Tulsa / Teenage Lust

Veröffentlicht September 27, 2010

Als ich das erste Mal den Film KIDS sah war ich jünger als die Protagonisten. Trotzdem war alles, was in der erzählten (und sehr intensiv erlebten) Geschichte für mich glasklar greifbar, und kaum so schockierend, wie es wahrscheinlich einst auf ein Kind in der Vorstadt vielleicht gewirkt haben mag.

Im MMK Larry Clarks Photografien zu entdecken war unschuldig, und obwohl ich den Namen selbst nie gehört habe, waren die Fotos ganz klar zuzuordnen, aus derselben Zeit, in dieselbe Situation, mit einem Unterschied: so viele Jahre später bin ich gerührt. Oder bis ins Mark erschüttert. Oder vielleicht auch einfach nur zergangen in Ehrfurcht, so richtig zuordnen lässt sich das nicht.

Zeithistorische Dokumente aus einer faszinierenden Ära voll mit Verlust, Spritzen und viel zu früher Ejakulationen in Schwarz/Weiß. Ich kann meine Faszination nicht in Worte fassen. Larry Clark.

Falls jemand übrigens weiß, wo ich eine große Version des Jungens auf dem letzten Bild (der rechte) herbekommen kann, bin ich für jeden Hinweis sehr dankbar.

 
 

Neverland Ranch

Veröffentlicht August 18, 2010

Unbedingt lesen. Und ich meine unbedingt. Vielleicht ist das der Grund, wieso in Berlin stetig dieser Feenstaub herumwedelt: weil hier niemand erwachsen werden will, und jeder der herkommt, eigentlich nach seiner verlorenen Kindheit sucht (oder seinem Erwachsenwerden aus dem Weg gehen will…).

It’s happening all over, in all sorts of families, not just young people moving back home but also young people taking longer to reach adulthood overall. It’s a development that predates the current economic doldrums, and no one knows yet what the impact will be — on the prospects of the young men and women; on the parents on whom so many of them depend; on society, built on the expectation of an orderly progression in which kids finish school, grow up, start careers, make a family and eventually retire to live on pensions supported by the next crop of kids who finish school, grow up, start careers, make a family and on and on. The traditional cycle seems to have gone off course, as young people remain un tethered to romantic partners or to permanent homes, going back to school for lack of better options, traveling, avoiding commitments, competing ferociously for unpaid internships or temporary (and often grueling) Teach for America jobs, forestalling the beginning of adult life.

 
 

Street History

Veröffentlicht

Ich bin mit Graffiti aufgewachsen. Genauso wie mit E-Mails und mit Billigflügen: es ist selbstverständlich, dass es da ist. Auf Städtereisen habe ich immer lieber die Kunst an Zügen oder Hauswänden fotografiert als die Architektur selbst, und das zieht sich bis heute durch meine Urlausbilder. Als strunzdebile Teenager haben wir in unserem Skater-Freundeskreis oft genug unsere Namen an Hauswände geschmiert, YEAH SARA WAS HERE, aber das hatte für mich (ganz im Gegensatz zu den Profiwerken) nie einen künstlerischen Hintergrund. Ich sah mich selbst als jemanden, der vandaliert, und die coolen Sprayer, die mich jeden morgen mit einem anderen Bild auf dem Schulweg überraschten, waren meine Picassos.

Und eigentlich sehe ich das auch immer noch so: ich differenziere stark zwischen “ey, das sieht gut aus, da hat jemand lange dran gearbeitet und sich Mühe gegeben” und “oh nein, nicht schon wieder so ein Geschmiere”. Erst seit einigen Wochen beschäftige ich mich auch (im Zuge meines auflodernden Interesse an Hip Hop History) mit den Hintergründen dieser Szene, nicht zuletzt auch dank einiger wichtiger Begegnungen mit Menschen die im Graffiti Kreis verkehren.

