Death Proof

Nahtoderlebnisse sollen einem ja dem Märchen nach eine gewisse Lebenslust bringen, insbesondere dann, wenn man schon bis zum Hals in Zynismus und Engstirnigkeit steckt. Nach dem Fast-Tod soll man begeistert, voller Elan und Euphorie aufspringen und die Faust in den Himmel recken und “ICH FICK EUCH ALLE RICHTIG HART” schreien, mit einem wahnsinnigen Lachen, nur mit Krankenhauslappen bedeckt, aus dem Fenster springen und die Welt erobern.

Ich sag euch jetzt mal was: das gilt maximal für die Menschen, die Schmerzen erlitten, den Tod vor Augen gesehen, und mit filmreifer Action davongekommen sind. Menschen, die gefoltert wurden, Menschen, die sich selbst in die Situation verfrachtet haben, Menschen, die durch Erfahrungen rennen mussten, die sie niemals machen wollten und nie wieder machen werden. Ich hingegen fühle mich genauso gut oder schlecht wie vorher, denn mein Nahtoderlebnis war nicht mal im Ansatz so befreiend oder beeinflussend wie die der geläufigen Dramen der Welt.

Ein Nahtoderlebnis mit Nachwirkungen (Epiphanie, Tragik, Schock, Lebenslust, der ganze apokalyptische Kram eben, den man aus Filmen und Literatur und Musik kennt) muss genossen werden. Ein Nahtoderlebnis, das in irgendeiner weise nachwirkt, muss erlebt werden. Ich kann euch eines sagen, Leute: ein allergischer Schock ist weder romantisch noch erwähnenswert und damit quasi fast schon zu bedauern. Jemand, der beim Surfen von einem Hai erwischt wird und sich losreissen kann, der weiß, was das Leben wert ist. Jemand, der in einen schweren Autounfall verwickelt ist, weil er gerne mal einen zu viel trinkt, wird daraus lernen, es nie wieder zu tun. Jemand, der einen allergischen Schock erleidet – also jemand wie ich – fühlt sich einfach nur von Gott und der Welt betrogen, denn niemals gab es eine unwürdigere Form des Nicht-Sterbens, und gar auch noch in einem Flugzeug. Und das alles mit fettem Ausschlag.

In kurzgefasster Form habe ich Australien mit Juckreiz verlassen, der plötzlich seinen Weg über meine Haut ebnete. Nesselsucht wird das in Fachkreisen genannt, Ursprung unbekannt. Mein letzter Allergietest liegt kaum ein Jahr zurück, wozu sich also sorgen machen? Vielleicht waren es auch nur Bisse von böswilligem, australischen Gekreuche. Man weiß es nicht. Man weiß es vor allem immer noch nicht.

Im Flugzeug steigerte sich mein Unwohlsein in ein Fieber, das ich nicht mit dem Ausschlag, sondern mit der Abreise in Verbindung brachte. Nach wenigen Stunden des hin-und-her-herumruckelns in meinem Sitz, merkte ich, dass ich keuchte. Oder vielmehr mein Sitznachbar, der unglaubliche Gary, der aus Borneo kommt, in Australien lebt und chinesische Vorfahren hat, merkte, dass ich keuchte. Er wachte nämlich davon auf. Und fragte mich, ob es mir gut ginge. Ab dann ging alles genau so schnell, dass ich nicht mal mehr Zeit hatte, in Panik zu geraten: ich bekam keine Luft, ich sah aus wie als hätte ich eine seltene Form von Lepra, der zuständige Steward rannte zum Notfallkasten, kramte etwas heraus, setzte mir die Kunst-Adrenalin-Spritze ins Bein und zack war alles wieder so, als wäre niemals etwas passiert. Ich murmelte ein Danke und schlief ein.

Nur das mit dem Aufwachen schien erst mal nicht zu klappen, denn meine Augen öffneten sich erst, als ich schon (4 Stunden später) am Tropf der Flughafenklinik hing. Auch hier setzte weder Angst noch Panik ein, verblüffend, wenn man bedenkt, wie sehr ich das dramatische Ende, dieses ganze Szenario, in meinem Leben schon herbeifantasiert habe. Wie heroisch, zu sterben, wenn man sich für jemanden opfert! Oder unter den Boden gehieft zu werden, weil man für sein Land gekämpft hat und drei Kinder hinterlässt und für immer als Held in den Erinnerungen der liebsten Menschen verbleibt.

