The Noose of Jah City

Veröffentlicht December 5, 2011

Während Kontrollverlust zwar in den hippiesquen Zeiten der Selbstbefreiung als schick und zwingend notwendig gilt, wenn man nicht als verstaubter Spießer dem kulturellen Untergang geweiht sein möchte, kann Kontrollverlust auch ziemlich ätzend sein. Wenn man sich, sein Wohlergehen, seine Flexibilität und die Hälfte seiner Zurechnungsfähigkeit abgibt. Und seien wir mal ehrlich: die meisten Leute sind wie wir. Auch sie sitzen die meiste Zeit mit den Händen über dem Kopf zusammengeschlagen vor ihrem Leben und fragen sich, welche Spirituose sie heute bevorzugen. Genauso, wie sie vor ihrem Bildschirm sitzen und auf Facebook akrobatische Siegeszüge für virtuelle Ablenkungstuniere turnen. Und das sind dann die Leute, die die Schrauben an unseren Flugzeugen festziehen, und die für die Sicherungen in unserer Wohnung zuständig sind, und die das Fernsehprogramm gestalten, und die unseren intellektuellen Texte schreiben.

Jeden Tag geben wir ein Stück unserer Unabhängigkeit ab. Das ist ja auch okay, man kann ja auch nicht alles. Nicht alles wissen, nicht alles können. Wir geben Kontrolle darüber ab, was auf diesen Gebieten passiert, und auch das ist okay, denn viele haben sich spezialisiert und sind besser in ihrem Fach als wir (selbst, wenn sie die meiste Zeit Minesweeper spielen und ihre Vorgesetzten hassen und Geldprobleme haben).

Es ist aber nur so lange okay, bis wir die Kontrolle nicht mehr zurückhaben können. Während viele konkrete Dinge lose in unserer Atmosphäre schweben und greifbar bleiben, sind es unsere Herzen meistens genau dann nicht, wenn wir einen Rückzug starten möchten. Und dann geht das Gepaddel ums Überleben los. Entweder, man lässt weiterhin jemand anderes die Kontrolle darüber haben und baut eventuell große Scheisse, oder man erkämpft sich in bitterer Schlacht zurück, was schon längst Scheisse geworden ist.

Kontrollverlust ist ein anderes Wort für die Ehrfurcht vor der Hoheit, die man über sich akzeptiert. Und so lange die Hoheit einen guten Tag hat, sieht man nicht die Schläge, die einem für die miesen Tage (meistens Montage) bevorstehen.

 
 

Decorate

Veröffentlicht February 15, 2011

Das ist jetzt ungefähr vier Männer her, dass ich in meinem Leben die Bremse gezogen und gesagt habe “okay, vergiss es, das wird nichts, konzentriere dich auf andere Dinge”, und seit dem passiert nichts anderes als eine emotionale Achterbahn, die mich von einem zum nächsten schmeisst und ich das immer erst bemerke wenn es schon viel zu spät ist.

Es gibt da diesen einen, der mich nicht in Ruhe lässt. Physisch. Den ich mehr will als alles andere gerade — der aber nicht da ist. Und es gibt den anderen, der eine Mensch, der mich unter tausenden von Menschen so ungefragt berührt hat, mit dem ich Zeit verbringen will — aber nicht darf. Und dann gibt es da noch den Typen, der mich aus diesen unschuldigen Augen anguckt und nicht weiß, was er falsch gemacht hat, und ich blicke zurück und hoffe auf der Stelle tot umzufallen weil ich es ihm nicht sagen kann.

Die einzige Moral, die ich bezüglich Männern aus den vergangenen 12 Monaten für den Rest meines Lebens mitnehmen darf, ist dass ich ein Beziehungskiller für alle Beziehungen um mich herum bin, dass ich es selbst nicht schaffe zu formulieren, was ich überhaupt möchte, dass ich immer erst merke, dass mich jemand will, wenn es schon viel zu spät ist, dass ich immer erst jemanden will, wenn es schon viel zu spät ist, dass ich in all meinem Elan darin ein guter Freund zu sein manchmal vergesse, dass ich Brüste habe und kein kleines Kind mehr bin das sich nach Wärme und Streicheleinheiten sehnt.

Als wäre es so schwer, einfach mal den Kopf auszuschalten und nicht darüber nachzudenken.

