Die herrliche Sprache der Bilder hat das Medium Film-Im-Kino, ein ganzes Konzept des gemeinsamen Starren-Auf-Leinwand, bekräftigt, bestätigt und gerechtfertigt. Zehn Euro für einen kristallklaren Sound, für eine angespannte Atmosphäre, für ein gestochen scharfes Bild und ich habe immer noch das Gefühl, zu wenig gezahlt zu haben (sehr seltener Zustand in meiner Welt, believe brov).
Es ist nicht die Nahaufnahme Ryan Goslings (zugegeben perfekter) Hautpartikel; es ist nicht, wie eigentlich erwartet, die Erzählung, dieser entschleunigte Einblick in eine andere, fremde Welt, die mir so bekannt vorkam- das war es alles nicht (aber auch, quasi zusätzlich). Es war die reine Gewalt der Bilder, die Drive zu diesem einzigartigen Kunstwerk machen, und auch wenn ich nicht für meinen sparsamen Gebrauch mit Superlativen bekannt bin, soll diese Aussage nicht an wert verlieren. Es war die zeitgenössische Ästhetik, eine Mischung aus Heute und Gestern und Morgen, aber in dieser Reihenfolge und dann noch mal rückwärts, die Drive so fesselnd machte- es war die Komposition in formvollendeter Abstimmung mit dem Soundtrack. Es gab keinen Bruch, es gab keine Überraschungen mehr, als der Film erst mal ins Rollen kam, und dennoch waren die Fingernägel in die Sitze gegraben, und dennoch sage ich: Drive ist ein moderner Klassiker. Drive ist das Scarface, auf das meine Generation (sprich: ich) gewartet hat. Ein Ausschnitt, sicherlich, kein Zeitgeist-Objekt, sondern nur die detaillierte Betrachtung einer sehr speziellen und sehr seltsamen Kultur (ganz zu schweigen von der Handlung)… und: Drive hat den Schnittpunkt zwischen Kunst und Unterhaltung verstanden. Drive funktioniert nur im Film; nicht als Geschichte, nicht als Tonabfolge, nicht als Theaterstück. Drive ist nicht nur ein Film, sondern Drive ist für das Medium Film gemacht worden (was sich jetzt, zugegeben, etwas pathetisch und überaus blatant anhört, ist in Wahrheit gar nicht so abwegig: nach all den Sequels, Prequels, Verfilmungen, Fortsetzungen, Remakes und so weiter, ist Drive eine erfrischende Überraschung, die vor allem in Kino dank der großartig umgesetzten (der geradezu PERFEKTEN) Stimmung funktioniert. Filme wie Drive, würde ich behaupten, sind eine Rechtfertigung für den Kinobesuch, genauso etwa wie alle Christopher Nolan Filme sich perfekt in diese Reihe einfügen: Neue Techniken nutzen, um Inhalte darzustellen – und nicht etwa sich Inhalte aus den Fingern saugen müssen, um einen Grund für explodierende Autos zu finden.). Was nicht bedeutet, das Drive keine Verfilmung ist (basierend auf einem Roman, so viel ich weiß) – vielmehr möchte ich sagen, die filmische Umsetzung ist vollständig gelungen, und das macht mich glücklich. Mehr möchte ich von einem Film nicht. Drive spiegelt einfach eine gewisse Macht der filmischen Handwerkskunst wider, die ich überaus gerne nebst all den anderen Faktoren betonen möchte.
Der Punkt, der bei Drive aber im Vordergrund steht, ist immer die Ästhetik; der Style, nicht die tatsächlichen Gefühle oder die Identifikation mit den Rollen. Drive wirkt originell, weil man selten bei einem Film Noir so wenig Noir empfunden hat. Auch das sagt einiges über den Film aus, was ich nicht vollständig als positiv empfinde. Aber das ist mir irgendwie egal; mein Spaß, meine Faszination mögen laienhaft und unbegründet sein und ihr könnt mich für meine Mainstream-Meinung gerne in den Kommentaren zerfetzen, aber ich bin voll Zufrieden.
(Der Drang, Drive hochanalytisch auseinander zu nehmen, in visuellen, kulturellen, philosophischen Kontext zu packen, zu hinterfragen, was welche Elemente bedeuten und wie sie miteinander funktionieren und überhaupt, warum sie so erst VERSTANDEN werden können, ergo welches Wissen der Zuschauer mitbringen muss und wie es das Ergebnis seiner Beurteilung des Filmes verzerrt, wenn er kein Wissen hat, all diese Dinge sind so zweifellos wichtig um schließlich herauszufinden, WARUM Drive so ein guter Film ist. Aber ich will das überhaupt nicht zerbröseln, denn daran werden noch viele Filmstudenten sich den Kopf zerbrechen. Vielmehr war Drive genau der Moment in meinem Leben, in dem ich verstanden habe, was das Abtauchen in fremde Welten, in die Fantasie eines anderen, bedeuten kann, wenn man sich nur darauf einlässt).
Ab sofort findet ihr mich auf dem neuen adidas Projekt “News For Original Girls” als Berliner Außenstelle. Ich weise explizit darauf hin, dass vor allem viele meiner Kolleginnen großartige Persönlichkeiten verkörpern und ein drüber lesen wert sind. Danke für diese Gelegenheit, die immerhin schon alte Freundschaften hat wieder aufleben lassen (“Ey! Kennste mich noch? Wir haben mal zusammen studiert! Ich hab dein Bild auf dem Blog von Palina gefunden! Schön dich wieder zu sehen!”).
Unser Netzwerk an Autorinnen, die aufmerksam und kreativ durchʼs Leben gehen, ermöglicht uns, täglich frische News, herausragende Artikel und einzigartige Reportagen zu servieren. Wir nehmen euch mit hinter die Kulissen von Events, Festivals und Shootings, sorgen für authentische Looks und sprechen mit jungen Künstlern, die etwas zu sagen haben. Dazu zeigen wir die schicksten Pieces aus der aktuellen adidas Originals Women Kollektion, kombinieren Tagesoutfits und setzen sie in stilvollen Fashion-Shoots in einen neuen Kontext. Wir haben keine Angst vor Ironie und das im Auge, was andere übersehen.
Die Macher der Plattform haben sich auf jeden Fall hohe Ansprüche auf die Stirn geschrieben – ich hoffe, durch meine Teilnahme genau dazu beitragen zu können. Ich freue mich über euer Feedback dazu. Dieser Versuch meinerseits hat mich auch lange ins Grübeln darüber gebracht, inwiefern man seinen Namen auf einem gebrandeten Vertikal zur Verfügung stellen sollte, aber die Gedanken darüber möchte ich an einer anderen Stelle noch mal betonen. Hebt euch also was das betrifft euer Feedback erst mal auf. Erst Mal muss ich nämlich noch mal in diesem Leben dazu kommen, für anstehende Klausuren zu lernen…
Meine Eltern sind in einer eher zweifelhaften Diktaktur aufgewachsen, die ihnen jeglichen Spaß am Leben verbieten wollte. Sie hatten kein fundamentales Problem mit ihrer Kultur oder gar ihrem Land, dafür vergleichsweise nicht viel und deshalb gingen sie nach Europa. Für ein besseres Leben. Für sich und anschließend auch für ihre Kinder.
