An der Osloer Straße würde man nicht denken, dass Unterschicht und Übergewicht zusammehängende Phänomene sind. Hier laufen die Jungs in Jogginghose und mit diesdas-Sporttaschen in der Hand durch die Gegend als wäre das olympische Dorf im Wedding stationiert worden.
Ihr Isogetränk scheint die Capri-Sonne zu sein. Zwanzig Prozent Fruchtsaft für zwanzig Prozent Kindheitsgefühle. Die dunkelhäutigen Männer in Jogginghosen saugen mit grimmigen Blick an den Strohhalmen. Stehen vor den Internetcafés und Friseurshops und Wettbüros und pressen die Verpackungen wie Hantelbänke. Ich hoffe dass niemals jemand auf die Idee kommt ihnen zu sagen, dass sie extrem unschuldig und süß aussehen, so, wie sie diese Trinkpäckchen konzentriert in ihren Händen quetschen um den letzten Rest auch noch aufzusagen.
Ich befinde mich immer noch in einer wohligen Trance von meinem Geburtstag. Käsekuchenüberreste und der ferne Geruch von Sekt und frischem Konfetti benebeln meine Sinne. Vielleicht war es auch das Weed. In jedem Fall war die Feier zu ehren meiner 23 (meistens hässlicher und mit beschissener Frisur ertragenen) Lebensjahren ein voller Erfolg. Dieses Jahr habe ich nämlich nicht den Knopf der Bescheidenheit getätigt, nein; ich forderte selbstgerecht und stolz dazu auf, mich zu beschenken, wie ich es verdiene. Die meisten kamen dieser Forderung nach. Alle anderen, die mir ohne Geschenk gratuliert haben: vielen, vielen Dank, ihr Opfer, ich werde es mir merken!
Anyway. Dabei fing das alles recht traumatisch an. Pünktlich um 23:30 schlief ich am Vortag im Schoße einer nackten Jungfrau ein. Anscheinend hatte sie mir Drogen in das Essen gemischt, was ich vorher zu mir nahm, und so gingen die ersten Minuten meines reichlich beschenkten Lebens an mir vorbei. Am nächsten Morgen breitete sich Terror aus in der virtuellen Welt: aus irgendwelchen mir nicht begreiflichen Gründen wurde meine Facebook Wall gesperrt. Panik breitete sich unter den Gratulanten aus, die nicht mehr wussten, wohn mit sich und ihren Gefühlen. Entsetzen stand in den frühen Stunden des 22. Septembers 2011 auf dem Plan, viele fühlten sich um ihr Grundrecht, Oberflächlichkeiten auszutauschen, betrogen. Immerhin ist das doch ein Hobby, oder? Jeden Tag Facebook aufzumachen und Menschen, mit denen man jahrelang nichts mehr zu tun hatte, ein “ALLES GUTE!” auf die Wall zu hacken.
Ich kann ihnen diese plötzliche Neuerung in ihrem Alltag nicht nehmen. Viele drängten sich, aus Angst, die Tore würden sich gänzlich schließen, mit ihren netten Worten auf das letzte (noch kommentierbare) Statusupdate. Andere hingegen schickten persönliche, latente passiv-aggressive Nachrichten im folgenden Tonfall:
“Hallo Sara alles Gute zum Geburtstag! Hätt ich dir gerne auf die Wand gepostet aber anscheinend darf ich das ja nicht..”
Anders formuliert:
“Hallo Sara, du alte Fotze, wir kennen uns zwar nicht mal wirklich aber du behinderte dumme Tochter einer Elefantenhure lässt mich nicht mal auf deine Wall posten? Wallah ich spucke auf dich und ficke deine Familie bis alle aus dem Arsch bluten!”
