Hurricane Festival 2011

Veröffentlicht June 20, 2011

Schlamm, Regen, Kotzlachen, Schweißflecken, Sonnenbrände, Bierpfützen, Blutspuren: kein Wunder, dass unser Gastgeber AXE sich mal ein Herz fasste und auf dem Festivalgelände des Hurricane 2011, irgendwo im Nirgendwo situiert, einige Luxusduschen installieren ließ. Dort konnten die halbtoten Konzertbesucher sich mal so richtig schön warm duschen, um dann fit für die nächste Runde “Zeltplatz Krieg” zu sein.

Das Gute an dieser netten Dusche: nun stanken nur noch 98% Prozent der unterhaltsamen Menschen auf dem Hurricane nach Gottes schlimmsten Gerüchen dieser Erde. Das schlechte: es ist schon bedauerlich, wenn eine mobile Duschkabine mehr Komfort und Luxus vermittelt als die eigene zu Hause. Da wird man ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen gezogen..

Und so verbrachte ich also ein Wochenende mit meinen Blogkollegen Thang, Isa, Alex und Flo, Wenke und Marcel und Christoph und Thomas (die ich alle in mein Herz geschlossen habe und alle auch mal nachts im Dunkeln an feuchten Stellen anfassen würde) auf einem Festival. Übrigens mein erstes Festival dieser Größenordnung. Für ein Prinzesschen wie mich keine einfache Aufgabe. Orientierungslosigkeit, Platzangst und Überforderung. Ich hielt meinen Schlagring für Überfallartige Sexangebote bereit und versuchte auch die verängstigten älteren Menschen unter uns vor den zombieartigen Massen zu schützen. Überall surren kleine, stark angetrunkene Menschen um einen herum, die “Helga” schreien und der Bewusstlosigkeit erschreckend nahe kommen. Der Gestank der Dixie-Klos, der wahrscheinlich die Gesamtfläche Niedersachsens für die nächsten 3-4 Monate einnehmen wird. Die überteuerten Essensstände, für die man sich drei Tage lang die Beine in den Bauch stehen muss. Der Platzregen, der sowohl Künstler als auch Fans gerne mal in den Wahnsinn treibt.

All das sind – das musste ich als Festivaljungfrau eigenhändig herausfinden – Dinge, die aber fürstlich entlohnt werden, wenn man erst mal vor der großen Hauptbühne steht und in Hochachtung den wunderbaren, epischen Klängen von Arcade Fire lauscht. Oder im Zelt von Lykke Li die kleinen, entzückenden Mädchen beobachtet, die die anspruchsvolle Popmusik unserer Zeit auch mit 16 oder 17 Jahren schon wertschätzen können. Sicherlich war auch das Ballermannzelt bis zum Erbrechen gefüllt, aber wenigstens gab es hier für jeden was zu holen – so stellt man sich ein Festival auch vor.

Arcade Fire waren für mich soetwas wie ein emotionaler Schlaganfall, während Incubus mich in ein Land vor deiner Zeit versetzte. Das lief in etwa so ab:

“Boah, Arcade Fire. Die habe ich 2009 rauf und runter gehört. Aber irgendwie tun sie mir gerade nicht viel an. Ach, naja. Arcade Fire halt.”

– Keep The Car Running wird gespielt -

“OH MEIN GOTT ICH MUSS GLEICH WEINEN ICH LIEBE DIESEN SONG OH MEIN GOTT”

(Und, kein Spaß: wie kann man diesen Song, der nur so nach Bewegung und Roadtrip und Autofahren und neue Welten und fantastischen Abenteuern schreit, auch nicht lieben? Wer verbindet damit nicht einen immens dramatischen Teil seines Lebens, einen Neuanfang, viel Emotion und Liebe? ES IST VIELLEICHT EINER DER BESTEN SONGS ALLER ZEITEN, neben den anderen unzähligen besten Songs aller Zeiten.)

Incubus hingegen habe ich eher nebensächlich verarbeitet. Nostalgie machte sich gedanklich breit. Pardon Me, beispielsweise, Begleiterscheinung meiner unverstandenen Jugend. Nur Brandon Boyd wusste, was in mir passiert, dass ich die Menschheit hasste, und so weiter. Audiovisuelle Zeitreisen im verregneten Hochsommer auf einer patschnassen Wiese, zugedeckt mit AXE-Merchandise und umgeben von feiernden/frierenden Menschen, die alle die selbe Liebe teilen, nämlich Incubus und das Erinnern an vergangene Tage (so vergangen ist diese Band nämlich leider auch schon).

Mein persönlicher Höhepunkt für die beste Show auf dem Hurricane und für eine der besten Shows seit langem waren meine liebsten Querköpfe von Hercules & Love Affair. Ich will mich mal so ausdrücken: wenn Musik ein Körper wäre, dann wären Hercules & Love Affair der in Öl eingeschmierte, gut durchtrainierte Torso eines wunderschönen Mannes mit ausgeprägtem Sixpack, der gerade von zärtlichen Frauenhänden mit Glitzer eingeschmiert wird. So viel Boogie und Tanzlust und fantastischen Stimmen und Lust auf Liebe wie bei Hercules sind mir selten bei einem Konzert entgegen geschmettert worden, und ich bin nur allzu dankbar für diese Erfahrung. Skurril, exzentrisch und musikalisch trotzdem on point. Genauso, wie ich es mir vorstelle. Das ganze jetzt noch mal im Berghain erleben steht auf der To Do Liste für die kommenden Jahre.

Runner Up für den Award der besten Leistung auf einer Bühne sind auch Darwin Deez, die New Yorker Super-Trendsetter, die mit einer kitschigen Choreografie und hübschen, netten Jungs auf der Bühne für viel Spaß sorgten und noch einige schmierge R&B-Interludes dazwischen jagten. Einer der größten Pluspunkte für Musiker, die einen Liveauftritt hinlegen, ist ja meiner erfahrenen Meinung nach das Lustprogramm auf der Bühne. Sowohl bei Hercules als auch bei den Deez konnte man regelrecht spüren, wie viel Spaß und Laune die Akteure on Stage haben – und das ist schon so viel Ausstrahlung, dass das Publikum sich automatisch in einem energetischen Gefühlswirbelsturm der Freude anstecken lässt. Und das widerrum macht in meinen Augen einen souveränen Auftritt.

Mein persönliches Fazit als Festival-Entjungferte ist nach diesem Ausflug in die Parallelwelt Hurricane: ich bin zu alt dafür. Mich auf einem Zeltplatz angröhlen zu lassen und mich mit tausendmillionen Konzerten auf einmal zu überfordern, dafür fehlt mir definitiv die Geduld und die Muse. Man muss ja auch mal eingestehen, dass Hygiene und Manieren irgendwann im Leben einen nicht unerheblichen Teil darstellen. Meine Dreadlock-Skatepark-Faxebier Phase ist seit einigen Jahren schon vorbei und ich komme mit sehr, sehr müden Knochen nach Hause, verdreckt und halbkaputt. Aber die 27.000 Besucher, die ich dort alle persönlich treffen durfte, haben immerhin Lebensgefühl und die Besondersheit dessen bewiesen, auf einem exorbitanten Festivalgelände zu stehen und drei Tage lang nicht nur berühmte Bands zu feiern, sondern sich selbst, seine Jugend, seine Freunde, buntes Auftreten und Kreativität und vor allem: den guten, alten Alkohol. Und das sind Tugenden, die ich ausschließlich unterstützen möchte.

 

 

 

 

 
 
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