Sogesehen sind meine Eltern in den späten 80er Jahren das Äquivalent zu der deutschen Nachkriegsgeneration gewesen. Sie arbeiteten hart und belohnten sich mit dem überaus strapazierten Konsum von Fleisch. Jeden Tag gab es mindestens ein kleines Lamm zu essen. Sie besaßen nagelneue Audis und waren erpicht darauf, alles zu besitzen, bevor sie wieder in eine Diktatur mussten (man weiß ja nie)- und am besten so wenig wie möglich von ihrem Sparschwein abzunagen. Das machte sie zu paradoxen, sparwütigen, couponnutzenden Geizhälse, die gleichzeitig aber Geld verschwendeten als wäre es im Grundgesetz verankert.
Die Angst-Gier ist auch in mich verpflanzt worden (im Zweifelsfall sind ja auch immer die Eltern schuldig). Ich bin heute ein schlecht geknotetes Bündel aus Messi-Strukturen, Burn-Out Potenzial und Umsonst-Horder. Letzteres bezeichnet die Art von Mensch, die auf Events geht um Goodie Bags voller Nippes und Ramsch abzugreifen. Ich bin der typische Messebesucher, der dann nach Hause zu seinen Kindern kommt und erst Mal werbebedruckte Gummibärentüten, Kullis und Wandkalender-Poster verteilt. WAS KOSTENLOS IST, KANN NICHT SCHLECHT SEIN!
Mit dieser Einstellung habe ich an der Universität meinen Hort des überflüssigen Konsums gefunden. Denn Studenten der Geisteswissenschaften, die ärmsten Säue des Landes, werden an der Uni noch wie Menschen mit Bedürfnissen behandelt.
Sie kriegen eine ganze Wundertüte voller zielgruppengerechter Häppchen vorgesetzt. Sie ist bedruckt wie eine Cornflakes Packung, mit bunten Bildchen und ganz viel Text, den man in den strunzlangweiligen Vorlesungen über Makroökonomie, Werbung und Konsum, die Marx’schen Prinzipien und die Psychologie des Menschen aufsaugen kann. Die Tüten enthalten kleine Snacks, manchmal auch Bier, um den sozial unangesehenen Entzug kurzzeitig zu überbrücken, oder einen kleinen Red Bull Shot, damit man die Augen noch aufkriegt. Die wissenschaftlich geprägte Fachzeitschrift “Maxi” ist auch dabei, sie bildet unsere Akademiker vor allem auf dem Klo aus, wenn er mal wieder so richtig hart scheissen muss und leider kein Lexikon der menschlichen Organe zur Hand hat.
In der Zeit stellte ein kluger Autor die Frage, wo denn eigentlich die Intellektuellen in Europa abgeblieben sind. Wisst ihr, die sitzen im Hörsaal und freuen sich darauf etwas geschenkt zu bekommen. Hauptsächlich eine Tüte voller Scheisse, die eines Tages vielleicht verantwortlich für die Abholzung unseres Regenwaldes und für die Marketing-Verblendung selbst unserer größten “Denker” ist. Aber ich bleibe bei meiner zwanghaften Fremdbestimmung und bewege mich im selben Strom der dümmlichen Studentenhorden: WAS KOSTENLOS IST, KANN NICHT SCHLECHT SEIN! Und so werde auch ich mir beim nächsten Mal wieder das Tütchen holen, einerseits, um mich vordergründig elitär darüber aufzuregen, dass so etwas überhaupt produziert wird, andererseits (und vielleicht auch nur heimlich), weil hey, da ist ja ein Bleistift drin für den ich kein Geld ausgeben musste. Yay.
Dieser kleine Kampf zwischen dem individuellen und dem gesellschaftlichen Geist wird in mir persönlich ja desöfteren ausgetragen. Am Ende gewinnt immer eine gewisse Ironie. Ein Individuum, dass sich zwar der Problemstellung seiner Gegenwart “bewusst” ist, sich aber nicht dagegen auflehnen will/kann. Ein “Bewusstsein” zu entwickeln ist für mich dahingehend mindestens genauso leer, wie keines zu haben, wenn dieses Bewusstsein keine Veränderungen erzwingt. Im Gegenteil. Man versinkt in einem hoffnungslosen Zynismus. Dann lieber zu seiner ambivalenten Machtlosigkeit gegenüber des Konsums stehen, die Hände ausbreiten und so viel materialistischen Regen wie möglich auffangen versuchen.
Alleine die erste Singleauskopplung des neuen Rihanna Albums zu hören war schon eine kleine, nun ja, bedeutsame Epiphanie (wenn auch nicht unbedingt eine positive). Ich denke, “We Found Love” ist im Lichte aller US-amerikanischer Musikentwicklung der letzten Monate ein perfektes Beispiel für den seelenlosen Untergang der letzten vertrauenswürdigen Bastion: Pop.
Ich habe meinen größten Spaß daran zu beobachten, wie sich Untergrund-Elemente der Musik plötzlich in den Mainstream schleichen, von talentierten Produzenten benutzt und ausgeschlachtet werden und inflationär in jeden (Pop) Song gepackt werden, der sich anbietet. Letztendlich ist vielleicht genau diese Methodik die richtige, um eine Entwicklung (egal ob in Form eines Revivals der 90s oder einer kontemporären Dubstep-Formel) voranzutreiben. Nur: was passiert, wenn auf einmal nicht nur musikalische Elemente des Kompositions-Bausatz ausgetauscht werden, sondern ein ganzer Lifestyle herum konstruiert wird?
Genauer gesagt werden gerade Kulturen auf ganz neuen Ebenen vermischt, die dann von der Musik repräsentiert werden. Wieder würde ich das Internet als Kommunikations- und Ideenkanal dafür beschuldigen, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Vielmehr steht eine ganz gewaltige und unüberwindbare Frage in meinem Kopfraum: Was zur Hölle machen die Amerikaner da?
