New Brutalism

New Brutalism

Ich wollte über Lil’ Durk schreiben, über Hockeysmith, über Max Graef, über Nire und über so viele andere Leute, aber nein, wenn man nur begrenzt Zeit hat und auf die irrsinnige Idee kommt, sein Zimmer auszumisten (WARUM?!), dann muss man sich entscheiden. Glücklicherweise fiel mir die Entscheidung schließlich nicht schwerer als sonst, denn den ganzen Tag lang beschallte mich bei meiner kurzzeitigen Gehirnapokalypse dieser Rainer Veil. Er ist guter Junge. Wirklich. Und New Brutalism, ein fantastischer Titel sowieso, ist eine ausgezeichnete EP.

Ich kann es nicht so richtig erklären, was mich daran so fasziniert, an diesen düsteren, betonartigen Klängen. Malte, von dem ich diesen unglaublich guten Tipp habe, der hat das viel besser erklärt. Außerdem hat er auch den schöneren Blog mit den besseren Einträgen und einen unfehlbaren Musikgeschmack.

(Hört euch beim Lesen doch bitte den Stream, den man leider nicht einbetten kann, auf Soundcloud an.)

(more…)

February 12th, 2014 Posted in Musik | Comments Off

Blame It On The Molly

Dass Rapper auf Verballerung stehen ist keine Neuigkeit: wie weit sie sich aber in den Themenkomplex der Lifestyledrogen vorgewagt haben, sieht man erst seit dem EDM wie ein überfüllter Wasserballon über den großen Teich explodiert und die Rap-Renaissance im Minutentakt neue leichtfüßige Partymonster aus den Projects gebärt. Wo die Jungs aus dem Gangsters Paradise bisher nur SELBSTGEZÜCHTES OG KUSH oder reines kolumbianisches Puderzucker in ihren durchdachten Lyriks bewarben, sind es mittlerweile vor allem gefühls- und bewusstseinserweiternde Substanzen wie MDMA und LSD, die immerwährend in den Partyzeilen angesagter Popsongs dominieren (mal ganz abgesehen von erfrischenden Codeingetränken oder den unschicklichen Pennerdrogen wie Hero und Crack, die immer mal wieder gewisse Hypes haben um dann wieder dank Todesopfern abzuflachen).

In der NEW YORK TIMES GAB ES EINEN ARTIKEL, DER GENAU DIESES PHÄNOMEN – DROGEN ALS KIND DER ZEIT, ABER INSBESONDERE DEN NEUEN RUN AUF MDMA - beschreibt und erklärt, wieso MDMA fälschlicherweise als “pur” durch die Clubszene gereicht wird und eigentlich nur ein Sinnbild für gewisse Entwicklungen ist. Die Clubszene im Wandel und mit ihr die Drogen.

Liegt der vermehrte Konsum bestimmter Substanzen im Zeichen der Zeit? Sind LSD und “Molly”, der Rufname von MDMA/Ecstacy, nun beliebter, weil die Welt so viel kälter geworden ist und Kokain oder Amphetamine dieses Gefühl nur verstärken würde?

Rick Doblin, the founder of the Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies, which has helped finance MDMA studies since the drug first entered the club scene, put Molly in the context of past drug trends: in the 1960s, he suggested, people searched for deeper spirituality and found LSD; in the ’70s, as hippie culture became mainstream, marijuana entered the suburban household; in the ’80s, COCAINE complemented the extravagance and selfishness of the greed decade; and by the early ’90s, youths dropped out of reality, dancing all night on Ecstasy or slumping in the corner on heroin. MDMA, which in addition to acting as a stimulant also promotes feelings of bonding and human connection, just might be what people are looking for right now.

Die Zeiten der gefühlskalten Banker sind vorbei! Wie THE WEEKND ja schon mit Gefühl, Pein und Leidenschaft besungen hat, geht es auch in der wertentleertesten Partynacht noch um die Verbundenheit zum anderen (wobei der andere in diesem Zusammenhang eine bis drei vollbusige Frauen sind, die verdammt gut aussehen, fast unzurechnungsfähig sind und hauptsächlich vor Extase schreien). Die stellt man dann dank MDMA und Doggystyle-Orgie problemlos hin.

Was so plakativ erscheint ist ja tatsächlich – wie immer – die poetische Suche nach Liebe und Geborgenheit. Erschreckend, oder nur eine neue Perspektive auf ein altbekanntes Ding? Ist doch egal, wer den Konsum proklamiert – ob LCD Soundsystem, Your Favorite Techno DJ oder eben, so ganz nebenbei, irgendwelche Rapper (der wesentliche Unterschied dürfte wohl sein, dass erstere Werbeträger niemals offiziell verlautet haben lassen, dass Drogen dazu gehören, auch wenn es jeder wusste und generell Akzeptanz fand. Letztere hingegen sprechen ein Imperativ aus, das an die Fans raus geht).

Je früher der Konsum ausgereizt wird, desto eher wird keiner mehr Spaß auf dem Dancefloor haben (meine ganz persönliche Prognose). Es wird ja lediglich die Möglichkeit dieser Form von Affekten damit gelebt. Wer immer in relativer Nähe zu diesen Möglichkeiten sein kann – für ein paar Euro, no less – der wird es auch sein. Wer immer friedvoll einschlummern kann, der wird auf die Gelegenheit nicht verzichten – wie etwa beim exzessiven Cannabiskonsum. “Ist ja nur halb so schlimm”, aber es ist eben nicht die komplette Wahrheit. Nur eine Möglichkeit. Und die Gefühle auf dem Floor? Auch nur Möglichkeiten. Sobald die Beschaffungsmaßnahmen zurückgehen und “this molly is currently not available” auf dem Smartphone diktiert wird, versiegt die Party wieder. Ein Trauerspiel für die Oberfläche, ein Aufatmen für all diejenigen, die sich ihre intime Clubatmosphäre zurückwünschen (never ever).