Selbstverständlich korrigierte ich das Problem sofort, um nicht bald noch Morddrohungen zu erhalten. Den Tag verbrachte ich in gewohnter Apathie auf der Arbeit, wo der Geburtstag von der Ankunft des Papstes überschattet wurde. Ist okay, ich verzeih ihm das. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich an diesem Tag wenigstens mehr Anrufe bekommen habe als er (nur meine Mutter hat nicht angerufen. “Weil ich dich nicht nerven wollte”, sagte sie am nächsten Tag. Wenn es mit den Eltern schon so weit ist, kann man sich sicher sein, etwas falsch gemacht zu haben).
Abends gab es dann Pizza. Und Bescherung. Alles andere – die Freundlichkeit und die Einladung zum gemeinsamen Zeitverbringen für mich – war nur ein Vorwand, um direkt Geschenke krallen zu können. Da ich für jeden bezahlt habe, konnte ich leider den Rest von euch nicht einladen. Das tut mir ungemein Leid. Es war sehr teuer an diesem Abend. SEHR teuer. Die haben sich ja auch nicht zurückgehalten, die Vielfräße!
Hier also, in eine nette kleine (zusammenhangslose) Fotogeschichte verpackt, meine Ausbeute. Übrigens sind weder Macbook Pro noch ein echter Mopswelpe dabei, dafür umso bessere Dinge: Trolli Saure Würmchen, eine Polaroidkamera und eine Espressomaschine. Nicht abgelichtet, aber auch dagewesen: ein Käsekuchen, ein anderer Kuchen, eine Reise mit geheimen Ziel und bester Begleitung EVER. Und ein Geschenk, vielleicht das schönste (im Sinne von SCHÖN), ist nochmal seperat (und würdevoll) abgelichtet, nämlich das Unbetitelte Portrait von Larry Clark. Danke speziell dafür nochmal Maria.
Jetzt noch mal ernsthaft: vielen, vielen Dank für die zauberhaften Momente mit euch, meine liebsten Freunde. Eigentlich sollten Geburtstag nur dafür sein, sich immer und immer wieder daran zu erinnern, was für ganz besondere Menschen man um sich herum hat. Mit wie viel Talent, Intelligenz und Gefühlen ich mich umgeben darf. Danke das ihr da wart, an mich gedacht habt, für mich immer da seid, danke für ein unglaublich tolles Jahr, danke für alles. Ihr könnt euch die unermessliche Liebe in meinem Herzen überhaupt nicht vorstellen. Wer, so wie ich, seinem Tag vor dem Schlafen gehen eigentlich immer eine “10 von 10″ gibt, der hat einfach nur die richtigen Freunde gefunden. Ich hoffe mehr als alles andere dass wir uns auch nächstes Jahr wieder begegnen.
PS: Matthias hat die Pizza an meinem Geburtstag gewonnen, allerdings gab es keine Möglichkeit, sie in sein Bumskaff liefern zu lassen, weshalb wir uns auf etwas anderes einigen mussten. Was das ist, bleibt für immer ein Geheimnis. Im Übrigen hat er den ganzen Monat super Arbeit geleistet! Matthias, du solltest professioneller Gratulant werden!
Manchmal rastet man einfach aus. Mit der Faust wird auf die harte, kalte Wand eingeschlagen, die all das symbolisiert, was einem im Weg steht. Frustriert blickt man nach diesem Anfall von blinder Wut auf seine Fingerknöchel und spürt nicht mal den Schmerz, den das verschmierte Blut vorschlägt. Betäubt.
Manchmal muss das auch einfach sein. Dann schreit man und dreht durch und beschimpft jeden und will sich undankbar fühlen, sich schwach fühlen, man heult und heult und man schämt sich nicht, wenn jemand einen entgeistert dabei beobachtet. Türen werden zugeschlagen, Porzellan zerschmettert, Gelegenheiten verworfen.