Calvin Harris produziert einen Song von Rihanna, die in ihrer Person zumindest bis dato für eine Neu-Erfindung der Popmusik stand. Songs wie Pon De Replay oder Umbrella waren unverkennbar Pop und gleichzeitig in ihrer Finesse neu und erfrischend; “We Found Love” hingegen ist – und wir haben hier nicht mal im Ansatz angefangen, über das Video zu reden – vielmehr einer untersten europäischen Schublade entliehen. Die seichten Lyrics waren für einen kitschigen Einstieg in die Gute Laune irgendwie zu erwarten. Alles andere erinnert weniger an einen (und das war ja scheinbar das auditive Ziel) Warehouse Rave als an die Hintergrundbeschallung einer Dorfkirmes, Hauptattraktion “Breakdancer”, der mit “WOLLT IHR NOCH MAL SCHNELL-EEEEEEEEEEEER?” kommentiert wird.
(Das Video ist in Deutschland nicht verfügbar, falls also der Vimeo-Upload bald nicht mehr funktioniert, müsst ihr mal selbst danach googeln)
Nachdem die USA in den letzten Jahren mit all ihren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fehlbarkeiten sich selbst gegeißelt haben und von Europa, dem Mittleren Osten und gar China und Russland als “der kränkelnde Rechthaber” verurteilt wurden, blieb ihnen ja nichts anderes übrig und unter der schweren Last der Wahrheit zusammenzubrechen: wir sind ein Volk ohne Werte, ohne Charme, ohne Stil und ohne Geschmack, alles, was wir können ist Dinge groß ziehen, Sachen kopieren und sie so lange aussaugen bis wir nur noch einen leeren Corpus zurücklassen. Und so schaute man plötzlich nach Europa rüber, um sich inspirieren zu lassen. Der Hipster, der selbst ernannte König aller Kultureliten, reicht in den USA aber leider nicht an die Fähigkeiten eines Franzosen oder eines Engländers heran, denn Kultur, so Leid es mir tut, kann man sich nicht klauen. Man kann sie in einem abgespeckten Paket kaufen und sich dann darin suhlen.. das hat sich auch Rihanna gedacht.
Vintagebriese und Konfettistimmung: “We Found Love” hätte auch mit einem Dubstep-Edit von Skrillex nicht punktueller sein für die zeitgenössische Art, sich an der europäischen Elektro-Dance-Techno Szene zu orientieren. Leider wirkt das Ergebnis für alle (außer für die anscheinend weltfremden Amerikaner) eher befremdlich. Wenn Rihanna, eine der (international) erfolgreichsten Künstlerinnen der Pop Musik, sich an Produktionen herantraut, für die sogar Blümchen sich schämen würde, was passiert dann folglich mit uns? Waren es nicht sogar bisher die Deutschen, die sich hauptsächlich in ihren Charts an die Auswahl des Billboard Magazines gerichtet haben? Wird das jetzt ein Teufelskreis? Wird der “Trancey Keyboard Stargate” Rave wieder zu uns zurückkommen, weil die Popmaschinerie über dem Atlantik es für sich “neu erfunden” hat?
Ich frage mich, ob die Teenager aus NYC und LA verstehen, dass der Rave in Rihannas Video so nicht stattfindet. Man kotzt von einer Überdosis leider keine lustigen Zirkusfarben und man sieht nach dem Feiern leider nicht so gut aus. Die Spielautomaten klingeln dann nicht nach und die Zigaretten schmecken auch nicht gut. Muss ich mir Gedanken darüber machen, dass das Video an Requiem For A Dream angelehnt ist? Muss ich mich ärgern, dass die Kids leider wahrscheinlich nicht verstehen werden, dass es sich hier nicht um ein harmloses Trainspotting handelt? Ist die Ästhetik im Film nicht eigentlich auch schon vier Jahre alt und was ist das jetzt, ein Werk mit FFFFOUND-Ästhetik, oder eines, das für den überheblichen, elitären Europäer eine schlechte Kopie einer von Anfang an schlechten Idee war? Ist das jetzt noch Retro-Pop, oder ist das außerordentlich bescheuert? Sind Festivals in den USA jetzt in? Will man sich jetzt MDMA und Speed schmeißen, um wie in den Londoner Clubs abzugehen?
Irgendwo in mir brodelt die Hoffnung, dass die USA schon bald wieder ihre Souveränität auf dem internationalen Politikparkett wiederfinden, um vielleicht auch ihr popkulturelles Selbstbewusstsein wieder anzustacheln. Mehr Hip Hop aus Compton, bitte, mehr Indie Rock aus Seattle und mehr Popmusik aus Miami, aber eine ganze Zielgruppe zu entwickeln, die sich gehirnlos in nicht-existierende Kulturen verliebt, das ist nicht nachhaltig. Und nur weil sich die Inspirationswege verkürzt haben, heißt das ja nicht, dass man jetzt auch alles machen muss, was die anderen machen. Das soll mal weiterhin den Deutschen überlassen werden.
Ich sitze im ICE, auf der unerschwinglichen, teuren Fahrt in Richtung Heimat – wo ich herkomme, wo ich aufgewachsen bin. Dieser Ort könnte jeder in (West-)Deutschland sein, eine Vorstadt, ein Reihenhaus, eine unbeschwerte Kindheit mit darauff olgend pseudo-rebellischer Jugend. Die Sonne scheint als Ausnahme in diesem Sommer durch die schmutzigen Fenster des augenscheinlich schleichenden Hochgeschwindigkeitszuges, aber weil das Leben und die Entspannung nicht vollkommen sind, wird das alles von dem Geruch stinkender Füße meiner temporären Fahrgemeinschaft untermalt.
Es ist Ramadan. Wenn ich mich an meine Kindheitsjahre zurückerinnere, so war das die schönste Zeit des Jahres. Mal war es kalt, mal war es warm, der Ramadan kommt und geht nämlich mit dem Mond und seinem Kalender. Die meisten meiner Mitschüler und auch viele Lehrer haben nicht verstanden, wieso ein neunjähriges Mädchen so wehement Essen und Trinken ablehnte – sie war doch so jung! Wie konnten ihre Eltern sie nur zu so etwas zwingen! Aber natürlich haben mich meine Eltern nie gezwungen. Die Pflicht des Fastens fängt erst viel später an, wenn man seine Mündigkeit (als Frau beginnt das, sobald man seine Periode bekommt) erreicht hat.