Decorate · Kategorien: Chaosplanet · 8 Kommentare
 
 

Too Young To Die

Veröffentlicht September 10, 2010

Und plötzlich frage ich mich auch wieder, ob ich nerve. Das habe ich mich schon sehr lange nicht mehr gefragt, weil es in der Zwischenzeit egal war, ob ich nerve: wenn ich mit jemanden zusammen sein wollte, dann war das so, und wenn nicht, dann halt eben nicht. Mit dem Alter kommt die Sicherheit, und es wird leichter, zwischen wollen und haben und brauchen und müssen zu unterscheiden. Und wenn dir auf dem Weg zufälligerweise kein Mensch begegnet, der dich irgendwie krass berührt, dann ist diese Methodik auch ziemlich leicht, geradezu intuitiv, umzusetzen. Da sind keine Verletzungen und keine Schmerzen, und wenn man nervt, und das gesagt bekommt, dann zuckt man mit den Schultern und sagt “ok, onto the next one”. Keine Lust, sich mit dem Trauma von “damals” noch mal auseinanderzusetzen. Keine Lust, jemanden heranzulassen, der einem Schaden zufügen könnte.

Sieben Jahre später stehe ich da und gucke auf meinen Screen und frage mich, ob ich nerve, wenn ich jetzt eine SMS schreibe. Nicht, dass mich dieser Gedanke von meiner bevorstehenden Tat irgendwie abhalten könnte, aber er blitzt immerhin auf, und das beunruhigt mich. Überhaupt, diese ganze Verknall-Gesellschaft, in der ich mich gerade befinde, alles blüht vorsichtig auf, Wörter werden zwölf mal hin und hergedreht und von allen Seiten interpretiert weil diese Angst, dass da doch ein Spiel irgendwo abläuft, so gegenwärtig ist. Dazwischen die jugendlichen Sprüche, und das ganze Geschwebe und die Zugehörigkeit und die Jokes und die schönen Momente, die das alles so wunderbar zusammenfassen, dass man gar nicht merkt, was gerade eigentlich passiert.

Dann fällt einem erst einmal auf, wie jung man ist. Wie unsicher. Wie das Gekicher und das Hahaha und die kalte Schulter eigentlich nur eine Mischung aus Panik, Unsicherheit, Glücksgefühl und Verlustängsten ist. Und man die eigenen Gedanken versucht zu ordnen und zu strukturieren, erfolglos, weil man gerade so schön vom Strom aller passierenden Dinge mitgetrieben wird. Mein Zimmer ist zur Zeit das absolute Chaos: halbabgebaute Möbel, Konfettireste von der Party, verrotzte Tempos, Kartons, Müll, alles ohne Überblick. Und so in etwa fühlt sich gerade der Zustand in meinem Kopf an. Aber ich gebe es jetzt auf, aufräumen zu wollen. Dann liegt da halt eben noch Scheisse rum. Besser, mich jetzt damit – wenn auch nur kurz – auseinander zu setzen, als das alles wieder fest in die letzten Ecken meiner unangetasteten Welten zu stopfen.

Und dann ist es widerrum so einfach: es fühlt sich gut an. Und während ich noch die SMS wegschicke, grinse ich zufrieden und weiß, dass es völlig egal ist, ob ich nerve oder nicht. Ich will das jetzt sagen, weil ich das so denke und fühle und überhaupt. Keinen Bock, die sowieso schon viel zu eng bemessene Zeit noch mit dem ganzen Gedankenkram vollzupacken, der mich auch sonst immer so behindert. Ich will auch nicht alles wieder so weit aufschieben, nur weil mir das Risiko zu hoch ist, völlig zerheult in ein Flugzeug zu steigen. Ich will, dass es mir gut geht, und ich werde mir nicht schon wieder meine Gegenwart wegen meiner Zukunft versauen. Dann muss ich auch nicht darüber nachdenken, ob das alles gerade echt ist, oder nur Kopfkino, oder eine schön gemalte Illusion, oder ob es nur passiert, weil ich sowieso kein Commitment einbringen muss, weil da so ein fettes Haltbarkeitsdatum von noch ungefähr 2 Wochen drauf geworfen wurde. Es fühlt sich gut an, und das reicht jetzt auch.

 
 

Tourist

Veröffentlicht September 6, 2010

Der Geruch von frischgebackenen Muffins in meiner Nase. Sonne, die auf meine müden Glieder scheint, Gras kitzelnd im Nacken. Konfetti in der Luft; Konfetti auf dem Boden; es glitzert. Ich schwimme in einem bunten Meer, jeder einzelne Fetzen Papier ein Puzzlestück der Wärme die durch mich fließt.