An einem allergischen Schock zu Grunde zu gehen, das muss man erst mal verarbeiten. So ein fantastisches Leben, so viel Schönheit, all das für ein bisschen Ausschlag und natürliche Körperabwehrreaktionen verschwendet? Für so einen Abgang würde ich mich doch nur schämen. Haleluja also, das mir dieses Schicksal erspart geblieben ist. Für das nächste Mal habe ich mich bereits informiert und recherchiert, sorgfältig meine letzten (wohlformulierten) Worte ausgewählt und werde versuchen, mich an der Situation festzuhalten, die dann meine letzte im Leben sein soll. Unerwarteter Abgang. Pah, dass ich nicht lache.

February 2nd, 2011 Posted in Urlaub | 13 Comments »

Life of Y

Menschen ziehen an fremde Orte auf der Suche nach einem besseren Leben. Das bessere Leben erweist sich meist in der Reise selbst, zumindest müssen das viele bisher so festgestellt haben, denn es hat sich herumgesprochen und heutzutage ist es normal, ja verdammt noch mal erwartet, dass man den Arsch hochbekommt und weggeht um vielleicht, eventuell, mit Zufriedenheit zurückzukommen, oder, im wortwörtlichen „sehnsüchtigem Sinn“, irgendwo das bessere Leben tatsächlich zu finden.

Ich habe Menschen kennen gelernt, die sind stehen geblieben. Nicht anders, als auch in ihrer Heimat, nur eben woanders. Im seltensten Fall war diese Entscheidung aufgrund von örtlicher Begebenheiten getroffen worden, sondern aufgrund von Umständen; Menschen, die man trifft und die zu Freunden werden, Arbeit, die man schon immer machen wollte und plötzlich (oder zufällig) angeboten wird. Wenn man das Meer und den ewigen Sonnenschein addiert, erscheint einem alles viel einfacher als in, sagen wir mal, Deutschland.

Für mich war (und ist) Berlin ein Ort, der mir vieles beigebracht hat, mir in einer ausschlaggebenden Phase des Lebens bei- oder im Weg stand, aber immerhin immer da war, wenn ich ihn gebraucht habe. Der Grund für meine Reise – und das wird mir jetzt erst klar – ist gar nicht die Flucht gewesen, oder sogar die Suche nach einem besseren Leben. Die Reise war (und ist) ein wohlgeformter, mit dem Zirkel gemalter Kreis, der mich immer wieder ohne Anfang oder Ende nach Berlin zurückbringen wird. Um für immer irgendwo bleiben zu wollen, muss man sich sicher sein, dass man nirgendswo anders sein möchte. Ich dachte, ich könnte mir das per Anhalter durch sieben Kontinente beweisen, mein Herz beweist mir allerdings etwas anderes: die schönen Länder, Städte und Gelegenheiten der Welt verblassen im strahlenden Sonnenschein der fantastischen Begegnungen und der dadurch entstandenen Freundschaften, die damals in Berlin ihren Platz gefunden haben. Meine Freunde und mein Leben, das ich verlassen habe, haben mich nicht verlassen. Niemals. Und mein Heimweh ist keine Sehnsucht nach Sicherheit oder Commitment oder Settlement; mein Heimweh ist pure Liebe und ein Herz, platzend vor Glück, das viel aufnehmen und durchstehen und ertragen kann, ohne jemals aufzuhören für die Menschen zu pochen, die das magische Berlin zu meinem zu Hause gemacht haben.

Ich bin mir bei all dem, mit meinen unglaublich jungen zweiundzwanzigeinviertel Jahren ziemlich sicher. Wieso – diese Frage wird sich wohl kaum jetzt beantworten lassen – fällt es mir also so schwer, von meiner Reise Abschied zu nehmen und nach Hause zu finden? Genauso schwer, wie vor meiner Reise Abschied von meiner Heimat zu nehmen? Oder von meiner Familie, als ich ausgezogen bin? Von meiner Schule, als ich Abitur gemacht habe?

Jede Entscheidung weiterzuziehen wurde bewusst abgewogen, jedes einzelne Mal habe ich mich schlecht gefühlt, nur um nach wenigen Monaten des Durchbeissens an ein Hoch zu kommen, dass ich mir nie erträumt hätte… um dann alles abzubrechen und wieder weiterzumachen. Nur zu gerne würde ich die Ironie des Schicksals für so viele Widersprüche verantwortlich machen, aber ich weiß es viel besser: es muss so sein. Denn wie in jedem Kreis gibt es nicht nur Abschiede, sondern auch Widersehen.