Es passiert. Es muss passieren, unweigerlich, und das ist okay, wenn man den richtigen Halt findet. Denn nachdem man alles Teller gegen die Tür geworfen, die Kabel aus der Wand gerissen und sich selbst die Haare ausgerauft hat, dann zählt nur, wer am Ende beim Aufräumen hilft und die Tränen von den Wangen wischen kann. Vielleicht wird nicht alles gut am Ende, vielleicht leben wir nicht in dieser wundervollen Welt, wo alles gut werden kann. Aber es macht es leichter, wenn man nicht alleine den Scherbenhaufen zusammenfegen muss, den man angerichtet hat.
Halt. Familie, Freunde. Jemand, der festhält. Nicht nur im Nachhinein. Nicht nur, wenn alles schon explodiert ist, nicht nur, wenn man dazu einlädt, nach der Katastrophe dem Opfer zu helfen. Es wirkt auch schon davor, wenn man davon absieht, Dummheiten zu machen. Wenn man sich den Konsequenzen bewusst ist, die man auch selbst als haltender Mensch verantworten muss. Wenn man vor dem Sprung schon festgehalten wird.
… so oder so ähnlich hätte es klingen können, aber ich hab die Worte nicht gefunden für das, was ich sagen wollte. Ich finde die Worte nie, bis ich einen Song höre, oder bis ich einen Menschen kennen lerne, der ein Wort benutzt, dass ich seit Jahren nicht mehr gehört habe. Ein Blinder in der U-Bahn. Ein zerfleddertes Buch, irgendwo auf der Straße, verlassen und dreckig. Tauender Schnee. Was weiß ich.
Manchmal fallen mir die Worte nie ein, weil es nicht immer richtig oder passend ist, ein Gefühl mit Worten auszudrücken. Manchmal ist es eine Melodie. Manchmal ist es ein Produkt, der Notwendigkeit entsprungen. Manchmal ist es ein Geruch. Manchmal ist es sogar ein Werbespot. Wo Worte versagen, sind es vielleicht die Bilder, die am besten ausdrücken können, was gemeint ist.
Es ist immer und immer wieder faszinierend zu bemerken, wie Inspiration und Kreativität funktionieren. Gerade nach Begegnungen mit Menschen, die sich in einer Welt voller Farbe und Fantasie befinden (und es auch als Lebensaufgabe ansehen, für immer in dieser Welt zu bleiben), die Kreativität zum Beruf machen und aus allen Momenten und Lebenslagen ihre Energie saugen, um Messages durch Bilder, Videos, Wörter oder schlicht und einfach kleinen Strichen auf Papier umzusetzen, sei es für die Kunst an sich oder für ein Produkt, gerade dann wird meine Ehrfurcht dem menschlichen Geist gegenüber nur noch gesteigert. Wie ist das möglich, dass dieses kleine Video mich endlich dazu bringt, einen Gedanken, der noch nie so aktuell, allerdings auch nie greifbar war, nieder zu schreiben? Was passiert mit der Inspiration, wenn man sich selbst inspirieren lässt– wird sie in Form von Energie weitergegeben, ist es ein endloses Momentum, oder nur ein kurzes Blitzlicht, ein Fingerjucken, unwichtig, belanglos, nur mal ganz kurz angewendet und dann verschwunden?