Käse, der von der Pizza auf meine Hose heruntertropft. Die Konsi stimmt halt. Blaulichter vor dem Fenster. In meinem Ohr bekannte Klänge, der Hals kratzt, der Drink leer, die Asche an den Lippen. Der Geruch von Schweiß und Bier und Zigaretten in den Haaren und Staub unter den Fingernägeln. Ein knarzendes Bett, kichern, Achterbahn im Treppenhaus fahren und sich für einen Topf bedanken.

Zuckerguss überall und T-Shirts für einen Euro und Halloumi (viel zu trocken). Geruch von Strand und Meer schon in der Nase. Goldene Schlüssel und abgeschraubte Türgriffe. Eine wunderschöne, autistische Tasche, die viel zu teuer und doch perfekt ist. Flaschen die zerbersten, aber es ist mir egal; ich schwimme in einem Meer voller Liebe und Glückseligkeit und lache und lehne mich zurück und nehme einen Zug der mich in die Unendlichkeit der vielen Realitäten eines einzigen Lebens katapultiert.

Ich bin ein Tourist in diesem Raum der von Glück und Zufriedenheit gedehnt ist; eine Reise folgt der anderen, mit Plänen, die in Hinterhöfen geschmiedet werden und Küssen und Umarmungen und Grenzenlosigkeiten. Songs, die uns immer wieder an diesen Ort zurückbringen werden- jeden 5. September vielleicht – eine einzige Stadt; wir leben nicht in ihr, wir erleben sie. Wir bringen sie zum Leben. Die Welt und jedes Gesicht in ihr befindet sich in unserer Seifenblase und wir müssten unsere Zimmer nicht einmal verlassen und hätten trotzdem alles gesehen und erlebt. Es ist absurd, beängstigend und befreiend, so lächerlich, so unbekümmert; wie Kinder, die sich gegenseitig Geschichten aus ihren Reisememoiren vorlesen, Tagebücher voller Entdeckungen und Erfahrungen die wir teilen, jeder Tag ein Ausflug, egal ob wir im Flugzeug, im Stadtbus oder auf unseren Fahrrädern sitzen. Jede Wand bemalt mit unseren Namen und vielen kleinen Herzchen und Ausrufezeichen, aber eigentlich ist es völlig egal, ob das jemals jemand sieht; wir waren hier. Wir werden uns für immer daran erinnern.

Und plötzlich ist alles so einfach, wenn es mich mitten in der Nacht so erschlägt, und ich weiß, ich weiß auf einmal: bei euch bin ich nicht nur ein Tourist; ihr seid nicht nur eine Station. Ihr seid mein Heimathafen. Ich möchte zurückspulen und dem Typen im Fernsehen erklären dass er aufpassen muss, denn das ist Glück. Und das kann ganz schnell an einem vorbeirasen. Ich will euch alle wecken und euch erzählen was ich empfinde, aber dann lege ich mich beruhigt zurück. Ihr wisst das doch schon.

Ich war hier.

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Mr. Nice Guy

Veröffentlicht June 4, 2010

Und das hier ist der Grund. Nicht, weil wir dumme, kleine Blondinchen sind. Nicht, weil wir Schlampen sind und nicht, weil wir ausschließlich auf Arschlöcher stehen. Sondern weil es komplizierter ist, weil es keine Illusion ist, weil weder Frauen noch Männer der Illusion entsprechen, die wir so jung schon vermittelt bekommen. Es ist, wie es ist. Mr. Nice Guy und The Girl Next Door sind die Verlierer. Und vielleicht ist es auch besser so.

[via]

Mr. Nice Guy · Kategorien: Realwelt · 9 Kommentare
 
 

I wasn’t ready

Veröffentlicht May 5, 2010

Im Zuge der ganzen Schwierigkeiten, die das Leben so mit sich bringt, sind es vor allem die Zweifel an sich selber oder mit Dingen, die man tut, mit denen man sich immer wieder konfrontiert sieht.

Und vielleicht sieht man im eigenen Selbstbewusstsein einen Zweck. So richtiges Selbstbewusstsein, nicht das, an dem andere einen messen oder einschätzen.

[via danielle bigtooth.]