“S”, werdet ihr jetzt sagen, “du bist behindert. Du wächst mit Skatern auf, du hörst den ganzen Tag nur Rap Musik, aber du weisst nichts über Graffiti außer dass es glitzert im Dunkeln?”und ich werde meinen Kopf in Scham beugen und anfangen Blut zu weinen. Nein, ich weiß nichts über die Graffiti Geschichte. Ich weiß nur dass ich mir heute die Straßenkunst lieber ansehe als irgendwelche halbdadaistischen Furz-Ausstellungen die mich dreißig Euro Eintritt kosten, in denen ich dann sechs Stunden zwischen vermodert riechenden und sterbenden Rentnern stehe.

Gestern habe ich mir Style Wars angeschaut und komm immer noch nicht drauf klar. Vor einigen habe ich mich mit Malte mal darüber gestritten habe, worum es beim Graffiti ging. Er machte mich wütend. Einerseits, weil er das sehr gut kann, und anderseits, weil er zur Behauptung stand dass Graffiti ein Posergeschäft ist, “hey Bitch ich hab den Dicksten”. Langsam sickert das auch in mein Erbsenhirn, auch wenn ich in einem anderen Begriff davon aufgewachsen bin: Graffiti ist nur in zweiter Linie tatsächlich als Kunst zu verstehen. In erster Linie ist es eine Mischung aus Lifestyle, Zugehörigkeit, Attitude und Differenzierung. DAS erst einmal auf die Reihe zu kriegen ist für mich nicht einfach gewesen. Dafür gibt es auch einen sehr guten Grund: zu sagen, Graffiti ist Kunst, rechtfertigt auch die Existenz im Stadtraum. Daher auch immer meine Nachfrage: wieso ist das heutzutage eigentlich noch illegal? Es verschönert doch die Stadt! Klar, das Gekritzel muss verboten werden, aber…

Dabei ging es gerade darum, nicht kulturkonform zu sein ((ihr habt jederzeit das recht einzugreifen, wenn ich mich irgendwo in meinem zweifelhaften Halbwissen verzettele)). Und plötzlich stellt sich für mich eine ganz andere Frage: in welchem Zusammenhang muss man Graffiti heute sehen? Ist es nur noch aufgrund der Gesetze ein Standpunkt der Rebellion und sonst nur kreatives Output, oder sollte man (als Sprayer oder Maler) an sich selbst zuerst noch den ursprünglichen Anspruch der Stadteroberung stellen?

Falls ihr mich jetzt wirklich schlagen wollt, weil ich mein Leben lang so ahnungslos durch die Gegend laufe, dann schiebe ich meine Bildungslücken wieder auf die Tatsache, dass ich wirklich lieber die Dinge so genieße, wie sie kommen, und nicht ständig über alles immer nachdenken und reden möchte was nicht direkt zu meinen “Leidenschaften” gehört. Ich kann nicht malen, ich kann nicht zeichnen, ich kann nicht mal richtig geradeaus schreiben ohne dass es aussieht als wäre gerade ein Baboon elektroschocktherapiert worden. Deshalb war es auch nie wirklich naheliegend, mich damit auseinanderzusetzen. Daran hat sich sogesehen nichts geändert- außer mein Umfeld, und die Tatsache, dass ich immer mehr das Gefühl verspüre, dringend mal “ICH WAR HIER” auf alles zu schreiben, was mir in die Quere kommt. Die Psychologie dahinter mag zwar meine (zugegeben unzulängliche) Allgemeinbildung überschreiten, aber irgendwie erscheint mir das sehr, sehr menschlich: der Kampf gegen die Vergänglichkeit, der Schrei nach Aufmerksamkeit, die Angst, in den Treibsandmassen an bedeutungslosen und nichtserschaffenden und langweiligen und ungesehenen Menschen unterzugehen.

