Moustachemania

Zugegeben, ich mache mich ja auch gerne über die Über-Stylos unserer gentrifizierten Straßenblöcke lustig. Die mit den missverstandenen Schnurrbärten und vor allem diejenigen, die (leider) zu fett sind für den hinterhergezerrten Trend des Tages (Skinnyjeans, enge Hemden, die um die Wampe spannen, ihr kennt den Faux-Pas). Dann steht man, selbst als gekennzeichneter Trendmensch und ohne jeglichen Zweifel daran, dass man sich wenigstens äußerlich mindestens Mühe gegeben hat, gerne mit dem Neonpfeil auf dem Bürgersteig und zeigt ihn gnadenlos auf alles und jeden, der besser eine Rechtfertigung für sein Auftreten hat. Oder besonders gut aussieht.
Das ist ja mit gewissen, auch abstrakteren Sachen so, wie etwa Vegetarier (oder Veganer) sein oder besonders ökologische Themen auf die Agenda schreiben. Oder eben auch die neuentdeckte urbane Leidenschaft für Rennräder. An jeder Stelle dieser Stadt machen ja derzeit die spezialisierten Vintage-Bike Läden dicken Umsatz. Ich selbst fahre ein Single Speed Bike welches wunderschön aussieht, schnell ist, elegant zu fahren ist und einfach Spaß macht. Leider gibt es unter den neuen Fanatikern auch ein paar Idioten (das erinnert mich stark an eine gewisse Skateboardphase mit 15), die nicht verstanden haben, dass man Fixed Gear Bikes nicht unbedingt ohne Bremse fahren muss, wenn das mit dem Skidden nicht hinkriegt. Und so steht man wieder bedingungslos da und lacht den Pfosten an der roten Ampel aus, der beinahe eine Massenkarambolage hinlegt. Hauptsache gut aussehen.
Bei der ganzen Trendkritik und dem Schafverhalten, was wir (als Teil dieser Bewegungen, selbstverständlich) gerne aufzeigen möchten und höhnisch verspotten (weil wir meinen es ja viel ernster / wir haben es zuerst gemacht / wir sehen wenigstens gut darin aus / wir können wenigstens richtig Fahrrad fahren), muss ich mich auf eine bequeme Metaebene bewegen um das bunte Treiben richtig beurteilen zu können. Es gibt Trends und Hypes, die sind nicht besonders langlebig, haben keinen ursprünglichen Zweck und können durchaus vernachlässigt werden. Aber bei vielen anderen Dingen sehe ich ein großes Potenzial, wie etwa beim Fahrradfahren. Der Umwelt möchte es doch eigentlich egal sein, warum die Menschen lieber wieder in die Pedalen treten. Sie interessiert sich nicht dafür, wie viel Geld in Laufräder oder schöne Rahmen gesteckt wurde: hauptsächlich möchte Mutter Natur doch nur, dass wir uns weniger den Autos bedienen, fitter werden und uns in der Stadt auf möglichst großartige Weise bewegen. Wenn es nun so ist, dass ein Trend uns zum Sport und zur Nachhaltigkeit bewegt (auch wenn wir möglicherweise dabei manchmal etwas dumm sind), dann ist das im Großen und Ganzen doch eine gute Sache.
Ich finde es traurig, dass man mit “Erwachsen sein” auch “ernst sein” gleichsetzen muss. Ich finde es schön, wenn wir das Leben als eine Spielwiese betrachten, die Spaß machen soll und für die wir uns immer wieder neue (oder eben alte, recycelte) Dinge ausdenken. Sprich: bunte, schöne Fahrräder, in die wir viel Liebe und Leidenschaft investieren. Oder interessante, neumodische, Restaurants, die sich für bewussten Genuss einsetzen. Die überreizte Grenze zwischen Trend und Prätentiösität ist in vielen Bereichen doch eigentlich ganz nebensächlich. Wo liegt der Unterschied zwischen “es mit Überzeugung machen” und “es aus Spaß machen / es machen, weil die Freunde es machen / cool sein”, wenn es als Mittel zum Zweck, ganz grob gesagt, okay ist?
Ich freue mich auch über jeden Menschen, der einen PoetrySlam oder eine Lesung besucht, auch wenn ich es selber nicht so sehr mag. Dieser bittere Nachgeschmack von elitären Philosophiestudenten oder Literaturkünstlern, die seltsame Awkwardness bei intimen, stillen Momenten, wenn jeder für sich selbst nachdenkt und der Raum mit der Stimme eines Erzählers gefüllt wird – vielleicht bin ich persönlich nicht stark genug für so viel zwischenmenschlichen, ehrlichen Trubel (an dieser Stelle sei erwähnt, dass ich selbst nächsten Montag vorlese und ich euch auf sehr, sehr viel (also mehr als sonst) Awkwardness einstellen könnt). Aber junge Leute, die unter sozialen Zusammenkünften heutzutage (dank “Trendbewegung”, was auch immer das an dieser Stelle eigentlich bedeuten soll) mehr verstehen als nur absaufen und druff sein (jedenfalls manchmal), hey, das finde ich okay. Auch, wenn’s nur da ist, um cool zu sein. Wer weiß, was man dabei noch aufschnappt.
Natürlich: kritisches Denken ist immer verlangt. Man will ja auch nicht Opfer des Gegenteils sein und mit Trends gegebenenfalls Schaden zufügen. Nichtsdestotrotz möchte ich weniger auslachen, lieber mitlachen, einfach auch mal sagen “sei ein Hipster, wenn du und ich beide davon profitieren”, und denk nicht so viel darüber nach, ob du jetzt doof bist, weil du machst was alle machen. Vielleicht ist das ja genau das, was die Welt manchmal braucht. Mehr Fahrräder, mehr Vegetarier, mehr Lesungen.