Halt. Inspiration. Für mich ist das mittlerweile auch synonym, so abwegig es scheinen mag. Aber wenn mal niemand da ist, der einen festhält, ist es vielleicht die eigene Fantasie, die eigene Naivität, und der eigene bunte Kopf, der einem den Rückhalt gibt, den man benötigt…
In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen Protagonisten eines anderen Lebens (anderer Welten, Dimensonen, Zeiten und Gesellschaftsformen) ihre Gedanken, Erlebnisse und Traumata hier. Manche sind Alter Egos ihrer selbst, einige gibt es wirklich, doch die meisten haben nie existiert. In einem Zustand des Nicht-Da-Seins finden sie ihren Frieden darin, in die Außenwelt zu schreien, was sie nicht mehr in sich tragen können. Um ihre Anonymität zu wahren, werden nur ihre Pseudonyme preisgegeben. Willkommen in der Restrealität…
Die Milchbar. Wir glaubten zumindest, dass die Kneipe mit kleinem angeschlossenem Kiosk Milchbar hiess, ein Schild gab es ja nicht. Aber wir fanden den Namen sympathisch. Von außen bekam man den Eindruck einer Bahnhofsspelunke: Die Rollläden stets nur halb geöffnet, darunter noch weiße Gardinen, die das letzte bisschen Restlicht draussen lassen. Es war duster und leicht gammlig, die Einrichtung hatte ihre besten Zeiten längst hinter sich. Nicht dass es dort jemals geschmackvoll zugegangen wäre. Das Publikum wirkte auf den ersten Blick nicht besonders einladend, es sind die Art von Leuten, die in anderen Bars schon rausgeflogen sind, hier aber trotzdem noch ihren Absacker kriegen. Es wirkte nicht wie eine Kneipe, in die man spontan einen Fuß setzen würde. Der Besitzer war Michael Smith.
Mike.
Mike war, als wir das erste Mal dort waren, Ende 50, und er wirkte nicht wirklich gesund. Ich könnte wetten, dass er auf der Straße häufig von anderen einen leicht angewiderten Blick kassiert hat, ansonsten wollte sich aber keiner näher mit ihm beschäftigen. Er hatte eine unheimlich rauchige Stimme und redete irgendein britisch-deutsches Kauderwelsch, dass nur schwer verständlich war. Wenn man jedes zweite Wort einfach ignorierte liess sich ungefähr erahnen, was er eigentlich wollte. Mit der Zeit ging es einfacher, wir mussten nur genau hinhören. Wenn er Stories aus seinem Leben erzählte. Wie er bei Woodstock war, was uns ja regelmäßig neidisch machte. Wie er die gesamte Welt bereiste und an den interessantesten Orten die verrücktesten Sachen erlebte. Oder wenn er beispielsweise Nigel zurechtwies. Nigel, stets gut gekleidet mit einer sündhaft teuren Aktentasche aus Leder, der aber auch stets schon gut abgefüllt in der Milchbar erschien und dann immer die Story erzählte, wie sein Vater in irgendeinem Revolutionskrieg 1000 Inder getötet hätte, bevor er von Mike mit einem “Jaja Halts Maul Nigel!” erst mal abgefertigt wurde. Angelika, die immer irgendwelche NDW-Songs schmetterte. Ihre Stimme war entsetzlich. Wenn ich noch einmal in meinem Leben Eisbär hören muss drehe ich durch. Mike sah das zum Glück ähnlich und zögerte dann auch nicht, den Stecker von der Jukebox zu ziehen, nur um sich dann mit Angelika anzulegen.
Genau, es gab eine Jukebox in der Milchbar. Eine richtige Jukebox, mit Vinyl, zwei Songs für 50 Pfennig. Also der Euro kam mussten wir bei Mike immer 50 Cent gegen 1 Mark tauschen, was widerum fünf Songs entsprach. dabei spielten wir immer nur einen Song, David Bowie’s Heroes, manchmal auch U2′s Where The Streets Have No Names. Mehr brauchten wir nicht, die verbliebenen Songs überließen wir den anderen - also Angelika. Einmal hatte Mike das Angebot in der Jukebox wieder geändert und David rausgeschmissen, was wir natürlich nicht einfach so stehen lassen konnten. Mike hatte keine Lust, die Single rauszusuchen und öffnete uns das Hinterzimmer. Unsere Kinnladen klappten auf den Boden. Vor uns taten sich nach Schätzungen etwa 12.000 Alben und gut 20.000 Singles auf, fein säuberlich alphabetisch sortiert, bis auf den kleinen Haufen auf dem Boden. Wir hatten noch nie eine so große Musiksammlung gesehen, geschweige denn eine nicht-digitale. Den Wert wollten wir uns gar nicht ausmalen. David haben wir dann im Haufen gefunden.