Vielleicht ist Graffiti ein Parallelausdruck zum Blog oder zu Twitter, vielleicht sogar in direkter Abhängigkeit, vielleicht überzeichne ich das alles auch wieder. Wie dem auch ist: ich verliere mich darin, und nichts fasziniert mich augenblicklich mehr als die Geschichte jener Kultur, die meiner Generation das Standbein zur Ignoranz gegeben hat. Tut mir leid dafür übrigens, Jungs. Ich hol das jetzt mal nach.

(Auf dem Plan stehen übrigens noch Wild Style, Beat Street, Breakin’, Krush Groove, Whole Train, Tougher Than Hell, wer noch Empfehlungen hat darf gerne beisteuern)

 
 

Migrationshintergrund 23

Veröffentlicht July 9, 2010

Statistisch gesehen gibt es in Deutschland knapp 30% Menschen mit Migrationshintergrund, Ausländern und Eingebürgerten. 30% von 23 sind knapp 7. In der deutschen Nationalmannschaft finden sich zehn. Drei über dem Durchschnitt, davon ein Eingebürgerter und neun mit Migrationshintergrund.

Überträgt man das wieder auf die Bevölkerung kann man ohne Probleme behaupten, dass Migrationshintergrund das neue Deutsch ist. Daher möchte ich an dieser Stelle auch die in letzter Zeit häufig gestellte Frage beantworten, wieso ich eigentlich nicht meine Brüder aus dem Vaterland (Özil oder Khedira) auf dem Trikot trage, sondern tatsächlich den deutschesten aller Deutschen, nämlich den Müller:

Selbstverständlich um das makellose, fleckenfreie, fehlerbehobene Deutsch im Fußball zu unterstützen. Sonst nehmen die Migrationshintergründler uns auch noch die Plätze elf bis dreiundzwanzig weg. Mir ist dabei natürlich egal, ob es sich um gute oder schlechte Spieler handelt, ob sie in Deutschland geboren sind, wer wann zugewandert ist und sowieso.

In dem aktuellen WM-Kader der Nationalmannschaft, die mich beim Spiel gegen Spanien ja sehr enttäuscht und vor allem bewiesen hat, dass es ohne Müller keine Stabilität gibt (das nur mal so am Rande), gibt es tatsächlich nur einen, der als Eingebürgerter durchgeht: nämlich Cacau. Die anderen neun gelten als Deutsche mit Migrationshintergrund, landläufig immer noch als Ausländer bezeichnet. Neun Spieler, davon sieben in Deutschland geboren und aufgewachsen, zwei, die spätestens zum fünften Lebensjahr in Deutschland waren, Klose, der schon acht war, als er nach Deutschland kam. Jemand, der hier aufwächst, lebt, liebt, zur Schule geht, mit seinen Freunden durch die Straßen zieht und zum Karneval Schlagerkappellen mitgröhlt – wie kann der nicht Deutsch sein?

Wie kann der irgendetwas anderes sein? Wann hatte er denn jemals die Wahl, etwas anderes zu sein? Es gibt nicht mehr nur das eine Deutsch. Es gibt eine Million, und ich bin eins davon, und Özil ist eins davon, und Trochowski, und Müller auch, und Podolski ist halt eins mit Sprachfehler.

Sie nennen uns Ausländer. Ausgesprochen: “Deutsch mit Migrationshintergrund”.

Migrationshintergrund. Wenn es dieses Wort nicht gäbe, wäre ich dann Deutsche?

 
 

Hipster Hop

Veröffentlicht February 9, 2010

Wir befinden uns im Jahre 2010. Millionen von Kids verblöden sabbernd auf den Sofas ihrer Wohnzimmer vor ihren Fernsehern; es laufen Datingshows auf MTV und voyeuristische Trash-Reportagen über die soziale Unterschicht auf Pro 7. Schule ist schon lange aus, Mutti bügelt die Wäsche. Tick. Tock.