Zwei so wichtige und wirklich harte Voraussetzungen sind Einsicht und die Fähigkeit Hilfe anzunehmen. Beides hart, wenn man sich nicht nur oberflächlich damit auseinandersetzt. Da gibt es immer Spezies, die sich entweder alles zu Herzen nehmen, eigene Probleme vernachlässigen und im schlechtesten Falle verdrängen und es gibt die, die glauben, wenn man nur alles akzeptiert oder toleriert, lebt man erwachsener und besser.

Die Antwort liegt vor allem in der Einsicht.

Manchmal kann man sich auch inspirieren lassen. Nehmt euch die Zeit. Und hört was dieser Mann zu sagen hat, denn er hat verdammt Recht:


[Danke Marvin für den Tipp]

 
 

j.kinski

Veröffentlicht April 19, 2010

Im j.kinski warten wir auf dampfende Honey Mustard Burger in mehlig-knusprigem Ciabatta-Brot mit Kartoffelspalten, warten auf unsere Drinks, lauschen den leisen, ehrlich, kalkbrenneresken Beats aus den Winkeln der himmelblau-violett gestrichenen Wänden und sind uns einig, dass wir der Liebe und dem Spiel, dessen Regeln Viele nicht folgen wollen und können, auf die Schliche gekommen sind.

Unsere Regeln sind wertlos. Die Gläser sind leer, die Burger werden zwischen unseren Kiefern zermalmt und eine kleine braun-weiß-gefleckte Dogge streift unseren Tisch zu unseren Füßen. Keine Regeln für die Liebe, wenn sie ungreifbar ist; und ja, sie ist greifbar. Sie ist greifbar, ohne ihren Zauber, ohne ihren Trick zu verraten.

Wie unsagbar gleich alles geblieben ist, wenn sich Menschen im Lieben verlieren wollen, aber aus irgendeinem Grund alles dafür tun, um eben das zu verhindern. Und es ist so unglaublich schwierig herauszufinden, was in dem Kopf des Anderen passiert, der einem das Wasser abgräbt, nicht weiß wohin.

Drink Nummer 2. Die Regeln sind radikal und jeder hat seine Blaupause dafür, wenn es darum geht, wie und ob man was zu entscheiden hat. Menschen sagen sie lieben einen und dann spüren die anderen das gar nicht. Vielleicht liegt das daran, dass sich Menschen, die es sagen eigentlich nur in das Gefühl verliebt haben und es eigentlich nicht teilen wollen.

Wir kauen zu Ende und bündeln unsere naiven Erkenntnisse über das größte Geheimnis der Zwischenmenschlichkeit. Die kühle Luft von draußen weht durch die geöffnete Tür des j.kinski und kühlt unsere Köpfe. Alles, was du ihr zu sagen hast, sagst du:

ziemlich viel was du da verlangst. ich kann nichts versprechen. und wenn es jetzt das vorerst letzte ist was du von mir hören wirst. es vielleicht dir weh tut oder einfach dumm von mir ist. ich liebe dich. werde glücklich und sei das glück der anderen.”

Es ist so, dass wenn jemand sich dafür entschieden hat, sich nicht zu entscheiden, dann steht man als der Andere auf einer ganz schlechten Position, in der man so wenig richtig und so viel falsch machen kann. Man kann in den Kopf des Unentschlossenen nicht rein sehen. Man weiß nur, da passiert etwas, das einem vorenthalten wird. Als würde man sein Ohr an die Außenwand einer großen Fabrik aus rotem Backstein legen mit dampfenden Essen und horchen, was darin produziert wird. Man hört Lärm, aber es reicht einfach nicht aus um genau zu bestimmen, was es ist.

Sowas kann einen wahnsinnig machen.

Wir zahlen. Tequila Silber zum Abschied. Ich ziehe meine blaue Jacke an und rieche schmerzenden Zigarettenqualm draußen, der sich aus rauchenden Aschenbechern das letzte Mal regt.

Danke B+. Auch für die Drinks.