Und Heroes haben wir oft gehört. Wir waren ja oft da, es gab in dieser kleinen Stadt nicht viele Möglichkeiten, Billard spielen zu können. Mike hatte einen Billardtisch. Tatsächlich war es sogar der erste Billardtisch im gesamten Erftkreis, und er erzählte gerne, wie die Leute früher Schlange standen, um einmal spielen zu dürfen. Der Tisch hatte ebenfalls schon bessere Zeiten gesehen: Der Filz war teilweise eingerissen, die Fläche wellig und das Loch oben links transportierte die Kugel nicht mehr richtig. Alles Mankos, die wir geschickt umgangen bzw. zu unserem Vorteil genutzt haben. Mit der Umstellung auf den Euro konnten wir dann auch kostenlos spielen, da eine Umrüstung sich nicht mehr gelohnt hätte. Nicht dass wir das nicht auch vorher schon getan hätten, wenn das Geld knapp wurde: ein beherzter Schubser gegen den Tisch, schon konnten wir eine weitere Runde spielen. Mike hat es natürlich trotzdem immer gehört. Wir haben ein Mal gegen ihn gespielt. Wir dachten, wir wären einigermaßen gut. Es war die größte Blamage, die wir im Billard je eingefahren haben.
Mike war Multimillionär. Ihm gehörten fast alle Häuser in der Straße der Milchbar. Er hat in den 70ern ein paar sehr kluge Entscheidungen getroffen und in dieser Zeit sehr hart gearbeitet, um jetzt von den Einnahmen leben zu können. Das weiss so gut wie niemand. Wir wussten es auch nur, weil ein Vater eines Kumpels gleichzeitig Geschäfte mit ihm macht. Wir haben ihn einmal gefragt. Er nannte uns einen Betrag. Wir mussten schlucken. Aber der Blick in seinen Augen, die Art, wie er es sagte, so beiläufig, wir wussten, dass es ihm eigentlich nichts bedeutete. Da ist ein gemachter Mann, der von Leuten leicht angewiderte Blicke kassiert, obwohl er jeden einzelnen von ihnen auslachen könnte und es wahrscheinlich auch tut. Der an den schönsten Orten dieser Welt leben könnte und für seinen Lebtag ausgesorgt hätte, und der es stattdessen vorzieht, sich Abend für Abend hinter den Tresen seiner dusteren, leicht gammligen Bar zu stellen und seinem abgehalfteren Publikum inklusive zwei pubertierenden, billardbegeisterten Jugendlichen Bier auszuschenken. Seinen Freunden. In der Milchbar. Mike’s Milchbar.
Mike ist vor zwei Jahren gestorben. Ich habe selten einen sympathischeren Mann kennenlernen dürfen.
Ich bin enttäuscht von der Zukunft. Twitter, Latitude, Wave, Facebook- großartig, noch mehr Erinnerungen daran, dass ich überhaupt keine Freunde habe und ständig nur irgendwelche Links mit Fremden austausche. Fremde, mit denen ich meistens im echten Leben bewusst und verständlicherweise nichts zu tun hätte.
Ich habe letztens ein N95 gefunden ((ich habe es nicht zurückbringen können, ihr unsportlichen Moralaposteln, und abgesehen davon ist es jetzt bereits das sechste Mobiltelefon, dass ich so vom Boden aufklaube, irgendwann reicht es auch mit dem positiven Karma und man steckt den Scheiss halt ein. Es war höhere Gewalt!)), und habe mich tierisch gefreut dass auch ich jetzt den Schritt in die Zukunft mache und mobil im Netz bin. Bis mir auffiel, dass es mich nicht kickt, nicht bockt, und ich viel lieber meine Bettwäsche aufhängen möchte. Ich habe nichts zu erzählen aus meinem “Unterwegs-Leben”, weil ich kein Unterwegs-Leben mehr habe.