Wir sind medial und vor allem musikalisch stecken geblieben, so war zumindest das Gefühl — bis dann plötzlich etwas aus der “elitären” Hipster-Szene entsteht, dass zumindest die virtuelle Generation ein bisschen wachrüttelt: eine Mischung aus Rapmusik mit Qualität, die sich von genrefremden Einflüssen inspirieren lässt. Kann es sein? Ist es so weit? Entwickelt sich auch Sprechgesang jetzt endlich weiter?

Kid Cudi

Es könnte tatsächlich die Zeit gekommen sein. Introducing Hipster Hop: endlich nicht mehr für Hip Hop schämen müssen. Pharrell machte den Anfang als konsequenter Superproduzent, indem er Elemente aus Fashion, Indie und Rap zu einem unkonventionellen Stück Kunst verwandelt, und das fast immer, wenn er an einem Projekt beteiligt ist. Aber Skateboard-P hat fette Unterstützung im Nacken- im Netz entwickelt sich dagegen gerade etwas, dass keine große Unterstützung braucht, um hochzukochen.

Es ist wichtig, Genres jenseits der Stereotypen und endlose Listen von Klischees, über die sie bekannt geworden sind zu erweitern. Hip Hops klimatische Abwandlung und der Attitude-Shift, der damit einher geht, ist definitiv gesund – Künstler agieren aus dem Underground heraus und würfeln Möglichkeiten zusammen, die tatsächlich auch im Mainstream ankommen. Sie hören nebenbei einen Mix über Last.FM während sie party poker spielen und lassen sich von den medialen Weiten inspirieren. Es ist eine interessante Zeit für den Hip Hop und diese Genre-Mixe, sowohl für Produzenten als auch für Künstler.

Mixtapes im ursprünglichen Sinne sind wieder angesagt, es gibt keine Namen im Biz wenn der Flow nicht stimmt, es wird gedroppt und gesaugt in ehrenhafter Low-Budget Produktion, “Living The Dream”: so haben Hipster Hop Vorreiter KiD CuDi und mein persönlicher Favourite, Lupe Fiasco, den größten Teil ihres Fames und schließlich einen Deal gewonnen ((offiziell bezieht sich Hipster Hop ausschließlich auf die Musik, also Rap mit vielen Synth-Einlagen und Typen, die eben wie Hipster aussehen und nicht wie Rapper– für mich ist der Begriff etwas weitläufiger, eher ein “Alternative Rap” Synonym, dass eben in der Ära der Hipster entstanden ist)). Poser und Flasher? Shit yeah, das hat echter Rap so in sich, aber nein, kein Ghetto, keine Waffen, und wenn es um Drogen geht– die haben ehrlich gesagt noch in keinem Genre gestört. Eine Revolution, die sich vielleicht auch im Mainstream durchsetzen wird (wenn es nicht bereits schon so ist–  wer weiß schon noch, was Mainstream ist und was nicht, selbst MTV ist tot. Und ob das gut oder schlecht ist, lasse ich mal so stehen).

Hipster Hop ist gut, weil er der Sprechgesangsfanseele gut tut. Nicht nur, weil er sich vor allem elektronischer Elemente bedient und damit den Inzest in der ganzen Branche bricht (man hat sich ja gefühlt wie bei den Amish im Hip Hop), sondern weil er es erlaubt, “Multikulti” eine ganz neue Bedeutung zu verpassen.

Ich will es so ausdrücken: Hipster Hop ist Symbolbild für eine Wandlung, die sich langsam aber sicher eingeschlichen hat- sicher, keine große Überraschung, kennen wir schon seit dem Erfolg der Arctic Monkeys, das Erbe des Internets ist auch gleichzeitig der Aufstieg der Underdogs. Es gibt keine zentrale Anlaufsstelle mehr für die Verteilung von guter Musik, es sind die Votes der Menschen, die zählen.