Meine Mutter hat das immer sehr gut gemacht, wie ich heute finde. Sie hat uns die Schönheit des Ramadan vorgelebt, obwohl ich noch nie in einem arabischen/islamischen Land zu dieser Zeit war (zumindest kann ich mich nicht mehr daran erinnern). Sie erzählte uns die wunderbaren Geschichten aus dem Koran, abenteuerliche und moralische Abhandlungen im Leben des Propheten und seinen Anhängern. Sie las uns vor, sie betete mit uns. Sie erzählte uns auch davon, wie es war, in Syrien zu fasten: dass die Leute jeden Abend feierten, die ganze Familie zusammen saß und sich nah war, dass Gott und die Engel einen hörten und der Teufel im Ramadan keine Gelegenheit bekam, sich zu nähern. Sie brachte uns die für deutsche Verhältnisse – also auch für die Verhältnisse ihrer Kinder – fremde Kultur näher, indem sie diverse Bräuche vermischte: im Ramadan gab es für uns einen Adventskalender, den sie selbst füllte. Für jeden Tag, den wir fasteten (oder den wir nicht fasteten – schließlich ging es nur um die Mühe, nicht um die Qual) gab es ein kleines Geschenk. Wenn man einen Tag lang nichts isst, dann freut man sich über jedes Stückchen Schokolade.
Und sie kochte wie eine Weltmeisterin, sie lud Freunde ein, wir wurden eingeladen. Zum Fastenbrechen – wir nennen es Eid al Fitr – gab es auch Bescherung, eben wie an Weihnachten. Für uns war dieses Eid auch viel größer als das eigentliche Äquivalent zu Weihnachten, dem Eid al Itha, weil wir ja auch viel mehr Arbeit investierten. Wir waren stolz, wenn wir unsere Geschenke öffneten: stolz darauf, wie die Erwachsenen “dazu” zu gehören. Stolz auch, dass Allah uns nun weiter oben auf seiner Hitliste der gutgläubigen Moslems zählen würde, auch wenn wir nicht immer so gutgläubige Moslems waren. Im Ramadan, so in etwa unsere Auffassung, wurden die Karten neu gemischt. Der kollektive Traum im Islam ist dann dazu die Reise nach Mekkah, wo alle Sünden – theoretisch – weggewaschen werden können. Selbstverständlich muss man die Reise aber auch so meinen, und sich von ganzen Herzen ändern wollen.
Als ich älter, rebellischer, unkonformer, unsicherer, ungläubiger wurde, weil mir diese Kulturdifferenzen in einer viel zu komplexen Welt mit ihren ganzen Vorurteilen und Schwierigkeiten einfach über den Kopf gewachsen sind, legte ich in meinem Frust den ganzen Glauben zur Seite. Ich bin definitiv über zu viele Grenzen getreten. Wenn ich jetzt zurückblicke, dann müsste ich als Moslem wohl einige Fahrten nach Mekka machen, und hätte bestimmt ein ganzes Jahr fasten müssen, um die verfehlten Ramadantage nachzuholen.
Das wissen meine Eltern natürlich nicht. Sie ahnen es vielleicht, in der Hoffnung, dass ich meinen Weg zurück finde. Sie beten zu Gott und stellen keine Fragen, weil wir eines Tages reuemütig und mit gesenktem Haupt beichten werden – aber immerhin geläutert. Ich weiß nicht, was die Zukunft für mich bereit hält, ich kann nur zurückblicken und behaupten, ich weiß, was mir in der Vergangenheit gefehlt hat.
Meine ganze Distanzierung vom Thema Religion und meiner arabischen Herkunft rührt nicht aus einem Hass her oder einer viel größeren Nähe zur deutschen, westlichen Kultur. Aber meine Eltern haben in ihren Bemühen, uns so gut wie möglich an IHREM alten Leben teilhaben zu lassen, und dennoch unser eigenes Leben in Deutschland zu führen, gegen Windmühlen gekämpft. Zu zweit waren sie zu schwach gegen Kindergarten, Schule, Freunde. Auch ihre eigenen Freunde, die arabische oder islamische Gemeinschaft in unserer unmittelbaren Umgebung, war nicht gerade vorzeigbar. Umso mehr haben wir uns in unseren jährlichen Sommerferien auf die Verwandten und Bekannten in Damaskus gefreut, die uns viel näher waren. Unsere Cousins spielten Playstation, sie hörten Hip Hop Musik und haben auch mal Schimpfwörter benutzt. Der Islam war dort ein Bestandteil ihrer Kultur, kein zentraler Fokuspunkt wie für uns in Deutschland in der islamischen Schule und zu den allwöchentlichen Freitagsgebeten.
In Damaskus gibt es keine Vertrauenslehrer, sondern Imame. Das ist ganz normal, dass man dort bei einem Streit oder jeglichem Konflikt erstmal den religiösen Mittelsmann aufsucht. Hier, in Deutschland, war Religion aber ernster als das: man musste sich immer zusammenreissen, nicht irgendwelchen Reizen zu erliegen, wurde immer ermahnt, bloß nicht den “westlichen” Sünden nachzugehen. Natürlich ist es schwieriger, wenn man woanders lebt. Aber nicht die Sünde war fremd, sondern die seltsamen Gewohnheiten und die Aufforderungen, die von türkischen Stammeshäupten in ernsthafter Miene übertragen wurden. In einem Sommercamp für islamische Mädchen, irgendwo in Nordhessen, wurde ich mit vierzehn Jahren ständig dafür kritisiert, dass ich kein Kopftuch trage. Ich sagte ihnen, dass meine ganze Verwandtschaft kein Kopftuch trage und trotzdem seien alle gute Moslems. Sie lachten mich aus.
Das Gefühl von Zugehörigkeit ist so unglaublich wichtig, um das zu erkennen, brauche ich heute definitiv kein Soziologiestudium. Ich merke es innerhalb meines jetzigen Freundeskreises. Was den Islam angeht – oder meine arabische Herkunft im Generellen – fehlte mir immer diese Zugehörigkeit. Familie reicht nicht. Die Moschee, weit weg von meinem Wohnort, die einzige arabischsprachige Moschee im Umkreis, wurde hauptsächlich von Leuten besucht, die nicht in Reihenhäusern, sondern in Plattenbauten wohnten. Sie kamen auch nicht aus Syrien, sondern hauptsächlich aus Marokko. Aber für eine syrische Moschee reicht die Anzahl der Gemeinde einfach nicht aus. Und so fehlte mir immer ein erheblicher Teil meiner Kultur, der Heimat meiner Eltern, den sie so notdürftig mit dem, was da war, zu ersetzen versuchten.
Leider trieb es mich immer weiter davon weg. Ich endete zu meiner Pubertät in einer Krise, die ich keinem Jugendlichen auf der Welt wünsche, nämlich voll in der Frage: werden mich meine Eltern lieben, wenn ich ihnen sage, dass ich ihr Volk nur von außen, niemals von innen betrachten werden kann? Dass ich ihre Kultur und Religion zwar annehme – aber niemals so umsetzen werde, wie sie es sich vorstellen? Das formuliert sich jetzt alles sehr unspektakulär, aber mit fünfzehn oder sechzehn Jahren habe ich diese Fragen noch anders gestellt: lieben mich meine Eltern noch, wenn ich ihnen sage, dass ich nicht an ihren Allah glaube? Dass ich mich für ein anderes Leben entschieden habe? Werden sie mich hassen, werden sie mich verurteilen, sich für mich schämen, werden sie mich verlassen, schlagen oder sogar ermorden?