So dient aber die Musikszene, nicht alleine durch die Rapper (aber mit besonderem Verdienst) vor allem als Vermarktungsplattform der angesagten Szenedrogen. Was es macht, wenn nicht mehr lediglich die eingeschworenen Restrealität-Besucher das Zeug nehmen, sieht man dann an seiner kleinen Schwester oder so. Ist ja auch billiger als Koks. Und dann ist es plötzlich in einem ganz neuen Bereich Mainstream und ich frage mich, wann die Pharmakonzerne genug Lobbydruck machen um die Gesetze zu lockern und den Stuff selber zu verbreiten. Ich kann mir da einige gute Werbespots einfallen lassen.

Ein neu gelernter Begriff ist in diesem Zusammenhang besonders interessant: der Wook, ein verwahrloster Hippie-Festivalbesucher, der sich durch die Städte und Drogen schnorrt. Diese oberkörperfreien Typen mit halbabrasierten Dreadlocks die auf Skateboards durch die Gegend pullern und im Sommer niemals Schuhe tragen und manchmal ein bisschen müffeln. Und mit müffeln meine ich: fies abstinken. Jeder hatte mal einen in seiner Klasse, der heute ein Wook ist, ein Wanderer und Streuner. Find ich eigentlich eine recht gut Betitelung, weil sie unabhängig von der Musik zu sein scheint. Sie scheinen sich auch oft in Thailand aufzuhalten.

In jedem Fall wird es langsam aber auch ein bisschen langweilig – STIMMT’S, K.DOt? Bis eine Epidemie der falsch betitelten Pillen ein paar Berghaindruffis umhaut, wird es noch dauern, aber mich würde es nicht wundern wenn beim Splash! ‘n paar Fünfzehnjährige statt Berentzen Apfel lieber 2C-B geknallt haben und umgefallen sind. Und dann schreien wieder alle: That’s why we can’t have nice things!

(By the way: mich würde es nicht wundern, wenn die nächste lyrische Reaktion darauf eine Art Straight Edge Bewegung im Sinne von ODD FUTURE ist; aber eben ein bisschen missionarischer. Zielgruppenmarketing, hallo!)

July 30th, 2013 Posted in (Pop)Kultur | Comments Off

LAMBO

Schön: wie Robbery vorführt, warum Kopien zwar gut funktionieren können, aber dann leider nur noch auf einer parodierenden Ebene.

$VENDETTA hingegen ist an der Aufgabe glorreich gescheitert – genauso wie einige andere Kandidaten auf der Abschussliste “Deutschsprachige Musikkünstler”. Proof of Concept aus den USA klauen – ne, Cro? – samt Marketingstrategie und sich dann wundern, das niemand von Relevanz – also ich – das gut findet. Authentisch wie der Tatort muss es sein, Deutsch bis zum Scheitern, und sich selbst-kritisierend natürlich. Dann glaube ich auch, dass das aus der eigenen Hosentasche gezaubert kommt, dieses Talent und die Innovation “etwas neues zu probieren”. Etwas neues für wen aber? Für wen ist das neu, wenn man einfach nur Texte ins Deutsche übersetzt, ähnliche Beats produziert, denselben Vibe erstellt und damit dann 5000 YouTube-Clicks bekommt?

Da wundert sich doch niemand mehr, dass Agamben tatsächlich behauptet, der Deutsche hat keine Kultur, sondern nur ökonomische Rationalität. Ach, Robbery. Ihr glaube ich noch, dass sie das aus Spaß macht.

Ach, wenn es wenigstens nicht neu, sondern gut wäre! Die deutsche Sprache hätte ja so viel zu geben, aber sie wird dann nur noch auf Abziehbilder aus dem Englischen reduziert. Gottseidank gibt es Haftbefehl.

April 19th, 2013 Posted in Musik | 1 Comment »

A REAL HERO

drive cover ryan gosling

Die herrliche Sprache der Bilder hat das Medium Film-Im-Kino, ein ganzes Konzept des gemeinsamen Starren-Auf-Leinwand, bekräftigt, bestätigt und gerechtfertigt. Zehn Euro für einen kristallklaren Sound, für eine angespannte Atmosphäre, für ein gestochen scharfes Bild und ich habe immer noch das Gefühl, zu wenig gezahlt zu haben (sehr seltener Zustand in meiner Welt, believe brov).

