fingering

Finger, die sich ineinander verhaken und nicht zu trennen sind. Wie ein Schutzwall aus Fleisch und Blut umgeben sie mich, halten mich fest, tragen mich um die Welt herum und federn mich ab, wenn ich falle. Sie sind durchblutet von Liebe und Loyalität, von Lachen und Lust. Sie bedecken meine Augen vor dem grellsten Licht und sie streicheln meinen Nacken bei der wehmütigsten Verspannung. Dieser Kokon aus lebenden Organismen, die mich umgeben, ist meine eigene chinesische Mauer. Eine Festung. Eine niemals brechende Nicknacks-Schale. Mein Schloss.

In diesem Schloss kann ich machen, was ich will. Ich kann mit Konfetti-Schmeissen, versuchen den Robot zu tanzen, ein Festmahl kochen oder einen schlechten britischen Akzent nachmachen. Es ist okay. Ich kann mich für die Heldin des 21. Jahrhunderts halten, ich kann mit meinen Finger-Kollegen abklatschen weil ich mal wieder etwas lustiges gesagt habe oder feine Club Mate trinken weil ich es mir leisten kann. In meinem Bunker schwirren alle Gedanken frei, in meinem Zelt darf jeder mal pupsen, in meinem Berghain gibt es keine Spiegel, die mich bloßstellen könnten.

Aber ab und zu muss ich über meinen Freundeskreis hinaus sein. Neu sein, jedes Mal einen Charakter ausdefinieren, auf dem ersten Blick so-und-so wirken, lächeln und es gut meinen. Das ist meine große Aufgabe, aber das Ziel ist verdeckt von Menschen, die mich irritiert angucken, wenn ich sympathisch wirken möchte – habe ich was zwischen den Zähnen oder ist mein Lachen eine verzerrte Gratze? Merkt mein Gegenüber, dass der fahrige Witz nicht funktioniert, weil ich Angst davor habe, nicht witzig zu sein? Reden Menschen über mich, wenn ich mich umdrehe? Wenn ja, was sagen sie? Denken sie, dass ich cool bin? Oder balanciere ich zwischen arrogant und überheblich? Komme ich charmant rüber, mit Manieren, oder bin ich ein plumper Volltrottel, der nicht mal merkt, wenn er sich peinlich aufführt? Bin ich ein Spast oder ein Swagger, bin ich bedacht oder bescheuert?

In meinem kleinen Plastikbällebad mit meiner Posse bin ich frei vor Angst. Auf einer Klippe, Hand in Hand, Finger verhakt, niemals zerbrechend, springe ich in das Ungewisse. Doch auch nach so vielen Jahren des einsamen Kampfes gegen die wahnwitzigen Anfälle jugendlicher Hormonscheisse stehe ich auch heute noch verwundbar da, wenn ich alleine bin, und frage mich: was halten die Leute eigentlich von mir?

April 23rd, 2012 Posted in Gangster | 3 Comments »