Ich bin meinen Eltern dankbar für die Aufmerksamkeit und die Zeit, die sie in mich investiert haben – ohne diese Arbeit könnte ich heute nicht die Sprachen sprechen, die ich spreche. Die zwei Stühle, die sie mir hinstellten, sind im Endeffekt das beste gewesen, was mir passieren konnte – aber eben erst im Nachhinein. Mir fällt natürlich auch erst viel später auf, dass sie auch nur Menschen sind, fehlbar, gutmütig aber eben auch mit Makeln, die Allah vielleicht gerne übersieht, weil sie fleißig fasten, immer spenden und fünf Mal am Tag beten. Sie werden vom Schicksal bestraft, aber nie so hart, dass sie es nicht – mit gutem Glauben – in die nächste Runde schaffen. Und ich möchte ihnen diesen Glauben nicht nehmen, niemals. Dazu gehört aber auch, mit dem ICE nach Hause zu fahren und mein Leben in der Hauptstadt, zumindest teilweise, zurück zu lassen. Ich vertraue meinen Eltern und ihrer Liebe und Fürsorge und Zuneigung mehr, als sie sich wahrscheinlich selbst vertrauen. Im Falle dessen, sie finden etwas über meinen dubiosen Lebensstil heraus (Mutter, falls du eines Tages auf diesen Blog stoßen solltest: ich bin nicht drogenabhängig und gehe auch nicht auf den Strich, keine Sorge, und ich verdiene mein Geld nicht im Casino und esse auch ganz bestimmt kein Schweinefleisch!), dann werden sie weinen und enttäuscht sein und ich werde weinen und mich vor ihnen schämen, aber ich werde auch erleichtert sein. Ich scheitere nicht mehr an dem Gedanken, dass sie womöglich niemals für das auf mich stolz sein könnten, auf das andere, deutsche Eltern längst stolz wären: diese Maßstäbe gab es für mich nie. Ich hatte nicht mehr Hürden zu überwinden, nur andere. Sie werden zu Gott beten und darauf hoffen, dass er mich besucht, mich läutert und zu einem besseren Menschen macht.
Aber das ist das, was mich auch immer zu ihnen nach Hause zurück kehren lässt: sie werden hoffen und für mich beten. Sie werden mit mir schimpfen und versuchen, mich auf die gute Seite des Lebens zu ziehen. Vielleicht werden wir nicht mehr miteinander reden – es würde mir das Herz brechen, und ich würde alles dafür geben, es ihnen in meinen Grenzen recht zu machen. Deshalb fahre ich im Ramadan zu ihnen, bete und faste mit ihnen, sitze am Küchentisch und erzähle von achtzig Prozent meines Lebens und höre mir ihre Geschichten über den Propheten an. Weil sie mich, trotz der Scheisse, die ich in ihren Augen baue, immer lieben werde. Und damit unterscheidet sie nichts mehr von den anderen Eltern dieser Welt.
Im Guardian (Herz, Seele und Mumu meines Informationsbeschaffungskörpers) ist ein Artikel erschienen, der dieses fanatische “Zurückdenken” und den Retromove in der Musikszene (und begleitetend in Fashion und Kultur als Gesamtbild) beschreibt und wie sich gerade in diesem Bereich zwei Welten gegenüber stehen; einmal die Ibiza-House Maloche, die von David Guetta, dieser Hure, angeführt wurde und bei den Rednecks in den USA gerade einschlägt wie eine Bombe (als ob wir noch mehr Eurotrash Musik gebraucht haben); aber andererseits auch die Indie-Schiene, die sich an 60er Jahre Hippie und Blues und anderem Kram anlehnt.
Retro is not a completely new phenomenon, of course: pop has an extensive history of revivals and creative distortions of the musical past. What is different about the contemporary retromania is the aspect of total recall, instant recall, and exact recall that the internet makes possible. Fans can drown themselves in the entire history of music at no cost, because it is literally all up there for the taking. From YouTube’s archive of TV and concert performances to countless music, fashion, photography and design blogs, the internet is a gigantic image bank that encourages and enables the precision replication of period styles, whether it’s a music genre, graphics or fashion. As a result, the scope for imaginative reworking of the past – the misrecognitions and mutations that characterised earlier cults of antiquity like the 19th-century gothic revival – is reduced. In music especially, the combination of cheap digital technology and the vast accumulation of knowledge about how specific recordings were made, means that bands today can get exactly the period sound they are looking for, whether it’s a certain drum sound achieved by Ringo Starr with help from the Abbey Road technicians or a particular synth tone used by Kraftwerk.
Ein besonders anregender Punkt im Text ist die Frage, an was wir uns eigentlich zurück erinnern, wenn wir in einigen Jahren das Retrospiel auf das 21. Jahrhundert projezieren? Wir werden Bilder haben, die so aussehen, als wären sie vor 20 Jahren geschossen worden, und Musik, die sich so anhört, als wäre sie mindestens 40 Jahre älter als sie ist. Es ist eine Verzerrung der Zeit.
What seems to have happened is that the place that The Future once occupied in the imagination of young music-makers has been displaced by The Past: that’s where the romance now lies, with the idea of things that have been lost. The accent, today, is not on discovery but on recovery. All through the noughties, the game of hip involved competing to find fresher things to remake: it was about being differently derivative, original in your unoriginality.
Und das ist mit Sicherheit jedem schon mal aufgefallen, dieses Gefühl, einen guten (!) Song schon mal gehört zu haben und sich darüber sogar zu freuen. An manchen Tagen jedoch ist man lediglich übersättigt und fragt sich, ob es jemals wieder etwas “neues” geben wird (James Blake und Weeknd waren für mich die einzigen Künstler der letzten Zeit, die im Mainstream/Pop Business zumindest “fresh” gewirkt haben – aber auch das ist alles nicht experimentell, sondern nur ein Zusammenwurf bereits bestehender, neuer und alter Elemente ihrer jeweiligen Genres).
Übrigens auch so eine Sache: was soll die ganze Negativität, die man kreativen Menschen an die Fresse wirft? Also, nicht, dass ich die erste bin die sich diese Frage stellt, aber was ist so reizend an der Anonymität des Internets, immer mal wieder den Klugscheisser raushängen zu lassen? Das wurde schon gemacht, die Musik ist scheisse, wo kommen wir hin, alles Spasten, das sieht Kacke aus, du schreibst wie ein Amateur. Im Publikum stehen nur Hype-Opfer, auf der Bühne stehen nur Vollpfosten, in der Gallerie hängt nur Scheisse, dein Text ist mir zu literarisch, ihr seid doch alle dumm.