Es ist nicht die Nahaufnahme Ryan Goslings (zugegeben perfekter) Hautpartikel; es ist nicht, wie eigentlich erwartet, die Erzählung, dieser entschleunigte Einblick in eine andere, fremde Welt, die mir so bekannt vorkam- das war es alles nicht (aber auch, quasi zusätzlich). Es war die reine Gewalt der Bilder, die Drive zu diesem einzigartigen Kunstwerk machen, und auch wenn ich nicht für meinen sparsamen Gebrauch mit Superlativen bekannt bin, soll diese Aussage nicht an wert verlieren. Es war die zeitgenössische Ästhetik, eine Mischung aus Heute und Gestern und Morgen, aber in dieser Reihenfolge und dann noch mal rückwärts, die Drive so fesselnd machte- es war die Komposition in formvollendeter Abstimmung mit dem Soundtrack. Es gab keinen Bruch, es gab keine Überraschungen mehr, als der Film erst mal ins Rollen kam, und dennoch waren die Fingernägel in die Sitze gegraben, und dennoch sage ich: Drive ist ein moderner Klassiker. Drive ist das Scarface, auf das meine Generation (sprich: ich) gewartet hat. Ein Ausschnitt, sicherlich, kein Zeitgeist-Objekt, sondern nur die detaillierte Betrachtung einer sehr speziellen und sehr seltsamen Kultur (ganz zu schweigen von der Handlung)… und: Drive hat den Schnittpunkt zwischen Kunst und Unterhaltung verstanden. Drive funktioniert nur im Film; nicht als Geschichte, nicht als Tonabfolge, nicht als Theaterstück. Drive ist nicht nur ein Film, sondern Drive ist für das Medium Film gemacht worden (was sich jetzt, zugegeben, etwas pathetisch und überaus blatant anhört, ist in Wahrheit gar nicht so abwegig: nach all den Sequels, Prequels, Verfilmungen, Fortsetzungen, Remakes und so weiter, ist Drive eine erfrischende Überraschung, die vor allem in Kino dank der großartig umgesetzten (der geradezu PERFEKTEN) Stimmung funktioniert. Filme wie Drive, würde ich behaupten, sind eine Rechtfertigung für den Kinobesuch, genauso etwa wie alle Christopher Nolan Filme sich perfekt in diese Reihe einfügen: Neue Techniken nutzen, um Inhalte darzustellen – und nicht etwa sich Inhalte aus den Fingern saugen müssen, um einen Grund für explodierende Autos zu finden.). Was nicht bedeutet, das Drive keine Verfilmung ist (basierend auf einem Roman, so viel ich weiß) – vielmehr möchte ich sagen, die filmische Umsetzung ist vollständig gelungen, und das macht mich glücklich. Mehr möchte ich von einem Film nicht. Drive spiegelt einfach eine gewisse Macht der filmischen Handwerkskunst wider, die ich überaus gerne nebst all den anderen Faktoren betonen möchte.

Der Punkt, der bei Drive aber im Vordergrund steht, ist immer die Ästhetik; der Style, nicht die tatsächlichen Gefühle oder die Identifikation mit den Rollen. Drive wirkt originell, weil man selten bei einem Film Noir so wenig Noir empfunden hat. Auch das sagt einiges über den Film aus, was ich nicht vollständig als positiv empfinde. Aber das ist mir irgendwie egal; mein Spaß, meine Faszination mögen laienhaft und unbegründet sein und ihr könnt mich für meine Mainstream-Meinung gerne in den Kommentaren zerfetzen, aber ich bin voll Zufrieden.

(Der Drang, Drive hochanalytisch auseinander zu nehmen, in visuellen, kulturellen, philosophischen Kontext zu packen, zu hinterfragen, was welche Elemente bedeuten und wie sie miteinander funktionieren und überhaupt, warum sie so erst VERSTANDEN werden können, ergo welches Wissen der Zuschauer mitbringen muss und wie es das Ergebnis seiner Beurteilung des Filmes verzerrt, wenn er kein Wissen hat, all diese Dinge sind so zweifellos wichtig um schließlich herauszufinden, WARUM Drive so ein guter Film ist. Aber ich will das überhaupt nicht zerbröseln, denn daran werden noch viele Filmstudenten sich den Kopf zerbrechen. Vielmehr war Drive genau der Moment in meinem Leben, in dem ich verstanden habe, was das Abtauchen in fremde Welten, in die Fantasie eines anderen, bedeuten kann, wenn man sich nur darauf einlässt).

February 2nd, 2012 Posted in (Pop)Kultur | 3 Comments »

Rihannas “We Found Love”

Alleine die erste Singleauskopplung des neuen Rihanna Albums zu hören war schon eine kleine, nun ja, bedeutsame Epiphanie (wenn auch nicht unbedingt eine positive). Ich denke, “We Found Love” ist im Lichte aller US-amerikanischer Musikentwicklung der letzten Monate ein perfektes Beispiel für den seelenlosen Untergang der letzten vertrauenswürdigen Bastion: Pop.

Ich habe meinen größten Spaß daran zu beobachten, wie sich Untergrund-Elemente der Musik plötzlich in den Mainstream schleichen, von talentierten Produzenten benutzt und ausgeschlachtet werden und inflationär in jeden (Pop) Song gepackt werden, der sich anbietet. Letztendlich ist vielleicht genau diese Methodik die richtige, um eine Entwicklung (egal ob in Form eines Revivals der 90s oder einer kontemporären Dubstep-Formel) voranzutreiben. Nur: was passiert, wenn auf einmal nicht nur musikalische Elemente des Kompositions-Bausatz ausgetauscht werden, sondern ein ganzer Lifestyle herum konstruiert wird?

Genauer gesagt werden gerade Kulturen auf ganz neuen Ebenen vermischt, die dann von der Musik repräsentiert werden. Wieder würde ich das Internet als Kommunikations- und Ideenkanal dafür beschuldigen, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Vielmehr steht eine ganz gewaltige und unüberwindbare Frage in meinem Kopfraum: Was zur Hölle machen die Amerikaner da?

Calvin Harris produziert einen Song von Rihanna, die in ihrer Person zumindest bis dato für eine Neu-Erfindung der Popmusik stand. Songs wie Pon De Replay oder Umbrella waren unverkennbar Pop und gleichzeitig in ihrer Finesse neu und erfrischend; “We Found Love” hingegen ist – und wir haben hier nicht mal im Ansatz angefangen, über das Video zu reden – vielmehr einer untersten europäischen Schublade entliehen. Die seichten Lyrics waren für einen kitschigen Einstieg in die Gute Laune irgendwie zu erwarten. Alles andere erinnert weniger an einen (und das war ja scheinbar das auditive Ziel) Warehouse Rave als an die Hintergrundbeschallung einer Dorfkirmes, Hauptattraktion “Breakdancer”, der mit “WOLLT IHR NOCH MAL SCHNELL-EEEEEEEEEEEER?” kommentiert wird.

