CLIMAX

Manchmal wünschte ich mir, mehr Leute würden ihre zeitweilige Armseligkeit an die große Glocke hängen. Nicht, weil ich vor Mitgefühl strotze, sondern weil ich ungerne alleine in meinem Elend suhlen möchte. Eine Party: für diejenigen, die an der Supermarktkasse stehen und weinen. Für die, die sinnlos auf fremde Leute einprügeln. Für alle Menschen die sich besaufen, bis sie nicht mehr stehen können und nachts in den kalten Armen von Ersatzmenschen liegen und versuchen ihre Gefühle abzuschalten. Und was sonst soll einen auch darauf vorbereiten?

Ich fühle mich wie Hermine Granger. Super-Streberin, relevant gebildet, kleine Klugscheisserin, rational unbestechlich. Und dann, in der Praxis, steht sie vor dem Besen und weiß nicht wie sie losfliegen soll. Nichts, kein Film, kein Song, keine Literatur hat je im Ansatz die Ausmaße dieser Katastrophe-Auf-Repeat erfasst. Zweifelsfrei ist es meine eigene, kleine Katastrophe, die null gesellschaftliche Relevanz mit sich bringt. Aber vielleicht gibt es irgendwo da draußen einen anderen, elendigen, armen Menschen, der sich selbst bemitleidet und das hier liest und sich denkt: ja, so fühle ich mich auch. Willkommen in meinem Club. Ich werde mir deine Story nicht anhören, weil ich zu beschäftigt bin damit, keinen Ausweg mehr für mein trauriges Leben zu sehen. Aber sei trotzdem gegrüßt.

Wisst ihr, warum wir alle Hanky Moody Fans sind? Obwohl er so ein ätzender, mieser, armseliger Typ ist? Wisst ihr das? Weil er liebt. Und weil er leidet (freilich leidet er wahrscheinlich nicht so wie ich – weinend an der Supermarktkasse, weinend an der Tankstelle, weinend im Bett, weinend am Esstisch, weinend beim Musik hören, weinen beim Tee kochen, weinend beim Arzt, weinend im Club – aber er leidet). Wir verzeihen einer fiktiven Figur diese ganzen unrealistischen Makel dafür, dass er ja eigentlich im Kern ein guter Junge ist. Aber in Wahrheit gibt es keine Sympathiepunkte für leidende (oder liebende) Menschen. Selbstmitleid, Negativität, Zynismus, das gehört doch alles nicht ins perfekte Bild der Selbstdisziplin und der erwachsenen Bewältigung. Im besten Falle betrinkt man sich drei Monate und setzt in der Zeit sein Herz aus den zerbrochenen Teilen wieder zusammen. Ein Jahr später verliebt man sich wieder und ist dann wahrscheinlich so voller Angst vor dem Ende der letzten gescheiterten Beziehung, dass man auch das frische, neue Etwas kaputt gehen lässt.

Aber: wen interessiert nächstes Jahr, wenn man sich heute schon brühend heißes Wasser über die Schenkel bis zum Arsch laufen lässt und zusätzlich zu einem gebrochenen Herzen, einer Nasennebenhöhlenentzündung, Minus auf dem Konto und abgemetzelten Verwandten in der Heimat jetzt auch noch riesige, sichtbare Narben von einem der sinnlosesten Unfälle aller Zeiten ertragen muss. Wenigstens habe ich jetzt einen Grund zum Weinen, den andere auch ohne Verachtung in der Stimme aktzeptieren können. Falls mich jemand also beim nächsten Mal nach meiner schlechten Laune fragt: ich hatte einen Unfall, hier, an meinen Beinen könnt ihr sehen, was passiert ist, und die Tränen in meinen Augen bescheinigen euch, dass es weh tut.

February 14th, 2012 Posted in (Pop)Kultur, Crystal Meth, Gangster | 6 Comments »