Sicherlich bin ich die erste, die sich mal über Leute, Dinge und Tatsachen beschwert, aber alter, mir ist es zehn Mal lieber, jemand würde schlechte Kunst machen, als sich die Pulsadern aufzuritzen weil er dafür ständig von irgendwelchen Asis, die es selber nicht besser wissen (und genug Zeit im Leben haben, das zu einer Aufgabe zu machen), kritisiert zu werden. Sorry, man, aber hört auf abzuhaten, weil ihr Dinge nicht versteht oder toll findet, gerade im Popkulturellen Sinne. Scheisse, weil jemand Erfolg hat, ist er ein Sellout, und weil man Glück hat, wird man plötzlich zum Opportunisten. Man, zieht euer Ding durch. Lasst euch von niemandem sagen was ihr cool zu finden habt und was nicht, es wird immer jemanden geben, der glaubt, er dürfte Beleidigen und Kritik verteidigen, weil er zu Hause vor seinen Internetpornos vereinsamt und die rechte Hand nicht mehr richtig funktioniert. Fuck the haters, alter. Nico und ich drehen das Ding schon wieder in die richtige Richtung. Spread the Word.
Und da wäre ja noch Lil’ B, der sein neues Album “I’m Gay” nennen möchte – als Hürdenreisser, in einer immer noch sehr konservativen Hip Hop Welt, wo das “no homo” deutlich und fett geschrieben wird. Das US Militär der neuen Welt ist das, und Lil B möchte die Rolle des liberalen Persönlichkeitsbefreier spielen. Alles schön und gut, hätte Lil’ B nicht selber in einigen seiner Songs einige Beschimpfungen auf Homosexuelle abgelassen, aber hey, whatever. Soll er doch, vielleicht bringt es ja was. Die Tatsache, dass Lil’ B leider eher auf der Witzfigur-Seite des Lebens steht, könnte allerdings genau das Gegenteil für die Stellung der Homosexualität im Hip Hop erwirken.
Aber da wäre ich ja auch beim Punkt. Hat sich einer von euch mal ernsthaft einen Song von Lil’ B reingefahren? Das ist ein halluzigener Trip, ich schwöre es euch. Der Typ macht “Based Rap”, wie er es selbst nennt. Daher auch der Name “Based God”. Er hält sich für Gott, was in seiner Sparte – dekonstruktiver, post-Lil Wayne, Charlie Sheen Rap – echt auch nicht schwierig ist.
“Based means being yourself. Not being scared of what people think about you. Not being afraid to do what you wanna do. Being positive. When I was younger, based was a negative term that meant like dopehead, or basehead. People used to make fun of me. They was like, ‘You’re based.’ They’d use it as a negative. And what I did was turn that negative into a positive. I started embracing it like, ‘Yeah, I’m based.’ I made it mine. I embedded it in my head. Based is positive.”
Slate beschreibt das auch ganz gut, dieses “Weirdo” Ding, das sich von Kanye über Nicki Minaj bis Odd Future durchzieht, ein Trend, der mich wieder stark an den sagenhaften Zeitgeist-Paradigmenwechsel Charlie Sheen Artikel von Bret Easton Ellis erinnert, den ich später mal zitieren werde:
One 2010 trend that united pop’s margins and its center was the triumph of the weirdo rapper. Toward the margins, there’s Lil B, a brilliantly warped, post-Lil-Wayne deconstructionist from the Bay Area. He freestyles prolifically and deftly (or, when he feels like it, gloriously ineptly), dabbles in ambient music, extends metaphors so far that they break down and lose any metaphorical component, calls himself a faggot but says he’s not gay, calls himself a bitch, calls himself Hannah Montana, says “fuck Justin Bieber” then says he’s friends with Justin Bieber, compares himself to Aretha Franklin, Matlock, Jesus, Mel Gibson, and even your father. His Blue Flame mixtape is a good place to start exploring his unwieldy catalog.
Alle Beschreibungen dieser Welt werden nicht seinem größten Hit gerecht, nämlich Wanton Soup.
Das, was ich mit Odd Future vielleicht noch gespürt habe – eine gewisse Zuneigung zu den Weirdos, den Außenseitern, weil sie immerhin ihren eigenen Kult erschaffen und auch ein Liking für ihre Musik, kommt bei Lil’ B einfach nicht in Frage. Ist er eine Satire, so wie Die Antwoord? Ein Kunstprojekt, klar nach der Definition: das hier hat einfach keinen Zweck und steht sinnlos im Raum da, auch, wenn man es in erster Linie als Musik erkennt?
Der Typ nimmt sich dabei ernst, das darf man nicht vergessen. Er hat Erfolg, und eine überloyale Fanbase, die er sich selbst mühevoll über diverse MySpace Seiten aufgebaut hat (sein Online Leben ist auf jeden Fall zeitgemäß, der Typ ist besser verknüpft als ich). Das hier ist kein Scherz, das ist auch kein schlechter Hip Hop, weil er nicht rappen kann (kann er nämlich, wie man anhand früherer The Pack Videos sehen kann – nicht unbedingt ein Ausnahmerapper, aber das mit der Technik kann er) – es ist ernstgemeint und es kann Geld machen.
Aber ich bin verwirrt, weil ich aus dem Kreise der Basedrap Fans einfach ausgeschlossen bin. Ich zweifle keine Sekunde daran, dass er Fans hat, die ihm aufgrund seines exzentrischen Wesens treu sind. Charlie Sheen und andere können auch darauf aufbauen, dass sie seltsame Gestalten der Öffentlichkeit sind, die aber dank ihrer Fehlbarkeit auch menschlich wirken und in Zeiten von Internet und Ultraconnection einen gewissen Massenappeal ausstrahlen. Aber ich spreche von der Kaufkraft, Kids, die Lil’ Bs Musik auch ernsthaft hören. Ernsthaft, also auch kommende Künstler nach diesen Maßstäben messen.
To Empire gatekeepers, Charlie Sheen seems dangerous and in need of help because he’s destroying (and confirming) illusions about the nature of celebrity. He’s always been a role model for a certain kind of male fantasy. Degrading, perhaps, but aren’t most male fantasies? (I don’t know any straight men who fantasize about Tom Cruise’s personal life.) Sheen has always been a bad boy, which is part of his appeal—to men and women. There’s a manly mock-dignity about Sheen that both sexes like a lot. What Sheen has exemplified and has clarified is the moment in the culture when not giving a fuck about what the public thinks about you or your personal life is what matters most—and what makes the public love you even more (if not exactly CBS or the creator of the show that has made you so wealthy). It’s a different brand of narcissism than Empire narcissism. Eminem was post-Empire’s most outspoken character when he first appeared and we were suddenly light years away from the autobiographical pain of, say, Dylan’s Blood on the Tracks (one of Empire’s proudest and most stylish moments). It’s not that we’ve moved beyond craft, it’s just that there’s a different kind of self-expression at play—more raw, less diluted.
