Zielsetzungen

Es ist diese Moral des Wissens, die einen so verrückt macht, die Lehre der Toleranz und dieses dringende Verstehen, das einem schon von Kleinauf beigebracht wird. Wir sollen ja einerseits so vielseitig wie möglich ein Problem oder eine Situation betrachten, aber andererseits muss man ja auch mal radikal die Faust in die Luft strecken und alles niedertreten, was einem in den Weg kommt, um sich überhaupt vorwärts zu bewegen.

Ich, die Queen der Pauschalmeinungs-Vereinigung, kriege es nicht auf die Reihe mich jenseits dieser zwei Positionen zu bewegen. Einerseits bin ich sehr wohl für radikale Leidenschaft und Revolution und Veränderung und vor allem bin ich dafür, dass man gehört wird, egal, wie dumm und dämlich und unpassend man sich ausdrücken mag. Wenn es weh tut, dann muss man dafür sorgen, dass es besser wird, und dafür ist jeder einzelne Mensch von Canada bis zum Kosovo verantwortlich. Deshalb flattern ja auch meine Fingernägel blutig aus ihrem Bett, wenn sich die Politik wieder in ihren Diskussion um Political Correctness lähmt. Das ist eine Vollbremsung auf der linken Spur, ein Stoppschild da, wo die Bahn eigentlich frei für Veränderungen in eine bessere Welt durchziehen soll. Ja, das ist Scheisse, weil wir seit gefühlten Ewigkeiten etwas gegen Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern tun, uns dann aber wieder in Rhetorik verstricken, so lange, bis wir schon vergessen haben, worum es ursprünglich ging. Oder ach, diese ewige AKW-Diskussion, dafür, dagegen, ja, nein. Bewegung gut, Konsequenzen nicht so sehr. Radikal am Anfang, langsam und wieder politisch und wirtschaftlich korrekt am Ende – querschnittsgelähmt von Formalitäten, Bein gestellt vom System.

Andererseits will ich auch Devil‘s Advocate sein, selbst, wenn ich zu einem Thema eine feste Meinung habe. Wieso ist das so? Warum denkt mein Gegenüber anders darüber? Welche Vorteile zieht die andere Seite für sich, warum stehe ich nicht auf der anderen Seite, mit welchen Prinzipien hängt das zusammen, und wenn wir wirklich über ein übergeordnetes Prinzip von Macht (Staatsgewalt, etc.) reden: wieso lässt sich dieses System nicht ändern? Wer hat das überhaupt bestimmt, dass wir jetzt so leben, wie ich es nicht will? Und wie kann ich diese Gruppe davon überzeugen, dass meine Perspektive die bessere ist? Viel interessanter noch: wie will mich diese Gruppe davon überzeugen, dass ihre Einstellung zum Thema die bessere ist?

Ich will beim Angriff bewaffnet sein, will die Schwachstellen aller Argumente kennen, möchte meinen Gegner in einer (mir wichtigen) Diskussion nicht nur rhetorisch zerfetzen sondern auch überzeugen können. Ich möchte nicht damit bloßgestellt werden, dass ich eigentlich keine Ahnung habe, deshalb will ich nicht viel über Dinge streiten, von denen ich nicht genug weiß. Ich will richtig streiten und am Ende als Gewinner herausgehen, belehren, sagen: so ist das, weil alle deine Argumente in der großen Schlacht gegen meine ihres Fundamentes enthoben wurden, und während sie auf dem Boden liegen und noch ein bisschen nach Luft zappeln und Blut aus ihren Augen und Nasen läuft und sie bedauernd und klagend und jämmerlich zu meinen hochstarren und um Gnade beten, ficken wir sie noch mal richtig hart. Anale Grande. So will ich das.

Und wenn ich das nicht kann, dann habe ich entweder meine Hausaufgaben nicht richtig gemacht zu einer Sache, die ich unterstütze/gut finde, oder ich stehe schlicht und einfach auf der falschen Seite. Das ist der Schluss, zu dem ich komme. Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen, weil hey, ich bin nicht Allwissend.

Aber das ist nun mal das Problem bei so einer Einstellung: man muss sich entscheiden. Das eine sagt „lass dich flüssig treiben in der Flut aller Themen dieser Welt und entscheide dich weise und bewusst und bedacht für das, was du gut findest und für was du deine Zeit investieren möchtest, auch wenn das bedeutet, dass du immer mal wieder dir selbst widersprechen wirst und sich eigentlich nie etwas bewegen wird, weil du nicht emotional, sondern rational agierst.“ Das andere sagt: „FICK DIE GANZE WELT MIT DEINEM SCHWERT UND SETZE VERDAMMT NOCH MAL UM WAS DU GUT FINDEST, SONST KOMMEN WIR NIE VORAN!“

Ohne daran zu zweifeln, dass es mir an spontaner Leidenschaft oder an jugendlicher Rebellion mangelt – das äußert sich an anderen Stellen dann – tendiere ich immer und immer weiter in die Richtung, Dinge zuerst einmal abzuwägen, bevor ich mit in den Partybus steige. Und ich habe damit ein Problem, weil es natürlich sinnlos ist, in Hypothetik zu leben. Man muss aktiv sein, mit Bewegung, mit Elan und viel Ausdauer und natürlich Antriebsenergie, die die ersten Hügel noch hochkatapultieren kann. Aber blinde Wut schafft einfach nicht mehr als das – und nach dem ersten Sprint versinken wir wieder in einem Sumpf von Diskussionen, werden wieder ausgebremst (vielleicht auch von Menschen wie mir), die viel zu sagen und abzuwägen haben, weil sie nichts kaputt machen wollen, was vielleicht heute ganz gut ist und morgen von unserem naiven Einsatz zerstört.