Und auf die freue ich mich ganz besonders.

February 1st, 2011 Posted in Urlaub | 6 Comments »

Zeitmanagement

Dinge, von denen ich glaube, dass ich sie tun würde, wenn ich mehr Zeit hätte:

Mehr Zeitschriften, Romane und verpasste Klassiker lesen, mehr Serien schauen, exotische Filme und beliebtes Kunstkramzeugs nachholen, mehr Ausstellungen besuchen, mich mehr mit Kameras und Fotografie beschäftigen, ein paar Wörter auf Thai lernen, mehr kochen und lernen, wie man einen Kräutergarten züchtet, alte Freunde auf einen Kaffee treffen in einem Stadtteil, den ich nicht kenne, neue Freunde machen, Ideen für bestehende Projekte umsetzen, joggen, mit entfernten Verwandten telefonieren, Bilder bearbeiten, lernen wie man Videos schneidet, lernen wie man Komplimente mit Würde annimmt, mehr mit Politik beschäftigen, mich ehrenamtlich engagieren, Alben, die ich herunterlade, einmal am Stück durchhören, Animal Collective Hype nachvollziehen können, Fixie fahren lernen um auf Menschen jeglichen Geschlechts attraktiv zu wirken, Zähennägel lackieren um auf Menschen jeglichen Geschlechts auch nackt noch attraktiv zu wirken, Sex haben.

Dinge, die ich tatsächlich tun würde, wenn ich mehr Zeit hätte:

Nichts, und schon gar nicht Sex haben.

August 16th, 2010 Posted in Uncategorized | 2 Comments »

Hell Yeah, ich sage nein.

In meinem Feedreader bin ich über einen sehr interessanten und einleuchtenden Artikel gestoßen: No more yes. It’s either HELL YEAH! or no.

When you say no to most things, you leave room in your life to really throw yourself completely into that rare thing that makes you say “HELL YEAH!”

We’re all busy. We’ve all taken on too much. Saying yes to less is the way out.

Der Autor beschreibt Situationen, in denen man sich zwar entscheiden sollte, aber nicht wirklich angetan ist von den Optionen. Zu oft sagt man zu Dingen dann Ja, die mein eigentlich gar nicht so überzeugend findet. Es muss nicht unbedingt eine falsche Entscheidung gewesen sein; aber es raubt einem Kraft, Energie, Zeit, wenn man sich ständig nur mit 70% Qualität begnügt, obwohl man genauso gut einfach mal Nein sagen könnte.

Und so kommt man zu einer gewissen Moral: Wenn es mich nicht voll umhaut und ich vor Ekstase stöhne, dann sage ich einfach Nein. Ein Beispiel:

“Hey, lass uns Sex haben!”

Vorher: “Ähh… okay, ich hab ja sonst nichts besseres zu tun..”
Nachher: “FUCK THAT SHIT, SUCKER!!”

Anhand dieses Beispiels sehen wir, dass Frauen diese Philosophie schon seit Anbeginn der Zeit verfolgen.

Aber mal im Ernst: Natürlich ist es manchmal nicht ein einfaches Schwarz/Weiß Verhältnis, das man mit lediglich Ja oder Nein beantworten muss. Es gibt Entscheidungen zu treffen, man muss planen. Manchmal muss man sich auf dem Weg zum Ziel mit weniger zufrieden geben, um das Ziel überhaupt zu erreichen. Die Frage, die sich stellt, ist ob das Ziel es das dann überhaupt wert ist? Ob man mit dieser Unzufriedenheit niemals das Ziel tatsächlich auch voll erreicht?

Ich weiß nicht, ob ich das so ausprobieren kann/will. Es gibt viele Dinge, die muss ich mir erstmal gut reden. Aber am Ende des Tages waren das die besten Entscheidungen meines Lebens (das, oder ich lebe auf einem Hof wo alle Ponys rosa sind und Uwe heißen). Ein bisschen mehr Nein kann sicherlich nicht schaden, aber ob diese Philosophie auf jeder Ebene gesund ist, wage ich zu bezweifeln.

August 27th, 2009 Posted in Uncategorized | 1 Comment »