Ich bin wirklich gespannt darauf, wo das hingeht. Hip Hop war einst mal ein lyrisches Wunderwerk und hat sich von da in über tausend Richtungen erstreckt. Ich warte immer noch auf ein Re-Work der Zungenknoten von Dead Prez oder Wu Tang.
Nicht, dass ich davon Ahnung hätte, aber manchmal reicht ja auch ein Lil’ B um einen auf einen Wechsel der Musikkultur aufmerksam zu machen.
Ich kann den (gefühlsmäßigen) Drang zur Professionalisierung derzeit in meinem Umfeld nicht nachvollziehen. Gerade in ewas kreativen Gefilden – so wie etwa dem Bloggen/Schreiben, Webdesign/Mediengestaltung, Fotografieren, und vielen anderen Dingen. Selbstverständlich ist es schön, sich sein Geld und damit seine Sicherheit im Leben mit etwas zu verdienen, dass einem Spaß macht und vielleicht sogar auch liegt. Aber für mich kommt das fast nicht in Frage.
Gerade heute, wo wir viele Freiheiten haben, uns mit neuen (und auch alten) Technologien eigenständig umzuschauen und Horizonte zu versetzen, macht es natürlich auch Sinn, in vielen Gewässern mal abzutesten ob man auch darin schwimmen kann und nicht erfroren untergeht. Ich habe das an einigen meiner mittlerweile erfolgreichen Freunden beobachten können, die sich ausprobierten um festzustellen: hey, das ist was für mich. Das will ich machen. Nichts anderes: nur das.
Ich schreibe für mein Leben gerne, aber ich habe überhaupt kein Bedürfnis, das zu meinem Standbein im Leben zu machen. Ich freue mich darüber, wenn es in seltenen Augenblicken auch etwas abwirft… aber nicht unbedingt, weil es notwendig ist, sondern weil es zufällig ist. Viele Blogger allerdings haben diesen seltsamen Business-Aspekt im Blick, aber die Wahrheit ist: nein, ein Blog hat nicht die Konsequenz, durch Erfolg auch zu einem vielgelesenen Magazin zu werden. Und das muss er auch nicht.
Meine Freude am Fotografieren wird mir oft von arroganten Pennern genommen, die mich an jeder Stelle kritisieren: hey, das sieht scheisse aus, oder hier, da kennst du dich aber auch noch nicht genug aus. Und wie, du kennst den-und-den nicht, der ist super berühmt, also wenn du das schon nicht weisst, wird das mit dir ja nie was in der Branche. Hä? Wer hat denn je behauptet, dass ich in irgendeine Branche will? Ich will fotografieren, das mache ich auch. Wenn ich Lust habe, mich zu belesen, weil ich besser werden möchte, dann mache ich das in meiner Freizeit auch. Erst letztens habe ich eine Diskussion überhört, die mich extrem genervt hat: es ging darum, wie ätzend es ist, dass heutzutage jeder Spast mit seinem iPhone irgendwelche App-Fotos macht und damit alles so generisch wirkt – anstatt sich mal mit Fotografie auseinanderzusetzen, anstatt mal eine richtige Kamera ohne diese scheiss Effekte zu kaufen, und so weiter.
Ich sehe das völlig anders: ich freue mich, wenn auch Leute, die sich noch nie mit soetwas auseinandergesetzt haben, einen Spaß an Kreativität entdecken und einfach drauf los machen. Das gilt für Blogger und für Fotografen und für Webdesigner und für Hobbysportler. Geht ja auch keiner in den Verein um eines Tages Geld damit zu verdienen. Scheisse, und wenn jemand nebenher gerne Matheaufgaben löst, dann soll er das tun, und es erwartet auch keiner, dass er Astronaut wird.
Warum ich darüber nachdenke: ich bin zur Zeit in Überlegungen vertieft, wie meine Zukunft aussehen soll. Ich bin noch nicht bei der genetischen Zusammensetzung meiner perfekten Kinder angelangt, da sind noch einige Jahre, die mit Plänen gefüllt werden müssen. Ich würde mir gerne die Zeit nehmen, in den nächsten paar Jahren noch an meiner vergänglichen Schönheit zu zehren und lieber zur Uni gehen als wie die letzten zwei Jahre stramm für eine doch aufgegebene Karriere zu arbeiten. Wenn ich das gegenüber Bekannten erwähne, dann heisst es immer: ganz klar, du schreibst doch so gerne, dann schreib doch ein Buch! Oder studiere Literaturwissenschaften! Journalismus! Irgendwas mit Medien! Aber ich verstehe das nicht.
Ich verstehe nicht, wieso ich mich durch ein Studium quälen soll, was mir im schlechtesten Falle das versaut, was ich gerne mache (weil es zur Aufgabe wird), und im besten Fall einfach uninspirierend wird, weil ich mich mit nichts mehr umgebe, worüber ich tatsächlich schreiben kann. Irgendwie hat das doch was destruktives. Ich kann doch erstmal etwas machen, dass ich nicht gerne mache, weil ich es nicht kann. Ich will etwas lernen, meinen Horizont erweitern. Wenn ich dann immer noch (darüber) schreiben will, dann hält mich nichts davon ab.
Kids, lasst euch nicht den Spaß nehmen von irgendwelchen nörgelnden Profis, die meinen, sie hätten sich durchgesetzt. Das inflationäre Aufgebot unserer professionellen Kreativwelt ist so lächerlich wie auch überflüssig, und am Ende kommt man doch nicht ganz groß raus, weil man sich ständig nur in einem Feld bewegt. Wie es schon Jan Delay mal gesagt hat:
“Wer Hip Hop macht aber nur Hip Hop hört betreibt Inzest”
Das mit dem Trekken durch den Dschungel war mir ja bereits vor der Reise sehr suspekt. Möchten sich Menschen wirklich in ihrem Urlaub aktiv, gar sportlich betätigen? Ich gebe mir hier redlich Mühe, sogar vom Reis noch Fett zu werden. Dazu kommt mein derzeitiger Anblick: behaart von Kopf bis Fuß inklusive Medusahaaren, zerstochen und zugeschwollen von wütenden Mücken, halb verbrannte, sich abpellende Schlangenhaut in chamäleonartig sich ändernden Farbtönen, Bangkokschmockpickel im Gesicht, ständig sonnenbedingt schielende Augen, ein kauerndes Humpeln vom tonnenschweren Rucksack und der ewige Gestank, der sich nicht mehr abwaschen lässt. Zu groß also die Gefahr, im Urwald für einen selten hässlichen Big Foot gehalten zu werden. Scheisse, sogar die Ameisen machen mittlerweile einen Umweg, wenn sie mich rollen hören.