(Das Video ist in Deutschland nicht verfügbar, falls also der Vimeo-Upload bald nicht mehr funktioniert, müsst ihr mal selbst danach googeln)

Nachdem die USA in den letzten Jahren mit all ihren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fehlbarkeiten sich selbst gegeißelt haben und von Europa, dem Mittleren Osten und gar China und Russland als “der kränkelnde Rechthaber” verurteilt wurden, blieb ihnen ja nichts anderes übrig und unter der schweren Last der Wahrheit zusammenzubrechen: wir sind ein Volk ohne Werte, ohne Charme, ohne Stil und ohne Geschmack, alles, was wir können ist Dinge groß ziehen, Sachen kopieren und sie so lange aussaugen bis wir nur noch einen leeren Corpus zurücklassen. Und so schaute man plötzlich nach Europa rüber, um sich inspirieren zu lassen. Der Hipster, der selbst ernannte König aller Kultureliten, reicht in den USA aber leider nicht an die Fähigkeiten eines Franzosen oder eines Engländers heran, denn Kultur, so Leid es mir tut, kann man sich nicht klauen. Man kann sie in einem abgespeckten Paket kaufen und sich dann darin suhlen.. das hat sich auch Rihanna gedacht.

Vintagebriese und Konfettistimmung: “We Found Love” hätte auch mit einem Dubstep-Edit von Skrillex nicht punktueller sein für die zeitgenössische Art, sich an der europäischen Elektro-Dance-Techno Szene zu orientieren. Leider wirkt das Ergebnis für alle (außer für die anscheinend weltfremden Amerikaner) eher befremdlich. Wenn Rihanna, eine der (international) erfolgreichsten Künstlerinnen der Pop Musik, sich an Produktionen herantraut, für die sogar Blümchen sich schämen würde, was passiert dann folglich mit uns? Waren es nicht sogar bisher die Deutschen, die sich hauptsächlich in ihren Charts an die Auswahl des Billboard Magazines gerichtet haben? Wird das jetzt ein Teufelskreis? Wird der “Trancey Keyboard Stargate” Rave wieder zu uns zurückkommen, weil die Popmaschinerie über dem Atlantik es für sich “neu erfunden” hat?

Ich frage mich, ob die Teenager aus NYC und LA verstehen, dass der Rave in Rihannas Video so nicht stattfindet. Man kotzt von einer Überdosis leider keine lustigen Zirkusfarben und man sieht nach dem Feiern leider nicht so gut aus. Die Spielautomaten klingeln dann nicht nach und die Zigaretten schmecken auch nicht gut. Muss ich mir Gedanken darüber machen, dass das Video an Requiem For A Dream angelehnt ist? Muss ich mich ärgern, dass die Kids leider wahrscheinlich nicht verstehen werden, dass es sich hier nicht um ein harmloses Trainspotting handelt? Ist die Ästhetik im Film nicht eigentlich auch schon vier Jahre alt und was ist das jetzt, ein Werk mit FFFFOUND-Ästhetik, oder eines, das für den überheblichen, elitären Europäer eine schlechte Kopie einer von Anfang an schlechten Idee war? Ist das jetzt noch Retro-Pop, oder ist das außerordentlich bescheuert? Sind Festivals in den USA jetzt in? Will man sich jetzt MDMA und Speed schmeißen, um wie in den Londoner Clubs abzugehen?

Irgendwo in mir brodelt die Hoffnung, dass die USA schon bald wieder ihre Souveränität auf dem internationalen Politikparkett wiederfinden, um vielleicht auch ihr popkulturelles Selbstbewusstsein wieder anzustacheln. Mehr Hip Hop aus Compton, bitte, mehr Indie Rock aus Seattle und mehr Popmusik aus Miami, aber eine ganze Zielgruppe zu entwickeln, die sich gehirnlos in nicht-existierende Kulturen verliebt, das ist nicht nachhaltig. Und nur weil sich die Inspirationswege verkürzt haben, heißt das ja nicht, dass man jetzt auch alles machen muss, was die anderen machen. Das soll mal weiterhin den Deutschen überlassen werden.

October 21st, 2011 Posted in Musik | 2 Comments »

Total Recall: Retromania der Musik

Im Guardian (Herz, Seele und Mumu meines Informationsbeschaffungskörpers) ist ein Artikel erschienen, der dieses fanatische “Zurückdenken” und den Retromove in der Musikszene (und begleitetend in Fashion und Kultur als Gesamtbild) beschreibt und wie sich gerade in diesem Bereich zwei Welten gegenüber stehen; einmal die Ibiza-House Maloche, die von David Guetta, dieser Hure, angeführt wurde und bei den Rednecks in den USA gerade einschlägt wie eine Bombe (als ob wir noch mehr Eurotrash Musik gebraucht haben); aber andererseits auch die Indie-Schiene, die sich an 60er Jahre Hippie und Blues und anderem Kram anlehnt.

Retro is not a completely new phenomenon, of course: pop has an extensive history of revivals and creative distortions of the musical past. What is different about the contemporary retromania is the aspect of total recall, instant recall, and exact recall that the internet makes possible. Fans can drown themselves in the entire history of music at no cost, because it is literally all up there for the taking. From YouTube’s archive of TV and concert performances to countless music, fashion, photography and design blogs, the internet is a gigantic image bank that encourages and enables the precision replication of period styles, whether it’s a music genre, graphics or fashion. As a result, the scope for imaginative reworking of the past – the misrecognitions and mutations that characterised earlier cults of antiquity like the 19th-century gothic revival – is reduced. In music especially, the combination of cheap digital technology and the vast accumulation of knowledge about how specific recordings were made, means that bands today can get exactly the period sound they are looking for, whether it’s a certain drum sound achieved by Ringo Starr with help from the Abbey Road technicians or a particular synth tone used by Kraftwerk.