Und jetzt will man mich vielleicht auf meine Ignoranz hinweisen und sagen, dass dies die notwendigen Schritte in die Zukunft sind, und das wir so alle immer enger vernetzt werden, Brücken schlagen können zu Menschen, mit denen man ansonsten nicht in Berührung kommen würde. Man möchte mich doch bitte wachrütteln und mir zeigen, dass ich selbst der Informations- und Kommunikationssucht erlegen bin, das deutlichste Beispiel diese Plattform! Ich könne das alles ja nur nicht richtig schätzen, und man muss ja auch die positive Seite sehen. Aber am Ende läuft es trotzdem darauf hinaus, dass wir über das Leben auf einer Metaebene schwadronieren, ohne überhaupt mehr zu wissen, was das Leben eigentlich ist.
Es sollte aus mehr bestehen als Fakten, Informationen, Essays und Tweets. Mehr als nur das geschriebene Wort. Mehr als nur ein Video von etwas, was vielleicht gar nicht passiert ist. Aber das gibt es nichts, denn uns passiert nichts mehr. Wir setzen uns nur noch einen virtuellen Helm auf, der uns in eine unendliche Welt eintauchen lässt. Wir stellen uns lieber vor, wie wir Berge erklimmen, anstatt es zu tun. Das ist gut und das ist schlecht. Aber vor allem ist es deprimierend, wenn man so sehr an der Zukunft teilnehmen möchte und feststellt, dass der Fortschritt dorthin selbst es ist, der einen davon abhält.
Ich rede hier nicht von Kausalitäten und dem “gefährlichen Internet”, aber ich kann verstehen, wieso Leute an Überfettigung oder wegen eines Amoklaufes sterben: von einem Extrem ins Nächste, wenn das alles ist, was uns übrig bleibt. Und die Diskussion darüber? Es verändert sich nichts, außer die Plattformen, auf denen wir unsere inhaltslosen Nachrichten verbreiten. Die gleichen Themen und Best Of’s wie vor drei oder sechzehn Jaren. Nicht nur in anderen Wörtern, sondern auch in anderen Gewändern. Diesmal aber nicht auf einem Blog, im Fernsehen oder in der Zeitung, sondern in einem Wave. Oder in einem Tweet. Oder bei Ffffound.
Der Kontext bleibt auf der Strecke. Plötzlich sammeln wir irgendwelche Grafikschnipsel, auf denen weise Zitate stehen. Wir haben keine Zeit mehr, das ganze Buch zu lesen, weil wir vielleicht den Tagesstream verpassen könnten. In ein paar Jahren werden diese Spruchfetzen auf Häuserwände projeziert, nämlich per Laserstick aus der Hosentasche heraus. Und so drücken wir uns dann aus. Nicht mehr mit Händen und Füßen, nicht mehr mit Papier und Stift, sondern mit Lichteffekten und ohne Kontext. Wir sehen nicht, wer hinter der Kunst steht. Wir drehen nur noch Filme, die von Filmen inspiriert sind, nicht von der Realität. Ist es Sucht, ist es ein Überfluss an Synthetik, ist das das natürliche Habitat des Menschen, ist das Evolution oder Depression? Und dann stellt sich die ganz großartige Frage, so klar oder vielleicht doch nicht so klar: wer braucht noch Kommunikationsmittel, wenn es nichts mehr zu kommunizieren gibt, und niemanden, mit dem man kommunizieren will?
Ein Haufen Pixel auf einer ewig langen Timeline.
Versteht mich nicht falsch: ich finde das alles nicht schlecht. Oh, im Gegenteil. Ich bin der größte Fan von kurzlebigen Informationsfluten, die dann wieder langsam aus meinem Gehirn bröckeln. Und ja, ich bin die erste, die sich dieser Sucht, Leidenschaft, Krankheit hingibt. Aber es bleibt nicht ohne bitteren Nachgeschmack, wenn ich das Gefühl habe, nach 15 Stunden Arbeit im Internet genug gelebt zu haben.
Und es macht mir Angst zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin.