne, kriegt Augenkrebs, fällt schreiend auf den Boden, die Schmetterlinge scheissen noch schön auf einen und schließlich verschwindet man im Boden, als wäre man nie dagewesen, man kann den anderen ja auch wirklich nicht das super Wetter verderben jetzt, wäre ja unerhört.

 
 
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