Ein besonders anregender Punkt im Text ist die Frage, an was wir uns eigentlich zurück erinnern, wenn wir in einigen Jahren das Retrospiel auf das 21. Jahrhundert projezieren? Wir werden Bilder haben, die so aussehen, als wären sie vor 20 Jahren geschossen worden, und Musik, die sich so anhört, als wäre sie mindestens 40 Jahre älter als sie ist. Es ist eine Verzerrung der Zeit.

What seems to have happened is that the place that The Future once occupied in the imagination of young music-makers has been displaced by The Past: that’s where the romance now lies, with the idea of things that have been lost. The accent, today, is not on discovery but on recovery. All through the noughties, the game of hip involved competing to find fresher things to remake: it was about being differently derivative, original in your unoriginality.

Und das ist mit Sicherheit jedem schon mal aufgefallen, dieses Gefühl, einen guten (!) Song schon mal gehört zu haben und sich darüber sogar zu freuen. An manchen Tagen jedoch ist man lediglich übersättigt und fragt sich, ob es jemals wieder etwas “neues” geben wird (James Blake und Weeknd waren für mich die einzigen Künstler der letzten Zeit, die im Mainstream/Pop Business zumindest “fresh” gewirkt haben – aber auch das ist alles nicht experimentell, sondern nur ein Zusammenwurf bereits bestehender, neuer und alter Elemente ihrer jeweiligen Genres).

June 24th, 2011 Posted in (Pop)Kultur, Musik | 6 Comments »

Gay Based God

Und da wäre ja noch Lil’ B, der sein neues Album “I’m Gay” nennen möchte – als Hürdenreisser, in einer immer noch sehr konservativen Hip Hop Welt, wo das “no homo” deutlich und fett geschrieben wird. Das US Militär der neuen Welt ist das, und Lil B möchte die Rolle des liberalen Persönlichkeitsbefreier spielen. Alles schön und gut, hätte Lil’ B nicht selber in einigen seiner Songs einige Beschimpfungen auf Homosexuelle abgelassen, aber hey, whatever. Soll er doch, vielleicht bringt es ja was. Die Tatsache, dass Lil’ B leider eher auf der Witzfigur-Seite des Lebens steht, könnte allerdings genau das Gegenteil für die Stellung der Homosexualität im Hip Hop erwirken.

Aber da wäre ich ja auch beim Punkt. Hat sich einer von euch mal ernsthaft einen Song von Lil’ B reingefahren? Das ist ein halluzigener Trip, ich schwöre es euch. Der Typ macht “Based Rap”, wie er es selbst nennt. Daher auch der Name “Based God”. Er hält sich für Gott, was in seiner Sparte – dekonstruktiver, post-Lil Wayne, Charlie Sheen Rap – echt auch nicht schwierig ist.

“Based means being yourself. Not being scared of what people think about you. Not being afraid to do what you wanna do. Being positive. When I was younger, based was a negative term that meant like dopehead, or basehead. People used to make fun of me. They was like, ‘You’re based.’ They’d use it as a negative. And what I did was turn that negative into a positive. I started embracing it like, ‘Yeah, I’m based.’ I made it mine. I embedded it in my head. Based is positive.”

Slate beschreibt das auch ganz gut, dieses “Weirdo” Ding, das sich von Kanye über Nicki Minaj bis Odd Future durchzieht, ein Trend, der mich wieder stark an den sagenhaften Zeitgeist-Paradigmenwechsel Charlie Sheen Artikel von Bret Easton Ellis erinnert, den ich später mal zitieren werde:

One 2010 trend that united pop’s margins and its center was the triumph of the weirdo rapper. Toward the margins, there’s Lil B, a brilliantly warped, post-Lil-Wayne deconstructionist from the Bay Area. He freestyles prolifically and deftly (or, when he feels like it, gloriously ineptly), dabbles in ambient music, extends metaphors so far that they break down and lose any metaphorical component, calls himself a faggot but says he’s not gay, calls himself a bitch, calls himself Hannah Montana, says “fuck Justin Bieber” then says he’s friends with Justin Bieber, compares himself to Aretha Franklin, Matlock, Jesus, Mel Gibson, and even your father. His Blue Flame mixtape is a good place to start exploring his unwieldy catalog.

Alle Beschreibungen dieser Welt werden nicht seinem größten Hit gerecht, nämlich Wanton Soup.

Das, was ich mit Odd Future vielleicht noch gespürt habe – eine gewisse Zuneigung zu den Weirdos, den Außenseitern, weil sie immerhin ihren eigenen Kult erschaffen und auch ein Liking für ihre Musik, kommt bei Lil’ B einfach nicht in Frage. Ist er eine Satire, so wie Die Antwoord? Ein Kunstprojekt, klar nach der Definition: das hier hat einfach keinen Zweck und steht sinnlos im Raum da, auch, wenn man es in erster Linie als Musik erkennt?

Der Typ nimmt sich dabei ernst, das darf man nicht vergessen. Er hat Erfolg, und eine überloyale Fanbase, die er sich selbst mühevoll über diverse MySpace Seiten aufgebaut hat (sein Online Leben ist auf jeden Fall zeitgemäß, der Typ ist besser verknüpft als ich). Das hier ist kein Scherz, das ist auch kein schlechter Hip Hop, weil er nicht rappen kann (kann er nämlich, wie man anhand früherer The Pack Videos sehen kann – nicht unbedingt ein Ausnahmerapper, aber das mit der Technik kann er) – es ist ernstgemeint und es kann Geld machen.

Aber ich bin verwirrt, weil ich aus dem Kreise der Basedrap Fans einfach ausgeschlossen bin. Ich zweifle keine Sekunde daran, dass er Fans hat, die ihm aufgrund seines exzentrischen Wesens treu sind. Charlie Sheen und andere können auch darauf aufbauen, dass sie seltsame Gestalten der Öffentlichkeit sind, die aber dank ihrer Fehlbarkeit auch menschlich wirken und in Zeiten von Internet und Ultraconnection einen gewissen Massenappeal ausstrahlen. Aber ich spreche von der Kaufkraft, Kids, die Lil’ Bs Musik auch ernsthaft hören. Ernsthaft, also auch kommende Künstler nach diesen Maßstäben messen.

To Empire gatekeepers, Charlie Sheen seems dangerous and in need of help because he’s destroying (and confirming) illusions about the nature of celebrity. He’s always been a role model for a certain kind of male fantasy. Degrading, perhaps, but aren’t most male fantasies? (I don’t know any straight men who fantasize about Tom Cruise’s personal life.) Sheen has always been a bad boy, which is part of his appeal—to men and women. There’s a manly mock-dignity about Sheen that both sexes like a lot. What Sheen has exemplified and has clarified is the moment in the culture when not giving a fuck about what the public thinks about you or your personal life is what matters most—and what makes the public love you even more (if not exactly CBS or the creator of the show that has made you so wealthy). It’s a different brand of narcissism than Empire narcissism. Eminem was post-Empire’s most outspoken character when he first appeared and we were suddenly light years away from the autobiographical pain of, say, Dylan’s Blood on the Tracks (one of Empire’s proudest and most stylish moments). It’s not that we’ve moved beyond craft, it’s just that there’s a different kind of self-expression at play—more raw, less diluted.

Notes on Charlie Sheen and the End of Empire

Ich bin wirklich gespannt darauf, wo das hingeht. Hip Hop war einst mal ein lyrisches Wunderwerk und hat sich von da in über tausend Richtungen erstreckt. Ich warte immer noch auf ein Re-Work der Zungenknoten von Dead Prez oder Wu Tang.

Nicht, dass ich davon Ahnung hätte, aber manchmal reicht ja auch ein Lil’ B um einen auf einen Wechsel der Musikkultur aufmerksam zu machen.

April 25th, 2011 Posted in Musik | 2 Comments »

Chiang Mai Province – Waspy

Das mit dem Trekken durch den Dschungel war mir ja bereits vor der Reise sehr suspekt. Möchten sich Menschen wirklich in ihrem Urlaub aktiv, gar sportlich betätigen? Ich gebe mir hier redlich Mühe, sogar vom Reis noch Fett zu werden. Dazu kommt mein derzeitiger Anblick: behaart von Kopf bis Fuß inklusive Medusahaaren, zerstochen und zugeschwollen von wütenden Mücken, halb verbrannte, sich abpellende Schlangenhaut in chamäleonartig sich ändernden Farbtönen, Bangkokschmockpickel im Gesicht, ständig sonnenbedingt schielende Augen, ein kauerndes Humpeln vom tonnenschweren Rucksack und der ewige Gestank, der sich nicht mehr abwaschen lässt. Zu groß also die Gefahr, im Urwald für einen selten hässlichen Big Foot gehalten zu werden. Scheisse, sogar die Ameisen machen mittlerweile einen Umweg, wenn sie mich rollen hören.

Anyway. Trekking. Wenn man denn schon mal in der Nähe von Käfern, Spinnen, Moskitos und anderen wilden Viechern ist und sich noch nicht verausgabt genug fühlt, dann ist es ja nur selbstverständlich, dass man das bequeme Hotel für eine Holzpritsche und akuter Verstopfung aufgibt. Zumindest ist das der allgemeingültige Konsens wenn man Backpacker vom Fach fragt. Das sind übrigens die gleichen Typen, die auch damals in der Schule gefragt haben, ob man denn jetzt endlich die Hausaufgaben abgeben könne, und damit alle anderen in die Scheisse ritten, die sie nicht gemacht hatten. Scheiss CDU-Wähler sind das, elendige.

Zudem kommt, dass “Trekking”, der Begriff selbst, in Thailand verschiedenen Interpretationen geläufig ist. Es kann bedeuten, dass man im Dschungel mit dem Auto durchgekarrt wird, zwischendrin anhält, um einen besonders langweiligen Baum zu betrachten um dann ins hässliche Hotel verfrachtet zu werden oder die strunzdumme Bootsfahrt zu machen. Trekking kann bedeuten, dass man zwanzig Minuten von A nach B läuft um dort seltene Tiere zu sehen, Tiger oder Affen oder Spiderschwein, also irgendwie eine Art Safari in anstrengend. In unserem (gebuchten) Fall hieß Trekking tatsächlich Wandern und wir sahen uns plötzlich mit Schlamm, Bergen und gefühlten zweihundert Kilo auf dem Rücken konfrontiert.

Kurze Story: Hoch und runter, durch Matsch, durch Lehm, wir sind ausgerutscht und haben uns gegenseitig angefaucht und das Wasser in unsere Rachen gekippt, darauf wartend, dass sich diese Qual lohnen würde. Leider blieb der ersehnte Moment aus. Bei so einer verdammten Anstrengung bleibt nicht viel Zeit, sich der Natur zu erfreuen, und wenn man nicht gerade in der Vogel- oder Gekrabbelkunde bewandt ist, kann man mit der Flora und Fauna auch nicht viel anfangen. Die Szenerie wiederholt sich nach wenigen Stunden bereits. Die Wasserfälle sind zwar schön und angenehm kühl, wenn einem die Brühe gerade den Arsch langläuft, aber in diesem speziellen Fall hätte ich mich auch in Elefantenpisse gewälzt und es wäre gut gewesen.