Aber ich glaube einfach nicht daran, dass es nur daran liegt. Ich glaube, das Internet liefert die Distributionsmittel und die Möglichkeit der Änderungen, eine Voraussetzung, aber das führt nicht zum zwanghaften Wandel. Man könnte sich weiterhin zurücklehnen und die Medien spielen lassen, doch stattdessen findet man sich in einer Welt voller no-name, no-show Mixtapes wieder, ein Wunderland der Auswahl. Plötzlich findet man sich selbst an einem Mikrofon, will Wellen der Begeisterung auslösen und das schöne ist: man weiß, dass man es kann.

Plötzlich können auch mittelbürgerliche KiDs aus Oklahoma ihre Kunst herausposaunen, herauspoesieren- und eine Fanbase finden. Buenos Aires. Bangkok. Berlin.

Ich glaube fest daran, dass nach all dem Überfluss an stupidem Bullshit, der aus allen Genitalen dieser Welt herausfließt, die Qualität am Ende überleben wird. Weil es nicht anders geht. Das hier ist nicht Idiocracy. Wenn wir uns an Verdummung und Monotonie vollgefressen haben, und wenn wir nur noch mit unzureichender Kulturzufuhr vor uns hinvegetieren, wird sich etwas ändern. Dafür sorg ich schon. Ich und meine Shotgun.

Es kommen Mixtapes, netzweite Distributionsmöglichkeiten und schließlich: die Befreiung. Hipster Hop.

Eigentlich wollte ich nur auf “How To Make It in America” hinweisen, einer neuen HBO-Produktion von Mark Wahlberg, in der KiD CuDi die Hauptrolle spielen soll. HBO + Mark Wahlberg = Entourage, wie ihr sicherlich wisst. Es kann also nur gut sein. Kann man sich bestimmt auch jetzt schon in der BRD anschauen, ich gebe mich vorerst noch mit dem dazugehörigen Mixtape von Kid & DJ Green Lantern zufrieden, eine der besten Compilations, die ich seit langem gehört habe.

Der wohl schönste Track aus dem Tape ist der Titeltrack der Serie selbst, “I Need A Dollar” von Aloe Blacc. Unfassbar, endlich wieder gute Musik. Check it Out:

05 I Need A Dollar

Download: Mixtape How To Make It In America

 
 

Wishlist

Veröffentlicht December 20, 2009

Ich feier kein Weihnachten. Als Kind gläubiger Moslems durften wir einmal im Jahr für knapp 30 Tage hungern und wenige Wochen später zum Dank ein Schaf schlachten, um die blutigen Überreste an arme Menschen zu verteilen. Meine deutschen Freunde Silke und Klaus haben sich in der Zwischenzeit an kleinen Hundewelpen, Holzmöbel und neuen Schulranzen von 4You erfreut. Und ihr fragt euch, warum ich gestört bin.

Später haben meine Brüder und ich uns angewöhnt, an Heiligabend zu McDonalds zu fahren und dort mit den anderen Immigrantenkindern auf drei eintönige Feiertage anzustoßen (die Juden durften nicht, die hatten Hanukkah, aber meistens schimmelten da noch ein paar Chinesen rum. Von denen waren einige auch hundertprozentig Massenmörder oder mindestens Tierquäler, so, wie die von ihren Eltern getriezt wurden. Dabei habe ich mich immer gefragt, was die eigentlich bei McDonalds machten).

Aber nur, weil ich Weihnachten aufgrund der Langweile boykottiere und völlig davon traumatisiert bin, jedes Jahr drei Tage lang aus Mangel an heidnischen Freunden und geschlossenen Etablissements mit meinen Eltern und Brüdern in einem Haus eingesperrt zu sein– jedenfalls, nur weil ich diesem Feiertag gegenüber latent abgeneigt bin, heisst das nicht, dass ich solche Feste des Konsums und Größenwahns wehement ablehne oder gar boykottiere. Mitnichten.

Ich werde zwar ungerne beschenkt (weil ich meine Wutausbrüche unterdrücken muss, wenn man nach unzähligen Bemerkungen einfach nicht verstanden hat, was ich denn eigentlich wollte), habe aber eine Leidenschaft für das Verfassen von Wunschzetteln entwickelt. Von einem komplett möbilierten Traumhaus in ewiger Perfektion bishin zu meiner eigenen H&M-Filiale steht da so einiges drauf. Für das, was halbwegs machbar ist, gibt es Amazon.

Das mit dem Konsum und dem Geld, alles schön und gut. Irgendwann wird es stumpf, weil man vieles von dem, was auf der Liste steht, weder braucht noch eigentlich dringend will. Ich möchte hier keinesfalls behaupten, dass Geld nicht glücklich macht, ich will ja nicht den Eindruck einer sentimentalen alten Trulla erwecken.. aber: es ist zu einfach. Deshalb habe ich letztens eine ganz andere Liste erstellt. Einen Wunschzettel an Dingen, die man sich nicht kaufen kann ((wenn wir ehrlich sind, dann können wir wahrscheinlich alles heutzutage kaufen. Ich möchte damit sagen, dass das Dinge sind, die man sich echt nicht kaufen müssen sollte)). Ich habe es mal in etwa so realistisch gehalten wie bei einem herkömmlichen Wunschzettel, deshalb steht da Weltfrieden und so ein Gesülze nicht drauf. Ich wünsch mir ja auch keinen neuen A5 für meinen Nachbarn.

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Ausdruck

Veröffentlicht November 4, 2009

Lieblingsblogger Jeriko hat ein Stück Blog-History in einem unglaublich schicken PDF konserviert. Es nennt sich “Ausdruck“, und ich erwähne es hier nicht nur, weil auch ein Beitrag von mir drin ist, den ich nicht mehr auf Rechtschreibung und Grammatik überprüfen durfte.

Nicht nur wegen mir, aber hauptsächlich, wohlgemerkt.

Vielen Dank, Jeriko, dass ich ein Teil davon sein sollte. An alle anderen: reinziehen und das letzte bisschen Blogkultur noch miterleben, bevor Twitter die Weltherrschaft übernimmt. Übrigens melde ich mich hiermit als Interessent für eine Printausgabe und bin dafür, dass du eine PayPal-Spendenbox aufmachst.

 
 

Daggering

Veröffentlicht October 11, 2009

Ich bin eine kleine Trendhure in Sachen Musik und Style, das wissen wir ja alle. Ich rede nur über Sex und kann härter Fluchen als die Atzen um 9 Uhr am Kiosk, die gerade ihr sechstes Sonntagsbier und die dritte Currywurst verdauen. Die Leute sagen “S, du bist viel zu hart und viel zu cool für diese Welt!”, und ich sage “Yeaaaah!”

Deshalb war ich auch eine der ersten, die einfach mal steil zum Major Lazor Video zu “Pon De Floor” abgegangen ist. Es erschien mir ziemlich zerstört/verrückt, dieses Dry Humping, dass da abging. Schwarze Hipsterboys und ihre dicken Trullas in grotesken Farben und ziemlich eindeutigen Pumpstellungen… kurzgesagt, ich hatte mein Seelenheil gefunden und wollte in diese Traumwelt reisen. Mein ganz persönliches Eldorado.

Natürlich steckt und meinen muskolösen, behaarten Armen und den Kotletten im Gesicht noch ein bisschen Menschenverstand, und ich sehe ein, dass das Video zwar verrückt und cool, aber in allen Dingen sehr weit von der Realität entfernt ist. Vor allem dieser beknackte Geschlechtsverkehr-2step.

Denkste, S. Denkste.

Denn heute habe ich ein weiteres Video entdeckt. Keine grellen Farben, keine steilen Beats, aber Hipsterboys und ihre fetten Trullas, die “Trockensex” auf ein ganz neues Level bringen. Von Kulturschock kann hier nicht die Rede sein, ich wurde in eine andere Dimension katapultiert. Fuck it, ich geh und gründe meine eigene verdammte Spezies!