Wir sind ein Stück voran gekommen. Es hat uns nicht schlauer gemacht. Nur ratloser. Aber lieber die Bewegung erzwingen, als den Stillstand zu akzeptieren.

j.kinski · Kategorien: Chaosplanet · 7 Kommentare
 
 

In deinem Orbit

Veröffentlicht April 8, 2010

Manchmal wenn es Nacht ist, drehen wir uns beide langsamer. Diese Entschleunigung führt zu der totalen Schlaflosigkeit. Ich liege alleine in meinem Bett und alles mit uns macht Sinn. Nicht-euklidische Bewegungen in deinem Orbit und das Greifen nach den Farben deiner Welt. Jeder Berührung folgen Ahnungen darüber, wie es ohne dich hätte sein können. In genau diesen Momenten fühle ich sowas wie Frieden in mir. Ich greife dann manchmal zum Telefon und verschweige dir alles, das meinem Flug in deinem Leben den Auftrieb nimmt. Denn es sind nur noch ungezeichnete Bilder von einem Leben, das ich nicht will.

Wir haben uns richtig entschieden.

(© 2010, Nicola Serra)

Niemand ist warm und schlummert.“

Ich höre wie du dir die Augen reibst, die Nacht für einen kurzen Augenblick abstreifst.

Bin klein, verschlummert an Ort und Stelle“, sagst du. Deine Stimme ist schlafgetränkt und leise.

Ich weiß nicht was ich sagen soll“, sage ich.

Ich weiß.“

Ich muss kurz lächeln. Wir beide haben komische Zeiten hinter uns gebracht. Wir haben überlegt. Und haben uns dafür entschieden. Immer wieder. Wir gehen ins Kino, lesen Bücher, schauen doofe Serien, reden über das Heldenlabor und finden es gut, wenn ich dich hochhebe, so dass du piepst, weil du einfach einen guten Moment hattest und hochgehoben werden willst. Wir bewegen uns, wenn sich unsere Gesichter berühren. Du musst auf deinen Zehenspitzen stehen, um mich zu küssen. Und wenn irgendwas nicht gut war, dann habe ich dich gehalten. Immer.

Mein Leben ist mit Mitte Zwanzig so geregelt. Mein Beruf, meine Freizeit. Dass ich im letzten Jahr nicht untergegangen bin, liegt daran, dass du es warst, der mir immer wieder das Gefühl gegeben hat, jemand Besonderes zu sein, der was Besonderes macht. Ich habe im letzten Jahr so sehr für dieses Leben gekämpft und bin oft hingefallen.

Das macht so viel Sinn… dass du in meinem Leben bist“, sage ich und verschweige alles, was meinem Flug in deiner Welt den Auftrieb nimmt.

Weißt du, ich versinke in zu vielen Bettdecken hier“, sagst du.

Es ist spät, es ist dunkel, es ist Nacht. Ich sitze auf meinem Fahrrad mit meinem zerknitterten Superhelden-Cape und bin glücklich dein Held zu sein. Und fahre zu dir.

Als ich bei dir ankomme und Bettwärme bekomme, weiß ich wieder, dass wir beide immer wieder richtig entscheiden werden und kämpfen. Gegen die ganzen Schwierigkeiten.

Und gegen das Vergessen.

 
 

Rückwärts

Veröffentlicht March 24, 2010

Du bist mir egal.

Ich blättere das Fotoalbum hektisch durch, ich suche nach einem bestimmten, dem Foto, das, auf dem ich mit meinen Eltern bin, ich brauche es schnell. Erst nach vielen Minuten der Suche fällt mir auf, dass ich an deinen Bildern völlig uninteressiert vorbeigeblättert habe. Ich bin verdutzt, weil es mir das noch nie passiert war. Ich denke nicht lange darüber nach und suche weiter.

Ich spüre nichts.

Mein Telefon klingelt, dein Name ist auf dem Display, ich bin gerade mit Freunden in einer Bar, kurz vor Aufbruch zum nächsten Ort. Ein kurzer Stich irgendwo, aber ich lasse es weiterklingeln. Zwei Sekunden später habe ich es schon vergessen.

Du bist viel zu spät.

Der Schmerz ist noch zu spüren, vor allem, wenn ich die alten Songs höre oder mit Leuten darüber rede, wann wir mal wieder was machen und wer dabei ist und dein Name fällt. Ich muss mir manchmal noch in den Kopf rufen, dass ich es war, ich hatte keine Lust mehr, keine Nerven, keine Geduld, und dass die Dinge jetzt gut so sind, wie sie sind. Wir brauchen uns nicht. Ich brauche dich nicht.

Ich bin frei.

Ich vermisse dich. Auch, wenn ich dabei weinen muss, wenn ich daran denke wie es zum Schluss war, ich vermisse dich und das Gefühl der Hoffnung, dass es jemals wieder so werden könnte wie früher. Das denkt man ja immer so: dass es irgendwann wieder so wird wie damals, als es noch gut war, frisch, neu, unentdeckt, unausgenutzt. Es war meine Entscheidung, diese Hoffnung abzutreten.

Ich will nicht darüber reden.

Wir können nur darüber telefonieren, über diese endgültige Sache, über das “ich will nicht mehr”, das ich nach so vielen Jahren endlich aus mir herausbekomme. Du bist unendlich weit weg, und ich frage mich, ob ich dir das auch von Angesicht zu Angesicht so hätte sagen können. Ich sehe uns selber beim Streiten zu, wie ich versuche, ruhig und sachlich zu erklären, was du mir angetan hast und warum ich nicht mehr weitermachen werde, aber ich höre nichts. Die Szene ist stumm. Ich kann nur sehen, wie du anfängst zu weinen, wütend bist, mich wegstößt. Ich blicke nicht verschämt weg, denn ich weiß, dass du nicht um mich, sondern um dein Ego weinst.

Ich kann einfach nicht mehr.

Warten. Das ist unsere Beziehung geworden. Ich warte auf dich, darauf, dass du anrufst, dich meldest, oder wenigstens ab und zu darauf reagierst, wenn ich mich bei dir melde. Ich warte darauf, dass du deine Versprechen einlöst, ich warte darauf, dass du Entschuldigung sagst, ich warte darauf, dass du mir gratulierst, ich warte darauf, dass du mich anlächelst, ich warte darauf, dass ich wieder ein Teil deines Lebens werde, ich warte darauf, dass du auch mal auf mich wartest. Ich merke, wie ich erkalte, in Anbetracht des Schmerzes, den du mir zufügst. Mir ist es nicht egal, mir tut es weh, aber das merkst du nicht, obwohl ich es dir nicht zum ersten Mal sage.

Wenn ich an dich denke, werde ich wütend.

Ich rufe dich an um dir etwas zu erzählen, aber du unterbrichst mich schon nach wenigen Sekunden und fängst an zu reden, über die Dinge, die dir passiert sind, über die Ungerechtigkeit der Welt und die Depressionen und die schweren Zeiten und die ganzen Probleme. Ich höre dir zu und bin geduldig, so, wie man sein sollte, wenn einem etwas wichtig ist. Ich gebe dir mein Feedback. Ich überlege kurz, ob ich dich darauf aufmerksam machen sollte, dass wir schon seit Stunden telefonieren und ich noch kein einziges Mal gefragt wurde, wie es mir eigentlich geht, aber du lebst in deiner eigenen kleinen Blase. Ein bisschen gelangweilt bin ich, weil ich mir das schon siebentausendsten Mal anhören muss, und sich nie etwas ändert. Ich wollte dir dabei helfen, etwas zu ändern. Du hast mich nicht gelassen. Wir streiten uns, du wirst sauer auf mich, aber ich weiß nicht wieso.

Ich freue mich darauf endlich wieder mit dir zu telefonieren.

Wir sitzen in deinem Auto, fahren an unseren liebsten Ort, und singen zu alten, kitschigen Songs während die Sonne uns auf den Kopf scheint und wir das Leben genießen. Wir lachen darüber, das alles so einfach ist. Morgen fahre ich endgültig weg, ein kurzfristiger Abschied, eigentlich hättest du mitkommen sollen, aber du hast dich kurzfristig anders entschieden. Ich kann mich nicht dazu aufraffen, wütend zu sein, dein Leben ist schon schwierig genug, auch ohne dass ich dir Vorwürfe machen muss.

Du sagst mir, dass du nicht mitkommst.

Ich bewerfe dich mit Papierkügelchen und du regst dich darüber auf. Wir lachen, uns geht es gut. Der Sommer hat gerade begonnen. Wir haben große Ziele. Wir werden für immer zusammen sein. Nein, es ist nicht immer gut, aber wir bleiben für immer zusammen. Ich weiß das jetzt.

Auch wenn du mir weh tust.

Du lässt mich, wie oft, im Regen stehen. Du tauchst nicht auf. Ich zwinge mich dazu, nicht wütend zu werden; das hast du nicht verdient. Alles ist in Ordnung. Als wir uns endlich wiedersehen, zuckst du mit den Schultern: ist ja auch nicht schlimm. Und es stimmt: ist ja auch nicht schlimm.

Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich.

Sie reden über uns und darüber, wie gut wir zusammen sind. Sie reden darüber, wie viel Spaß wir haben, wie viel gute Laune wir verbreiten, und ich komme nicht umher dich zu bewundern: für deinen Humor und für deine Ausdrucksstärke, für deine Freunde und für deine Macht, vor allem über mich.

Du versetzt mich, aber es macht nichts.

Wir tun verbotene Dinge. Wir lachen. Ich bin überrascht darüber, dass du das mit mir durchziehst. Ich hätte dich niemals so eingeschätzt. Du bist unglaublich spontan und ich mag das. Deine Wegwerfmentalität und dein Achselzucken sind großartig, endlich jemand, der Eier hat.

Ich will dir imponieren.

Du schaust mich wissend an. Wir trauen uns nicht, zu grinsen, weil uns das wirklich Stress einbringen könnte. Wir sind wie gemacht füreinander. Und dir ist das auch klar. Das wird gut.

Ich will wissen wer du bist.

Wir rennen ineinander, du guckst mich völlig verwirrt an. Ich frage mich, wer du bist, und wieso ich dich noch nie hier gesehen habe. Du sagst irgendwas, aber ich kann mich nur darauf konzentrieren, wie viel Ausstrahlung du hast. Ich sage dir meinen Namen, während deine Freunde dich schon weiterziehen. Du blickst dich noch mal nach mir um, winkst mir lachend zu, und dann bist du weg. Wer bist du?

 
 

Als wir beide waren

Veröffentlicht March 8, 2010

Manchmal müssen wir uns vom Glauben an eine vorbestimmte Konvergenz, zwischen einem selbst und einer anderen Person, verabschieden. Der Zeitpunkt, der so kleine Veränderungen in der Liebe radikal verdreht, aus Plus ein Minus macht und so, der schleicht auf leisen Sohlen. Und schnell ist er auch, denn wenn man sich Hand in Hand gehend schnell umdreht um zu schauen, dass bisher alles okay und cool gewesen war, dann verschwindet dieser Zeitpunkt ratzefatz hinter einem Gebüsch und lacht sich ins Fäustchen: „Tanzt ihr Marionetten, tanzt!“.

Man dreht sich wieder um und ist stolz darauf, dass man von der Glückskeks-Weisheit nicht enttäuscht wurde: Liebe bedeutet nicht, sich gegenseitig mit rosaroter Brille anzuschauen. Es bedeutet in dieselbe Richtung zu blicken. Hand in Hand. Weisheiten, die von Liebe handeln, wurden von einsamen und ungeliebten Menschen geschrieben, die ihre innersten Sehnsüchte aufs Papier bringen mussten. Fickt euch.

[via bferry]

Und so sitzen wir beide wieder einmal beim Chinesen an der Ecke, essen Xiang Cai und Dim Sum, Nr. 27 und 54, zum hundertsten Mal und füllen das Schweigen mit Lächeln und vereinzelten Gedankenfetzen, die nicht zusammenhängen. Zwei Wochen und vier chinesische Gerichte später eröffnest du mir, dass du keine Perspektive mehr in unserer Beziehung siehst, dass du Angst hast, dass das schon alles gewesen sein soll. Wir beide wissen, dass du keine Angst davor hast, sondern dass du das alles schon irreversibel gegenwärtig siehst. „Ich habe Angst vor…“ – das ist der Code. Den habe ich des Öfteren schon gehört und immer war ein paar Atemzüge später Finito mit uns und den gemeinsamen drei oder mehr Jahren, in denen es uns gut ging, auch beim Chinesen an der Ecke.

Für mich ist das besonders schwierig, dieses Intro, weil ich das nicht kann, was so viele machen: Einfach mal testen, ob das mit dem anderen klappt und dann hat man die Freiheit nach ein paar Wochen zu sagen „Uh, das mit uns beiden klappt nicht, wir sind einfach nicht füreinander gemacht“. Bämm. Nach zehn solchen Versuchen ist dann mal Einer oder Eine dabei, mit dem oder der es klappt. Dann kommt der Chinese an der Ecke, Gericht Nr. 27 und 54, und dann hat das auch ein Ende. Nein, ich brauch ein Gefühl, das mir sagt „Das klappt mit derjenigen“, und keine Tests. So bin ich eben. Deswegen habe ich erst drei Beziehungen geführt, jede mehr als drei Jahre, bis das Mindesthaltbarkeitsdatum ablief. Die ganzen Frauen, die dazwischen in meinem Leben oder in meinem Bett waren, da war es entweder Trieb oder verschiedene Vorstellungen von einem „Gemeinsam“. Oder eben Ängste vor Zuständen, für die man sich noch nicht bereit gefühlt hat. Da kann ich dann denken: “Willst du nicht hübsche Kinder mit mir machen?” Nein? Gut, ich auch nicht (mehr). Hach, sind diese Gedanken großartig.