Weiter im Trekkfieber erwartet einen im Dorf auf dem höchsten Berg, den sich die bekloppten Nomaden je aussuchen konnten, das völlig ausgeleierte und bereits zerfressene Moskitonetz über der Knastpritsche, Streunerhunde mit Krätze und lauwarmes Bier. Und dann betankt man sich mit dem Dorfobersten, weil es nichts anderes zu tun gibt, wenn es um 6 Uhr stockeduster wird und man wirklich keine einzige andere Quelle der Unterhaltung findet. Der Dorfoberste ist ein alter Mann in kulturell relevantem Gewand und einer Pfeife im Maul. Ich bin mir nicht sicher, ob die wirklich so rumlaufen (immerhin fahren die auch Roller), oder ob das nur für uns so aufgemacht wurde. Und da fängt für mich die ganze Problematik auch schon an. Man soll die Ureinwohner kennen lernen und verstehen, man kriegt viele Geschichten erzählt, wieso und weshalb und am Ende darf man sogar (!) dem ehrenwerten Herren eloquente Fragen stellen, wie etwa “wieso wohnen Sie eigentlich auf dem Dorf am Sack von Herkules und nicht in der Stadt”? Dabei fällt mir leider bisher immer noch keine gute Begründung dafür ein. ER geht ja auch nicht runter in die Stadt und begafft den modernen Homo Behindertus bei seinem täglichen Kampf gegen das Leben selbst. Der Tourismus spült nötiges Geld ins Dorf, aber ich frage mich, welche Lehre ich für mein persönliches Seelenheil daraus ziehen soll. Mein Gott, ich frage ja auch nicht Frau Hildebrandt aus Villingen-Schwennigen, wieso sie lieber mit Neandertalern zusammenlebt als mit den feschen Leuten aus der Metropole. Ich wander auch nicht durch den Schwarzwald und sammel auf dem Weg interessante Steine. Nennt mich einen Kulturbanause; aber wieso ich das alles jetzt auf einmal in Thailand machen muss, das kommt mir nicht in den Schädel. Ungeachtet dessen war es natürlich eine interessante Erfahrung. Und immerhin weiß ich jetzt, dass ich nicht im Dschungel leben werde. Wenn ich da mal nichts über mich selbst gelernt habe, dann weiß ich auch nicht.

Erwähnenswert ist auch der Ritt auf Elefanten, den wir dank falscher Buchung nun schon zum zweiten Mal machen durften. Lasst euch eines gesagt sein: Elefanten sind keine Gazellen, und bequem sind sie auch nicht, und wenn man auf einem Elefant schon mal geritten ist, hat man alle Elefanten schon mal geritten. Und Kamele, und andere Packtiere. Zumal die Tour nicht gemacht wurde, um als Teil des Trekks von A nach B zu kommen, sondern um halt mal auf Elefanten im Kreis zu reiten. Wie authentisch. Instant-Eingeborene, ein voyeuristischer Einblick in ein Leben, das es nicht gibt, das nur angelehnt an die Vergangenheit konstruiert wurde, um als Abenteuer auf meiner Lebens-To-Do-Liste abgehakt werden zu können. Nicht traurig… aber irgendwie eine sehr nüchterne Erkenntnis.

Um dem ganzen doch noch etwas Positives abzugewinnen (ich habe mich übrigens entschieden, diese Reise durchweg negativ darzustellen, damit ihr nicht so neidisch werdet): zwei Nächte in absoluter Hilflosigkeit zu verbringen schweisst sogar die fremdesten und verfeindetsten Menschen, wie etwa Deutsche und Engländer, zusammen. Und so wundert man gemeinsam bei Trunk und Tabak, wieso man sich freiwillig durch die Pampa führen lässt (und sogar dafür bezahlt). Man schmiedet gemeinsame Reisepläne, bewundert sich gegenseitig für die Ekelresistenz und hat am Ende der Nacht, wenn auch die letzte Dose ausgetrunken wurde, sogar Blutsbrüderschaft geschworen. Best Friends Forever. Das Leben ist schön.

If real life hit her she wouldn’t know what it was…

October 16th, 2010 Posted in Urlaub | 11 Comments »

Tulsa / Teenage Lust

Als ich das erste Mal den Film KIDS sah war ich jünger als die Protagonisten. Trotzdem war alles, was in der erzählten (und sehr intensiv erlebten) Geschichte für mich glasklar greifbar, und kaum so schockierend, wie es wahrscheinlich einst auf ein Kind in der Vorstadt vielleicht gewirkt haben mag.

Im MMK Larry Clarks Photografien zu entdecken war unschuldig, und obwohl ich den Namen selbst nie gehört habe, waren die Fotos ganz klar zuzuordnen, aus derselben Zeit, in dieselbe Situation, mit einem Unterschied: so viele Jahre später bin ich gerührt. Oder bis ins Mark erschüttert. Oder vielleicht auch einfach nur zergangen in Ehrfurcht, so richtig zuordnen lässt sich das nicht.

Zeithistorische Dokumente aus einer faszinierenden Ära voll mit Verlust, Spritzen und viel zu früher Ejakulationen in Schwarz/Weiß. Ich kann meine Faszination nicht in Worte fassen. Larry Clark.

Falls jemand übrigens weiß, wo ich eine große Version des Jungens auf dem letzten Bild (der rechte) herbekommen kann, bin ich für jeden Hinweis sehr dankbar.