Und ich lache mich selber aus für so viel Leidenschaft für Metadiskussionen – es ist eben die Sprache und der Umgang, die mich noch am meisten daran interessieren, wie Menschen sich innerhalb eines geschlossenen Systems miteinander verhalten, wie solche Dinge wie Abkommen und Vereinbarungen schon in ganz kleinem Kreis entstehen und wie man sich dann gegenseitig auf die Fresse hauen will, weil man zwar ein gleiches Weltbild hat, aber jeweils auf ganz andere Weise dahin kommen möchte.

Vielleicht muss ich mindestens damit aufhören, Leuten im Weg zu stehen, die in absoluter Überzeugung herausbrüllen, was in ihren Herzen und Köpfen steckt – Jugendliche sind da immer besonders eloquent. Vielleicht macht es ja gar nichts, dass ihre Ideen und ihre Ideologien nicht umsetzbar sind, vielleicht brauchen wir nur impulsive Schübe, die uns daran erinnern, dass wir alle mal jung und verträumt waren um auch im Alter noch jung und verträumt sein zu dürfen.

May 5th, 2011 Posted in Crystal Meth, Gangster | 2 Comments »

Kommentare ohne Grenzen

Seitdem ich in Berlin lebe, ist das Bloggen zu mehr als nur einer “fiktiven” Internetgeschichte außerhalb der realen Welt geworden; es ist ein Kommunikationsmittel, welches mir ermöglicht hat, viele meiner jetzt besten Freunde kennen zu lernen und ein fantastisches Werkzeug um Kontakte zu finden, die einen im Leben weiterbringen. Selbstverständlich liegt das an der Größe von Berlin, hier findet man eben viel mehr Blogger (und auch Leser), als in einem kleinen hessischen Städtchen.

Ich lese auch viele Blogs, aber manchmal lerne ich eben auch Leute kennen, die wissen, wer ich bin, selbst aber gar nicht “öffentlich” im Internet erscheinen. Das irritiert mich. Ich lese nicht jeden Tweet, und manchmal fragen mich Follower, ob ich da und dort sein werde, weil sie auch hin gehen, und ob man nicht einen Kaffee trinken gehen möchte. Huch, ja, gerne… aber ich habe keine Ahnung, wer du bist. Die Zeiten haben sich geändert und nicht jeder ist ein Psychopath, klar, aber ich bleibe trotzdem immer sehr skeptisch: was willst du von mir? Ich weiß doch nicht mal.. hast du denn einen Blog, damit ich mal nachlesen kann, und so?

Meine regelmäßigen E-Mail Kontakte und Kommentatoren kann ich irgendwie schon zuordnen, aber es bleibt immer dabei: ihr kennt mich, aber ich habe keine Ahnung, wer ihr seid. Daher möchte ich euch auffordern, mir zu helfen. Ich will wissen, wer mich kennt. Ich will wissen, wer ihr seid. Ich will Geschichten lesen. Ich will wissen, wie alt ihr seid, wo ihr lebt, wie ihr heisst, was ihr gerne macht, wer eure Lieblingsmusiker sind, wohin ihr geht, was eure Pläne sind, warum ihr das überhaupt lest, was euch inspiriert, was auch stresst, egal was. Ob ihr einen Blog habt oder nicht, ich bin an jedem interessiert, der sich die zwei Minuten in der Woche nimmt, um irgendwie an meinem Leben teilzuhaben. Ich weiß, wie viele Leser ich habe — und das sind durchaus mehr als drei – aber ich verstehe auch, dass das eine ätzende Aufgabe ist, sich selbst preiszugeben. Aber vielleicht habt ihr doch ein bisschen Lust darauf. Ihr könnt in den Kommentaren schreiben oder auch eine E-Mail schicken. Egal was. Ich will es wirklich wissen.

Aber ich will es nicht dabei belassen. Ihr sollt einen (guten) Grund haben, das zu tun. Ich möchte für jeden Kommentar (oder E-Mail) einen Euro an Reporter ohne Grenzen spenden (ich werde zwar sowieso spenden, aber ihr könnt den Wert sozusagen erheblich verbessern). ((Weil ich nicht unendlich reich bin, werde ich es folgendermaßen machen: bleiben die Kommentare unter 100 Stück, werde ich den Gesamtbetrag spenden. Wenn es nicht mindestens 20 Kommentare gibt, spende ich trotzdem 20. Wenn es mehr werden als 100, werde ich jeden Monat für die nächsten drei Jahre 20 Euro spenden. Und die Quittung kriegt ihr selbstverständlich auch.))

Erzählt mir eure Geschichte und tut was Gutes damit. Ich freue mich darauf. Ihr habt eine Woche Zeit.

March 7th, 2011 Posted in Gangster | 65 Comments »