Was mache ich innerlich beim Chinesen und danach, wenn man Hand und Hand nach Hause geht? Ich schaue mich um und wiege mich in Sicherheit. Du bist dann bei mir, auch wenn du innerlich woanders bist, bei deinen „Ängsten“. Dass du bei mir bist finde ich gut und deswegen tue ich so, als könnte es für immer so sein. So im Nachhinein wünschte ich mir, du hättest auch so getan, als ob.

Wenn ich dich dann ein paar Wochen später mit einem anderen Kerl animalisch-anmutender Natur sehe, dann bin ich traurig, weil er dich ein paar Wochen jeden Tag ordentlich ficken wird, dir leere Hüllen von Perspektiven zeigt und dich ahnungslos bestätigt, dass das Aus mit uns richtig war. Das ist mir in der Tat mal so passiert und das beschissene Gefühl, das ich da hatte, war wie das eigene Gehirn in den Regen zu halten. Und ordentlich Tritte in den Bauch.

Du kannst dich auch nicht dafür schämen, dass du auch viele Jahre später noch in meinen Gedanken auftauchst. Das ist wohl normal so. Denn man vergleicht immer und im besten Fall ist es hinterher irgendwie besser – oder treffender: anders.

Ich konnte dir nie sagen, dass ich beim Chinesen bei Essen Nr. 27 damit beschäftigt war, dass mit uns toll zu finden. Ich war froh und glücklich jemanden in meinem Leben zu haben, der verstanden hat, dass es völlig unwichtig ist ein aufregender oder besonderer Mensch zu sein. Jemand kann so „unbesonders“ sein und ist für irgendwen so wichtig. So habe ich das immer gesehen. Das aufregend ist irgendwann immer weg. Immer. Ja, der animalische Typ mit Drei-Tage-bart und dem Riesenpimmel, der ist aufregender für dich als ich nach dem hundertsten chinesischen Essen. Ja, es spielt für dich keine Rolle, ob ich am Tisch auf dich warte – zwar nicht mehr aufgeregt, aber verdammt zufrieden – oder ob du eine neue Welt, einen neuen Mann und neuen Schwanz kennen lernen kannst. Wenn du hier bereits in einer Zwickmühle steckst, dann ist es vorbei. Dafür kannst du nichts. Aber was viel wichtiger ist: Ich auch nicht. Ich hasse die “neuen” Typen, die ersetzen einen ja oft schneller, als es einem lieb ist. Die können nichts dafür, ich weiß. Vielleicht ist es auch nur der Neid, dass die jetzt etwas tun können, das einem ganz allein gehört hat. Das schmerzt.

Und zwischen den ganzen Schmerzen danach und der jahrelangen Reflektion, habe ich viel mitgenommen. Und ich hoffe bei jedem Neuanfang mit jemanden, dass man ein paar Jahre später beim Chinesen dieselben Gedanken hat: „Es ist nicht mehr so aufregend, aber es ist toll, dass da jemand ist, der bleibt, einem zuhört, einem aufrichtig zur Seite steht, einen liebt, einem nicht gleich wegläuft wenn Ängste kommen, ehrlich ist und der bereit ist auch an sich zu denken, einen zwar nicht mehr täglich, aber regelmäßig fickt“.

Hand aufs Herz, das kann nicht nur Theorie sein, das kann auch verdammt echt und erfüllend sein. Und diese Hoffnung, diesen andauernden Kampf, sollte man nicht verlieren, nicht aufgeben und nicht unterschätzen, wenn man am Ende bezahlt.

„Die Rechnung, bitte“, sage ich zu dem lustig dreinblickenden chinesischem Kellner. „Nr. 27… das macht 16,99 Euro“, sagt er. Ich bezahle, puste die Kerze aus, verlasse dieses Mal alleine das Restaurant und halte meine eigene Hand.

 
 
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