September 27th, 2010 Posted in (Pop)Kultur | 1 Comment »

Street History

Ich bin mit Graffiti aufgewachsen. Genauso wie mit E-Mails und mit Billigflügen: es ist selbstverständlich, dass es da ist. Auf Städtereisen habe ich immer lieber die Kunst an Zügen oder Hauswänden fotografiert als die Architektur selbst, und das zieht sich bis heute durch meine Urlausbilder. Als strunzdebile Teenager haben wir in unserem Skater-Freundeskreis oft genug unsere Namen an Hauswände geschmiert, YEAH SARA WAS HERE, aber das hatte für mich (ganz im Gegensatz zu den Profiwerken) nie einen künstlerischen Hintergrund. Ich sah mich selbst als jemanden, der vandaliert, und die coolen Sprayer, die mich jeden morgen mit einem anderen Bild auf dem Schulweg überraschten, waren meine Picassos.

Und eigentlich sehe ich das auch immer noch so: ich differenziere stark zwischen “ey, das sieht gut aus, da hat jemand lange dran gearbeitet und sich Mühe gegeben” und “oh nein, nicht schon wieder so ein Geschmiere”. Erst seit einigen Wochen beschäftige ich mich auch (im Zuge meines auflodernden Interesse an Hip Hop History) mit den Hintergründen dieser Szene, nicht zuletzt auch dank einiger wichtiger Begegnungen mit Menschen die im Graffiti Kreis verkehren.

“S”, werdet ihr jetzt sagen, “du bist behindert. Du wächst mit Skatern auf, du hörst den ganzen Tag nur Rap Musik, aber du weisst nichts über Graffiti außer dass es glitzert im Dunkeln?”und ich werde meinen Kopf in Scham beugen und anfangen Blut zu weinen. Nein, ich weiß nichts über die Graffiti Geschichte. Ich weiß nur dass ich mir heute die Straßenkunst lieber ansehe als irgendwelche halbdadaistischen Furz-Ausstellungen die mich dreißig Euro Eintritt kosten, in denen ich dann sechs Stunden zwischen vermodert riechenden und sterbenden Rentnern stehe.

Gestern habe ich mir Style Wars angeschaut und komm immer noch nicht drauf klar. Vor einigen habe ich mich mit Malte mal darüber gestritten habe, worum es beim Graffiti ging. Er machte mich wütend. Einerseits, weil er das sehr gut kann, und anderseits, weil er zur Behauptung stand dass Graffiti ein Posergeschäft ist, “hey Bitch ich hab den Dicksten”. Langsam sickert das auch in mein Erbsenhirn, auch wenn ich in einem anderen Begriff davon aufgewachsen bin: Graffiti ist nur in zweiter Linie tatsächlich als Kunst zu verstehen. In erster Linie ist es eine Mischung aus Lifestyle, Zugehörigkeit, Attitude und Differenzierung. DAS erst einmal auf die Reihe zu kriegen ist für mich nicht einfach gewesen. Dafür gibt es auch einen sehr guten Grund: zu sagen, Graffiti ist Kunst, rechtfertigt auch die Existenz im Stadtraum. Daher auch immer meine Nachfrage: wieso ist das heutzutage eigentlich noch illegal? Es verschönert doch die Stadt! Klar, das Gekritzel muss verboten werden, aber…

Dabei ging es gerade darum, nicht kulturkonform zu sein ((ihr habt jederzeit das recht einzugreifen, wenn ich mich irgendwo in meinem zweifelhaften Halbwissen verzettele)). Und plötzlich stellt sich für mich eine ganz andere Frage: in welchem Zusammenhang muss man Graffiti heute sehen? Ist es nur noch aufgrund der Gesetze ein Standpunkt der Rebellion und sonst nur kreatives Output, oder sollte man (als Sprayer oder Maler) an sich selbst zuerst noch den ursprünglichen Anspruch der Stadteroberung stellen?

Falls ihr mich jetzt wirklich schlagen wollt, weil ich mein Leben lang so ahnungslos durch die Gegend laufe, dann schiebe ich meine Bildungslücken wieder auf die Tatsache, dass ich wirklich lieber die Dinge so genieße, wie sie kommen, und nicht ständig über alles immer nachdenken und reden möchte was nicht direkt zu meinen “Leidenschaften” gehört. Ich kann nicht malen, ich kann nicht zeichnen, ich kann nicht mal richtig geradeaus schreiben ohne dass es aussieht als wäre gerade ein Baboon elektroschocktherapiert worden. Deshalb war es auch nie wirklich naheliegend, mich damit auseinanderzusetzen. Daran hat sich sogesehen nichts geändert- außer mein Umfeld, und die Tatsache, dass ich immer mehr das Gefühl verspüre, dringend mal “ICH WAR HIER” auf alles zu schreiben, was mir in die Quere kommt. Die Psychologie dahinter mag zwar meine (zugegeben unzulängliche) Allgemeinbildung überschreiten, aber irgendwie erscheint mir das sehr, sehr menschlich: der Kampf gegen die Vergänglichkeit, der Schrei nach Aufmerksamkeit, die Angst, in den Treibsandmassen an bedeutungslosen und nichtserschaffenden und langweiligen und ungesehenen Menschen unterzugehen.

Vielleicht ist Graffiti ein Parallelausdruck zum Blog oder zu Twitter, vielleicht sogar in direkter Abhängigkeit, vielleicht überzeichne ich das alles auch wieder. Wie dem auch ist: ich verliere mich darin, und nichts fasziniert mich augenblicklich mehr als die Geschichte jener Kultur, die meiner Generation das Standbein zur Ignoranz gegeben hat. Tut mir leid dafür übrigens, Jungs. Ich hol das jetzt mal nach.

(Auf dem Plan stehen übrigens noch Wild Style, Beat Street, Breakin’, Krush Groove, Whole Train, Tougher Than Hell, wer noch Empfehlungen hat darf gerne beisteuern)

August 18th, 2010 Posted in (Pop)Kultur | 7 Comments »