Daggering nennt es sich, kommt irgendwo aus der Ecke DomRep, das europäische Touristenloch für alle, die keinen Bock mehr auf Thailand haben. Plötzlich ist mein Traum vom FKK-Tanz kein Traum mehr, und ich dafür leicht angeekelt. Verdammt, haben die im Bett danach genauso viel Spaß? Wieso überspringen sie diesen Volkssport nicht direkt, um in die Kiste zu springen?! WIESO HABEN ALLE MEHR SPASS ALS ICH!

Genug des Amusements. Ich bin entsetzt, erschüttert, wahrlich schockiert. Vor allem, weil die Response auf solche Trends ja doch eher.. hart ist. Ich sage nur: Kinder machen gerne nach, was sie sehen (Geht das eigentlich jetzt als Kinderporno durch? Kriege ich jetzt auch so ein hübsches Stoppschild?) Manchmal werden sie dazu auch animiert. Ob es einen Unterschied macht, wenn ihr ihnen sowieso Krieg spielen beibringen? Ich meine, keiner denkt darüber nach wenn ein Kid mit seinem Finger auf jemanden zeigt und “Bäm!” ruft. Trotzdem, irgendwie kann ich das mit meinen progressiven und lockeren Erziehungsmaßstäben, die ich sorgfältig für meinen eigenen Wurf vorbereitet habe, nicht vereinen, und hoffe dass ich bis dahin einfach noch mehr Toleranz für fortschrittliche Tanzkulturen einräumen kann. Not.

Ich gehe jetzt zurück zu meinem Salsa Kurs, wo ich mich immerhin mit Ü-40 Single Typen wie Michael und Uwe beschäftigen kann, die kaum noch Haare auf dem Kopf haben, grundsätzlich gegen den Takt arbeiten und mich mit ihren schweißigen Händen betatschen. Yeah.

 
 

Tattergreis-Humor

Veröffentlicht September 16, 2009

Karamellbonbons, gehäkelte Topflappen, Nachttöpfe und immer dieses Bild von Leichenschauhaus hinter den Glasaugen: Senioren sind die stärksten Horror-Motive, die ich mir in meiner jungen Welt vorstellen kann. Zombies, Wolfmenschen, Aliens, Psychokiller – anytime. Aber sobald da so ein Hans Maulwurf um die Ecke schneckt und sich in Zeitlupe die Karamellbonbon-Überreste aus dem Gebiss pult geht mir das Arschwasser wie beim besten Thriller nicht ((diese völlig politisch unkorrekten Aussagen stemmen aus meiner eigenen, überwältigenden Angst, eines Tages alt und zittrig zu sein.))

Hans Maulwurf

Aber es kann auch Vorteile haben, zum Gammelfleisch zu gehören. Erstens kann man sich ganz legal den ganzen Tag irgendwelche Pillen schmeissen um besser drauf (oder überhaupt auch nur irgendwie drauf) zu sein, und zweitens hat man eine ganze Ladung alter Wörter, die keiner mehr kennt und einen immer an die großartigen Zeiten erinnern, die man mit Omma und Oppa hatte. Oder vielleicht finde ich das auch nur so toll, weil ich diese Zeiten ausgerechnet nicht hatte, da meine Großeltern fernab von Deutschland geboren sind. Egal.

Jedenfalls bildet die Sprache unserer Seniors eine Art eigenen Rentner-Slang, den ich großartig finde. Die regen sich über die Jugend von heute auf? Die sollten sich mal selbst hören, mit ihrem Muckefuck und Büstenhaltern und Lausebuben. Ich muss zum Beispiel beim Wort “Tattergreis” schon mal ein bisschen furzen vor lachen. Hier eine Liste mit weiteren Goldstücken:

Backpfeife Firlefanz Papperlapapp Schabernack Liebkosen Muffensausen Gemächt Harlekin Luftikus Obacht! Kokolores Potzblitz Donnerwetter! Mumpitz Hottentotten Straßenland Hurtig Trottoir Haudegen Brimborium

    Großartig. Und was gibt’s noch?

     
     
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