Anyway. Trekking. Wenn man denn schon mal in der Nähe von Käfern, Spinnen, Moskitos und anderen wilden Viechern ist und sich noch nicht verausgabt genug fühlt, dann ist es ja nur selbstverständlich, dass man das bequeme Hotel für eine Holzpritsche und akuter Verstopfung aufgibt. Zumindest ist das der allgemeingültige Konsens wenn man Backpacker vom Fach fragt. Das sind übrigens die gleichen Typen, die auch damals in der Schule gefragt haben, ob man denn jetzt endlich die Hausaufgaben abgeben könne, und damit alle anderen in die Scheisse ritten, die sie nicht gemacht hatten. Scheiss CDU-Wähler sind das, elendige.
Zudem kommt, dass “Trekking”, der Begriff selbst, in Thailand verschiedenen Interpretationen geläufig ist. Es kann bedeuten, dass man im Dschungel mit dem Auto durchgekarrt wird, zwischendrin anhält, um einen besonders langweiligen Baum zu betrachten um dann ins hässliche Hotel verfrachtet zu werden oder die strunzdumme Bootsfahrt zu machen. Trekking kann bedeuten, dass man zwanzig Minuten von A nach B läuft um dort seltene Tiere zu sehen, Tiger oder Affen oder Spiderschwein, also irgendwie eine Art Safari in anstrengend. In unserem (gebuchten) Fall hieß Trekking tatsächlich Wandern und wir sahen uns plötzlich mit Schlamm, Bergen und gefühlten zweihundert Kilo auf dem Rücken konfrontiert.
Kurze Story: Hoch und runter, durch Matsch, durch Lehm, wir sind ausgerutscht und haben uns gegenseitig angefaucht und das Wasser in unsere Rachen gekippt, darauf wartend, dass sich diese Qual lohnen würde. Leider blieb der ersehnte Moment aus. Bei so einer verdammten Anstrengung bleibt nicht viel Zeit, sich der Natur zu erfreuen, und wenn man nicht gerade in der Vogel- oder Gekrabbelkunde bewandt ist, kann man mit der Flora und Fauna auch nicht viel anfangen. Die Szenerie wiederholt sich nach wenigen Stunden bereits. Die Wasserfälle sind zwar schön und angenehm kühl, wenn einem die Brühe gerade den Arsch langläuft, aber in diesem speziellen Fall hätte ich mich auch in Elefantenpisse gewälzt und es wäre gut gewesen.
Weiter im Trekkfieber erwartet einen im Dorf auf dem höchsten Berg, den sich die bekloppten Nomaden je aussuchen konnten, das völlig ausgeleierte und bereits zerfressene Moskitonetz über der Knastpritsche, Streunerhunde mit Krätze und lauwarmes Bier. Und dann betankt man sich mit dem Dorfobersten, weil es nichts anderes zu tun gibt, wenn es um 6 Uhr stockeduster wird und man wirklich keine einzige andere Quelle der Unterhaltung findet. Der Dorfoberste ist ein alter Mann in kulturell relevantem Gewand und einer Pfeife im Maul. Ich bin mir nicht sicher, ob die wirklich so rumlaufen (immerhin fahren die auch Roller), oder ob das nur für uns so aufgemacht wurde. Und da fängt für mich die ganze Problematik auch schon an. Man soll die Ureinwohner kennen lernen und verstehen, man kriegt viele Geschichten erzählt, wieso und weshalb und am Ende darf man sogar (!) dem ehrenwerten Herren eloquente Fragen stellen, wie etwa “wieso wohnen Sie eigentlich auf dem Dorf am Sack von Herkules und nicht in der Stadt”? Dabei fällt mir leider bisher immer noch keine gute Begründung dafür ein. ER geht ja auch nicht runter in die Stadt und begafft den modernen Homo Behindertus bei seinem täglichen Kampf gegen das Leben selbst. Der Tourismus spült nötiges Geld ins Dorf, aber ich frage mich, welche Lehre ich für mein persönliches Seelenheil daraus ziehen soll. Mein Gott, ich frage ja auch nicht Frau Hildebrandt aus Villingen-Schwennigen, wieso sie lieber mit Neandertalern zusammenlebt als mit den feschen Leuten aus der Metropole. Ich wander auch nicht durch den Schwarzwald und sammel auf dem Weg interessante Steine. Nennt mich einen Kulturbanause; aber wieso ich das alles jetzt auf einmal in Thailand machen muss, das kommt mir nicht in den Schädel. Ungeachtet dessen war es natürlich eine interessante Erfahrung. Und immerhin weiß ich jetzt, dass ich nicht im Dschungel leben werde. Wenn ich da mal nichts über mich selbst gelernt habe, dann weiß ich auch nicht.
Erwähnenswert ist auch der Ritt auf Elefanten, den wir dank falscher Buchung nun schon zum zweiten Mal machen durften. Lasst euch eines gesagt sein: Elefanten sind keine Gazellen, und bequem sind sie auch nicht, und wenn man auf einem Elefant schon mal geritten ist, hat man alle Elefanten schon mal geritten. Und Kamele, und andere Packtiere. Zumal die Tour nicht gemacht wurde, um als Teil des Trekks von A nach B zu kommen, sondern um halt mal auf Elefanten im Kreis zu reiten. Wie authentisch. Instant-Eingeborene, ein voyeuristischer Einblick in ein Leben, das es nicht gibt, das nur angelehnt an die Vergangenheit konstruiert wurde, um als Abenteuer auf meiner Lebens-To-Do-Liste abgehakt werden zu können. Nicht traurig… aber irgendwie eine sehr nüchterne Erkenntnis.
Um dem ganzen doch noch etwas Positives abzugewinnen (ich habe mich übrigens entschieden, diese Reise durchweg negativ darzustellen, damit ihr nicht so neidisch werdet): zwei Nächte in absoluter Hilflosigkeit zu verbringen schweisst sogar die fremdesten und verfeindetsten Menschen, wie etwa Deutsche und Engländer, zusammen. Und so wundert man gemeinsam bei Trunk und Tabak, wieso man sich freiwillig durch die Pampa führen lässt (und sogar dafür bezahlt). Man schmiedet gemeinsame Reisepläne, bewundert sich gegenseitig für die Ekelresistenz und hat am Ende der Nacht, wenn auch die letzte Dose ausgetrunken wurde, sogar Blutsbrüderschaft geschworen. Best Friends Forever. Das Leben ist schön.
If real life hit her she wouldn’t know what it was…